Part 33


Tief im Herzen

Mit abwesendem Blick sah ich dem Rauch nach, welcher sich vom Grill l�ste und seine Reise �ber die anderen D�cher Londons anstrebte. Dave stand, eine Sch�rze mit einem l�cherlichen Garfield-Motiv um die H�ften, hinter dem Grill und drehte und wendete das darauf brutzelnde Fleisch, w�hrend er sich mit den um sich herumstehenden Mike und David wildgestikulierend unterhielt. Aus dem CD-Player drang Musik von Clannad.
�Das war ja klar, dass du eine pingelige Jungfrau bist!�, lachte Charly unweit von mir.
Ich nahm meinen Blick von dem dahintreibenden Rauch und sah zu meinen Freunden, die scherzend diverse B�cher w�lzten.
�Was schreiben sie denn noch �ber Jungfrauen?�, erkundigte sich Richy und beugte sich �ber Rachels Schulter, um einen Blick in das Buch zu werfen.
�Nicht doch, M�dels. K�nntet ihr bitte jemand anderen analysieren?�, protestierte Tim hilflos.
�Vergiss es, es kommen alle dran.� Amber grinste erfreut in die Runde.
�Genau, vor allem die m�nnlichen Wesen unter uns�, stimmte Charlene zu. �Ich muss schlie�lich wissen, welcher unserer Kandidaten zu mir passt.�
�Na, aber ich mit Sicherheit nicht.� Timothy lehnte sich schmollend im Campingstuhl zur�ck. Rachel lachte hell auf und las den anderen aus dem Buch, welches sie auf ihrem Schoss hatte, weiter �ber das Sternzeichen Jungfrau vor.
Ich sah f�r einen Moment wieder �ber das Dach. Es war ein wunderbarer Sonntag. Die Sonne stand hoch am Himmel und kein Wind nahm ihren Strahlen die W�rme. Es war fast ein bisschen zu warm und der Sonnenschirm reichte kaum f�r uns alle. Mein Blick strich hin�ber zu dem Planschbecken, das Dave und Rachel f�r ihre Kinder mitgebracht hatten, aber kurz nach ihrer Ankunft meldete sich Daves Mutter auf Rachels Handy und sagte dieser, dass sie bei solch einem phantastischem Wetter gerne einen Ausflug mit ihren Enkeln machen w�rde. Auch wenn die Kinder nicht da waren, so wurde das Planschbecken dennoch genutzt; und zwar von Simon. L�ssig lag er, in Badeshorts und Sonnenbrille gekleidet, im k�hlen Nass und lie� sich von Amber und mir st�ndig neue Drinks bringen, bei welchen er auf diese bunten Cocktailschirmchen bestand. Ben, Matt und Bradley sa�en auf St�hlen neben ihm, ebenfalls versorgt mit Getr�nken von Amber und mir. Allerdings waren sie mehr bekleidet als Simon. Rachel beendet eben den Text �ber Timothys Sternzeichen und er zeigte sich erfreut, dass er als herzensguter Freund, treu und zuverl�ssig beschrieben wurde. Na ja, das stimmte ja auch. Auch stimmte es, dass er und Richy hervorragend zusammen passten. Jungfrau und Stier eben. Lachend unterhielten die anderen sich �ber das eben Geh�rte und auch ich richtete meine Konzentration wieder mehr oder weniger auf sie.
�Also, Simon ist das schrecklichste Sternzeichen �berhaupt�, sagte Rachel in die Unterhaltung hinein. �Ein L�we. H�rt euch das mal an: In Gesellschaften m�chte der L�we m�glichst im Mittelpunkt stehen. Er scheint arrogant, aber er kann nur nicht im Schatten stehen.�
�Der Autor scheint Simon zu kennen�, warf ich ein und die anderen lachten.
Rachel grinste mir zu und las weiter. �Der L�we hat Charme und wei� diesen einzusetzen. Das erkennen liebesd�rftige Frauen, die diesen k�niglichen Liebhaber umschw�rmen...�
�Liebesd�rftig?� Tim hob belustigend die Augenbrauen. �Dumm sind diese M�dels, mehr nicht. Das die auf so einen Schw�tzer reinfallen...�
�Jedoch sollten sie ihn anbeten und nie widersprechen.�
Nach diesem Satz aus Rachels Buch sahen wir alle zu Simon hin�ber, der noch immer in seinem Privatpool lag und mit seinen Freunden redete. Wirklich zu k�niglich sah er aus.
Rachel sch�ttelte den Kopf. �Mein kleiner Bruder... Hier steht, dass man einen L�wen am besten bei romantischer Musik und Kerzenlicht einf�ngt.�
�Ganz klar. Ich bin mir sicher, dass Simon unter romantischer Musik etwas ganz anderes versteht als jeder normale Mensch.�
�Ja, Tim, n�mlich Eminem und so ne Rapperschei�e.� Judy lachte auf. �Aber ist doch auch mega-romantisch wenn so ein Stra�engangster von sich gibt, dass er, ich zitiere: Ich bin so wahnsinnig freundlich und habe einen tollen Arsch oder ich mag es wenn du ah, ah es machst, M�dchen, Baby ah ah...� Judy hatte ihren Hintern im Stuhl hin und her geschoben und irgendeinen Song imitiert. Die anderen belachten ihre Darbietung.
Da ich nicht gelacht hatte, sahen sie zu mir. Ich zuckte mit den Schultern und gab gleichg�ltig eine mir bekannte Textstelle wieder: �Andale, andale, Mami, e.i., e.i., oh oh...�
Nun lachten meine Freunde erneut und dann begann Rachel zu er�rtern, wer von uns am ehesten zu Simon passen w�rde. Pech hatte hier Charlene. Laut Astrologie k�nnte sie Simon b�ndigen...
�Hey, das ist nicht lustig, h�rt auf!�, wehrte sie sich lachend, als die anderen ihre Witze �ber diese Erkenntnis rissen. Nach einigen weiteren Scherzen nahmen wir Amber unter die Lupe. Sie war mit ihrer Typbeschreibung sehr zufrieden. Nat�rlich gab es auch Aspekte, welche nicht auf sie zutrafen, aber das lag dann laut Rachel an einem Aszendenten.
�Und nach welchem Sternzeichen muss ich Ausschau halten?�, fragte Amber begeistert.
�Nach einem Krebs oder Skorpion. Die passen anscheinend am besten zu dir.� Rachel griff nach ihrem Glas Limonade und trank einen Schluck.
�Und was ist mit Wassermann?�, sprudelte es aus Amber hervor. �Ich kenne n�mlich einen.�
Rachel stellte ihr Glas zur�ck auf den Tisch und sah Amber ernst an, dann suchten ihre Augen nach David, der mit Mike und Dave am Grill stand. Nat�rlich hatte Rachel inzwischen ebenfalls bemerkt, dass Amber in David verliebt war. Doch w�re sie nicht Rachel, wenn sie es allen sofort weiter erz�hlt h�tte. So seufzte sie nun und las Amber den Text vor, welcher sehr zu Ambers Entt�uschung ausfiel. Sie als Fisch k�nne den Wassermann kaum zu H�chstleistungen anspornen, sie sei zu unselbst�ndig. Sie w�rde zwar eine freundliche, heitere Partnerin sein, doch w�rde es so scheinen, als ob der Wassermann aus Vernunft den r�cksichtsvollen Partner nur spielen w�rde.
Die anderen waren l�ngst zu Charlenes Sternzeichen �bergegangen, aber Amber h�rte nicht mehr richtig zu. Sie sa� da, kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe und sah so unauff�llig wie m�glich zu David hin�ber. Ich rutschte in meinem Stuhl zu ihr nach vorne.
�Hey, mach dir nichts draus. Das ist nur ein bl�des Buch�, baute ich sie auf, wobei ich darauf achtete, dass die anderen uns nicht bemerkten. �Bei mir stehen die Sterne auch nicht besser.�
Und damit log ich nicht. Orlando und ich � Steinbock und Zwilling. Vorhin hatte ich in einen der vielen anderen B�chern gebl�ttert, welche Rachel mitgebracht hatte. Eigentlich d�rften sie gar nicht zusammenkommen... Zu verschieden sind die Anschauungen des Steinbocks und des Zwillings. Das dies nicht unbedingt falsch war, hatte ich selber zu sp�ren bekommen. Die folgenden Zeilen waren schon aufbauender gewesen: Die Bindung der beiden w�re trotzdem von Nutzen, da der unruhige Zwilling einen Halt und der Steinbock eine reizende Abwechslung im t�glichen Einerlei f�nde. Ich presste die Lippen aufeinander, klopfte Amber auf die Schulter, stand auf und zog mein kurzes Top wieder ein St�ck nach unten, um mich nicht gar so nackt zu f�hlen. In Gedanken versunken schlappte ich zu dem kleinen Buffet, das wir an der Seite aufgebaut hatten. Knusprige Salate, Sandwiches und Wei�brot warteten darauf, endlich verzehrt zu werden. Mich lie� das ganze Fresszeug allerdings kalt und ich wandte mich direkt den Getr�nken zu. W�hrend ich mir Maracujasaft in mein Glas einschenkte, erinnerte ich mich zur�ck an das Buch. Wenn an der Astrologie wirklich etwas Wahres dran war, dann war sie eine gute Anleitung f�r den Umgang mit seinen Mitmenschen. Ein echter Steinbockmann hat kaum Zeit f�r Gef�hle, hatte in dem Buch gestanden. Nun ja, wenig Zeit ist relativ. Orlando und ich hatten eben aufgrund seines Berufes und den Wirbel um seine Person nicht die Zeit f�r einander, wie andere sie aufweisen k�nnen. Allerdings hatte ich auch etwas gelesen, das mir sofort wieder einen Stich ins Herz jagte: Die Partnerin eines Steinbocks muss sich kaum Gedanken �ber dessen Treue machen, da dieser mit seinem Drang nach Arbeit und Karriere meist genug mit der haben wird, der er seine Liebe erweist. Super, nicht? Und genau seine Treu zweifelte ich doch an. Und war ich laut meinem Sternzeichen nicht wankelm�tig und zweifelnd? Doch was n�tzte es nun, sich dar�ber Gedanken zu machen? Er war schlie�lich nicht mehr hier...
�Muffin!? Magst du mir auch noch mal was bringen?�, t�nte eine Stimme zu mir her�ber.
Ich drehte mich um. Simon lag noch immer im Planschbecken, die Beine links und rechts davon herausbaumelnd. �Bitte, Muffin, bitte!�
�Ist ja schon gut, aber h�r auf zu quengeln.� M�rrisch machte ich auf den Weg zu ihm, um sein Glas zu holen. Als ich ihm dieses abnahm, hob mir Matt ebenfalls das seine unter die Nase.
�Was geht denn jetzt ab?�, fragte ich ihn.
�All inclusive�, strahlte Matt. �Bitte, liebes Muffin. Ich erkl�re dir daf�r auch n�chste Woche ein bisschen Grammatik.�
�Sei froh, dass wir bald Pr�fungen haben und ich diese Hilfe wirklich brauche�, knurrte ich gespielt und ging dann zu dem Buffet zur�ck. Bei der Abgabe der Getr�nke sp�rte ich, dass Ben mich mal wieder beobachtete. Ich empfand es diesmal nicht als unangenehm. Was ich aber empfand, konnte ich nicht ausmachen.
�Danke, Muffy�, sagte Matt.
�Aruba, Jamaica, uh I wanna take ya...�, begann Simon zu singen und Brad setzte sofort mit ein: �To Bermuda, Bahamas, come on pretty Mama...�
Ich stand noch einen Augenblick da und h�rte zu, wie sie sich an dem Song aus Cocktail versuchten und sich in Karibikstimmung sangen.
�Key Lago, Montego, baby why don�t we go��
Karibik... Ich gab ein sehns�chtiges Seufzen von mir und ging, um mein Glas zu holen. Manchmal hatte Orlando davon gesprochen, dass er mich eines Tages auf die Bahamas oder sonst wohin entf�hren w�rde. Nur wir beide und ein ellenlanger wei�er Sandstrand - und f�r ihn ein Surfbrett. Abends w�rden wir in ein kleines Restaurant gehen und ich m�sste auf Spanisch bestellen, hatte er mir angedroht. Er hatte immer gemocht, wenn ich in einer anderen Sprache gesprochen hatte. Deutsch weniger, das hatte er zu oft von Andr� geh�rt. Mein Franz�sisch stufte ich selber als kl�glich ein, aber Orlando hatte es gefallen, genau wie mein Spanisch.
�Wei�t du�, hatte er mir erkl�rt, �wir kriegen unseren Akzent so schwer aus einer Fremdsprache heraus. Egal ob Franz�sisch oder Spanisch, man h�rt immer, dass wir Briten sind.�
Ich l�chelte Dave, Mike und David im Vorbeigehen zu, aber lediglich David bemerkte dies. Er l�chelte nicht zur�ck, sah mich nur f�r einen Moment an, ehe er sich wieder an der Unterhaltung beteiligte. Ich ging zum Tisch und den anderen zur�ck.
Rachel hatte noch immer ein Astrologiebuch unter der Nase, las daraus hervor und die anderen horchten ihr interessiert zu.
�Er l�sst sich nicht unterordnen, will frei sein. Er gr�belt viel und ist intelligent�, las sie gerade.
�So, wen zerpfl�ckt ihr nun in seine Einzelteile?�, fragte ich und lie� mich auf meinem Stuhl nieder.
�David�, raunte mir Amber zu.
