Part 34


Falling

Ich erwachte ohne die Augen zu �ffnen. Lag einfach nur da und war bei Bewusstsein. Meine Atmung hatte wieder einen gleichm��igen Rhythmus angenommen, die Schmerzen hatten nachgelassen. Nur an meinem linken Arm piekte etwas. Vorsichtig �ffnete ich die Augen, schloss sie daraufhin wieder. Kaltes, k�nstliches Licht schien auf mich herab. Ich wandte den Kopf zur Seite und �ffnete die Augen erneut. Es dauerte, bis das Gesehene scharf wurde. Ebenso dauerte es, bis ich mich erinnern konnte. Erinnern an das, was geschehen war. Ich war zusammengebrochen. Im Badezimmer zusammengebrochen nachdem ich versucht hatte, mir selbst zu helfen. Ein Schuss, der wohl nach hinten losgegangen war. Simon war bei mir gewesen und hatte sich um mich gek�mmert. Ich erinnerte mich daran. Wieder stach etwas meinen Arm. Ich wollte nachsehen, doch sowohl den Arm wie auch meinen Kopf anzuheben, gelang mir nicht. Ich neigte den Kopf lediglich ein St�ck weiter nach unten und blickte auf den schmerzenden Arm. Ein Pflaster bedeckte die Armbeuge, ein Schlauch ging darunter hervor. Ich versuchte ausfindig zu machen, woher dieser kam. Er f�hrte zu einer Infusion. Vor Anstrengung schloss ich die Augen und atmete tief durch. Ich f�hlte mich wie in einem dichten Nebel. Ich atmete weiter und konzentrierte mich auf meinen K�rper, der langsam aus seiner Starr- und Taubheit erwachte. Meine linke Hand f�hlte sich w�rmer an als die andere. Etwas strich �ber sie hinweg, hielt sie. Erneut �ffnete ich meine Augen und richtete meinen Blick auf die Stelle, an welcher ich meine Hand vermutete. Jemand hielt sie. Ich blickte weiter nach oben. Wieder nahm es Zeit in Anspruch, bis sich die Umrisse kl�rten und zu einer Person verschmolzen, die auf einem Stuhl neben dem Bett sa�. Sie bemerkte, dass ich wach war und rutschte ein St�ck n�her, ohne meine Hand loszulassen.
�Hey�, sagte eine m�nnliche Stimme leise.
�Hi�, antwortete ich kaum h�rbar, da mein Mund ausgetrocknet war.
Ich schloss die Augen und sah ihn dann wieder an. Er sah m�de aus, als h�tte er mehrere Stunden nicht geschlafen, aber er l�chelte. Mein Versuch sein L�cheln zu erwidern, schlug fehl. Er bemerkte dies und dr�ckte meine Finger mit seiner Hand. Ich schaffte es, meine Mundwinkel wenigstens zu dem Ansatz eines L�chelns zu bewegen. Wieder schmerzte mein Arm. Diesmal hatte ich gen�gend Kraft, um den anderen Arm anzuheben und mit dessen Hand �ber das Pflaster zu streichen. Eine Kan�le war darunter.
�Schmerzmittel�, kl�rte Simon mich auf. �Die haben dich m�chtig zugedr�hnt. Sieh es als Gratistrip an.�
Erneut glitt ein schwaches L�cheln �ber mein Gesicht. Wir sahen uns einen Moment an. Simons Unterlippe zitterte. Er hob meine Hand an und k�sste sie.
�Mach so einen Schei� nie wieder, h�rst du?� Angst lag in seiner Stimme. �Wir brauchen dich doch. Ich brauche dich.� Er hielt meine Hand noch immer unter sein Gesicht und seine Augen wurden w�ssrig. �Verdammt, du bist wie eine Schwester f�r mich. Eigentlich bist du sogar die einzige Schwester, die je wirklich hatte.�
�Simon, es tut mir leid. Ich wollte nicht...�
�Wieso hast du es dann getan?�, fragte er mit leichter Wut. �Warum hast du nichts gesagt?�
Ich antwortete nicht, schloss die Augen abermals und atmete schwer. In meinem Kopf versuchte ich die Gedanken zu ordnen. Nach einer Weile versuchte ich mich an einer Antwort. �Ich habe es wegen euch getan.�
�Wegen uns?�
�Ich habe genau bemerkt, wie entt�uscht ihr von mir seid.�
�Und deshalb w�hlst du die feige Variante und versuchst wegzulaufen? Das zieht nicht, Yvonne. Wir werden nicht zulassen, dass du einfach abhaust und die Schuld auf uns schiebst. Nein, da musst du selber durch und nicht wir.�
�Nein, ich wollte mich nicht umbringen. Wirklich nicht. Ich habe versucht, alles in Ordnung zu bringen.� Ich sah in an und erkannte in seinen Augen, dass er zu verstehen versuchte. �Ich dachte, ich selber kann mir am ehesten helfen...�
�Aber du kannst doch nicht einfach irgendwelche Pillen einwerfen.�
�Habe ich doch auch nicht...�
�Nat�rlich nicht.�
�Ich habe nicht irgendetwas genommen, sondern das, was mir ein Psychologe wohl ebenfalls verschrieben h�tte.�
�H�tte�, wiederholte Simon. �Er h�tte es dir wohlm�glich verschrieben und dir erkl�rt, wie viel du t�glich einnehmen sollst und dir nicht geraten, die halbe Packung an einem Wochenende zu verwerten.� Sein tadelnder Blick ging in ein L�cheln �ber und er dr�ckte erneut meine Hand. �Du hast mir einen Megaschrecken eingejagt. Und der arme David erst... Aber wenn du mir schw�rst, dass du dich nicht klammheimlich aus dem Staub machen wolltest, dann glaube ich dir.�
�Das wollte ich wirklich nicht. Ich bin einmal weggelaufen...�
�Kein Grund, es nicht ein zweites Mal zu versuchen. Ich schw�re dir, wenn du so etwas noch einmal machst, werde ich dir die Arbeit abnehmen und dich eigenh�ndig erw�rgen.�
�Es tut mir so leid...� Die Kan�le piekte wieder meinen Arm und ich dr�ckte mit der Hand darauf. �Wie sp�t ist es eigentlich?�
�Frag lieber welcher Tag ist.�
Irritiert sah ich ihn an.
�Vom Montag hast du nicht mehr viel mitbekommen�, erkl�rte Simon. �Es ist halb drei. Dienstagnachmittag. Du hast bis jetzt geschlafen.�
�Und du warst die ganze Zeit �ber hier?�, fragte ich ersch�ttert.
Er nickte. �David und Rachel sind auch hier. Im Moment sind sie nur irgendwo im Krankenhaus verschollen und versuchen deinen behandelnden Arzt zu finden.�
Best�rzt sah ich zur gegen�berliegenden Wand. �Dann wart ihr alle die ganze Nacht wach...�
�Glaubst du, wir lassen dich allein? Tr�um weiter.� Wir l�chelten uns an und Simon fuhr mir mit der anderen Hand durch das Haar, beugte sich vor und k�sste meine Stirn.
Die T�r ging auf und eine junge Krankenschwester mit kurzen schwarzen Haaren und einem kleinen glitzernden Schmuckst�ck in der Nase kam herein. In ihrer Hand hatte sie ein Blutdruckmessger�t und etwas, dass nach meiner Krankenakte aussah.
�Bei solch einer Behandlung kann man ja nur genesen�, meinte sie l�chelnd und richtete sich dann an Simon, der sich wieder in den Stuhl zur�ckgelehnt hatte und ihr L�cheln erwiderte. �K�sst du etwa wieder eine Patientin aus dem Koma, Simon Cole?� Sie trat an das Bett heran.
�Solange es wirkt... Und Klagen sind mir bisher auch nicht zu Ohren gekommen. Oder h�re ich aus deiner Stimme eine Spur Eifersucht, da du noch nicht in diesen Genuss gekommen bist, Natty?� Simon sah sie forsch an.
Die Schwester tippte sich an die Stirn. �Klar. Jede Nacht tr�ume ich von nichts anderem, als von dir aus meinem Dornr�schenschlaf gek�sst zu werden. Du solltest allerdings aufpassen. Wenn unsere G�tter in Wei� erfahren, dass sie �berfl�ssig sind, da allein dein Charme gen�gt, um Todeskandidaten zur�ck ins Leben zu rufen, k�nnten sie ziemlich sauer werden und planen, dich um aller �rztewillen besser aus ihrem Arbeitsbereich zu schaffen und nach deinem Leben zu trachten.�
�Medizin gegen Wunderheiler�, grinste Simon. �Alles, was Menschen nicht begreifen, macht ihnen Angst.�
�Dann wei�t du auch, weshalb ich dich f�rchte.� Sie schlug ihm neckisch gegen die Schulter und deutete dann auf mich. �Deine Freundin?�
�Eine von vielen.�
�Du!�, emp�rte ich mich und wollte ihn ebenfalls boxen, doch hatte ich noch nicht gen�gend Kraft f�r eine solche Tat.
�Nein�, verbesserte Simon lachend. �Sie ist wie meine Schwester.� Beim letzten Wort sah er mir wieder in die Augen.
�H�tte ich an deiner Stelle nun auch gesagt�, grinste die Pflegerin und sah mich an. �Ich bin �brigens Natalie.�
Ich brachte ein schwaches und sch�chternes �Hallo� hervor. Natalie l�chelte mich an und �berpr�fte die Infusion.
�Du brauchst keine Angst haben, Muffy. Natty ist eine der besten Schwestern, die dieses Krankenhaus vorweisen kann�, sagte Simon.
�Du alter Charmeur.� Nathalie rollte theatralisch mit den Augen, wandte sich dann wieder an mich. �Ich m�chte nur eben Puls und Blutdruck messen.� Simon machte ihr Platz und ich be�ugte das junge M�dchen, w�hrend sie routinem��ig ihre Arbeit an mir ableistete. �Okay, ist alles im gr�nen Bereich. Schmerzen?�
�Ich wei� nicht genau...�, antwortete ich. Was mein K�rper f�hlte, konnte ich noch nicht ausmachen. Die Infusion schien zu wirken.
�Dann warten wir mal ab. Wenn es nicht besser wird, k�nnen wir eine weitere Infusion anlegen.�
�Natty, sie ist eben erst aufgewacht. Willst du sie in ein k�nstliches Koma versetzen?� Simon sah sie belustigend an.
�Das w�re doch f�r dich kein Problem, oder? Ein L�cheln, ein Kuss von dir und jedes M�del ist geheilt.� Sie sah ihn sp�ttisch an.
�Gewusst wie�, konterte Simon.
Natty grinste und richtete sich an mich. �M�nner... Immer ziehen sie so eine Show ab, aber in Wirklichkeit...� Sie grinste noch breiter. �Unser Simon hier gibt sich gerne als Casanova, dabei ist er total romantisch und sensibel.�
Simon err�tete leicht. �Natty, bitte...�
�Simon und romantisch?�, fragte ich. �Nie im Leben.�
�Doch, glaube es mir. Ich kenne keinen Pfleger, der sich so intensiv um die Patienten k�mmert wie er.�
�Ja, wenn es sich um h�bsche, weibliche Patienten handelt...�, warf ich ein.
�Nein�, widersprach Natty. �Er ist bei allen so hilfreich. Ich denke, er wird einmal ein sehr guter Arzt werden...�
Ich sah sie mit gro�en Augen an. �Dann sprechen wir nicht von dem gleichen Simon.�
�Nun, am Anfang war er auch noch nicht so, aber als vor einigen Monaten dieses Unfallopfer hier war, trat eine positive Wandlung ein.� Sie und Simon tauschten einen l�ngeren Blick, dann begab Natalie sich zur T�r. �Gut, ich werde Dr. Harrison mitteilen, dass Sie wach sind und er wird sicher bei Ihnen vorbeikommen.� L�chelnd lie� sie uns allein.
�Soso... Eine Freundin?�, fragte ich Simon grinsend.
�Eine von vielen�, antwortete er erneut.
Wir l�chelten einander an und ich besah nun das Zimmer. Au�er mir war kein weiterer Patient in ihm stationiert. Es wirkte kalt und unfreundlich. Ein h�ssliches Blumenbild hing an der Wand. Am Ende des Raumes befand sich ein Tisch mit einem Stuhl. �ber diesem hing ein Kleidungsst�ck, in welchem ich meine Jeans erkannte. Mit meinem freien Arm hob ich die Decke an und bemerkte, dass ich nichts weiter trug als ein j�mmerliches Krankenhaushemd. Simon beobachtete mein Tun und grinste mich an.
�Sag jetzt nicht, dass du mich ausgezogen hast.� Ich sah ihn an und sein Grinsen wurde noch am�santer. �Ich habe es bef�rchtet.�
�Brauchst dir keine Gedanken zu machen. Wir waren nicht allein.�
�Hat mich also das halbe Krankenhaus nackt gesehen?�
�Eine nackte Frau ist hier nichts besonderes�, meinte er gelangweilt.
�Simon?�, fragte ich nach einem Moment des Schweigens.
�Hm?�
�Wieso bezeichnest du mich als deine Schwester?�
�Weil du es irgendwie bist. Deshalb.�
�Aber ich in nur ich. Du kannst mich nicht �ber deine leiblichen Schwestern stellen.�
�Kann ich nicht?� Er sah mich an. �Yvonne, als ich vorhin sagte, dass du die einzige Schwester bist, die ich je hatte, da meinte ich das so.�
�Rachel und Kate sind...�
�Mit Rachel und Kate hatte ich nie so viel zu tun wie mit dir.� Er nahm seinen Blick von mir, stand auf und wanderte ziellos durch das Zimmer. �Rachel zog bereits mit siebzehn von Zuhause aus. Kate ging ebenfalls bald daraufhin und ich blieb bei meinen Eltern zur�ck. Ich war das Nesth�kchen. Es gab keinen mehr, mit dem ich h�tte reifen k�nnen. Dann haute ich ab, zu David. Kurz darauf kamst du und ich erlebte mit dir all das, was man mit Geschwistern erleben sollte. H�nseleien, K�mpfe um das Badezimmer und Diskussionen �ber Haare, die den Ausguss verstopfen, Schlachten um Essen...�
Er sah mich wieder an und ich verstand, was er mir sagen wollte. Ich hatte nicht nur eine Familie und Freunde gebraucht, sondern er ebenfalls. Langsam kam er wieder zu mir her�ber und nahm auf seinem Stuhl Platz.
�Tatsache ist, dass du f�r mich immer zur Familie geh�ren wirst.� Er ergriff meine Hand und l�chelte. �Du olle Nervkuh.�
Ein kurzes Klopfen an der T�r lie� uns aufsehen. David und Rachel betraten das Zimmer. Als sie sahen, dass ich bei Bewusstsein war, atmeten sie sichtlich erleichtert aus. Rachel blickte mich an. Tr�nen schossen in ihre Augen und sie kam zu mir, setzte sich auf den Bettrand und ergriff meine noch freie Hand.
�Wieso, Yvonne?�, fragte sie. �Wieso hast du nicht mit uns geredet?�
Ich wandte meinen Kopf zur Seite, da ich ihren Anblick nicht ertragen konnte. Mit meiner Dummheit hatte ich nicht nur mir, sondern auch meinen Freunden wehgetan. Und letzteres hatte ich nicht gewollt. Ich hatte nicht gewollt, dass sie Angst um mich hatten. Hatte nicht gewollt, dass Kummer und Sorge ihre Gesichter zeichnete. Sie in dieser Verfassung zu sehen und zu wissen, dass ich der Grund daf�r war, qu�lte mein Gewissen zutiefst.
�Warum bist du nicht zu mir gekommen?�
�Rachel, lass sie...�, versuchte Simon.
