�Das ist falsch.�
Amber strich eine ihrer Haarstr�hnen hinter ihr linkes Ohr und sah mich �berrascht an.
�Das ist die Rechnung. Du brauchst den Lieferschein.�, erkl�rte ich.
�Oh... Stimmt.� Sie nahm das Papier, das vor ihr auf dem Schreibtisch lag, auf und tauschte es gegen ein anderes ein. �Das hier?�
�Ja, genau. Diese Firma ist bescheuert. Da sehen alle Schreiben gleich aus.� Aufmunternd l�chelte ich sie an.
�Das stimmt.�, seufzte sie.
�Aber soweit kommst du zurecht, oder?�
�Ja ja. Mach dir da mal keine Sorgen. Aaron ist voll drollig. Den kann ich in jedem Bereich zehnmal etwas fragen und er erkl�rt mir alles noch mal, ohne zu murren. Wobei er manchmal selber nicht so recht zu wissen scheint, wie das alles eigentlich l�uft.�
�Ja, Aaron macht lieber nen gro�en Bogen um den Papierkram.�
Amber schrieb weiter und ich blickte durch die Glastrennwand ins Lager, wo David gerade mit einem Galeriebesitzer einige Bilder durchging. Ich trommelte mit den Schuhen gleichm��ig gegen das Holz des Schreibtisches, auf welchem ich sa� und schloss f�r einen Moment die Augen.
�Na, du scheinst dich ja m�chtig zu freuen.�, lachte Amber neben mir.
Ich �ffnete die Augen und sah sie an. �Wie du meinen?�
�H�r mal, du gehst auf eine Hochzeit! Zwei Menschen werden vor Gott geloben, sich auf Immer und Ewig zu lieben und du machst ein Gesicht, als handle es sich um eine Beerdigung.�
�So kommt es mir auch vor. Wie meine eigene.� Ich zog das Gesicht zu einer Grimasse und grinste.
�Hast du deine beiden Freundinnen seither nicht wieder gesehen?�, fragte Amber vorsichtig.
Ich sch�ttelte den Kopf und erinnerte mich an unsere Begegnung mit Rachel und Charlene. �Wahrscheinlich werde ich heute Abend, wenn nicht sp�testens morgen, gelyncht. Bin ja auch zu bl�d, mich in die H�hle des L�wen zu begeben.�
�Hast du nicht mit den anderen �ber den Vorfall gesprochen?� Mit einem Kopfnicken deutete sie auf David, der noch immer Bilder an den Galeristen verkaufte.
�Nein, wie denn? Amber, ich wohne zwar mit Simon und David zusammen, aber Rachel ist ihre Schwester und im Zweifel ist Blut dicker als Wasser. Au�erdem halten die beiden von Orlando auch nicht sonderlich viel, weshalb sie Rachel mit Sicherheit Recht geben w�rden. Nee, ich zog es vor, nichts von der �netten� Unterhaltung zu erw�hnen.�
Amber biss sich auf die Unterlippe und blickte noch immer nachdenklich zu David. �Beschissene Situation.�
�Das kannst du laut sagen. Am liebsten w�rde ich gar nicht gehen. Zumindest nicht...� Ich brach ab und seufzte erneut.
�Zumindest nicht allein?�, fragte Amber und sah nun wieder zu mir.
�Ach, wenn er nur hier w�re... Es w�rde alles viel leichter machen.�
�Gedulde dich noch ein bisschen, Yvonne. Er kommt wieder und ich bin mir sicher, dass er dann klare Verh�ltnisse schaffen wird.�
�Oh ja! Er kommt auf einem wei�en Ross angaloppiert, springt elegant zu Boden und rei�t dich an sich und wird sagen: Yvonne, wenn du mich brauchst, ruf mich. Ganz egal, wo du bist. Ganz egal, wie weit weg. Rufe einfach meinen Namen und ich komme in Eile!�
Wir sahen auf und erblickten einen fr�hlich grinsenden Timothy.
�Klingt hervorragend, Tim. Wo hast du das geklaut?�, lachte ich ihm zu.
�Nirgends... Eigenkreation.�
�Ach ja?�
�Na gut, es ist von Diana Ross.�
�Wusste ich es doch.�
�Wo ist Richy?� Amber lehnte sich im Stuhl zur�ck und g�hnte m�de.
�Er kommt sp�ter per Zug nach. Gegen neun Uhr hole ich ihn am Bahnhof von Cambridge ab.� Tim schnappte sich den zweiten B�rostuhl und lie� sich darauf nieder. �Und wo ist der Rest der Truppe?�, wandte er sich an mich.
�Simon m�sste jeden Moment kommen. Jedenfalls sagten wir ihm, dass wir um drei Uhr los wollen.�, sagte ich lahm. �Er hatte Nachtschicht im Krankenhaus.�
�Arme Socke... Dann hat er noch zehn Minuten.�
Ich glitt ger�uschvoll vom Schreibtisch und ging dann ziellos im B�ro umher. Die Hochzeit, auf die ich mich einst gefreut hatte, entwickelte sich immer mehr zum H�llentrip. Ich versp�rte nicht die geringste Lust, mich mit Rachel und Charlene in einem Raum aufzuhalten und mir wieder Geh�ssigkeiten anh�ren zu m�ssen. Nein, darauf konnte ich verzichten. Viel lieber w�rde ich heute... Ach, Orlando, warum nur? Hinter mir unterhielten sich Tim und Amber lachend und ich war in Gedanken soweit fort. Ich lehnte mich an den T�rrahmen und durchblickte das Lager. David war verschwunden. Ich schloss die Augen und lauschte tief in mich. Suchte in mir nach Orlandos Stimme, erinnerte mich an das letzte Gespr�ch. Eine G�nsehaut ergriff mich und ich l�chelte vor mich hin.
�Erde an Muffin! Hallo!?�
Ich schrak auf und drehte mich um. Amber und Tim blickten mich beide an und begannen zu lachen.
�Was denn mit dir los?�, fragte Amber.
�Nichts weiter.�, knurrte ich �rgerlich und mit roten Kopf, da ich wusste, dass sie wussten, an wen ich gerade gedacht hatte. Und das war mir peinlich. Ich wollte schlie�lich nicht wie ein naiver Teenager wirken.
�Liebeskummer?� Tim sah mich grinsend an.
�Nein, definitiv kein Liebeskummer. F�r Liebeskummer m�sste ich ungl�cklich verliebt sein, aber das bin ich nicht.�, erkl�rte ich und lief dabei wieder im Raum auf und ab.
�Was denn dann los?� Tim stellte sich mehr als bl�d.
�Was wohl? Frauenpsychose!� Simon kam ins B�ro und warf seine Reisetasche ins Eck zu meiner. �Das ist normal, Tim. Bei Hochzeiten drehen die Weiber immer durch und geraten in Panik, dass sie nie einen Kerl abkriegen werden.�
�Du musst es ja wissen.�, keifte ich ihn an.
�Wieso bist du dann so mies gelaunt?�
�Weil er nicht hier ist! Das ist alles! Ich hasse einfach Hochzeiten, Geburtstage oder was auch immer, wenn man dort alleine antanzen muss. Und auf Hochzeiten erh�lt man dann immer diese mitleidigen Blicke der verheirateten Frauen.�
�Das grenzt ja schon psychischer N�tigung.�, alberte Simon und sah dann �berrascht zu Amber. �Ach, schau an...�
�Ja, hallo. Ich bin die Neue.�, begr��te sie ihn.
�Ja, und ich bin der Alte.� Er grinste sie an. �Simon.�
�Amber.�
�So, und du kennst also Muffin.�
�Ja und nein. Eher nein. Wir lernen uns erst noch so richtig kennen.� Sie zwinkerte mir zu.
�Befolge meine Rat und lass es beim �nein�. Sie ist eine Katastrophe.�
�Hey!�, beschwerte ich mich bei Simon.
�Schon als ich sie zum ersten Mal sah, wusste ich, dass sie die Reinkarnation des B�sen ist.�
�Als du sie zum ersten Mal gesehen hast, wolltest du sie flachlegen.� David kam ins B�ro geschneit und griff nach einem Ordner auf dem Regal.
�Nat�rlich wollte ich das. Wer misst sich nicht gerne mit den Kr�ften der Dunkelheit?�
�Simps, du warst f�nfzehn.� David sah seinen kleinen Bruder skeptisch an.
�Na und? Sie war achtzehn. Damals war es cool, eine �ltere Freundin mit F�hrerschein zu haben.�
�Sie hat dich trotzdem abblitzen lassen.�, erinnerte ihn David, w�hrend er alte Lieferscheine durchging.
�Ja, aber nach sechs langen Jahren habe ich sie doch nackt gesehen.�
�Simon!�, schrie ich und Tim lachte neben mir los.
�Total schlecht, ich wei�. F�r gew�hnlich dauert das nie so lange.�
�Erz�hle jemand anderen von deinen Perversit�ten.� David stopfte den Ordner wieder ins Regal und ging zur T�r.
�Wann fahren wir eigentlich?�, rief ihm Simon nach.
�Sobald Mike da ist.�
�Geh�rt Mike auch zur Familie?�, fragte Amber, als er gegangen war.
�Fast.�, erkl�rte Simon. �Er und David haben sich vor �ber zehn Jahren kennen gelernt. Meine Mutter war von seiner irischen Herkunft total begeistert. Sie h�tte ihn am liebsten adoptiert.�
�Wer adoptiert wen?� Mike steckte den Kopf zum B�ro hinein.
�Wen man vom Teufel spricht...�
�Halt die Klappe, Simon. Wo ist David?� Mike steckte die H�nde in seine Jackentaschen und sah uns erwartungsvoll an.
�Versuch�s mal vorn im Laden.�, wies ich ihn an und er verschwand.
�Sieht auch total s�� aus.�, raunte Amber mir zu.
�Ach, vergiss den schnell wieder. Der ist genauso abgedreht wie David.�
�Wie vielversprechend...�
�Amber!�
�Was hast du denn? Du willst sie schlie�lich nicht, oder?�
�Nein, du kannst alle haben. Egal ob David, Mike oder Ben...�
�Sssh!� Sie sah mich kurz an und im n�chsten Moment kam Ben ins B�ro.
�Ich mach dann jetzt Pause... Oh, hi, Yvonne.�
�Hallo.�, knurrte ich und sah ihn dabei nicht mal an. Allerdings sp�rte ich seinen Blick auf mir. Er stand noch eine Weile da und schien mir etwas sagen zu wollen, unterlie� es aber aufgrund der anderen. Stattdessen schnappte er sich seinen Rucksack, nickte in die Runde und ging, wobei ich noch einmal einen langen, intensiven Blick von ihm abbekam. Wieder wich ich ihm aus, aber trotzdem schn�rte es mir fast die Luft ab. Was glaubte der eigentlich? Dachte der ernsthaft, dass ich ihm nach zwei so j�mmerlichen K�ssen zu F��en liegen w�rde? Also bitte...
Die Fahrt �ber waren Tim und ich damit besch�ftigt, Simon davon abzuhalten seine Schuhe auszuziehen und das Wageninnere zu verpesten. Keine leichte Aufgabe, aber es gelang uns mit Davids Hilfe, der androhte, an den Stra�enrand zu fahren und Simps rauszuwerfen, falls er sich in seinem Wagen seiner Schuhe entledigte.
In Cambridge angekommen machten wir uns zun�chst auf die Suche nach der kleinen Pension, in welcher wir zusammen mit anderen Hochzeitsg�sten die n�chsten beiden N�chte verbringen w�rden. Dank Mikes hervorragendem Navigationsk�nnens fanden wir sie auf Anhieb. Ich war begeistert von der kleinen Bed & Breakfast-Einrichtung und konnte es kaum abwarten, endlich entlang der Cam an den Colleges vorbeizuschlendern. Doch zun�chst erlitt ich einen erneuten Schock. Mike, David, Simon und ich waren zu viert in einem Zimmer untergebracht. Das war nicht weiter schlimm, w�re da nicht dieses Doppelbettdilemma. Mike und David schnappten sich n�mlich sofort die beiden Einzelbetten und ich war dadurch gezwungen, das Bett mit Simon zu teilen. Das konnte ja heiter werden... Wir zogen uns um und machten uns anschlie�end auf, die n�here Umgebung zu erkunden. Nachdem ich meine vier Begleiter in heller Begeisterung durch die Colleges gezogen und sie mit meinem Wissen �ber Cambridge beinahe in den Wahnsinn getrieben hatte, schlug Mike vor, eines der kleinen Pubs aufzusuchen. Wir erkl�rten uns alle einverstanden und entschieden uns f�r ein Lokal am Ufer der Cam. Dort erwischten wir einen Tisch nahe am Wasser und bestellten erst mal Getr�nke und Sandwiches. Irgendwann im Laufe des Abends stie�en weitere Hochzeitsg�ste zu uns. Alles Verwandte von David und Simon. Cousins aus Irland. Eigentlich waren alle ganz nett. Besonders ein dunkelhaariger mit Kinngr�bchen namens Chiar�n fiel mir auf. Er war es auch, der mich mit den anderen bekannt machte. Da waren ein Bill (rote Haare, Sommersprossen), Chiar�ns Bruder Liam (ebenfalls schwarzbraunes Haar), eine M�ire (nett und dunkelhaarig), ein Samuel (blonder als David), ein James (rotblond, ebenfalls nette Sommersprossen) und zu guter letzt eine strohblonde Anne. Alle sieben waren zwischen neunzehn und drei�ig. Sie waren schon seit heute morgen in Cambridge und hatten an der standesamtlichen Trauung teilgenommen, �ber welche wir nun einen genauen Bericht erhielten. Hin und wieder wechselten Mike und David mit ihnen einige S�tze in G�lisch, doch kehrten sie immer wieder ins Englische zur�ck. Nach einer Weile herrschte eine angenehme Stimmung. Trotzdem sah ich mich unsicher um und hoffte, dass nicht etwa Rachel oder Charlene auch noch auftauchen w�rde und Gott erh�rte mein Bitten. Kurz vor neun Uhr machte sich Timothy auf den Weg zum Bahnhof, um Richy abzuholen. W�hrend die anderen sich weiter unterhielten, bemerkte ich, dass Simon nicht mehr an seinem Platz sa�. Ich sah mich um und entdeckte ihn einige Meter entfernt auf dem Rasen neben dem Fluss. Er wirkte irgendwie traurig, nachdenklich. Ich lauschte wieder in die Unterhaltungen der anderen am Tisch und kam zu der Erkenntnis, dass ich mich nicht am Gespr�ch beteiligen konnte und so beschloss ich, zu Simon zu gehen. Ich schlenderte hinunter zum Ufer und h�rte, dass er eine Melodie vor sich hinpfiff. Simon sah nicht auf, als ich mich neben ihm im Gras niederlie�. Er pfiff noch einen Moment weiter und verstummte dann. Und so sa�en wir neben einander und blickten auf das vorbeigleitende Wasser.
