Seelenspiegel

20-AF-08


"Sehen, h�ren, riechen, schmecken, f�hlen
und die Augenblicke, die h�ngen bleiben,
weil sie eine Saite zum Schwingen gebracht haben,
diese Augenblicke m�ge man seinem Leser zeigen und dann -
schweigen."




I
Dispersio et Desperatio




Marathon


Ein Schritt vor
und zur�ck zwei
auf einmal
sp�re ich nichts mehr
hinter mir
fehlt der alte
Weg
ist alles
was da war
wird doch nie vergehen!
Zu viel Zeit ging
verloren
ist der Liebe Spiel
so schwer?
f�hle ich mich
nach dem Kampf
kommt etwas
Neues
l�sst das Alte
weichen
werden gestellt.
Renne weiter davon
vor dem was
kommt
da nicht die Wand
n�her?
dr�cke ich mich
vorbei
ist noch
nichts
h�lt mich auf
Wei� nicht ein noch
aus-
weg find ich
keinen
Atem
mehr
als einmal st�rzte
ich
steh doch noch einmal auf...





Die Zeit

Immer weiter
St�ck um St�ck
Rennt er, unaufhaltsam
Tickt er weiter
Immer weiter, gnadenlos
Nie steht er still
Der Zeiger, die Zeit
Immer im Kreis herum
Wie die Erde
Rundherum, nicht zu halten
Tag und Nacht
Hell und dunkel
Alles dreht sich
Was gestern war
Das ist heute vorbei
Und morgen kommt
Dann etwas Neues
Irgendwann jedoch -
F�hrt's schnell das Ende herbei
Still oder tosend
Fr�her oder sp�ter
Was macht das schon
Was z�hlt ein Wille -
Im unerbitterlichen Lauf
Von Welt und Zeit?







Wasser

Langsam formen sich Tropfen
Vereinigen sich
Leise sickert es
Beginnt zu flie�en
Schneller werdend, bergab
Immer nur bergab
Frisst sich selbst durch h�rtesten Stein
M�hevoll, langsam und gem�chlich
Doch unaufhaltsam, stetig
St�ck f�r St�ck
Sprengt Kr�fte auseinander
Durchdringt Barrieren
Umsp�lt Mauern, bis sie brechen
Zeitlos, kraftvoll
Bis es sein Ziel erreicht
Das Meer, wo es verdunstet
Wo es hinaufgezogen wird
In den ewigen Kreislauf
Zur�ck an den Anfang
Hier wird es wieder beginnen
Sich seinen Weg - Egal ob den alten oder einen neuen -
Zu bahnen
Ohne aufgehalten zu werden
Es kommt
Immer wieder!





Push one's luck

Die Karten werden verteilt
Einige werden aufgedeckt
Andere verdeckt plaziert
Das macht doch den Reiz aus
Manche sind gezinkt
Offensichtlich die Wertvollen
Geht die Partie nicht auf
So wird zusammengeworfen
Neu gemischt
Neu verteilt
Neues Blatt, neues Gl�ck?
Pokerface, Royal Flush
Nur ein Paar, Bluff?
Wissen muss man nur
Was man mit seinen Karten macht
Gr��e bewahren, verlieren k�nnen
Um mehr zu gewinnen
Doch manche Spiele werden besser
Niemals gespielt






Fassade


sie gl�nzt, sie blinkt,
die farben sollen beruhigen,
stabil steht sie da,
fest, sicher, furchtlos -
die fassade.
nur angst vor dem wasser
das alles abw�scht,
was das auge sieht,
das sprengt, was stark wirkte,
und nur zur�ckl�sst,
was wahrhaftig ist -
die k�lte, die schw�rze,
die leere.





Theater

Die ganze Welt ist eine B�hne
Wir spielen Rollen
Sind alle Spieler
Und jeder f�r sich allein
Ein Hauptdarsteller
Wie eine zweite Haut
Passt sich die Maske an
Wann ist man selbst?
Wann schauspielert man
Und wen stellt man dar?
Sich selbst gespielt
Als Spiel des Ernsts
Und aus dem Spiel wird Ernst
Und es spiegelt doch nur
Die Rolle wider
Die man selbst spielt
Um sich zu �berspielen
Applaus, �berzeugend dargestellt
Das also ist man
Oder w�re man gerne
Wann ist die Maske abgelegt
Und was ist dann darunter zu erkennen?
Wohl doch nur die Maske unter der Maske
Die die Maske verbirgt





K�nigsmord

Schwarz und wei�
Symmetrisch, v�llig gleich
Wei� beginnt, Schwarz folgt
Dann wird gespielt
Hin und her
Actio gleich Reactio
Zug um Zug r�cken die Figuren vor
Werden gezogen, geschlagen
Geopfert
Fronten bilden, Bauern decken
Nadelstiche mit den Springern
Schon die ersten Z�ge k�nnen
Den Ausgang entscheiden
Taktik besiegt rohe Gewalt
Ratio schreit
Figuren fallen
Der K�nig steht im Schach
Die letzten Z�ge, dann -
Matt





Roman

Das Buch liegt aufgeschlagen da
Die ersten Seiten sind gelesen
Eingerissen und geknickt
Fast schon vergilbt
Der Gro�teil ist noch unbekannt
Die Handlung schwarz auf wei�
Vorbestimmt bis zum Ende
Wendepunkte steigern die Spannung
Kapitel schneiden sich in den Strang
Grenzen Fragmente voneinander ab
Danach geht es weiter
Wie bleibt verborgen
Bis es aufgedeckt wird
Wie wird das Ende sein?
Der Leser liest weiter
Der Protagonist qu�lt sich durch das Buch
Beide von Seite zu Seite
Von Satz zu Satz
Hinein ins Ungewisse
Bis hin zum Punkt