�Vertraust du mir nicht mehr?�
Ich drehte den Kopf wieder zu Rachel und sah sie an. Sah, wie Tr�nen �ber ihre Wangen glitten. Noch immer antwortete ich nicht. Dann sah ich wieder hinunter auf meine Hand, welche noch immer von Simons gehalten wurde.
�Verflucht! Warum habt ihr nicht besser aufgepasst?�, fuhr Rachel im n�chsten Moment ihre Br�der an. �Ihr habt eine gewisse Verantwortung ihr gegen�ber...�
Von meiner Hand sah ich zu David. Er hatte sich mit verschr�nkten Armen gegen die Wand gelehnt, das Gesicht nach unten geneigt und hinter seiner Hand verborgen.
�David, du hast genau gewusst, worauf du zu achten hast. Wenn es dir zu viel Arbeit war, warum hast du mir nicht Bescheid gegeben? Wie egoistisch seid ihr eigentlich, dass ihr nicht erkennt, dass eure Freunde Hilfe brauchen? Sie wohnt bei euch. Es h�tte euch auffallen m�ssen, ihr h�ttet es sehen m�ssen...�
W�hrend die Worte seiner Schwester durch den Raum klangen, sah David zum Fenster, das Kinn noch immer auf seine Hand gest�tzt. Stumm h�rten wir zu, wie Rachel weitere Vorwurfe aussprach.
�Ihr habt beide gewusst, was passieren kann und wie ihr vorzugehen habt. Schei�e! Wie oft haben wir das durchgekaut? Ich dachte, ihr h�ttet verstanden...�
�Sie h�tten nichts tun k�nnen�, fand ich meine Stimme wieder und beendete damit Rachels Anklage. �Ihr k�nnt mir nicht helfen. Das kann ich nur selber. Und ich muss es wollen. Das einzige, das ihr tun k�nnt, ist f�r mich dazusein. Und glaub mir, Rachel, das waren sie beide.�
�Das ist alles meine Schuld.� David stie� sich von der Wand ab und fuhr sich mit der Hand �ber den Kopf. �H�tte ich sie damals nur nicht mitgenommen.� Unruhig lief er vor dem Bett auf und ab.
�Vielleicht h�ttest du das wirklich nicht tun soll�, kam es giftig von Rachel. �Du h�ttest wissen m�ssen, in was f�r einer Katastrophe es enden kann. Warum hast du sie nicht weitertr�umen lassen? In ihrer eigenen Welt war sie sicher. Wieso hast du sie aus dieser herausgerissen?�
�Das spielt doch Rolle�, mischte sich Simon ein. �Wenn es nicht mit Bloom passiert w�re, dann mit einem anderen. Irgendwann w�re einer gekommen, f�r den sie ihre Angst losgelassen, ihren Halt verloren und sich fallengelassen h�tte. Ihr solltet euch lieber freuen, dass sie es geschafft hat, mal wieder aus sich herauszukommen, dass sie es gewagt hat...�
�Simon, sie hat versucht sich das Leben zu nehmen!� Rachel sah ihren Bruder entgeistert an.
�Nein, eben nicht.� Simon sah von ihr zu mir. �Sie hat versucht zu leben, sich Leben zu geben.�
Simon und ich sahen uns an und erst in diesem Moment bemerkte ich, wie er sich ver�ndert hatte, wie er sich zu einem verantwortungsbewussten jungen Mann entwickelte. Wann hatte dieser Prozess begonnen? Ich fragte mich, wie ich das hatte �bersehen k�nnen. Wie sehr musste ich von meinem Leben eingenommen gewesen sein? Auch Rachel und David sahen mit �berraschenden Gesichtern zu ihrem j�ngsten Bruder.
�Man muss manchmal erst unten sein, ehe es wieder weitergehen kann�, fuhr Simon fort und blickte mich an. �Und manchmal muss man etwas verlieren, um zu wissen, was man an ihm hatte und dass es diese Sache wert ist, weiterzumachen.�
�Aber Orlando Bloom...�
�Nein, Rachel, ich rede nicht von Bloom.� Simon richtete seinen Blick auf sie. �Sie hatte nun etwas Wunderbares; und das will sie wiederhaben. Nicht Bloom, sondern dieses Gef�hl. Habt ihr das nicht begriffen? Sie begreift es langsam, aber sicher auch.�
David und Rachel sahen mich ungl�ubig an. Ich rutschte im Bett ein St�ck tiefer und wich ihren Blicken aus.
Es klopfte an der T�r und kurz darauf wurde diese schwungvoll ge�ffnet. Ein Arzt betrat das Zimmer, nickte David, Simon und Rachel zu und l�chelte mich schlie�lich an. Simon lie� meine Hand los und stand auf. Auch Rachel entfernte sich von meinem Bett und stellte sich neben David.
�So, wie ich h�rte, sind wir wach.�
�Mehr oder weniger�, antwortete ich dem Arzt, der inzwischen einen Optiplan auf den Fu�rahmen des Bettes gelegt und diesen aufgeklappt hatte. Auf meine Antwort hin l�chelte er erneut und warf sodann einen Blick auf meine Daten. Dann sah er auf, deutete mit einer Kopfbewegung auf meine Freunde und blickte mich fragend an.
�Sie k�nnen bleiben�, beantwortete ich seine nicht ausgesprochene Frage.
�Okay�, nickte der Arzt. �Dann m�chte ich mich zun�chst vorstellen. Mein Name ist Dr. Harrison und ich werde heute Abend Dienst auf dieser Station haben.� Er warf einen erneuten Blick in die Akte. �Sie sind Miss Marx?�
Ich nickte. �Na sch�n�, fuhr er fort. �Wie ich sehe, sind Sie gestern Nachmittag mit einer �berdosis Depressionshemmer eingeliefert worden. Es erfolgte eine Magenentleerung und Behandlung mit Schmerzmitteln... Wie f�hlen Sie sich?�
�Als h�tte mich ein LKW �berrollt.�
�Ist ein gutes Zeichen.� Er l�chelte freundlich. �Aufgrund der Wirkung des von Ihnen genommenem Pr�parates ist Ihr Kreislauf ziemlich durcheinander gekommen, was zu Herzrasen und Schwindel gef�hrt hatte. Auch die Kr�mpfe sind darauf zur�ckzuf�hren. Ihre Werte sind soweit normal und das Unwohlsein wird auch wieder nachlassen. Es handelt sich nur Nachwirkungen der medikament�sen Behandlung.�
�Wann kann ich nach Hause?�, unterbrach ich seine Diagnose.
�Ich w�rde Sie ehrlich gesagt zur Beobachtung gerne noch hier behalten.�
�Wo ist das Problem, Dr. Harris? Wenn es ihr soweit wieder gut geht, k�nnen wir uns Zuhause genauso um sie k�mmern.�
Der Arzt sah zu Simon, der ihn angesprochen hatte. �Simon, es geht mir mehr um den psychischen Zustand deiner Freundin. Ich habe Bedenken, dass es richtig w�re...�
�Wieso psychischer Zustand? Ich verstehe nicht...� Panisch sahen ich den Arzt an und mir d�mmerte, worauf er hinauswollte. �H�ren Sie, es war kein Suizidversuch.�
�Es w�re trotzdem zu fr�h, Sie nun zu entlassen. Sie sind schlie�lich eben erst aus zu sich gekommen... Ich m�chte die Beurteilung eines Kollegen aus der Psychiatrie einholen und dazu muss dieser sich zun�chst mit Ihnen unterhalten und ich sehe vor Morgen keine M�glichkeit f�r dieses.�
�Bitte, ich will nur nach Hause.�
Dr. Harrison und meine Freunde sahen mich an. Rachel nahm als erste ihren Blick von mir, ihr folgte Simon. Auch David wandte sich ab. Ich richtete mich an ihn.
�David, bitte, ich wollte mich nicht umbringen. Das ist absurd, du musst mir glauben.�
�Ich wei� nicht, was ich dir noch glauben kann�, antwortete er leise. �Du bel�gst dich schlie�lich auch selbst, wieso solltest du dann ausgerechnet zu uns ehrlich sein? Ich glaube, dass es besser w�re, wenn du die Nacht �ber hier bleiben w�rdest.�
Mein Augen weiteten sich noch panischer.
�Nur um sicher zu gehen�, sagte David.
Simon trat wieder an das Bett. �Muffy, es handelt sich doch nur um eine Nacht. Morgenfr�h sprichst du mit diesem Seelendoktor und dann darfst du wieder nach Hause.�
�Und wenn nicht?�
�Wir k�nnen Sie nicht gegen Ihren Willen festhalten, Miss Marx�, erkl�rte Dr. Harrison. �Ich kann Ihnen wirklich nur raten, hier zu bleiben. Schlie�lich wollen wir keine gesundheitlichen Risiken eingehen und sicher sein, dass Ihr K�rper keinen weiteren Schaden genommen hat.�
�Aber was ist mit meinen Pr�fungen?�
�Yvonne�, sprach Rachel beruhigend. �Timothy wei� Bescheid. Er wollte heute mit den Professoren reden. Du wirst die Pr�fungen einfach zu einem sp�teren Zeitpunkt wiederholen m�ssen.�
�Deine Jahresarbeiten kann ich f�r dich abgeben�, schlug Simon vor.
�berzeugen konnten Dr. Harrison und meine Freunde mich nicht, aber mir blieb keine andere Wahl. Ich w�rde die Nacht im Krankenhaus verbringen. Dr. Harrison verabschiedete sich freundlich und erkl�rte mir, dass er am n�chsten Tag einen Kollegen vorbeischicken w�rde und dass f�r irgendwelche Fragen die Schwestern zur Verf�gung st�nden. Als er gegangen war, berieten wir, wie es in Zukunft weitergehen sollte. Meine gr��te Angst war, dass David mich nicht mehr wollen w�rde, dass es ihm zu viel mit mir sein w�rde. Doch er sagte nichts dergleichen. Eigentlich sagte er gar nichts, sondern stand abseits mit zum Fenster gewandten Blick, w�hrend Simon Rachel und mir erl�uterte, dass er sich bei seinen Kollegen nach einem guten Psychotherapeuten erkundigen w�rde. Auch hierbei hatte ich keine Stimme. Meinen weiteren Weg nahmen meine Freunde in die Hand. Es war bereits nach sechs Uhr abends, als David, Rachel und Simon aufbrachen. Simon versprach mir, am n�chsten Morgen gleich bei mir vorbeizukommen und fragte mich, wo in meinem Zimmer er die Arbeiten finden k�nnte. Ich sagte ihm wo und dass er aufpassen m�sste, dass alle Referate vollst�ndig w�ren. Rachel verk�ndete, dass auch sie morgen kommen w�rde. David sagte nichts. Nachdem sie gegangen waren, nickte ich wieder ein und erwachte, als es an der T�r klopfte. Es waren Amber, Timothy und Richy. Bleich und �ngstlich setzten sie sich zu mir. Tim berichtete, dass ich in der kommenden Woche bereits einen Nachtermin f�r die Pr�fungen bekommen k�nnte. Wenn dies zu fr�h sei, best�nde noch die M�glichkeit auf einen weiteren Ende des Sommer. Anscheinend war ich nicht die einzige, die erkrankt war.
�Ich habe Andr� angerufen�, sagte Amber, nachdem wir uns schon etwas unterhalten hatten. �Er hat versprochen zu kommen. Und er wird Orlando anrufen. Ich wollte dies ja selber machen, aber ich wei� nicht, wie ich ihn erreichen kann.�
Ich schluckte und sah sie aus m�den Augen an. �Glaubst du, er wird kommen?�
�Wenn nicht, dann pr�gle ich ihn pers�nlich her.�
�Ben ist ebenfalls in gro�er Sorge um dich�, meinte Timothy.
�Ich w�rde es ihm nicht �bel nehmen, wenn er dies nicht w�re�, antwortete ich.
�Es tr�gt dir dein Verhalten nicht nach.� Amber l�chelte. �Er m�chte nur, dass du wieder mit ihm sprichst. Yvonne, er mag dich wirklich sehr. Er w�re eben am liebsten mit hierher gekommen.�
Sie ging kurz darauf, da ich zu m�de und ersch�pft war, um eine l�ngere Unterhaltung zu f�hren. Natalie kam noch einmal in das Zimmer und brachte mir eine weitere Infusion. Mitten in der Nacht erwachte ich. Gedanken und Erinnerungen jagten mich. In ihrer eigenen Welt war sie sicher, hatte Rachel zu David gesagt. Meine Welt... Eigentlich lebe ich seit Jahren zwei Leben. Eines in der Welt, in der ich lebe, in der wir alle leben, und eines in meinem Kopf. In meiner eigenen Welt geschieht alles so, wie ich es mir w�nsche. In meiner eigenen Welt liebt Orlando mich noch immer. In meiner eigenen Welt bin ich gl�cklich. Diese Welt hat es schon immer gegeben und wann immer ich mich einsam und traurig f�hle, entschwinde ich in diese. Es ist eine Welt, die nicht verletzte, die nicht mit Grausamkeiten best�ckt ist. Ich bin gerne in dieser Welt, obgleich ich sie nicht mehr zu oft aufgesucht hatte, nachdem Orlando in mein wahres Leben getreten war. Vielleicht h�tte ich wirklich in meiner Welt bleiben sollen? Ich w�rde mich zwar hinter Tr�umen verstecken, aber es ginge mir gut. Die Yvonne in meiner Welt ist einfach perfekt und nicht solch ein Wrack, wie die wahre Yvonne. In jener Nacht weinte ich wieder. Doch meine Tr�nen flossen nicht f�r Orlando. Nein, ich weinte allein wegen mir.


Simon kam am n�chsten Morgen vor Beginn seiner Schicht bei mir vorbei und brachte Wechselw�sche und Waschutensilien. Er berichtete mir, dass er am Vorabend all meine Unterlagen gefunden hatte und David sie noch heute Vormittag im College abgeben w�rde. Diese Nachricht beruhigte mich. Der Vormittag im Krankenhaus verging wie im Zeitlupentempo. Es kam eine Truppe �rzte, die mich alle neugierig besahen und letztendlich kam ein Psychologe namens Dr. Taylor, der immerhin fast eine Stunde mit mir sprach. Am Ende des Gespr�chs �u�erte er, dass er keine Bedenken h�tte und meinen behandelnden Arzt mitteilen w�rde, dass ich am n�chsten Tag entlassen werde k�nnte. Das Krankenhaus k�nne schlie�lich nichts mehr f�r mich tun.
Simon kam so oft es seine Arbeit zulie� auf meiner Station vorbei und zeigte sich beruhigt, als ich ihm sagte, dass ich morgen wieder nach Hause k�nne. Doch eigentlich verbrachte ich den Tag mit warten. Ich wartete auf jemanden...
Vor lauter warten war ich eingeschlafen und als ich am Nachmittag erwachte, sa� David auf einem Stuhl neben mir. Er hatte den Kopf in seine Hand gest�tzt und schien ebenfalls zu schlafen. Ein Buch lag in seinem Schoss. Ich rieb mir die Augen und richtete mich auf. Wie sp�t es wohl sein mag? Ratlos sah ich mich im Zimmer um. Auf dem Schr�nkchen neben dem Bett stand eine Vase mit Blumen. Nach einer Karte suchte ich vergebens. David schlief noch immer. Ich betrachtete ihn f�r einen Moment und fragte mich, womit ich Freunde wie ihn verdient hatte. Wenn es etwas Gutes in meinem Leben gibt, dann sind es die Coles. Mein Blick wanderte hinunter auf das Buch. Es handelte sich um einen Roman von Una Troy. Eine nette kleine Familie. L�chelnd fasste ich nach dem Buch und als meine Hand Davids ber�hrte, schreckte dieser auf.