�Und, hast du ihn schon angerufen?�, brach Simon die Stille.
�Simon, ich werde auf deinen Erpressungsversuch nicht eingehen, h�rst du? Es ist mir egal, was du tust. Wenn du meinst, du m�sstest David von Jessica erz�hlen, bitte, dann mach das.�
�Du wei�t, was dir dann bl�ht?� Er sprach unheimlich ruhig, was sehr ungew�hnlich f�r ihn war.
�David wird mich rauswerfen.�, antwortete ich leise. �Und das wohl auch zurecht, aber es w�rde mich nicht umbringen.�
�Nein? Was w�rdest du dann tun? Wo w�rdest du hingehen?� Er sah mich fragend an.
�Zu Amber oder zu Orlando. Amber ist meine Freundin und w�rde mich bestimmt nicht h�ngen lassen.�
Simon nickte. �Sie nicht, aber er schon.�
�Simon, bitte lassen wir dieses Thema. Es bringt nichts. Du kennst ihn noch nicht gut genug, um ein Urteil zu f�llen.�
Simon seufzte und sah wieder zum Wasser.
�Was machst du eigentlich hier? Da dr�ben am Tisch trinken, feiern und unterhalten sich die anderen und du bist hier ganz alleine.�
�Ist das das Bild, das du von mir hast, Muff? Simon der Partyl�we, der immer mittendrin ist?�
�Eigentlich schon, du kleiner Casanova.�
Er stie� ein heiseres Lachen aus. �Danke, Muff, danke. Aber wie hast du neulich so sch�n gesagt? Wie entwickeln uns alle weiter.�
�Wie soll ich das jetzt verstehen? Hast du etwa genug von Frauen?�
�Oh nein, das mit Sicherheit nicht. Allerdings ist mir aufgefallen, dass es so nicht weitergeht.�
�Wie? Das du jedes Wochenende ne andere hast?�, fragte ich lachend.
�Ach, das kann so schon noch ne Weile weitergehen.�, grinste er. �Nein, ich meine beruflich. Irgendwie bezweifle ich, dass die Frauen in Zukunft von meinem Job beeindruckt sein werden. Nein, ich muss mir was Besseres einfallen lassen.�
�Ach du kriegst die T�r nicht zu... M�chtest du den Job etwa schon wieder hinschmei�en und dein Leben mit konstruktiven Nichtstun verbringen?� Meine Stimme glich der einer Mutter. Wie furchtbar.
Simon h�rte mir gar nicht zu. �Studieren... Sag mal, ist das schwer oder macht man es sich nur schwer?�
Ich runzelte die Stirn und sah ihn unverst�ndlich an.
�Pass auf.� Er drehte sich mir zu. �In Filmen kommt das Studentenleben immer so locker r�ber: ab und zu mal ne Vorlesung und ansonsten Freizeit. Dein Studentendasein scheint mir aber anders.�
�Tja, das kommt wohl auch darauf an, f�r was f�r ein Studium man sich entscheidet.�
�Postgraduate oder Undergraduate.�
�Genau.�
�Und du hast...�
�Undergraduate. Was bedeutet, dass meine Vorlesungen feststehen und ich eine Anwesenheitspflicht habe.� Ich kaute auf meiner Unterlippe und dachte daran, wie ich diese Pflicht missachtet hatte, als ich Vorlesungen sausen lie�, um bei Orlando zu sein. Ich hatte wirklich Gl�ck gehabt, dass es zu keinen Konsequenzen gekommen war.
�Das klingt ja wie Schule.�, sagte Simon weniger erfreut.
Ich lachte. �Ja, und das ist es auch irgendwie. Wie gesagt, ich habe eine festgelegte F�cherkombination, einen Stundenplan, die Vorlesungen sind Pflicht und ich werde benotet.�
Nun riss Simon die Augen auf. �Bitte? Ich dachte, man schreibt nur eine Semesterarbeit...�
�Nee du, ich muss Essays schreiben, wir machen Diskussionsrunden, dann muss ich Vortr�ge halten... Das ist ein Haufen Arbeit. Manchmal m�ssen wir sechzig bis hundert Seiten bis zur n�chsten Lesung lesen und auch noch verstehen.� Ich l�chelte gequ�lt.
�Ja, aber wie wirst du gepr�ft und benotet?�
�Hm. Unterschiedlich. Es kommt immer auf das Thema an, das man gerade durchnimmt. Doch Essays, Vortr�ge und die Leitung von Diskussionsrunden sind bei den Professoren sehr beliebt. Und dann sind ja noch die Examen.�
�Das auch noch?�
�Studenten, die allerdings in den Pr�fungen w�hrend der Semester gute Noten erhalten haben, k�nnen von den Abschlusspr�fungen befreit werden. Leider trifft das auf mich eher nicht zu.�
�Ist doch egal. Alleine weil du es dir zutraust, in ner fremden Sprache zu studieren, verdienst du meiner Meinung nach mehr Respekt und Ansehen als die anderen.�
�berrascht sah ich auf. Hatte ich eben richtig geh�rt? War das etwa ein Lob gewesen?
�Wei�t du, ich finde es klasse, dass du den Mut auf dich genommen hast, das hier zu versuchen.�
�Simon, das hatte nichts mit Mut zu tun. Es war mehr eine Flucht... Und manchmal zweifle ich an allem...� Ich lie� die Schultern h�ngen und sah in den dunklen Nachthimmel. Der Mond schien hell und die Sterne leuchteten.
�Hast du je daran gedacht, was du machen w�rdest, wenn du jetzt nicht hier w�rst?� Simon sah mich noch immer an.
�Das ist eine bl�de Frage. H�ttet ihr mich nicht hergeholt... Ach, nein, ich will nicht mehr daran denken.�
�Hey, ich fand immer cool, was du getan hast. So ne Art weiblicher Robin Hood.�, grinste Simon.
�Klar, nur ohne Pfeil und Bogen... Aber nun sag, weshalb interessierst du dich so f�r mein Studium?�, entgegnete ich l�chelnd.
Simon verstummte, presste nachdenklich die Lippen aufeinander, sah erst zum Wasser und dann mich wieder an. �Weil ich ebenfalls studieren m�chte.�
Sprachlos blickte ich ihn an.
�Ja, ich wei�, dass das absurd klingt. Wahrscheinlich sollte ich nicht daran denken...�
�Nein, Simon, nein. Entschuldige wenn mein Blick nun irgendwie bl�d r�berkam...�
�Ich dachte, du guckst immer so doof.�, unterbrach er mich.
�Du Arsch.�, lachte ich und boxte ihn in die Seite. �Nein, aber wenn du studieren willst, dann mach das. Ich bin sicher du packst das, wenn du es wirklich willst.�
�Ich mache mir nur Sorgen wegen allem... So ein Studium ist schweineteuer.�
�Irgendwie kriegen wir das hin! Mach dir keine Gedanken deshalb.�
�Ich kann weiterhin im Krankenhaus schichten.�
�Siehst du, das ist doch perfekt.�
�Ja, ich bekomme eventuell eine Zusage f�r diesen Herbst.�
�Du Schlitzohr! Wie lange planst du das schon?�, fragte ich.
�Noch nicht lange, aber meine Chefs haben ein paar nette Worte eingelegt.�
�Deine Chefs? Was m�chtest du denn studieren?�
�Medizin, Muff.�
�Medizin?!�
�Ja, es verr�ckt und ich schaffe es sowieso...�
�Nein, ich wei� nur nicht, ob ich mich von dir behandeln lassen w�rde.�, lachte ich.
�Wieso? Immerhin habe ich dich schon nackt gesehen.�, grinste er.
�Ach du!� Ich schubste ihn und er grinste noch mehr. �Simon, du kannst das Ganze schaffen. Es wird zwar nicht gerade leicht werden, aber es ist nicht unm�glich. Und du hast immerhin keine sprachlichen Einschr�nkungen.�
�Das stimmt. Als ich neulich am College war, fanden dort gerade irgendwelche Sprachtests f�r Ausl�nder statt. Die hast du auch machen m�ssen, oder?� Er sah mich interessiert an.
�Nicht nur einen... David brachte mich dazu, den IELTS und den TOSE zu machen. Himmel, das war ne teure Angelegenheit gewesen.�
�Ach, die Test sind nicht mal kostenlos?�
�Sch�n w�r�s... Ich habe um die 400 DM bezahlt.�
�Ist das viel?�
Ich nickte.
�Tja, selber schuld. H�ttest auch in Deutschland bleiben k�nnen. Aber immerhin hast du alle bestanden, oder?�
�Nat�rlich.�
�Wie auch sonst... Muffin Marx � Supergenie.�
Lachend sah ich wieder zum Mond.
�Muffy?�
�Hm?�
�Bitte behalte das mit meinen Studiumspl�nen noch f�r dich, ja?�, sagte Simon leise.
�Warum?�
�Ich glaube schon, dass ich einen Platz an der Uni bekomme... Ich habe die Schule schlie�lich mir guten Noten beendet. Es war nur, dass ich keinen Bock hatte, noch mal zur Schule oder derartiges zu gehen.�
�Brauchst du mir nicht sagen. Nach der Schule habe ich auch erst mal das Weite gesucht.�, grinste ich.
�Ja, es ist nur, dass ich nicht will, dass es die anderen wissen. Am Ende werde ich doch nicht genommen und dann...� Er seufzte und sah hin�ber zum Tisch, wo die anderen noch immer beisammen sa�en. �David war Jahrgangsbester und hat so viele Auszeichnungen... Ich werde sowieso nie so gut wie er sein.�
�Simon, mit David kann keiner von uns beiden Schritthalten, okay? Versuch dich nicht an ihm zu messen, zumal du auch einen ganz anderen Studienbereich gew�hlt hast. Das kann man also nicht mit einander vergleichen. Mach du deine Sache und mach sie richtig.� Ich l�chelte ihn an und er legte f�r einen kurzen Moment den Arm um mich.
�Sch�n, dass der alte Muffin noch da ist.�, sagte er sanft. �Ich dachte schon, dass er verloren sei.�
Wir sahen uns kurz an. Dann nahm Simon seinen Arm von meinen Schultern und st�tzte ihn wieder auf seine Knie. Sein Blick war dem Wasser zugerichtete und er begann, wieder zu pfeifen. Ich sah ihn noch von der Seite her an und sah dann wieder zum Mond und zu den Sternen. Das Leben... Nie steht es still. Das Leben... Man k�nnte es auch Ver�nderung nennen, denn allein daraus besteht es. Du kannst versuchen, was du willst, es wird sich immer irgendetwas �ndern... Einer der Sterne fing meine Aufmerksamkeit auf, da er besonders hell leuchtete. Ich sah ihn an und Gedanken wirbelten in mir umher. Leben... Was hast du nur mit mir vor? Simon pfiff neben mir eine neue, mir bekannte Melodie. Ich lauschte ihm eine Weile und dann begann ich dazu zu singen. Erst leise, dann lauter.
�Alas my love, ye do me wrong to cast me out discourteously,
And I have loved you for so long delighting in your company�
Simon pfiff nicht weiter, sondern sang ebenfalls. Allerdings leiser als ich:
�Greensleeves was all my joy, Greensleeves was my delight
Greensleeves was my heart of gold and who but lady Greensleeves�
Applaus drang vom Tisch zu uns her�ber und als wir aufsahen lachten uns die anderen an.
�Romantisch, Muffy. Kommst du etwa doch in Hochzeitsstimmung?�
Tim war inzwischen mit Richy zur�ckgekehrt. Ich zwinkerte Simon noch einmal zu und stand dann auf, um zu den anderen zu gehen. Dort angelangt begr��te ich zun�chst Richy.
