Part 31


Verschlossene Kapitel...

Am Sp�tnachmittag hielt ich es nicht mehr aus. Ich konnte nicht so tatenlos in meinem Bett liegen und warten, bis das Telefon wieder klingeln w�rde. Bis Amber und Rachel wieder anrufen und ich erneut keines der Gespr�che entgegen nehmen w�rde. Ich wollte nicht dar�ber reden. Wollte nicht dar�ber sprechen, wie er mein Herz gebrochen hatte. Ich wollte keine gutgemeinten Spr�che wie �Du wirst �ber ihn hinweg kommen� oder �Du wirst sehen, in ein paar Wochen denkst du gar nicht mehr an ihn� h�ren. Auf der einen Seite betete ich, sie m�gen Recht haben, aber auf der anderen Seite wollte ich ihn nur zur�ck. Ich wollte das alles nicht so einfach aufgeben. Es musste doch eine M�glichkeit geben. Und es gab sie. Ich musste mit ihm reden, musste es ihm sagen. Ich musste meinen Stolz vergessen und ihn um Verzeihung bitten. Wenn ich doch nur w�sste, wie er im Augenblick f�hlt? Orlando war kein gef�hlskalter Mensch. Ihn musste das Ganze auch treffen... Nein, ich hatte ihn getroffen, er hatte mich getroffen. Wir hatten einander verletzt und nur wir k�nnten diese Wunden pflegen. Ich begab mich aus meinem Zimmer, schnappte das Telefon und w�hlte seine Nummer. Als der Anrufbeantworter anging, legte ich auf.
Bitte, Gott, lass ihn nicht schon wieder fort sein. Bitte lass ihn nur nicht an das Telefon gehen. Bitte mach, dass er noch in London ist.
Ich versuchte es erneut. Wieder nichts. Entmutigt ging ich zur�ck in mein Zimmer. Dort fiel mein Blick auf den Schl�sselbund, der auf dem Schreibtisch lag. Ich k�nnte hingehen. Ich k�nnte einfach zu ihm gehen. Eventuell war er wirklich noch hier.
Ich schl�pfte in frische Klamotten, ergriff meine Jacke und verlie� die Wohnung. Im Hausflur musste ich im Zickzack einigen Klienten der Anw�lte des Hauses ausweichen.
�Hoppla! Junge Dame, etwas langsamer, bitte.�, lachte eine Stimme als ich beinahe durch die Haust�r fiel. �Wohin denn so eilig des Weges?�
Die deutschen Worte lie�en mich aufsehen, wem ich eigentlich die T�r aus der Hand gerissen hatte.
�Andr�...�, stotterte ich los.
�Hi�, sagte er. �Ich dachte, ich sehe mal nach dir.�
�Danke. Lieb von dir.� Wir sahen uns einen Moment an. �Woher wusstest du, wo du mich finden w�rdest?�
�Yvonne, ich stand schon des �fteren vor deiner T�r�, l�chelte er. �Deine Kollegin im �Diners� sagte mir, dass du dich krank gemeldet h�ttest. Also konntest du nur hier sein. Nun frage ich mich allerdings, wo du hinm�chtest? Etwas frische Luft schnappen?� Der Blick, den er mir schenkte, sagte, dass er wusste, wo ich hinwollte. Er lie� mir allerdings nicht einmal Zeit f�r eine Antwort. �Sehr gute Idee. Wenn man sich krank f�hlt, soll man ruhig auch mal raus gehen. Die Luft tut den Abwehrkr�ften gut. Komm, ich begleite dich. Lass uns in die Kensington Gardens gehen.�
Ich stimmte zu und wir gingen durch die Stra�en zu der Parkanlage. W�hrend wir auf dem Weg dorthin �ber belangloses Zeug wie das Wetter sprachen, kam Andr� in den Gardens direkt zur Sache.
�Wie geht es dir?�, fragte er. �Du wei�t schon, wie ich das meine.�
�Ich wei� nicht genau. Ich f�hle mich beschissen.�
�Brauchst du Hilfe?�
Ich sch�ttelte den Kopf. �Ich glaube nicht. Obwohl...� Ich verlangsamte meinen Schritt und sah zu ihm auf. �Vielleicht kannst du mir behilflich sein.�
�Klar. Wenn du reden m�chtest.�
�Darum geht es nicht.�
�Was dann?� Er sah auf mich herunter.
�Wegen Orlando�, seufzte ich.
Andr� winkte ab.
�Ich h�tte mit ihm reden m�ssen.�
�Das spielt jetzt keine Rolle mehr.�
�Nein, Andr�, ich h�tte es ihm sagen m�ssen. Das alles h�tte nicht passieren m�ssen.�
�Such die Schuld nicht bei dir. Vielleicht h�ttest du was sagen m�ssen, ja, aber er h�tte genauso gut fragen k�nnen.�
�Ich will das alles nicht�, sagte ich schwach. �Ich will...�
�Du willst ihn wieder haben?�
Ich nickte verzweifelt wild.
Andr� blieb stehen, atmete schwer ein und aus und sah mich an.
�Das Gespr�ch ist �bel verlaufen. Er hatte gerade den Flug hinter sich, ich war nervlich am Ende... Wir h�tten warten m�ssen�, zitterte ich.
�Da k�nntest du Recht haben.�
�Andr�, begann ich mich in einen Redeschwall zu werfen, �ich wei�, dass wir das alles wieder auf die Reihe bekommen k�nnen. Ich wei�, dass wir wieder zusammen sein k�nnen... Ich muss ihm nur klarmachen, dass er mir vertrauen kann. Du wei�t, dass ich ihn nicht betrogen habe. Wir m�ssen nur miteinander reden. Ich habe bereits versucht ihn anzurufen, aber er geht nicht an das Telefon. Du musst mir helfen, Andr�. Dir h�rt er zu, du kannst mit...�
�Yvonne, nein�, sagte Andr� mit fester Stimme.
�Andr�, bitte, ich...�
�Ich sagte nein!� Er klang noch energischer. �Im Moment lasst ihr alles besser so, wie es ist.�
�Ich kann das nicht. Ich brauche ihn doch. Ich w�rde ja selber mit ihm sprechen... Ich habe angerufen, aber er war nicht da...�, wiederholte ich. �Er ist wahrscheinlich wieder in Australien...�
�Er war da�, unterbrach er mich.
�Wie bitte?�
�Yvonne, er war da und er wei�, dass du angerufen hast, aber er ging nicht ran. Er meinte, ich solle dir sagen, dass du diesen Telefonterror unterlassen sollst.�
Mein Denken brach zusammen, stumm fuhr ich mir durch das Haar und wich Andr�s Blick aus.
�Du machst alles nur schlimmer�, sagte er vorsichtig.
�Dann muss ich also akzeptieren, dass es vorbei ist?� Ich glaubte, meinen Kiefer nicht mehr unter Kontrolle zu haben und keine deutliche Sprache zu sprechen.
�Im Moment sieht es danach aus.�
�Ich habe ihn nicht betrogen�, jammerte ich.
Er nickte zustimmend. �Ich denke, dass er das auch wei�.�
�Und er? Er hat diese Schauspielerin, nicht?�
�Ich wei� es nicht. Orlando ist ein junger, gutaussehender Mann. Und das Problem ist, dass er das wei�. In seinem Beruf wird er es noch �fter mit h�bschen Frauen zu tun bekommen, aber das bedeutet nicht gleich, dass er auf einer emotionalen Ebene mit ihnen auskommt.� Er stockte, dachte nach. �Du musst verstehen, dass es nicht immer sch�n ist, Schauspieler zu sein. Es steckt keine Routine in diesem Beruf. Bei jedem Projekt bist du lediglich Gast. Du wohnst in einem Hotel, bist von deiner Familie und Freunden getrennt... Wenn du Gl�ck hast, arbeitest du mit Leuten zusammen, mit denen du Kontakte kn�pfen kannst. Hast du Pech, sitzt du abends alleine in deinem Hotelzimmer und ziehst dir die nicht jugendfreien Kan�le rein. Gerade in solchen Momenten, wenn man alleine und einsam ist, kann es leider schnell zu etwas Un�berlegten kommen...�
�Das ist kein Grund�, entgegnete ich. �Ich war hier auch allein und du kannst mir glauben, dass ich mich verdammt einsam f�hlte.�
�Bei euch Frauen ist das einfach etwas anderes. Das klingt saubl�d, aber es ist so. Ihr kommt damit zurecht, euch jung zu binden. Wir M�nner sehen die anderen M�dels und bef�rchten insgeheim, dass wir etwas verpassen k�nnten... Die Zeiten haben sich eben auch ge�ndert... Ach, wir kommen vom Thema ab.�
�Toll, das Tier im Manne und sein Trieb sich fortzupflanzen�, witzelte ich sarkastisch.
�Das ist keine Entschuldigung, aber gerade wenn man sich einsam und verlassen f�hlt, ist man f�r so etwas sehr empf�nglich. Du hattest uns und deine anderen Freunde. Aber Orlando? Wobei ich wie gesagt nicht wei�, ob an deinem Verdacht etwas dran ist.�
�Ich frage mich trotzdem, wie er auf so einen Schwachsinn kommt? Wie kann er nur denken, dass ich was mit Ben...� Ich sprach nicht weiter und sch�ttelte mich bei dem Gedanken an einen m�glichen Austausch von K�rperfl�ssigkeiten mit Ben oder irgendeinen der anderen Verd�chtigten.
�Getratsche. Yvonne, im Prinzip ist es Ambers Schuld. Und sie macht sich deshalb arge Vorw�rfe.�
�Wieso Ambers Schuld?�
Andr� seufzte. �Am Montag nach der Hochzeit waren wir doch bei dir. Gutgelaunt hast du uns erz�hlt, was so alles passiert ist. Am Abend traf sich Amber mit Trisha, Nancy und Chris. Nat�rlich fragten sie nach dir und Amber referierte ihnen einige Details von deinem Bericht... Du wei�t schon, das mit Simon und der Decke, das Tanzen mit dem Iren, das Schlafen bei David...�
Ich sah ihn mit gerunzelter Stirn an.

�Da sie ziemlich angetrunken waren, wurde seitens von Trisha und Nancy einige Dinge ge�ndert. Und dann telefonierte Trisha ein paar Tage sp�ter mit Orlando. Er fragte sie nach dir und sie sagte ihm das, was sie von der Hochzeit wusste. Was denn auch sonst? Ihr hattet euch ja nicht gesehen. Sie erinnerte sich nicht mehr genau an Ambers Geschichte, lediglich daran, dass du mit nem gutaussehenden Mann getanzt und die Nacht in einem anderen Bett verbracht h�ttest. Sie wusste auch noch, dass es sich dabei um das Bett von Ambers Chef handelte.� Andr� sah in mein verzerrtes Gesicht. �Sie meinte es nicht b�se, da bin ich mir sicher. Wahrscheinlich hat sie das Ganze unter Lachen erz�hlt und Orlando verstand es falsch. Die genaue Aufkl�rung wirst du wohl nur von ihm erhalten k�nnen.�
�Ich wahrscheinlich am wenigsten. Hat er sich nicht bei dir �ber mich ausgelassen?�
�Komm mit.� Andr� zog mich zu einer Parkbank und wir setzen uns.