�Entschuldige�, sagte ich und zog meine Hand zur�ck.
�Hallo, wieder wach?�
�Du anscheinend auch.�
�Muss eingenickt sein.�
�Bist du schon lange hier?�
David streckte sich und sah dann auf seine Armbanduhr. �Es geht. Allerdings hast du geschlafen, als ich gekommen bin.�
�Geh doch nach Hause, wenn du m�de bist. Viel Schlaf hattest du letzten Tage schlie�lich nicht.�
�Ich glaube, die einzige Person, die nicht �ber Schlafmangel klagen kann, bist du.�
Ich l�chelte ihn z�gernd an, deutete auf die Blumen. �Hast du die mitgebracht?�
�Seh ich so aus? Nein, Ben hat sie dir gebracht. Er war vorhin da, aber du hast geschlafen.� Er sah kurz durch das Zimmer. �Du darfst morgen nach Hause?�
�Ja�, antwortete ich und fuhr mit der Hand �ber das Pflaster, unter welchem noch immer die Infusionsnadel steckte. �Oder m�chtest du das nicht?�
�Nein, kein Problem.�
�Hast du meine Jahresarbeiten...�
�Ja, ich habe sie abgegeben. Deine Professoren w�nschen dir alle gute Besserung und meinen, du sollst dir Zeit lassen.�
�Ich m�chte die Pr�fungen aber so bald wie m�glich hinter mich bringen. N�chste Woche w�re laut Tim der n�chste Termin.�
�Schaffst du das?� Zweifelnd sah er mich an.
�Ich will es schaffen.�


Andr� und Orlando waren nicht gekommen. Donnerstagvormittag holte David mich vom Krankenhaus ab. Wir fuhren nicht sofort nach Hause sondern erst zum College. Im Sekretariat meldete ich mich zur�ck und lie� mich f�r den Nachtermin f�r die n�chste Woche eintragen. Als wir das Geb�ude verlassen wollten, endeten gerade die Vorlesungen und wir liefen Tim, Matt und Bradley �ber den Weg. Auch Jessica kam hinzu. W�hrend ich mich mit ihnen unterhielt, verweilte David im Hintergrund und wartete.
Anschlie�end fuhren wir in die Innenstadt. Ich musste bei meinem Hausarzt, bei welchem ich seit meiner Ankunft in London lediglich einmal gewesen war, eine �berweisung f�r eine Weiterbehandlung abholen. Mit dieser gingen wir zu dem von Simon erw�hlten Psychologen. Dr. Steven Fleming. Ich bekam ihn nicht zu Gesicht, aber einen Termin f�r den kommenden Mittwoch. Es war bereits Mittag, als wir endlich den Heimweg antraten und zu allem �bel streikte die U-Bahn. Uns blieb nichts anderes �brig, als einen Bus zu nehmen. Am Trafalgar Square mussten wir aussteigen und auf den n�chsten Bus nach Kensington warten. Es herrschte eine dr�ckende Hitze und erneut �berkam mich �belkeit und Schwindel. David dirigierte mich zu einem der Brunnen, hie� mich an sitzen zu bleiben und verschwand. Als er zur�ckkam, hatte er eine Flasche Wasser dabei. Er trank einen Schluck, sah �ber den Platz hinweg und hielt mir die Flasche entgegen.
�M�chtest du?�
�Hm.�
�Du siehst schrecklich aus�, meinte er, w�hrend er mich beim Trinken beobachtete.
Ich l�chelte gequ�lt und sah �ber die Menschen hinweg zu National Gallery. �David, bitte gib dir nie wieder Schuld f�r das, was ich tue. Egal was Rachel sagt, du hast nichts Falsches getan.�
Er nickte und setzte sich neben mich. �Dann gib du mir bitte auch nie wieder das Gef�hl, als w�re es meine Schuld.�


Zuhause ertr�nkte ich mich erst einmal nahezu unter der Dusche und fluchte �ber den Bluterguss, welchen die Infektionsnadel in meiner Armbeuge hinterlassen hatte. David hatte sich den Tag bei Aaron freigenommen und k�mmerte sich an meiner Stelle um den Haushalt. Ich wollte ihm helfen, doch gegen seinen Dicksch�del kam ich nicht an. So begab ich mich in mein Zimmer, legte mich in mein Bett und d�ste zu Musik von Enya vor mich hin. Als mir dies zu langweilig wurde, ging ich zu David. Er sa� im Salon und telefonierte. Eigentlich hatte ich gleich wieder kehrtmachen und ihn nicht st�ren wollen, aber er hielt mich mit seinem Blick zur�ck. Ratlos ging ich auf ihm zu und nahm das Telefon entgegen. David selber ging aus dem Zimmer und schloss die T�r hinter sich.
�Hallo?�, fragte ich in den H�rer.
�Hallo, mein M�uschen.�
�Opa!� Ich lie� mich in den Sessel fallen.
�Wenigstens kennst du mich noch, wenn du dich schon nie meldest.�
�Ich wei�, ich hatte in letzter Zeit...�
�Ist schon in Ordnung, meine Kleine�, sagte mein Gro�vater. �David hat mir schon erz�hlt, womit du in letzter Zeit besch�ftigt warst.�
�Ach, hat wer das?�
�Ja, hat er. Du erz�hlst mir schlie�lich gar nichts mehr von dir. Ich wusste noch nicht einmal, dass du ein Freund hattest und nun erhalte ich Montagabend diesen Anruf und erfahre, dass du im Krankenhaus bist.�
�Opa, es ist so viel passiert...� In den n�chsten Minuten setzte ich meinen Gro�vater von all dem in Kenntnis, was um mich herum geschehen war. N�mlich von Orlando. Ich erz�hlte ihm von unserer ersten Begegnung, dem Frankreich-Wochenende und von unserer Trennung. Er unterbrach mich nicht, h�rte zu und am Ende meines Berichtes seufzte er leise.
�Kein Wunder, dass du ihn mir nie vorgestellt hast... Ein Schauspieler...�
�Bist du mir b�se?�
�Nat�rlich nicht. Ich scheine mit diesem jungen Mann nicht sehr viel verpasst zu haben und da du nicht einmal mit ihm zu mir nach Deutschland gekommen bist, war er mit Sicherheit nicht der richtige f�r dich.�
�Wenn es so jemanden �berhaupt gibt.�
�Du machst dir das Leben nur selber schwer. Aber das hast du schon immer getan. Du bist so sehr auf der Suche, dass deine Augen gegen�ber allem anderen verschlossen bleiben. Du bemerkst gar nicht, was du eigentlich alles hast.�
Ich schwieg.
�Ich f�rchte, dass wir uns �bernommen haben. London ist einfach zu viel f�r dich. Yvonne, m�chtest du nach Hause kommen?�
Ich atmete tief durch und antwortete ihm mit entschlossener Stimme. �Ich bin Zuhause. Ich bin einmal vor meinem Leben weggelaufen. Noch einmal werde ich das nicht tun. Diesmal nicht.�


Mich hatte der Ehrgeiz gepackt. Wo ich ging und stand, wiederholte ich Vokabeln, konjugierte diese und sprach Grammatikregeln vor mich hin. Ich wollte diese Pr�fung bestehen und erfolgreich abschlie�en. Nicht nur um meinen Freunden zu beweisen, dass ich mein Leben leben konnte, sondern auch mir selber. In einer Woche w�rde der Nachtermin der Pr�fungen sein. Viel Zeit blieb mir nicht, um mich vorzubereiten, aber ich wusste, dass ich es schaffen konnte. Den ganzen Tag schon hatte ich gelernt. Ich hatte nicht einmal das Haus verlassen, sondern mich mit meinen B�chern in der K�che verbunkert und die Texte studiert. Alles war momentan bedeutungslos. Der Haushalt, meine Arbeit, mein Aussehen... Es war mir egal, dass ich mit zwei verzottelten Z�pfen und meiner alten Jeanslatzhose nicht gerade ein attraktives Wesen darstellte. Wichtig war nur, dass ich den Stoff f�r die Pr�fung intus hatte.
Ich wanderte gerade mit meinem Englischbuch in der Hand zwischen K�che und meinem Zimmer umher, als die T�rklingel l�utete. Ohne das Konjugieren zu unterbrechen, lief ich zur Sprechanlage.
�Ja?�
�Hey, ich bin es. Darf ich f�r einen Krankenbesuch nach oben kommen?�
Mir wurde ganz warm, als ich die Stimme h�rte. Zulange hatte ich sie nicht mehr geh�rt.
�Nat�rlich�, lachte ich erfreut in die Sprechanlage und dr�ckte den Summer. Ich legte das Buch auf die Kommode neben der T�r und trat in den Hausflur. Dort lehnte ich mich gegen das Gel�nder und sah die Treppen hinunter. Endlich kam er in mein Blickfeld, selber bemerkte er mich erst, als er den letzten Treppenabsatz zu unserer Wohnung bestieg. Er hielt einen Augenblick in seiner Bewegung inne, l�chelte mich an und kam dann mit raschen Schritten zu mir herauf.
�Hallo Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf�, grinste er und fasste nach einem meiner Z�pfe, w�hrend er den Rest meiner Gestalt begutachtete. �Entschuldige, dass ich so sp�t komme, aber ich konnte nicht eher.�
�Hallo Andr�, erwiderte ich seine Begr��ung. �Es z�hlt f�r mich nur, dass du �berhaupt gekommen bist.�
Wir l�chelten uns noch einen Augenblick an und umarmten uns schlie�lich.
�Mensch M�dchen, was machst du nur f�r Sachen?� Andr� musterte mich noch immer. �Man kann auch auf andere und ungef�hrlichere Art und Weise Aufmerksamkeit bekommen. Du musst dich nicht gleich umbringen.�
�Ha ha.� Grinsend begab ich mich in die Wohnung. Andr� folgte mir. �M�chtest du original britischen, �berzuckerten Tee?�, fragte ich ihn �ber meine Schulter hinweg.
�Dazu sag ich nie nein.�
Wir gingen in die K�che und w�hrend Andr� sich setzte, das K�se-Design der W�nde anblickte und mir erz�hlte, wann er angekommen sei, holte ich Tassen, Teebeutel, Zucker und den Wasserkocher.
�Dir geht es wirklich gut?�, fragte er.
�Ja, es geht mir absolut gut. Ich habe nur Unmengen zu lernen und muss aufpassen, dass ich vor lauter Selbstmitleid nicht wieder den Halt verliere.� Ich stellte die Tassen klirrend auf den Tisch.
�Als Amber anrief und mir mitteilte, dass du im Krankenhaus w�rst, bef�rchtete ich das Schlimmste.�
�Dass ich mich wegen eines Mannes umbringen k�nnte? Also bitte...� Ich tippte mir an die Stirn und widmete mich wieder der Teezubereitung.
Andr� sah mich nachdenklich an.
�Atti, mach dir keine Sorgen. Ich schaffe das schon. Ich muss einfach nur wieder etwas Neues finden. Ich werde mir ein Hobby zulegen, mich ablenken... Das wird schon wieder.�
�So optimistisch wirkst du im Moment aber nicht.�
�Gib mir Zeit�, sagte ich und sah aus dem K�chenfenster. �Ich hatte einen Traum... Und nun bin ich dabei, aufzuwachen.�
�Gerade noch rechtzeitig.� Er l�chelte mich aufmunternd an und blickte dann auf meine Unterlagen, die auf dem K�chentisch verteilt lagen. �Himmel, was ist denn das alles?�
�Unn�tiges Zeug, das ich f�r die Pr�fungen k�nnen muss. Du kannst mir glauben, dass das eine Heidenarbeit ist.�
�Ich finde Arbeit faszinierend. Ich kann stundenlang dasitzen und ihr zusehen.� Andr� beugte sich flach �ber den Tisch, sah mich kurz an und begann, Grimassen zu schneiden.
�Du Spinner�, lachte ich ihm zu und wandte mich an den Teekocher, dessen rote Lichtanzeige erlosch.
Andr� beobachtete mich, als ich mit der Kanne zum Tisch kam und Wasser in die beiden Tassen goss. ��brigens, ich habe Orlando gesehen...�
Ich stoppte f�r einen Moment. �Tot auf der Stra�e?�
�Yvonne, solltest du Orlando nicht langsam...�
�Orlando wer?�, unterbrach ich ihn grob. �Sorry, nie geh�rt, nie gekannt.�
�Du nimmst es ihm also ziemlich �bel, dass er nicht zu dir ins Krankenhaus kam?�
�Wie kommst du darauf?� Gleichg�ltig zuckerte ich meinen Tee, lie� meine Wut aber schlie�lich doch raus. �Nat�rlich bin ich sauer! Andr�, es ist nicht gerade so, als ob er nichts mit der ganzen Situation zu tun h�tte. Ich verstehe ja, dass er wegen des Drehs nicht einfach mal eben herfliegen konnte, aber er h�tte anrufen k�nnen.�
�Yvonne...�
�Aber nein, er hat mich wohl schon l�ngst vergessen und auf seiner Verflossenenliste abgehakt. Ich bin ihm doch schei�egal�, maulte ich.
�Yvonne�, versuchte Andr� es erneut. �Er wollte kommen, aber ich habe ihm gesagt, er solle dies nicht tun.�
Klappernd landete mein L�ffel auf dem Tisch und ich sah mein Gegen�ber entgeistert an. Dieser seufzte, zuckerte gelassen seinen Tee und lehnte sich in den Stuhl zur�ck.
�Gleich nach Ambers Anruf rief ich in Australien an. Ich sagte, dass es sich um einen Notfall handelte und deshalb stellte man mein Gespr�ch sofort zu ihm durch.� Er machte eine kurze Pause. �Orlando wirkte �berrascht, als er meine Stimme h�rte und fragte, was los w�re. Ich sagte ihm, dass ich ihn ganz gewiss nicht aus banalen Gr�nden bei der Arbeit st�ren w�rde... Und wei�t du, was er daraufhin erwiderte?�
�Nein.� Ich sch�ttelte den Kopf.
�Er sagte: Es ist wegen Yvonne, ist es nicht so? Sag schon, ist sie okay?�
Ich klammerte mich an meiner Tasse fest und lie� Andr� nicht aus den Augen.
Er nahm nun einen Schluck aus seiner Tasse und sah zum Fenster. �Ich sagte ihm, was ich wusste. Dass du im Krankenhaus w�rst, dass du keine leichte Zeit hinter dir h�ttest...� Er blickte zu mir. �Orlando meinte, dass er sofort aufbrechen wolle, doch ich bat ihn darum, nicht zu kommen.�
�Ich verstehe nicht...�
�Yvonne, nat�rlich w�re es dir schlagartig von einer Minute auf die andere besser gegangen, wenn du erwacht w�rst und Orlando an deinem Bett gesessen h�tte.�
Ich nickte zur Best�tigung seines Verdachts an die hundert Mal.
�Siehst du? Aber was h�tte das gebracht? Orlando w�re aus Mitleid und Reue bei dir gewesen. H�ttest du das gewollt?�
Ich senkte den Kopf.
�Ich behaupte nicht, dass er nur wegen eines schlechten Gewissens gekommen w�re, aber es w�re zu fr�h gewesen. Ihr braucht beide noch Zeit, das Ganze zu verarbeiten.�
�Wieso zu fr�h?�, fragte ich trotzig.
�Was w�re wohl passiert?�
�Vielleicht h�tten wir endlich miteinander geredet.�
�Du wei�t, worauf Unterhaltungen mit Orlando hinauslaufen k�nnen?�
Ich l�chelte zaghaft und erinnerte mich an die kleinen Streitereien zwischen Orlando und mir. Ich musste zugeben, dass wir selten zu einem Ergebnis gekommen, sondern meistens im Bett gelandet waren.