�Hallo du! Wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen.�
�Ja, wir haben eine kurze Pause eingelegt.�, lachte er und blickte Tim an. �Wie geht es dir denn?�
�Soweit ganz gut. Viel Arbeit und das Studium.�
�Alltag eben.�, erkl�rte Tim.
�Genau.�
�Und was macht Bloom? Ist er noch aktuell?�
�Aktueller denn je.�, l�chelte ich Richy an.
�Ja?�
�Hm. Ich glaube, es k�nnte ernst werden, aber psst.� Ich hielt mir den Zeigefinger vor die Lippen und l�chelte.
�Komm, Muff. Was willst du trinken?� Simon war hinter mich getreten und begr��te nach seiner Frage an mich Richy ebenfalls.
�Was wohl?�
�Baileys?�
Ich nickte und Simon winkte der Bedienung, w�hrend er zwei freie St�hle vom Nebentisch ergriff und diese an unsern Tisch stellte. Nachdem wir uns setzten, ging der Abend in seine lustige Runde �ber. Die irische Verwandtschaft trank und mit jedem Schluck wurde die Stimmung besser. Cousin Chiar�n, der mir am sympathischsten war, lud mich sogar zu sich nach Dublin ein, wo der 26j�hrige Jura studierte. Irgendwann verfielen er und David dann in Kindheitserinnerungen und erz�hlten von einem Sommer, den die beiden bei den Gro�eltern in der Connemara verbracht haben.
�Wei�t du noch, wie Gro�vater getobt hat, als du das Boot zum Kentern gebracht hast?�, fragte Chiar�n lachend.
�Wie k�nnte ich das vergessen? Der hat mich die ganze K�ste entlang gejagt.�, erinnerte sich David.
�Aber das war nicht so schlimm wie deine Aktion, das Tor zur Schafweide aufzulassen.�
�Das war nicht mit Absicht! Ich wollte sie nur farblich markieren, damit ich wusste, welches welches war.�, verteidigte sich sein Cousin.
�Weil das ja wichtig war... Zum Gl�ck haben wir aufgrund der Farbe alle wieder erkannt, die sich unter die Nachbarsschafe gel�mmelt hatten.�
�Ach, der Sommer war trotzdem spitze. Wenn man bedenkt, dass wir beide strafversetzt wurden...�
�Abgeschoben ist der bessere Ausdruck.�, meinte David.
�Ja, aber du solltest trotzdem mal wieder r�ber kommen. Ist lange her...�
�Ich wei�. Mal sehen. Vielleicht Weihnachten.�
�Hey, erinnerst du dich an das Lied, das Gro�vater uns beibringen wollte?�
�Oh Gott, warte...� David runzelte die Stirn und dachte nach und irgendwie brachten sie zu zweit ein irisches Volkslied zusammen. Auch die anderen Iren am Tisch erinnerten sich an den Text und begannen, lautstark mitzusingen. Simon, Tim, Richy und ich sa�en mit rosigen Gesichtern daneben und lie�en die Atmosph�re auf uns wirken. Die anderen G�ste des Pub sahen mit Begeisterung zu unserer Gruppe. Einmal angefangen, h�rten Mike, David, Chiar�n, Liam, Samuel, James und Billy nicht mehr auf und sangen weiter Lieder wie �The Lark In The Morning� und �Danny Farrell�. Unterst�tzt wurden sie hierbei von dem Inhaber des Pub, der ebenfalls geborener Ire war. Nachdem er mitbekommen hatte, dass Landsleute seine Schenke aufgesucht hatten, war er mit Banjo und Geige angerauscht gekommen und musizierte flei�ig mit. Auch einige der anwesenden Studenten n�herten sich unserem Tisch und wagten ebenfalls Gesangseinlagen. Ich f�hlte mich nicht mehr wie in Cambridge, vielmehr kam es mir vor, als w�ren wir in Irland. Es war sp�t, als der Wirt allen G�sten mitteilte, dass Sperrstunde sei und wir die letzten Getr�nke zahlten. Doch ehe wir aufbrachen, w�nschten sich die noch anwesenden G�ste ein letztes Lied. W�hrend die kurzfristig entstandene irische Boyband �ber eine letzte Zugabe gr�belte, war sich ihr Publikum schon einig, was es h�ren wollte: irgendein ruhiges traditionelles Lied, welches auch Michael Flatley in �Lord Of The Dance� verwendet hatte. Hier zeigte sich die lustige Truppe allerdings �berfragt. Ein fr�hliches Volkslied zu singen war doch etwas anderes, als wie eine Ballade von sich zu geben. Der Wirt und die G�ste protestierten, wollten sie zum Abschluss doch dieses eine Lied h�ren. Tim, Richy und ich lachten dabei um die Wette. Es �berraschte mich aber, als David dem Wirt die Geige abnahm, mit dieser zu Chiar�n lief und einen kurzen Wortwechsel f�hrte. Dann legte er die Geige an und strich mit dem Bogen zum Test einmal �ber deren Saiten. Alles um ihn herum verstummte, auch ich. Und die n�chsten Minuten ergriffen mein Herz. Ich sah auf David, der es schaffte, Geige zu spielen und nebenher mit sanfter Stimme zu singen... Und erst bei der zweiten Strophe setzte Chiar�n gesanglich mit ein:
�My young love said to me: my mother won�t mind
And my father won�t slight you, for your lack of kind
Then she stepped away from me and this she did say:
It will not be long, love, �till our wedding day
She stepped away from me and she moved through the fair
And fondly I watched her, move here and move there
Then made her way homeward with one star awake
As the swan in the evening moves over the lake
I dreamt it last night, that my dead love came in
So softly she moved that her feet made no din
Then she came close beside me and this she did say:
It will not be long, love, �till our wedding day�
Als die beiden fertig waren, applaudierte das gesamte Pub. Nur ich sa� da und schaute zu Boden, damit man die Tr�nen nicht sah, die das Lied hervorgerufen hatte. Zu toll aber auch. In letzter Zeit schwankte ich nur noch zwischen Sentimentalit�t oder Melancholie. Verst�ndlich, oder? Immerhin war mein M�chtegern-Freund Kilometer von mir entfernt. Und nun strafte mich David auch noch mit einem solchen Lied. Wahrscheinlich w�rde ich den Rest der Nacht nur noch vor mich hinheulen... Und seit wann konnte David Geige spielen, geschweige denn sch�ne alte, romantische Lieder von sich geben, ohne den Zuh�rer dabei mit seiner Stimme zu Tode zu langweilen? Mir schien, als sei das heute Abend nicht der mir bekannte David Cole gewesen. Nach und nach brachen die G�ste auf. Auch einige unserer Truppe gingen Richtung Pension. Chiar�n und David sprachen noch mit dem Wirt und Simon, Mike, Liam, Richy, Tim und ich warteten unten am Flussufer auf die beiden. Ich drehte den anderen noch immer den R�cken zu und war froh, dass keiner weiter Notiz von mir nahm. David und sein Cousin stie�en zu uns und wir liefen im gem�chlichen Tempo an der Cam entlang zu der kleinen Pension. Ich ging als letzte und nutzte die Gelegenheit, wieder einen reinen Kopf zu bekommen. Zuerst erlebte ich einen Simon, der sein Leben umkrempeln will und dann einen verwandelten David. H�tte Amber seinen Auftritt gesehen, sie w�re glatt in Ohnmacht gefallen. Ich blickte �ber die K�pfe der anderen hinweg zu ihm nach vorne. Auch im Dunkeln erkannte ich ihn sofort. Der blonde Pferdeschwanz wippte bei jeder Kopfbewegung mit. Du �berrascht mich immer wieder aufs Neue, dachte ich und l�chelte vor mich hin. Doch, Amber hatte Recht. Um mich herum wimmelte es von tollen M�nnern: David, Mike, Tom und Ben. W�rde es Orlando nicht geben, fiele mir die Wahl sicher schwer. Gelogen, das t�te es nicht, und wieso nicht? Weil
1. David mich wie eine kleine Schwester und �berhaupt nicht wie ein weibliches Wesen behandelt und er als Rachels Bruder sowieso absolut unantastbar ist,
2. Mike Davids bester Freund ist und der mich vierteilen w�rde, wenn ich was mit ihm anfangen w�rde und Mike mit Sicherheit nicht an mir interessiert w�re, da ich seiner Meinung nach schlie�lich nur ein VW K�fer oder Mini Cooper und kein Ferrari oder Porsche bin,
3. Tom ebenfalls in den David Cole Clan geh�rt und damit dieselbe Regel besteht wie bei Mike, wobei ich glaube mich erinnern zu k�nnen, dass in den irischen Clans immer flei�ig gemordet wurde und ich David vielleicht wirklich nicht reizen sollte,
4. Ha! der einzige in Frage kommende Freundanw�rter: Ben. Doch soll ich ihm diesen Sieg gew�hren? Immerhin k�sste er mich einfach und so etwas finde ich nicht sonderlich toll. Gr�bchen hin oder her...
Nein, verwerfen wir diese Gedanken besser sofort. Es hat schon alles seine Richtigkeit. Orlando habe ich nicht grundlos und durch Zufall getroffen. Ich meine, man trifft einen Schauspieler nicht einfach so und macht anschlie�end eindeutige Sachen mit ihm. Nein, das hat gr��ere Bedeutung.
�Hey, zu m�de zum Laufen?�
Ich hob meinen Blick, den ich zu Boden gesenkt hatte und bemerkte, dass ich den Anschluss an die Gruppe verloren hatte. David wartete einige Schritte vor mir.
�Glaub blo� nicht, dass ich dich trage.�
�H�tte mich auch gewundert, wenn du einmal nett zu mir w�rst.�, maulte ich.
Er grinste und als ich ihn eingeholt hatte, setzte er sich wieder in Bewegung.
�Ich verstehe das nicht.�, begann ich nach einem schweigsamen Moment. �Ich dachte, ich kenne dich und heute habe ich einen ganz anderen David erlebt. Bist du dir sicher, dass du zu Simon, Rachel und Kate geh�rst? Bist du wirklich in London geboren?�
David blieb stehen und sah mich interessiert an. Ein L�cheln zuckte um seine Mundwinkel. �Muffy, eines kannst du mir glauben: Ich bin mehr Londoner als meine Geschwister. Als ich geboren wurde, lebten meine Eltern in der City of London. Vielleicht hast du schon mal von der alten Aussage geh�rt, dass nur die, die in H�rweite des Glockenschlags der St. Mary-le-Bow Kirche geboren werden, sich als waschechte Londoner bezeichnen d�rfen. Tja, au�er mir hatte keiner in meiner Familie das Gl�ck.�
Ich l�chelte bei seiner Erkl�rung.
�Allerdings verlief die Ehe meiner Eltern sehr kinderreich, wie du wei�t.� Er grinste und ich lachte los.
�Hatten sie keine anderen Hobbys?�
�In den Siebzigern war das Fernsehprogramm sehr erm�dend.�
�Das erkl�rt nat�rlich alles.�, sagte ich gespielt ernst.
�Komm mit.� Er deutete mit dem Kopf auf eine Sitzbank und ich folgte ihm. Als wir uns setzten, blickte er zun�chst in den Himmel, dann fuhr er fort. �Es war keine leichte Zeit f�r meine Eltern. Aufgrund von uns Kindern konnte meine Mutter nicht arbeiten und mein Vater verdiente, seien wir ehrlich, nicht gen�gend.� Er sah mich an wie ein Lehrer, der seinen Sch�ler gerade eine komplizierte mathematische Formel erkl�rt hatte. �Als Simon geboren wurde, blieb meinen Eltern nichts anderes �brig, als wie die famili�ren Verh�ltnisse zu �ndern.�
�H�?�
�Killian, der �lteste von uns, wurde zu den Eltern meines Vaters nach York geschickt. Mich verfrachteten sie zu den Gro�eltern m�tterlicherseits � nach Irland. Kate und Rachel durften bleiben.�
�Moment � eure Eltern haben euch weggegeben?�, fragte ich fassungslos. �Und ich glaubte, meine Eltern seien abartig gewesen.�
�Yvonne, es ging aus finanziellen Gr�nden nicht anders. Au�erdem wollte meine Mutter sowieso, dass wir traditioneller erzogen wurden. Meine Mutter ist Irin mit Leib und Seele. Wenn es nach ihr gegangen w�re, h�tten wir alle christliche Namen nach den Landespatronen und spr�chen alle G�lisch. Doch ein �exotischer� Name reichte meinem Vater, weshalb er ihr nach Killian keine weiteren Namen in dieser Art mehr erlaubte. Zumindest nicht als Rufnamen. Meine Mutter wollte uns damals auch beide, Killian und mich, nach Irland schicken, aber mein Vater machte da nicht mit. �
�Und wie lange warst du dann da? Den einen Sommer, von dem du und Chiar�n gesprochen habt?�
�David!?�, unterbrach uns Mikes Stimme, der nach seinem Freund rief. �Hey, wo steckt ihr?�
�Alles in Ordnung! Geht schon vor, wir kommen nach.�, rief David in die Richtung, aus der Mikes Stimme gedrungen war.
�Okay, aber bleib sauber, ja?�, antwortete dieser und dann war es wieder ruhig.