�Wasserm�nner denken klar, sachlich, unpers�nlich und weitsichtig.� Rachel hielt einen Augenblick inne �Das stimmt�, sagte sie mehr zu sich selber. �Er will sich von der Masse abheben und seine Ideen und Tr�ume verwirklichen...�
�Der einzige in eurer Familie, der das tut.� Tim sah Rachel an und diese nickte.
�Ja, das tut er wirklich. Zumindest arbeitet er daran und gibt nicht auf.�
�Was schreiben sie �ber sein Liebesleben?� Charlene z�ndete sich eine Zigarette an und blickte erwartungsvoll zu Rachel.
�Charly�, lachte Judy, �wir haben doch vorhin schon geh�rt, dass ihr nicht zusammenpasst.�
�Ist doch egal.� Lachend schnippte Charly Asche von der Zigarette.
�Der Wassermann ist in der Liebe etwas kompliziert...�
�Klingt hervorragend! Der richtige Fall f�r mich. Lies weiter�, trieb Charly Rachel an.
�Sein Unabh�ngigkeitstrieb wehrt sich gegen alle festen Bindungen. Frauen sind f�r ihn Versuchsobjekte, bis er die eine findet, die den Versuch an ihm selbst vornimmt.�
�Und dann ist er geliefert, verloren. Glaubt es mir.� Simon war zu uns her�ber gekommen, eine Spur aus tropfendem Wasser legend und suchte auf dem Tisch nach den CDs. �Er braucht eine, die es mit ihm aufnimmt, die genauso anspruchsvoll ist wie er. Mit einem Naivchen, das nicht mal bis drei z�hlen kann, kann er nichts anfangen.�
�Dann frage ich mich aber, was er an dieser Franz�sin findet?� Charly verdrehte die Augen.
�Zum Forschen eignet die sich doch ganz gut.� Simon grinste dreckig.
�Ganz toll, Simon. Behalte deine perversen Phantasien f�r dich�, mahnte Rachel. �Ich finde die Einstellungen meiner beiden Br�der Frauen gegen�ber n�mlich gar nicht so angenehm.�
�Ich wei� nicht, was du hast. Wir �ben nur und irgendwann werden wir einem M�dchen unsere bedingungslose Liebe schenken.� Simon seufzte gespielt dramatisch und ging die CDs durch.
�Wegen mir darf David ruhig mit der Franz�sin �ben. Ich kann noch warten.� Charlene zog an ihrer Zigarette. �Was f�r ein Sternzeichen die Franz�sin wohl ist?�
�Zicke?�, fragte ich.
Charly gluckste erfreut los. �Der war gut, Yvonne. Zicken sind bei M�nnern doch verhasst, oder? Vielleicht habe ich ja dann doch Chancen.�
�Du brauchst dir gar keine Hoffnungen machen�, sagte Richy, der in der Zwischenzeit Rachel das Buch aus der Hand genommen und weitergelesen hatte. �Laut dieses schlauen Esoterikers hier�, er hielt das Buch kurz hoch, klappte es dann wieder auf, �laut diesem Buch gibt es unter euch H�hnern sowieso nur eine, die es mit David aufnehmen kann.�
�Und wer ist das? Etwa die Zicke?�, lachte Judy.
�Nein�, antwortete Richy und begann zu lesen. �Was den Wassermann an dieser Frau fasziniert, ist ihr Lachen, ihr Esprit, ihre Angewohnheit, �ber Dinge zu lachen, wenn diese eigentlich gar nicht mehr so l�cherlich sind. Sie sch�tzt seine zielbewusste Art, seine manchmal schockierende Direktheit. Beide haben von Beginn an geistigen Kontakt, der ein Leben lang anhalten kann.�
Fragend sahen wir einander an.
�Erkennst du dich wieder?�, fragte Richy im n�chsten Moment in meine Richtung.
Amber sah mich von der Seite an. Das hatte ja sein m�ssen, dass ausgerechnet ich eine g�nstige Bindung zu ihrem Traummann hatte � rein astrologisch nat�rlich. David und ich... Das war l�cherlich. Er war mein bester Freund und nur ihm vertraute ich nahezu alles an. Mein Lebenskomplize, Bruder, Seelentherapeut, Zuh�rer,... Nein, David war f�r mich, was diesen Bereich anging, einfach unantastbar, da ich wusste, dass er eine zu wichtige Person in meinem Leben war, als dass ich unsere Freundschaft f�r eine dumme Liebelei aufs Spiel setzen w�rde. Doch hinter Ambers Stirn begann es zu arbeiten.
�Ich glaube nicht, dass David bemerkt hat, dass Yvonne ein weibliches Wesen ist�, scherzte Timothy.
�Das bezweifle ich auch.� Simon grinste mich an. �Au�erdem ist Muffy doch an Ben interessiert.�
�Genau�, sagte ich schnell, obwohl ich mir in dieser Sache eigentlich gar nicht sicher war. �Was ist Ben �berhaupt?�
�Ben, was bist du f�r ein Sternzeichen?�, br�llte Simon im n�chsten Moment �ber das Dach.
�Widder. Wieso?�, kam die Antwort von Ben zur�ck.
�Weil wir eben pr�fen m�chten, ob Muffin und du eigentlich zusammenpasst.�
Ich schlug mir die flache Hand gegen die Stirn und rutschte im Stuhl nach unten. �Danke Simon.�
�Kein Problem.� Er grinste noch immer.
Simons Frage hatte Matt, Bradley und Ben dazu veranlasst, sich ebenfalls zu uns zu gesellen und so r�ckten wir dichter beisammen, damit Rachel die Dazugesto�enen ebenfalls beurteilen konnte.
�Der Widder ist bedingungslos ehrlich und schmei�t seinen Mitmenschen oft auf grobe Weise Wahrheiten an den Kopf�, las Rachel vor.
�Das stimmt, Ben. Feingef�hl hast du wirklich nicht�, lachte Amber.
Es wurden weitere Charaktereigenschaften vorgetragen und Ben und ich tauschten mehr als einmal einen Blick �ber den Tisch, was von Simon und Amber mit gro�er Genugtuung aufgenommen wurde, zumal wir laut den Sternen eine gute Partnerschaft f�hren k�nnten, was immer das hei�en mochte. Als Matt und Bradley auch ihr Horoskop zu Ohren bekommen hatten, rief Rachel nach ihrem Mann, Mike und David. Dave und Mike kamen her�ber, doch David blieb am Grill stehen und achtete darauf, dass das Fleisch nicht ankohlte.
Ich schob meinen Stuhl nach hinten zur�ck, um dem Trubel zu entgehen. Dann neigte ich mich gegen die Lehne, strich mit der Hand �ber meinen nackten Bauch, der von der Sonne gew�rmt wurde und schloss die Augen. Als mit dem n�chsten Lied aus dem CD-Player Drums und Gitarren einsetzten, sah ich wieder auf. David war nicht mehr allein. Monique war gekommen. Sie begr��te ihn gerade, er sagte etwas witziges, sie schubste ihn neckisch von sich.
�In your head, in your head, zombie, zombie��
Dolores von den Cranberries sang �ber die Situation in Nordirland, doch ich fragte mich eher, was gerade in meinem Kopf war.
�What�s in your head, in your head...�
Wann w�rde diese Leere endlich von mir gehen? Wann w�rde in mir endlich wieder Leben einkehren? Wirkliches Leben, keine br�ckelnde Fassade. Denn mehr war ich Moment nicht.
David kam zusammen mit Monique her�ber, damit diese uns begr��en konnte. Herzlich viel diese Begr��ung nicht aus. Monique gab lediglich Rachel, Dave, Tim, Charlene und Judy die Hand, uns j�ngeren nickte sie zu. Schlie�lich klatschte Dave feierlich in die H�nde und meinte, wir sollten langsam essen.
Gegen acht Uhr machte ich mich auf den Weg nach unten. Ich wollte noch duschen, ein Referat �berarbeiten und mich im Bett wieder Orlando-Gedanken hingeben. Gerade als ich die Wohnungst�r hinter mir schlie�en wollte, kam Ben.
�Yvonne, warte bitte.�
�Ja?�
�H�r mal, ich m�chte mich bei dir entschuldigen�, sagte er.
�Wof�r?�
�Wegen letzten Samstag. Ich h�tte dich nicht so �berrumpeln d�rfen.� Er l�chelte mich an. �Den ganzen Nachmittag habe ich gehofft, dich mal alleine anzutreffen.�
�Oh, dann hast du jetzt wohl Gl�ck.�
Wir standen einander gegen�ber, die T�r halb zwischen uns, und schwiegen. Keiner wusste so recht, was er sagen sollte. Es war schlie�lich Ben, der die Sprache wiederfand.
�Yvonne, ich wei�, dass du...� Er brach ab, suchte nach Worten. �Das mit dem Schauspieler...�
�Ben, was m�chtest du mir sagen?�, fragte ich und schob die T�r etwas weiter auf, um mich besser an sie lehnen zu k�nnen.
�Was m�chte ich dir sagen? Eigentlich ist es ganz einfach. Du kannst mir noch so oft nen Korb geben, ich werde immer wieder vor deiner T�r stehen.� Er schluckte.
Ich l�chelte ihn an. �Das glaube ich gerne. Immerhin tust du es ja gerade.�
Bens Lippen begannen ebenfalls ein L�cheln zu formen. �Und was wirst du dagegen tun?�
�Am besten wohl nichts.�
�Hei�t das, dass du mir eine Chance gibst?�
Ich lachte leise auf und schob eine Haarstr�hne hinter das Ohr. Eine Kreuzung; und Ben stand dort ebenfalls, bereit mich zu begleiten. Wieso eigentlich nicht? Was hatte ich zu verlieren? Ich w�rde ihn ja nicht sofort heiraten oder �hnliches. �Gut, und an was denkst du?�
�K�nnen wir uns die Woche mal treffen? Nur du und ich?�, fragte er hoffnungsvoll.
Ich sah ihm in die Augen. Ben war ein feiner Kerl und ich konnte sehen, dass er andere Gedanken hegte als Tom. �Wei�t du, worauf du dich einl�sst?�
�Nicht wirklich. Aber sag mir, ist das wichtig?�
Unsere Blicke hielten einander fest und ich hoffte, dass er meine Chance war. Zu was auch immer.
�H�ttest du Lust auf Kino? Dienstag? Ich hole dich ab�, schlug er vor.
�Wieso ausgerechnet Kino? Wenn du angeblich so viel �ber mich wissen m�chtest...�
�Alles.�
�Das klingt nett, Ben, aber ich m�chte nicht, dass jemand alles von mir wei�. Sonst verliere ich mich selbst.�
�Verstehe... Dann m�chte ich so viel von dir erfahren, wie du bereit bist, mir zu sagen.�
�Und deshalb m�chtest du mit mir ins Kino?� Ich zog eine Augenbraue hoch und sah ihn an.
�Nein, ins Kino m�chte ich mit dir, weil ich gerne ganz nah neben dir sitzen und im Dunkeln mit dir kuscheln w�rde.� Er l�chelte schelmisch und ich gab vor, ihm die T�r vor der Nase zuknallen zu wollen.
�Ist das jetzt ein ja?�
�Ja, das ist es. Hole mich gegen sieben Uhr hier ab, ja?�
�Das werde ich.� Er ging einige Schritte r�ckw�rts, l�chelte, wandte sich zum Gehen und drehte sich dann doch noch einmal um. �Ach, Yvonne!�
�Ja?�
�Ich freue mich.�
Und mit diesen Worten verschwand er wieder in der T�r, die auf das Dach f�hrte. Ich blickte noch eine Weile auf diese. Gut Yvonne, sagte ich zu mir selber, den ersten Schritt hast du gemacht. Nachdem ich geduscht hatte, setzte ich mich auf mein Bett und frottierte mir dort mit dem Handtuch die Haare. Wie ich so dasa�, wurde ich mir dar�ber bewusst, dass ich mich mit Ben verabredet hatte. Es handelte sich um eine Verabredung, ganz klare Sache. Diesmal w�rden nicht noch Amber, Tim, Richy und Simon dabei sein. Nein, nur Ben und ich. Ich legte das feuchte Handtuch beiseite, kniete neben dem Bett nieder und suchte unter diesem nach dem Schuhkarton. Ich fand ihn rasch und zog ihn hervor. Als ich den Deckel �ffnete, betrat ich eine andere Welt. Da waren sie, meine ganzen Orlando-Erinnerungen. Von Beginn an. Angefangen mit der Rechnung aus dem Rules �ber das Madame Tussaud�s Foto bis hin zu den Kino- und Theaterkarten. Ich presste die Lippen aufeinander, unterdr�ckte die Tr�nen und strich vorsichtig die Konturen seines L�chelns auf dem Foto nach, welches ihn mit der Wachsfigur von Marlon Brando zeigte. Mein Spinner... Ganz anders als Ben. So lebhaft. Seufzend packte ich den Deckel wieder auf den Karton und schob diesen zur�ck unter das Bett. Was soll ich tun, Orlando?, fragte ich ihn im Stillen. Soll ich weiter auf dich warten? Das kann ich nicht. Ich werde es zwar, das wissen wir beide, aber ich kann mein Leben nicht so schleifen lassen. Ich lehnte mich gegen das Bett, griff die Fernbedingung, die darauf lag und schaltete die Stereoanlage ein. Eine von Davids CDs begann zu spielen. Sch�ne Klaviermelodie, die zu meiner Stimmung passte. Auch wenn der Text nicht ganz so entsprechend war, da es sich um eine Liebeserkl�rung an Irland handelte.
�Living on your western shore, saw summer sunsets, asked for more
I stood by your Atlantic Sea and sang a song for Ireland�

Ich erinnerte mich zur�ck an Kates Hochzeit, wie ich mit Chiar�n getanzt hatte. Auch zu diesem Song hatte ich zu sp�ter Stunde mit ihm getanzt. Allerdings hatten ihn da David und Ma�re gesungen.