�Als er Freitag zu mir kam, war er mehr als w�tend. Er hie� dich alles, schnaubte und fluchte. Ich versuchte, ihn zu beruhigen, aber irgendwann war es mir zu bl�d. Schlie�lich kam Amber und er zoffte erst mal mit ihr rum, w�hrend ich mir in der K�che einen Nerventee machen konnte.� Er l�chelte und wiegte den Kopf hin und her. �Auf jeden Fall f�hrte uns das Gespr�ch zu nichts und er rauschte irgendwann ab. Noch w�tender, da wir nicht sofort jubelnd auf seiner Seite gestanden hatten.� Ich verfolgte seine Erz�hlung aufmerksam. �Gestern kam er wieder zu mir.�
�Gestern? Er ist also noch in London?�
Er sch�ttelte den Kopf. �Nein, er flog heute Mittag wieder ab. Du h�ttest ihn mit deinem Besuch knapp verfehlt.� Aufmunternd l�chelte er mir zu. �Trotzig war er und beschwerte sich zuerst �ber deine Anrufe�, wechselte Andr� wieder zu dem, was er mir sagen wollte.
�Ich nerve ihn also...�
�Teils, teils... Du st�rst ihn wahrscheinlich beim Nachdenken.�
Ich sah ihn unverst�ndlich an.
�Nat�rlich ist er auch von der ganzen Situation genervt, aber nachdem er sich gestern beleidigt in meinen Sessel geschmissen hat, haben wir geredet.�
Nun fragte ihn mein Blick, was das Thema gewesen war.
�Ich habe das getan, was dir so schwer viel. Zwar kenne ich mich in dem Bereich nicht so gut aus, aber immerhin wei� er nun mehr.�
�Und wie nahm er es auf?�
�Ich glaube, es traf ihn sehr. Sein Berater vom Management hat dar�ber gesprochen wie �ber die B�rsenkurse und nat�rlich eines besonders betont. Du wei�t, was ich meine?�
�Ja.�
�Die Umst�nde, wie es dazu kam, hat er weggelassen. Au�erdem hat er es verwechselt.� Andr� grinste schief. �Er verwechselte es mit dem anderen, wie du nicht genannt werden willst.�
�Es besteht ja auch ein gro�er Unterschied�, protestierte ich.
�Das wei�t du, das wei� ich, Orlando hat sich bisher nicht damit befasst�, fuchtelte er erkl�rend mit den H�nden herum. �Du wirst trotzdem eines Tages mit ihm dar�ber sprechen m�ssen. Es ist besser, er h�rt es auch von dir.�
�Ob das gut ist? Er wird doch nie wieder mit mir reden.�
�Vielleicht in n�chster Zeit nicht. Er wird nun erst mal �ber alles nachdenken m�ssen. �ber dich, �ber sich, eure �Beziehung�, seine Schockreaktion vor der Uni...�
�Eine Schockreaktion? Das war eher der Auftritt eines Rachegottes.�
�Nein, Schock. Schock, weil er verwirrt war�, sagte Andr�. �Ich denke, es hat ihn total aus der Bahn geworfen als er von deiner Krankheit, und was diese mit sich bringt, erfuhr. Er flippte wohl aus, weil er sich selber eingestehen musste, dass er es erstens, nicht bemerkt hatte und zweitens, dir nicht helfen kann.�
Ich lehnte mich auf der Bank zur�ck.
�Wei�t du�, sprach er weiter, �Selbst Epileptikern oder Diabetikern kann man mit Medikamenten helfen. Aber dir? Nat�rlich kannst du auch Pillen einwerfen, das wei�t du ja selber, aber...� Er verstummte. �Du wirst nie jemanden an dein Innerstes lassen. Nat�rlich plapperst du verdammt viel...� Er lachte und auch ich l�chelte beim Gedanken an meinen Redeschwall von zuvor. �Aber du wirst immer ein Geheimnis bleiben. Du wirst immer Geheimnisse haben. Du wirst immer in deiner eigenen Welt sein und kaum jemanden Zutritt gew�hren.�
Andr�s Worte drangen tief zu mir durch und ich begann stumm zu weinen. Mein K�rper regte sich nicht unter diesem. Nein, die Tr�nen kamen ganz von allein. Ich bemerkte es fast gar nicht. Andr� beugte sich vor und wischte eine meiner Tr�nen mit dem Daumen weg.
�Wahrscheinlich f�rchtet das jeder Mensch. In einer normalen Partnerschaft braucht man irgendwann keine Best�tigung mehr. Man wei�, dass man einander liebt. Es ist einfach so. Aber bei Menschen wie dir... Um eine solche Zuneigung muss man k�mpfen. Und man muss noch mehr tun, um sie am Leben zu erhalten.�
�Andr�...�
�Psst...� Er legte den Arm um mich und zog meinen Oberk�rper an seinen. �Orlando f�hlt sich mit dieser Aufgabe im Moment �berfordert. Er muss sich mit all dem erst auseinander setzten.�
Wir sa�en stumm beieinander und er strich mir mit der Hand durchs Haar. Sein Verst�ndnis r�hrte mich. Seine Anteilnahme beruhigte mich.
�Man f�rchtet sich meistens vor Menschen, die einem nicht �normal� erscheinen, einfach anders sind... Ich wusste eigentlich von Anfang an, dass du zu diesen Menschen z�hlst. Du h�ttest es mir im Prinzip nicht erz�hlen brauchen, damals in Clacton.�
�Wieso hast du es gewusst?� Ich blinzelte ihn unter Tr�nen an.
�Ich denke, wenn man selber etwas Schlimmes erlebt hat, erkennt man Menschen, denen es genauso erging.� Er l�chelte mich mit geschlossenen Lippen an und unsere Augen erz�hlten einander ohne Worte. �Diese gewisse Seelenverwandtschaft. Ich wei�, es klingt bescheuert, aber vielleicht konnte es Orlando nicht sehen, weil vor lauter Begeisterung f�r dich alles Negative dieser Welt von ihm fortr�ckte. Vielleicht weil er dachte, dass du in seiner Scheinwelt die einzige Realit�t werden k�nntest, obwohl er erst einmal zur Realit�t in deinem Leben werden musste.� Er schluckte. �Doch ich konnte es in deinen Augen lesen. Egal wie oft du gelacht hast, es war immer da.�
Wir blieben noch eine Weile sitzen, dann meinte Andr�, dass er los m�sste. Er fragte mich, ob er mich nach Hause bringen sollte, aber ich verneinte. Ich wollte noch im Park bleiben und nachdenken.
�Denk nicht zuviel�, sagte Andr�.
�Ich werde es versuchen.�
�Versuch es nicht nur, tu es. Hast du jemanden, der sich um dich k�mmert?�
Ich nickte. �Ja, ich habe meine Freunde.�
�Und kannst du mit ihnen reden?�
��ber was?�
��ber das, was in deinem Kopf abgeht.�
Ich l�chelte schwach. �Rachel, David und Simon sind f�r mich da.�
�Gut, das ist sehr gut.� Er l�chelte. �Rede nur. Schweige nicht, okay?�
Wieder nickte ich.
�F�r manche Leute ist das noch ein schweres Thema. Es ist wichtig, Freunde zu haben, die damit umgehen k�nnen und es verstehen.� Er sah den Parkweg entlang. �Du solltest mit Amber dar�ber sprechen. Sie ist total fertig.�
�Wei� sie es?�
�Nein, ich sagte ihr nichts.�
�Hat Orlando das nicht getan?�
Er sah wieder zu mir. �Nein, hat er nicht. Als sie Freitag da war, war eine vern�nftige Unterhaltung mit ihm nicht m�glich.� Er begann zu l�cheln. �Rede mit ihr.�
�Ich wei� nicht wie. Wenn ich anderen davon erz�hle, f�hle ich mich immer wie ein Mensch Zweiter Klasse.�
�Das bist du aber nicht�, erwiderte er sanft und ging dann in ein gespielt strenges Gesicht �ber. �Erwarte nur kein Mitleid von mir, ja? Das brauchst du n�mlich nicht. Eher musst du Mitleid mit mir haben, weil ich nicht schlau genug bin, mich mit dir auf einer Ebene zu bewegen.�
�Danke! Welch liebevolle Art gesagt zu bekommen, dass man niedriger als andere steht.�
�Das meinte ich nicht. Ich meine, dass du auf h�heren Pfaden wandelst als wir anderen.�
Ich wischte mir mit dem Jacken�rmel �ber die Wangen und l�chelte tapfer.
�Hey, schon okay�, tr�stete er mich. �Gib ihm Zeit. Er wird sich wieder melden.�
�Glaubst du?�
�Ich wei� es. Aber du musst Geduld haben und ihm Zeit lassen.�
Wir verabschiedeten uns und ich sah ihm nach, wie er zu einer immer kleiner werdenden Figur auf dem Kiesweg wurde.
Ich blieb sitzen und dachte nach. Ich sollte ihm Zeit geben. Aber wie viel Zeit? Wie lange w�rde ich die Kraft haben zu warten? Trostlos sah ich einem jungen Paar hinterher, das H�ndchen haltend an mir vorbei lief. Wieso konnten wir nicht so sein? Wieso konnte ich nicht so sein? Wieso war ich, wer ich war? Wieso war ich, wie ich war? Mechanisch stand ich auf. Es brachte nichts, mir diese Fragen zu stellen. Zu oft hatte ich es schon getan und war nie zu einer Antwort gekommen. Zu oft hatte ich mich gefragt, wie mein Leben wohl verlaufen w�rde, wenn es anders w�re. Wenn ich anders w�re... Wenn ich es k�nnte...
Ein Regentropfen fiel mir auf den Scheitel und ich blickte in den Himmel. Die Sonne war zu sehen und vereinzelte Wolken versuchten sich mit ihr zu messen. Ich ging ein paar Schritte weiter und dann setzte der Platzregen ein. Ein warmer, lauer Fr�hlingsregen. Die Touristengruppen, die sich den Park besahen, rannten schutzsuchend los. Ich rannte nicht. Der Regen w�rde nicht lange anhalten und dann w�rde die Sonne die Wolken wieder vertreiben. Was machte es schon, wenn ich nass wurde?
Als ich den Ausgang fast erreicht hatte, blieb ich stehen und legte meinen Kopf in den Nacken. Die Tropfen trafen mich auf Stirn, Nase und Wangen. Ich streckte die Arme seitlich von mir und schloss die Augen. Dieser Regen steckte voller Erinnerungen. Mir war als h�tte ich ihn schon einmal gesp�rt. Ich l�chelte und dachte daran, wie ich mit Orlando im Regen getanzt hatte. Ich schloss die Arme wieder um meinen K�rper. Orlando... Ich wollte mit ihm reden, wie Verliebte nun einmal miteinander reden. Ich wollte mit ihm durch den Park gehen, wie das P�rchen vorhin. Er sollte mit mir sprechen, wie Verliebte miteinander sprechen... Ich atmete tief durch.
Im Augenblick konnte ich nichts f�r uns tun. Aber ich k�nnte etwas f�r mich tun. Mit einem letzten Blick in den Himmel machte ich mich auf den Weg nach Kensington.

Das Gl�ckchen klingelte und ich schob die Ladent�r zu. Ich sah Ben nicht, aber ich h�rte ihn zwischen den Regalen mit einem oder mehreren Kunden sprechen.