�Gut, wo waren wir...�, wandte sich David wieder an mich. �Ich kam nach Irland in dem Jahr, als ich schulpflichtig wurde und blieb dort bis ich vierzehn war.�
�Bitte?!� Entsetzt riss ich die Augen auf.
�Muffy, es war nicht so, dass meine Eltern mich nicht mehr wollten. Ich wollte nicht mehr nach London. Gut, ich ging auf eine strenge katholische Klosterschule, wo es kein einziges M�dchen gab, aber mir gefiel es bei meinen Gro�eltern. Ich bekam eine ganz andere Erziehung als Rachel oder Kate. Vor allem weil sie mich forderten. Ich bekam viel zu lesen, lernte Klavier und Geige und andere irische Instrumente... Irische Volkst�nze und Mythologie, die alten Keltenschriften und ich lernte zeichnen und malen. Meine Eltern besuchten mich dort so oft es ging und mein Vater machte nie ein Geheimnis daraus, dass er von den Erziehungsmethoden meines Gro�vaters nichts hielt. Er meinte, er w�rde mir zu viele Flausen in den Kopf setzen. Mit vierzehn holten sie mich zur�ck nach London. Zwischendurch war ich immer wieder dort gewesen und es war komischerweise keine gro�e Umstellung f�r mich, weil ich mir in Irland ein Ziel gesetzt hatte, welches ich nur in London erreichen k�nnte.�
�Das Kunststudium.�, sagte ich.
David nickte. �Du wei�t wie London ist. Man wird einfach im Strom mitgerissen. Doch ich war zufrieden. Das einzige, das mir nicht passte, war die Frisur, die meine Mutter mir verpasste, als ich wieder hier war. Sie schnitt mir die Haare zu so einer Schleimfrisur. Glaub mir, ich sah aus, wie Draco Malfoy aus deinem geliebten �Harry Potter�-Film.� Er l�chelte schief. �Jedenfalls schloss ich mit sehr guten Leistungen die Schule ab und den Rest kennst du ja.�
Ich sah ihn noch immer an, als w�re er ein Wesen aus einer anderen Welt. �Ich wusste das nicht... Rachel hat mir nie erz�hlt...�, stockte ich.
�Muffy, das wissen auch nicht viele Leute. Meinem Vater ist das Ganze peinlich, dass er seine S�hne an die Eltern und Schwiegereltern geben musste und dann gibt er meinem Gro�vater auch noch die Schuld, dass ich Kunst studiert habe. Er sagt immer, dass wenn er mich erzogen h�tte, ich nun Anwalt oder Arzt w�re. Das Studium verzeiht er mir wohl nie.�
Ich nickte verst�ndlich. Ich wusste, dass Mr Cole ein schwieriger Mensch war und von seinen Kindern nicht sehr viel hielt. Von David nicht, weil er ein seiner Meinung nach solch sinnloses Studium w�hlte, von Rachel hielt er nichts, weil sie sich von einem Mann schw�ngern lie� und daraufhin einen anderen � n�mlich Dave � heiratete und Simon war f�r ihn sowieso das schwarze Schaf der Familie. Lediglich Killian und Kate geh�rte sein Stolz, weil beide Wirtschaft studiert hatten und erfolgreich in ihren gew�hlten Berufen arbeiteten. Ich war Mr Cole nur ein paar Mal begegnet, aber jedes Mal w�re ich ihm fast an die Gurgel gesprungen. Von mir hielt er genauso wenig wie von seinen drei anderen Spr�sslingen. Ich schob die Gedanken beiseite und l�chelte ihn an:
�Und du bist deinen Eltern nicht b�se?�
�Ich war es, aber die Jahre in Irland waren wichtig f�r mich. In London h�tte ich niemals eine solche Bildung erhalten k�nnen. Die �ffentlichen Schulen waren zu meiner Kindheit mehr als j�mmerlich und Privatschulen viel zu teuer. Meine Gro�eltern erm�glichten mir eine schulische Ausbildung und eine Kindheit, die mir meine Eltern nie h�tten geben k�nnen. Ich habe nur von all dem profitiert. Ich denke, wenn ich hier aufgewachsen w�re, h�tte ich wahrscheinlich nun dieselben Einstellungen wie Simon. London ist sch�n, aber es ist auch eine ziemliche Scheinwelt, wie du wei�t.�
�Und als was siehst du dich nun? Als Ire oder Brite?�, fragte ich herausfordernd.
David lie� seine Augen durch die Dunkelheit wandern und dachte nach. �Ich wei� nicht genau. Ich kenne die britische, aber auch die englische Geschichte. Ich kenne die Gepflogenheiten und verstehe die Mentalit�t beider L�nder. Laut Geburtsurkunde bin ich Londoner, was ja wieder etwas anderes ist als Brite.� Er lachte. �Wahrscheinlich ist von allem ein bisschen in mir.�
�Das wird es wohl sein. Du hast den Intellekt eines gebildeten Gro�st�dters, das Herz eines Iren und die Sturheit und Arroganz eines Briten!�, l�chelte ich ihn an. �Zumindest ist das besser als nichts zu sein...�
�Muff, du bist kein Nichts.�
�Ach nein? Ich bin keine typische Deutsche, zu euch Briten geh�re ich auch nicht, da ich nicht so durchgeknallt bin wie ihr, aber was bin ich dann?�
�Ein Muffin von der Milchstra�e?�
�Ach, du Spinner!�
Wir l�chelten uns an und sahen dann stumm in den Himmel. Dort entdeckte ich wieder diesen Stern, der besonders hell schien.
�Kommen deine Gro�eltern morgen auch?�
�Nein.� Er sch�ttelte den Kopf. �Seit mein Erzeuger meinem Gro�vater heftige Vorw�rfe gemacht hat, gehen sie sich aus dem Weg.�
�Ich hoffe nur der morgige Tag geht schnell vorbei.� Eine Gestalt kam im Dunkeln auf uns zu � Simon.
�Nicht nur du, Simps.�, antwortete ihm David.
�Er wird morgen sicher wieder versuchen, uns zu dem�tigen und uns zu sagen, wie entt�uscht er doch von uns ist.�
�Geh deinem Vater einfach aus dem Weg.�, riet ich ihm.
�Das sagt sich so leicht...�
David erhob sich und grinste uns an. �Glaub mir, Simps, Dad wird sich morgen nicht an uns rantrauen.�
�Ach, und wieso nicht?� Simon sah seinen Bruder zweifelnd an.
�Ganz einfach: Wir haben unseren Kampfmuffin dabei. Du wei�t, wie Yvonne ihm bei letzten Mal verbal fertiggemacht hat. Bleib immer in ihrer N�he und dir kann nichts passieren. So, nun aber ab ins Bett, wir werden viel Kraft sammeln m�ssen, um den Tag zu �berstehen.�
Nach einer katastrophalen Nacht mit einem schnarchenden Simon im Nacken erwachte ich Samstagmorgen und nahm sofort das kleine Bad, welches zu unserem Zimmer geh�rte, unter deutsche Besatzung. Die Trauung sollte um 14 Uhr beginnen und wir wollten uns noch die Altstadt von Cambridge ansehen. Als ich das Bad verlie�, waren David und Mike ebenfalls erwacht. Wir lie�en Simon schlafen und nachdem die beiden M�nner eine Katzenw�sche hinter sich gebracht hatten, zockelten wir los. Liam und Chiar�n warteten bereits wie ausgemacht vor der Pension auf uns. Wir einigten uns darauf, erst etwas Shopping und Stadtkundschaft zu betreiben und dann gemeinsam zu fr�hst�cken. Sp�testens um zw�lf wollten wir zur�ck sein und uns f�r die Hochzeit herrichten. Kate und Raffael hatten Gl�ck mit dem Wetter. Der Sonne nach zu urteilen sollte es ein wundersch�ner Tag werden. In der Fu�g�ngerzone konnte ich mich besonders von den Buchhandlungen begeistern. Auch David und Chiar�n w�hlten sich durch die Regale, w�hrend Mike mit Liam eher gelangweilt neben ihnen stand und �ber den Spritverbrauch von Davids Wagen philosophisierte. Am Ende kaufte David sich zwei B�nde �ber irgendwelche Kunststile und er lie� sich nicht davon abbringen, auch mir ein etwas Lesbares mitzunehmen: Oscar Wildes �Gespenst von Canterville�. Mein Studium verfolgte mich sogar nach Cambridge.
�Du liest Oscar Wilde?�, fragte Chiar�n, als er neben mir die Fu�g�ngerzone lang schl�rfte.
�Wieso nicht? Bei mir hat jeder Autor eine Chance.�, erkl�rte ich grinsend.
�Aha. Du siehst mir eher nach einer �leichten Kost-Leserin� aus. Du wei�t schon, so was wie �Harry Potter�.�
�Den habe ich auch Zuhause. Aber mein Studium verlangt nach ruhmreicheren und am besten toten Autoren.� Ich sah ihn einen Moment von der Seite an. Der j�ngere Chiar�n war h�bscher als sein Bruder Liam. Zumindest empfand ich sein L�cheln als angenehm. Als er meinen Blick auf sich bemerkte, wandte ich mich ab und sprach schnell weiter: �Jedenfalls ist Mister Wilde meine Semesterarbeit.�
�Ach so. Und wei�t du schon gen�gend �ber ihn?�
�Biographie, Lebenslauf und Werke habe ich schon beisammen. Nun muss ich nur noch eine seiner Geschichten er�rtern.�
�Und daf�r nimmst du �Das Gespenst von Canterville�?�
�Ich wollte eigentlich etwas wie �Das Bildnis des Dorian Gray� oder �Ernst sein ist alles� nehmen, aber David hat mir davon abgeraten. Er meint, es w�re zu umfangreich und zu anspruchsvoll f�r mein zweites Semester.�
�Nun ja, umso tiefgreifender ein Werk ist, desto mehr erwartet das Pr�fungskomitee. Ich denke, es ist bringt mehr, wenn du eine gute Biographie wiedergibst und dann noch ne nette Erz�hlungen in eigenen Worten analysierst.�, sagte er.
�Wow. Du klingst genau wie David.�, lachte ich.
�Irische Weisheiten.�, grinste er und seine braunen Augen funkelten so wie die von Orlando. Er strich eine Haarstr�hne beiseite, die ihm ins Gesicht gefallen war und fuhr l�chelnd fort. �Oscar Wilde war Ire und wei�t du, was er immer zu irischen Autorenkollegen sagte?�
Ich sch�ttelte den Kopf.
�Wilde sagte�, begann David pl�tzlich und ich erschrak �ber sein lautloses Erscheinen neben mir. �ich zitiere: Wir Iren haben nichts zustande gebracht, aber wir sind die gr��ten Redner seit den Griechen.�
�Genau.�, lachte Chiar�n. �Die Briten heben sich gerne als gro�e Literaten hervor, Yvonne, aber kleiner Tipp: guck dir mal Werke von irischen Autoren an. Yeats, Joyce, Shaw oder Swift. Unter deren Schriften h�ttest du sicher noch besseres f�r deine Semesterarbeit gefunden.�
�Vergiss es. Sie ist schei�faul. Ich habe noch nicht geh�rt, dass das Leben eines der von dir aufgez�hlten Autoren verfilmt worden ist. Da h�tte sie ja mit B�chern arbeiten m�ssen. So brauchte sie sich nur den Film ansehen.�, sagte David.
��ber Wilde gibt es nen Film?�, fragte Chiar�n.
�Ja, hatte sogar ne gute Besetzung. Neben Stephen Fry agierten Jude Law und Vanessa Redgrave.�
�Und Orlando Bloom.�, warf ich ein.
�Orlando wer?�, sah mich der Ire an.
�Ach, so ein M�chtegern-Schauspieler, der lediglich Frauen mit seinem Aussehen beeindruckt.�, sagte David und machte eine laszive Handbewegung woraufhin Chiar�n lachte: �Ach, so einer?�
�Ja, so einer. Leute, was haltet ihr von Fr�hst�ck? Es ist schon nach elf Uhr.�, griente Mike, der sich zu uns umgedreht hatte.
�Ach Mike! Du denkst immer nur ans Essen!�, meckerte ich ihn lachend an.
So st�rkten wir uns mit Tee und Toasts in einem kleinen Studentencafe und ehe wir zur Pension zur�ckkehrten, besorgte David noch etwas zum Futtern f�r Simon.