�Talking all the day with true friends who try to make you stay
Telling jokes and news, singing songs to pass the time away�

Vielleicht war London doch nicht das Leben, das ich mir w�nschte? Nat�rlich hatte ich hier meine Freunde. Sehr gute Freunde, bessere konnte ich gar nicht finden. Doch hatte ich in letzter Zeit immer �fter das Gef�hl, dass alles um mich herum zu schnell gehen w�rde. Dass ich den Anschluss verlor und einfach nicht Fu�fassen konnte. Ich musste mir wieder ein Ziel zurechtlegen, das wusste ich. In den vergangenen Monaten war Orlando mein Ziel gewesen, aber nun?
Ich lauschte noch ein wenig der Musik und lie� meine Gedanken dann wieder zu Orlando wandern. Dachte an unsere erste Begegnung, an den ersten sch�chternen Kuss, an das Wochenende in Frankreich, an die erste gemeinsame Nacht, an das Tanzen im Regen... Und dann war er weggegangen, aus meinem Leben gegangen. So pl�tzlich, wie er in es gekommen war. Ich krallte meine N�gel ver�rgert in den Teppich.
Du Mistkerl! Viele schlaflose N�chte verbrachte ich vor dem Telefon, um letztendlich zwei Minuten deine Stimme zu h�ren. Und wie oft hast du nicht angerufen und ich wartete umsonst? Wie oft wollte ich das Telefon deshalb vor Wut an die Wand knallen? Ich lie� den Kopf in meine H�nde sinken. Trotzdem hatte ich mich an dir nie satt sehen k�nnen, mein verr�ckter Spinner, mein durchgeknallter Freak. Nie hatte mich dein Gerede gelangweilt, auch wenn es mich nicht immer interessiert hat. Und nun bist du fort!
Ich stand auf, zog mich an und versuchte noch ein wenig zu lernen, aber irgendwann wurden die Gedanken an ihn zu stark und ich zog es vor, schlafen zu gehen. Als ich mich ins Bett legte, beschloss ich, es mit Ben zu versuchen. Zu versuchen, mein Leben wieder zu leben. Orlando lebte schlie�lich auch weiter und er lebte mit Sicherheit besser als ich. Ich zog mir Decke an den Hals und murmelte, dass er endlich aus meinem Leben verschwinden solle, wenn er schon nicht zu mir zur�ckkam. Und mit diesen Gedanken schlief ich irgendwann ein.

Doch Orlando verschwand nicht aus meinem Leben. Er erschien immer und immer wieder. Besonders nachts, wenn ich im Dunkeln lag und schlafen wollte. Ich sp�rte das Gewicht seines K�rpers auf meinem, f�hlte seine warme Haut an meiner. Ich erinnerte mich an den Geruch seines Haares, schmeckte seine K�sse. Es war jedes Mal der reinste Albtraum. Die Einsamkeit und das Verlangen nach ihm drohten mich aufzul�sen. Ich lag reglos in der Dunkelheit meines Zimmers und �berlegte endlos, warum er gegangen war. Aber ich kannte die Antwort...

Ich war Dienstag mit Ben im Kino gewesen. Wir hatten uns den neuen Film mit Josh Hartnett angesehen und waren anschlie�end noch etwas trinken gegangen. Als er mich nach Hause brachte, versuchte er nicht, mich zu k�ssen. Ich war ganz froh dar�ber.
Donnerstag hatte er mich nach der Arbeit im Diners abgeholt und wir waren zum Leicester Square gegangen, an welchen er mich ins H�agen Dasz Cafe zu einem Baileys-Eis einlud.
Samstag verbrachten wir in einem gem�tlichen Pub nahe der Themse und sp�ter stie�en Amber, Tim und Richy zu uns.
Bei unseren Treffen sprachen wir sehr viel miteinander und Ben bewahrte eine gewisse Distanz. Zumindest wagte er keine Ann�herungsversuche und war wohl zu dem Entschluss gekommen, dass er mich das Tempo bestimmen lassen sollte. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden. Orlando sa� n�mlich noch deftig in mir und w�rde diesen Platz auch bestimmt nicht freiwillig r�umen. Oft sa� ich auf meinem Bett und machte mir Gedanken �ber meine Gef�hle f�r Ben und Orlando, so lange, bis die Sonne in der Finsternis verschwand und die Fenster zu Spiegeln wurden. Dann sah ich die Sterne an. Und diese ohne Orlando zu betrachten, schmerzte mir zutiefst in der Seele. Das Gef�hl der Verzweiflung war etwas sehr vertrautes geworden. Verzweiflung nach Leben, nach Liebe.

Die letzten Tage hatte es geregnet. Ich sa� in der K�che und starrte auf meinen Wasserkocher, der gem�chlich vor sich hin brodelte. In zwei Wochen w�rde ich meine Pr�fungen haben und ich wusste nicht, wie ich diese schaffen sollte. Zwar lernte ich mit Tim und Matt, aber kaum hatten wir unsere Nachhilfe beendet, hatte ich das Geh�rte wieder vergessen. Aufgrund der nahenden Pr�fungen arbeitete ich nun nur noch zweimal die Woche im Diners. Ed, mein Chef, hatte volles Verst�ndnis gezeigt und gemeint, er k�nne ja immerhin nicht die Schuld auf sich nehmen, falls ich durchfallen sollte. So hatte ich auch am heutigen Tag nicht gearbeitet, sondern mit Matt zusammen Vokabeln gelernt.
Mit Ben kam ich immer besser aus. In der letzten Woche hatten wir uns fast t�glich gesehen. Es war richtig angenehm, zumal mir seine Aufmerksamkeit und sein Interesse an mir schmeichelten. Ben machte keinen Hehl daraus, wie sehr er mich bewunderte und wie gerne er mich hatte. Mir fiel es auch nicht schwer, ihn zu m�gen. Allerdings nur zu m�gen. Doch ich hoffte, dass sich dies �ndern w�rde, wenn ich ihn nur besser kennen lernte. Ich wollte lieben, und zwar jemanden, der meine Liebe auch erwiderte.
Das Licht am Wasserkocher erlosch und ich erhob mich, um diesen abzuschalten. Dann holte ich mir eine Tasse aus dem K�chenschrank und machte mir einen Tee. Wie so oft verbr�hte ich mir zun�chst die Zunge an dem hei�en Getr�nk und zuckte zusammen. Dann sch�ttelte ich �ber meine unverbesserliche Dummheit den Kopf, w�hrend ich mir die K�che ansah. Nett sah sie aus. Gelb hatte Simon, Mike und David sie gestrichen. Ein sch�nes Sonnengelb. Morgens wirkte die Welt nicht mehr so trist in diesen vier W�nden. L�chelnd blickte ich auf die vielen Augenpaare, die mich anstarrten. Mit einem blo�en Gelb hatte sich David nicht zufrieden gegeben und er hatte jede einzelne Wand in ein gro�es St�ck K�se verwandelt, aus dessen L�chern M�use erfreut in das Innere der K�che blickten. Zwar f�hlte man sich nun stark an eine Kindergartenk�che erinnerte, aber uns gefiel unser neuer Ort der Essenszubereitung ganz gut. Mit meiner Tasse in der Hand ging ich zum Salon. Dort lie� ich mich in den Sessel fallen und legte die F��e auf den Couchtisch.
�Was machen wir zwecks Essen?�, fragte ich Simon, der mir gegen�ber langgestreckt mit geschlossenen Augen auf der Couch lag, Kopfh�rer �ber den Ohren hatte und sich das neue Album von Eminem anh�rte. Er hatte mich mit Sicherheit nicht geh�rt, sp�rte aber wohl meine Anwesenheit, weshalb er die Augen �ffnete und die Kopfh�rer anhob.
�Kochst du heute oder ich?�, formulierte ich meine Frage neu.
Simon streckte sich und sah mich weiter an. Auch er hatte heute frei gehabt und denn Tag dazu genutzt, mal wieder richtig zu entspannen und zu relaxen. Nun f�hrte seine Entspanntheit dazu, dass er beinahe zu faul war, den Mund zu �ffnen. Er zuckte mit den Schultern und sah mich mit einem Blick an, der sagte: ist mir egal. Dann legte er sich wieder in die Kissen, schloss die Augen und bedeckte seine Ohren mit den Kopfh�rern. Ich blieb sitzen, trank meinen Tee und bl�tterte in der Programmzeitschrift. So vergingen weitere Minuten und schlie�lich vernahm ich die Wohnungst�r. David kam nach Hause, was bedeutete, dass es bereits nach 18 Uhr sein musste. Er warf einen kurzen Blick in den Salon, begr��te mich, indem er erfreut die Augenbrauen hochzog und verschwand dann in seinem Zimmer. Kurz darauf kam er in den Salon. Er trat neben die Couch, sah auf Simon herunter und sprach diesen an. Auf seine Frage hin bekam er keine Antwort. Simon hatte nicht mitbekommen, dass David nach Hause gekommen war und ihn angesprochen hatte und lauschte noch immer mit geschlossenen Augen der Musik. David zuckte mit den Schultern und lief zum Balkon. Im Vorbeigehen drehte er die Stereoanlage auf volle Lautst�rke, was dazu f�hrte, dass Simon lautschreiend aufsprang und sich die Kopfh�rer von den Ohren riss. Seine Augen waren unnat�rlich weit ge�ffnet, sein Gesicht bleich und er wirkte als h�tte man ihm ein paar tausend Volt durch den K�rper gejagt. Ich sa� nur da und lachte.
�David! Du Arsch!�, schrie Simon seinem Bruder hinterher und rieb sich im n�chsten Moment die Ohren.
David grinste erst ihn, dann mich an, �ffnete die Balkont�r und trat auf diesen hinaus. Simon schnappte sich beleidigt die CD aus dem Player und siedelte in die K�che um. Ich grinste vor mich hin. Das war nat�rlich auch eine Art, Simon zu seinem K�chendienst zu bringen. Ich stellte meine Tasse ab und folgte David auf den Balkon. Die Sonne schien und in der Luft hing der Geruch von frischem Regen. Wahrscheinlich hatte es vor einigen Minuten einen kurzen Schauer gegeben, oder aber er stand noch bevor. Als ich nach Osten blickte, sah ich einen Regenbogen �ber der Stadt. David lehnte am Gel�nder und pfiff irgendein irisches Volkslied vor sich hin.
�Hoffentlich h�lt das Wetter bis Samstag�, sagte er nach einer Weile.
�Wenn nicht, m�ssen wir Aarons Geburtstag eben im Laden feiern. Das Lager ist gro� genug.� Ich drehte mich um und lehnte mich r�cklings gegen das Gel�nder, um ihn besser ansehen zu k�nnen.
�Schon, aber unser Dach ist einfach besser. So m�ssen wir alles erst zum Laden schleppen und dann wieder zur�ck.�
�Stimmt. Und das w�re ja mit Arbeit verbunden.� Ich kniff die Augen zusammen und l�chelte ihn gegen die Sonne an.
�Wie weit ist das mit Ben eigentlich?� David drehte sich nun ebenfalls um, sah mich forsch an und verschr�nkte die Arme vor der Brust.
�Wie meinst du das?� Ich fuhr mit einem Fu� an einer L�ngsstange des Gel�nders entlang.
�Seid ihr nun zusammen?�
�Nein, eigentlich nicht.�
�Aber ihr arbeitet daraufhin?�
Ich schluckte, wusste keine Antwort, da ich mir in dieser Sache einfach zu unsicher war und zuckte mit den Schultern.
�Erzwinge nur nichts, h�rst du?� David nahm eine weniger ablehnende Haltung ein und steckte die H�nde in seine Hosentaschen. �Tu nichts Un�berlegtes. Wenn du dir nicht sicher bist, dann lass es. Man spielt nicht mit den Gef�hlen anderer.�
�Ach nein? Da ist mir aber anderes widerfahren�, sagte ich �rgerlich.
�Mag sein, aber sicher wei�t du es nicht�, antwortete David auf meine Anspielung auf Orlando. �Aber das ist noch lange kein Grund, dass du nicht ehrlich den anderen gegen�ber bist. Und vor allem gegen�ber dir selbst.�
Wir tauschten noch einen kurzen Blick und dann verlie� David den Balkon, um Simon in der K�che zur Hand zu gehen. Ich drehte mich erneut um und �berblickte die Stadt.
�So how can you tell me you�re lonely and say for you that the sun don�t shine�, summte ich ein Lied von Ralph McTell vor mich, das mir schon in Deutschland im Englischunterricht gefallen hatte. �Let me take you by the hand and lead you through the streets of London, I�ll show you something to make you change your mind.�
Ich nahm meinen Blick von London und sah zur Sonne. Doch, in meinem Leben schien sie, also konnte es doch gar nicht so schlimm sein. Und alleine war ich auch nicht, ich hatte meine Freunde und zwei von ihnen befanden sich in just diesem Moment in der K�che, um mir etwas zum Essen zu machen. Mein Leben mochte nicht perfekt oder gut sein, aber es war in Ordnung und ich konnte es leben, das war das wichtigste. Und Orlando? Ich sah hin�ber nach Notting Hill. Zu viel Zeit war vergangen... Ich musste nach vorne blicken und dort sah ich nur Ben, und keinen Orlando. Ich umklammerte das gusseiserne Gel�nder. Ich werde ihn lieben, ich wei�, dass ich es kann, alleine schon, weil er mich auch liebt.