�Himmel, Muff, was ist denn mit dir passiert?�
Verbl�fft erblickte ich Simon, der, mit einem Schraubenzieher in der Hand, hinter der Kassentheke auftauchte. Ich zwang mich zu einem gequ�lten Grinsen. �Ich bin durch den Regen gewatet.�
�Oh, Muffy... Erst der Kuchen und nun Regen.� Simon sch�ttelte den Kopf. �Wie oft soll ich es dir noch sagen? Du w�chst nicht mehr, du wirst nur fetter oder � wie in diesem Fall � nass.�
Ich sah an mich herab und auf die Pf�tze, die sich zwischen meinen Schuhen gebildet hatte.
�Wieso bist du nicht in der Uni?�, fragte Simon dann.
�Ich habe mich krank gemeldet.�
�Wieso das denn?� Simon verzog unverst�ndlich das Gesicht.
Ich verdrehte die Augen und ging auf ihn und die Theke zu. �Eben darum. Ich, ich konnte nicht...�
�Kriegst du keinen �rger?�
�Bei einem Tag nicht.� Ich sah ihm zu, wie er sich wieder b�ckte und an der Holzverkleidung der Theke herumschraubte. �Was tust du denn da?�
�Meinem Bruder ein bisschen helfen, oder nach was sieht das hier aus?�
�Das k�nnte David auch alleine.�
�K�nnte er wohl, wenn er die Zeit dazu h�tte.� Er r�ttelte mit der Hand an dem Holz herum. �Und was treibt dich her?�
�Ich muss mit Amber sprechen�, seufzte ich.
Simons braune Augen sahen unter dichten Wimpern zu mir hinauf und er hob die Augenbrauen an.
�Willst du das wirklich?�
�Ich muss, Simon.�
�Ist sie schon so weit?�
�Du musst fragen, ob ich es bin.�
�Bist du es?�
Ich zuckte mit den Schultern.
�Muffy, wenn du es noch nicht kannst...�
�Es muss sein. Was kann schon passieren?�
�Lass mich zuerst mit ihr reden. Dann bleibt ihr noch Zeit zum Weglaufen.� Er lachte, aber ich reagierte nicht.
Mein Kopf fuhr herum als ich Bens Stimme n�herkommen h�rte. Er stand noch mit dem R�cken zu uns und erkl�rte einem Kunden, wie er die Farbintensit�t von Aquarellbildern hervorheben k�nnte. Als er sich umdrehte, war sein Haupt zu Boden gerichtet und er fuhr sich genervt durch die Haare. Sie waren gewachsen und zerzaust. Er sah auf und ersp�hte mich, welchem folgte, dass er kurz stehen blieb. Dann wagte er sich an uns heran.
�Hi, Yvonne�, begr��te er mich.
Ich nickte schwerschluckend und gr��te zur�ck.
Ben lehnte sich an die Theke und sah mich unsicher an. �Wie geht es dir?�
�Ganz gut. Und dir?�
�Du brauchst nicht l�gen, Muff�, kam Simon dazwischen. �Er wei� es.�
�Wei� was?�
�Na, das mit Bloom und dir�, kam es unter der Theke hervor.
�Tut er?�
�Ja.�
�Woher?�
�Von mir.� Simon richtete auf sich und sah mich abwartend an.
�Tats�chlich?�, fragte ich beide etwas gereizt und wandte mich dann direkt an Ben. �Es ist dir sicher eine gro�e Freude, dass du Recht hattest, oder?�
�Yvonne...� Ben suchte nach Worten.
�Nat�rlich kommst du dir allwissend vor, weil du ja wusstest, dass er nicht der Richtige f�r mich ist.�
Ben und Simon versteiften sich in ihrer Haltung und lie�en mich nicht aus den Augen.
�Sicherlich ist das jetzt wie Weihnachten f�r euch und ihr genie�t meine Niederlage, belacht meine Naivit�t...�
�Hallo Yvonne!�
Ich zuckte zusammen als Aaron aus dem Lager kam.
�Oh, hallo.� Ich warf den beiden anderen noch einen b�sen Blick zu und ging dann zu Aaron und der T�r, die ins Lager f�hrte.
�Du bist ja nass. Regnet es drau�en?�
�Es hat geregnet, Aaron. Ist Amber da?�, fragte ich ihn.
�Ja, sie ist hinten, wo sie hin geh�rt.� Er grinste. �M�sstest du nicht in der Uni sein?�
Ich knurrte, stie� die T�r auf und verschwand. Ich h�rte Amber lachen und entdeckte sie schlie�lich bei David. Er arbeitete gerade an einem Bild, auf welchem ich den Tower erkennen zu glaubte. Amber stand neben ihm, ein Klemmbrett an ihre Brust gepresst, ihn anl�chelnd und Fragen �ber den Impressionismus stellend. Ger�uschlos ging ich auf sie zu. Nettes Bild, dachte ich mir. W�hrend meine Welt aus den Fugen ger�t, flirtet sie mit David rum. Sofort sch�mte ich mich f�r diesen Gedanken. Amber war meine Freundin und wenn ich es schon nicht schaffte, gl�cklich zu sein, dann sollte wenigstens sie es sein. Nur weil mein Leben nicht traumhaft verlief, konnte ich nicht erwarten, dass es meinen Freunden genauso erging. Nur weil ich allein war, sollten es die anderen nicht auch sein. Ich biss mir auf die Lippe und sah die beiden weiter an. Merkw�rdig, wie schnell man sogar Freunden gegen�ber Eifersucht und Neid empfinden kann. Zumindest dann, wenn sie durch ihr Gl�ck dich zu vergessen scheinen. Arme Rachel... Wegen Orlando hatte ich sie total vernachl�ssigt. Kein Wunder, dass sie ihn nicht sonderlich gut leiden kann. Meine Gef�hle waren ziemlich durcheinander.
David sah auf. Nat�rlich hatte er meine Anwesenheit gesp�rt. �Hey Muffin.�
Auch Amber blickte �berrascht auf und l�chelte dann zaghaft. Ich schritt unsicheren Weges auf sie zu, sah bedacht zu Boden.
�Was ist los?�, fragte David und unterlie� seine Arbeit.
�Ich...�, fraglich sah ich auf.
�Du schw�nzt Uni und Arbeit?�
�Meine Gedanken bringen mich nahezu um.�
David und ich tauschten einen l�ngeren Blick und er verstand. �Vielleicht willst du dich etwas ablenken? Amber hat nen Haufen Arbeit im B�ro. Sie kann sicher noch Hilfe gebrauchen.� Sein n�chster Blick galt ihr.
Amber l�chelte mir zu und ging voran in das kleine B�ro. Ich schloss die T�r hinter uns, drehte mich um und sah zu, wie sie sich setzte.
�Okay, Yvonne, vielleicht erkl�rst du mir endlich mal was los ist?�, sagte sie heiser. Sie l�chelte nicht mehr. �Seit Sonntag rufe ich dich an und m�chte wissen, was f�r Probleme du hast, dass Orlando derart durch den Wind ist und du weichst mir aus und rufst gar nicht erst zur�ck.�
Ich schlappte zum Schreibtisch und lie� mich auf dem anderen Stuhl nieder. �Amber, ich m�chte es dir ja sagen...�
�Dann tu es doch!�
Ich �ffnete gerade den Mund als Simon und Ben hereinkamen.
�Endlich Pause! Ich habe so einen Hunger�, jammerte Ben und griff nach seinem Rucksack hinter der T�r. W�hrend er aus diesem ein Sandwich kramte, witzelte er mit Amber �ber einen Stammkunden herum. Amber lachte und scherzte ebenfalls. Mir gab das Ganze einen Stich. Fr�her waren es meine Kunden gewesen. Fr�her war Ben mein Kollege gewesen. Zwischen Amber und ihm herrschte eine Vertrautheit, die es zwischen ihm und mir nie gegeben hatte. Wie auch? Er war in mich verliebt und ich nicht in ihn. Kein besonders guter Ausgangspunkt, oder? Ich lehnte mich in meinem Stuhl zur�ck und schloss die Augen. Konnte man hier nicht einmal zehn Minuten seine Ruhe haben? Ich wollte mit meiner Freundin etwas Wichtiges kl�ren und diese beiden Bl�dm�nner hatten nichts besseres zu tun als mein Vorhaben zu boykottieren. Nun alberte sogar Simon mit herum. Ich gab eine Mischung aus Fluchen und Knurren von mir und pl�tzlich war es still und die anderen sahen mich an.
�Oh... Ihr wollt alleine sein?�, fragte Ben und blickte getroffen auf sein Sandwich. �Ja, dann werde ich wohl mal gehen.�
Simon warf mir einen bissigen Blick zu und sagte dann zu Ben: �Nein, bleib hier. Was sie zu sagen hat, k�nnte f�r dich ebenfalls interessant sein.�
Ich fiel beinahe vom Stuhl. Was sollte denn das jetzt? Dieses Thema hatten Simon und ich doch schon einmal. Ich war nicht an Ben interessiert, also ging ihn mein Leben auch nichts, aber auch gar nichts an.
�Yvonne, er sollte es wissen.� Simons braune Augen durchleuchteten mich wie ein R�ntgenstrahl. �Ob es dir passt oder nicht, er geh�rt nun dazu. Er ist mein Freund.�
Ich st�hnte entnervt. Nat�rlich hatte ich mitbekommen, dass Simon neuerdings mit Ben unterwegs war, wenn er nicht gerade versuchte irgendwelchen M�dels sein rettungsdienstliches K�nnen anzubieten. Aber wenn schon? Ich hatte Orlando nach drei Monaten nicht davon erz�hlt, wieso sollte ich dann Ben, bei dem es zusammengerechnet auf wohl nicht einmal einen Monat kommen w�rde, davon in Kenntnis setzen? Simon sah mich nun flehend an. Ben packte bereits seine Sachen.
�Ja, fein, meinetwegen. Ben, bleib bitte hier. Vielleicht habe ich ja Gl�ck und bin dich hinterher f�r ein und allemal los.�
Er sah mich irritiert an.
�Schon gut. Bitte bleib einfach�, wiederholte ich.
Er setzte sich wieder.
Simon lehnte sich an die Wand und wartete mit den anderen gespannt darauf, was ich zu sagen h�tte, obwohl er es ja wusste.
�Okay�, begann ich und konzentrierte mich voll und ganz Amber. �Mein Problem ist nicht ganz einfach... Eigentlich mag ich es auch keinem sagen, da ich mich so am besten selber sch�tzen kann.�
Ihre Augen wurden noch runder und gr��er als sonst. Es herrschte eine Stille, dass man eine Stecknadel fallen h�ren k�nnte.
�Amber, ich bin etwas anders als ihr...� Ich presste die Lippen aufeinander, da es mich �berwindung kostete. Wie w�rde sie wohl reagieren? W�rde sie es verstehen? Ich konnte es nicht l�nger hinausz�gern. Amber wusste, dass etwas mit mir nicht stimmte, sie wusste nur nicht, was es war. Ich konnte nicht mehr zur�ck. W�rde ich sie im Ungewissen lassen, w�rde es nach und nach das Ende unserer Freundschaft bedeuten, weil sie nach einer Weile einfach nicht mehr verstehen w�rde. Ich atmete tief durch und sah zu Boden.
�Ich habe endogene Depressionen.� Zisch! Applaus! Das war es. Ich hatte es gesagt.
Eine Reaktion erwartend sah ich Amber an. Sie sa� mir noch immer gegen�ber und schaute mich an, als h�tte ich ihr eben einen Witz erz�hlt, dabei die Pointe vergessen oder vermasselt und sie wartete darauf, dass ich es noch mal versuchen w�rde, damit sie verstand, auf was ich hinaus wollte.
�Du hast was?�, fragte sie alsdann, unsicher l�chelnd.