Und dann ging der Countdown los. Ich durfte zwar zuerst unter die Dusche, wurde allerdings anschlie�end des Badezimmers verwiesen. Laut meiner drei m�nnlichen Zimmergenossen konnte ich mein Haar auch ohne Spiegel und Bad stylen. Und damit waren mein Reisef�n und ich dann auch besch�ftigt, w�hrend die drei M�nner Rasierklingen und Duschgels umherreichten. Wie immer scheiterten meine Frisierversuche kl�glich. Nach einer halben Stunde kopf�ber f�nen war mir ganz schwindlig und mein R�cken schmerzte von der unnat�rlich Haltung, in welche ich ihn zwang. Ich dachte schon daran, zu Richy zu gehen, aber da ich nicht wusste, welches Zimmer er und Tim bewohnten, lie� ich es sein. Allerdings kam David mir zur Hilfe, nachdem er geduscht hatte. Im Gegensatz zu mir hatte er auf eine Haarw�sche verzichtet. Na, bei seinen tollem Haar brauchte er auch keine t�gliche W�sche... Aber vielleicht hatte er gerade deshalb keinen Haarspliss. Ich nahm mir vor, ihn mal bei Gelegenheit nach einigen Pflegetipps zu fragen. David zeigte sich zwar nicht begeistert, als ich ihm erkl�rte, dass ich mein Haar offen tragen wollte, aber dank ihm entstand zumindest eine Frisur auf meinem Kopf. Zwar nicht die �Jennifer Aniston-Friends-Frisur�, aber wenigstens trug ich nicht meine bekannte Zotteln. Ich verzog mich dann in eine Ecke und zwang David und Mike in eine andere Richtung zu gucken, w�hrend ich in mein Kleid schl�pfte. Die beiden lachten und schauten mehr als einmal �ber ihre Schultern, weshalb es wohl an die zehn Minuten dauerte, bis ich schlie�lich angezogen war. David warf Simon aus dem Bad und als er wieder kam, fiel ich beinahe vom Bett, auf welchem ich in jenem Moment sa� und meine Schuhe anzog. Er hatte die Haare anders! Er trug lediglich die vorderen Haarpartien in zwei niedlichen Z�pfen nach hinten. Genau wie Legolas! Meine Freude dar�ber war allerdings von kurzer Dauer, denn schon schnappte er sein Haar und band es wie gew�hnlich zusammen.
�Nein!�, schrie ich und alle drei sahen mich irritiert an. Ich err�tete und fuhr stotternd fort: �Jetzt hattest du zum ersten Mal seit wir uns kennen eine andere Frisur...�
David sch�ttelte den Kopf und deutete mit einer Handbewegung an, dass ich nicht ganz dicht sei. Die Haare lie� er trotzdem zusammen. Kurz darauf trafen wir uns mit Tim, Richy, Chiar�n und den anderen Iren, unter welchen sich auch Chiar�ns Eltern befanden, vor der Pension. Ich bemerkte sehr wohl die Blicke der M�nner, die ich wegen meines Aussehens bekam. Zugegeben, mein Kleid war auch zu sch�n. Richy lobte mich sogar, da ich es ganz ohne ihn geschafft hatte, ein wenig von dem, das er damals an der Premiere aus mir gemacht hatte, zur�ckzuzaubern. Ich kam mir vor wie eine Mafiabraut, wie ich so umgeben von meinen in Schwarz gekleideten M�nnern war. David sah ebenfalls wie an der Theaterpremiere aus. Mike, Tim und Simon trugen wie alle anderen zu ihren Anz�gen die obligatorischen Krawatten. Nur Richy tanzte in seinem weinroten Anzug aus der Reihe, zu welchen er ein Hemd, das wohl aus den Siebzigern stammte, trug. Bei den �brigen Jungs hatte er bald seinen Spitznamen weg: Austin Powers. Und so sollte er den ganzen Tag �ber �groovy�, �behave� oder �shakedelic� zu h�ren bekommen.
Punkt 14 Uhr sa� ich zwischen Mike und Timothy auf einer hinteren Bank in der gro�artigen Kapelle des King�s College. Einige Reihen weiter vorn sa�en David und Simon bei ihrer �brigen Familie. Auch Rachel sa� dort mit ihrem Mann Dave und den Kindern. Wir hatten uns lediglich kurz, aber immerhin freundlich begr��t und dann bat man uns auch schon, unsere Pl�tze einzunehmen. Charlene hatte sich entgegen der Regel neben Rachel gesetzt. Judy wartete seitlich des Altars. Sie war Kates Trauzeugin. Raffael, der Br�utigam, stand nerv�s neben seinem Trauzeugen und l�chelte unsicher durch den Raum. Der Reverend sprach ihm aufmunternd zu und ging noch einmal seine Notizen durch. Der Hochzeitsmarsch erklang und die Holzb�nke �chzten unter dem Erheben der G�ste. Kate schritt stolz und anmutig an den Bankreihen vorbei, ihr Blick weilte auf ihrem zuk�nftigen Ehemann, der ihr einen Schritt entgegen kam und ihr die Hand reichte. Ich h�rte schon die ersten Schluchzer der weiblichen Verwandtschaft. Und dann begann die Trauung. Katholisch wohlbemerkt. Was ganz nett angefangen hatte, langweilte Tim, Richy, Mike und mich sehr bald und wir begannen zu r�tseln, was der Reverend wohl unter seinem Talar tr�ge. Die Trauung dauerte doppelt solang wie gew�hnlich. Da Raffael Italiener ist und jede Menge Familie von ihm aus dem fernen Rom angereist war und kein Englisch sprach, hampelte ein Dolmetscher neben dem Reverend herum. Mich �berraschte, dass dieser es sogar schaffte, noch langsamer zu sprechen als der wohl siebzigj�hrige Reverend. Gelangweilt sah ich mir die Wandverzierungen an und als ich mich vorbeugte und an Tim vorbei zu einer der anderen Bankreihen blickte, entdeckte ich Chiar�n. Er sa� mit l�ssig �bereinander geschlagenen Beinen neben Liam, der reges Interesse an der Trauung vort�uschte. Ihre Eltern sa�en neben ihnen und die Mutter schn�uzte ger�hrt in ein Taschentuch. Ich l�chelte bei ihrem Anblick und im n�chsten Moment sah Chiar�n zu mir her�ber und l�chelte ebenfalls. Er rollte die Augen gen Himmel, g�hnte �bertrieben und machte es sich dann mit seinem Kopf auf der Schulter seines Bruders bequem, grinste aber zu mir. Um einen Lachanfall zu entgehen, presste ich die Lippen aufeinander und rutschte wieder zur�ck gegen die R�ckenlehne der Bank. Dann fand die Trauung endlich ihr Ende: die Ringe wurden getauscht, das Eheversprechen gegeben und beim anschlie�enden Kuss erwachte sogar wieder Mike, der irgendwann w�hrend des ganzen Spektakels neben mir eingenickt war. Raffael und Kate schritten Hand in Hand den Ausgang an und die ersten Leute eilten hinter ihnen her. Ich musste mehrmals die Knie anziehen, um irgendwelche Gaffer durchzulassen. Als die meisten G�ste die Kapelle verlassen hatten, verschaffte ich mir einen �berblick. Au�er Tim, Richy, Mike und mir, sa�en noch Chiar�n, Liam, Billy und einige Italiener auf ihren Pl�tzen. David lehnte vorne an einer Sitzreihe und unterhielt sich mit Dave und Simon, die wohl ebenfalls kein Interesse am Aufmarsch vor der Kapelle hatten. Irgendwann verlie�en wir aber dennoch unseren Posten und zw�ngten uns durch die herumstehenden Menschen zum Brautpaar durch.
Ich erreichte zuerst Raffael. Gl�cklich strahlte er mich an. K�sschen links, K�sschen rechts, alles Gute und ich schob ab, hin�ber zu Kate. Sie sah wundersch�n aus. Das Kleid war reichlich mit Spitze bestickt, ihre schwarzes Haar unter dem Schleier romantisch festgesteckt und ihre Wangen waren vor Aufregung ganz rosig. Wir umarmten uns herzlich.
�Hey, Kleine, sch�n, dass du gekommen bist.�
�Du hast mich doch eingeladen.�, l�chelte ich. �Alles Gute und... Ach, du wei�t schon.�
�Klar!� Wieder nahm sie mich in den Arm und als sie sich von mir l�ste, blickte sie sich suchend um, ehe sie sich nochmals zu mir beugte und fl�sterte: �Wo ist Orlando Bloom?�
Ich sah sie kurz an und Traurigkeit �berflog mich ungewollt. �Drehen. In Australien. Er konnte nicht kommen.�
�Oh wie schade... Egal, wenigstens bist du hier.�
Wir l�chelten uns noch einmal an und dann widmete sich Kate dem n�chsten Gratulanten. Ich begr��te noch eben Judy, die mit tr�nenden Augen neben Kate stand und mich anstrahlte, dann bahnte ich mir einen Weg und gesellte mich zu Mike, Richy und Tim, die Abseits des Geschehens warteten. Unsere Blicke waren auf Kate und Raffael gerichtet, die gl�cklich Gratulationen und Gl�ckw�nsche entgegen nahmen. F�r einen Moment driftete ich in Gedanken ab und sah mich und Orlando an ihrer Stelle, sch�ttelte diesen Gedanken mit einer kr�ftigen Kopfbewegung aber weg. Ich sollte nicht an Hochzeit und Ehe denken, eher daran, erst mal eine normale und ehrliche Beziehung mit ihm zu f�hren. Es war einfach nicht fair, wie leicht es bei einigen Leuten lief: man lernte sich kennen, verliebt sich und alles ist gro�artig. Und wie war es bei mir: ich lernte ihn kennen, verliebte mich in ihn und... Nichts! Nur Warten. Nein, es war nicht fair! Diese verdammte Gesellschaft und dieses verdammte System, in dem wir lebten...
�Ich hasse Hochzeiten.�, grummelte ich.
�Ich auch.� Mike streckte sich und fuhr sich erst durch die dunklen Haare und dann durch sein D�Artagnan-B�rtchen.
Richy kam neben mich und begann �ber den Dolmetscher zu l�stern. Auch Timothy gab hierzu einige Kommentare ab, wobei er bezweifelte, dass es sich bei dem Italiener um einen feurigen Liebhaber handle. Allm�hlich l�ste sich die Menschenmenge auf und die ersten G�ste begaben sich zu dem Restaurant, in welchem das Bankett stattfinden sollte. Das gute Wetter hielt noch immer an und die Sonne schien warm vom Himmel. Ich beschattete die Augen mit meiner Hand und sah zum Brautpaar und deren engsten Familienmitglieder hin�ber.
�Die machen Fotos, was?� Mike sah ebenfalls zu ihnen hin�ber.
�Ja, sind wohl fast fertig...�
Ich hatte Recht, denn kurz darauf stie�en die Leute auseinander und David und Simon kamen auf uns zu, stoppten aber auf halben Weg, da sie von ihrer Mutter zur�ckgehalten wurden. Mike seufzte und lief dann zu ihnen hin�ber.
�Das ist also Kates Mutter?�, fragte Richy.
�Hm. Das ist die Mutter von Kate, David, Simon und Rachel.�, beantwortete Tim seine Frage.
�Keine �hnlichkeit.� Richy kniff die Augen zusammen und betrachtete die weiteren Leute, die sich nun um Mrs Cole versammelt hatten: Rachel, Simon, David, Mike und ein weiterer blonder Mann. Ich vermutete, dass er Killian, der �lteste Cole, war.
�Kate, Simon und Rachel kommen ganz nach dem Vater.�, erkl�rte Timothy. �Killian und David nach der Mutter.� Und dann f�gte er leise hinzu: �Die beiden sind h�bscher.�
L�chelnd sah ich ebenfalls zu den Anwesenden der Familie Cole, die eine Familienbesprechung abzuhalten schienen. Es stimmte, was Timothy eben gesagt hatte. Schon fr�her war mir aufgefallen, dass Rachel, Kate und Simon vom Aussehen, ihren Bewegungen, ihrer Mimik eher nach Mr Cole kamen. David hingegen glich seiner gro�en schlanken Mutter, die mehr Stolz und Pers�nlichkeit ausstrahlen konnte, als jedes Mitglied der k�niglichen Familie. Aus Killians Haltung schloss ich, dass er ebenso veranlagt war wie David.
�Ja�, sagte Richy leise. �Die beiden haben feinere Gesichtsz�ge.�
�Sag ich doch! Ganz die Mutter.�, wiederholte sich Timothy. �Und die Frau ist echt super!�
David und Mike l�sten sich aus der Gruppe und kamen zu uns her�ber.
�Puh... �berlebt.�, st�hnte David und grinste uns an.
�Ach, so schlimm war es doch gar nicht.�, baute ich ihn auf.
�Als ob ihr das beurteilen k�nnt. Ihr hattet ja die Schlafpl�tze.�, lachte er und stie� Mike in die Seite.
Mike schwankte kurz und grinste seinen besten Freund dann an. �Also, was ist nun? Fahren wir los? Ich will Kuchen.�
�Mike, kannst du auch mal nicht an was Essbares denken?�, sagte ich.
�Was f�r einen Nutzen haben Hochzeiten denn sonst? Kuchen! Torten!�
�Eben. Lasst uns abhauen. Simon f�hrt bei Rachel mit.�, verk�ndete David.
Und so liefen wir zum Wagen, bei welchem David erst mal �ber die Blumenverzierung schimpfte, die irgendwer unternommen hatte, w�hrend wir in der Trauung festsa�en.