Scherbenhaufen

Grenzenlos und unbeirrbar
Sind die Gedanken �berall
In memoriam heile Welt
Nun liegt er vor uns
Der Scherbenhaufen
Fragmente und Tr�mmer
Von den Br�cken
Die uns verbanden
Jeden Schritt, den wir taten
Schlafwandelten wir nachts zur�ck
Vorbei, die Zeit der Wunder
Der Magneten und Bilder
Schatten, Leid und Schmerz
�bernahmen den Platz
Der Weg zur�ck verbaut
Versperrt durch hohe Mauern
Die wir uns selbst aufstellten
Das Licht war heller
Das Gras war gr�ner
Der Geschmack war s��er
Zur�ck zu einem Leben
Bestimmt durch Selbstzerfall
Zur�ck zu den lebensfeindlichen
Scherben






Judas

Einer von den Zw�lfen
Nie aufgefallen als Zweifler
Das letzte Mahl
T�ter und Opfer am selben Tisch
Der Herr wei�, was geplant ist
Er nimmt es hin
Weh dem Menschen, der ihn verraten wird
Es w�re besser
er w�re nie geboren worden
Einer der Zw�lf ist ein Teufel
30 Denare, ein Hungerlohn
lie�en ihn herab
Seinen Herrn zu verraten
Verkauft an seine Feinde
Verleugnet vor der Menschheit
Der Judaslohn
Nicht die Zeit wert
Die die Tat ihm abverlangte
Judas, wach auf
Auch dein Grab ist bereits geschaufelt
Armer Irrer, nur Mittel zum Zweck
Ausgenutzt und verbraucht
Vegetierst du nun vor dich hin
Schuldgef�hle peinigen dich
Und doch, die S�nden seien dir vergeben
Vor dem echten Herrn






II
Renovatio



Morgengrauen


Die Nacht ist dunkel und kalt
Nur wenig erhellt
Vom blassen Schein des Mondes
Abschreckend und unheimlich
Schatten bewegen sich
Schreie durchdringen die Stille
Ich finde keinen Schlaf hier
In diesem Traum
Ich f�rchte mich
Da im Osten, endlich
Breitet es sich aus
Erst nur ein helles Blau
Dann leicht rosa, g�lden werdend
Heller und heller
Erhebt sich ein feines Band
�ber der schwarzen Masse der Nacht
Strahlen warmen, weichen Lichtes
K�mpfen gegen die Dunkelheit
Zerschneiden sie, ringen sie nieder
Ein Funken - Hoffnung
Immer h�her, immer heller
Steigt das Licht den Himmel hinauf
Strahlt mir ins Gesicht
Blendet mich fast, w�rmt mich
Bis in die tiefsten Sorgenfalten
Vertreibt die vergangene Nacht
mit den d�steren Gedanken
Schenkt mir einen neuen Tag
Ein neues Leben
Erleuchtet mir den Weg
erw�rmt und ermutigt mich
Und doch -
die Nacht kommt wieder
Und sie wird wieder besiegt werden





Mona Lisa


Du l�chelst
Siehst mich an
Wo auch immer ich stehe
Dein Blick -
ganz undurchsichtig
Geheimnisvolle
Was willst du erz�hlen?
Stille Wasser sind tief
Erkl�re dich
Unschuldige
Brich dein Schweigen
Was belustigt dich?
Was ficht dich an?
Ich f�hle mich unwohl
von dir verfolgt
Leute wie mich brauchst du
ich gebe dir den Ruhm
der dir zusteht
F�r nichts und wieder nichts
au�er einem L�cheln -
deiner Fassade
Dein Ablick ...
macht mich s�chtig
Die Wollust packt mich
rei�t mich nieder
L�chle f�r mich
h�re nicht damit auf
oder ich
h�nge dich auf





Zirkus


Ich betrete das bunte Zelt
Die Welt kommt hier zusammen
Die Artisten und wilden Tiere
Publikumsmagneten
Ein Schauspiel f�r Alt und Jung
Auf kreisrunder B�hne
Im Sand und weit oben
In schwindelerregender H�he
Unter der farbigen Kuppel
Die Clowns scherzen lachen
Machen sich zum Narren
Ach ich w�r so gern ein Clown
Dann k�nnte ich immer lachen
Auch wenn es mir schlecht geht
K�nnte ich der Welt ein Gesicht zeigen
Zwar nicht wahr aber doch das
Was sie alle sehen wollen
Aber ich bin kein L�gner
Die Jongleure und Feuerspucker
f�hren hart Erlerntes auf
Ach k�nnte ich das nur auch
Das Spiel mit dem Feuer reizt mich
Das stetige Risiko
Beweist St�rke Mut Wahnsinn
Doch begreifen sie was sie riskieren
Ich denke zu viel wage zu wenig
Zu gro� ist die Furcht
Ganz da oben am Trapez
Segeln die Artisten durch die Luft
Der K�stler l�uft �ber das Seil
h�lt die Balance ohne Netz
�ber der g�hnenden Leere
Ach w�re ich doch auch ein Luftikus
Furchtlos wandelnd �ber Abgr�nden
Als g�be es keinen freien Fall
Zu hart aber ist die Realit�t
wenn man abst�rzt
Und doch
In mir ist ein ganzer Zirkus
Wie in jedem anderen auch
Jeder wagt riskiert st�rzt
verbrennt sich die Finger
lernt wiederholt und erfreut
perfektioniert seine K�nste
und beeindruckt auf seine Art





N�rnberg, o6.o5.2oo8



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