Part 35


::part 35::

Freundschaften + Liebe = Chaos

Meine Augen folgten dem Sekundenzeiger der Kaufhausuhr. Seit genau sechsunddrei�ig Minuten und siebzehn Sekunden befanden Andr� und ich uns nun schon in der Herrenabteilung von Marks & Spencer und suchten nach neuen Klamotten f�r ihn. Zuvor waren wir in anderen Gesch�ften gewesen, doch Andr� zeigte sich bei der Wahl der Kleidung anspruchsvoller als Orlando und so hatten wir mehr als die H�lfte der Oxford Street bereits abgelatscht und er drohte schon damit, sein Gl�ck in der King�s Road zu versuchen. Es war Dienstagmittag und morgen w�rde er wieder zur�ck nach Deutschland fliegen, da er Nachricht von seiner Familie erhalten hatte, in welcher es hie�, dass es seiner Mutter nicht allzu gut gehen w�rde. So musste er von seinem Krankenbesuch bei mir zum n�chsten stolpern.
�Entweder sind sie zu lang oder zu kurz. Dann passt die L�nge, aber sie sitzt nicht richtig�, schimpfte Andr� und trat aus der Kabine. �Und diese hier betont meinen Hintern nicht wirklich.�
Ich hob meinen Kopf, welcher seit geraumer Zeit auf meinem Arm gelegen hatte, damit ich in bequemer Position die Uhr anstarren konnte, und sah ihn an.
�Du wirst doch wohl irgendwelche Hosen finden.�
�Sieht nicht danach aus... Allm�hlich habe ich keine Lust mehr. Wie lange sind wir schon unterwegs?�
�Drei Stunden?�
�Echt?�
�K�nnte hinkommen.�
�Okay, das ist wirklich zu viel. Und Hunger habe ich auch.�
Ich nickte zur Zustimmung.
�Also, Mittagessen?�
�Klingt hervorragend�, sagte ich, doch in meiner Stimme fehlte jeglicher Enthusiasmus.
Andr� bemerkte dies, fragte aber nicht weiter nach. Vermutlich schob er mein Verhalten auf meine Nerven, welche in den vergangenen Stunden seinen Shopping-Wahn ertragen mussten. Dass es allerdings einen ganz anderen Grund hatte, weshalb ich nicht richtig bei der Sache war, das ahnte er nicht.
Ich hatte bisher noch keinen g�nstigen Zeitpunkt gefunden, ihn von meiner gestrigen Aktion zu erz�hlen. Ihm zu sagen, dass ich hingegen seines Rates und seines Bittens Orlando angerufen und nicht einmal ein Wort �ber die Lippen gebracht hatte. Er hatte gesagt, dass ich ihm fehlen w�rde und ich hatte aufgelegt. Seine R�ckrufe hatte ich nicht entgegen genommen. Orlando hatte es noch mehrmals versucht. Zumindest glaubte ich, dass er es gewesen war. Das Klingeln hatte schlie�lich soweit gef�hrt, dass ich das Telefon ausst�pselte, um einem Gespr�ch mit ihm zu entgehen. David und Simon hatten dies zum Gl�ck nicht bemerkt und in einem unbeachteten Moment steckte ich das Kabel wieder in die Telefonbuchse. Zwar h�tte ich ihnen sagen k�nnen, was passiert war und Simon h�tte Orlando wohl hocherfreut abgewimmelt, aber was h�tte ich mir zuvor anh�ren m�ssen? Ich k�mpfte gerade wieder um ihr Vertrauen und da w�re es sicher eine schlechte Idee, ihnen zu erz�hlen, dass ich den Mann angerufen habe, wegen welchem mein Leben fast aus den Fugen geraten war.