Sie hatten ein sch�nes Restaurant f�r das Bankett gew�hlt. Aufgrund des guten Wetters fand die Feier nicht im Festsaal, sondern in einem aufgestellten wei�en Pavillon statt, der mit Rosetten und Spitzengirlanden verziert war. Die Terrasse sollte sp�ter als Tanzfl�che dienen. Wir suchten unsere Sitzpl�tze anhand der aufgestellten Namensschilder. Da keiner von uns direktes Familienmitglied war, sa�en Mike, Tim, Richy und ich zusammen an einen abgelegenen Tisch. Wir setzten uns und bestellten sofort etwas zu trinken. Nach und nach trudelte der Rest der Gesellschaft ein und ich f�hlte mich schon dem Hungertod nahe, als Kate und Raffael endlich die Hochzeitstorte anschnitten. Anschlie�end schlugen Mike und ich erst mal kr�ftig am Kuchenbuffet zu. Wir a�en und unterhielten uns schmatzend und nach Tee und Kuchen begann der n�chste H�hepunkt einer Hochzeit: Table-Hopping. Die G�ste begannen damit, ihre Sitzpl�tze zu wechseln und neue Bekanntschaften zu schlie�en. Wir jedoch blieben sitzen und a�en weiter. Table-Hopping lohnt sich nur, wenn man auf der Suche nach einem Partner f�r die kommende Nacht ist. Und das hatte ich schon einen � Simon. Und genau dieser kam nun an unseren Tisch, zog einen freien Stuhl vom Nachbartisch und setzte sich.
�Muffy!�, grinste er und blickte auf die Kalorienbombe auf meinem Teller. �I� nicht so viel. Du w�chst nicht mehr, du wirst nur fetter.�
Ich grummelte unter Schmatzen eine Antwort und schob den Teller weg. �Ich kann nicht mehr. Ist doch zuviel.�
�Kein Problem.� Mike schnappte sich den Teller und mit drei gro�en Bissen war der Kuchen verschwunden.
�Fresssack.�, knurrte ich ihm zu.
�Arbeitseinteilung.�, lachte er. �Du besorgst das Futter und ich esse es.�
Wir sa�en eine Weile gelangweilt rum und Richy und ich begannen den �Herfall-Faktor� der anwesenden M�nner zu bestimmen. Keiner haute uns wirklich vom Hocker. Ich reckte den Hals in die H�he und sah mich nach den Iren um, konnte sie aber nicht entdecken. Timothy und Richy l�sterten �ber die M�nner weiter, Simon und Mike sprachen �ber Autos und ich langweilte mich allm�hlich.
�Wisst ihr was?�, sagte ich nach einer Weile des Dummrumsitzens. �Ich mache nun auch Table-Hopping.�
�Du meinst wohl Kalorienabbau.� Simon grinste wieder.
�Oder so. Zumindest schau ich mich mal um, ja?�
�Arrividerci!�
Ich l�chelte noch mal in die Runde und erhob mich dann von meinem Stuhl. Irgendwo zwischen diesen vierhundert G�sten w�rde ich ja wohl Chiar�n finden... Ich fand ihn nicht, aber als ich mich an der Wand entlang bewegte, begegnete ich David, der ebenfalls umher lief. Ich stellte entsetzt fest, dass ich mich den Familien der Brautleute bis in die t�dliche Zone gen�hert hatte.
�Hey.�
�Hi.�, antwortete ich ihm. �Wie l�uft�s?�
Er rollte die Augen. �Das �bliche. Nachher hau ich ab und komm zu euch.�
Ich l�chelte ihn zaghaft an. �Das hoffe ich. Ich h�tte nie geglaubt, dass ich dich mal so sehr in meine N�he w�nschen w�rde wie heute.� Und das war die Wahrheit. Irgendwie f�hlte ich mich an unserem Tisch wie das f�nfte Rad am Wagen.
�Mich? Was ist mit Rachel?�, fragte er �berrascht.
�Im Moment bist du mir lieber. Zumindest der nette David von gestern.�
Er l�chelte nun ebenfalls und hob die Hand, als wolle er mir damit �ber die Wange streichen, tat es aber nicht.
�David! C�ard at� t� a dh�anamh?�
Wir sahen auf und eine Frau tauchte neben David auf � seine Mutter.
�Oh, Yvonne! Ich habe dich noch gar nicht gesehen. Lass dich ansehen.� Sie packte mich mit beiden H�nden an den Schultern und musterte mich mit ihren blauen Augen. �Oh weh, du wirst immer schmaler... M�dchen, du musst mehr essen!�
Wer Sheila Cole kannte, wusste das ihre stolze und korrekte Erscheinung nur eine Fassade war. In Wahrheit war sie eine der herzlichsten Frauen, die ich je kennen gelernt hatte. Trotz ihrer achtundvierzig Jahre wirkte sie unheimlich jung. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem strengen Dutt frisiert.
�Hallo, Mrs Cole. Das ist nur der Stress...�
�Das glaube ich sofort. Warum ihr jungen Leute auch immer mittendrin wohnen m�sst? Nichts gegen London, ich habe da jahrelang selbst gewohnt, aber es leitet einen geradewegs zu einer ungesunden Lebensf�hrung.� Ihr Blick schoss kurz zu David und wieder zu mir. �Yvonne, du brauchst einfach nur Urlaub! Vielleicht solltet ihr beiden einfach mal wegfahren. Irland w�rde dir so gut tun! Die Luft... Ach... Ja, ihr k�nntet zu meinen Eltern gehen. Mein Vater hat eine kleine Schafsfarm in Sraith Salach. Das liegt mitten in Connemara, hast du schon mal davon geh�rt?�
��hm, Ponys?�, fragte ich unsicher.
�Na, wenn du �ber ne Wiese hoppeln willst... Es ist herrlich dort, nicht David?� Sie stie� ihren Sohn mit dem Ellenbogen an. Dieser nickte lediglich. �Es ist ideal zum Abschalten und um Ruhe in sich kehren zu lassen...� Sie legte eine gro�e Sorgenfalte auf ihre Stirn. �Gerade du brauchst das doch.�
�Mutter, es geht ihr gut.�, warf David ein.
�M�dchen, du hast keine leichte Zeit hinter dir...� Ihre Muttergef�hle brachen wieder durch. Seit sie wusste, was mein Leben in Deutschland gewesen war, fasste sie mich nahezu mit Samthandschuhen an.
�Okay, Mum, es reicht.� David sah seine Mutter mahnend an. �Es ist alles in Ordnung.�
�David, solche Probleme verschwinden nicht einfach...�
�Mutter.�
�Schon gut. Also, wo sitzt du eigentlich?�, fragte sie wieder mich.
�Och, da hinten irgendwo.� Ich deutete mit der Hand in eine Richtung und Mrs Cole sah David ungl�ubig an und zischte ihm dann etwas auf G�lisch zu. David zuckte mit den Schultern und grinste d�mlich.
�Hm. Na gut, komm mit! Ich mache dich mal mit einigen Leuten bekannt, die ihr dann in Irland besuchen k�nnt.�, l�chelte sie mich an.
Wiederspruch war nicht m�glich. Davids Mutter schnappte meine Hand und zog mich geradewegs auf die Familientische zu. Ich warf David einen letzten Blick zu. Er grinste und vergrub die H�nde in die Hosentaschen. Die Vorstellungsrunde begann am Tisch mit Onkeln und Tanten aus Irland. Mrs Cole stellte mich �berall als �Davids kleine Freundin� vor. Es machte mir nichts weiter aus. Wir alle wussten, dass Sheila Cole andere Ansichten bez�glich der Freundschaft oder des Verh�ltnisses zwischen David und mir hatte. Ihrer katholischen Meinung nach war es nicht �blich, dass ein Mann und eine Frau einfach nur zusammen wohnten, oh nein. Warum sie mich nicht Simon zuteilte, wusste ich bis heute nicht. Ich begr��te die mir vorgestellten G�ste, sch�ttelte H�nde und sorgte mich nach einer Weile darum, ob mein Gesicht wohl fr�hzeitig Falten bek�me, da ich mit diesem nervenden Dauerl�cheln umherstolzierte, w�hrend Mrs Cole um mich herumwuselte und mich von einem Tisch zum anderen schob. Irgendwann hatten wir die Tische abgehoppelt und erreichten schlie�lich den Brauttisch. Rachel, Dave, Judy und Kate l�chelten mir aufmunternd zu. Nat�rlich wussten sie von der innigen Liebe ihrer Mutter zu mir und ihrer Hoffnungen bez�glich David und mir. Sie machte mich mit Raffaels Eltern bekannt und ich nickte und winkte einmal in Runde. Rachel rief mich mit einem Kopfnicken zu sich.
�Und?�, grinste sie, als ich mich zu ihr herunterbeugte. �Wie hat sie dich heute vorgestellt?�
�H�r mir auf...�, st�hnte ich.
�Ach, zuk�nftige Schw�gerin, beschwer dich nicht immer...� Dave lachte mich an.
�Mach dir nichts draus.�, sagte Kate von der anderen Seite des Tisches. Mich wollte sie auch immer mit Mike verkuppeln.�
�Wo sitzt du?�, fragte Rachel.
�Hinten, bei Tim und Richy.�
�Gut, ich komme nachher mal vorbei. Wenn ich dich bei all den Leuten hier wiederfinde...�
�Ja, ist echt ne Kleinveranstaltung.�, schnaubte ich leise. �Was dein Vater an deiner Blitzhochzeit gespart hat, steckte er nun alles in Kates Feier, was?�
�Pass auf.�, raunte Rachel zur�ck.
Als ich den kalten Blick von Rachels Vater auf mir sp�rte, sah ich auf. Er begr��te mich nicht, sondern nickte mich nur stumm an, wobei ich deutlich die Geringsch�tzung in seinen Augen lesen konnte. Ich hielt seinem Blick stand, l�chelte nicht und nickte ebenfalls nur. Sicherlich hatte er mich geh�rt, aber das war mir egal. Ich war keines seiner Kinder und scheute nicht davor, ihm zu sagen, was ich dachte.
Als ich an meinen Tisch zur�ckkehrte, sa�en dort au�er Timothy, Richy und Mike auch Charlene, Liam und Chiar�n. Simon war nicht mehr dort, aber ich sah ihn zusammen mit David an einem Tisch neben uns stehen. Ich nickte Charlene kurz zu und setzte mich dann an das andere Tischende zu den drei Iren.
�Hey, wo warst du denn die ganze Zeit?�, fragte Chiar�n und l�chelte mich an.
�Table-Hopping. Ich suchte nach einem geeigneten Mann f�r heute Nacht.�
�Ach, und warum bist du dann nicht einfach r�bergekommen? Wir sitzen gleich da dr�ben.� Er grinste und deutete auf einen Tisch unweit des unseren.
�Toll! Und ich latschte den ganzen Pavillon wegen dir ab.�, motzte ich und grinste zur�ck. Ich dachte mir nichts weiter dabei, als ich mit ihm flirtete. Das war schlie�lich eine Hochzeit und ich musste das Beste daraus machen, um sie zu �berstehen.
In der Gesellschaft von Chiar�n, Mike und Liam verging der Nachmittag wie im Flug. Auch Simon, Rachel, Dave, Kate und David kamen hin und wieder bei uns vorbei. Rachel kam nicht einmal auf Orlando oder das Treffen im Kaufhaus zu sprechen. Charlene hingegen warf mir ein paar Kommentare zu, welche aber in den ger�uschvollen Unterhaltungen der anderen untergingen. Das Abendessen wurde serviert und schlie�lich erschien der DJ, der den Rest des Abends f�r Musik sorgen sollte. Da Raffael ein gro�er Fan des Synthie-Pop der Achtziger war, wurde haupts�chliche diese Art Musik gespielt. Mike und ich beschlossen sehr bald, uns einen hinter die Binde zu kippen und er besorgte eine Flasche Baileys. Chiar�n stie� nach einer Weile wieder zu uns und beteiligte sich an unserer Aktion. Was soll man auch anderes tun, wenn man von Lieder wie �Only you� in der Version von Yazoo oder �Dancing with tears in my eyes� gequ�lt wird und sich schweren Herzens an seine unschuldige Kindheit erinnert? Doch der DJ hatte irgendwann auch davon genug und ging auf andere tanzbare Musik �ber.
Ich bemerkte, dass ich mich unter tanzw�tigen Personen befand, da ich ab diesem musikalischen Wechsel meistens allein am Tisch sa�, w�hrend Tim und Richy mit Charlene oder Judy tanzten und Mike mit irgendeinem anderen anwesenden M�dchen. Chiar�n tanzte die meiste Zeit mit M�ire, was mich unerkl�rlich ver�rgerte. Rachels Kinder tobten mit anderen au�erhalb des Pavillons herum und spielten Fangen.
Seufzend st�tzte ich den Kopf auf meinem Arm ab und beobachtete die Szenerie. Wie w�re es wohl, wenn Orlando hier w�re? Mit Chiar�n w�rde er sich bestimmt sehr gut verstehen. Wir w�rden tanzen, uns k�ssen... Aber nein, der Herr geht ja lieber zum Surfen. Wahrscheinlich machen die da ne Strandparty mit lauter h�bschen Bikini-Girls. Und ich? Ich sitze hier auf einer Hochzeit und f�hle mich einsam und verlassen. Dabei m�chte ich doch auch nur das, was alle M�dchen wollen: einen Freund, der mich �ber alles liebt. Okay, den Freund habe ich, aber was n�tzt es, wenn er nicht da ist? Stattdessen warte ich auf seine Anrufe. Starre bis tief in die Nacht auf das Telefon und warte. Und er? Er am�siert sich mit irgendwelchen Australierinnen. Ich dachte wieder daran, dass er Jessica gek�sst hatte... Dass er Amber gek�sst hatte... Verdammt! Und wie viele andere noch? Mir verlangte es so sehr, mit ihm zu reden, ihm zu sagen, dass es so nicht weiter ginge und ich einfach mehr von ihm brauchte. Aber wie? Er hatte gemeint, dass er eventuell das n�chste Wochenende nach London k�me. Und dann m�ssten wir miteinander reden. Es war nicht m�glich noch l�nger, bis zum Ende der Dreharbeiten, zu warten. Nein, ich musste endlich meine Fragen beantwortet haben, erst dann w�rde von meinem Misstrauen und Argwohn befreit sein. Und nur er konnte mich von diesen befreien... Er hatte selber gesagt, dass wir mehr w�ren, als zwei Menschen, die gelegentlich miteinander herumtollten. Also sollte er sich auch dementsprechend verhalten! War das so schwer zu verstehen? War ich etwa so schwer zu verstehen?