Andr� sah mich siegessicher an. �Ihr h�ttest wohlm�glich mit dem Spiel erneut begonnen und am Ende w�rt ihr beide wieder Verlierer gewesen.�
Ich nickte und blickte durch die K�che. Andr� hatte Recht. Das Leben ist kein Liebesfilm. Orlando h�tte an meinem Bett sitzen, ich erwachen und wir uns in die Arme fallen k�nnen. Der Film w�re zu Ende, aber das Leben nicht. Wie w�re es weitergegangen? Eine �berdosis Antidepressiva radiert nicht die Vergangenheit aus und diese ruht bekanntlich nie. Nein, w�re Orlando bei mir gewesen, h�tten wir uns wohl zu sehr von unseren Gef�hlen leiten lassen, welche in diesem Moment aus Sorge, Reue und Mitleid bestanden h�tten. Und was dann, wenn uns das Vergangene wieder eingeholt h�tte? Die b�sen Worte, die Vorw�rfe, die Anschuldigungen...
�Du bist doch ein kluges M�dchen�, holte Andr� mich aus meinen Gedanken zur�ck.
Ich l�chelte gequ�lt. �Aber manchmal lohnt es sich nicht, klug zu sein.�
�Ich wei�... Der Kl�gere gibt nach und der Dumme gewinnt am Ende. Die Welt ist nicht gerade sehr gerecht.�
�Wem sagst du das?�
�Aber nun sag mal, was gibt es sonst Neues? Arbeitest du noch im Diners?�
�Leider ja. Und noch immer bekomme ich ein lausiges Gehalt. So verschuldet wie ich bei meinen Freunden bin, bleibt mir kaum noch selber etwas davon �brig.�
�Nun �bertreib mal nicht�, meinte Andr�. �Du bist schlie�lich nicht Trisha, die sich jede Woche neue Schuhe kauft und unsinnige Geldausgaben hast du auch nicht.�
�Die habe ich nicht, weil ich sie mir nicht leisten kann.�
�Aber du lebst doch nicht �ber deine Verh�ltnisse?�
Ich grinste ihn an. �Wie hat Cummings so sch�n gesagt: Ich lebe so �ber meine Verh�ltnisse, dass man fast sagen k�nnte, dass wir getrennt leben. Nein, Andr�, ich �berlege mir eben zweimal, f�r was ich mein Geld ausgebe.�
�Wird ja aber kein Dauerzustand sein.�
�Das hoffe ich auch.�
�Yvonne, da w�re noch etwas...�
�Hm?�
�Ich sagte doch vorhin, dass ich Orlando gesehen habe.� Er sah mich unsicher an. �Das war vorhin. Er ist hier in London.�
Mein Herz rutschte durch meinen Brustkorb zu meinen Zehen. �Er ist hier?�
Andr� nickte. �Ja. Er hat zwar sein Versprechen mir gegen�ber gehalten und ist nicht zu dir ins Krankenhaus gegangen, aber er ist zur�ck.�
�Wie zur�ck? Ist der Dreh beendet? Bleibt er nun wieder hier?� Meine Stimme �berschlug sich nahezu vor Aufregung.
�Ich wei� es nicht. Yvonne, ich m�chte nicht, dass du dich bei ihm meldest. Was ich vorhin sagte, meinte ich ernst. Ihr braucht noch Zeit.�
�Verdammt Andr�! Wieso sagst du mir, dass er wieder hier ist und im n�chsten Moment, dass ich ihn nicht sehen soll?�
�Weil ich fair zu dir sein m�chte�, sagte Andr�.
�Das ist aber nicht fair. Wei�t du eigentlich, wie lange ich mich schon danach sehne, ihn wiederzusehen? Jetzt ist er endlich wieder hier und du...�
�Bitte gib euch noch Zeit. Manches wird durch �bereilte Handlungen zerst�rt.�
�Und manches durch zu langes Warten vergessen.�
�Das mag sein, aber ich rate dir trotzdem, nichts zu tun und zu warten, dass er etwas unternimmt. Bisher hat er euer Verh�ltnis bestimmt, nun kannst du es tun. Wenn er sich meldet, liegen alle Entscheidungen bei dir.�
�Hat er irgendetwas mich bez�glich zu dir gesagt? Wird er mich besuchen, mich anrufen...?�
�Wir haben nicht �ber dich gesprochen.�
Ich klammerte mich erneut an meine Tasse und wich seinem Blick aus. Orlando ist wieder hier in London. Nur ein paar Stra�en weiter sitzt er nun vermutlich in seiner Wohnung und denkt eventuell an mich, so wie ich eben an ihn denke. Vielleicht wartet er auf mich? Vielleicht sollte ich einfach zu ihm gehen...
�Yvonne, lass es.�
�Was?�
�Deine Gedanken kann man lesen wie ein offenes Buch.�
�Was erwartest du von mir? Orlando ist wieder hier...� Ich brach ab und seufzte.
�Tu mir den Gefallen und lass es, ja? Es ist zu fr�h. Du musst erst einmal wieder mit dir selber klarkommen, ehe du dich ein weiteres Mal auf ihn einl�sst.�
Wir sahen einander ernst an und ich nickte.
�Ich habe trotzdem Angst�, sagte ich leise. �Angst vor mir. Angst vor ihm. Angst vor dem, was geschehen kann.�
�Eben deshalb rate ich dir, nichts zu unternehmen.�
Ich fuhr mir nerv�s durchs Haar, verbarg mein Gesicht dann in den H�nden und versuchte die Tr�nen zu unterdr�cken. Andr� beugte sich �ber den Tisch und ergriff meine Hand.
�Du bist l�ngst nicht so stark, wie du vorgibst. Und du musst dich vor mir nicht verstellen. Das wei�t du doch.�
�Ich verstehe es nicht�, antwortete ich. �Ich sollte l�ngst �ber ihn hinweg sein, aber wieso bin ich es nicht?�
�Es gibt keine Fristen f�r so etwas. Sitzt es noch so tief in dir?�
�Es geht mir gut...�, erkl�rte ich leise. �Letztendlich mache ich weiter, nehme mein normales Leben wieder auf. Es ist gar nicht so schlimm und so traurig bin ich auch gar nicht mehr. Ich bin �ber das Schlimmste hinweg und kann nicht klagen. Es schmerzt nur so, wenn ich atme. Mein Herz scheint bei jedem Schlag zu brechen und zu tr�umen wage ich nicht, da die grausame Realit�t mich verfolgt.�
Andr� sah mich an und h�rte aufmerksam zu. Ich sp�rte, wie eine Last von mir fiel. Keinen meiner Freunde hatte ich in letzter Zeit mehr �ber meine Gef�hle f�r Orlando erz�hlen k�nnen und wollen. Zu lange hatten sie mein Jammern erdulden m�ssen. Andr� hingegen war nicht hier gewesen und dementsprechend nicht von diesem Thema genervt.
�Glaub nicht, dass ich nachts im Bett liege und um ihn weine. Das ist vorbei. Ich schaue wirklich nicht mehr zur�ck...�
�Aber es holt dich noch immer ein?�
�So ist es.�
�Es wird dich auch weiterhin qu�len. Aber eines Tages wachst du auf und es ist weg, glaube mir. Nicht wirklich weg, aber du es wird dir nicht mehr so wehtun.�
Die Wohnungst�r und Stimmen rissen uns aus unserer Unterhaltung. Ich wischte mir rasch die Tr�nen aus dem Gesicht. Andr� setzte sich kultivierter auf seinen Stuhl und sah ebenso �berrascht auf wie ich, als Amber in die K�che trat. Sie sah verwundert auf meinen Besuch, brach dann in ein Quieken aus, fiel Andr� um den Hals und erkundigte sich, seit wann er in London w�re. Nach dieser Prozedur war ich an der Reihe. David erschien f�r einen kurzen Moment im T�rrahmen, begr��te Andr� knapp, aber freundlich, fragte mich anschlie�end nach dem Status meines Lernens und verzog sich in sein Zimmer.
�Wie? Habe ich irgendwas verpasst, meine Liebe, oder wieso kommst du mit Cole hierher?�, richtete sich Andr� an Amber. �Hast du ihn endlich von deinen Qualit�ten �berzeugen k�nnen?�
�Im Traum ja...�, seufzte sie. �Er nimmt mich einfach nicht wahr. Ich glaube, ich k�nnte nackt vor ihm umhertanzen und er w�rde lediglich sagen, dass ich kein gutes Aktmodell abgeben w�rde.�
�Ach Amber, fr�her oder sp�ter...�
�Eher sp�ter. Gegen diese Franz�sin habe ich nicht die geringste Chance.�
�Besser sp�t als nie.�
�Andr�, sagte ich feierlich, �du hast gar keine Ahnung, wie sehr wir dich und deine klugen Ratschl�ge vermissen.�
�Doch, ich habe Ahnung. Ich muss mir ja nur ansehen, was alles schief l�uft, seit ich fort bin.� Er sch�ttelte gespielt entt�uscht den Kopf. �Die eine von euch ist so verzweifelt, dass sie nicht einmal einen Suizidversuch hinbekommt und die andere frustriert und schafft es nicht, ihren Chef an die W�sche zu gehen. Wurde echt Zeit, dass ich komme und f�r Ordnung sorge.�
Wir sa�en noch eine ganze Weile beisammen und erz�hlten Andr�, was ihm in London entgangen sei, ebenso berichtete er uns von seinem neuen Leben in Berlin. Gegen acht Uhr brach er auf, da er noch bei anderen Freunden vorbeischauen wollte, doch wir verabredeten uns f�r Samstagabend. Ich bestand auf einen ruhigen Abend unter Freunden, Andr� akzeptierte meinen Beschluss, w�nschte sich aber, dass Timothy und Richy uns Gesellschaft leisten w�rden.
Als er gegangen war, wollte ich Amber meine Entw�rfe zeigen, an welchen ich schon seit Monaten herumwerkelte. Da ich die Unterlagen allerdings nirgendwo in meinem Zimmer auffinden konnte, wechselten wir von dort in den Salon. Wir quetschten uns zu zweit vor den PC, da sich dort noch abgespeicherte Daten befinden m�ssten. David schmunzelte bei unserem Anblick, als er von seinem Zimmer in das Bad ging. Amber wurde ganz nerv�s und rutschte unruhig auf ihrem Stuhl umher, da er nur ein paar T�ren weiter duschen w�rde.
�Stell dich halt einfach mit drunter�, neckte ich sie, w�hrend ich den PC nach meinen Dateien absuchte.
�Sehr witzig. Wei�t du, dass du voll gemein sein kannst?�
Ich nickte mit einem teuflischen Grinsen und sie stie� mir ihren Ellenbogen in die Seite. Dann widmete sie sich meinen Aufzeichnungen.
�Das ist wirklich gut�, meinte sie, nachdem sie einiges gelesen hatte.
�Denkst du?� Zweifelnd sah ich sie an. �Das sind doch nur hirnrissige Gedanken einer Psychopatin.�
�Nein, Yvonne. Du bringst nur zum Ausdruck, was meiner Meinung nach jedem Menschen im Kopf herumgeht. Willst du das ver�ffentlichen?�
�Bin ich lebensm�de? Ich bezweifle, dass mein sogenanntes Leben irgendjemanden interessieren w�rde. Das liest niemand freiwillig.�
�Ich schon.�
�Du liest es, weil ich dich darum gebeten habe.�
�Wie h�tte ich es zuvor lesen k�nnen, wenn du es geheim h�ltst?�
Das Telefon klingelte. Seufzend stand ich auf und suchte nach dem Mobilteil im Salon. Ich fand es nach zwei weiteren Klingelt�nen unter der Programmzeitschrift. Wenn ich in jenem Moment noch gehofft hatte, es k�nnte Orlando sein, so wurde ich im n�chsten entt�uscht. Es war lediglich Mike. Mit dem Telefon in der Hand schlappte ich �ber den Flur und lauschte vor dem Bad. Es war kein Wasserrauschen mehr zu h�ren, was bedeutete, dass David bereits mit dem Duschen fertig sein musste. Ich klopfte gegen die T�r und teilte ihm mit, dass Mike am Telefon sei. David rief zur�ck, er w�rde gleich kommen. So ging ich wieder in den Salon und legte das Telefon samt Mike auf dem Couchtisch ab, ehe ich mich zu Amber setzte. Sie hatte inzwischen weitergelesen.
�Hast du noch mehr geschrieben?�, fragte sie.
�Hm. Warte...� Ich begab mich in meinem PC-Ordner erneut auf die Suche. W�hrend ich dies tat, h�rte ich David kommen und das Telefon aufnehmen. �Das hier habe ich noch. Das habe ich geschrieben, nachdem ich zum ersten Mal mit Orlando ausgewesen war.�
Amber reagierte nicht. Ich sah sie an und bemerkte, dass sie wie hypnotisiert auf David starrte, der eben mit dem Telefon Richtung Bad verschwand. Diesmal boxte ich ihr in die Rippen.
�Hey, Erde an Amber. Was denn mit dir los?�
�Hast du ihn eben nicht gesehen?� Sie hatte m�he, ruhig zu sprechen.
�Nicht wirklich. Warum?�
�Oh Gott... Ich werde heute Nacht nicht schlafen k�nnen.�
�Jetzt h�r aber auf. Er war schlie�lich nicht nackt.�
�Aber fast. Ich w�rde ihm am liebsten hinterherlaufen und das verdammte Handtuch von seinen H�ften rei�en und...�
�Tu�s doch�, lachte ich. �Herrje Amber, er ist ein ganz gew�hnlich Mann, wie du ihn in jeder x-beliebigen Duschgelwerbung sehen kannst. Du tust gerade so, als w�re er ein Gott.�
�An deiner Stelle w�re ich ganz ruhig�, grinste sie zur�ck. �Darf ich dich an deine Reaktionen auf Orlando erinnern?�
�Oh weh...�
�Siehst du. Halt dich besser etwas zur�ck.� Sie erhob sich von ihrem Stuhl. �Er hat dir gegen�ber nie irgendetwas erw�hnt, ob er mich mag?�
�David? Nein, aber das hat nichts zu bedeuten. David zeigt seine Gef�hle nicht, da seine Mitmenschen sonst wohlm�glich eine Angriffsfl�che bei ihm finden k�nnten.�
�K�nntest du ihn nicht einmal aushorchen?�
�Kein Problem. Ich frage ihn einfach, ob er mit dir gehen will.�
�Bl�de Kuh�, sagte sie gespielt beleidigt. �Willst du auch noch einen Tee?�
Ich nickte. �Gute Idee. Warte, ich komme...�
�Nein�, unterbrach sie mich. �Das schaffe ich gerade noch alleine. Ich wei� ja, wo eure K�che ist.�
�Du Luder hoffst nur, ihm alleine zu begegnen.�
Sie zwinkerte mir zu und verlie� den Raum. Ich widmete mich wieder dem PC und bet�tigte per Mausklick den Drucker, da ich mein Konzept sp�ter noch einmal in Ruhe in einem Zimmer lesen wollte. Als ich Schritte h�rte, glaubte ich, Amber w�rde zur�ckkommen, doch es war David. Noch immer hatte er das Telefon in der Hand. Er durchquerte den Salon und ging zu einem der Schr�nke, suchte ein Papier aus dessen Schublade und sprach mit Mike �ber irgendein Auto. Kopfsch�ttelnd sah ich auf den Monitor. Ich konnte nicht nachvollziehen, weshalb Amber wegen David derart durchdrehte. Ich riskierte einen weiteren Blick �ber meine Schulter, da David etwas lauter zu sprechen begann. Eigentlich hatte ich meinen Blick wieder von ihm nehmen wollen, doch ich konnte es nicht. Er hatte das Handtuch inzwischen gegen Jeans gewechselt, aber sein Oberk�rper war noch immer frei. Verbl�fft sah ich David an. Seit knapp einem Jahr wohnten wir bereits zusammen, doch noch nie hatte ich ihn so zu sehen bekommen und das seltsame an der Sache war, dass mir gefiel, was ich sah. Sein Haar war bereits wieder zu einem Zopf gebunden und ich fragte mich, ob er es beim Duschen wohl auch so tragen w�rde. Blitzschnell verwarf ich diesen Gedanken und sah ihn weiter an. Er war nicht so durchtrainiert wie Simon, trotzdem wirkte er nicht schw�chlich oder schm�chtig. Sein Bauch wies keine Muskeln auf, sondern war flach und jeder seiner Atemz�ge zu erkennen. Entgegen meiner Erwartungen entpuppte sich David nicht als der gro�e, schlaksige Mann, f�r den ich ihn immer gehalten hatte. Noch immer telefonierend lief er mit nackten F��en weiter durch das Zimmer und wegen des beschissenen Klaviers konnte ich nun kaum mehr etwas von dem mir bisher Verborgenen sehen. Damit war ich nicht einverstanden. Ich ergriff mit beiden H�nden die Kante des PC-Tisches und lehnte mich samt Stuhl nach hinten, um meinen Mitbewohner weiterhin zu sehen. Ich neigte mich etwas mehr und da verlor ich den Halt und kippte mit dem Stuhl polternd zu Boden. Fluchend raffte ich mich wieder auf. David sah mich an und wusste nicht so recht, ob er lachen oder einen bl�den Spruch ablassen sollte, belie� es dann aber doch bei einem Kopfsch�tteln und erz�hlte Mike prompt, dass es mich eben vom Stuhl geschmissen hatte. Amber stand derweil mit unseren Teetassen im T�rrahmen und grinste mich an. Sie err�tete, als David an ihr vorbeiging, um sich zum Telefonieren in sein Zimmer zur�ckzuziehen. Er sah sie im Vorbeigehen an und dir Art, wie er sie ansah, sagte mir, dass er wusste, was sie f�r ihn empfand. Eine Erkenntnis, die mich nicht verwunderte.