Ben sah mich ebenfalls beirrt an, nur Simon sah nachdenklich zu Boden.
�Endogene Depressionen�, wiederholte ich gequetscht. �Ich bin, was andere Leute gerne als �psychisch krank� bezeichnen.�
Amber schluckte und sch�ttelte den Kopf. �Du verarscht mich. Yvonne, das kann nicht sein... Du bist doch normal!� Sie schrie die letzten Worte. �Depressive Leute sind doch nicht ganz dicht und heulen die ganze Zeit. Ich habe dich noch nie weinen sehen, oder...�
�Hast du nicht, weil sich Depressionen unterschiedlich auswirken.� Simon sah noch immer auf den Boden.
Ambers Kopf fuhr zu ihm herum. �Das ist ein Witz, oder? Ich habe keine Anzeichen irgendwelcher Abnormalit�ten erkannt.�
�W�rdest du sie erkennen?�, fragte Simon und hob den Kopf, um sie anzusehen. �Du hast nichts bemerkt, weil du wahrscheinlich nicht sehr viel dar�ber wei�t und es ihr momentan gut geht.�
Ben hob zur�ckhaltend den linken Arm und wedelte damit, wie in der Schule, als Zeichen, dass er eine Frage stellen wollte. Ich sah ihn an und er stotterte los: ��hm, was hei�t das nun? Hast du zwei Pers�nlichkeiten oder wie?�
�Oh Gott...�, seufzte ich, sank auf die Tischplatte und vergrub das Gesicht unter meinen Armen.
�Nein, Ben, hat sie nicht.� Ich h�rte, wie Simon sich auf den Tisch setzte. �Du darfst das Ganze nicht mit Schizophrenie verwechseln. Damit solltest du �brigens sehr vorsichtig sein. Muffin kann m�chtig sauer werden, wenn man sie als schizophren bezeichnet.�
�Also ist sie das nicht?�
�Schizophrenie sind Wahnvorstellungen und Halluzinationen�, lie� Simon den k�nftigen Mediziner aus sich sprechen. �Zwar z�hlt die Depression auch zu den psychischen Erkrankungen, aber depressive Menschen erleben Dinge anders als schizophrene.�
�Siehst du, depressive Menschen!�, sagte Amber. �Jeder hat mal nen schlechten Tag und f�hlt sich depressiv. Deshalb ist man doch nicht gleich psychisch krank!�
�Amber...� Ich sah sie bittend an. �Glaub es.�
Ich sp�rte Bens Blick auf mir und er l�chelte. �Sie sieht nicht krank aus�, meinte er. �Sie tr�gt nicht zwei verschiedene Paar Schuhe, ihre Bluse ist richtig gekn�pft...�
�Ben, dazu muss man nicht krank sein�, grinste Simon.
�Okay... Depressionen... Okay... Und wie wirken die sich bei dir aus?� Amber sah mich noch immer ungl�ubig an.
Simon nahm mir die Antwort ab: �Bei leichten Depressionen ist sie nur bedr�ckt. Es kann aber auch passieren, dass sich dies dann in Wut, Aggressivit�t und Gereiztheit wandelt... Wir haben schon so ziemlich alles mit ihr durchgemacht. Es gab Phasen, da interessierte sie sich f�r nichts und konnte sich nicht aufraffen. Dann konnte sie sich �ber gar nichts mehr freuen, kapselte sich ab, a� und schlief nicht mehr... Mal lacht sie, dann weint sie. Manchmal klammert sie sich an uns, dann will sie wieder alleine sein und wir anderen l�sen uns besser in Luft auf.�
Simon und ich sahen uns an und erinnerten einander an die ersten Aufenthalte, die ich bei ihnen gemacht hatte. Erlebnisse, die uns alle miteinander verbunden hatten.
�Ist euch nie etwas an ihr aufgefallen?�, wandte sich Simon an die anderen.
�Na ja...Manchmal tut sie schon etwas komisch...�, r�tselte Amber und zog ihre Nase kraus.
Simon lachte. �Sie tut nicht komisch, sie ist so.�
Ich warf ihm einen b�sen Blick zu, doch er reagierte nicht. Statt dessen fuhr er ernst fort: �Habt ihr noch nie ihre Selbstzweifel bemerkt? Dass sie immer sich die Schuld gibt? Dass sie immer glaubt, perfekt sein zu m�ssen? Dass sie sich immer beweisen will und Unsicherheit ihr st�ndiger Begleiter ist?�
Amber und Ben richteten ihre Blicke auf mich. �Doch, schon...�, sagte Amber. �Aber wer denkt dabei gleich, dass sie... Na du wei�t schon.�
�Sprich es ruhig aus.� David kam ebenfalls in das B�ro. �Es zu verdr�ngen oder mit Worten zu versch�nern �ndert die Lage auch nicht.�
�Aber�, Amber pirschte sich an uns heran, �Die von Simon aufgez�hlten Faktoren m�gen ja stimmen, aber wo ist dann das Problem? Zweifel hat man hin und wieder. Meine Mutter glaubt auch immer, an allem Schuld zu sein.�
�Ja, aber deine Mutter sagt es wohl nur so. Bei Yvonne ist es krankhaft.� David �berlegte kurz. �Nat�rlich kommt das euch nicht au�ergew�hnlich vor. Aber Simon hat das Wichtigste vergessen�
Amber und Ben sahen mich an.
�Ich wage nicht zu f�hlen.� Ich erwiderte ihre Blicke. �Ich habe Angst vor Gef�hlen, weil ich wei�, dass sie mich zum Nachdenken bringen. Und mein Denken hat Macht �ber mich. Kann ich es nicht mehr kontrollieren...� Erneut presste ich die Lippen aufeinander und �berlegte die Worte, um mich verst�ndlich auszudr�cken. �Ich habe Angst vor mir selber... Angst den Halt zu verlieren... Angst alleine zu sein... Gl�cklich zu sein erfordert sehr viel bei mir und dann f�llt es mir schwer, das Gef�hl auszuleben.�
�Aber du lachst doch! Und du bist gl�cklich!�
�Amber, ich habe gelernt eine Rolle zu spielen. Zumindest gegen�ber Menschen, die mich nicht n�her kennen. Ich �bte, meine Traurigkeit zu �berdecken. Doch Tatsache ist, dass ich mich unwohl f�hle. Ich reagiere mit Argwohn, wenn ich denke, dass mich jemand mag, sehr mag. Ich bin sehr vorsichtig mit Gef�hlen. Leider kann es aber passieren, dass ich nur noch daran denke, jemanden meine Liebe zu geben und das dann alles ist, das mein Leben lebenswert macht. Meistens f�hle ich zu viel und nie zu wenig.�
�Und was war mit Orlando? Hast du ihm auch nur etwas vorgespielt?�
Mir schn�rte sich die Kehle zu. �Nein, habe ich nicht. Bei Orlando habe ich es aus irgendwelchen unerkl�rlichen Gr�nden gewagt und geschafft.�
�Du hast dem Falschen vertraut�, knurrte Simon, auf was ich nur mit einem tr�ben Blick reagieren konnte.
�Das ist jetzt egal�, meinte David.
�Und woher kommen diese Depressionen?�, fragte Amber und verschluckte das letzte Wort nahezu.
�Bei Yvonne wurde endogene Depression diagnostiziert�, beantwortete David ihre Frage. �Leider ist bisher keine Ursache daf�r bekannt. Zum Gl�ck ist sie nicht unipolar, sonst w�re sie immer depressiv. Bei ihr f�hrt die bipolare Depression nur zu Melancholie und unsinnigen Handlungen.�
�Und darin bist du verdammt gut, nicht wahr, Muffin?� Simon grinste mich an und ich war froh, dass er und David hier waren. Nie h�tte ich so sachlich und verst�ndlich dar�ber reden k�nnen.
�Dann ist das also seelischbedingt?�
Simon nickte Amber zu. �Es steckt tief und unergr�ndlich in ihr drin. Viele Depressionen werden durch dramatische Ereignisse ausgel�st. Aber sie k�nnen auch, wie bei Yvonne, r�tselhaft und gar grundlos auftauchen.�
Es herrschte Schweigen. Ben und Amber sahen sich an und verfielen dann wieder in Gedanken.
�Aber wieso?� Amber sch�ttelte unverst�ndlich den Kopf.
�Das ist dann wohl eher deine Geschichte, Muff.� Simon l�chelte. �Wir waren leider nicht dabei.�
Ich presste die Lider aufeinander und atmete erneut tief durch. Okay, Yvonne, du kannst es. Schritt f�r Schritt. Ruckartig �ffnete ich die Augen und trat mir selbst und Amber entgegen.
�Schon als Kind war ich eigenartig�, sprach ich leise und vorsichtig. �Ich hatte damals das Gef�hl, dass ich mich von allen anderen unterscheiden w�rde. Zu sehr unterscheiden. Ich f�hlte mich anders, isolierte mich und war oft f�r mich alleine. Mit dreizehn dachten alle, meine Spinnereien seien normal, hielten mein Benehmen f�r pubert�re Launen... Mit vierzehn ging es richtig los. Ich verlor manchmal den Bezug zur Realit�t, lebte mich in einer eigenen Welt fort. St�ndig sorgte ich mich und machte mir Gedanken.� Ich unterbrach und erinnerte mich zur�ck. �Ich f�hlte mich ausgeschlossen, unverstanden in allem was ich tat. Und vermutlich war ich das auch. Ich h�tte gerne mit jemanden dar�ber gesprochen, aber es gab niemanden.�
�Und deine Familie?� Bens Stimme drang schwach zu mir.
Ich winkte kl�glich ab. �Meine Eltern und Br�der waren viel zu sehr mit ihrem eigenen Leben besch�ftigt. Und �berhaupt, wie erkl�rt man einem normalen Menschen, dass man einfach nicht gl�cklich sein kann und nicht einmal wei�, warum das so ist?�
Ich erz�hlte weiter. Erz�hlte, wie sehr ich mich selbst gehasst hatte, wie im Laufe der Zeit Einsamkeit, Angst und Ungl�cklichkeit zum Hauptbestandteil meiner Gef�hle wurden. Dass ich nicht mehr unter Menschen gehen, einfach alleine sein wollte.
�Auf Unverst�ndnis reagierte ich mit Zorn. Ich begann meine Schulkameraden zu hassen. Mir gefiel dieses Gef�hl, jemand anderen zu hassen und nicht nur mich selbst.�
Leise berichtete ich davon, wie ich meinen Schmerz und Zorn abbaute, indem ich Kickboxen erlernte. Wie oft ich w�tend auf den Trainer losgegangen war... Aber einen Sinn f�r mein Leben hatte ich nicht. Ich wollte eigentlich nicht mehr. Wozu auch?
Noch immer horchten Ben und Amber zu. Simon sa� auf dem Schreibtisch und sah nachdenklich aus dem Fenster in den Lagerraum. David lehnte am Regal und schien psychisch auch nicht anwesend zu sein.