�You know I can�t smile without you
I can�t smile without you
I can�t laugh and I can�t sleep
I don�t even talk to people I meet
And I feel sad when you�re sad
I feel glad when you�re glad
And you must know what I am going through
I just can�t smile without you�
And�chtig lauschte ich dem Schmuselied, dass der DJ aufgelegt hatte. Es handelte sich um so einen typischen Song aus einer Liebesschnulze. Eigentlich mochte ich diese alten Lieder nicht, aber es passte irgendwie zu meiner Stimmung. Orlando war mehr f�r mich. Er geh�rte zu mir. Ich war Teil von ihm. Sogar so sehr Teil von ihm, dass all seine Gef�hlsschwankungen auf mich �bergingen. Doch, war er gutgelaunt, war ich es auch. War er schweigsam und nachdenklich, passte ich mich diesem an. Zu solch einem gegenseitigen Verstehen geh�rte wirklich eine ganze Menge an Gef�hl f�r einander.
Die S�ngerin des Liedes sang weiter dar�ber, wie ihr Herzensmann traumgleich in ihr Leben kam und ihr den Tag erhellte. Gut, es waren keine Feuerwerksk�rper losgegangen, als Orlando und ich uns zum ersten Mal angesehen hatten, aber es war etwas da gewesen, das wusste ich.
�Was denn hier los?� David kam zu mir an den Tisch und setzte sich.
�Was soll sein?�
�Was soll das? Muffy, f�r pubert�re Schwankungen bist du zu alt und f�r Gef�hlswankungen der Wechseljahre zu jung.�, spielte er auf meine j�mmerliche Gestalt an.
�Ach, ich wei� auch nicht.�, antwortete ich ihm. �Vorhin ging es mir noch ganz gut, aber jetzt hat mich eben wieder so ein Tief eingeholt.�
�Kann passieren.� Er l�chelte mich an.
�Tja, zumindest bin ich nicht die Einzige.� Ich deutete auf einen, ein paar Tische weiter, alleine sitzenden alten Mann. �Der sieht auch nicht gerade gl�cklich aus.�
�Der alte Onkel meines Vaters?� David sah mich von der Seite an. �Kein Wunder. Der kriegt wohl auch �ber die H�lfte von dem, was passiert, nicht mit.�
�Bitte?�
David lachte. �Muff, ich wei� nicht, ob er an Alzheimer leidet oder einfach nicht mehr will. Tatsache ist, dass ihm alles schei�egal ist und er eigentlich keinen von uns mehr kennt. Aber seine Tochter will das nicht wahrhaben und schleppt ihn trotzdem �berall mit hin.�
�Der Arme. Muss doch grausam sein, wenn du dich an nichts mehr erinnern kannst.�
�Stell dir vor: Er war f�nfzig Jahre lang verheiratet. Seine Frau ist irgendwann gestorben und er kann sich �berhaupt nicht mehr an sie erinnern. So gesehen ist es ganz gut, dass sie tot ist, weil sie sonst bestimmt m�chtig sauer mit ihm w�re.�, grinste er.
�David, du bist abartig! �ber solch britischen Humor kann ich nicht lachen!�, entr�stete ich mich.
Einen Tisch weiter sa� Mrs Cole und unterhielt sich mit einer Frau, l�chelte aber immer wieder zu uns her�ber. Wir l�chelten brav zur�ck.
�Wir werden ihr das Herz brechen, oder?�, fragte ich David.
�Ich denke ja.�
�Deine arme Mutter.�
�Muff, wei�t du was? Lass uns ein Abkommen machen.�
�Was f�r ein Abkommen?� Ich nahm mein Glas vom Tisch und trank es leer. Gott, wie viel hatte ich eigentlich schon getrunken?
�Na, so wie in �Die Hochzeit meines besten Freundes�.�
�Ich h�re.�
�Wenn wir es bis drei�ig immer noch nicht geschafft haben, einen Partner an unserer Seite zu halten, lass es uns tun.�
�Was tun?�, fragte ich irritiert.
�Lass uns heiraten.�
Ich sah ihn an und begann lautstark zu lachen. �Das ist nicht dein Ernst?�
�Wieso nicht? Es w�rde einige Probleme l�sen: Ich m�sste mir nicht mehr das Gefasel meiner Mutter anh�ren und du m�sstest dir keine Sorgen wegen deines Aufenthaltes in Britannien machen. Ich m�sste dir sogar Unterhalt bezahlen.�
�Klingt verlockend.�, lachte ich weiter. �Au�erdem wohnen wir sowieso schon zusammen.�
�Also abgemacht. Wenn Bloom oder Monique nicht mehr wollen und wir in ein paar Jahren immer noch im Stra�enwirrwarr der Beziehungen umherirren, dann nehmen wir einander.� L�chelnd hielt er mir seine Hand entgegen.
�Okay, aber wessen Drei�igster? Deiner oder meiner?�
�Hm. Lass uns deinen nehmen. Dann bleiben uns noch sechs Jahre.�
Lachend ergriff ich seine Hand und wir besiegelten unseren Pakt.
�Aber ich muss nicht bei dir schlafen?�, fragte ich anschlie�end.
�Nicht jede Nacht. Es reicht einmal in der Woche.�, grinste er.
�Ach du...�
�Na, ihr zwei?� Mrs Cole stand vor unserem Tisch und sah uns mit diesem gewissen m�tterlichen Blick an.
�Na, du eine?�, fragte David zur�ck. �Noch nicht m�de?�
�Es geht. Die Musik vorhin h�tte mich beinahe ins Grab gebracht.�, meckerte sie. �Aber ich sagte es von Anfang an. Eine Hochzeit, zwei Nationalit�ten. Das geht nicht. Diese Italiener sind aber auch ein Volk f�r sich.� Wir folgten ihren Blick �ber die neuangeheiratete Verwandtschaft.
�Mum?� Killian Cole trat mit eleganten weiten Schritten an uns heran. �Raffaels Mutter fragt nach dir. Ihrer Mutter ist schon wieder schlecht. Au�erdem hat uns der Restaurantmanager darum gebeten, zu achten wo die ganzen Kinder rumstreunern. Ach, und dann sind noch �berraschenderweise weitere Cousins und Freunde von Raffael aufgetaucht und Dad und Kate wissen nicht, wohin mit ihnen.� Er verdrehte theatralisch die Augen.
�Ja, ich komme schon und k�mmere mich darum.� Seufzend wandte sich Mrs Cole zum Gehen, l�chelte aber David und mir noch mal zu. �David, solltest du je heiraten, dann tu mir den Gefallen und brenn einfach mit ihr durch, ja? Erspare mir einen solch weiteren Abend.� Und dann blickte sie zum Brauttisch, wo die Neuank�mmlinge herumstanden. �Grundg�tiger! Wie viele Verwandte haben die eigentlich?�
�Tja Mum, wie es aussieht, war bei denen die Kindersterblichkeit ersch�tternd niedrig.�, sagte David sarkastisch.
�David, das geh�rt sich aber nicht.�, ermahnte sie ihn, l�chelte aber selber, ehe sie ging.
Killian blieb zur�ck. �Und David, was macht die Kunst?�
�Kann mich nicht beklagen. Und wie l�uft deine Firma?�
�Ganz gut.� Er sah nun fragend auf mich. �Ist das deine Franz�sin?�
�Nein, das ist Yvonne. Du m�sstest dich eigentlich an sie erinnern. Ihr seid euch einmal bei Mums Geburtstag begegnet.�
Davids Bruder musterte mich eingehend. �Ach, die Deutsche? Stimmt, damals war sie aber rothaarig.�
�Ist ja auch schon ne Weile her.�
�Und wo ist dann die junge Dame, mit der du angeblich so viel Zeit verbringst?�
�Eher w�rde ich mir die Zunge abbei�en, als wie ich sie euch vorstellen w�rde.�, fauchte David mit einem mal.
�Ach, hast du dir also wieder eine geangelt, die in einer anderen Klasse als deine Familie spielt? Daf�r scheinst du ja ein gewisses Talent zu entwickeln.� Killian blickte David sp�ttisch an und verk�rperte dabei genauso viel Pers�nlichkeit und Autorit�t, wie ich es von David gew�hnt war.
W�hrend der ganzen Unterhaltung brachte ich keinen Ton raus, sondern l�chelte lediglich hilflos. Mir war die Anspannung, die zwischen den beiden Br�dern herrschte, unangenehm. War ja auch kein Wunder. Ich wusste, das was Davids Ausbildung betraf, Killian dieselben Ansichten hatte wie sein Vater.
�Kil, h�r mal, warum verziehst du dich nicht wieder einfach, ja? Du scherst dich sonst einen Dreck um uns, also halte das bei.� David schlug die Beine �bereinander und kreuzte die Arme vor der Brust. Seine ber�hmte Lauerstellung.
Es folgte ein weiterer, weniger freundlicher Wortwechsel und nach einer Weile ging Killian zum Familientisch zur�ck. David blieb bei mir.
�Arsch.�, raunte er seinem Bruder hinterher.
�David, bitte.�
�Das verstehst du nicht, Muff. Ich verstehe es ja selber nicht. Sollte man in einer Familie einander nicht m�gen und respektieren?�
�Eigentlich schon. Aber du magst deinen Bruder doch...�
�Das schon, aber respektieren tun wir uns gegenseitig sehr gering... Was soll�s.� Er l�chelte mich an.
�Wei�t du was? Machen wir meine Mutter f�r einen Moment gl�cklich, ja?� Er stand auf und hielt mir seine Hand entgegen. �Komm, tanz mit mir.�
Ich sah ihn �berrascht an und realisierte die Musik, die gespielt wurde. Wieder so eine altert�mliche Schnulze. Dazu konnte ich wirklich nicht tanzen. Zumindest nicht mit ihm. Mit Orlando war es etwas anderes gewesen... Da hatte ich auch nicht getanzt, sondern war geschwebt.
�Du wei�t, dass ich nicht tanzen kann.�, sagte ich.
�Das halte ich jetzt aber f�r ein Ger�cht.�, l�chelte er und hielt mir weiterhin seine Hand entgegen.
Z�gernd erfasste ich sie mit meiner. �Na gut, aber nur einen Tanz, okay?�
David f�hrte mich in die tanzenden P�rchen und dann standen wir f�r einen Moment voreinander und ich wusste nicht, wohin mit meinen Armen. Ratlos schaute ich, wie die anderen tanzten, aber da hatte er schon seinen Arm um meine H�fte gelegt und zog mich an sich, w�hrend er mit der anderen Hand die meine ergriff. Etwas hilflos legte ich meinen Arm um seinen Hals und lehnte den Kopf an seine Schulter. Wir tanzten nicht wirklich, vielmehr schoben wir unsere F��e �ber den Boden, ohne einander anzusehen.
�Siehst du. Ich wusste, dass du es kannst.�, fl�sterte er. �Du kannst so vieles, du traust es dir blo� nicht zu.�
�Ich wei�... Ich brauche immer jemanden, der mir einen kleinen Schubs gibt... In allem, was ich tue.�, erwiderte ich und l�chelte ihn sch�chtern an.
�Ich werde aber nicht immer da sein, um dich zu schubsen.�
Wir sahen uns einen Moment an und ich merkte, wie mein K�rper von einer gewissen K�lte erfasst wurde. Es stimmte, dass David derjenige war, der mich immer zu allem ermutigt hatte. Zwar mit viel Spott und Hohn, aber er hatte immer hinter mir gestanden, so wie er es auch jetzt noch tat. Das Leben... Ver�nderungen... Wenn er je tats�chlich mit dieser Monique zusammenziehen w�rde, dann w�re er fort. Er w�re nicht mehr ein paar T�ren weiter und w�rde meckern, wenn ich ihn mit Literaturfragen bombardieren w�rde. Er w�rde mich nicht mehr mit hochgezogener Augenbraue ansehen, wenn ich mich aufgeregt auf ein Date vorbereiten oder ihn meine Ansichten �ber das Leben oder M�nner erkl�ren w�rde... Es erschien mir genauso grausam wie die Tatsache, dass Orlando nicht bei mir war. Sch�ne heile Welt... David stoppte in seiner Bewegung und dr�ckte mich mit seinen Armen ein St�ck von sich weg. Er grinste mich an, kniete nieder und sang das Lied mit:
�Baby baby, I�ll get down on my knees for you
If you would only love me like you used to do - yeah�
Singend erhob er sich und ich err�tete lachend unter den Blicken der anderen T�nzer, die uns neugierig beobachteten. Das war typisch f�r ihn: erst mir so ins Gewissen reden, dass ich keine Antworten wusste und mich dann mit Peinlichkeiten wieder aufbauen. Aber Davids L�cheln �berzeugte mich und da ich die �Rightous Brothers� eigentlich gut fand und es die Situation geradezu verlangte, sang ich mit:
�We had a love, a love, a love you don�t find everyday
So don�t, don�t, don�t, don�t let it slip away�
David l�chelte mich an: �Baby�
Ich l�chelte schief singend zur�ck: �Baby�
�Baby�
�Baby�
�I�m begging you please� David lachte nun sogar. �Please�
�Please�, heulte ich wie Mariah Carey.