�Was tust du denn da?� Amber stellte die beiden Tassen auf den Tisch und half mir, den Stuhl wieder aufzustellen.
�Gar nichts. Ich wollte nur mal eben sehen, weshalb du vorhin so ausgeflippt bist.�
�Und?� Sie sah mich mit erwartungsvollem Blick an.
�Ja, wirklich lecker.�
�Was, dir gef�llt er auf einmal auch?�
�Ich bin auch nur ein Mensch�, grinste ich sie an. �Sagen wir es so: Nun kann ich deine Reaktion nachempfinden.�
�Hilfst du mir also?�
�Er geh�rt so gut wie dir.�
Amber l�chelte mich zufrieden an.


Samstagnachmittag wollte ich die Mission Amber & David starten. Ich hatte meiner Freundin versprochen, David �ber sie auszuhorchen. Ich wusste, dass dies kein einfaches Unternehmen werden w�rde, aber versuchen wollte ich es. David war nicht in der Wohnung und so begab ich mich zum Laden in Kensington. Dieser war bereits geschlossen, doch David befand sich im Atelier und zeichnete. Als ich eintrat, sah er auf.
�Du traust dich wieder unter Menschen?�, fragte er.
Grinsend ging ich zu ihm und sah auf das noch leere Papier auf der Staffelei. �Was m�chtest du zeichnen?�
�Ich wei� noch nicht genau. Eigentlich m�sste ich eine beschissene Auftragszeichnung von einem noch beschisserenen Schloss machen.� Er seufzte und besah den Materialwagen neben sich.
�Keine Lust darauf? Ich dachte immer, wenigstens du h�ttest deinen Traumberuf.�
�Im Prinzip habe ich ihn. In meinem Traum sah er nur immer ganz anders aus.�
Ich lief um ihn herum und setze mich auf die Kante des Tisches, welcher mal wieder mit Malutensilien �berh�uft war. �Und wie?�
�In meinem Traum habe ich Motive gemalt, die ich wollte und wurde sehr gut f�r diese bezahlt. Nie h�tte ich gedacht, dass mir Leute einmal sagen werden, was ich zu zeichnen habe.�
�Aber du verdienst dein Geld trotzdem noch mit etwas, das dir Spa� macht.�
�Glaub mir, selbst das macht keinen Spa� mehr, wenn du es nicht so gestalten kannst, wie du m�chtest.�
Ich sah ihn nachdenklich an.
�Eines Tages wirst du verstehen, was ich meine�, fuhr er fort. �Wenn du irgendwann einmal als Journalistin arbeiten solltest und man dir pl�tzlich auferlegt, �ber was du zu schreiben hast, dann wei�t du, was ich dir sagen m�chte.�
�Ich verstehe sehr wohl, was du meinst.�
�Zwang ist das schlimmste in einem kreativen Job.�
�Ich bin mir sicher, dass deine eigenen Werke eines Tages gefragt sein werden.�
�Ja, wenn ich tot bin�, lachte er sarkastisch und ergriff einen Kohlestift vom Wagen. �Muffin, ich habe es so satt. Ich m�chte nicht mehr f�r irgendwelche Leute dumme Portraits und Landschaftsbilder anfertigen.�
�Was m�chtest du dann tun?�
�Das sagte ich doch bereits. Bevor ich weiter so eine sinnlose Arbeit verrichte, m�chte ich lieber alte Bilder restaurieren. Das ist Kunst.�
�Wenn es das ist, was du m�chtest�, l�chelte ich ihn aufmunternd an. �Wie stellst du dir das vor? Bietest du das als neuen Service im Laden an?�
�Dann bin ich nicht weiter als jetzt. Ich habe nicht Kunst studiert, um lediglich als Verk�ufer in einem kleinen Laden zu schaffen und hin und wieder ein Bild zu zeichnen. Nein, ich m�chte in einer richtigen Galerie arbeiten.�
Ich schob meinen Hintern weiter �ber die Tischkante und zog die Knie an. �David, du hast uns nie gesagt, was bei diesem Treffen herauskam, bei welchem du vor ein paar Wochen warst.�
�Du erinnerst dich daran?�
Ich nickte lediglich.
�Es ging um eine Restauratorenstelle.�
�Und?�
�Ich habe die Stelle und werde im September anfangen.�
�Aber der Laden... Gibst du das alles einfach auf? Und was ist mit deiner geplanten Ausstellung?�
�Nein, ich werde weiterhin Teilhaber sein. Ich werde nur weniger hier sein. Das ist alles. Deshalb haben Aaron und ich Amber eingestellt. Schon vergessen? Und meine Ausstellung kann ich nebenher vorbereiten. Da fehlen n�mlich noch einige Bilder oder glaubst du, dass irgendeine Galerie lediglich f�nf Bilder aufstellt?�
�Wenn das so ist...�, sagte ich. �Wieso hast du uns nichts gesagt?�
�Weil die Sache einen Haken hat.�
�Und der w�re?�
Er sah mich einen Moment an, richtete sich dann an das leere Papier.
�David?�
�Ich sage es dir sp�ter.�
�David, was ist los?�
�Es ist gar nichts...�
�Wieso sagst du es mir dann nicht einfach?�
�Sp�ter, okay?� Er sah mich gereizt an. �Ich habe keine Lust jeden einzelnen von euch davon in Kenntnis zu setzen. Ich sage es euch allen noch dieses Wochenende.�
�Wie du meinst.�
�Und nun sag du mir lieber einmal, was du im Schilde f�hrst.�
�berrascht sah ich ihn an. �Bitte?�
�Halt mich nicht f�r naiv. Ich wei�, dass deine Freundin Gefallen an mir gefunden hat.�
�Eingebildet bist du aber gar nicht.�
�Das schimpft sich Selbstbewusstsein.�
Wir schwiegen einen Moment und ich sah ihm beim Zeichnen zu. Dann sprang ich vom Tisch und stellte mich erneut neben David und den Materialwagen.
�Wenn dir aufgefallen ist, dass du Amber gef�llst, ist sie dir dann auch aufgefallen?�, fragte ich hoffnungsvoll.
�Eigentlich nicht.�
�Ich wei�, sie ist ziemlich still und...� Ich nahm einen der Pinsel vom Wagen und tunkte ihn einen Kleckser Farbrest auf der Mischpalette und dachte nach, wie ich Amber schmackhaft machen k�nnte.
�Sie interessiert mich nicht�, sagte David knapp.
�Ach nein?�
�Gut, sie sieht ganz nett aus...�
�Sie gef�llt dir also doch�, bohrte ich nach.
�Das ist nicht meine Aussage.�
�Aber du denkst es?�
�Nein.�
�Sag es!�, beharrte ich und bedrohte ihn mit dem Pinsel.
�Nein.�
�David...�
�Hast du vergessen, dass ich mit Monique zusammen bin?�
�Nein, habe ich nicht, aber Amber...�
�Nein.�
�Aber...�
�Nein.� Er drehte sich zu mir. �Sag, w�rdest du wirklich wollen, dass Amber und ich ein Paar sind?�
�Ich m�chte, dass Amber gl�cklich ist.�
�Und was ist mit mir?� Er l�chelte schief. �Pass auf, Zwerg... Du stellst dir das so wundervoll vor, aber ist dir schon in den Sinn gekommen, dass du die Verliererin w�rst, w�ren wir ein Paar?�
�Wie meinst du das?�
�Du w�rdest uns beide verlieren. Deine Freundin und mich.�
�Wieso w�rde ich euch verlieren?�, fragte ich und zog die Stirn kraus.
�Weil wir dann Zeit miteinander verbringen w�rden, Amber und ich. Zu zweit, ohne dich. Dir w�rde nicht mehr die Aufmerksamkeit zuteil kommen, die du im Moment von uns bekommst.�
�Oh...�
�Siehst du. Deshalb soll man Freunde nicht miteinander verkuppeln, auch wenn sie eventuell gut zusammenpassen w�rden.�
�Hei�t das, dass du doch interessiert w�rst?�
Er antwortete nicht, zog zum Bedauern die Mundwinkel nach unten und arbeitete weiter.
Arme Amber, dachte ich, doch noch ist die Schlacht nicht vorbei. Das einzig dumme an der Sache ist, dass David von ihren Gef�hlen wei�. Doch hat er nicht Recht? Wie w�rde es sein, wenn meine beiden besten Freunde zusammen w�ren? Nat�rlich w�rden wir weiterhin alle miteinander auskommen, dessen bin ich mir sicher, aber wie w�re es? W�rde es mir passen, dass David pl�tzlich lieber mit Amber in die National Gallery gehen w�rde als wie mit mir? W�re ich damit einverstanden, dass Amber anstatt mit mir auszugehen mit David in der Wohnung hocken oder gar andere Sachen tun w�rde? Ich w�nsche mir, dass meine Freundin gl�cklich ist, aber ist es fair, wenn ich durch ihr Gl�ck ein St�ck von ihr aufgeben muss und am Ende alleine dastehe? Ist es da nicht besser, egoistisch zu sein?
Ich schrak aus meinen Gedanken hoch, als David auf einmal vor mir stand, den Pinsel aus meiner Hand nahm und diesen mit einer raschen Handbewegung �ber meine Wange gleiten lie�. Quiekend sprang ich in Sicherheit hinter den Wagen, schnappte mir einen neuen Pinsel und sah David feindselig an.
�Du Mistst�ck!�, klagte ich. �Das war nicht fair! Du hast mich nicht vorgewarnt.�
�Erwartest du eine offizielle Kriegserkl�rung? Okay, Sturm auf die Normandie!�
�Diesmal wird der D-Day anders ausgehen, mein Freundchen.�
Wir grinsten uns an und dann erfolgte eine Jagd um den Materialwagen, die damit endete, dass David und ich aussahen wie zwei Indianer auf dem Kriegsfu�. Nachdem wir uns ausgelassen hatten, sah ich lachend auf meine Klamotten. Auch David sah an sich herunter.
�Ich habe eindeutig gewonnen�, lachte er.
�Ach, und weshalb bitte sch�n?�
�Schau dich doch mal an! Du hast mehr Treffer abbekommen. Du siehst aus wie ein Erdferkel.�
�Danke, Picasso. Aber ich muss deine Theorie widerlegen. Immerhin sieht man das Rot an mir besser, als das Blau an dir.� Ich sah ihn schelmisch an und dann mit einer Sorgenfalte auf meine Jeans.
�Das geht beim Waschen wieder raus�, sagte David gelassen.
�Vielleicht solltest ich diese Art der Kunst mal versuchen.�
�Etwa Bodypainting?�
�Wieso nicht? Leute anmalen bekomme ich gerade noch hin. Beim kreativen Zeichnen wird es schon schwieriger.�
�Ach was�, winkte er ab. �Das kannst du auch.�
�Wetten wir? Ich konnte noch nie malen. Mein Kunstlehrer verzweifelte nahezu an mir, da ich nur Einh�rner und Pferde malte.�
�Wirklich? Los, zeichne mir ein Einhorn.� Er deute mit einer eleganten Armbewegung auf die Staffelei.
�Quatsch. Ich kann das nicht.�
�Na komm schon...�
�Ich habe schon ewig nicht mehr gezeichnet.�
�So etwas verlernt man nicht. Man ist h�chstens aus der �bung.�
Ich lie� mich von David an die Staffelei ziehen. Er legte ein neues Papier auf, dr�ckte mir einen Stift in die Hand und sah mich erwartungsvoll an. Ich grinste kl�glich und vollzog die ersten Striche.
�Was soll das werden?�, fragte er.
�Die Nase.�
�Aha.�
Entmutigt lie� ich den Stift sinken. �David, ich kann das nicht...�
�Nein, mach weiter.�
Ich versuchte mich an einem weiteren Strich. �Das wird kein Einhorn, sondern eine Seekuh.�
�Das bef�rchte ich auch�, grinste er. �Du musst den Stift locker halten und �ber das Papier gleiten lassen. Sonst sieht es aus wie das Gekrakel einer Sechsj�hrigen.�
�Toll... Ich muss doch aufdr�cken, damit ich sehe, was ich zeichne.�
David sch�ttelte den Kopf, trat hinter mich und packte mein Handgelenk. �Schlie� die Augen und lass ganz locker.�
�Was soll das jetzt?�
�Tu was ich sage.�
Ich schloss f�r einen Moment die Augen, sp�rte wie David meine Hand �ber das Papier f�hrte und blinzelte, um zu sehen, was dabei herauskam.
�Du sollst nicht schummeln.�
�Ich gucke doch gar nicht.�
�Doch das tust du.�
Ehe ich protestieren konnte, schob David seine andere Hand �ber meine Augen. Hilflos stand ich da, konnte nichts sehen und hatte keinen Schimmer, was David und meine Hand zeichneten. Doch ich konzentrierte mich nicht auf dieses, sondern richtete meine Sinne auf David, der hinter mir stand. Ich sp�rte wie sein Herz schlug, auch wenn ich es nicht h�ren konnte. Eine gewisse Unruhe machte sich in mir breit und ich konnte nicht deuten, woher diese kam. Mein Herz schlug schneller und mein K�rper zitterte. Auch wenn ich David schon lange und gut kannte, entfachte diese N�he ein gewisses Schamgef�hl, eine Befangenheit in mir.
�Ein Blatt Papier ist nichts, aber auch gar nichts mehr wert, wenn du darauf herumgekritzelt hast�, lachte er dann und lie� mich los.