�Mein Gro�vater� , ich l�chelte bei dem Gedanken an ihn, �ist einer der Hauptgr�nde, warum ich noch lebe, da bin ich mir absolut sicher. Immer wenn ich plante, alles hinter mir zu lassen, wurde mir klar, dass ich nie wieder seine Lebensweisheiten und sein Lachen h�ren w�rde, wenn ich es t�te. Er war der einzige, der sich mit mir befasste und immer meinte, dass ich einmal etwas ganz Besonderes werden w�rde.� Wieder dachte ich zur�ck und erkl�rte meinen Freunden, wie er versuchte mich aus meiner einsamen kleinen Welt zu holen, indem er mir immer erz�hlte, wie sch�n das Leben sei und wie sehr ihn die Liebe zu meiner verstorbenen Gro�mutter ausgef�llt hatte. Das blieb dann in mir drin: Ich hatte den Wunsch zu lieben und geliebt zu werden... Und dann lernte ich Sven kennen und dachte, ich k�nnte es. Zum ersten Mal lie� ich Ber�hrung zu. Ber�hrung meiner Seele und meines K�rpers. Aber die Gef�hle verloren sich bald wieder. Besser gesagt: ich verdr�ngte sie, machte mich wieder auf die Suche, weil Sven nicht das war und hatte, das ich wollte. Volles Vertrauen und Verst�ndnis...
�Als wir uns trennten, gab es keine b�sen Worte. Allerdings meinte er, ich w�re gef�hlskalt.� Ich schluckte schwer. �Aufgrund von Sven ging ich damals auch zu einer Vertrauenslehrerin. Ich wollte normal sein f�r ihn, wollte, dass die dunklen Wolken und Gewitter �ber mir davonzogen.�
Die anderen h�rten zu, wie ich davon erz�hlte, dass die Lehrerin mich zu einem Psychologen weitergeleitet und dieser dann nach einigen Gespr�chen die endogene Depression festgestellt und mir Therapie und Antidepressiva verordnet hatte. Die Medikamente halfen. Sie wirkten anhebend und aufmunternd. Auch wenn es k�nstlich war, ich unterschied mich �u�erlich vom Lachen her nicht mehr so arg von den anderen.
�Eines Abends eskalierte die Situation... Ich war neunzehn, hatte gerade die Schule und die Beziehung zu Sven beendet, nahm aus Kummer keine Medikamente mehr, da ich mich so f�hlen wollte, wie einem zumute ist, wenn eine Beziehung in die Br�che geht. Doch ohne die Antidepressiva befand ich mich in einer schlimmen Phase. Meine Eltern... Glaubt mir, ich hatte eine gute Kindheit. Meine Eltern waren allerdings nicht f�hig, mir zu zeigen, dass sie mich liebten. Mein Vater fand keinen Draht zu mir und besch�ftigte sich nur mit meinen beiden Br�dern. Meine Mutter kann man einfach beschreiben: sch�chtern, unsicher. Beide sind sehr konservativ und Gef�hlsbeschauungen gab es in meiner Familie nie. Man ging gehoben und ehrf�rchtig miteinander um. So wussten meine Eltern auch nicht viel von mir. Gut, mein Alter und was ich gern und weniger gern a�, das wussten sie, aber im Prinzip kannten wir einander nicht. Jedenfalls reagierte mein Vater auf meine Krankheit nicht so, wie man erwartet h�tte. Er sch�mte sich f�r mich, hatte Angst, dass die Leute �ber seine verr�ckte Tochter reden w�rden. Er wollte es einfach nicht wahrhaben und meine Mutter zog mit ihm mit, da sie sich sowieso nie traute, sich ihm zu widersetzen und mir immer nur sagte: Lach, Kindchen, lach und alles ist in Ordnung. Wenn du weinst, bist du aber allein.�
Mein Gesicht verfinsterte sich, als ich mich in meiner Erz�hlung erinnerte, wie ich damals in meinem Zimmer sa� und f�r mich allein war. Meine Mutter hatte mal wieder was von mir gewollt und ich reagierte nicht. Das war der Ausl�ser. Eine Lappalie, wie so oft...
�Da kam mein Vater herein. W�tend schrie er mich an, sagte, ich solle endlich normal werden und mich nicht so anstellen. Ich sollte normal werden und mal an ihn und meine Familie denken. Ich schloss die Augen und h�rte weg... Da schlug er zu.�
Ich h�rte wie Simon mit den Kn�cheln knackte, Amber die Luft anhielt und David leise etwas fluchte.
�Ich wei� nicht, wie oft er zuschlug und wie oft ich sagte, er solle aufh�ren. Er tat es nicht. Er war so verzweifelt, so hilflos... Wusste nicht, was er tun sollte, wie er mir helfen k�nnte...� Ich atmete flach und ballte eine Faust so sehr, dass sich meine N�gel in den Handballen gruben. �Als er nicht stoppte, schlug ich zur�ck. Ich hatte keine Kontrolle �ber mich, wollte nur, dass es vorbei war.�
An jenem Abend brach ich meinem Vater zwei Rippen und das letzte Vertrauen zwischen uns.
Ich sp�rte, wie ich wieder stumm zu weinen begann.
�Ich ging fort in eine gr��ere Stadt und zog zu Leuten, die ich kaum kannte. Zu meinem eigenen Schutz verbarg ich meine Depressionen. Schnell stellte ich fest, dass niemand Fragen stellte, wenn ich lachte und gut gelaunt war. Damals begann ich meine Rolle zu lernen. Doch ich hatte keine Arbeit, nahm keine Medikamente mehr und litt t�glich an Depressionen. Es verging kein Wochenende ohne Ecstasy, da das einen ja total gl�cklich machen kann und ich genau das nur sein wollte... Gl�cklich und normal.�
Als n�chstes erw�hnte ich die kurzen, bedeutungslosen Beziehungen, welche ich in jener Zeit hatte. Liebe fand ich nicht, zumindest sah ich sie selber nicht. Aber ich brauchte k�rperliche N�he. Ber�hrungen konnten mich ablenken und vergessen lassen. Doch es waren keine Streicheleinheiten f�r die Seele...
�Yvonne?� Amber unterbrach und sah mich vorsichtig an. �Orlando hat Freitag etwas erw�hnt... Er meinte, du h�ttest eine Anzeige wegen K�rperverletzung bekommen.�
�Die Klage wurde fallengelassen�, schoss Simon hervor. �Das war ein Dreckskerl. Yvonne war damals mit einer Freundin unterwegs und die wurde von diesem Typen angemacht. Das M�del ging mit dem Kerl aus dem Club, damit sie sich in Ruhe unterhalten und beschnuppern konnten. Yvonne blieb zur�ck. Als ihre Freundin nicht wiederkam, machte sich Yvonne auf die Suche nach ihr.�
Ich nickte. �Ich fand sie unweit des Clubs in einer kleinen Seitenstra�e, wo er versuchte...� Ich konnte nicht weitersprechen. �Jedenfalls kam er nicht dazu. Solch eine Wut hatte ich noch nie in mir gesp�rt.�
�Yvonnes Freundin lie� die Klage wegen versuchter Vergewaltigung fallen und so entging sie der Anklage wegen K�rperverletzung�, erkl�rte David.
�Dann ist sie ja eine Heldin.� Ben strahlte mich an.
�Ja, mein weiblicher Robin Hood�, grinste Simon. Ich wusste, dass er mir mein damaliges Handeln hoch anrechnete.
�Nicht ganz. Ihm s�mtliche Knochen zu brechen hat ihr nicht gereicht. Die beiden nahmen gleich noch sein Geld und das Ecstasy mit, das er bei sich hatte.� David sah mich mit entt�uschten Blick an. Er erinnerte mich nicht gerne an das, aber wenn er es tat, dann gr�ndlich.
Wir schwiegen.
�Und dann?�, fragte Amber.
�Rachel holte mich raus.�
Was ich Amber und Ben nun berichten konnte, war das Herzlichste und Beste, was mir je geschehen war. Mit Siebzehn hatte mich mein Gro�vater aufgemuntert und mir die �Internationalen Sch�lerbegegnungen� finanziert. �Damit du mal auf andere Gedanken kommst�, hatte er gemeint. Und das war ich. �ber meine Gastgeberin hatte ich Rachel kennen gelernt. Wieso ich ihr vertraute, wei� ich bis heute nicht, aber zu bereuen habe ich in dieser Hinsicht nichts. Trotz der Entfernung entstand eine wunderbare Freundschaft und ich lie� sie an meinem Leben teilhaben, erz�hlte ihr gl�cklich von Sven und sp�ter auch von der Diagnose. Es schreckte sie nicht ab, wir blieben weiter in Kontakt, selbst als ich von Zuhause fortging. Rachel rief mich fast t�glich an als es mir so dreckig ging und �berlegte fieberhaft, wie sie mir helfen k�nnte. Hierbei war das Problem die Entfernung. Ich in Deutschland, sie in England.
Simon fuhr mit der Hand �ber die Tischplatte. �Ihr war klar, dass sie ihr auf diese Art nicht helfen konnte. Nachdem der Vorfall mit der versuchten Vergewaltigung gewesen war, Yvonne in Deutschland keine Arbeit hatte und wir bef�rchteten, dass sie ganz abfallen k�nnte, wusste Rachel, was sie tun konnte: Sie holte sie so oft es ging f�r mehrere Monate nach London�, sagte er. �Auf diese Weise lernten David und ich sie ebenfalls besser kennen. War sie dann nicht hier, sondern in Deutschland, arbeitete sie nicht, ging brav zur Therapie und lebte bei ihrem Gro�vater. Und der h�tete sie wie ein Juwel.�
�Du kannst eigentlich sagen, dass sie die letzten drei Jahre nicht gelebt hat.� David sah Amber ernst an. �Als sie so weit war, zog sie her. Das war im Sommer letzten Jahres.�
�Ich wei�, dass ich noch ganz am Anfang stehe, aber ohne meine Freunde h�tte ich es nie bis hierher geschafft�, sagte ich leise. �Ich startete ein neues Leben.�
�Nimmst du noch Medikamente und gehst du hier zur Therapie?�, wollte Ben wissen, der mich die ganze Zeit �ber mit �ngstlichen Augen be�ugte.
Ich sch�ttelte l�chelnd den Kopf. �Nein, bisher schaffte ich es hier ohne. Ich habe meine Vergangenheit hinter mir gelassen. Ich habe zwar noch Antidepressiva und wei�, dass ich sie eigentlich weiterhin nehmen sollte, aber ich m�chte nicht. Sie wirken so k�nstlich, dass ich jedes Mal bef�rchte, mich selbst zu verlieren.�
�Au�erdem kennen wir sie zu gut�, versicherte Simon. �Wenn uns etwas verd�chtig vorkommt, sind wir sofort zur Stelle.�
�Aber es geht dir jetzt gut?� Amber klang panisch und sah mich ebenso an.
�Ja, im Augenblick geht es mir gut. Na ja, ich lebe halt � im Moment noch.� Ich sp�rte die Blicke von David und Simon auf mir und sprach schnell weiter. �Aber ich sehne mich so. Ich sehne mich nach etwas Wahren. Noch immer kann ich nicht so lieben, wie ich gerne w�rde, weil ich einfach Angst vor mir habe. Ich will mir nicht immer nur Gedanken machen und nach einem Sinn suchen: Ich will einfach nur leben, lieben und lachen.�
�Oh Gott... Warum hast du es nie erz�hlt?�
�Es l�sst sich nicht erz�hlen, Amber. Man erlebt es.�
�Yvonne, eine Frage h�tte ich noch. Du musst nicht antworten, wenn es zu pers�nlich ist.� Ben sah mich sanft an. �Man h�rt immer, dass Depressionen zu Selbstmord f�hren... Und du sagtest gerade selber, dass du im Moment noch leben w�rdest...�
Seufzend antwortete ich. �Mit f�nfzehn habe ich mich mit der Rasierklinge meines Vaters geschnitten. Aber es tat verdammt weh! Nein, Todessehnsucht habe ich nicht mehr. Daf�r ist die Hoffung in mir viel zu gro�.�
�Welche Hoffnung?�
�Die Hoffnung, keine Angst mehr zu haben und zu f�hlen. Normal zu sein.�
Nicht nur Amber und Ben, sondern auch David und Simon atmeten erleichtert aus.