Es regnete nicht und wir konnten Aarons Geburtstag wie geplant auf dem Dach feiern. Wie jedes Jahr bedankte er sich an die hundertmal bei David f�r dieses Angebot. Ich hatte Rachel und ihm bei den Vorbereitungen geholfen. Zu Aarons Bekanntenkreis z�hlten nicht gerade viele Leute, weshalb er nichts dagegen hatte, dass Timothy, Richy, Charlene und Judy ebenfalls erschienen. So brachten wir es zusammen auf ungef�hr drei�ig Leute, mehr als es an meinem Geburtstag gewesen waren. Ich sa� die meiste Zeit �ber im Hintergrund und wartete auf Ben. Aaron hatte ihn und Amber ebenso eingeladen wie Simon und mich, schlie�lich geh�rten sie zum Team des Ladens.
Mit meinem Geburtstag war der von Aaron nicht zu vergleichen. Seine Freunde kamen �berwiegend aus der K�nstlerszene und tanzen, trinken und feiern schien ihnen fremd zu sein. Sie hielten sich an ihren Getr�nken fest, knabberten an den Salaten und sprachen wichtigtuerisch �ber irgendwelche Ausstellungen. David hielt sich gelegentlich bei ihnen auf, beteiligte sich an den Gespr�chen, aber es war f�r jeden ersichtlich, dass er �berhaupt nicht in diese Gruppe passte. Monique jedoch zeigte sich sehr interessiert an Aarons kultivierten Freunden. Zumindest bevorzugte sie einen Platz in deren Mitte und nicht bei uns, die wohl unter ihrem Niveau waren. Rachel regte sich �ber dieses Verhalten m�chtig auf. Immerhin seien wir Davids Familie, meinte sie �rgerlich. Doch die Wahrheit war, dass es Rachel betr�bte, dass die Dame, die David zur Frau seines Herzens erkoren zu haben schien, kein Interesse an dessen Familie hatte. Wir alle wussten, wie wichtig Rachel der Zusammenhalt der Familie und Freunde war und das sie Angst hatte, dass ihr Bruder sich aufgrund einer Frau von uns entfernen k�nnte. Nat�rlich hielten Dave und wir anderen dagegen, meinten, dass David dies nie tun w�rde. Aber Simon und ich versp�rten diese Angst ebenfalls. David war kaum mehr einen Abend zu Hause, immer mit ihr unterwegs...
Als Bewegung in der Menschentraube um Aaron entstand, sah ich auf. Ben und Amber waren gekommen. Ich sah zu, wie sie Aaron gratulierten und ihm kleine Geschenke �berreichten. Aaron machte die beiden mit seinen Freunden bekannt, welche Ben als angehenden K�nstler sofort in ein Gespr�ch zogen. Amber l�chelte kurz in die Runde und rettete sich dann zu uns her�ber. Nachdem sie die anderen begr��t hatte, lie� sie sich neben mir auf einen Stuhl fallen, welchen ich eigentlich f�r Ben freigehalten hatte. Kaum sa� sie, begann sie mir zu erz�hlen. Erz�hlte, dass Andr� sich gemeldet hatte und das sie die Woche Eric und Chris begegnet sei. Ich h�rte mit einem halben Ohr zu, w�hrend ich weiter zwischen ihr und Ben hin und her sah. Er sah heute richtig gut aus. Oder hatte er das schon immer und es war mir nur nie aufgefallen? Amber neben mir berichtete, dass Andr� noch immer nicht mit dem Einrichten seiner Wohnung fertig sei und sich dies wohl bis Weihnachten hinstrecken w�rde. Au�erdem hatte er ihr gesagt, dass er die Leute in Berlin auf Englisch statt auf Deutsch anreden w�rde. Ich nickte und suchte mit den Augen wieder nach Ben. Heute wollte ich es wagen. Seit meiner Unterhaltung mit David hatte ich mich einmal mit Ben getroffen. Wir waren wieder im Kino gewesen und ich hatte sogar zugelassen, dass er seinen Arm um mich gelegt hatte und mir bei Gelegenheit etwas zu dem Film ins Ohr fl�sterte. Vor dem Haus hatte es dann einen kurzen, kaum f�hlbaren Kuss gegeben.
�... Chris meinte, dass Orlando wohl auch noch den ganzen August in Australien sein w�rde...�
Mein Kopf fuhr zu Amber herum. �Wie bitte?�
�H�rst du mir etwa nicht zu?�, fragte sie entr�stet.
Ich err�tete leicht. �Doch, doch. Nur eben war ich etwas abgelenkt.�
�Ach so. Also, Orlando wird wohl den ganzen Sommer au�erhalb Britanniens verbringen. Nach diesem Film dreht er einen mit Johnny Depp!� Sie klang begeistert. �Einen Piratenfilm in Los Angeles. Johnny Depp! Oh Mann, Orlando ist echt zu beneiden, wenn ich die M�glichkeit h�tte...� Sie verstummte und sah mich einen Augenblick an. �Entschuldige, ich hatte vergessen...�
Was hast du vergessen?, wollte ich sie fragen. Dass ich mit Orlando zusammen war? Dass ich keinen Kontakt mehr zu ihm habe? Dass ich nicht wei�, was er gerade tut und in Zukunft tun wird? Dass ich nur noch aus Klatschzeitungen von ihm erfahre? Oder dass ich ihn noch liebe? Doch stattdessen sagte ich nur: �Ist schon gut.�
�H�r mal�, sagte sie vorsichtig, �Vielleicht beruhigt sich ja die Situation zwischen euch beiden wieder und wir k�nnen ihn in den Staaten besuchen. Mensch Yvonne, L.A.!�
�Einen Flug nach Los Angeles kann ich mir nicht leisten. Au�erdem wei� ich nicht, ob ich ihn mir �berhaupt leisten will.� Ich sah wieder zu Ben, der mich inzwischen bemerkt hatte und sich von seinen Gespr�chspartnern losrei�en wollte.
Amber wiegte den Kopf hin und her. �Ja, das ist durchaus m�glich.� Auf ihren Lippen bildete sich ein neckisches Grinsen als sie meinen Blick zu Ben beobachtet hatte. �Er ist schwer in Ordnung; und er mag dich.�
�Ich wei�.�
�Wo ist dann das Problem? Orlando ist fort, aber Ben ist hier.�
Und dann stand Ben pl�tzlich an unserem Tisch. Zuerst begr��te er Rachel, Simon und die anderen. Als er dies getan hatte, kam er zu Amber und mir, setzte sich uns gegen�ber und l�chelte erfreut. Schei�e!, dachte ich nur und verw�nschte Amber wohl zum ersten Mal, seit wir uns kannten. Eigentlich hatte ich mich mit Ben unterhalten wollen, aber die beiden schienen mich bald vergessen zu haben und scherzten und lachten zusammen. Irgendwann war es mir zu bl�d und ich gesellte mich zu Rachel und Timothy. Von deren Unterhaltungen bekam ich auch nicht gerade viel mit. Zu sehr besch�ftigten sich meine Gedanken mit Ben. Ich war richtiggehend w�tend dar�ber, wie der Abend begonnen hatte, doch machte ich mir nicht die M�he, ein L�cheln vorzut�uschen. Ich sa� mit eisigen Gesicht am Tisch und verfluchte alles und jeden.
�Hey Muffy, was denn los?�, fragte Simon nach einer Weile.
�Nichts. Was soll sein?�
�Kein Grund patzig zu werden.�
Ich hatte nicht geantwortet, sondern war aufgestanden. Ziellos lief ich auf dem Dach umher, entfernte mich von den anderen und kam an jene Stelle, von welcher aus ich Orlando bei seiner Titanic-Interpretation zugesehen hatte. Ich schloss die Augen und sah ihn wieder ganz eindeutig vor mir. Mit ausgebreiteten Armen stand er da und grinste mich an. Dann kam er zu mir zur�ck, nahm mich in die Arme und k�sste mich.
�Sch�ne Nacht. Es regnet mal nicht�, h�rte ich seine Stimme wieder und antwortete in Gedanken wie damals: �Nein. Man sieht sogar die Sterne.�
Ich �ffnete die Augen. Es war inzwischen dunkel geworden und die Sterne glitzerten am schwarzen Firmament. Und ich denke schon wieder an dich, Orlando. Gott, ich sehe dich einfach �berall. Wo ich auch hinschaue, da bist du, erinnert alles an dich. Unsere Sterne... Unerreichbar fern und doch so nah. Genau wie du, Orlando. So fern und doch so nah. Du bist nicht wirklich weit fort, du bist genau hier, bei mir. Ich legte meine Hand auf mein Herz.
�Hey, was machst du hier so alleine?�
Ich drehte mich um. Ben kam auf mich zu. Er l�chelte unsicher und das L�cheln verblasste, als er mich sah. Oh Gott, hatte ich etwa Tr�nen in den Augen?
�Bist du sauer mit mir?�, fragte er und hielt einen geringen Abstand zu mir ein.
�Nein, h�chstens mit mir selber.� Ich schob meine Gedanken an Orlando fort und versuchte mich an einem L�cheln. Dieses musste sogar nett ausgesehen haben, denn Ben rief nicht nach Hilfe und lief auch nicht weg.
�Wieso bist du mit dir b�se?� Seine Haltung entspannte sich und er wagte erneut ein sanftes L�cheln.
�Das zu erkl�ren w�rde zu viel Zeit in Anspruch nehmen.�
�Ich habe Zeit.�
Ich atmete tief durch. �Ben, die letzten Abende mit dir, die waren so...�
�Ja?�
�Ich wei� nicht, wie ich es sagen soll.�
�Versuch es einfach.� Er grinste mich an.
Ich l�chelte kurz und startete dann einen neuen Versuch. �Ich denke, dass dir nicht entgangen ist, dass ich dich mag. Irgendwie zumindest.�
�Das hoffe ich doch.�
Wir l�chelten uns an und pl�tzlich war Orlando weit fort. Es gab nur Ben und mich � und Amber.
�Hey ihr zwei! Was macht ihr denn? Wir feiern hier einen Geburtstag.� Strahlend kam sie auf uns zu.
Ich rollte genervt mit den Augen, darauf achtend, dass sie es nicht sehen konnte. Auch Ben schien nicht gerade gl�cklich �ber ihr Erscheinen.
�Wir kommen gleich. Amber, w�rde es dir etwas ausmachen, uns noch einen Moment alleine zu lassen?� Ben sah Amber an und diese nickte und ging einige Schritte zur�ck. Dann blieb sie stehen, sah �ber das Dach hinaus und schielte gelegentlich zu uns.
�Du magst mich also?�, griff Ben das Thema wieder auf.
�Mach so weiter und ich �berlege es mir noch mal.� Nun grinste ich tapfer zur�ck.
Mein Grinsen ging bei seinem Blick in ein L�cheln �ber, welches er erwiderte.
�Du und ich... Meinst du also...?� Ben verstummte und ich bemerkte, dass Amber zwar den Himmel betrachtete, sich aber etwas gen�hert hatte. Ben beachtete sie nicht und sprach weiter: �Meinst du, dass das mit uns was werden k�nnte?�
�Das wei� ich nicht, aber aus allem kann etwas werden. Am ehesten aus dem, mit dem man nicht rechnet.� Wenn Ambers Ohr sich noch weiter herdreht, kann sie BBC �ber Satellit empfangen. Ich warf ihr einen w�tenden Blick zu. Sie deutete ihn entweder falsch oder ignorierte ihn, denn sie gab mir zu verstehen, dass ich mir Ben einfach schnappen sollte. Genau das wollte ich ja, aber nicht mit Amber als Publikum.
�Hey ihr da dr�ben!� Simons Stimme hallte �ber das Dach. �Schluss mit der Privatparty. Kommt r�ber.�
�Vielleicht sollten wir zur�ck, bevor die alle hierher kommen�, sagte Ben.
�Ja, w�re wohl besser.�
�Wir k�nnen ja sp�ter noch einmal reden.�
Noch l�nger warten? Herrje, mein ganzes Leben bestand aus warten und ich hatte es so satt. Ich sah ihn noch einen Moment in die Augen und drehte mich dann um. Amber lief bereits wieder zu den anderen, da sie bemerkt hatte, dass es bei uns nichts zu sehen geben w�rde. Ich sp�rte, wie Ben an mir vorbei ging. Jetzt oder nie!
�Ben?�
Zu einer Antwort kam er nicht. Ich hatte seinen Arm gepackt und ihn zu mir gezogen. Er geriet ein wenig ins Schwanken, als ich ihn an mich riss, mich auf die Zehen stellte und k�sste. Meine H�nde hielten sich an seinen Schultern fest und w�hrend er meinen Kuss sanft erwiderte, f�hlte ich seine H�nde an meiner Taille. Ich horchte tief in mich hinein, wartete auf eine Reaktion meines F�hlens, doch es kam nichts. Hatte ich mich geirrt? Hatte ich mich in etwas hineingesteigert? Ich schob eine Hand von seiner Schulter und legte sie auf seinen Nacken. Meine Finger spielten mit seinen Haaren. Himmel, was tu ich hier? Stell dich nicht so an, Yvonne. Du tust etwas ganz Nat�rliches. Du l�sst deine alte Beziehung hinter dir und gehst eine neue ein. Doch es machte mir Angst, dass ich nicht f�hlte, wie ich erwartet hatte, n�mlich gar nichts. Mein K�rper arbeitete wie eine routinierte Maschine, aber meine Seele peinigte mich mit Gedanken. Das ist alles so falsch... Wir unterbrachen die K�sserei einen Moment. Ben griff sanft nach meiner Hand und zu meiner eigenen Verwunderung lie� ich es zu und zog sie nicht zur�ck. Ich verfluchte mich allerdings selbst: Yvonne! Was tust du noch hier? Ben begann erneut mich zu k�ssen, zuvor hatte er mich angesehen. Seine Augen hatten gefunkelt vor Freude, doch die Panik in meinen hatte er nicht gesehen. Ich konnte nicht... Ben stoppte, l�chelte mich wieder an. Ich richtete den Blick nach unten. Und dann begann er diesen Fehler: Ich sp�rte seine Hand an meinen Kinn und er richtete mein Gesicht dem seinen entgegen, so, wie Orlando es immer getan hatte. Diese Ber�hrung geh�rte ihm. Niemand sollte mich je so ber�hren. Ben k�sste mich. Meine Gedanken fra�en mein Innerstes, mein Leben. Ruckartig schubste ich ihn von mir. Mein Nein prallte wie ein Gummiball von einer Wand zur anderen.
�Nein! Das ist so falsch! Das ist alles nicht richtig. Das ist...�
Ben sah mich an, die Augen aufgerissen, Unverst�ndnis ins Gesicht geschrieben.
�Yvonne, was ist falsch?�, fragte er irritiert.
�Du!�, schrie ich und durch meinen Aufschrei sahen die anderen zu uns her�ber. Ich konnte es sehen und h�ren. Es wurde still und sie warteten darauf, was geschehen w�rde. Simon w�rgte herunter, was immer er gerade im Mund gehabt hatte, stand auf und n�herte sich uns. Ich h�tte es hierbei belassen sollen, aber ich tat es nicht. Einmal angefangen, konnte ich nicht aufh�ren. �Du bist falsch!�, ging ich weiter auf Ben los. �ber die Heftigkeit dieser Attacke war ich selbst erstaunt. �Alles an dir ist so falsch. Du riechst nicht wie er. Du schmeckst nicht wie er. Deine H�nde... Du fasst mich nicht an, wie er es getan hat. Deine K�sse... Du k�sst nicht wie er.� Tr�nen der Verzweiflung liefen �ber meine Wangen und ich sah Ben durch deren Schleier an. �Du bist einfach nicht Orlando.� Ich hatte es getan, hatte den Namen gesagt und diesem folgten weitere Tr�nen.
Ben sah mich an. Er war sprachlos, kapierte nicht, wie ihm geschah. Ich sah zu meinen Freunden, welche nun sinnlos auf ihre Teller starrten, nur nicht zeigten, dass sie alles mitbekommen hatten. Aarons Freunde dagegen sahen direkt zu uns her�ber und warteten, wie es weitergehen w�rde. Doch ich hatte nichts mehr zu sagen. Ich hatte Ben abgewiesen und alle hatten es mitbekommen. Ich rannte zur T�r.
�Yvonne!�, rief Amber. �Warte, Yvonne!�
Ich lief weiter.
�Muffin!� Auch Rachel rief mir nach.
�Verflucht! Wollt ihr nichts tun?�, fragte Amber verzweifelt die anderen. �Sie wird sich was antun!�
Ich schaute nicht zur�ck, sondern riss die Eisent�r auf, um nach unten zu gelangen.
�Yvonne!�, h�rte ich Simon hinter mir.
Im Hausflur hatte er mich eingeholt und gemeinsam donnerten wir gegen die Wohnungst�r. Ich wollte ihn zur�cksto�en und mich in die Wohnung retten, aber Simon war st�rker und hielt meine beiden Arme mit einer Hand fest, w�hrend er mit der anderen die T�r zudr�ckte.
�Fuck!�, sagte er aufgebracht. �Was zum Teufel hast du?�
�Muss ich dazu noch viel sagen?�, heulte ich zur�ck.
�Oh Schei�e! Kapier doch endlich, dass du nicht die bist, die Bloom will!�
�Woher zum Teufel willst du das wissen?� Mein Keifen klang halblebig und nicht angreifend, sondern verteidigend.
�Yvonne, �ber sechs Wochen sind vergangen und wo war der Arsch? Hat er sich bei dir gemeldet? Kam je etwas von ihm zur�ck?�
�Nein...�
�Wenn das nicht Zeichen genug ist�, knurrte Simon. �Du bist es nicht f�r ihn und er ist es nicht f�r dich!�
Ich begann wieder zu weinen, sammelte meine Kr�fte und stie� Simon in einen unerwarteten Moment von mir. Dann �ffnete ich die T�r und st�rzte in die Wohnung und in mein Zimmer. Die T�r verschloss ich. Ich warf mich nicht auf das Bett, vielmehr kroch ich zu ihm hin�ber. Was hatte ich von mir erwartet? Was hatte ich bezwecken wollen? Orlando mit aller Gewalt aus meinen Gedanken zu verjagen? Ich hatte doch gewusst, dass es nicht funktionieren w�rde, doch ich hatte es geglaubt. Und nun? Ich hatte Ben vor allen anderen angeschrieen und gedem�tigt, indem ich ihn mit Orlando verglichen hatten. Einen Vergleich, den er nicht gewinnen hatte k�nnen. Schon deshalb nicht, weil es Orlando war, der in meinem Kopf und in meinem Herzen war.
Ich griff nach meinem Kissen und dr�ckte es fast zu Tode. Simons Worte kehrten zu mir zur�ck: du bist es nicht f�r ihn und er ist es nicht f�r dich... Konnte das stimmen? Wenn er nicht der Richtige f�r mich war, warum f�hlte ich dann bei ihm so sehr? Ich verstand das alles nicht. Wenn ich nicht die Richtige f�r ihn war, warum sagte mir mein Herz das Gegenteil? Warum kreiste sein Name in meinen Gedanken? Was war falsch? Wenn er nicht der Richtige f�r mich war, warum lag ich dann nun hier auf meinen Bett und weinte um ihn? Wenn ich nicht die Richtige f�r ihn war, warum hatte dann alles zwischen uns gepasst? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass ich bei ihm sein wollte, dass ich doch schon l�ngst zu ihm geh�rte.