Wir verlie�en das Gesch�ft und suchten ein kleines Restaurant in einer Seitenstra�e auf. Ein Kellner kam, nahm unsere Bestellung entgegen und ging mit hochn�sigen Gesichtsausdruck weiter.
�Daf�r, dass er Kellner ist, nimmt er sich aber ziemlich viel raus�, raunte ich Andr� zu.
�Der ist doch kein Kellner�, antwortete Andr�. �Es gibt nur wenige wirkliche Kellner in London.�
�Tats�chlich?�
�Logo. Normalerweise ist die Antwort, wenn man sie auf ihren Job anspricht�, er grinste und verstellte seine Stimme, �ich bin eigentlich Schauspieler. So ist das hier. Alle Kellner sind arbeitslose Schauspieler.�
Ich sah ihn an und erinnerte ihn mit meinem Blick an meinen Job.
�Du bist nat�rlich eine Ausnahme.�
W�hrend wir weiter l�sterten, kehrte der Kellner zur�ck und stellte unsere Bestellung auf den Tisch. Andr� �ffte ihn nach, als er sich ab und den n�chsten G�sten zuwandte.
�Was ist eigentlich mit dir?�, fragte er mich dann zwischen kauen und schlucken.
Ich antwortete nicht sofort, sondern dachte daran, wie ich es ihm beichten k�nnte. Schlie�lich entschloss ich mich dazu, es einfach zu sagen.
�Gestern tat ich was ganz Bl�des. Ich hab das Telefon genommen... Ich hatte keine Ahnung, was ich tat. Und dann h�rte ich seine Stimme und habe aufgelegt.�
�Aha.� Auf seinem Gesicht zeichnete sich Entt�uschung ab. Demnach hatte er verstanden, um wen es ging.
�Er hat versucht zur�ckzurufen, aber ich bin nicht rangegangen.�
�Applaus. Ich frage mich trotzdem, weshalb du...�
�Ich sagte doch bereits, dass ich nicht wei�, wie es dazu kam.�
�Ich habe dich doch gebeten, es nicht zu tun.�
�Ich wei�, aber es ist eben passiert.�
�Verdammt. Du rennst auch von einer Katastrophe in die n�chste�, schnaubte er.
�Wieso Katastrophe? Ich kapiere nicht, weshalb du dich dar�ber so aufregst. Es ist nichts passiert.�
�Denkst du.�
�Andr�, ich habe nicht mit ihm gesprochen. Im Prinzip wei� er gar nicht, dass ich es war. Er vermutete es lediglich.�
�Darf ich dich daran erinnern, dass mein ehemaliges Telefon �ber Rufnummererkennung- und Anzeige verf�gt?� Triumphierend blickte er mich an.
�Schei�e...�
�Er hat also gewusst, dass es sich bei dem Anrufer um dich handelte.�
�Und wenn schon... Es hat nichts zu bedeuten. Ich meine, er wird sich nichts dabei gedacht haben. H�chstens ge�rgert haben wird er sich, da er wohl bef�rchtet, dass ich ihn wieder mit Anrufen terrorisiere.�
�Du hast dich bei ihm gemeldet.� Er sah mich ernst an. �Auch wenn du nicht mit ihm gesprochen hast, wei� er jetzt, dass du wei�t, dass er wieder hier in London ist.�
�Und?�
�Yvonne, das war praktisch eine Einladung, ein Aufruf...�
�Zu was?�
�Muss ich das weiter erl�utern? Du hast ihm signalisiert, dass du noch willig an ihm interessiert bist.�
�Das habe ich nicht! Ich sagte gar nichts!�, wehrte ich seine Aussage ab.
�Manchmal bedarf es keiner Worte mehr.�
�Er wird sich nicht nochmals melden. Wieso sollte er?�
�Weil du ihn dazu veranlasst.�
�Er hat doch dieses Weib in Australien. Er braucht mich doch nicht mehr.�
�Es ist praktisch, in jeder Stadt ein M�del zu haben�, scherzte er, wurde jedoch sofort wieder ernsthaft. �Ich wei� nichts, �ber irgendwelche Frauengeschichten in Australien, aber ich wei�, dass das mit euch noch nicht zuende ist.�
�Ist es aber.�
�Ja? Und wieso auf einmal?�
�Weil ich es will�, sagte ich. �Und er auch.�
�Wieso hat er dann zur�ckgerufen?�
�Weil er mir wohl mitteilen wollte, dass ich ihn gef�lligst nicht mehr anrufen soll.�
Andr� schwieg einen Moment. �Du sagtest, du h�ttest geschwiegen?�
�Korrekt.�
�Und er hat gesprochen. Was sagte er denn.�
Ich verschluckte mich nahezu an meinem Salat. �Er meinte, dass er w�sste, dass ich es bin.�
�Nur das?�
Ich nickte.
Andr� beobachtete mich. �Miserabel, Yvonne. Du bist wirklich keine arbeitslose Schauspielerin. Was hat er noch gesagt?�
Ich legte die Gabel auf den Tisch und wich seinem Blick aus. �Dass ich ihm fehle.�
�Klang es echt?�
�Ich wei� es nicht...�
�Fehlt er dir?�
�Das wei�t du doch�, sagte ich vorwurfsvoll.
�Und was wirst du tun, wenn er sich nochmals meldet?�
�Das wird er nicht.�
�Und wenn doch? Wenn er sich mit dir treffen m�chte, um mit dir zu �reden�?� Das letzte Wort betonte er sp�ttisch. �Wirst du dann zu ihm gehen?�
�Wieso fragst du mich derartiges?�
�Weil du es dich selber fragst, dir aber nicht antworten m�chtest und ausweichst.�
�Und du denkst, dass ich dir antworte?�, fauchte ich �ber den Tisch.
�Du brauchst nicht fuchtig zu werden.�
�Werde ich nicht.�
�Du willst ihn also sehen?�
Die Aggressivit�t wich aus meiner Stimme. �Mehr als alles andere.�
Andr� seufzte.
Er verstand nicht, was ich f�hlte. Konnte nicht nachvollziehen, was Orlandos Anruf f�r mich bedeutete. Was seine Worte in mir erweckt hatten. Wir bekamen wohlm�glich unsere zweite Chance. Vielleicht k�nnten wir wieder zusammensein. Ich richtete meine Augen auf Andr�s, in welchen ein Bitten und Flehen lag. Er hatte Recht. Es war zu fr�h. Ich konnte die Vergangenheit mit Orlando noch nicht klar sehen. Es war zwar viel Zeit vergangen, doch ich hatte noch nicht Frieden mit mir geschlossen.
�Wenn er sich meldet�, sagte ich leise, �werde ich ihm die Wahrheit sagen. Werde ihm sagen, dass ich noch nicht bereit bin, mit ihm zu sprechen.�
�Tu es, und sag es nicht nur. Versprochen?�
�Versprochen.�
�Vielleicht solltest du es wirklich langsam mit jemand anderem versuchen. Neue Beziehungen helfen, alte zu vergessen.�
�Ich liebe ihn, ich will keinen anderen�, sagte ich energisch. �Aber ihn will ich auch nicht.�
Andr� sah mich an. �Wie soll ich das jetzt verstehen?�
�Ich wei� einfach gar nichts mehr.�
�Wir sind nicht dazu verpflichtet, auf alles eine Antwort zu wissen.�
�Allm�hlich glaube ich sowieso, dass die Liebe viel zu hoch gewertet wird. Sie ist doch nur Lug und Trug.�
�Wie kommst du nur immer auf so etwas?�, lachte er.
�Liebe schafft es, dass wir Menschen so sehen, wie sie gar nicht sind... Sie l�sst uns v�llig unlogische Dinge glauben und tun, welchen wir sonst mit Misstrauen begegnen w�rden... Sie macht einfach nur dumm und bl�d!�
�Ach Yvonne...� Er lachte noch immer.
�Es stimmt. Wir werden zu einer ganz anderen Person, um jemanden zu gefallen. Und dieser jemand wird in unseren Augen zu jemand anderen. Man sieht sich nicht wirklich... Nur eine Halluzination, eine Fatahmorgana, die irgendwann verschwindet und nichts als Schmerz zur�ckl�sst.�
�Und doch fallen wir immer wieder auf sie hinein, weil wir gerne an das glauben, was wir uns w�nschen�, seufzte er nun.
�Kann ich dich was fragen?�
�Fragen zu stellen lohnt sich immer, wenn es auch nicht immer lohnt, sie zu beantworten.�
�Was denkst du, wie oft ein Mensch lieben kann?�
�Wahrscheinlich zweimal�, antwortete er nachdenklich. �Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung.�
�Meinst du nun diese wahre Liebe? Liebe auf den ersten Blick? Man sieht jemanden und sp�rt sofort, dass...�
�Liebe auf den ersten Blick ist ungef�hr so zuverl�ssig wie Diagnose auf den ersten H�ndedruck�, unterbrach er mich. �Ich meine eher, dass man wirklich nur einem Menschen gegen�ber sein Herz �ffnen kann. Hat man dies getan, kann man es nicht einfach wieder schlie�en und auf den n�chsten warten. Man kann zwar wieder lieben, aber es wird anders sein. Jede Liebe ist anders, weil kein Mensch gleich ist.�
�Ich wei�...�
Wir verstummten einen Augenblick.
�Pass auf�, begann er dann wieder, �ich werde ihn heute Abend ein wenig aushorchen.�
�Du gehst zu ihm?�
Er nickte. �Ja, er hat mich eingeladen. Letzte Woche sind wir uns schlie�lich nur zwischen T�r und Angel begegnet und er meinte, er m�chte mal wieder Zeit mit mir verbringen.� Er wickelte mit beachtlicher Ruhe die Spaghetti auf seine Gabel. �Allerdings bef�rchte ich, dass er - so wie du � eher daran interessiert ist, mich �ber dich auszuhorchen.�
�Oh...�
�Ich werde ihm aber dasselbe sagen wie dir.� Er suchte meinen Blick und sah mir fest in die Augen. �Auf sein Handeln habe ich dennoch keinen Einfluss, doch ich hoffe, dass du vern�nftig sein wirst.�
Ich sah einen Augenblick in Gedanken auf seine Nudeln. �Mein ganzes Leben wirkt so unwirklich auf mich�, sagte ich kaum h�rbar. �Zuerst komme ich hierher, treffe die besten Freunde und dann ihn. So etwas passiert doch nicht einfach, Andr�. Ich habe seit diesem Gottesdienst viel �ber Gott und seine Pl�ne f�r mich nachgedacht. Vielleicht war es kein Zufall, dass ich Orlandos begegnete. Vielleicht hat er es f�r mich Sinn, dass ich...�
�Es geschieht nichts aus Zufall. Alles ist irgendwie vorbestimmt. Ich denke, Zufall ist Gottes Pseudonym, wenn er nicht selber unterschreiben will.�
�Also glaubst du auch, das alles, was mir bisher wiederfuhr, gezielt passierte? Aber man trifft nicht einfach jemanden, der eigentlich als unerreichbar gilt.�
Es war Andr�, der nun seinen Blick von mir nahm und auf seinen Teller richtete. �Es ist nicht alles erstrebenswert, was unerreichbar ist.�

Nach unserem Imbiss fuhren wir nach Kensington. Da Andr� am Abend Orlando besuchen und er vor Abflug keine Zeit mehr haben w�rde, Amber zu besuchen, wollte er sich schon einmal von ihr verabschieden. Au�er ihr war lediglich Ben im Laden. Mir war es peinlich, ihn auf diese Art wiederzusehen. Genaugenommen trafen wir das erste Mal seit des Zwischenfalls auf dem Dach aufeinander. Als er bei mir im Krankenhaus gewesen war, hatte ich schlie�lich geschlafen. Ich beteiligte mich an unserer Unterhaltung stockend. Ben hingegen lie� sich keine Befangenheit oder Peinlichkeit anmerken, sondern sprach zu mir wie in jener Zeit, als ich glaubte, dass ich mit ihm zusammensein k�nnte. Andr� beobachtete dies aus den Augenwinkeln und fl�sterte hin und wieder mit Amber. Mit Ben unterhielt er sich freundlich und teilnehmend. Letztendlich machten wir uns wieder auf den Weg.
�Ben scheint in Ordnung zu sein.�
�Ist er auch�, antwortete ich.
�Doch du bist nicht an ihm interessiert?�
Ich zuckte mit den Achseln. �Ich wei� es nicht. Ich m�chte nur nicht, dass er Opfer der Launen meiner Gef�hle wird.�
Andr� sah mich kurz an.
�Wenn er nett zu mir ist, steigt dieses Verliebtheits-Gef�hl in mir auf�, erkl�rte ich. �Aber diesem traue ich nicht.� Ich erz�hlte ihm von dem Vorfall bei Aarons Geburtstagsfeier. �Ich m�chte ihn nicht noch einmal so vor den Kopf sto�en.�
�Das ist fair von dir.�
Stumm liefen wir nebeneinander her.
�Aber du hast ihm eben trotzdem zugesagt, als er dich fragte, ob ihr euch noch einmal alleine treffen k�nntet?�, sagte er dann.
Ich seufzte, hatte wieder vor Augen, wie Ben mich vor einigen Minuten zur�ckgehalten und um ein Treffen gebeten hatte. �Ich bin es ihm schuldig. Was ich mit ihm gemacht habe, war alles andere als nett. Er ist nur ein Freund�, begr�ndete ich.
Andr� blieb stehen und musterte mich kritisch. �Ein Freund ist einer, vor dem man laut denken darf, der alles von dir wei� und dich trotzdem gernhat. Trifft das auf Ben zu?�
�Dann ist er eben ein Bekannter.�
Er l�chelte mich siegreich an.
�Du brauchst nicht hoffen!�, fuhr ich ihn an. �Es wird nichts passieren.�
�Schade�, sagte er entt�uscht klingend. �Ich hatte mich schon gefreut, Orlando zu sagen, dass du einen neuen Freund hast.�
�Bist du wahnsinnig?�
�Wieso? Auf seine Reaktion w�re ich gespannt. Vielleicht tobt er vor Eifersucht.�
�Das bezweifle ich...� Ich brach ab und drehte mich zu Andr� um, der wieder zu mir aufschloss. �Wei�t du, ob er jemanden hat?�
Er sch�ttelte den Kopf. �Ich bin mir sicher, dass es niemanden gibt.�
�Gut...�, sagte ich und gr�belte nach. �Dann sag ihm nur, dass ich gefragt bin. Nein, besser sag ihm, dass es mehrere junge M�nner gibt, die mich treffen wollen. Vielleicht erf�llt sich mein Wunsch und er merkt endlich, dass er mich liebt.�
�Mit jedem Wunsch, der in Erf�llung geht, hast du einen Traum weniger.�
�Ich wei�, aber ich hatte bereits einen Traum mit ihm. Einen endlos langen. Nun m�chte ich die Wirklichkeit.�

Mit erfreulichen Gedanken lief ich am Abend nach Hause. Nicht nur Andr� war neugierig auf Orlandos Reaktion, sondern ich ebenfalls. Und gelogen war die Sache nicht einmal. Ben existierte schlie�lich und gek�sst hatten wir uns bereits. Und Tom Moore? Gut, ihn habe ich nicht gek�sst, aber es w�rde wohl ein Pfiff von mir gen�gen und ich h�tte ihn in meinem Bett. Wie w�rde Orlando wohl darauf reagieren? Er kannte Tom schlie�lich und wusste, was f�r ein erfolgreicher Mann er war.
Es war ruhig, als ich die Wohnung betrat. Zwar waren meine beiden Mitbewohner anwesend, doch war nichts von ihnen zu h�ren. Nicht einmal der Fernseher oder Musik lief. Ich lie� meine Tasche vor meiner Zimmert�r zu Boden gleiten und lief zum Salon hin�ber. Simon sa� auf der Couch, blickte in Gedanken vor sich hin und schien mich nicht zu bemerken. Ich trat in den T�rrahmen und r�usperte mich leise. Er sah mich an, l�chelte schwach und nahm seinen Blick erneut von mir. David stand am Klavier gelehnt und telefonierte. Im Gegensatz zu Simon sah er mich nicht an, sondern blickte zu Boden. Er sprach ruhig und seine Stimme klang unnat�rlich d�nn. Fragend sah ich wieder zu Simon. Er sagte leise etwas zu seinem Bruder, stand auf und f�hrte mich aus dem Raum.
�Mein Gro�vater ist am Telefon. Unsere Gro�mutter ist gestorben�, erkl�rte er mir, w�hrend er die T�r hinter sich zuzog.
Ich antwortete nicht und folgte ihm in die K�che. Dort sah ich zu, wie er sich einen Tee machte. Sein Angebot mir auch einen zuzubereiten, verneinte ich dankend. Stumm setzte er sich schlie�lich an den Tisch.
�War sie krank?�, fragte ich nach einer Weile des Schweigens. �An Kates Hochzeit wirkte sie noch so fidel...�
�Der alte Drachen ist auch noch fidel.� Simon seufzte, trank einen Schluck und lehnte sich in den Stuhl zur�ck. �Es handelt sich um die Mutter meiner Mutter.�
�Die aus Irland?�
Er schwieg einen Moment und trank erneut von seinem Tee. �Eigentliche kannte ich sie nicht wirklich. Ich war nicht gerade oft in Irland. Aber wenn ich dort war, war sie so herzlich. Auch fielen die Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke immer sehr gro�z�gig aus.�
Ich setzte mich ihm gegen�ber und sah ihn an. �Aber ihr Tod ber�hrt dich trotzdem?�
�Es ber�hrt mich, dass ich mir nie die M�he machte, sie kennen zu lernen. Da sie nicht hier wohnen, interessierten sie mich nie sonderlich. Ich wei� echt nichts �ber die beiden.�
�Es tut mir leid, Simon.�
�Mir auch.�
Erneut schwiegen wir. Als Schritte �ber den Teppich hallten, sahen wir auf. David kam in die K�che und legte das Telefon auf den Tisch. Er st�tzte sich mit den H�nden an der Lehne des Stuhls vor ihm ab und starrte auf dessen Sitzfl�che.
�Ich fliege Morgenfr�h nach Galway�, sagte er und seine Stimme klang noch immer d�nn.
Simon sah ihn an. �Wie geht es Gro�vater?�
�Er tr�gt es mit Fassung. Wir sollen uns keine Sorgen machen. Anscheinend ist sie schnell und friedlich entschlafen. Onkel Patrick und Tante Siobh�n sind bereits bei ihm und Chiar�n ist auch unterwegs.�
�Liam?�, fragte Simon.
David sch�ttelte den Kopf. �Der ist noch in Sligo und wird es vor Morgenmittag nicht schaffen.�
�Dann ist Gro�vater die Nacht wenigstens nicht allein.�
�Das w�re er auch so nicht. Das halbe Dorf ist bei ihm.�
�Geht Mom mit dir?�
�Nat�rlich kommt sie mit. Es war schlie�lich ihre Mutter.� David stie� sich vom Stuhl ab und ging zur T�r. �Ich packe dann mal. Wir haben den ersten Flug f�r morgen gebucht.�
Ich blieb noch f�r einen Moment bei Simon zur�ck, doch als gespr�chig erwies er sich nicht. Zumindest nicht bei mir. Er schnappte sich das Telefon und verlie� mit diesem die K�che. Ich ging ebenfalls hinaus, suchte allerdings nicht mein, sondern Davids Zimmer auf. Nach kurzem Anklopfen betrat ich dieses. Eine irische CD spielte leise aus der Anlage, welche ich mir seit Kates Hochzeit auch hin und wieder angeh�rt hatte. David besch�ftigte sich gerade mit seiner Reisetasche und seinem Kleiderschrank, sah mich diesmal aber an und qu�lte sich zu einem L�cheln.
�Wie lange wirst du bleiben?�
�Ich wei� es nicht. Eine Woche, vielleicht auch zwei.� Er widmete sich wieder seinem Schrank.
�David, ich wei� nicht...�
�Du brauchst nichts sagen. Schlie�lich kanntest du sie nicht. Das macht so etwas um einiges leichter.�
Ich lie� mich auf der Bettkante nieder und dachte an meine Gro�eltern. An den Vater meiner Mutter konnte ich mich kaum erinnern. Ihre Mutter hingegen passte immer auf mich und meine Br�der auf, wenn meine Eltern verreisten. Von daher kannte ich sie nur als die alte Frau, die uns immer alles verboten hatte. Vaters Mutter starb als ich noch ein Kind war und so hatte ich eigentlich nur einen Gro�vater.
�Wieso geht Simon nicht mit dir?�
�Was soll Simon dort? Er war in den letzten zehn Jahren vielleicht zweimal in Irland. Er hat doch gar keinen Bezug zu den Leuten. Au�erdem wei� ich nicht, wie die Leute auf ihn reagieren w�rden.�
�Wie meinst du das?�
�Muffin, er ist Brite.�
�Du auch.�
�Ich bin dort aufgewachsen. F�r die Bewohner von Sraith Salach bin ich einer von ihnen.�
�Verstehen sich die Briten und Iren nicht so gut?�
David zuckte mit den Schultern. �Irland geh�rte jahrhundertelang den Briten. Heute jedoch setzt kaum ein Brite mehr seinen Fu� auf die gr�ne Insel. Im britischen Fernsehen zeigt man nur Nordirland, in welchen sich die Katholiken und Protestanten gegenseitig in die Luft jagen. Ich denke, dass viele Engl�nder bef�rchten, dass man ihnen in der Wildnis von Connemara den Kopf wegschie�en k�nnte. Dabei ist dort statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit viel gr��er, von einem Schaf angefallen zu werden. Dennoch erinnern sich die Iren nicht gerne an die Behandlung, welche sie �ber die Jahre von den Briten hinnehmen mussten. Doch wird nicht mehr offen dar�ber gesprochen.�
�Warum nicht?�
�Das hat mehrere Gr�nde. Zum einen bef�rchtet man, dass es der IRA einen Aufrieb geben k�nnte, obwohl diese in der Republik Irland nicht viel Unterst�tzung findet, zum anderen sind sie Iren und Briten inzwischen Partner in der EU und mancher Ire m�chte den besch�menden Teil seiner Geschichte hinter sich lassen. Nach einer langen, turbulenten Ehe kam es 1922 zur Scheidung der beiden Nationen und Irland wurde teilweise unabh�ngig. Ich denke, dass Scheidung der richtige Ausdruck ist, da beide Partner mit Nervosit�t einander begegnen, sich fremd und vertraut zugleich sind. Wie ein geschiedenes Paar kennen sie sich besser als jeder Dritte, haben aber nie verstanden, was der andere eigentlich wollte.�
Ich lauschte l�chelnd seiner Erkl�rung, welche ihn ein wenig abzulenken schien.
�Irland stand England immer so nahe, dass es sich nicht ignorieren lie�, und war ihm gleichzeitig so fremd, dass es unverstanden blieb. Als wei�e, englischsprachige Europ�er wurden die Iren den Briten zugeteilt und man glaubte, dass sie wie diese w�ren. Man verga�, dass die Iren nur deshalb Englisch sprachen, weil die Engl�nder ihr Land besetzten und ihnen die eigene Sprache nahm.� David sah mich an. �Nein, ich denke, es ist besser, wenn Simon nicht mitkommt. Es wird ihm keiner etwas vorwerfen. Er bleibt hier und wird auf dich aufpassen.� Er verschwand wieder halb in seinem Schrank. �Und von dir erwarte ich, dass du die Pr�fung nicht verbockst, h�rst du?�
�Ich werde mir M�he geben.�
�Und vergiss deinen Termin bei Fleming nicht. Und bist du nicht mit ihm zufrieden, ich meine, wenn du das Gef�hl hast, dass er nicht gen�gend auf dich eingeht, dann...�
�Werde ich es Simon sagen�, unterbrach ich ihn.
�Gut... Soweit dazu... Aaron wei� Bescheid. Ich hoffe nur, dass es kein Problem ist, dass Amber l�nger bleibt, sonst...�
�Sonst springe ich ein. David, mach dir keine Sorgen.�
Einen Augenblick sah er mich an, sagte aber nichts. Wahrscheinlich hatte er das Gef�hl, dass ohne ihn hier alles zusammenbrechen w�rde. Er ging zu seinem Arbeitstisch, auf welchen sein Portmonee lag und holte einige Geldscheine heraus. Mit diesen kam er dann zu mir her�ber.
�Hier, mehr habe ich im Augenblick nicht da. Reicht euch das eine Woche?�
�Und was ist mit dir?�, fragte ich.
�Ich gehe morgen noch bei der Bank vorbei. Ist kein Problem.� Er wandte sich ab, schien zu �berlegen, was er tun wollte und ging dann wieder zu seinem Schrank. �Bist du f�r morgen gut vorbereitet?�
Ich faltete das Geld zusammen und schob es in die Ges��tasche meiner Jeans. �Ich denke schon. Allerdings glaube ich nicht, dass ich gro�en Erfolg haben werde. Ich habe mir zu viel selber verbaut.�
�Nicht die gro�en Erfolge z�hlen. Es kommt vielmehr darauf an, aus den kleinen viel zu machen�, sagte er leise. �Ich hinterlasse euch noch eine Nummer, unter welcher ich zu erreichen sein werde. Auf jeden Fall werde ich morgen anrufen, weil ich wissen m�chte, wie es bei deiner Therapie war.�
Er unterbrach das Packen und setzte sich zu mir auf das Bett. Einen Augenblick glaubte ich, er w�rde weinen, doch er tat es nicht. Schweigend sa�en wir da und David schien nachzudenken oder der Musik zu lauschen. Vielleicht tat er auch beides.
�I don�t know if you can see, the changes that have come over me
In these last few days, I�ve been afraid that I might drift away�
, sang eine sanfte Frauenstimme.
�Wenn ich wieder da bin, m�ssen wir etwas besprechen�, sagte er leise.
Ich nickte.
�Es ist sehr wichtig.�
�Das werden wir tun, wenn du wieder nach Hause kommst.�
�Ich gehe nach Hause�, sagte er leise. �Es ist nur, dass sie nicht mehr dort sein wird. Sonst wird alles sein, wie es in meiner Kindheit war. Das ist das Sch�ne an Irland. Es ist von Best�ndigkeit und h�lt an alten Werten fest. Nur in der Gro�stadt holt einen die Moderne ein...� Er verstummte und diesmal wurden seine Augen tats�chlich w�ssrig. �Muff, ich m�chte jetzt gerne allein sein.�
�Okay.� Ich stand auf. �Ich bin dr�ben, falls du mich brauchst.�
�Danke. Vielleicht komme ich auf dich zur�ck.� David erhob sich ebenfalls und trat an das Zimmerfenster.
An der T�r angekommen drehte ich mich um. Er stand noch immer am Fenster, den Kopf nach unten geneigt und ich wusste, dass er nun weinte. Ich versp�rte den Wunsch, zu ihm zu gehen. Ich wollte f�r ihn da sein, so wie er es die vergangenen Monate f�r mich gewesen war. Gerne h�tte ich ihm meine Anteilnahme gezeigt, doch ich wusste, dass er dies nicht wollte. Leise schloss ich die T�r hinter mir und lie� David allein zur�ck.