�I need your love�
�I need your love�
Wir sangen nun mit dem �Rightous Brothers� um die Wette und meiner Meinung nach waren wir die Sieger.
�Bring back that lovin� feeling - wow that lovin� feelin�
Bring back that lovin� feeling cos it�s gone, gone, gone
And I can�t go on
You�ve lost that loving feeling - wow that lovin� feeling��
Lachend lagen wir uns in den Armen und er strich mir z�rtlich �ber den R�cken. Neben uns applaudierte Mike und seine Tanzpartnerin zusammen mit den anderen T�nzern. Ich sah Davids Mutter neben Rachel am Rand der Tanzfl�che stehen � strahlend und ger�hrt zugleich.
�Vielleicht heirate ich dich ja wirklich, wenn du auf dein Gewicht achtest und deine Figur beh�ltst.�, grinste David mich an, als er mich losgelassen hatte.
�Du Arschnase.�
Mit dem Lied endete die Musik und zur �berraschung aller verlie� der DJ seinen Platz hinter dem Mischpult. Die ersten T�nzer verlie�en die Terrasse, andere standen unschl�ssig da. Auch ich wollte gehen, wartete aber, da David sich nicht bewegte und pl�tzlich die ganze irische Verwandtschaft die Tanzfl�che einnahm.
�Was denn nun los?�, fragte ich verwirrt Chiar�n, der sich mit M�ire neben David und mich aufgestellt hatte.
�C�il�!�, rief dieser mir begeistert zu.
�Was?�
Chiar�n antwortete nicht sondern deutete auf die Fl�che vor dem Mischpult. Der DJ war noch immer nicht zur�ckgekehrt, aber vier M�nner mit Banjo, Geige, Gitarre und Tin Whistle standen nun dort.
�Oh Gott! Irischer Volkstanz.�, richtete ich mich wieder an Chiar�n.
�Genau.�
�Okay, dann hau ich jetzt ab.� Ich wollte mich gerade davonmachen, als David meinen Arm ergriff und mich zur�ckzog.
�Nichts da, junge Dame. Jetzt wird getanzt.�
�David, ich kann das nicht!�
Die Musiker begannen zu spielen und David brachte meinen K�rper in Tanzposition.
�Das ist ganz leicht. Hopple einfach mit und h�pf ein bisschen rum.�, grinste er mich an.
�David, du wei�t genau...� Doch da zog er mich auch schon mit sich. Es war furchtbar. Ich stolperte neben ihm her, hinter ihm her und h�tte er nicht immer eine von meinen H�nden gehalten, h�tte ich baldige ungewollte Bekanntschaft mit dem Boden gemacht. Der Alkohol in meinem Blut und mein langes Kleid vereinfachten das Ganze nicht gerade. Doch es kam noch schlimmer: die M�nner bildeten einen Kreis um die Frauen. Es war wie eine verdammte Polka und ich wurde von einem zum anderen gereicht, wobei ich wohl unz�hlige Zehen armer M�nner zertr�mmerte. Als ich an Chiar�n vorbeischwirrte, versuchte ich mich an ihm festzukrallen, aber per Drehung bef�rderte er mich weiter zu David. Ich stolperte geradezu in seine Arme und hielt mich sofort an ihm fest.
�Gut, das reicht. Ich � will � nicht � mehr!�
Aber nat�rlich machte er keine Anstalten, die Tanzfl�che zu verlassen. Noch immer hielt er meine H�nde in seinen und l�chelte mich am�siert an. Das Lied ging in ein anderes �ber und David und Chiar�n strahlten sich an und sangen dann lautstark los:
�I danced in the morning when the world was young
I danced in the moon, in the stars, in the sun
I came down from heaven and I danced on the earth
At Bethlehem I had my birth�
Dann ging das Getanze wieder los, allerdings diesmal ohne Partnerwechsel. Auch die anderen Iren begannen mitzusingen und ich machte tanz�hnliche Bewegungen mit David und kam mir vor wie in einer Irrenanstalt.
�Dance, Dance wherever you may be
I am the Lord of the dance said he
And I lead you all wherever you may be
And I lead you all in the dance said he�
David l�chelte mich an und f�hrte mich mit eleganten Armbewegungen durch das Lied. Und w�hrend er und Chiar�n noch immer mitsangen und tanzten, begann das Ganze mir zu gefallen. Nichts Irrenanstalt, es erinnerte mich mehr an ein Fest aus einem fr�heren Jahrhundert. Es machte unheimlich Spa�.
�Warte, David!�, stoppte ich unseren Tanz. �Ich kann das nicht...�
�Muff, du machst aber schon ne ganze Weile mit.�
�Ja, ich h�pfe mit, aber ich w�rde es gerne lernen.�
David l�chelte mich an und rief seinem Cousin neben uns etwas zu. Chiar�n nickte und deutete auf eine freie Stelle am Rande der Tanzfl�che. David schob mich zu dieser und Chiar�n folgte uns. Dort bekam ich dann eine Privatstunde in Irish Folk von Chiar�n, w�hrend David mit M�ire tanzte. Nat�rlich trat ich Chiar�n zur Begr��ung erst mal kr�ftig auf den Fu�.
�Entschuldige. Ich bin leider total untalentiert.�, s�uselte ich und err�tete unter seinem Blick. Er hatte einfach irgendetwas an sich, das mir gefiel.
�Es gibt keine untalentierten Menschen.�, l�chelte er. �Au�erdem musst du hier nicht auf Michael Flatley machen.�
�Zum Gl�ck nicht.�, lachte ich ihn an.
�Okay.� Er hielt mir seine Hand entgegen und verneigte sich leicht. �Cail�n, an nd�anfaidh t� an damhsa seo liom.�
Ich legte den Kopf schief und sah ihn an. Das hatte wunderbar geklungen. Die Worte waren wie ein lieblicher Gesang �ber seine Lippen gekommen. In mir wirbelte alles und meine Knie zitterten. Was war los? Ach, ich wusste es: Nie wieder Alkohol...
�Wie es sich geh�rt, habe ich gefragt, ob du mit mir tanzen m�chtest.�
�Wenn du noch mal so was zu mir sagst, m�chte ich nicht nur mit dir tanzen.�, lie� ich den Alkohol sprechen.
Chiar�n hob die Augenbrauen und sah mich erfreut an. �Dann werde ich besser vorsichtig sein, was ich sage.�
�Du kannst sagen, was du willst, du musst nur darauf achten, in welcher Sprache du es sagst.�
�Na, Tanzanweisungen gebe ich dir lieber auf Englisch. Ich brauche meine F��e und Zehen n�mlich noch.�
�So fern man das Gehopse als Tanzen bezeichnen kann.�, nuschelte ich.
Er musterte mich einen Augenblick. �Machst du dich etwa �ber mich lustig?�
�Nein, nein. Tu ich nicht.� Ich sah ihn an und mir gefiel die Forschheit, die Abenteuerlust, die in seinem Gesicht stand. �Ich m�chte gerne mit dir tanzen.�, sagte ich dann nur f�r ihn h�rbar.
Wir sahen uns noch einen Moment an und dann begann er, mir die Grundschritte zu erkl�ren. Es war gar nicht so schwer, wie ich zun�chst annahm und nach zwei Liedern am Rande der Tanzfl�che wagte ich mich mit ihm sogar wieder unter die anderen T�nzer. M�ire tanzte noch immer mit David und zeigte mir sogar noch ein paar weitere Schritte, die nur die Frauen tanzten. An die gro�en Tanzkreise mit dem Partnerwechsel traute ich mich trotzdem nicht, weshalb Mike, M�ire, Anne, Chiar�n, David und ich etwas abseits unseren eigenen Kreis bildeten und ich dort mein Gelerntes erproben konnte. Mrs Cole und Simon stie�en ebenfalls zu uns. Simon sah dar�ber nicht gerade gl�cklich aus und er tanzte noch miserabler als ich, aber das war in diesem Moment unwichtig. Wichtig war nur, dass wir alle zusammen waren und es ein angenehmer Abend war. Es fanden sich immer mehr T�nzer ein. Timothy, Richy, Rachel und Dave, Charlene, Judy, das Brautpaar... Letztendlich war ich nicht mehr der einzige Anf�nger. Als unser Kreis jedoch aufgrund des Zukommens der anderen ebenfalls wieder an Gr��e gewann, nahm Chiar�n meine Hand und f�hrte mich woanders hin, um mit mir allein zu tanzen. Ich ging gerne mit ihm. Ich wusste nicht wieso, aber ich war einfach nur gl�cklich. Diese Hochzeit war ganz anders, als ich erwartet hatte. Zwar sa�en nun bis auf einige Ausnahmen die Italiener gelangweilt rum, aber die Iren und Briten am�sierten sich pr�chtig. Als ich zur Seite blickte sah ich David mit seiner Mutter tanzen. Beide l�chelten mich an und steckten dann ihre K�pfe zusammen. Rachel tanzte mit Dave, Judy und Richy versuchten es gemeinsam, Timothy wirbelte Charlene um sich herum... Ich sah wieder auf zu Chiar�n, der mich ebenfalls anl�chelte. Spiegelte mir der Alkohol in meinen Venen nur etwas vor oder hatte er wirklich eine gewisse �hnlichkeit mit Orlando? Sein braunes Haar war vom Tanzen ganz verwuschelt, seine Augen leuchteten. Auf jeden Fall h�tte ich ihn gerne gek�sst. Die Feier ging noch bis tief in die Nacht hinein. Wir tanzten noch viel und noch mehr Whisky und Baileys gelangen in meinen K�rper. Oft bildeten die �u�eren T�nzer einen Kreis und ein Tanzpaar f�hrte in der Mitte eine eigene Tanzkreationen vor, welche immer mit Pfiffen und Applaus belohnt wurden. Chiar�n wollte mit mir auch in die Mitte gehen, aber das war dann doch zuviel f�r mich. Daf�r beteiligten wir uns zusammen M�ire und David am Gruppenpaartanz. Wir M�dels trafen uns in der Mitte, liefen einmal im Kreis und kehrten wieder zu unseren Tanzpartnern zur�ck. Die vier Musiker sangen und riefen Tanzanweisungen wie �Gach �inne!� oder �Isteach is amach!�. Besonders gefiel mir der Teil, als ich unter den hochgehaltenen Armen der anderen Paare durchlaufen musste. Fehlten nur noch die gekreuzten Schwerter �ber mir. Chiar�n wartete am anderen Ende des Menschentunnels auf mich und wir stellten und einander gegen�ber hin, hoben die Arme und lie�en das n�chste M�dchen durch. Als die Feier ihren Schluss fand, warf Kate ihren Brautstrau�, der von M�ire gefangen wurde. Ich konnte nicht mehr alleine stehen und lehnte immer an irgendjemanden, wobei ich besonders erfreut war, wenn es sich bei meiner St�tze um Chiar�n handelte. Aus Sicherheitsgr�nden entschied sich David dazu, den Wagen stehen zu lassen und wir fuhren per Taxi zur Pension. Dort versuchte ich mich die Treppen nach oben zu schleppen, wobei David mich schlie�lich doch schnappte und auf das Zimmer trug. Wehm�tig sah ich Chiar�n hinterher, der mit Liam, Bill und Samuel in ein Zimmer drei T�ren weiter verschwand. Schon wieder ein Tag, an dem ich ungek�sst blieb... Also ein verlorener Tag.
Mike und David lotsten mich ins Bad und ich wechselte dort irgendwie Kleid gegen Pyjama, schlug mir beim Z�hneputzen mit der B�rste ungewollt gegen die Bei�erchen und torkelte schlie�lich zur�ck in den Schlafraum, wo ich mich in mein Bett fallen lie� und einschlief. Irgendwann erwachte ich und merkte, dass ich fr�stelnd nah an der Bettkante lag und Simon au�er seiner auch noch meine Decke hatte und au�erdem schnarchend in der Mitte des Bettes lag. Ich zog, zerrte, schob, dr�ckte � ohne Erfolg. Er war wie ein massiver Felsblock. Schwankend stand ich auf, versuchte mich im Dunkeln zurechtzufinden und tastete mich vorsichtig mit dem linken Fu� voran �ber den Teppich. Schlie�lich kroch ich so leise wie m�glich zu David ins Bett. Kuschelte mich mit dem R�cken an ihn und schloss die Augen, um weiterzuschlafen. Ich sp�rte, dass David wach war und wartete darauf, dass er mich aus dem Bett schubsen w�rde. Doch er tat es nicht. Stattdessen schob er mir mehr von der Decke zu und legte vorsichtig seine Hand an meine H�fte. Und so schlief ich dann mit Tr�umen von romantischen K�ssen wieder ein...