Niemand hatte an jenem Abend nach mir gesehen. Zwar glaubte ich, Amber und Rachel einmal vor der T�r zu h�ren, doch keiner klopfte an oder versuchte auf andere Weise mit mir in Kontakt zu treten. Nun, aufgemacht oder reagiert h�tte ich sowieso nicht. Ich wollte alleine sein mit mir und meinen Gedanken. So verbrachte ich auch den Sonntag. Ich hatte mich nur f�r einen Moment ins Bad verzogen und geduscht. Hunger hatte ich keinen in mir versp�rt. Allerdings versp�rte ich gar nichts mehr in mir. Nur Schmerz und Trauer. David und Simon beachteten mich nicht, als ich zwischen meinem Zimmer und Bad umherhuschte. Ich wusste, dass sie mich bemerkt hatten, mich aber bewusst ignorierten. Als ich im Bad fertig war, begegnete ich David auf dem Flur. Er wollte gerade in die K�che und ich in mein Zimmer. Wir hatten kurz voreinander gestanden und er hatte auf meine, in ein Handtuch gewickelte, j�mmerliche Gestalt gesehen. Seine Lippen waren zusammen gepresst als versuche er, eine l�ngere Rede zu unterdr�cken. Und er hatte auch nichts gesagt, auch nicht gel�chelt. Stumm hatte er mir zugenickt und war dann seines Weges gegangen. Ich sah ihm einen Augenblick nach und ging schlie�lich ebenfalls, da mir allm�hlich kalt wurde und sich eine kleine Pf�tze auf dem Teppich angesammelt hatte.
In meinem Zimmer hatte ich wieder die T�r verschlossen und deren R�ckseite angestarrt. Ich verabscheute den Spiegel, oder vielmehr das, was er mir zeigte. Dieses dunkelblonde, zerbrochene M�dchen mit den leblosen Augen, den viel zu kurzen Beinen und den knochigen Schulterbl�ttern. Wie k�nnte jemand so etwas eigentlich lieben? Wenn meine Haare wenigstens ein helles Blond h�tten oder meine Augen blau w�ren, aber nein, ich konnte nichts vorweisen, das zu den heutigen Sch�nheitsidealen z�hlte. Am liebsten h�tte ich auf mein Spiegelbild eingeschlagen, doch hatte ich mich von ihm abgewendet und mir Klamotten aus dem Schrank gesucht. Schon als ich diesen �ffnete, fiel mein Blick auf zwei Pullover von Orlando. Es handelte sich um den roten Rollkragenpullover und um einen leichteren blauen. Beide hatte er mir geliehen und ich hatte sie nicht wieder zur�ckgebracht. Als ich damals meine Sachen aus seiner Wohnung holte, hatte ich gar nicht an die Pullover gedacht. Ich zog den blauen Pullover hervor und schmiegte meine Wange in den weichen Stoff. Diese Aktion w�re sch�ner gewesen, wenn Orlando sich in ihm befunden h�tte. Eigentlich ein guter Grund mal wieder bei ihm vorbeizuschauen, dachte ich mir. Es w�rde sich um keine fahle Ausrede handeln, nein, ich w�rde ihm lediglich sein Eigentum zur�ckbringen und vielleicht... Seufzend machte ich mich daran, mich anzukleiden. Dann setzte ich mich auf mein Bett und wartete. Wartete, dass es Nacht wurde, wartete auf den n�chsten Tag, auf Orlando.

Als ich Montagmorgen in die K�che trat, waren David und Simon ebenfalls dort. Sie gr��ten mich und l�chelten mir zu. Simon machte mir sogar ein Toast, auf welchen ich appetitlos herumbiss. Wir unterhielten uns wie gewohnt miteinander, besprachen den Ablauf der Woche und David zeigte sich mal wieder als Oberbefehlshaber. Wir haben uns alle drei nicht entschuldigt. Zwischen uns herrscht eine stillschweigende Vereinbarung. Eigentlich entschuldigen wir uns nie. Unsere Freundschaft vergibt alles, da muss nichts tausendmal erw�hnt werden. Ein Blick sagt alles, so ist das bei uns. Zumindest zwischen David und mir, doch auch Simon und ich bauten diese Art von Umgang miteinander auf.