Als ich in meinem Zimmer sa�, dachte ich daran, dass auch ich einmal einen solchen Anruf bekommen w�rde, wie David es getan hatte. Zumindest hoffte ich, dass jemand aus meiner Familie mich informieren w�rde, wenn mein Gro�vater eines Tages... Ich sch�ttelte den Kopf und verwarf diesen Gedanken. An einen m�glichen Tod meines Opas durfte und wollte ich nicht denken. Doch musste ich einsehen, dass der Tod das einzige ist, das alle Menschen gemeinsam haben. Das einzige Ziel, das alle erreichen werden. Nun da ich hier in London war, hatte ich kaum mehr Kontakt zu meinem Gro�vater. Wie oft hatte ich mir schon vorgenommen, ihn in den Ferien zu besuchen und nie hatte ich es getan. Du fliegst dieses Jahr auf jeden Fall nach Deutschland, Yvonne, h�rst du!, ermahnte ich mich selber. Und wenn es sich nur ein Wochenende handeln wird, aber du wirst ihn besuchen. Wer wei�, wie lange du ihn noch haben wirst...
Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und zog Papier aus einer der Schubladen. Dann begann ich zu schreiben. Es w�rde zwar kein Zehnseitenwerk werden, aber z�hlte nicht allein der Gedanke? W�rde mein Gro�vater sich nicht auch �ber wenige Zeilen freuen? Ich entschloss mich dazu, ihm ebenfalls einige neue Fotos von mir zu schicken, damit er mich sp�testens im Herbst am Flughafen erkennen w�rde.

*

David verlie� die Wohnung am n�chsten Tag genauso leise wie er es tat, wenn er zur Arbeit ging. Ich war entt�uscht dar�ber, dass er mich nicht geweckt und sich verabschiedet hatte. Ich fand lediglich einen Brief auf dem K�chentisch vor. Mit sch�n geschwungener Schrift hatte er Simon und mir Anweisungen bez�glich der Wohnung hinterlassen. L�chelnd heftete ich das Papier mit einem Magneten an den K�hlschrank, ehe ich mir einen Tee machte und erneut meine B�cher konsultierte. Davids lautlose Abreise hatte lediglich den Vorteil, dass mir ein Abschied erspart blieb. Doch heute Mittag sollte ich einem anderen nicht entgehen...