Das Gespr�ch war hilfreich gewesen, das wusste ich jetzt. Zwar w�rden Ben und Amber noch eine Weile ben�tigen, die neuen Tatsachen zu verdauen, aber sie w�rden zu mir stehen. Das hatten mir beide versichert und ich glaubte ihnen.
Die n�chsten Tage verbrachte ich mit arbeiten und studieren. Doch erlebte ich alles wie durch eine Glaswand. Als w�re ich getrennt vom Rest der Welt. Meine Freunde bewachten mich nahezu rund um die Uhr und zeigten sich etwas besorgt von meinem Verhalten. Allerdings wollten Rachel und David nicht sofort Alarmschlagen und mich mit Pillen zudr�hnen. Rachel meinte, die Zeit heile die Wunden .
Wenn ich nicht in der Uni oder bei der Arbeit war, wusste ich nichts mit mir anzufangen. Oft lag ich nur auf dem Bett und sah zu, wie es Nacht wurde. Es erstaunte mich, wie viele verschiedene Abstufungen und Farbschichten es von Dunkelheit am Himmel gab. Blau, gr�n, lila... Ich lag auf dem Bett und starrte zum Fenster hinaus in den Sternenhimmel. Unseren Himmel. Ein Himmel ganz ohne Wolken. Wir waren nicht von dieser, sich zu schnell drehenden Welt gewesen... Und nun war er fort. Wie lange w�rde ich warten m�ssen und w�rde er �berhaupt zur�ckkommen? Andr� sagte, ich solle ihm Zeit geben. Doch wie viel Zeit blieb mir? Wie viel Zeit war mir gegeben? W�rde ich lang genug mir selbst standhalten k�nnen? Zugegeben, ich hatte Angst. Was, wenn ich mit dieser Situation nicht fertig werden w�rde? Was, wenn es wieder losgehen w�rde? Ich hatte mein Leben wieder auf die Reihe bekommen, dann traf ich ihn und es erhielt sogar einen Sinn. Meine Gedanken kreisten und trugen mich in den Schlaf...

Ich drehte mich um und sah durch das Kirchenportal hinaus in den Tag. Strahlender Sonnenschein, Vogelgesang. Geblendet von dem hielt ich mir die Hand vor die Augen und drehte mich wieder um. Die Bankreihen waren gef�llt mit Menschen. Sie unterhielten sich ged�mpft leise miteinander. Niemand bemerkte mich. Ich sah zu den Mosaikfenstern, deren kaleidoskopartige Lichter kleine Regenbogen auf den Boden warfen. Ein Chor sang ein Gospellied. Ich legte den Kopf schief und h�rte einen Moment zu. Als ich glaubte, genug geh�rt zu haben, wollte ich gehen.
�Yvonne! Hier sind wir! Komm her!� Amber stand am anderen Ende des Ganges und winkte mir zu. Ich sah mich unschl�ssig um, lief dann aber doch den ganzen Mittelgang durch die Kirche und setzte mich neben sie. Wir sa�en in der vierten Reihe, ich direkt vor dem Altar. Der Chor ging in ein anderes Lied �ber, der Pfarrer erschien. Mit einemmal stoppten die Menschen ihre Unterhaltungen und einige der anwesenden Damen seufzten gl�cklich. Amber rutschte neben mir auf der Bank nach vorne und blickte l�chelnd nach hinten. Da auch ich wissen wollte, was geschah, lehnte ich mich �ber die Holzlehne und sah den Gang hinunter. Orlando und ein anderer junger Mann kamen mit eleganten Schritten den Gang entlang. Als sie an unserer Sitzreihe vorbeikamen, wandte Orlando sich mir zu und l�chelte. Ich sah ihm hinterher, wie er sich vor den Altar stellte. Sein Begleiter an seiner Seite. Die Musik wechselte und w�hrend die Leute nun mit Ahs und Ohs nach hinten blickten, blieben meine Augen an Orlando haften. F�r einen kurzen Moment schob sich etwas Wei�es zwischen ihn und mich, dann konnte ich ihn wieder sehen. Er l�chelte sein sch�nstes L�cheln und mir wurde ganz warm ums Herz. Doch sein L�cheln galt nicht mir. Orlando gab jemandem die Hand und der Pfarrer legte die seine �ber die beiden anderen und begann von der Bedeutung der Liebe zu sprechen. Ich beugte mich wieder an der Lehne vorbei um besser sehen zu k�nnen. Was ging denn da ab? Was tat er da? Und vor allem: Mit wem? Ich konnte das Gesicht des M�dchens nicht sehen, da sie einen Schleier trug. Meine Eingeweide zogen sich in mir zusammen. Der Pfarrer hielt seine Rede. Ich sa� da und starrte Orlando an. Die Frauen hielten verkrampft ihre Taschent�cher parat und die M�nner blickten in Ehrfurcht nach vorne. Irgendwann h�rte ich den Pfarrer sagen: �... so m�ge er jetzt sprechen oder f�r immer schweigen.� Es blieb ruhig und der Pfarrer wollte fortfahren, doch da sprang ich auf.
�Nein!�, schrie ich. �Nein! Ich sollte da mit dir stehen!�
Ich sp�rte die Blicke aller anderen auf mir. Auch Orlando sah mich aus seinen braunen Augen an.
�Du wei�t, dass ich es sein sollte! Wie kannst du mir das antun?�
Ein Raunen ging durch die Kirche und Orlando wurde unruhig, sah mich aber weiterhin an.
�Du hast mir ein Versprechen gegeben! Du hast versprochen mir nicht das Herz zu brechen!� Mit klammen Beinen trat ich auf den Mittelgang. �Und jetzt stehst du hier und sagst �ich will� und h�ltst die Hand einer anderen, obwohl du wei�t, dass es ich sein sollte!� Ich stampfte mit dem Fu� auf und sah die anderen Menschen an. �Ich sollte es sein! Ich und keine andere! K�nnte jemand bitte die Polizei rufen? Diese Frau ist eine Schwindlerin.�
Niemand rief die Polizei. Stattdessen kamen einige gesichtslose Gestalten und zogen mich aus der Kirche. W�hrend ich mich fuchtelnd dagegen wehrte, ging die Trauung weiter. So, als w�re nichts passiert, als h�tte es mich nie gegeben...

Ich fuhr senkrecht in die H�he und atmete tief durch. Dann sah ich mich in meinem Zimmer um. Ein Blick auf den Wecker sagte mir, dass die Nacht bereits wieder vergangen war. Ein neuer Tag. Ein weiterer Tag ohne ihn. Ich dachte zur�ck an diesen eigenartigen Traum und sch�ttelte schaudernd den Nacken. Unheimlich... Vielleicht sollte ich Rachel mal davon erz�hlen. Immerhin besa� sie ein Buch �ber Traumdeutung. Oder besser nicht. Zu meinem Gl�ck bedeutete dieser Traum nichts Gutes. Na super! Was gibt es sch�neres, als solch einen deprimierenden Traum zum Geburtstag? 18. Juni, kannst du nicht einmal ausfallen?
Gratulieren tat mir niemand. David und Simon waren bereits au�er Haus als ich aufstand. Timothy, Matt und Bradley hingegen sangen mir ein St�ndchen auf dem Unirasen. Unweit der Stelle, wo Orlando gegangen war. Auch Jessica gratulierte mir, behielt dabei aber eine gewisse Distanz. Nach den Vorlesungen verabschiedete ich mich von den anderen und versprach, dass man sich sp�ter bei uns sehen w�rde. Geburtstage auf dem Dach des Backsteinhauses zu feiern, war schon seit etlichen Jahren Tradition. Ich weihte die Partymonate im Juni ein, dann folgte Simon im Juli und Rachel im September. David hatte weniger Gl�ck, erblickte er das Licht der Welt doch im Januar. Da ich die letzten Tage l�nger gearbeitet hatte, entlie� mich Ed heute bereits um f�nf Uhr nachmittags und w�nschte mir eine sch�ne Feier. Ich wusste, dass ich eigentlich nach Hause sollte, da Rachel dort sicherlich wie eine Irre Kuchen und Salate produzieren w�rde, aber mein Herz hie� mich an, etwas anderes zu tun.

Ich fuhr nach Notting Hill. Der Sicherheitsangestellte l�chelte mir zu als ich an ihm vorbei zum Treppenhaus lief. Ich wollte den Aufzug nicht benutzen und nahm die Treppen bis in die Etage, in der Orlando seine Wohnung hatte. Als ich das Apartment betrat, zog es mich in eine andere Welt. Sacht schob ich die T�r zu und ging in den Salon. Es sah aus wie immer. Meine B�cher und einige CDs lagen auf dem Couchtisch. Ich schritt Richtung Schlafzimmer. Seine Bettseite war zerw�hlt, auf dem Kopfkissen lag einer meiner Seidenschals. Den hatte ich dort aber nicht zur�ckgelassen, da war ich mir sicher. Ich sah mich weiter um. Meine Schuhe hatte er ordentlich aneinander gereiht. Krampfartig zog es mein Herz zusammen. Ich sammelte die Klamotten ein und nahm die Schuhe auf. Meine Reisetasche, in welcher ich das ganze Zeug nach und nach hierher gebracht hatte, stand auf der anderen Seite des Bettes. Ich machte mir nicht die M�he, alles ordentlich einzupacken und stopfte es lediglich in die Tasche. Bevor ich das Zimmer verlie�, strich ich noch einmal mit der Hand �ber das Kopfkissen, packte einen Zipfel des blauen Seidenschals, lie� ihn aber dann doch dort, lie� ihn als Andenken an mich zur�ck. Ich ging in das Badezimmer. Dort hatte ich eindeutig weniger zu tun. Hatten wir doch bis auf die Zahnb�rsten und Rasierklingen alles geteilt. So packte ich das meinige ebenfalls in die Tasche und ging zur�ck in den Salon. In der K�che w�rde ich nichts finden au�er meinen Joghurts; und die waren sicher schon seit Tagen abgelaufen. Anstandshalber sollte ich sie ja mitnehmen... Orlando brauchte gewiss keine ungenie�baren Molkereiprodukte. Also holte ich sie. Danach war der Salon dran. Ich ging rasch und lahm zugleich. Energisch schob ich CDs und B�cher zwischen die Klamotten. Das Telefon lag auf der Couch. Ich hob es auf um es auf die Basisstation zu legen. Da fiel mein Blick auf ein Buch, das neben dem Telefon gelegen hatte. Anthology of English and American Poetry. Mein Buch. Seufzend wollte ich es zu den anderen B�chern in die Tasche stecken als mir ein St�ck Papier auffiel, das zwischen den Seiten klemmte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass dies von mir war. Neugierig legte ich das Telefon beiseite und setzte mich auf die Couch, um den Zettel zu untersuchen. Ich fuhr mit dem Finger an der Seitenkante entlang und �ffnete das Buch. Ich nahm das Papier heraus und besah die Gedichte: �She walks in beauty� und �When we two parted�. Das Gedicht von Byron, das mir so gefiel! Ich hatte diese Seiten aber nicht markiert. Konnte es sein, dass Orlando es gelesen hatte? Dass er es gefunden hatte? Meine H�nde zitterten vor Aufregung. War das m�glich? Nun fiel mein Blick auf das St�ck Papier. Ich faltete es auf und dann las ich es: Tiger-Lily. Es war eindeutig seine Handschrift. Tr�nen stiegen mir in den Augen auf und ich stellte mir vor, wie er hier gesessen hatte. Er hatte an mich gedacht, das Buch gelesen, das Telefon geh�rt, aber nicht mit mir sprechen k�nnen. Ich wischte mir �ber die Augen, legte das Papier auf den Tisch und stand ruckartig auf.