Ich atmete tief ein, bereute es allerdings sofort und w�nschte, dass die Vorlesung endlich ihr Ende finden w�rde. Die abgestandene Luft im H�rsaal machte es mir schwer, mich zu konzentrieren. Ich sa� an meinem Platz und gab mir M�he Professor Mortimers Reden und Erkl�rungen irgendeinen Sinn abzugewinnen. Nat�rlich gelang es mir nicht. Ich sah zu Tim, der schr�g vor mir wie wild den Vortrag stichwortartig notierte. Matt und Bradley taten dies auch. Als ich den Kopf zur anderen Seite drehte, traf mein Blick auf Jessicas. Sie zog eine kl�gliche Grimasse und klopfte mit dem Kugelschreiber auf ihrem leeren Blatt herum. Ich l�chelte gequ�lt zur�ck und richtete meine Aufmerksamkeit dann wieder dem Professor zu, besser gesagt ich versuchte es. Allerdings besch�ftigten mich andere, banale Dinge vielmehr. Zum Beispiel, was Tim so wichtiges mitschrieb. F�r mich war das nur blablabla. Auch fragte ich mich, ob ich Orlando einfach mal anrufen sollte. Ihn einfach fragen, wie es ihm geht und ihm sagen, wie sehr ich ihn vermisse, dass ich keinen anderen Mann mehr k�ssen kann, weil er zu sehr in meinem Kopf herumspukt und dies doch ein Zeichen war und... ach, vergessen wir das Ganze mal ganz schnell.
Endlich war die Englischvorlesung vor�ber und wir dackelten alle ziemlich lustlos zum anderen H�rsaal. Drau�en schien die Sonne und uns erwarteten zwei Stunden Gelaber �ber irgendwelche toten Dichter. Professor Brixton war kaum zur T�r herein, als er auch schon begann, uns daran zu erinnern, dass �bern�chste Woche die Pr�fungen w�ren und mit dem Wiederholen einiger besprochener Gedichte fortfuhr. Dabei warf er uns Blicke zu, die uns wohl alle vernichten sollten, allerdings w�rde er mit ihnen wohl nicht mal ein Kartenhaus zum Einsturz bringen. Als er bemerkte, dass wir seinen Worten nur halb folgten, fuhr er andere Gesch�tze auf.
�Die Herrschaften glauben also, dass Sie eine Vorbereitung auf die Pr�fung nicht n�tig haben?� Mit erhobenen Augenbrauen blickte er durch den Saal. �Wissen Sie was? Mir pers�nlich ist egal, wie viele Anl�ufe sie brauchen, um Ihr Studium abzuschlie�en, wenn Sie dies �berhaupt je schaffen werden. Doch im Gegensatz zu Ihnen, meine Damen und Herren, verf�ge ich �ber Ehrgeiz. Und mein Ehrgeiz ist, dass alle meine Studenten diese Pr�fung erfolgreich bew�ltigen werden. Und wenn ich alle sage, dann meine ich auch alle.� Sein Blick blieb etwas l�nger auf mir haften, ich err�tete und blickte auf das unbeschriebene Blatt des vor mir aufgeklappten Blocks. �Wir werden nun die Schwachstellen jedes einzelnen von Ihnen finden und versuchen, dass Sie alle denselben Wissensstand vorweisen k�nnen. Also, fangen wir an.�
Es war wie im Zweiten Weltkrieg. W�hrend Brixton eisern durch die Sch�tzengr�ben marschierte, konnte man sehen, wie wir in Deckung hechteten.
Nach den Vorlesungen machte ich mich auf den Weg zur Arbeit. Dort litt ich genauso unter Konzentrationsmangel wie in der Uni. Nein, es war nicht die Konzentration, die mir zu schaffen machte. Mein Problem war die Gleichg�ltigkeit, die sich seit Samstagabend in mir breit machte. Es war einfach alles egal, was um mich herum geschah. Alles wirkte nur noch trostlos und mein Leben mehr als sinnlos. Damit Tiffany und die anderen nichts merkten, schl�pfte ich wieder in die Rolle, welche ich schon zu oft in meinem Leben gespielt hatte. N�mlich in die der Unbek�mmerten und Gl�cklichen. Wie es aber tief in mir aussah, wusste wahrscheinlich niemand und ich wollte auch nicht, dass es jemand wusste. Meine Freunde w�rde sich nur Sorgen machen und ich betete, dass sie mich nicht so gut kannten, wie sie immer behaupteten, und nicht hinter die Fassade blicken w�rden.
Nach der Arbeit beschloss ich zu Fu� nach Hause zu gehen. Ich zog die letzten Strahlen der Sonne dem k�nstlich beleuchteten U-Bahntunnelsystem vor. Langsam schlenderte ich durch die Nebenstra�en und pfiff wieder die Melodie von �Streets of London�. Dann blickte ich mich l�chelnd um. Die Stra�e, in welcher ich mich nun befand, lag unweit von meinem Zuhause und Orlando und ich waren sie oft zusammen entlang gelaufen, um nach Notting Hill zu gelangen. Wir hatten uns f�r diesen Weg entschieden, da er sehr verkehrsarm war und aufgrund mangelnder Einkaufsm�glichkeiten selten eine Menschenseele zu sehen war. Lediglich die Anwohner, und die k�mmerten sich nicht um uns. Ich war meistens auf dem Bordstein gegangen und Orlando auf der Stra�e. So war er immerhin nie ganz so gro� gewesen und wir hatten H�ndchen halten und uns k�ssen k�nnen, ohne dass wir hinterher an irgendwelchen Halswirbelschmerzen litten.
Als ich Zuhause ankam, war niemand dort. Meine beiden Mitbewohner arbeiteten wohl noch oder waren anderweitig besch�ftigt. Ich �berlegte, ob ich mir etwas zu essen machen sollte, entschied mich dagegen und ging in mein Zimmer.
Der Rest der Woche verlief kaum anders. Ich verlor mich immer mehr und war nur noch ein kaputtes Abbild meiner selbst. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis meine Freunde mich durchschauen w�rden.

Ich sa� auf der Couch und verfolgte die bunten Bilder, die auf dem Fernseher flimmerten. H�tte man mich nach der Handlung des Films gefragt, ich h�tte nicht antworten k�nnen. David sa� am PC und tat, als w�rde er arbeiten, doch er sa� da, zeichnete gedankenverloren Strichm�nnchen auf den Notizblock und blickte aus den Augenwinkeln immer wieder zu mir. Wir hatten die Woche �ber kaum miteinander geredet, nur das N�tigste gesagt, wie, dass dringend Milch und andere Lebensmittel gekauft werden m�ssten. Er hatte nicht einmal versucht, mich auf Ben anzusprechen. Was h�tte er mich dazu auch fragen k�nnen? David wusste dar�ber wahrscheinlich besser Bescheid als ich selber. Schlie�lich hatte er mir doch gesagt, dass ich nichts erzwingen solle, dass ich mir �ber meine Gef�hle im Klaren sein sollte. Er hatte meine Absichten bez�glich Ben wohl erahnt und deshalb auf dem Balkon mit mir gesprochen.
Das Telefon klingelte. David sah nun direkt zu mir, doch ich reagierte nicht, sah weiterhin auf den Fernseher. Er stand auf, nahm das Telefon und das Gespr�ch entgegen.
�Hallo?�
�...�
�Oh, hi Ben...� David drehte sich mir zu und sah mich an. Ich sch�ttelte den Kopf. Ich wollte nicht mit Ben sprechen. Seit dem Vorfall auf dem Dach hatten wir uns nicht mehr gesehen. Zwar hatte Ben jeden Tag angerufen und stand auch einmal vor unserer T�r, aber ich hatte jedes Mal abgeblockt. Nicht, weil er mir egal war, denn das war er nicht, sondern weil ich mich sch�mte. Ich sch�mte mich, weil ich ihn hatte glauben lassen, dass ich mehr f�r ihn empfand als Freundschaft, weil ich mich selber das hatte glauben lassen und nicht wusste, wie ich ihm je wieder gegen�ber treten k�nnte.
�Nein, Ben, sie m�chte nicht...� David sah mich an, w�hrend er mit Ben telefonierte. Ich blickte auf den Fernseher. �Nein, da �bersch�tzt du meinen Einfluss auf sie. Ich kann dir nicht helfen und zwingen werde ich sie nicht. Warte einfach ab.�
�...�
�Ich werde es ihr sagen..� David beendete das Gespr�ch und legte das Telefon beiseite. Dann kam er zu mir her�ber und setzte sich vor mir auf den Couchtisch. �Ben l�sst dich gr��en.�
Ich sah ihn f�r einen Moment an und nickte stumm.
�Er macht sich Sorgen um dich.�
Ich nickte wieder.
�Das mache ich mir �brigens auch.�
Ich schluckte.
�Muff, ich denke, du solltest dir helfen lassen�, sagte er. �Du wei�t, was ich meine. Es w�re wirklich besser, wenn du mit jemandem reden w�rdest.�
Ich sah ihn an. �Das tu ich doch. David, ich habe doch euch. Ich brauche keine �rztliche Hilfe!�
�Du redest eben nicht mit uns und selbst wenn, ich wei� nicht, wie ich dir helfen kann.�
�Du hast mir doch schon so oft geholfen.� Meine Stimme war kaum zu h�ren.
David l�chelte. �Ja, und ich werde dir auch in Zukunft helfen, aber im Moment wei� ich nicht mehr weiter mit dir. Ich dringe einfach nicht mehr zu dir durch.� Er seufzte. �Ich bin kein Psychologe und kenne mich mit Depressionen auch nur ein bisschen aus.�
�Du wei�t mehr als die anderen dar�ber�, erinnerte ich ihn.
�Das mag sein, aber hierf�r reicht es nicht aus.� Er sah mich an. �Wir haben dich schon depressiv erlebt, das wei�t du selber, aber noch nie hattest du einen solchen Schub in unserer Gegenwart.�
Ich sah an ihm vorbei zum Fernseher.
�Ich habe gestern mit deinem Gro�vater telefoniert.�
�Wieso das? M�chtest du mich zur�ckschicken?� Ich war erschrocken zur Seite gerutscht.
�Nein, das nicht, aber er hat mir geraten, dich wieder zu einer Therapie zu schicken.� Er sah meinen entsetzten Blick. �Yvonne, keine Klinik, nur ein paar Sitzungen bei einem Fachmann.� David �berlegte einen Moment. �Vielleicht solltest du auch wieder Antidepressiva einnehmen, aber das kann ein Arzt besser entscheiden als ich.�
�David, wieso das alles? Bisher wart ihr doch auch immer f�r mich da, du warst immer da. Du wei�t sofort...�
�Wir anderen k�nnen und wollen aber nicht Tag und Nacht auf dich aufpassen, verstehst du?�, schnitt er mir das Wort ab. �Wir k�nnen nicht rund um die Uhr f�r dich da sein, zumal ich mein Leben nicht von deiner Krankheit leiten lassen werde.�
Wir sahen einander an und aus irgendeinem Grund tat mir sein letzter Satz in der Seele weh.
�Muff, ich laufe nicht weg und lasse dich allein. Ich werde immer f�r dich da sein, aber du kannst nicht erwarten, dass ich nur f�r dich da bin. Mein Leben besteht nicht nur aus helfen-wir-Muffin. Da gibt es auch noch meine Familie, meine Freundin und meine Freunde.� Er nahm meine H�nde in seine. �Du erwartest von mir, dass ich f�r dich da bin, ja?�
Ich nickte mehrmals und sah ihn an wie ein reum�tiger Hund.
�Gut. Dann erwarte ich von dir, dass du dir helfen l�sst, okay?�
Ich nickte erneut, diesmal allerdings zur�ckhaltender.
David dr�ckte mein Hand und l�chelte. �Hab keine Angst, wir machen das schon.�

In der Nacht konnte ich nicht schlafen und dachte lange �ber das Gespr�ch nach. Brauchte ich wirklich die Hilfe eines Arztes? Konnten meine Freunde mir nicht mehr helfen oder wollte ich mir nicht helfen lassen? Handelte oder reagierte ich lediglich? Wie weit war ich mir noch �ber das Geschehen in meinem Leben bewusst? Im Prinzip war doch sowieso alles egal. Alles au�er Orlando. Ich lag in meinem Bett und malte mir aus, wie er allein an einem Strand sa�, den Sonnenuntergang und die Sterne ansah und pl�tzlich erkannte, dass er sich total nach mir sehnte, dass er mich f�r immer haben wollte. Ich sah ihn aufspringen und zum Flughafen st�rzen und sich von niemanden, weder Regisseuren, Filmangeboten noch unterbelichteten Blondinen, davon abbringen lie�, nach mir zu suchen. In manchen meiner Tr�ume und Phantasien lie� ich ihn sogar hierher schwimmen. Die ganze Strecke von Australien nach London.