Ich stand abseits und beobachtete Andr�, wie er am Schalter der deutschen Fluggesellschaft sein Ticket einl�ste. In meinem Kopf erinnerte ich mich an das letzte Mal, als ich in der Halle des Heathrow Airports gestanden hatte. Es war an jenem Tag gewesen, an welchen ich Orlando verloren hatte. Mit seinem Fortgehen hatte sich alles ge�ndert, doch hasste ich ihn daf�r nicht mehr. Vielmehr verdr�ngte ich alle Gedanken an ihn. Was sollte ich auch sonst tun?
Andr� hatte den gestrigen Abend tats�chlich bei ihm verbracht und wie erwartet waren sie auf mich zu sprechen gekommen. Andr� hatte nicht gelogen. Er hatte Orlando nicht erz�hlt, dass ich mich zu einer Sch�nheit gewandelt h�tte, welcher zig M�nner hinterher geiern w�rden. Er war bei der Wahrheit geblieben. Hatte ihm gesagt, dass es mir besser ging und es einen jungen Mann geben w�rde, der vollen K�rpereinsatz zeigte, um mein Herz zu gewinnen. Dass es sich bei diesem um Ben handelte, verschwieg allerdings. Orlando reagierte nicht mit einer Eifersuchtsszene oder beleidigte meinen Verehrer. Vielmehr blieb er stumm und schien �ber das Geh�rte nachzudenken. Laut Andr� war das ein gutes Zeichen. Mir w�re trotzdem lieber gewesen, wenn er auf diese Neuigkeit wie ein Stier auf ein rotes Tuch reagiert h�tte. Er sollte ruhig sp�ren, wie es ist, im Unklaren �ber eine Sache zu sein, so wie ich es war. Auf der anderen Seite jedoch wollte ich ihm auf gar keinen Fall begegnen.
Als ich aufgebrochen war, um mich mit Andr� zu treffen, hatte ich mich auf dem Weg zur U-Bahnstation immer wachsam umgesehen und bef�rchtet, er k�nnte pl�tzlich vor mir stehen. Ich litt nahezu unter Verfolgungswahn, da ich ihn in jedem jungen, dunkelhaarigen Mann zu erkennen glaubte.
Eigentlich total verr�ckt, sagte ich mir selber. Wie viele M�dchen kommen nach London mit der Hoffnung und dem Traum, ihm zuf�llig �ber den Weg zu laufen und ich renne geradezu vor ihm weg.
Denn genau das t�te ich wohl, wenn ich ihn am Horizont ersp�hen w�rde.
�Also, ich habe einen Platz am Fenster.� Andr� kam grinsend auf mich zu. �Wenn schon nicht erste Klasse, dann wenigstens das.�
Ich brachte mich zu einen L�cheln. �Wie viel Zeit haben wir noch?�
�Nur ein paar Minuten. Ein Quickie in einem der Aufz�ge ist leider nicht mehr drin.�
�Ach du!� Ich schubste ihn ein St�ck von mir und wir liefen Richtung Check In.
�Junge Frau, ich m�chte �ber alles, was hier passiert, Meldung erhalten. Meinst du, du bekommst das hin?�
�Ich werde es versuchen.�
�Nat�rlich musst du nicht t�glich anrufen. W�re ja viel zu teuer. Aber du kannst mir schreiben.�
�Das auch noch?�
Er nickte grinsend. �Ja, Andr� Schneider entdeckt n�mlich das Internet.�
�Seit wann besitzt du einen PC?�, fragte ich �berrascht.
�Tu ich nicht. Doch wozu gibt es Internet-Caf�s und Freunde?�
Er bog seitlich in einen Kiosk ein, steuerte direkt dessen Kasse an und fragte nach einem St�ck Papier und Stift. Er erhielt das Gew�nschte und schrieb mir eine E-Mail-Adresse auf.
�Ich kann leider nicht t�glich antworten. Musst dich hin und wieder ein oder zwei Tage gedulden�, sagte er, als er mir das Papier reichte.
Anschlie�end gingen wir zum Check In. Mein Herz wurde schwerer mit jedem Schritt, dem wir uns diesem n�herten. Ich hatte die vergangenen Tage so viel mit Andr� besprochen. Es war einfach zu sch�n gewesen, ihn in meiner N�he zu wissen. Und nun w�rde er wieder gehen. Wir blieben vor dem Eingang stehen und ich k�mpfte mit den Tr�nen.
�In drei Wochen komme ich wieder. Versprochen�, tr�stete er mich. �Und ich hoffe, dass es dir dann noch besser geht als jetzt.�
�Bestimmt�, antwortete ich.
Andr� sah mich einen Moment mit einer Sorgenmiene an. �Dann gib mir dein Wort, dass du vern�nftig sein wirst.�
�Vern�nftig?�
�Kein Orlando.�
Ich sp�rte, wie meine Ohren rot wurden. �Ich werde ihn sicher nicht noch einmal anrufen�, presste ich dann hervor.
�Gutes M�dchen.�
�Bleibt er nun in London?�
Andr� sch�ttelte den Kopf. �Nein, er reist die Woche ebenfalls wieder ab. Aber er meinte, dass die Dreharbeiten kurz vor dem Abschluss st�nden. Anschlie�end wird er wohl wieder nach London kommen und hier drehen.�
�Na phantastisch...� Ich schluckte.
Andr� grinste. �Hey, London hat um die Siebenmillionen Einwohner. Die Chancen, dass ihr einander begegnet, sind mehr als gering.�
�Aber es ist schon einmal passiert.�
�Mag sein, aber das war wohl weniger Zufall, sondern geschah unter bewusster Einwirkung deines Mitbewohners, f�r welchen Amber wohl �ber Leichen gehe w�rde.�
Nun grinste auch ich.
�Sie hat es ziemlich erwischt...�, fuhr Andr� fort, �und du wei�t, wie unselbstst�ndig und unsicher sie in diesem Bereich ist. Hilf ihr ein wenig.�
�Wie soll ich das tun? David sagte mir bereits, dass er nicht interessiert ist.�
�Sagen kann man eine Menge und dein Mitbewohner wirkt auf mich sowieso ziemlich verschlossen. Wieso sollte er dann die Wahrheit �ber seine Gef�hle sagen?�
Ein junges M�dchen lief an uns vorbei. In ihrer Hand hatte sie ein Jugendmagazin, von dessen Cover Orlando uns anl�chelte. Ich zuckte bei seinem Anblick zusammen.
�Yvonne, du musst ihm nicht begegnen. London ist verdammt gro�. Zudem verkehrt er in ganz anderen Kreisen als du.�
Ich warf ihm einen fragenden Blick zu.
�Ich meine, dass du dich schlie�lich nicht mehr mit Chris und den anderen triffst.�
�Nun, ich bin nicht mehr Orlandos Freundin oder was immer ich auch f�r ihn gewesen war, weshalb sollten sie dann noch mit mir zusammenkommen?�
Andr� hob die Augenbrauen und sah mich an. �Sie f�hlten eben eine st�rkere Freundschaft zu Orlando als zu dir. Dazu wahrscheinlich eine gewisse Verpflichtung ihm gegen�ber.�
�Es ist trotzdem nicht fair. Amber hat nicht so einfach den Kontakt zu mir abgebrochen.�
�Sie hat sich eben f�r dich und gegen die anderen entschieden.�
�Und daf�r deren Freundschaft ebenfalls verloren.�
�Aber deine und andere gewonnen. Sie wirkt nicht gerade ungl�cklich oder scheint den anderen eine Tr�ne nachzuweinen. Du vermisst sie doch auch nicht allzu sehr, oder?�
�Manchmal�, sagte ich leise, �manchmal denke ich an die Abende, die wir zusammen verbracht haben und dann vermisse etwas. Nicht direkt Chris, Trisha oder sonst wen, aber eben alles, was wir so erlebten. Sie geh�rten eben zu Orlando...� Ich brach ab.
�So wie ich? Geh�re ich f�r dich auch zu ihm?�
�Irgendwie ja und irgendwie nein.�
�Wie soll ich das jetzt verstehen?�
�Du wirst mich immer an ihn erinnern.�
Er schwieg einen Moment und dachte nach. �M�chtest du besser keinen Kontakt mehr mit mir...�
�Spinn dich aus!�, fuhr ich ihn lachend an. �Ich w�rde sogar mit ihm in einen Ring steigen und um dich k�mpfen.�
Andr� lachte ebenfalls. �Das trau ich dir sogar zu. Und um ehrlich zu sein: ich w�rde auf dich setzen. Schlie�lich habe ich gesehen, was du nahezu aus Jessica gemacht hast. Wie ist eigentlich euer Verh�ltnis?�
�Wir reden normal miteinander. Vertrauen tun wir uns jedoch nicht. Ich nehme ihr das jedoch nicht �bel, immerhin habe ich sie verpr�gelt.�
�Ihr Verhalten war auch nicht gerade korrekt�, erinnerte Andr�.
�Unser beider Verhalten war nicht korrekt. Wir haben uns gegenseitig zu Feinden gemacht und wohlm�glich w�re dies auch mit meinen weiteren Freunden passiert.�
�Glaubst du?�
�Ich wei� nicht. Orlandos Welt ist eben eine ganz andere als die meiner Freunde und ich wandelte und sprang zwischen diesen hin und her. Auf Dauer w�re es wohl nicht gutgegangen.�
�Da k�nntest du Recht haben. Dennoch hast du dir nicht die falschen Menschen zu Feinden gemacht.�
�Ich zweifle nicht daran, dass ich meine Feinde verdiene, aber ich glaube nicht, dass ich meine Freunde verdient habe.�
�Ja?�, fragte er.
�Nein. Ich bin eine entt�uschende Freundin, weil ich immer zu sehr mit mir selber besch�ftigt bin, als dass ich meinen Freunden gerecht werden k�nnte. Ich verstehe nicht, weshalb sie sich mit mir abgeben. Eine Hilfe bin ich ihnen jedenfalls nicht.�
�Das ist es auch nicht, was eine Freundschaft ausmacht�, sagte Andr�. �Es ist nicht so sehr die Hilfe unserer Freunde, die uns hilft, als vielmehr das vertrauensvolle Wissen, dass sie uns helfen werden. Und das spricht auch auf dich zu. In der Not bist du zur Stelle. Ist es nicht so? Ich denke, dass das auch deine Freunde wissen. Sie erwarten wahrscheinlich keine Hilfe von dir, aber sie wissen, dass du helfen w�rdest.�
Ich sah ihn nachdenklich an. �David ist der Meinung, dass es nichts Wichtigeres als Freundschaft gibt.�
�Das stimmt wahrscheinlich�, antwortete er. �Wenn eine Liebe zerbricht, trauerst du ihr unter Freunden nach. Es gibt mehr Beispiele von ma�loser Liebe als von vollkommener Freundschaft. Und Vorrausetzung f�r diese ist ein Ma� an Unerkenntnis vom anderen. Die l�ngsten Freundschaften beruhen wohl darauf, dass man sich zu lange zu wenig kennt. Zudem vertragen sich Freundschaft und Liebe nicht immer gut.�
�Das habe ich auch gemerkt�, seufzte ich. �Es entsteht das reinste Chaos.�
�Ein Chaos, das man bew�ltigen kann. Man muss nur Geduld aufbringen und genau das haben deine Freunde mit dir gehabt. Orlando mag nicht mehr der Hauptdarsteller im Theaterst�ck deines Lebens sein, aber die anderen haben ihre Rollen nicht aufgegeben oder hingeschmissen.�
�Das wei� ich, und glaube mir wenn ich sage, dass ihre Rollen in meinem Leben in Zukunft gr��er sein werden als zuvor. Vielleicht sehe ich nicht immer, was gut f�r mich ist, aber sie schon. Trotzdem ist mir weh im Herzen, weil du gehst. So viele Freunde habe ich n�mlich nicht, als dass ich dich entbehren kann.�
�Man hat meistens etwas weniger Freunde als man annimmt, aber auch etwas mehr, als man kennt.�
Wir tauschten einen intensiven Blick. Dann beugte er sich zu mir herunter und k�sste meine Stirn.
�Ich w�nsche dir viel Gl�ck, Yvonne Marx. Nicht nur f�r die Pr�fungen.� Er l�chelte mich an. �Ich komme bald zur�ck und denk daran: Liebe erschafft die Welt, Freundschaft gestaltet sie.�
Ich sah ihm nach, wie er zwischen den anderen Menschen verschwand.
Ich blieb noch einen Moment zur�ck und sah den Gang entlang, in welchem er verschwunden war. Dann machte ich mich auf den Weg in die Innenstadt.