Mein Blick landete geradewegs auf dem Einhorn, das ich gezeichnet hatte. Was David daran auszusetzen hatte, wusste ich nicht. Mich �berraschte mein Werk jedenfalls. David bemerkte mein Erstaunen und l�chelte. �Sag nicht immer gleich, dass du etwas nicht kannst. Probier es erst einmal aus.�
�Vielleicht sollte ich das wirklich tun. Glaubst du, mir liegt die Malerei? Wenn das Bild fertig ist, wie viel k�nnte ich f�r es bekommen?�
�Du m�sstest eher daf�r bezahlen, dass es irgendwo ausgestellt wird. Wieso schreibst du nicht einfach wieder? Das kannst du wenigstens besser als zeichnen. Au�erdem wohne ich ungern mit einer Konkurrentin zusammen.�
�Ich kann nicht. Ich denke noch zu oft an ihn und wenn ich dann etwas schreibe, kannst du dir denken, um wen und was es geht. Alles w�rde einem Aufruf zum Selbstmord gleichen.�
David seufzte. �Du bist noch mein Untergang...�
�Wie meinst du das schon wieder?�
�Junge Damen in deinem Alter neigen zur Vergesslichkeit, was? Ich habe dir schon oft genug gesagt, dass ich nichts mehr davon h�ren will. Er ist weg. Basta. Du solltest nach vorn sehen und dich auf etwas anderes konzentrieren.�
�Das sagt sich so leicht. Kannst du dir vielleicht vorstellen, wie weh mir die ganze Sache noch tut?�
�Schicksal. Das geht vorbei.� Sein Blick war abwesend und etwas �rgerlich.
�Wieso bist du nur so herzlos?�, fragte ich und setzte mich beleidigt auf den Tisch.
David besah das von mir gezeichnete Einhorn und runzelte die Stirn, w�hrend er begann, die Nase zu verbessern. �Ich bin nicht herzlos. Ich empfinde im Gegensatz zu den anderen nur kein Mitleid mit dir.� Bei seiner Antwort sah er mich nicht einmal an.
�Wie freundlich.�
�Muff, mir ist auch schon derartiges wiederfahren und ich habe es �berlebt. Also wirst du es auch tun. Ich denke, die Welt w�re ziemlich unterbev�lkert, wenn sich jeder aufgrund von Liebeskummer umbringen w�rde.�
�Das w�rde dir nat�rlich nie in den Sinn kommen. Was du von Liebe h�ltst, kann ich mir denken.�
�Willst du wissen, wie ich dar�ber denke?� David fixierte mich einen Augenblick l�nger als gew�hnlich. �Liebe ist verg�nglich. Man kann ihr nicht trauen. Freundschaft, wahre Freundschaft, darauf kann man sich verlassen.�
�Du glaubst also nicht an die Liebe?�, fragte ich.
�Das schon. Aber ich glaube anders als sie, wie du es tust.�
Ich sah ihn unverstanden an und er lie� von der Zeichnung ab.
�Ich meine nur, dass die Liebe voller Illusionen steckt. Begeisterung f�r M�dchen kann ich nur aufbringen, solange ich sie nicht kenne. Es ist leicht, jemanden zu m�gen, wenn man ihn nicht kennt�, erkl�rte er. �Wenn du jemanden aber richtig kennst, mit all seinen Fehlern und Makeln und er f�r dich trotzdem etwas Besonderes ist, dann handelt es sich wohl um wahre Liebe. Das kann man nicht mit Verliebtheit vergleichen...�
�Aber ich kenne Orlando. Ich wei�, was er mag und was nicht und...� Ich verstummte und sah ihn an. Ich merkte sofort an der Art, wie er die Augenbrauen hochzog, was er von meiner Aussage hielt. Besonders die linke Braue, die langsam, aber sicher in schwindelerregende H�hen glitt, sagte mehr als tausend Worte.
�Bei euch kam zuerst die Leidenschaft, das Verlangen... Liebe und Vertrauen habt ihr, wenn �berhaupt, viel sp�ter zum Einsatz gebracht. Das ist, als w�rde man das Pferd am Schwanz aufz�umen.�
�Ach ja? Willst du mir nun ernsthaft weismachen, dass du mit Monique erst intensive Gespr�che gef�hrt hast, bevor du sie flachgelegt hast?� Am Ende des Satzes presste ich die Lippen aufeinander und erhielt von David einen mahnenden Blick f�r meine Ausdrucksform.
�Das ist etwas ganz anderes�, sagte er knapp.
Ich sah ihn fragend an.
�Muff, ich habe nie gedacht und ich denke nicht daran, dass ich mit ihr zusammenbleiben oder sie gar heiraten werde.�
Nun klappte mein Unterkiefer herunter. �Weshalb bist du dann mit ihr zusammen?�
�Weil ich sie irgendwie gern habe. Aber sie ist nicht die Frau, bei der ich bleiben werde.�
�Aber...� Ich war fassungslos. �Aber du verarscht sie dann doch nur...�
�Nein, tu ich nicht.�
�David...�
�Monique wei� es.� Er widmete sich wieder der Zeichnung. �Sie wei� es, hofft aber, dass sie mich doch irgendwie an sich binden kann. Doch im Moment sind wir nur zusammen, weil jeder einen Vorteil aus unserer Verbindung ziehen kann. Das ist alles.�
�Aber wie kannst du mit ihr zusammen sein, ohne tiefere Gef�hle f�r sie zu haben? Das ist pervers!�
�Manchmal ergibt es sich so.� Er sah mich an und l�chelte. �Und manchmal kann daraus mehr werden.�
�Klar�, sagte ich sarkastisch. �Wei�t du was? Ich h�pfe jetzt mal auch eben mit Ben in die Kiste. Vielleicht ergibt sich ja etwas.�
�Kann sein.�
Wieder sah ich ihn nur an, nicht wissend, worauf er hinaus wollte.
�Es gibt verschiedene Arten zu lieben. Die mit dem Verstand und die mit dem Herzen. Junge Damen wie du entscheiden sich gerne f�r die zweite Variante.� Er sah mich sp�ttisch an und zog die Augenbrauen hoch. �Doch gibt es auch die Kombination zuerst mit dem Verstand zu lieben und dann mit dem Herzen.�
�Etwa so, wie es die Models machen, wenn sie sich des Geldes wegen einen Mann krallen, der schon mit einem Bein im Grab steht?�
�Nein, das w�re eher Variante Nummer eins.�
�Entschuldige, aber das klingt so absurd. Ich kenne niemanden der des Verstandes wegen... Na gut, Jessica vielleicht. Schlie�lich war sie mit Brian zusammen, um an Orlando ranzukommen...�
�Wenn du noch einen Moment bleibst, kannst du sehen, wie ich mit dem Kopf gegen die Wand donnere�, seufzte er. �Schon wieder sind wir bei Bloom... Aber ich meine nicht, worauf du eben angespielt hast. Worauf ich hinaus will ist, dass man jemanden aus Vernunft lieben lernen kann.�
Wieder sah ich ihn an, als h�tte er chinesisch gesprochen.
�Pass auf...� David legte den Stift beiseite, kam zu mir her�ber und setzte sich ebenfalls auf den Tisch. �Erinnerst du dich daran, dass ich dir einst sagte, dass manchmal die unterschiedlichsten Gr�nde zwei Menschen zusammenf�hren k�nnen? Auch die Vernunft kann zwei Menschen zusammenbringen.�
�Ich kenne wirklich niemanden, der so denkt...�
�Doch�, unterbrach er mich.
�Okay, dich ausgenommen.�
�Nein, nicht nur ich.� Er sah mich an. �Rachel.�
Ich erwiderte seinen Blick �berrascht. �Wie meinst du das?�
�Ach, nicht so wichtig...� Er sprang vom Tisch. �Das solltest du mit ihr selber besprechen. Ich habe kein Recht...�
�Rachel und Dave lieben sich! Sie haben drei Kinder.�
�Von welchen Dave nur zwei der leibliche Vater ist.� David nahm den Stift wieder auf und verbesserte diesmal die Augenpartie des Einhorns.
�Das wei� ich auch, aber das tut doch nichts zur Sache. Wieso sagst du...�
�Ich habe schon zu viel gesagt.�
�Dann kommt es auf den Rest auch nicht mehr an.� Ich blickte ihn an und David sp�rte, dass ich nicht nachgeben w�rde. Seufzend legte er den Zeichenstift beiseite und setzte sich wieder zu mir.
�Du kannst das alles gar nicht wissen, da ihr euch damals noch gar nicht gekannt habt.� Er sah nachdenklich auf seine Schuhe. �Du wei�t, dass Rachel ihr Studium aufgrund der Schwangerschaft abgebrochen hatte?�
Ich nickte.
�Mit neunzehn wurde sie schwanger. Es war ein Drama, zumal der leibliche Vater von Demelza nichts von Heiraten und Familie h�ren wollte. Mein Vater war fast am Durchdrehen wegen der Schande, welche Rachel �ber ihn brachte. Er h�tte es ertragen, wenn seine Tochter das Studium abgebrochen und geheiratet h�tte, aber wie du wei�t, stellte sie sich ihrer Mutterrolle alleine. Es war eine schwere Zeit, da sie aufgrund des Studiumsabbruchs aus dem Wohnheim ziehen musste, in welches sie gezogen war. Zwar kam sie in einer WG unter, doch als Demelza zur Welt kam, machten die Bewohner Rachel deutlich, dass ein schreiendes Baby nicht gerade willkommen sei. Heimlich k�mmerten meine Mutter und ich uns um Demi. Wenn mein Vater gesch�ftlich unterwegs war, war sie bei Mum, so dass Rachel arbeiten konnte.� David blickte durch den Raum und erinnerte sich zur�ck. �Rachel und Dave kennen sich schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit. Er war drei Klassenstufen �ber ihr. Nie haben sie den Kontakt verloren, da Dave mit einer ihrer Freundinnen liiert war. Doch Dave machte nie einen Hehl daraus, wie sehr er Rachel mochte und sprach ihr immer wieder seine Bewunderung aus. Er erlebte mit, wie Demelzas Vater Rachel sitzen lie� und bot ihr seine Unterst�tzung an. Z�gernd nahm Rachel diese an. Dave war f�r sie noch immer der Nachbarsjunge und Freund, mit dem sie aufgewachsen war.� Er l�chelte nun vor sich. �Dave jedoch wollte mehr und machte Rachel nahezu jeden Tag den Hof. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an welchen sie zu mir kam. Es war kurz nach meinem zwanzigsten Geburtstag und ich hatte den Mittag �ber auf Demi aufgepasst. Rachel setzte sich zu mir und fragte, ob sie Dave heiraten solle. Wir haben lange miteinander gesprochen und das Ergebnis kennst du ja.�
�Aber das bedeutet doch, dass sie ihn liebte.�
�Sie hat ihn sehr gemocht, aber er brachte ihr Herz damals nicht zum H�pfen.�
Wir sahen uns an.
�David, warum...?�
�Ist das nicht offensichtlich? Rachel war einundzwanzig, Mutter einer Tochter und ohne berufliche Ausbildung. Ihre Zukunftsaussichten waren alles andere als rosig�, sagte er matt und zuckte mit den Schultern. �Und dann war da Dave. Erfolgreicher Absolvent eines Informatikstudiums, noch erfolgreicherer Partner einer fundierenden Firma und es interessierte ihn nicht, dass Demi nicht sein Kind war.� David suchte meinen Blick. �Rachel hat Dave aus Vernunft geheiratet. Sie hat gewusst, dass er Demelza ein Leben bieten kann, das sie nie h�tte k�nnen.�
�Aber er brachte ihr Herz nicht zum H�pfen�, wiederholte ich leise eine seiner Aussagen.
Er l�chelte. �Damals nicht. Wahrscheinlich auch noch nicht, als sie kurz nach Eheschlie�ung zum zweiten Mal schwanger wurde, aber inzwischen... Rachel hat gelernt ihn zu lieben und ich glaube nicht, dass die beiden je etwas anderes als der Tod trennen wird.�
Ich sah verwirrt zu Boden.
�Muffel, nun sei nicht entt�uscht, dass deine Freundin nicht die Liebe auf den ersten Blick erlebt hat. Rachel ist gl�cklich.�
�Ich wei�. Und ich g�nne ihr dieses Gl�ck auch. Es ist nur so seltsam... Sie hat Dave nicht geliebt...�
�Daf�r tut sie es jetzt umso mehr.� David erhob sich und lief wieder zu der Staffelei. �Man kann lernen, jemanden zu lieben. Man braucht nur Zeit.�
Ich blieb in Gedanken zur�ck, sah dann jedoch misstrauisch auf. �David, wieso hast du mir das erz�hlt?�
�Weil du es wissen wolltest.�
�Ach, du...� Ich brach ab. David zu beleidigen kommt einem Selbstmordversuch gleich. �Du erz�hlst mir nie so etwas ohne Hintergedanken.�
Er l�chelte mich geheimnisvoll �ber den Rand des Bildes hinweg an.
�Ich habe dich etwas gefragt�, forderte ich ihn erneut auf. �M�chtest du mir also raten, es aus Vernunft mit Ben zu versuchen?� �bertrieben betonte ich das �Vernunft�.
�Muff, du erkennst eine Gelegenheit nicht einmal, wenn sie dir schon in den Arsch tritt�, sagte er ausdruckslos wie immer.
�David, h�r bitte auf, dich �ber mich l�cherlich zu machen.� Ich schwang mich vom Tisch und lief zu ihm hin�ber, baute mich neben der Staffelei auf. �Ist das der Rat, den du mir gibst?�
Er sah mich nicht an, sondern blickte auf den Stift in seinen H�nden, welchen er eben anspitzte.
�David, bitte sag du mir, was ich tun soll? Du bist der einzige, den ich um Rat fragen kann.�
Noch immer sah er auf den Stift. �Rat ist etwas, wonach wir fragen, wenn wir die Antwort bereits kennen, aber w�nschen, sie laute anders.� Dann sah er auf und mir direkt in die Augen. �Wir sollten nie nach etwas greifen, das nicht f�r uns bestimmt ist.�
�Und woher wei� ich, was f�r mich bestimmt ist?�
�Das wei� ich selber nicht. Aber meistens findet man es, wenn man wei�, was nicht f�r einen bestimmt ist.�


�Verstehe ich richtig? Ihr wollt mich in eine Kirche schleppen?� Ungl�ubig sah ich David, Amber, Andr�, Timothy, Richy und Simon an, die sich in der K�che verteilt hatten und mir zusahen, wie ich im Pyjama am Tisch sa� und meine Corn Flakes a�. Es war Sonntagabend und ich wollte eigentlich nur meine Ruhe haben. Den Vorabend hatten Amber, Andr�, Tim, Richy und ich in gem�tlicher Runde in der Bar Italia verbracht. Sp�ter waren wir zu Tim gegangen und waren dort noch beisammen gesessen. Ich hatte aufgrund meiner Gesundheit den ganzen Abend �ber auf Alkohol verzichtet und mich lediglich an Getr�nken wie Tee oder Wasser festgehalten. Den heutigen Tag hatte ich erst um zw�lf Uhr Mittags begonnen und mich nicht einmal dazu aufraffen k�nnen, meine Bekleidung zu wechseln. Richtig faul und bequem war ich in Pyjama auf meinem Bett gelegen, hatte gelernt und nebenher Musik geh�rt. Nun wollte ich mir einen friedlichen Abend machen, doch meine Freunde er�ffneten mir, dass sie mich zu einem Gottesdienst schleppen wollten.
�Das ist keine richtige Kirche, Yvonne�, erkl�rte Amber.
�Und Gottesdienst w�rde ich es auch nicht nennen.� Simon sa� mir gegen�ber und sah mich an. �Vineyard ist eine Vereinigung von Christen, egal welcher Religion. Es z�hlt nur der Glauben an Gott. Die Veranstaltung heute ist ein Konzert. Zwischen den Liedern werden lediglich ein paar Zeilen aus der Bibel zitiert...�
�Klingt ja phantastisch�, sagte ich sarkastisch und schlug mit dem L�ffel auf die Corn Flakes ein.