Wir sa�en in der Literaturvorlesung. Obwohl die Fenster ge�ffnet waren, herrschte Hitze im H�rsaal und das Denken fiel schwerer als gew�hnlich. Professor Maddox �bte nun ebenfalls Druck auf uns aus, wie es die anderen Professoren taten. Wie ich die Pr�fungen bestehen sollte, war mir ein R�tsel. Zwar schrieb ich mir Tims Notizen ab und lie� mir alles von Matt und ihm erkl�ren, aber begreifen tat ich das Ganze nicht. Ich konnte zwar beantworten, welcher Literaturgattung ein Werk angeh�rte und dessen Merkmale nennen, aber der eigentliche Inhalt k�mmerte mich nicht. Doch genau darum sollte es in den Pr�fungen auch gehen. Es wurde eine pers�nliche Stellungnahme erwartet. Professor Maddox war gerade bem�ht, uns anhand von Romanen �ber den Sinn des Lebens, bessere Ausdrucks-weisen beizubringen. Mit angezogenen Beinen sa� ich auf meinem Stuhl und verfolgte die Erkl�rungen meiner Mitstudenten. Bei mancher Interpretation stellten sich meine Nackenhaare auf, so schrecklich naiv waren sie. Bei anderen sch�ttelte ich den Kopf und fragte mich, wie die sich das Leben eigentlich vorstellten.
�Daher bin ich �berzeugt, dass das Leben im Allgemeinen das wichtigste und wertvollste ist, das wir besitzen�, schloss ein Student aus der ersten Reihe gerade ab. �Pers�nlich erwarte ich, dass mein Leben mir bringen wird, was ich hoffe.�
�Und was erhoffen Sie sich?� Professor Maddox sah den Studenten fragend an.
�Ich m�chte Erf�llung in meinem sp�teren Beruf und in meiner Familie finden�, antwortete dieser.
Ich lachte sarkastisch auf, allerdings etwas zu laut, da sich im n�chsten Moment s�mtliche K�pfe in meine Richtung drehten.
�Miss Marx, Sie scheinen da anderer Ansicht zu sein�, wandte sich der Professor an mich. �Vielleicht erl�utern Sie uns Ihre Einstellung?�
�Das kann ich nicht�, sagte ich.
�Ach nein? Wieso nicht?� Professor Maddox trat an mich heran.
�Weil ich keine Einstellung zum Leben habe.� Ich presste die Lippen aufeinander.
Maddox zog die Augenbrauen nach oben. �Machen Sie sich mal keine Sorgen, Miss Marx, Sie werden Ihre Erf�llung und ihren Weg mit Sicherheit finden...�
Ich unterbrach ihn w�tend: �Warum sagen wir, dass das Leben alles sei und uns Erf�llung gibt? Wir behaupten das und merken nicht einmal, dass wir schlafwandelnd durch die Tage und N�chte unseres Lebens gehen. Die Zeit f�llt wie ein Wasserfall und wir glauben, dass sie nie zuende gehen wird. Doch jeder Tag, der mich ber�hrt, ist einmalig, unrettbar verloren und vorbei. Und wenn man mich in diesem Moment fragt, was das Leben mir bedeutet, dann w�re meine Antwort, dass ich es �berdr�ssig bin.�
Die Studenten und Professor Maddox sahen mich mit gro�en Augen an.
�Was ist das, was wir als Leben bezeichnen? Unser Leben besteht nur aus Arbeiten, damit wir leben k�nnen. Fr�h morgens verlassen wir das Haus, kehren abends zur�ck und sind zu m�de, um uns mit dem, was uns wichtig ist, zu besch�ftigen.�
�Das ist eben so�, sagte eine Studentin in meine Richtung. �Unter der Woche wird gearbeitet und am Wochenende hat man Zeit f�r Freunde und Familie.�
�Dann rechne mal aus, wie viele Wochentage ein Jahr hat und wie viele Wochenenden und sag mir dann nicht, dass das in Ordnung sei!�, fuhr ich sie an.
�Miss Marx, Sie sind also unzufrieden mit ihrem Leben?� Professor Maddox sah mich an.
�Nicht unzufrieden, sondern... Ach, vergessen Sie es einfach.�
�Professor, Sie m�ssen verstehen, ihr Freund hat sie vor kurzem verlassen und...� Timothy sah mich kurz an und wandte sich dann wieder an Maddox. �Sie ist noch ziemlich fertig deshalb.�
Ich warf Tim einen t�tenden Blick zu. �Was wei�t du schon von meinem Leben? K�mmere dich um deinen eigenen Kram.�
Tim zuckte bei meinem Angriff zusammen.
�Miss Marx�, mischte sich Maddox ein. �Ihnen mag das Geschehene sicher zu Herzen gehen, aber es wird auch wieder besser werden. Wie hei�t es so sch�n: die Zeit heilt alle Wunden...�
�F�r manche Wunde gibt es aber nicht gen�gend Zeit�, widersprach ich in Aufruhr. �Ich bin es so leid, hier zu sein und all die Gleichg�ltigkeit ertragen zu m�ssen. Wenn er schon gegangen ist, warum ist er dann nicht wirklich fort? Warum sp�re ich noch immer seine Anwesenheit um mich herum und wieso l�sst er mich nicht einfach? Ich bin allein, und doch ist er bei mir. Es war nicht nur Verliebtheit. Zumindest nicht von meiner Seite. Er war meine Erf�llung, nicht das Leben. Und nun ist er fort und scheint alles mit sich genommen zu haben. Wie soll ich das wiederfinden?�
Noch immer waren die Blicke der anderen Studenten auf mich gerichtet und ich fragte mich, was diese nach diesem Ausbruch von mir nun dachten. Wahrscheinlich stuften sie mich als total durchgeknallt ein und ich konnte es ihnen nicht einmal �bel nehmen. Verwirrt �ber das, was ich eben gesagt hatte, packte ich meine Sachen zusammen, entschuldigte mich und verlie� den H�rsaal. Niemand hielt mich zur�ck.
Am Abend sa� ich in meinem Zimmer. Ich hatte wieder die Position auf dem Boden mit Blick auf das Fenster eingenommen. Was ich in der Vorlesung gesagt hatte, hatte ich auch so gemeint. Ich f�hlte mich wie in einem Tunnel, dessen Ausgang zugemauert war. Kein Fluchtweg, es ging nur in die Dunkelheit nach vorne weiter. Ich wusste nicht, wer ich war und was ich war. Wusste nicht mehr, wof�r ich eigentlich lebte. Orlando war zu einer Art Zentrum f�r mich geworden. Und ohne dieses war ich verloren. Ich sehnte mich nach nichts anderem. Ich fragte mich, wie lange ich dieses Leben f�hren k�nnte? Wie lange ich es noch schaffen w�rde, morgens aufzustehen, die Uni zu besuchen, als Kellnerin zu arbeiten und mich abends zu fragen: Wozu eigentlich? Wieso qu�lte ich mich selbst so sehr mit diesem Leben? Wieso ertrug ich das Ganze nur? Wieso hatte mein Herz nicht aufgeh�rt zu schlagen, als Orlando gegangen war? So sa� ich, das Gesicht zwischen den Knien vergraben, und wusste eigentlich gar nicht, weshalb mein K�rper noch immer arbeitete.
Ich rappelte mich auf und holte den Schuhkarton unter dem Bett hervor. Und da waren die Fotos. Jedes einzelne eine pers�nliche Fahrkarte in die Vergangenheit, in die Zeit mit dir, Orlando. Ich starre auf diese leblosen Abbildungen und rede mit dir. Wenn das kein Anzeichen f�r Geisteskrankheit ist... Du bist nicht da und ich rede mit dir, doch trotzdem bist du irgendwie bei mir. Schon vor langem hast du dich in mir breitgemacht.
Ich hob die Fotos vorsichtig an und zog den Brief hervor, den er mir damals zusammen mit den Fotos und seinem Wohnungsschl�ssel geschickt hatte.
Der einzige Brief, den du mir je geschrieben hast, dachte ich und l�chelte einen Orlando auf einem Foto an. Dann wandte ich meinen Blick wieder zur�ck und sp�rte einen Stich im Herzen. Ich hielt den Brief in meinen H�nden und habe durch das Papier hindurch ihn gesehen, gesp�rt... Da waren sein L�cheln, seine Art mich anzusehen, seine Bewegungen... Ich tr�ume nur von dir, Orlando. Dazu muss ich nicht einmal schlafen. Du bist mir einfach so nah und ich liebe es, von dir zu tr�umen. Doch Tr�ume k�nnen wehtun und mehr als Schmerz erfahre ich nicht von dir. Wieso nur? Wieso sind unsere Leben so kompliziert? Wir hatten doch so viel und wir h�tten noch viel mehr haben k�nnen. Ich legte den Brief zur�ck in den Karton und nahm eines der Fotos auf. Wieso bist du nur gegangen?, fragte ich das Bild. Du hast alles kaputtgemacht. Und ich lieb dich. Ausgerechnet dich! Ziemlich hoffnungslos f�r mich, sogar aussichtslos. Du lebst in einer Welt, die keinen Platz f�r mich l�sst. Oh, diese idiotischen Selbstgespr�che mit dir! Das muss aufh�ren!

Am Ende der Woche wusste ich selber, dass ich alleine nicht mehr aus meinem Tief herausfinden w�rde. Auch David und Simon erinnerten mich an dieses. Wenn sie mit mir sprachen, driftete ich pl�tzlich ab und starrte ins Leere. Mein Gesicht hatte seine Beweglichkeit verloren und ich war zu keiner Emotion f�hig. Ich hatte mein F�hlen abgestellt. Motive hatte ich keine. Ich wusste nun auch, dass ich nicht mehr selbst�ndig handelte, sondern nur noch auf Aufforderungen reagierte und meine Arbeitspflichten anstandslos und routiniert erledigte.
Ich stand in der K�che und starrte aus dem Fenster auf die Stra�e. Ein Taxi hielt vor dem gegen�berliegenden Haus und lie� eine alte Dame und ihre vier Yorkshire Terrier hinaus. Ich beobachtete das Szenario ausdruckslos. Mit einemmal sp�rte ich, dass ich nicht mehr allein war, ich drehte mich um und sah David.
�Hi�, sagte er zur Begr��ung.
�Hallo�, erwiderte ich.
�H�r mal, ich will dich ja nicht dr�ngen, aber hast du noch mal �ber die Therapie nachgedacht?�
Ich nickte. �Ja, habe ich.�
�Und wirst du dich darum k�mmern? Wenn nicht, k�nnte Simon...�
�Nein, ich mach das schon. Ich gehe Montag zu unserem Hausarzt und lasse mich von ihm beraten.� Es war eine L�ge. Ich hatte nicht vor, zu irgendeinem Arzt zu gehen. Ich wollte es alleine schaffen. Doch die Wahrheit war, dass ich mir nicht vor einem Psychiater die Bl��e geben und ihm von meinem Liebesproblemen erz�hlen wollte. Ich wusste selber, was mir fehlte, das musste mir niemand sagen.
�Das ist gut. Wei�t du, Amber meinte auch schon, dass sie gar nicht mehr wei�, was sie mit dir machen soll.�
Ich nickte erneut. Amber hatte sich die ganze Woche nicht bei mir gemeldet. Tim hatte au�erhalb der Uni auch keinen Kontakt zu mir gesucht, aber er erz�hlte den anderen von meinem Ausbruch in Literatur. Rachels Versuche mit mir zu reden, hatte ich unmissverst�ndlich abgelehnt. Es gab nichts zu reden und genau das musste ich wieder �ndern. Ich hatte schon Orlando verloren. Meine Freunde wollte ich nicht auch noch verlieren. Doch nach und nach verscheuchte ich sie mit meinem Schweigen. Ich sah jeden Tag, wie sehr sie unter meiner Stummheit und Zur�ckgezogenheit litten. Die Leere, die mich erf�llt hatte, war inzwischen so gro� geworden, dass man sie mir ansehen konnte. Zuerst hatte David dieses Loch in meiner Seele gesehen, dann Simon und die anderen.
Ich verlie� die K�che und ging ins Bad. Dort visierte ich den Medizinschrank an. Ich �ffnete diesen und suchte die Johanniskrauttabletten hervor. Ich entnahm zwei St�ck der Packung, ging zum Waschbecken und f�llte meinen Zahnputzbecher mit Wasser. Dann schluckte ich die beiden Tabletten. David war mir gefolgt und beobachtete die Operation vom T�rrahmen aus.
�Glaubst du, dass die noch helfen?�, fragte er.
�Nicht wirklich. Sie bestehen nur aus pflanzlichen Wirkstoffen und sind zu schwach. Aber sie dienen hervorragend als Placebo.� Ich grinste gequ�lt.
�Du meinst also, wenn du dir einbildest, dass sie helfen, dann wirkt das?�
�Vielleicht.� Ich zuckte mit den Schultern, f�llte das Glas erneut mit Wasser und machte mich daran, mir die Z�hne zu putzen.
�Du wirst aber trotzdem zum Arzt gehen und dich nicht auf die scheinbare Wirkung dieser Tabletten verlassen?� David stand noch immer am T�rrahmen.
�Verflucht noch mal, ich sagte doch bereits, dass ich zu einem Arzt gehen werde.� Unbeabsichtigt war ich lauter geworden, senkte meine Stimme aber sofort wieder als David mich energisch ansah.
�Was wirst du wegen Ben tun? Du kannst ihm nicht ewig aus dem Weg gehen.�
�Ich wei�.�
�Du solltest mit ihm reden. Du bist ihm eine Erkl�rung schuldig�, dr�ngte er.
�Ich werde schon mit ihm reden. Nun lass mich n�chste Woche die Pr�fungen hinter mich bringen und dann werde ich mir Zeit daf�r nehmen. Im Moment habe ich ganz andere Dinge im Kopf.�
Er gab sich mit dieser Antwort zufrieden und nickte. �Meinst du, du packst es?�
�Ich wei� es nicht, David�, antwortete ich ehrlich.
�M�chtest du, dass wir das Wochenende zusammen lernen?�
�W�rdest du das tun?�
�Ich sage Monique eben ab.� Und damit lie� er mich allein und ging Richtung Salon.
Ich sah ihm nach. Es war einfach nicht fair. Ich war sozusagen am Boden und David glaubte noch immer an mich. Noch immer half er mir. Und was tat ich? Gar nichts. Ich warf die B�rste in das Glas und ging zur�ck zum Medizinschrank. Erneut ergriff ich die Johanniskrauttablettenpackung. Ich wollte sie mitnehmen, damit ich nicht verga�, weitere einzunehmen. Da fiel mein Blick auf eine Packung weiter hinten. Die Aufschrift kam mir bekannt vor und ich zog sie hervor. Es waren Antidepressiva, die ich aus Deutschland mitgebracht und schon seit fast einem Jahr nicht mehr genommen hatte. Ich �ffnete die Packung und sah hinein. Sie war noch halbvoll und das Verfallsdatum war erst in einigen Monaten. Ich sah auf die Pillen und �berlegte. Bevor ich herkam, habe ich t�glich zwei St�ck von ihnen genommen. Ich versch�rfte mein Denken. Ich k�nnte doch also einfach mal drei pro Tag einnehmen. Ich wusste schlie�lich, wie sie wirkten. Vielleicht w�re so am Ende eine Therapie gar nicht mehr n�tig. Vielleicht k�nnte ich mir selber helfen. Alles, was ich mir w�nschte war, dass ich mich endlich traute. Auch wenn ich mein Leben hasste, es steckte so viel davon in mir und es schoss durch meine Venen, drohte zu verk�mmern. So sehr ich mein Dasein hasste, ich wollte nicht sterben, doch wollte ich auch nicht so weiterleben. Nicht mit dieser Angst, Gef�hle zuzulassen, Menschen an mich heranzulassen. Es konnte doch nicht sein, dass jedes Mal, wenn ich einen Mann kennen lernte, ich mir sofort Gedanken dar�ber machte, dass er mich verlassen k�nnte oder ich ihn, da ich einfach nicht aus mir heraus konnte. Ich m�chte es endlich wagen. Entschlossen entnahm ich der Packung eine Tablette und schluckte sie. Ich steckte eine weitere in meine Hosentasche, f�r sp�ter. Dann versteckte ich die Packung wieder hinter den anderen Medikamenten im Medizinschrank. Kein Problem, Yvonne, sagte ich mir, das machen wir schon.