David meldete sich am Abend. Er sprach nicht viel �ber die Situation vor Ort, fragte mich lediglich nach meiner ersten Therapiesitzung und ich antwortete ihm, dass Dr. Fleming ein sehr netter Mensch w�re. Wir hatten unsere erste Stunde damit verbracht, uns kennen zu lernen und �ber unsere Hobbys zu sprechen. In der n�chsten Sitzung wollten wir uns meiner Kindheit widmen. David zeigte sich zufrieden, dass ich zu dem Psychologen Vertrauen gefasst hatte, deutete aber weniger Begeisterung an als ich erw�hnte, dass er trotz seines Alters verdammt gut aussah. Ergraute Haare hin oder her. Nach dem Telefonat ging ich in mein Zimmer und sah mir zum letzten Mal meine Aufzeichnungen an.

*

Donnerstagmorgen. Englisch- und Literaturpr�fung. Als ich zum Nachtermin erschien, warteten bereits weitere Studenten. Ich erkannte einige aus meinen Kursen, doch waren sie mir lediglich namentlich bekannt � zumindest mehr oder weniger.
Zuerst wurde in Englisch, anschlie�end in Literatur gepr�ft werden. Englisch war einfach. Wir mussten eine Eigeninterpretation eines Buches verfassen, welches wir w�hrend des Semesters gelesen hatten und die Rolle einer der Hauptfiguren klassifizieren. Da es sich um einen Roman von Virginia Woolf handelte, fiel mir dies nicht schwer. Schlie�lich hatte ich mich bereits schon in einem Referat mit ihren Geschichten befasst. Mit einem guten Gef�hl verlie� ich den Raum und wandte mich dem zu, in welchem die Literaturpr�fung abgehalten werden sollte. W�hrend ich wartete, ging ich Vokabeln und Epochen durch, erinnerte mich an die wichtigsten Merkmale und Vertreter der einzelnen Zeitabschnitte und deren geschichtlichen Hintergr�nde. Dann ging es los.
Ich verlor nicht den Kopf, als ich die Aufgaben durchlas. Ich verschaffte mir einen �berblick, wie lange ich mich mit jeder Frage befassen durfte und behielt die Zeit im Auge. Hinterher las ich meine Antworten durch, pr�fte Rechtschreibung und Grammatik und gab den Pr�fungsbogen ab. Als ich zur T�r hinaustrat, hatte ich es geschafft.
�Miss Marx�, hielt mich eine Stimme zur�ck. Professor Maddox kam hinter mir her. �H�tten Sie einen Augenblick Zeit?�
Ich nickte zu Best�tigung und er deutete mit dem Arm auf eine T�r in der entgegengesetzten Richtung. Es handelte sich um einen leeren Lesungssaal. Maddox schloss die T�r auf und steuerte eine der Tischreihen an, legte seine Tasche darauf ab und �ffnete diese.
�Ihre Jahresarbeit �ber Oscar Wilde hat mir sehr gut gefallen. Wegen dieser brauchen Sie sich also nicht weiter zu sorgen.� Er l�chelte mich an. �Allerdings fand ich zwischen Ihren Unterlagen auch dieses hier...� Er zog einige Bl�tter aus einer Mappe. �Diese Aufzeichnungen haben zwar nicht mit Oscar Wilde zu tun, doch habe ich es mir trotzdem nicht nehmen lassen, sie zu lesen.�
Ich nahm ihm die Papiere ab und warf einen Blick darauf. Es handelte sich um meine verschollenen Konzepte, um die Aufzeichnungen meines Innenlebens der vergangenen Monate... Simon musste letzte Woche einfach alle meine Schriftst�cke zusammengepackt und abgegeben haben.
�Was manche Leute nicht mit Worten ausdr�cken k�nnen, bringen sie zu Papier.� Maddox suchte meinen Blick. �Haben Sie schon einmal daran gedacht, derartiges zu ver�ffentlichen?�
Ich err�tete. �Hin und wieder ja, aber wer w�rde so etwas lesen...�
�Erst einmal muss man einen Verleger finden.�
�Und daran scheitert es schon einmal.�
Maddox wirkt etwas verlegen. �Ich habe mir erlaubt, das hier auch jemand anderen zu geben. Eine ehemalige Studentin, die sehr erfolgreich im Pressewesen t�tig ist. Sie w�rde Sie gerne kennen lernen.�
�berrascht sah ich ihn an.
�Ich wei�, ich h�tte Sie zuvor fragen sollen, aber ich war so ergriffen... Sie sollten nicht l�nger schweigen, Miss Marx. Was ungesagt bleibt, bleibt ungeh�rt. Tun Sie es nicht nur f�r sich, sondern f�r andere wie Sie.�
Ich sah auf die Papiere und dachte nach. Dies war meine Geschichte, mein Leben. Wen sollte das interessieren? Und wollte ich �berhaupt, dass jemand dies las? Ich hatte diese Aufzeichnungen f�r mich gemacht, damit ich immer �berblicken konnte, wie ich mich bei bestimmten Ereignissen gef�hlt hatte. Nat�rlich w�rde einer meiner gr��ten W�nsche in Erf�llung gehen, wenn ich etwas von mir in einer Zeitung oder Zeitschrift finden k�nnte. Doch dabei hatte ich nie an meine privaten Niederschriften gedacht. Und nun stand mein Professor vor mir und meinte, dass genau diese es wert seien, ver�ffentlicht zu werden.
�Diese ehemalige Studentin arbeitet im Pressewesen?�
Maddox nickte. �Sie ist die Chefredakteurin einer gutgelesenen Zeitschrift.�
�Und was genau hat sie hierzu gesagt?� Ich wedelte mit den Papieren. �Soll das ein Bericht werden oder...�
�Nein, sie dachte an etwas anderes... Eine Art w�chentlich erscheinendes Tagebuch, in welchen Sie lediglich berichten, was Sie erlebten und wie sie es erlebten. Alison gef�llt n�mlich ihr sarkastischer Humor und sie ben�tigt eine neue Kolumne. Ihre Weltanschauung w�re einmal etwas anderes.�
Misstrauisch blickte ich meinen Professor an. Was sollte das f�r eine Kolumne sein? Die Weltansicht einer Depressiven? Wen interessiert so etwas? Dann fiel mir ein, dass ich in keiner Zeile meinen Dachschaden erw�hnt hatte. War diese Alison etwa �ber die S�tze, in welchem ich das Geschlecht Mann negativ umschrieb, gestolpert? Oder hatte sie gar meinen ganzen Hoch und Tiefs gelesen? Hatte sie erkannt, dass mit Orlando der Schauspieler Orlando Bloom gemeint war? Wollte sie nur eine Sensation �ber ihn haben?
�Sie wird ihre Geschichte auf keinen Fall ausschlachten�, sagte Professor Maddox.
Ich sah wieder auf die Papiere. Amber hatte die Aufzeichnungen ebenfalls gelesen und gemeint, dass sie gut w�ren. Zu verlieren hatte ich nichts und einen Versuch war es wert.
�Wann k�nnte ich diese Frau treffen?�

�Du sollst f�r eine Zeitschrift schreiben?� Simon sah mich mit gro�en Augen an und wusste nicht, ob er lachen oder erstaunt sein sollte.
Er hatte mein Telefonat belauscht und war mir sogar in die K�che gefolgt, als ich den Salon verlie�, um mich in Ruhe meinem Gespr�chspartner widmen zu k�nnen. Simon hatte getan, als wollte er sich etwas zu trinken holen, war dabei allerdings sehr langsam vorgegangen und hatte wohl beide seiner Ohren in meine Richtung geworfen.
Ich hatte mit Charlene telefoniert. Da sie als Redakteurin arbeitete, konnte sie mir am ehesten Rat geben und das tat sie, in dem sie mich nahezu dr�ngelte, diese Chance wahrzunehmen.
�Hei�t das, dass du in Zukunft keine Kellnerin mehr sein wirst, sondern als Journalistin Kohle scheffeln wirst?�
Ich rollte genervt die Augen und sah meinen Mitbewohner an. �Das wei� ich noch nicht. Vielleicht verdiene ich gar nichts dabei, aber das ist mir egal.�
�Bitte!?�
�Geld ist nicht alles.�
�Vielleicht verdirbt es den Charakter, aber Mangel macht ihn auch nicht besser. Wieso m�chtest du f�r eine Zeitschrift schreiben, wenn nicht f�r Geld?�
�Ich m�chte schreiben, weil es mir Spa� macht und es irgendwie cool ist, wenn ich meine eigenen Sachen gedruckt in einer Zeitung sehe.�
�Und nat�rlich hoffst du dabei, dass irgendwer den Schei� auch liest.�
�Das w�re nat�rlich auch ganz nett.�
Ich verlie� die K�che und steuerte das Badezimmer an. Ich hatte nicht mehr viel Zeit...
�Bist du heute Zuhause?�
�Bis jetzt schon. Warum?� Simon stand in der T�r und sah mir zu, wie ich mich schminkte.
�Weil du David dann sagen kannst, dass ich die Pr�fungen nicht verschissen habe.�
�Willst du ihm das nicht selber sagen? Er w�rde sich bestimmt freuen zu h�ren, dass der Verzicht auf Stunden mit seiner Franz�sin und der dadurch entgangene Sex nicht umsonst war.�
�Sehr witzig, Simon. Ich kann es ihm aber nicht selber sagen, weil ich heute mit Ben weggehe.�
�Du hast ein Date?�
�Nein, wir gehen nur miteinander weg.�
�Du meinst, ihr beiden geht miteinander aus.�
�Denk, was immer du m�chtest.� Ich schaltete die Spiegelbeleuchtung ab und ging an Simon vorbei in mein Zimmer.
�Waren das nun alle Pr�fungen?�
�Nein, es fehlt noch Poetik�, antwortete ich, w�hrend ich Portmonee und Schl�ssel holte und in meiner Jeans verstaute. �Die ist erst n�chsten Freitag und glaube mir, sie wird �tzend.�
�Wieso?�
�Weil die nicht schriftlich, sondern m�ndlich abgehalten wird.�
�Ach du Schei�e...�
�Genau.�
Ich war bereits an der Wohnungst�r, drehte mich jedoch nochmals zu Simon um. Er stand im Flur und sah mir mit in den Hosen vergrabenen H�nden nach.
�Ach, wann m�chtest du den anderen eigentlich von deinem Studium erz�hlen?�
�Ich habe da schon einen Plan�, l�chelte er. �Wenn David wieder hier ist, dann werde ich es sagen.�
�Okay... Wei�t du, er sagte mir vor seiner Abreise, dass wir etwas Wichtiges besprechen m�ssten, wenn er wieder hier ist.�
Simons sah mich ratlos an. �Was denn?�
�Ich wei� es nicht�, zuckte ich mit den Schultern. �Wir werden warten m�ssen.�

Ben lehnte am Gel�nder der U-Bahn am Piccadilly Circus und sah auf die Treppen herunter, welche ich gerade hinaufstieg. Ich l�chelte ihn an, sprang die Stufen schneller nach oben und lief zu ihm. Er blieb l�ssig in seiner Haltung und sah mich forsch an.
�Hallo�, gr��te ich ihn schlie�lich.
�Hi.� Er l�chelte nun, r�hrte sich aber nicht von der Stelle.
�Und, was hast du f�r heute geplant.�
Er nickte mit dem Kopf die Stra�e hinunter zum Leicester Square. �Ich dachte, wir gehen zuerst einen Milch-Shake trinken.�
�Gut, dann darfst du mich einladen.�
Er hob die eine Augenbraue an. �Damit ich das richtig verstehe... Erst blamierst du mich vor allen Leuten und jetzt darf ich dich auch noch zu einem Bailyes-Shake einladen?
Ich best�tigte seine Frage mit einem gespielt ernstem Kopfnicken. �Du wolltest mich sehen und nicht umgekehrt. Au�erdem bin ich pleite und sehe das als Honorar f�r mein Erscheinen an.�
�Du hast wirklich Gl�ck, dass ich dich so gut leiden kann.� Er l�chelte nun wieder sein Ben-L�cheln, wobei die beiden Gr�bchen auf seinen Wangen hervortraten, stie� sich vom Gel�nder ab und wir machten uns daran, die Coventry Street hinunterzulaufen.
�Du siehst h�bsch aus�, sagte er.
�Danke�, erwiderte ich und wich seinem Blick aus.
�Soweit der H�flichkeitsfloskeln. Jetzt lass mal h�ren, womit ich diesen Schlag ins Gesicht an Aarons Geburtstag verdient habe.�
Ich hatte gewusst, dass er dies fragen w�rde und mich entsprechend vorbereitet. Mit ruhiger Stimme erkl�rte ich ihm mein Verhalten, sprach �ber die vergangenen Wochen, sagte ihm, dass ich ihn mehr als gernhaben wollte...
Wir hatten eigentlich das H�agen Dasz-Eiscaf� aufsuchen wollen, doch da er meine Erz�hlung nicht durch einen Kellner unterbrechen lassen wollte, nahm er vor dem Eingang meinen Arm und f�hrte mich in die Leicester Fields. In der kleinen Gr�nanlage suchten wir eine freie Bank und setzten uns.
�Bist mir nun b�se?�, fragte ich ihn, als ich mit meiner Erkl�rung fertig war.
�Nein, bin ich nicht. Es ist nur...� Er lehnte sich zur�ck und sah mich direkt an. �Ich komme mir eben nur m�chtig verarscht vor.�
�Ich wei�; und es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verletzten. Ich glaubte wirklich, dass ich dich...� Ich sprach den Satz nicht aus.
�Und was f�hlst du jetzt?�
Ich hielt seinem Blick stand. �Zu viel. Es verwirrt mich alles ziemlich.�
�Aber du magst mich?�
Ich schluckte. �Genau das m�chte ich herausfinden.�
Er nickte und blickte �ber den Park zum Empire-Kino hin�ber. �Dass ich dich sehr mag, wei�t du bereits. Doch ich m�chte ebenso wie du wissen, wie viel ich f�r dich empfinde. Deshalb werde ich mich gedulden und auf dich warten.�
Ich l�chelte ihn an und fragte mich, was an mir war, dass er sich so sehr um mich bem�hte. Dass er bereit war zu warten, bis ich mir �ber meine Gef�hle f�r ihn im Klaren sein w�rde. Dass er das Risiko einging, umsonst zu warten. Es war ein romantisches Gest�ndnis. W�ren da nur nicht diese Zweifel meinerseits...
Du wei�t nicht, dass mein Leben hin und wieder einem Seilakt ohne Netz und Boden gleicht. Du wei�t nicht, dass ich manchmal wie ein Blatt im Wind treibe, ohne zu ahnen, wo ich landen werde. Du wei�t nicht, dass ich f�r vieles meine eigenen, verr�ckten Methoden habe. Du wei�t nicht von den vielen Tagen, an denen ich mich selber hasse und einfach nur aus mir herausfliegen m�chte. Und dann gibt es die Tage, an denen ich fortfliege... Wie ein Stern. Willst du wirklich auf mich warten? Willst du solange warten, bis ich nicht mehr fliegen kann und von alleine zu dir komme? Das kann in einigen Jahren oder morgen sein...
So sch�n es war zu wissen, dass er warten wollte, so h�sslich war es auch zu wissen, dass dies nicht funktionieren w�rde.
Ich muss diejenige sein, die wartet. Zu mir muss jemand kommen und mich auf den Boden hinunter ziehen, in das normale Leben zur�ckholen. Wenn Ben auf mich wartet, wird es eines Tages zu sp�t f�r uns sein...
Er l�chelte mich an. �Also, was h�ltst nun von einem Eis?�

Ich bekam meinen Baileys-Shake doch noch. Das Thema �uns� schnitten wir jedoch nicht mehr an. Stattdessen erz�hlte ich ihn von meinen Pr�fungen und er jammerte, dass seine nicht so gut gelaufen w�ren. Anscheinend war er an der theoretischen Kunstgeschichte nicht so interessiert wie an den praktischen Arbeiten. Nachdem wir unser Eis vertilgt und noch einen Moment gesessen hatten, brachen wir auf. Langsam liefen wir durch Stra�en und unterhielten uns �ber die unsinnigsten Sachen. Ben redete die meiste Zeit �ber und ich beobachtete ihn schweigend von der Seite. Sein Haar hatte nun sein nat�rliches Nussbraun zur�ck und er trug es k�rzer, wodurch er erwachsener wirkte. Und w�hrend wir zur�ck zum Piccadilly Circus gingen, spielte mein Herz wieder dieses seltsame Spiel. Einerseits fand ich Ben mehr als nett, andererseits total daneben. Jedoch schien er von meinen Gef�hlsschwankungen nichts mitzubekommen.
Er war wirklich ganz anders als Orlando. Nicht nur vom Aussehen und seinem Wesen her unterschied er sich von ihm. Auch sein Benehmen glich nicht dem Orlandos. Schon als wir zuvor miteinander weggewesen waren, war mir aufgefallen, dass Ben mir immer alle T�ren aufhielt, f�r mich Getr�nke und Essen bestellte und mir stets zuh�rte, ohne mich zu unterbrechen, selbst wenn ich sinnloses Gequassel von mir gab. Er verhielt sich wie ein wahrer Gentleman. Etwas, das mir sehr gefiel, da ich noch nie zuvor wie eine Frau behandelt wurde. Nicht einmal Orlando hatte dies getan. F�r ihn war ich wie eine gleichberechtigte Partnerin gewesen.
Ich konnte Ben wieder nicht davon abbringen, mich nach Hause zu begleiten. Vor den Treppen blieben wir stehen.
�Was machst du morgen Abend?�, fragte er.
�Ich wollte mich mal wieder mit meinen Freunden treffen. Wie du wei�t, habe ich sie ziemlich vernachl�ssigt.�
�Gegen so viele nette Menschen habe ich wohl keine Chancen.� Er l�chelte.
�Nein, eher nicht. Wenn du mich von Beginn an so in Beschlag nimmst, hast du verdammt schlechte Karten bei ihnen.�
�Ehrlich gesagt habe ich keine Lust, es mir mit ihnen zu verscherzen.�
�Das rate ich dir auch nicht.�
�Nein?�
Ich sch�ttelte den Kopf. �In Zukunft muss jeder meiner Freundanw�rter erst von ihnen beschnuppert und f�r akzeptabel befunden werden.�
�Freundanw�rter?� Er l�chelte herausfordernd.
�Wenn du nicht aufpasst, streiche ich dich gleich wieder von dieser Liste.�
Wir grinsten einander an und ein angespanntes Schweigen entstand.
�Morgenabend ist auch nicht so wichtig�, sagte er dann. �Ich w�rde dich nur gerne Samstag sehen. Ich habe Karten f�r den Ronnie Scott�s Club. Es tritt anscheinend irgendeine amerikanische Newcomerin auf.�
Ich antwortete nicht, sondern sah ihn einfach nur an.
�Was ist?�
�Wieso tust du das alles?�
�Was?�
�Du behandelst mich wie eine Prinzessin; und das bin ich nicht gew�hnt, besser gesagt: das habe ich nicht verdient.�
�Allein ich entscheide dar�ber, was ich alles f�r dich tue und was du meiner Meinung nach verdient hast.�
�Aber ich f�hle mich nicht gerade wohl dabei�, antwortete ich. �Ich wei� nicht, wie ich mich je revanchieren...�
�Das brauchst du auch nicht�, unterbrach er mich. �Aber wenn du unbedingt m�chtest, w�sste ich einen Anfang.�
Er ergriff meinen Nacken und zog mich dicht an sich heran. Blitzschnell beugte er sich herunter und k�sste mich. Sanft, nicht zu trocken, nicht zu feucht.
Ich sah ihn fassungslos an. �Du hast es schon wieder getan...�
�Na, so schlimm war es doch aber nicht, oder?�
�Was denkst du dir eigentlich? Glaubst du, dass das eben...�
Weiter kam ich nicht. Er hatte mich wieder an sich gezogen und verpasste mir einen l�ngeren Kuss. Noch immer hielt er mich im Genick wie ein gefangenes Kaninchen.
�So schnell wirst du mich nicht los�, hauchte seine Stimme und wieder k�sste er mich.
Und dann sprang mal wieder dieser ber�hmte Funke �ber. Wir k�ssten uns weiter, ich wehrte mich nicht mehr dagegen und Ben lie� meinen Nacken los und seine H�nde wanderten zu meiner Taille hinunter. Ich lie� zu, dass er mich noch dichter an sich zog. Was soll ich sagen? Es war einfach phantastisch! Ich klammerte mich nun meinerseits an ihn. Was war nur los mit mir? Wenn ich ehrlich zu mir war, hatte ich das Ganze nicht gewollt. Doch nun k�ssten wir uns und in Gedanken bat ich Ben, blo� nicht aufzuh�ren. Doch als es fast schon in die Gefahrenzone �berging, lie� er von mir ab.
�Ich rufe dich morgen an, ja?�
Ich nickte lediglich. Die Aktion von eben hatte mir die Sprache verschlagen. Ich sah zu, wie in der entgegengesetzten Richtung von Notting Hill verschwand und ging verwirrt nach oben in die Wohnung.
Was war eben geschehen? Weshalb war es geschehen? Ich blickte mich in der Wohnung um, doch von Simon war weit und breit keine Spur. Also ging ich zur�ck in die K�che, machte mir einen Tee und setzte mich mit diesen auf den Balkon, die Sterne betrachtend und verw�nschte David, weil er nicht hier war, um sich meine Seelenpein anzuh�ren. Ich begriff das Ganze nicht. Ich hatte Ben zuvor gek�sst und gesp�rt, dass ich ihn nicht liebte. Doch was hatte ich nun gesp�rt? Hatte ich �berhaupt etwas anderes gef�hlt als seine weichen Lippen, seine zarten Ber�hrungen? Mein Gehirn hatte irgendwie abgeschalten und ich war zu nichts anderem mehr f�hig gewesen als seine K�sse zu erwidern. Aber wieso? Und wieso hatte Orlando zur�ckgerufen? Auf was war er aus? Freundschaft? Liebe? Sex? W�hrend sich diese Gedanken in mich hineinfra�en, blickte ich in den Himmel.
Was hast du jetzt wieder mit mir vor? Was ist dein Plan?
Gott antwortete mir nicht.
Typisch Mann! Wenn man dich braucht, bist du nicht da! 1
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