�Komm schon. Das wird sicher toll�, versuchte Timothy.
Andr� sah ebenfalls zu mir. �Wir schauen uns das einfach mal, ja? Ich kann mir n�mlich auch nicht vorstellen, wie das ablaufen soll.�
�Leute, bitte�, warf ich ein. �Ich war das letzte Mal zu meiner Konfirmation in einer Kirche.�
�Und was ist mit Kates Hochzeit?�, fragte Richy.
�Da ist etwas anderes. Aber es war genauso langweilig. Kirche ist trocken und m�de. Ein Pfarrer steht wie Batman vor dir und erinnert dich an dein verpfuschtes Leben. Und wohlm�glich hat er Recht mit allem, was er sagt.�
�Dann hast du nichts zu bef�rchten�, griente Simon. �Du bist schlie�lich evangelisch. Dein barmherziger Gott verzeiht dir alles.�
�Im Gegensatz zu dir, Simon.� David st�tzte sich vom K�chenschrank ab, an welchen er gelehnt hatte und sah in die Runde. �Also, in einer halben Stunde ist Abflug. Muffin, du kommst auch mit.�
Mir blieb keine Zeit f�r weitere Einw�nde. Irgendwie freute es mich, dass meine Freunde Zeit mit mir verbringen wollten, aber musste es ausgerechnet Kirche sein? Seit meiner Konfirmation habe ich einen gro�en Bogen um alles gemacht, was mit dieser Institution zu tun hat. Nicht dass ich nicht an Gott glaube, ich glaube schon, dass es etwas gibt � zumindest manchmal. Doch warum sollte dies nur in einer Kirche zu finden sein? Konnte man seinen Glauben nicht �berall antreffen?
In geschlossener Mannschaft fuhren wir nach East Putney. In den Pullman Gardens hatte Vineyard seinen Sitz in London. Ich war �berrascht, wie viele Leute zu dieser christlichen Veranstaltung kamen. Simon dr�ngte sich durch die Menge und kaufte Tickets f�r uns. Gerade als ich mich dar�ber auslassen wollte, wie scheinheilig es doch w�re, f�r einen Anlass dieser Art Eintritt zu verlangen, erkl�rte Richy, dass die Erl�se f�r die verschiedensten Einrichtungen wie Kindertagesst�tten oder Schulen zugute k�men. Dann begaben wir uns in das Innere des Geb�udes. Ich musste zugeben, dass es wirklich nicht wie eine Kirche wirkte. Die Sitzb�nke waren an die Seitenw�nde geschoben. Amber zog mich mit sich und wir landeten schlie�lich ganz vorne vor der B�hne. Missmutig beobachtete ich, wie sich der Raum f�llte. Ich wandte mich an David, der neben mir stand.
�Wie lange geht das hier?�
�Ich denke eine Stunde.�
�Du meinst, ich darf nun eine Stunde stehen?�
�Du darfst dich an mich lehnen, wenn du m�de wirst�, l�chelte Andr�, der auf meiner anderen Seite stand und meine Frage an David geh�rt hatte.
W�hrend wir auf den Beginn warteten, beugte ich mich an Andr� vorbei und sah zu Amber, die zwischen Richy und Simon stand und sich lachend mit diesen unterhielt. Auch Timothy beteiligte sich an deren Gespr�ch. Andr� unterhielt sich �ber meinen Kopf hinweg mit David. Da keiner meiner Freunde mich beachtete, musterte ich die anderen Besucher. Es handelte sich um junge Leute zwischen f�nfzehn und drei�ig. In den deutschen Gottesdiensten sa�en �berwiegend Omis und Opas, aber hier... War ich wohlm�glich bei irgendeiner Sekte gelandet? Wie oft war in Deutschland durch die Fu�g�ngerzone gegangen und pl�tzlich hatte man mir einer mit dem Wachturm vor der Nase umhergewedelt. Ich versuchte aus dem Stimmenwirrwarr um mich herum etwas herauszuhorchen. Doch die Menschen unterhielten sich �ber ganz allt�gliche Dinge.
Endlich wurden die Lichter ged�mpft und sofort kehrte Stille im Saal ein. Auf der B�hne herrschte Bewegung und schlie�lich setzte Musik ein. Die Menschen begannen zu Jubeln und zu rhythmisch zu klatschen. Ich stand noch immer zwischen David und Andr�. Letzterer klatsche ebenfalls und sah erfreut auf die B�hne, gespannt darauf, was nun passieren w�rde. Auch mein Blick war auf die Trib�ne gerichtet, als diese endlich erhellt wurde. Ich hatte typische Kirchenmusik erwartet, aber nicht das, was meine Ohren nun zu h�ren und meine Augen zu sehen bekamen. Die Musiker waren kaum �lter als ihr Publikum und spielten eine Mischung aus Pop und Folk. Die Leute um uns herum sangen den Text des Liedes mit. Unsicher sah ich mich um, w�hrend ich mit den Beinen mitwippte. Andr� l�chelte mir erneut zu. Das erste Lied war zu Ende und das n�chste begann.
�There�s no one like our God, no one at all
He gave His Son for us, Jesus the Lord
Who can love us like He does, no one at all
Oh how we love You Lord�
, sang das dunkelhaarige M�dchen auf der B�hne, wobei sie vom Publikum unterst�tzt wurde.
Amber tanzte ausgelassen dazu und auch Simon klatschte begeistert mit. Als auch dieses Lied abklang, trat ein junger Mann auf die B�hne.
�Ihr habt lange auf dieses Fest gewartet�, gr��te er die Menge, die seine Ansprache mit Applaus erwiderte. �Wieder einmal versammeln wir uns, um Gott zu danken.�
Ich rollte mit den Augen. Also doch Kirche...
�Gerade im Alltag vergessen wir oft, wie viel er f�r uns tut. Oft handelt es sich nur um Kleinigkeiten, aber er ist es, der uns Leben einhaucht.�
Tats�chlich? Zu Beginn der Woche waren es G�tter in Wei� gewesen, die dies bei mir getan hatten.
�Unseren heutigen Abend m�chten wir einem Schwerpunktthema widmen.� Er sah in die Menge. �Glaube, Hoffnung und Liebe.� Die Menschen sahen ihn gebannt an. �Ich m�chte mit dem Glauben beginnen. Es ist nicht leicht zu glauben. Nicht leicht, wenn man von Zweifel begleitet wird. Lohnt es sich �berhaupt zu glauben? An was soll ich glauben? Gibt es Gott �berhaupt? Zweifel...� Er ging langsam r�ckw�rts. �Zweifelt auch ihr?�
Musik setzte ein, w�hrend er die B�hne verlie�. Diesmal trat ein junger Mann mit Gitarre an das Hauptmikrophon.
�I long to know you, only you can satisfy
I long to touch you, only you can heal my life
I can't find peace in the things I do
I need to see your kingdom
I can't find peace as I strive for you
I need to see your face
Hold me in Your arms
And never let me run away

Hold me in your arms, my Father
Say you'll stay, say you'll stay�

Es handelte sich wie bei dem zuvor gespielten Lied um ein schnelleres St�ck und die Menge sang, klatschte und tanzte mit. Ich klatschte zaghaft, achtete mehr auf den Text. Ich geh�re also zu den Zweiflern. Doch kann man mir das vorwerfen? Ich habe bisher in meinem Leben nicht sehr viel von der Barmherzigkeit Gottes abbekommen. Und wie soll man an etwas glauben, dass man nicht sehen kann. Von dem es keinen Beweis gibt?
Nach dem Song trat der junge Mann wieder auf die B�hne.
�Was ist Glaube?�, fragte er die Menge. �Glauben hei�t mit dem Herzen wissen und nicht vermuten. Der Wunsch nach Sicherheit und Verl�sslichkeit ist vielen von uns nicht unbekannt. Wie oft hat man schon schlechte Erfahrungen gemacht? Man hat jemanden geglaubt und vertraut und die bittere Entt�uschung folgte. Und damit dies nicht noch einmal passiert, �berpr�fen und hinterfragen wir alles, bevor wir uns auf etwas einlassen. Wir wollen nicht mehr netten Worten vertrauen, sondern Taten, handfeste Sicherheiten sehen. Und nun verlangt Gott von uns, dass wir unser ganzes Leben durch Glauben und Vertrauen auf ihn pr�gen? Der Schwerpunkt beim Glauben liegt im Anvertrauen.� Der junge Mann blickte �ber das Publikum hinweg. �Wie sollen wie an etwas glauben, das wir nicht sehen k�nnen? Oder wie schrieb Paulus an die R�mer: Wie sollen sie glauben, wenn sie nie von ihm geh�rt haben? Sollen wir etwa unseren Verstand abgeben wie eine Jacke oder einen Mantel an der Garderobe? Die Antwort darauf ist ein klares �nein�. Wir m�ssen lernen zu vertrauen, zu glauben. Glaube ist zu vertrauen, dass Gott das Beste f�r uns will, auch wenn er auf unsere Gebete mit �nein� antwortet. Er straft uns damit nicht, sondern hat vielmehr einen anderen Weg f�r uns geplant. Denn Gott hat Pl�ne f�r unsere Leben, auch wenn wir im Stra�enwirr kein Ziel erkennen k�nnen. Glaube ist, dass wir uns keine Sorgen machen, wenn wir nicht einen Funken Ahnung haben, was Gott sich f�r unser Leben w�nscht.�
Ich blickte zu David, der wachsam der Rede folgte. Auch Andr�s Augen hingen an dem jungen Christen.
�Glaube bedeutet aufzuh�ren mir Sorgen zu machen und die Zukunft dem zu �berlassen, der sie in der Hand hat und auf dessen Treue zu mir zu vertrauen. Auch wenn es sich um eine unsichere Welt und eine unbekannte Zukunft handelt.� Wieder �berblickte der junge Mann seine Zuh�rer. �Denn was die Zukunft bringt, ist ungewiss und manch einer von uns fragt sich, wieso er noch in diesem Spiel namens Leben vorkommt, wenn all sein Glauben und Hoffen l�ngst verloren ist. Doch nichts ist je verloren. Wenn wir in der Tatsache ruhen, dass Gott wei�, warum er uns im Spiel l�sst, auch wenn wir uns nutzlos und als Last f�r andere f�hlen, dann ist das Glauben.�
Ich sah den Mann an, der irgendwie �ber mich zu sprechen schien. Habe ich mich nicht die ganzen letzten Wochen �ber gefragt, was zum Teufel, oh Sorry, was ich eigentlich noch auf dieser Welt zu suchen habe? Was der Sinn meines Lebens w�re? Gibt es also tats�chlich einen Grund f�r mein Dasein und ich bin die einzige, die ihn nicht sieht? Oder bin ich f�r Gott ein Reservespieler? Fragen �ber Fragen...
�Ihr seht, Gott ist immer bei uns, wenn wir ihn lassen. Und selbst wenn nicht, l�sst er uns nicht im Stich. Und er hinterfragt nicht, nimmt uns, wie wir sind, mit all unseren Schw�chen und Fehlern. Er liebt uns f�r diese, akzeptiert und verzeiht. Jeder von uns ist etwas Besonderes f�r ihn, auch wenn wir uns nicht als dieses sehen. Glaube hei�t auch anzunehmen, wenn Gott f�r mich will, dass ich ganz normal bin, obwohl ich etwas besonderes sein m�chte. Wir zweifeln nicht nur an Gott, sondern auch uns selber. St�ndig entdecken wir Fehler an uns. Bei manchen handelt es sich um eine zu gro�e Nase, andere bem�ngeln ihre Selbstsicherheit... Doch wir k�nnen uns darauf verlassen, dass Gott uns f�r seine Ziele makellos gemacht hat, auch wenn wir empfinden, alles an uns sei ein einziger gro�er Fehler.� Er suchte mit seinem Blick das Publikum, nickte und �berlie� der Band wieder die B�hne.
�I feel so safe with You, acceptance in Your voice�, klang die sanfte Stimme des jungen S�ngers durch den Saal. Diesmal handelte es sich um ein ruhiges Lied.
�You whisper tenderly:
You are my beloved, chosen one, my friend
You�re so precious to me
Now that I am here with You
There�s no place I�d rather be
Now that I have felt Your touch
Make Your home in me�

Ich lehnte mich zu David. �Glaubst du an Gott?�
Er sah �berrascht auf mich herunter, dann wieder zur B�hne. �Ja.�
Ich nickte.
�Du etwa nicht?�
Ich zuckte mit den Schultern. �Es f�llt mir schwer. Bisher hatte ich nicht viel, wof�r ich ihm dankbar sein k�nnte. Und wenn ich etwas hatte, dann nahm er es irgendwann wieder von mir.�
�Es gibt Dinge, die er dir nicht genommen hat und auch nicht nehmen wird.�
�Und die w�ren?�
David antwortete nicht und ich fragte nicht weiter nach. Stumm h�rten wir den folgenden Liedern zu. Die Texte waren wirklich ausdrucksvoll und ber�hrten mich innerlich. Die vergangenen Wochen hatte ich diesen Kummer mit mir getragen und nun h�rte ich diese Songs und all mein Denken wurde aufger�ttelt. Andr� sp�rte dies und legte bei einer Ballade namens Breathe seinen Arm um mich.
�Deshalb wollten die anderen, dass du mitkommst�, sagte er leise.
�Damit ich merke, was f�r ein armer Wurm ich doch bin?�
�Nein, damit du wahrnimmst, dass du nicht allein bist. Nicht nur wir sind f�r dich da, sondern der da oben auch.� Er deutete mit den Augen gen Himmel.
Wir l�chelten einander an.
�Hoffnung.� Der junge Mann stand wieder auf der B�hne. �Hoffnung ist ebenfalls etwas, dass wir schnell verlieren. Es ist die Hoffnung, die uns weitermachen l�sst, wenn wir kaum mehr einen Ausweg aus einer Situation finden. Doch was tun wir, wenn wir diese verlieren?�
�Wir versuchen uns umzubringen�, scherzte Simon an Andr� vorbei in meine Richtung, wof�r er von David einen b�sen Blick abbekam.
�Wer die Hoffnung verliert, verliert sich selbst. Hoffnung ist die Perspektive zum Leben. Hoffnung erf�llt uns und macht uns stark. Wir hoffen st�ndig auf irgendetwas. Gute Note, gutbezahlte Arbeit, treue Freunde... Wir haben Tr�ume und Vorstellungen und hoffen, dass diese in Erf�llung gehen. Doch Hoffnung schwindet, wenn dies nicht geschieht. Wir suchen Fehler und machen uns Vorwurfe, wo wir etwas falsch gemacht haben k�nnten. Dabei w�re dies gar nicht n�tig, denn wir k�nnen uns darauf verlassen, dass Gott noch bessere Pl�ne f�r uns hat, wenn unsere sich l�ngst in Luft aufgel�st haben.�
Einige Leute um mich herum nickten.
�War nicht jeder von uns schon einmal verliebt, plante mit seinem Partner sein Leben?�
Ich horchte auf. Das k�nnte interessant werden...
�Doch dann zogen schwarze Wolken auf. Es folgte eine schmerzvolle Trennung und all unsere Tr�ume platzten...�
Oder auch nicht.
�Qu�lt Euch nicht und sucht den Grund des Scheiterns dieser Beziehung bei Euch. Behaltet die Zeit mit dem Partner in Erinnerung. Gott hat eben andere Pl�ne f�r Euch und m�chte einen anderen Menschen an Eurer Seite sehen.� Er pausierte kurz.