David hatte das ganze Wochenende mit mir gelernt. Zwar hatte er weder Literatur noch Englisch studiert, aber trotzdem kannte er sich in beiden Bereichen besser aus als ich. Auch Matt war Sonntagmittag bei uns gewesen. Besorgte Blicke waren st�ndig von seiner Seite zu mir gekommen. Er sorgte sich nicht, ob ich die Pr�fungen der Universit�t schaffen w�rde. Vielmehr fragte er sich, ob ich die Pr�fung, welche mir mein Leben gerade stellte, bestehen w�rde.
Sonntagabend ging David dann zu Monique und ich war mit Simon allein. W�hrend er das Bad eingenommen hatte, sa� ich alleine im Salon. Der Fernseher war aus und ich starrte vor mich hin. Seit Freitagabend hatte ich etwa neun Antidepressiva eingenommen. So viele hatte ich eigentlich gar nicht nehmen wollen, aber die Ungeduld in mir war zu gro�. Ich wollte, dass sie endlich wirkten. Donnerstag hatte ich die erste Pr�fung und es k�nnte nicht schaden, wenn ich bis dahin etwas mehr Lebensfreude in mir versp�ren w�rde. Seufzend stand ich auf und schlenderte zum Balkon. Unterwegs stoppte ich am Klavier und lie� meine Finger �ber die wei�en Tasten gleiten. Ich sah auf diese hinunter und erinnerte mich an das letzte Mal, als ich hier gesessen hatte. Mein Gott, das war gewesen, als ich dieses bl�de Lied f�r Orlando geschrieben hatte. Ich setzte mich auf den Hocker. Leider konnte ich mich weder an Text noch an Melodie des Liedes erinnern. Doch etwas anderes fiel mir wieder ein. Meine H�nde strichen die Tasten und leise, kaum h�rbar, sang ich vor mich hin.
�Ich stehe in der dunklen Nacht und z�hle die Sterne.
Sie sind so nah und doch so weit von mir.
Die Welt entr�ckt ganz langsam und ich w�re so gerne,
nur einmal fortgeflogen weg von hier.�

Mein Gedicht kehrte in mein Denken zur�ck und ich wandelte es zu einer kleinen Ballade um.
�Ich h�tt� viel drum gegeben v�llig schwerelos zu schweben,
nur ein einziges Mal in meinem Leben�

Was h�tte ich alles gegeben, um die Zeit festzuhalten? Als Andr� und ich das Gedicht damals verfassten, hatte ich nicht geahnt, wie sehr es aus meiner Seele sprach. Genau das hatte Andr� aber beabsichtigt und nun musste ich zugeben, dass es ihm gelungen war. W�r ich doch nur ein freier, unbesorgter Stern...

Am n�chsten Morgen erwachte ich mit Kopfschmerzen und Magenkr�mpfen. Ich hatte die Nacht nicht schlafen k�nnen. Als ich ins Bad ging, musste ich mich an der Wand abst�tzen, da ich mich nicht so gezielt wie sonst bewegen konnte. Vor dem Waschbecken �berkam mich dann eine pl�tzliche �belkeit und ich schaffte es gerade noch den Klodeckel aufzuklappen.
�Muff, alles in Ordnung?�, drang Simons Stimme durch die T�r.
Ich antwortete, dass alles okay sei und er sich keine Sorgen machen m�sste. Doch es dauerte, bis es mir gelang, mich aus meiner gekr�mmten Haltung zu erheben.
Das Gef�hl der �belkeit hielt an und ich wagte nicht, irgendetwas zu fr�hst�cken, nicht einmal eine Tasse Tee trank ich. Ich wollte mich gerade auf den Weg machen, als Simon mich im Flur abfing. Er hielt mich mit einer Hand fest, die andere legte er auf meine Stirn.
�Du hast Fieber, Muffy. Au�erdem sieht du wie ausgekotzt aus. Du bleibst besser hier�, diagnostizierte er.
�Ich habe am Donnerstag Pr�fung. Ich kann nicht krankmachen.�
�Ersten machst du nicht krank, sondern bist es; und zweitens solltest du eben aufgrund der Pr�fungen hier bleiben.�
�Was ist denn das f�r ne Logik?�, fragte ich.
�Ganz einfach: nat�rlich kannst du heute zur Uni gehen, aber glaube mir, dann bist du Donnerstag tot. Scheinst dir ne Infektion eingefangen zu haben.�
�Wie schlau, Herr M�chtegern-Doktor.�
Ich empfand Simons Rat dennoch f�r Weise und beschloss, Zuhause zu bleiben. Vermutlich w�rde mir ein Tag gen�gen, um mich auszukurieren. Au�erdem k�nnte ich auch hier im Bett lernen. Doch erst mal m�sste ich den Tag �berleben. Wenn ich nicht in meinem Bett lag, kauerte ich vor der Toilette.
Bis Simon gegen Vier Uhr von der Arbeit kam, glaubte ich, ich h�tte mir die Seele aus dem Leib gekotzt. Den ganzen Tag hatte ich nichts Essen k�nnen. Meine Augen flimmerten und Schwindel �berkam mich, sobald ich einige Schritte ging und ich musste mich an den W�nden entlang tasten. Ich hatte gar nicht geh�rt, dass Simon nach Hause gekommen war. Er stand pl�tzlich neben mir und der Toilette.
�Hast du was Falsches gegessen?�, fragte er und blickte in das Innere der Toilette.
Ich klappte ruckartig den Deckel nach unten. �Bitte geh, Simps. Das ist so peinlich.�
�Muff, das muss dir nicht peinlich sein.� Er ging neben mir in die Knie. �Ich arbeite in einem Krankenhaus. Glaub mir, ich habe schon �blere Dinge gesehen.� Er grinste. �Dich nackt zum Beispiel.�
�Sehr witzig�, antwortete ich und atmete tief durch, um ein weiteres Erbrechen zu verhindern. Mein Brustkorb begann zu schmerzen.
��bergibst du dich etwa schon den ganzen Tag?�
Ich nickte.
�Noch was anderes, au�er �belkeit?�
Herzschmerz! �Ich wei� nicht genau. Mir ist schwindlig und meine Augen flimmern. Au�erdem habe ich Kopfschmerzen.�
�Verstehe.� Simon stand auf und kaum hatte er sich umgedreht, klappte ich den Deckel nach oben und w�rgte erneut.
�Sag mal, kann es sein, dass du...� Er brach ab, fuchtelte mit einer Hand in der Luft herum. �K�nnte es sein, dass du schwanger bist?�
�Von wem denn?�
�Na, von Bloom.�
Ich sah ihn unfreundlich an. �Wie kommst du auf so ne bl�de Idee?�
�Du kotzt den ganzen Tag und die anderen Symptome, die du mir genannt hast...�
�Simon, ich bin vierundzwanzig Jahre alt. Ich wei�, was ich zu tun habe, wenn ein Mann...�
�Ich meine doch nur. M�glich w�re es.�
Ich sah ihn noch einmal finster an und starrte dann wieder in die Toilette. Simon verlie� das Bad.
Schwanger � klar! Das letzte Rumgetolle mit Orlando lag zu lange zur�ck und in der Zwischenzeit war mit meinem K�rper alles normal gewesen.
Ich �bergab mich ein weiteres Mal, stand schlie�lich auf und bediente die Sp�lung. Schwankend lief ich zum Waschbecken. Ich musste den ekligen Geschmack im Mund loswerden. Bevor ich mir die Z�hne putze, taumelte ich nochmals zum Medizinschrank, entnahm ihm die Packung Antidepressiva und ging mit ihr zur�ck zum Waschbecken. Ich legte die Schachtel auf dem W�scheschrank neben dem Becken ab. Dann putzte ich mir die Z�hne. Dies nahm mehr Zeit in Anspruch als gew�hnlich. Vor meinen Augen begann es immer wieder zu flimmern und ich umklammerte mit einer Hand den Rand des Waschbeckens. Mit einemmal fuhr ich zusammen. Ein stechender Schmerz durchdrang meine Lunge. Auch meine Gelenke schmerzten. Ich warf die B�rste in das Becken und fasste mir an die Brust. Meine Atmung ging kurz und zuckend. Ich konnte nicht einatmen, ohne das es schmerzte. Meine Augen flimmerten und ich schloss sie f�r einen Moment. Fast w�re ich umgefallen. Alles um mich herum drehte sich. Ich hielt mich krampfhaft mit beiden H�nden am Waschbeckenrand fest. Wieder zuckten meine Augen und ich verlor die Orientierung. Ich f�hlte keine Kraft mehr in meinen Gliedern und lie� mich auf den Boden sinken. Ich dachte mir, dass ich mich nur einen Moment hinlegen m�sste, dann w�rde es wieder gehen. Doch die Atmung wurde nicht besser. Mein Brustkorb schmerzte, als w�rde mir jemand ein Messer hineinrammen. Ich machte den Mund auf, kein Ton kam heraus, ich konnte nicht sprechen. Ich wollte aufstehen, aber meine Beine gehorchten mir nicht. Auch meine H�nde verkrampften sich. Nichts stimmte mehr. Ich versuchte nach Simon zu rufen, doch konnte ich nur ein Wimmern von mir geben. Das Bad begann sich schneller zu drehen. Ich presste die Augen aufeinander, aber das Dr�hnen nahm nicht ab. Vor mir flimmerte es, als ich die Augen wieder �ffnete. Ich brauchte Hilfe. Erneut versuchte ich aufzustehen, wieder gelang es mir nicht. Meine Beine reagierten nicht. Verzweifelt �berlegte ich, wie ich auf mich aufmerksam machen k�nnte und sah mich um. Dann sah ich das Tuch auf dem kleinen W�scheschrank. Es hing an der Seite des Schrankes hinunter. Ein Versuch war es wert. Ich robbte �ber den Boden, jede Bewegung tat weh und ich f�rchtete, mich erneut �bergeben zu m�ssen. Wie viele Anl�ufe ich brauchte, bis meine Finger den Stoff zu fassen bekamen, wei� ich nicht mehr, doch es erschien mir wie eine Ewigkeit und erforderte meine ganze Kraft, meinen Arm und meine Hand zu bewegen. Endlich versp�rte ich das Tuch in meiner Hand. Ich musste es nicht wirklich herunterrei�en. In dem Moment, in welchen ich es ergriffen hatte, verlor ich die Kraft in meinem Arm und durch diesen Verlust fiel dieser nicht nur, sondern zog das Tuch und die darauf stehenden Sachen mit sich. Scheppernd gingen Duschgels, K�mme, B�rsten, die Medikamentenpackung und andere Drogerieartikel zu Boden, auf welchen auch ich langgestreckt lag. Doch mein Hoffen wurde erf�llt. Keine zehn Sekunden sp�ter h�rte ich Simon vor der T�r.
�Alles okay da drinnen?�
Ich versuchte zu antworten, kr�chzte allerdings nur.
�Yvonne? Hey, ist alles in Ordnung?�
Ich antwortete ihm wieder nicht.
�Okay, ich komme jetzt rein. Ist mir schei�egal, ob du nackt bist.�
Ich lag auf dem Boden und sah zur T�r auf, sah wie der Knauf sich zeitlupenartig bewegte. Dann steckte Simon seinen Kopf rein. Als er mich sah, wurde er wei�, stie� die T�r auf und kam zu mir gest�rzt. Er kniete neben mir nieder und rollte mich in eine Seitenlage.
�Was ist los? Was ist passiert?�, fragte er.
Ich atmete schwer und wollte antworten.
Simon sah an mir vorbei und erblickte die Tablettenpackung unter all den anderen Sachen. Er streckte sich und griff nach ihr.
�Hast du das hier genommen?�, schrie er seine Frage beinahe.
Ich nickte und schloss die Augen.
�Wie viele? Muff, wie viele hast du genommen?�
Ich versuchte mit beiden H�nden die Zahl zu bilden, doch waren meine Finger zu verkrampft. Simon begann mir Zahlen zu nennen und als er den entsprechenden Wert erreicht hatte, nickte ich. Er ermahnte mich, liegen zu bleiben, rannte aus dem Bad und kam mit dem Telefon zur�ck. Zuerst rief er bei dem Krankenhaus an, in welchen er arbeitete. Ich bekam von dem Gespr�ch fast nichts mit, da ich mich �bergeben musste. W�hrend des Telefonierens reichte er mir ein Handtuch und half mir, das Erbrochene von meinem Mund zu wischen. Er zeigte keinen Ekel, keine Ber�hrungs�ngste. Als er den Notruf die Adresse genannt hatte, w�hlte er die n�chste Nummer.
�David? Ich bin es, Simon, h�r mal, Yvonne hat eine �berdosis Antidepressiva geschluckt. Ich habe schon einen Krankenwagen gerufen...� Ich sah ihn an, noch immer fiel mir das Atmen schwer. Doch schaffte ich es, Simon zu bewundern. Er war nicht in Panik geraten, sondern reagierte, wie man es in einer solchen Situation sollte. N�mlich ruhig und sachlich. Das, was ich von David aus dem Telefon h�rte, klang ganz anders. �ngstlich, erschrocken.
�Krampfzustand, kann auch noch in Schock �bergehen.� Simon sah mich nachdenklich an, w�hrend er telefonierte. �Komm einfach ins St. Mary Abbots Hospital... Ach, und gib Amber Bescheid. Sie soll Schneider anrufen.�
�Wieso das?�, h�rte ich Davids aufgeregte Stimme aus dem Telefon, als Simon sich �ber mich beugte und mit der Hand meine Stirn abf�hlte.
�Weil er Bloom erreichen kann. David, ich denke, dass wir ihn brauchen werden�, antwortete Simon.
Ich suchte seinen Blick. Wir sahen uns an und er dr�ckte meine Hand, die er inzwischen genommen hatte. Ein weiterer Krampf fuhr durch meinen K�rper und ich schloss die Augen. Ich h�rte Simons Stimme, dann verlor ich das Bewusstsein

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