�Du musst hier raus�, sagte ich mir selber. Ich warf das Buch in die Tasche, packte diese und brachte das Telefon zur Station. Der Anrufbeantworter blinkte und ich machte mich auf den Weg zur T�r. Ehe ich diese erreichte, war mir, als streife mich ein frischer Windhauch. Ich blieb in dieser Illusion stehen und schloss die Augen. Genau an jener Stelle war ich einst ebenso mit geschlossen Augen stehen geblieben. Ich konnte Orlandos Atem in meinem Nacken sp�ren.
�Geh nicht�, h�rte ich ihn fl�stern. �Ich m�chte nicht, dass du schon gehst.�
Ich konnte seine K�sse beinahe sp�ren, die W�rme seiner Zunge f�hlen. So hatte er mich aufgehalten als ich wegen ihm die ersten Vorlesungen sausen lie�. Ich war schon fast zur T�r drau�en gewesen, als er sich lautlos angeschlichen und mir von hinten die Arme um den K�rper gelegt hatte. Wie oft hatte sich dieses Spiel wiederholt? Er liebte es, sich mir von hinten zu n�hern, seine Arme um meine Taille zu schlingen, mich zu halten. Dann schob er sein Gesicht �ber meine Schulter und k�sste mich auf den Mundwinkel. K�sste mich weiter, bis ich mich in seiner Umarmung zu ihm drehte und er mit mir tun konnte, was wir beide wollten. Wieder schauderte ich. Ich �ffnete die Augen. Der Moment war weg, aber er lag noch sp�rbar in der Luft. Ich strich mir mit der Hand die Haare aus dem Gesicht und ging zu der Kommode neben der T�r. Dort griff ich in die Tasche meiner Jeansjacke. Klein, fest und schwer f�hlte ich ihn. Ich zog die Hand heraus und der silberne Schl�ssel lag verloren in meiner Handfl�che. Mein Leben lag darin. W�rde ich den Schl�ssel zur�cklassen, w�rde ich ihn verlassen. Ich schloss die Finger um den Schl�ssel, drehte mich um und sprach leise in den Raum.
�Verzeih mir, aber ich kann nicht. Nicht, so lange ich noch zu hoffen wage. Ich werde warten.�
Mit diesen Worten lie� ich den Schl�ssel wieder in die Tasche gleiten und ging aus dem Apartment.

Zuhause empfing mich eine leere Wohnung. Ich r�umte die Tasche aus, entsorgte den Joghurt und setzte mich dann in den Salon. Mein erster Geburtstag als Bewohnerin Londons. Kein Gastgeburtstag. Auf dem Tisch lag ein einzelner Brief an mich. Breitl�chelnd zog ich die Karte aus dem Umschlag. Mein Gro�vater. Zulange hatte ich mich nicht mehr bei ihm gemeldet. M�rz hatte ich einen Brief geschrieben, aber seither... Seufzend beschloss ich, ihm am Wochenende anzurufen. Ich dachte wieder an Orlando. Ich hatte diesen Geburtstag mit ihm erleben wollen. Wie rasch sich die Dinge �ndern.
Um sieben Uhr war ich dann soweit. Ich lie� die Jeansjacke an der Garderobe h�ngen und schnappte mir den Strickmantel, falls es abk�hlte. Ich stieg die Treppen zum Dachgeschoss hinauf und ging durch die schwere Eisent�r.
�Happy Birthday!� Simon hatte mich zuerst bemerkt und kam mir freudestrahlend entgegen. Er nahm mein Gesicht in beide H�nde, k�sste mich auf Wangen und Stirn und knuffte mich zum Abschluss in die Seite. Dann zog er mich zu den anderen. W�hrend K�sse und Gl�ckw�nsche auf mich niederprasselten, begutachtete ich das Buffet, das Rachel gezaubert hatte und dr�ckte sie daf�r umso mehr. David und Simon hatten die Gartenm�bel aufgestellt und �berall kleine Lampions aufgeh�ngt. Au�erdem hatte Simon eigens f�r mich die Stereoanlage in seinem Zimmer abgebaut, um uns �ber den D�chern Londons mit Musik versorgen zu k�nnen. Timothy verk�ndete, dass ich meine Geschenke erhalten w�rde, wenn alle eingetroffen w�ren. Ich brummelte. Geschenke wollte ich keine. Schon w�hrend der letzten Tage hatte ich allen gesagt, wenn sie mir unbedingt etwas schenken wollen, dann sollen sie mich finanziell unterst�tzen. Wir setzten und unterhielten uns. Dave k�mpfte mit dem Grill, seine Kinder um ihn herum. Amber und Ben kamen zusammen, weil sie die Sp�tschicht im Laden gehabt hatten. Amber entschuldigte �berdies Eric und die anderen. Da es sich um einen Wochentag handelte und die meisten arbeiten mussten, wollten sie Samstag mit mir nachfeiern. War vielleicht auch ganz gut so. Ich bezweifelte n�mlich, dass Rachel, Charlene oder David mit Trishas und Constance� Art zurechtkommen w�rden. Nein, lieber zwei Feiern. Erst Familie, dann Freunde. Kate erschien ohne Raffael, da dieser momentan auf Gesch�ftsreise war. Als wir vollz�hlig waren, bekam ich von allen Seiten Geschenke unter die Nase gehoben. Widerwillig begann ich mit dem Auspacken.
�Oh, das ist sicher von Rachel�, lachte ich und befreite ein Buch aus seinem Papier. �F�nf leichte Schritte um eine Hexe zu werden. Der Titel gef�llt mir.�
�Da ist sogar ein Liebeszauber drin�, l�chelte Rachel verschw�rerisch. �Beim n�chsten Mal geht sicher nichts schief.�
Ich entgegnete ihrem L�cheln und klappte das Buch auf. Dort stie� ich auf einige Geldscheine.
�Ist nicht sehr einfallsreich, ich wei�.� Dave sah mir �ber die Schulter. �Aber du sagtest ja, dass du Geld am ehesten brauchen w�rdest.�
Ich erhielt weitere Kleinigkeiten von Judy und Kate. Mike gab mir einen Umschlag mit dem erw�nschten Geldgeschenk. Charlene schenkte mir ein Diktierger�t und betonte, dass jeder Schriftsteller oder Journalist so etwas brauchen w�rde. Bradley und Matt hatten zusammengelegt und mir einen Gutschein f�r ein Doc Martens Schuhpaar �bergeben. Von Timothy und Richy bekam ich ein Wellnesswochenende mit Farb- und Typberatung, vorausgesetzt ich w�rde die beiden mitnehmen. Au�erdem zog Tim den Betrag f�r die Schuhe von meinen Schulden bei ihm ab. Amber hatte einen Gutschein gebastelt, welcher besagte, dass sie mir etwas schneidern w�rde. Ben gab mir ein P�ckchen, das sich stark nach Buch anf�hlte.
�Wehe da ist jetzt so etwas wie Dale Carnegies �Sorge dich nicht, lebe!� drin�, drohte ich ihm und fummelte das Papier beiseite.
Er l�chelte und sah zu, wie ich statt eines Buches zwei DVD-Filme in den H�nden hielt.
�Hey, �Bridget� und �Teuflisch��, strahlte ich vergn�gt.
�Vielleicht k�nnen wir die einmal zusammen schauen?�, fragte Ben und l�chelte sch�chtern. Ich nickte strahlend.
�Oh weh. Zwei Weiberfilme�, st�hnte Simon. �Hier, jetzt pack das von mir aus.�
Er reichte mir ein phantasievoll verpacktes Etwas und ich tastete erst mal ratlos darauf herum.
�Warum habe ich ein ungutes Gef�hl?�
Simon grinste. �Brauchst du nicht. Ist ganz harmlos.�
Erneut l�ste ich Papier und hob dann mit ger�teten Wangen einen Tanga in die Luft. �Oh Simon!�
�Damit du nicht immer nackt durch die Wohnung laufen musst�, lachte er und auch die anderen sch�kerten �ber das bisschen Stoff. �Das ist aber noch nicht alles.�
�Fein... Der passende BH. Und sogar meine Gr��e... Wow, das schaffen die wenigsten M�nner.�
�Ja, lesen kann ich. Ich habe mir einfach eine Inspiration in deinem Kleiderschrank geholt.� Simon beklopfte sich selbst die Schulter.
�Danke, Simon, das kann ich gut gebrauchen. Zumal ich mich wohl in meinem Leben nie wieder einem Mann nackt pr�sentieren werde.�
�Ach Muffin, irgendwann wird das schon von Nutzem sein�, scherzte Timothy.
Ich nickte und sah l�chelnd auf die Garnitur. Ja, das wird sie sicher. Sobald Orlando zur�ckkommt...
�Okay, weitere Geschenke?�, fragte ich in die Runde und Simon schob mir ein rechteckiges Paket zu.
�Mach das auf. Ich will wissen, was es ist�, quengelte er. �Das ist von David und mir, aber er wollte mir nicht sagen, was es ist. Nun mach schon auf!�
Ich grinste auf das Paket. �Das wei� ich schon.�
�Ehrlich?� Simon sah mich verbl�fft an.
�Ja. Mein Wasserkocher.� Ich warf David, der am anderen Ende des Tisches sa�, einen Blick zu und machte mich ans Auspacken.
�Auch noch in blau!�, lachte Rachel als ich das Ger�t in den H�nden hielt. �Jetzt m�sst ihr die K�che aber passend streichen!�
�Ja, vielleicht werde ich noch zu ner Superhausfrau. Adieu Mikrowelle, welcome Cappuccino und Tee in ordentlichem Geschmack�, witzelte ich zur�ck. �Mit so nem Ding kann man sogar T�tensuppen machen.�
Ich klappte den Deckel auf und sah in die Kanne hinein. Sie war nicht leer. Ich zog eine Karte heraus. Sie war von meinen beiden Mitbewohnern und beinhaltete au�er einigen Pfundnoten auch einige nette Zeilen, bei denen ich mir sicher war, dass sie von David stammten:

Warum schweifst du in die Ferne und siehst nicht, wo du bist?
Du besitzt nicht viel, doch du hast das Leben.
�ffne die Augen und seh�, wer um dich ist;
Sie werden dir Kraft und Hoffnung geben.
Geh deinen Weg, dreh dich nicht um,
was hast du schon zu verlieren?
Was war, das liegt zur�ck, leg ab dein Missgeschick,
Sonst wirst du in deiner Einsamkeit erfrieren.