�Doch nicht nur Liebe kann den Verlust der Hoffnung herbeif�hren. Das k�nnen Menschen best�tigen, die all ihre Hoffnung in eine Krebstherapie oder andere medizinische Ma�nahmen gesetzt haben. Kinder, die darauf hofften, dass ihre Eltern sich nicht trennen w�rden und nun ohne Vater oder Mutter aufwachsen. Es gibt viele Gr�nde f�r entt�uschte Hoffnungen, und doch haben sie eines gemeinsam: Sie sind alle an den Menschen gebunden.
Hoffnung ist ein Zeichen der Unvollkommenheit des Lebens. Wo nichts mehr zu hoffen ist, da gibt es nichts au�er dem Tod. Doch Hoffnung finden wir im Gebet. Leidet jemand unter Euch? Er bete. Dies riet schon Jakobus in seinen Brief an die zw�lf St�mme Israels. Im Gebet k�nnen wir Gott von unserer Pein erz�hlen und er wird uns erh�ren.�
Der junge Mann brachte weitere Beispiele, gab Zitate aus der Bibel von sich und schlie�lich zog er sich abermals zur�ck.
Wieder spielte die Band mehrere Lieder hintereinander und meine Begleiter sangen nun ebenfalls mit. Ich fragte Andr�, woher er die Texte kannte und l�chelnd erwiderte er, dass er dies nicht t�te, sondern einfach mitsingen w�rde.
Meine Freunde waren bester Laune, als der junge Mann die B�hne zum letzten Mal betrat und auch ich hatte Gefallen an dieser Art Gottesdienst gefunden. Praise by singing.
�Wir kommen nun zum Schluss unseres Beisammenseins und Ihr wisst, was noch fehlt.� Der junge Mann hielt einen Augenblick inne. �Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die gr��te unter ihnen. Korinther 13, Vers 13.�
Ich sp�rte, wie ich innerlich verkrampfte. Musste das sein? Wollte er wirklich von der Sache sprechen, die ich verloren hatte?
�Das Wort Liebe ist wohl eines der meist gebrauchten Worte in unserer, in jeder Sprache. Wie oft und schnell sagen wir: Ich liebe dich. Dabei sind wir uns �ber den Wert der Liebe gar nicht mehr bewusst.� Die Stille im Saal wurde erdr�ckend schwer. �Es ist die Liebe, die uns hoffen l�sst. Die Liebe, die uns glauben l�sst. Die Liebe, die uns verbindet. Und was gibt es ehrlicheres als die Liebe?� Der junge Mann blickte durch den Saal.
�Wer glaubt, dass Liebe bedeutet, dass man selber geliebt wird, der hat noch nicht gelernt, zu lieben. Wir k�nnen uns darauf verlassen, dass Liebe von Herzen kommt. Sie ist nichts, das sich erwerben oder erzwingen l�sst, nichts, das nach einem �warum� fragt. Wahre Liebe kann warten, echte Liebe will warten. Wahre Liebe beruht nicht auf einem Gef�hl, das sich in schlechten Zeiten oder beim Auftauchen eines attraktiveren Menschen �ndert. Wahre Liebe beruht auf einer Willensentscheidung: Ich will dich lieben und ehren in guten wie in schlechten Zeiten... Auch wenn die Gef�hle hin und wieder einmal Achterbahn fahren. Ich will dich nicht aufgeben und dich nicht verlassen.� Wieder schwieg er. Dann sah er auf und sprach mit ruhiger Stimme. �Die Liebe ist langmutig und freundlich. Die Liebe eifert nicht, sie prahlt nicht und schaut nicht auf andere herab. Liebe verh�lt sich nicht ungeh�rig und sucht nicht den eigenen Vorteil, sie l�sst sich nicht reizen und ist nicht nachtragend. Sie freut sich nicht am Unrecht, sondern freut sich, wenn die Wahrheit siegt.� Der Mann lie� seinen Blick durch die Menge gleiten und lie� ihn dann auf mir ruhen. �Liebe ist immer bereit zu verzeihen, stets vertraut sie, sie verliert nie die Hoffnung und h�lt durch bis zum Ende. Sie ertr�gt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe soll euer h�chstes Ziel sein, denn mit ihr kommt alles andere.�
Ich wich dem Blick des Mannes aus und sah David an. Er stand neben mir und blickte zu Boden. Als er mein Tun bemerkte, sah er mich an und l�chelte. Ich erwiderte sein L�cheln schwach. Keiner von uns wagte etwas zu sagen, doch auch den anderen Besuchern schien es so zu ergehen. Es waren keine Worte �ber die Zehn Geboten gefallen. Auch war nicht erw�hnt worden, dass man jeden Sonntag in die Kirche zu gehen hat. Nein, dieser Gottesdienst war mit denen, welche ich in Deutschland erlebt hatte, nicht zu vergleichen. Dieser Gottesdienst hatte nicht �ber die toten, �den Seiten der Bibel erz�hlt, sondern vom leben. Von meinem Leben, von Davids, von Andr�s, von Simons... Wohlm�glich auch von Orlandos.
Das Licht erlosch und es herrschte noch immer absolute Stille. Ich dachte, dass dies das Zeichen des Endes der Veranstaltung war und wollte mich an Andr� vorbei zum Ausgang schieben, doch David ergriff im Dunkeln meine Hand und hielt mich zur�ck. Es erklangen die ersten T�ne des Schlagzeuges. Der Bassist setzte ein und nach ihm die anderen Musiker, die schwach beleuchtet wurden. Die dunkelhaarige S�ngerin trat an das Mikro und wurde von einem zarten Spot erfasst. Das Publikum war noch immer stumm, selbst als das M�dchen zu singen begann. Ich stand da, sah sie an und h�rte einfach nur zu. F�r mich handelte das Lied nicht von Gott. Es handelte von meinen Hoffnungen, meinem Leben. Alles um mich herum war vergessen, sogar, dass ich noch immer Davids Hand hielt. Nur das M�dchen und ich waren in diesem Geb�ude und sie sang in meine Seele und w�hrend sie dies tat, lie� ich meinen Schmerz fallen...
�Hungry I come to you for I know you satisfy
I am empty, but I know your love does not run dry
So I wait for you, and I wait for you
I�m falling on my knees
Offering all of me
Jesus, you�re all my heart is living for
Broken I run to you for your arms are open wide
I am weary, but I know your touch restores my life
So I wait for you, and so I wait for you
I�m falling on my knees
Offering all of me
Jesus, you�re all what heart is living for�

War das nicht die Antwort? Nicht Jesus oder Gott, sondern einfach nur das Wissen. Auch ich war hungrig. Hatte Hunger nach Leben, nach Liebe, nach Hoffnung und nun wusste ich es. Wusste, dass es f�r mich jemanden geben w�rde, der all das befriedigen und geben konnte. Jemanden, dessen Liebe niemals vergehen w�rde. Und ich w�rde auf diesen Jemanden warten. W�rde ihn alles von mir geben, wenn ich ihn gefunden hatte. Verletzt, bek�mmert oder einsam � er wird mich immer mit offenen Armen empfangen und seine Ber�hrungen werden mich mit Leben erf�llen, egal wie viel das Leben von mir abverlangt.
W�hrend Vineyard weiterspielte, sp�rte ich wie mir eine Tr�ne �ber die Wange lief. Ich wischte sie nicht ab, sondern lie� sie ihren Weg gehen. Die Besucher sangen nun den Refrain mit. Einige hatten Wunderkerzen angez�ndet und es herrschte absolute G�nsehautstimmung. David beugte sich zu mir herunter, noch immer hielt er meine Hand.
�Erz�hle mir nun nicht, dass du solche Momente erleben und behaupten kannst, dass er da oben sie dir wieder wegnimmt�, sagte er leise.
Ich l�chelte ihn durch das fahle Licht an. �Ich glaube, es sind genau diese Momente, die das Leben lebenswert machen.


�Tell me who can look inside me
Tell me who can purify me
Tell me who still loves me deeply
More than I understand ... Only You�
, drangen die ruhigen Stimmen der beiden Vineyard S�nger aus den Lautsprechern. Ich sa� auf der Couch, das Literaturbuch vor mir, und h�rte mir die CD nun schon zum dritten Mal an. Es handelte sich um einen Mitschnitt eines Vineyard Konzertes mit denselben Musikern, welche wir am Vorabend erlebten. David hatte sie nach der Veranstaltung an einem der Verkaufsst�nde erworben, an welchem auch T-Shirts, moderne �bersetzungen der Bibel, Kreuzanh�nger und andere christliche Artikel verkauft wurden. Dieser Abend hatte keine Christin aus mir gemacht, aber er hatte mein Denken angeregt. Liebe ist immer bereit zu verzeihen, stets vertraut sie, sie verliert nie die Hoffnung, ging es mir durch den Kopf. Hatte ich Orlando �berhaupt geliebt oder hatte ich mir dies nur eingeredet? Liebte ich ihn noch immer? Ich konnte mir keine Antwort darauf geben. Wie soll man sich auch �ber seine Gef�hle f�r eine Person klar werden, wenn man nichts mehr mit ihr zu tun hat? Man kann nicht vertrauen oder verzeihen, sondern lediglich vergessen. Vergessen, dass man diese Person einst liebte und sich stattdessen nach jemand anderen umsehen. Oder warten. Seufzend beugte ich mich vor und griff nach der Anthology of English and American Poetry. Ich wollte noch einmal das Gedicht durchgehen, welches ich bei der Pr�fung zu interpretieren beabsichtigte. Ich hatte mich schon vor Wochen f�r das Gedicht von Byron entschieden, das ich einst w�hrend eines Aufenthaltes bei Orlando entdeckt hatte. Ausgearbeitet war es bereits. Lediglich am Vortrag musste ich noch arbeiten. Ich legte das Buch auf meinen Knien ab, welche gegen den Tisch gest�tzt waren und sah es an. Von der Aufmachung her war es wirklich ein sch�nes Buch.
Verzierter Einband... Aber, wie �ffnet man so ein Ding? Schwerf�llig klappte ich den W�lzer an der markierten Seite auf, auf welcher sich das Gedicht befand. Doch ich konnte mich einfach nicht konzentrieren. Ich glotze sinnlos auf die Buchstaben und las einen Satz bereits zum vierten Mal, ohne dessen Inhalt zu kapieren. Entmutigt lie� ich die Schultern h�ngen und legte das Buch beiseite. Wann wird mein Leben endlich wieder normal ablaufen? Wann werden mich meine Gedanken nicht mehr qu�len?
Mittwoch w�rde ich meinen ersten Termin bei der Psychotherapie haben und ich hatte Angst davor. Angst, dass mich der Psychologe nicht verstehen w�rde, obwohl dies sein Job war. Angst davor, einfach nur mit Medikamenten abgefertigt zu werden. Ich tastete nach der Fernbedienung neben mir und w�hlte das erste Lied der CD an. Drums und Bass erf�llten den Raum und ich warf einen Blick auf die Zeitanzeige am Videorecorder. Es war vier Uhr nachmittags und ich w�rde noch eine ganze Weile alleine sein. Zwar rief Simon immer wieder an und vergewisserte sich, dass ich okay war, doch das war nicht so, als w�re er oder David bei mir. L�chelnd blickte ich vor mich hin. Die letzten Tage hatte ich wirklich zu sp�ren bekommen, wie viel ich mit den beiden bekommen hatte und wie froh ich sein konnte, bei ihnen zu wohnen. Alleine h�tte ich die ganze Situation nie durchgestanden. Alleine w�re ich in meinem Leben nie so weit gekommen. Wo w�re ich jetzt wohl, wenn ich Rachel nicht kennen gelernt h�tte? In Deutschland wahrscheinlich. Doch was w�rde ich tun? Mit Sicherheit nicht studieren. Dazu hatten mich erst David und Rachel ermutigt. Ich verwarf die Gedanken an meine m�gliche Zukunft, welcher ich entrungen war, stand auf, holte das Telefon von der Ladestation und drehte die Musik leiser. Rachel war nicht zu Hause. Entt�uschte beendete ich den Anruf und �berlegte, wen ich noch anrufen k�nnte. Mein n�chster Versuch war Timothy. Es ging lediglich der Anrufbeantworter ran. Das war mal wieder typisch. Zu allen ung�nstigen Zeiten rufen Freunde an oder kommen vorbei, aber wenn du mal mit ihnen reden m�chtest, ist kein Schwein zu erreichen. Nachdenkend tappte ich im Raum hin und her. Andr� brauchte ich nicht anrufen. Er wollte heute einige Freunde au�erhalb Londons besuchen und erst am Abend zur�ckkehren. Ich beschloss, im Laden anzurufen. David und Amber hatten den Sp�tdienst �bernommen und einer w�rde sich ein paar Minuten Zeit f�r mich haben. Ich legte das Telefon in der Hand zurecht und tippte mit der anderen eine Nummer ein. Wie ich auf diese Nummer kam und weshalb mein Gehirn meiner Hand befohlen hat, diese einzugeben, wei� ich bis heute noch nicht. Ich dachte mir wirklich nichts dabei, oder aber ich glaubte, ich w�rde sowieso nur auf den Anrufbeantworter sto�en, doch...
�Hallo?�
Mein Herz setzte aus beim Klang seiner Stimme.
�Hallo!?�, fragte er erneut. Du bist tats�chlich hier. Du bist tats�chlich in London, nur ein paar Stra�en weiter... Ich konnte nicht antworten. Wie angewurzelt stand ich neben dem Klavier. Selbst mein Denkverm�gen hatte ausgesetzt. Was tue ich eigentlich?
�Yvonne, bist du das?�
Ich schluckte, noch immer konnte und wollte ich nicht antworten. Mein Herz schlug wieder, allerdings fast bis zu meinen Hals. Ich vermutete, dass er dies h�ren konnte.
�Bitte rede mit mir�, sagte er mit sanfter Stimme. �Ich wei�, dass du es bist.�
Nun stiegen Tr�nen in meinen Augen auf. Soweit war ich also. Es ben�tigte nur seine Stimme und Verzweiflung machte sich wieder in mir breit. Verzweiflung, da ich ihn noch nicht losgelassen hatte. Ich wollte ihn wieder bei mir haben, f�r mich haben. Wollte ihn k�ssen und noch mehr. Das alles wollte ich in jenen Moment. Es ist noch zu fr�h, h�rte ich Andr�s Stimme in meinem Kopf. Ich wusste es nun selber. Es war eindeutig zu fr�h. Ich war noch zu schwach f�r eine solche Situation.
�Yvonne, bitte lass uns dar�ber reden.� Er stockte. �Du fehlst mir, Tiger-Lily.�
Das war zuviel. Panik stieg in mir auf. Panik, wieder den Halt zu verlieren, welchen ich erst durch meine Freunde wieder gefunden hatte. Ich dr�ckte eine Taste, beendete das Gespr�ch und warf das Telefon in den Sessel. Was hatte ich nur getan? M�hsam hatte ich versucht, die T�r zu meiner Zeit mit Orlando zu schlie�en und nun hatte ich sie selber wieder ge�ffnet. Hatte ihn wieder hereingelassen und mit ihm war all mein F�hlen f�r ihn zur�ckgekehrt. Er ist wieder da und es kann alles wieder gut werden... Er hat gemeint, ich w�rde ihn fehlen...
Das Telefon klingelte. Mein Kopf fuhr herum und ich starrte es an, als handle es sich um einen Geist. Meine F��e zitterten und mein Puls raste. Ich wei�, dass du es bist. Wie lange habe ich auf dich gewartet. Wie sehr sehne ich mich nach dir... Aber ich kann nicht. Ich kann einfach nicht. Ich habe solche Angst vor dir, vor mir, vor uns, vor dem, was wir tun oder nicht tun k�nnen... Es klingelte noch mehrmals, dann wurde es still und ich war allein. Wieder allein. Sag mir, Gott, was soll ich tun? 1
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