Erneut an diesem Tag stiegen mir Tr�nen auf. Ich las das Gedicht nicht vor, sondern erkl�rte den anderen, dass ich einfach total ger�hrt w�re. Ger�hrt, weil sie alle da waren. Und das stimmte auch. Nach den Geschenken begann die eigentliche Geburtstagsfeier. Es wurde weiter gegessen, getrunken und Simon versuchte sich als Disc-Jockey. Erst qu�lte er uns mit Rap und mit einemmal legte er eine Karaoke-CD ein. Sofort umzingelten ihn Joey und Demelza, da sie uns unbedingt etwas vorsingen wollten, doch er wimmelte sie ab wie zwei l�stige Fliegen. Sie nicht beachtend, machte er den Ton leise und bat um Aufmerksamkeit. Ich wollte eigentlich bereits in diesem Moment fl�chten, doch Rachel stand hinter mir und hielt mich an den Schultern fest.
�Jetzt ist mein Traumm�del schon 24 Jahre alt und wenn ich sehe, was aus ihr geworden ist, hegen sich in mir gleich wieder perverse Gedanken.� Simon grinste mich an. �Ich pers�nlich m�chte sie heute nicht als das sehen, was wir seit Jahren kennen. N�mlich nicht als s��en Muffin mit Schokoladenseite, nein, heute sehe ich eine junge Frau vor mir, die wahrlich Klasse hat!�
Ich err�tete, schlug vor Scham die H�nde vors Gesicht und meine Freunde pfiffen und applaudierten zu Simons kleiner Ansprache.
�Okay, Yvonne...� Simon betonte meinen Namen kr�ftig. �Ich tu das nur f�r dich.�
Er drehte den Lautst�rkeregler und begann zu singen:
�Well she's all you'd ever want, she's the kind I'd like to flaunt
And take to dinner
And she always knows her place, she's got style, she's got grace
She's a winner
She's a lady - woah, woah, woah
She's a lady
Talkin' about her, little lady
And the lady is mine�

Die anderen jubelten und schrieen etwas von Simon �The Tiger� Cole. Ich stand da und lachte, grinste und lebte einfach nur diesen Moment. Morgen wird es wieder anders sein, dachte ich mir, aber noch war morgen weit weg. Der Abend geh�rte mir und meinen Freunden. Simon kam auf mich zu und forderte mich mit schiefen Gesang zum Tanz auf. Aus Spa� lie� ich mich darauf ein und er f�hrte mich zu den restlichen Strophen durch das Lied. Als dieses endete, legte er mir die Arme und den Hals, k�sste mein Ohr und fl�sterte mir etwas zu, das leider im Applaus und Gejauchze der anderen unterging. Er sah mir noch einen Moment in die Augen und huschte dann wieder zu seiner Anlage und den CDs.
Vorerst entkam ich weiteren T�nzen, doch bald musste ich meinem Stand als Ehrenperson nachkommen und ein wenig zu der Musik herumhoppeln. Schwierig war es nicht, da Simon ein gutes Lied nach dem anderen spielte. Bei einem flippte ich nahezu total aus. Angetrunken, bl�dtanzend und singend reihten Tim, Richy, Simon, Matt, Bradley, Mike und ich uns auf, w�hrend die anderen uns irritiert ansahen. Wild Cherry. Cooler Funk, der einfach f�r gute Laune sorgt.
�Yeah they were dancing and singing and moving to the groove and
and just when it hit me somebody turned around and shouted
Play that funky music white boy � play that funky music right
Play that funky music white boy � play down the boogie and
Play that funky music till you die�

Irgendwann w�hrend dieser Session tauchten auch Jessica, Aaron und Tom auf. Ich regte mich nicht dar�ber auf, dass Jess hier war. Sie hatte Orlando schlie�lich auch nicht. Ich �ffnete ihr Geschenk nicht und wir gr��ten einander etwas befangen. Na ja, vielleicht eines Tages. Aber nicht in naher Zukunft. Jess wusste dies auch und hielt sich den Rest des Abends meistens bei Bradley auf, der dar�ber nicht gerade ungl�cklich wirkte. Tom flirtete wieder auf nette Weise mit mir und ich feixte ein bisschen mit. Ich hatte auch alle M�he, mich immer wieder mal bei allen meinen Freunden aufzuhalten. Ben tat sich ein wenig schwer und mir dadurch leid. Er f�hlte sich deplaziert. Zwar kannte er Aaron und David, aber die beiden waren seine Chefs, weshalb er die N�he von Simon, Amber oder mir suchte.
Es gelang mir, mich einmal davonzuschleichen. Ich lief zum anderen Ende des Daches, hielt meinen Abstand zur Ummauerung und sah in die Nacht. Gedankenverloren. Schwarz. Angst. Sehnsucht. Wo bist du?
�Muff?�
Ich fuhr herum. David war mal wieder ger�uschlos an mich herangetreten.
�Hey du. Wieso feierst du nicht?�
�Es ist dein Geburtstag�, antwortete er. �Wenigstens scheinst du bei Laune zu sein.�
�Ich versuche es.�
�Du verdr�ngst es.�
�Oder so.� Ich zuckte mit den Achseln.
�Du musst mir etwas versprechen.�
�Ja?�
�Sprich mit mir, h�rst du?� Er sah mich nicht an, sondern blickte in den Sternenhimmel. �Momentan schwirrt mir soviel im Kopf herum. Es ist also m�glich, dass ich nicht alles mitbekomme.�
Ich nickte.
�Du sagst es mir also, wenn du es nicht schaffst?�
�Wenn nicht dir, wem dann?�
Diesmal nickte er, dann sah er wieder zu den anderen hin�ber. Ich folgte seinem Blick und sah, wie diese geradezu �ber das Dach tobten. Doch, der Geburtstag war ganz nett. Fast so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Fast. Orlando...
�Ach, ich habe hier noch etwas f�r dich.� David dr�ckte mir ein kleines P�ckchen in die Hand.
�Was ist das?�, fragte ich.
�Mein Geschenk an dich.�
Erstaunt sah ich auf. �Aber du hast mir doch schon etwas gegeben.�
�Glaubst du wirklich, du bist mir lediglich nen Wasserkocher wert?� Er l�chelte mich an.
�Ach David...�
�Na los, mach schon auf�, forderte er mich auf.
Ich sch�ttelte l�chelnd den Kopf und l�ste die kleine Schleife. Als ich das Silberpapier entfernt hatte, stie� ich auf eine schwarze Schatulle. Ein Schmuckst�ck.
�David�, sagte ich.
�Freu dich blo� nicht zu fr�h. Noch wei�t du nicht, was drin ist.� Erwartungsvoll blickte er mich an und ich legte das Papier beiseite und klappte die Schatulle auf.
Es war ein Ring. Ein Silberring. Behutsam, als w�re er aus Glas, holte ich ihn mit Daumen und Zeigefinger aus seiner Halterung, um ihn genauer zu betrachten. Er war nicht mit kostbaren Steinen verziert, sondern wies ein von zwei H�nden umspanntes Herz mit einer Krone auf.
�Das ist ein Claddagh-Ring�, erkl�rte David. �Sie stammen urspr�nglich aus Gaillimh, Galway. Die Originale sind noch immer nur dort zu bekommen.�
Ich drehte und wendete das Schmuckst�ck, besah es von allen Seiten. �Und das ist ein echt irischer Ring?�
Er nickte. �Ja, der kommt aus einer Schmiede in Galway.�
�Hat er eine Bedeutung? Wegen dem Herz, die H�nde...�
�Das Herz bedeutet Liebe, die H�nde symbolisieren Freundschaft, die Krone steht f�r Treue.� Er lachte leise auf, sprach dann weiter. �Au�erdem hat er noch einen anderen Nutzen. Darf ich?� Er nahm mir mit der einen Hand den Ring ab und fasste mit der anderen unter meine Finger, um meine rechte Hand nach oben zu f�hren. �Wenn du ihn mit der Spitze des Herzen zu dir zeigend tr�gst, bedeutet es, dass du vergeben bist. Zeigt die Spitze allerdings von deinem K�rper weg�, er streifte in mir genau so �ber den Finger, �dann sagte er aus, dass du noch frei bist, wie ein Vogel in der Luft.� Er hielt noch immer meine Hand mit seiner und blickte l�chelnd auf mich herunter. �Trage ihn nur nicht an der linken Hand. Das bedeutet n�mlich, dass du bereits verlobt bist und nichts mehr zu machen ist.�
Ich lachte ger�hrt auf. �Das ist... Er ist sch�n. Danke, David.�
Im Deckel der Schatulle war ein St�ck Papier. Ich nahm es heraus, faltete es auf. Es war ein Gedicht. Ehe ich zu lesen begann, sprach David es leise vor sich hin, w�hrend er wieder �ber die Stadt blickte.
�With this crown I give my loyalty
With these hands I offer my service
With this heart I give you mine
Always and ever, my love ever true
Always and ever shall be my love for you
Gra, dilseacht agus cairdeas
In love and friendship let us reign.�

Meine Augen weilten noch immer auf den Zeilen als Davids Stimme l�ngst verklungen war.
�Fang blo� nicht an zu weinen.�
�Das ist so wundersch�n...�, l�chelte ich. �Ein Ringgedicht.�
�Ja, aber das ist schon �lter als das von Tolkien.�
�Das hier ist auch sch�ner.� Ich las den Rest des Papiers durch. �Hier steht, dass der Ring eine wahre Geschichte hat. Mittelerde hingegen ist frei erfunden und das ist auch gut so.�
�Und weshalb?�, fragte David.
�Wenn es Mittelerde einst wirklich gegeben h�tte, dann h�tten wir Menschen versagt.�
David runzelte die Stirn.
�Na, keine Elben mehr weit und breit. Keine Zwerge oder Hobbits...� Ich seufzte und dann schwiegen wir beide in Gedanken wieder in die Nacht.
�Wo hast du ihn her?� Ich deutete auf den Ring. �Ich meine, wenn er aus Irland kommt.�
�Chiar�n. Ich beauftragte ihn an der Hochzeit, mir einen zu besorgen.�
�Oh, ertappt! Dann kommt er aber aus Dublin, und nicht aus Galway.�
�Wieso?�
�Weil dein Cousin in Dublin studiert.�
�Aber meine Gro�eltern wohnen bei Galway. Chiar�n besucht sie so oft es geht.�
Ich sah nachdenklich weiter auf den Ring an meiner Hand. Ich wagte gar nicht daran zu denken, wie viel er wohl gekostet hatte. Dabei h�tte mir David gar nichts schenken brauchen. Ich schuldete ihm Geld und sorgte st�ndig f�r Sorgen und Kummer. Nein, ich hatte das nicht verdient. Es war mir peinlich, unter diesen Umst�nden von ihm ein Geschenk zu erhalten. Eigentlich hatte ich nichts von dem hier verdient. Nicht diese Party, nicht diese Freunde. Nie konnte ich ihnen ernsthaft helfen, daf�r war mein eigenes Leben zu kompliziert. Doch sie hielten zu mir, waren immer f�r mich da. Auch wenn sie sich in diesem Moment blamierten und versuchten, zu einem alten Sommerhit zu tanzen. Ich l�chelte kurz bei dem Anblick und verfiel dann in ein unangenehmes Schweigen. David stie� mich mit dem Ellenbogen an.
�Hey, was ist los?�
�Nichts, ich dachte nur...�
�Was?�
Ich verschob die Gedanken. Ich w�rde mich revanchieren, das wusste ich. �Ich dachte nur...� Grinsend sah ich zu ihm auf, stellte mich in Pose, r�usperte mich und zitierte die ber�hmte Aragorn/Arwen-Szene: �Das kannst du mir nicht schenken.�
David bemerkte meinen gespielten Blick. �Denk ja nicht, dass ich darauf eingehe. Und jetzt komm, ich will mit dir den Macarena tanzen.� 1
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