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Viele Zeitgenossen stehen dem Sport, der sich
hierzulande in den letzten Jahren wie eine Seuche ausbreitete,
nicht nur reserviert, sondern zum Teil auch ablehnend gegenüber.
Vor allem der Ultra-Triathlon, bei dem 3,8 km geschwommen, 180
km im (Rad-)Rennsattel zurückgelegt und ein Marathon von 42,195
km Länge absolviert werden müssen, rufen Widerstand und Kritik
auf den Plan.
Für Anhänger dieser Vielseitigkeitsprüfung, bei
der jeder Athlet an seine Grenzen stößt, ist solche Skepsis kaum
nachvollziehbar. Sie trainieren für "ihren" Kampf gegen sich
selbst tagein, tagaus, stellen ihre Ernährung und Lebensrhythmus
um und haben nur ein Ziel vor Augen: Den "Ultra" zu schaffen und
damit "Ironman" zu werden.
Auch den Mettmanner Artur Menzler, der in
Wettkämpfen für den TSV Solingen an den Start geht, reizte der
Kampf gegen sich selbst seit längerem und er nutzte die
inoffiziellen Europameisterschaften, die am vergangenen
Wochenende im fränkischen Roth ausgetragen wurden, zur Aufnahme
des Dreikampfs. Seine Eindrücke schildert er in dem
nachfolgenden Bericht, der aber unvollständig bliebe ohne die
Antwort auf die sicherlich oft gestellte Frage: "Warum
unterzieht sich jemand einer solchen Strapaze?" Artur Menzlers
Antwort ist denkbar einfach: "Das war ein wunderbares Gefühl,
als die Ziellinie in Sicht kam und die Zuschauer begeistert
mitjubelten. Diesen
Moment werde Ich in
mein Leben lang vor Augen haben, den kann mir niemand mehr
nehmen!"
Der "l. Ironman-Europe" beginnt für mich am
Wettkampftag bereits um vier Uhr in der Früh. Nach knapp vier
Stunden Schlaf -mehr waren vor Aufregung nicht zu schaffen -
reißt mich der Wecker jäh aus meinem Träumen. Um halb sechs
haben sich die Teilnehmer der Hawaii-Qualifikation am Main-
Donau-Kanal (Nähe Roth/Nürnberg) einzufinden zwecks
Registrierung und Armbeschriftung. Auch diese Aktionen ziehen
vorbei, nicht aber die Zweifel, die seit längerem im Kopf
herumschwirren: "War die Vorbereitung ausreichend, um diese
Ultra-Distanz Überhaupt anzugehen? Waren Trainingsaufbau und
Dosierung richtig? Reichen die allein in diesem Jahr
absolvierten 120 Schwimm-Kilometer, die 5400 Kilometer im Sattel
und das Laufpensum von knapp 1 800 Kilometer, um nicht auf der
Strecke zu bleiben ?!"
Ungewißheit und Zweifel
Ich vermeide bewußt, den Wendepunkt der
Schwimmstrecke abzuschätzen; vom Startplatz aus ist von einer
Wendemarke nichts zu sehen. "Die liegt hinter der nächsten Kurve
und einer Brücke in etwa zwei Kilometern Entfernung", hilft ein
Kontrolleur des Organisations-Teams allen ratlosen Athleten
weiter. Besser nicht weiterbohren! Stattdessen überprüfe ich zum
x-ten Mal alle Funktionen meiner Rennmaschine, kontrolliere
Rennrad- und Laufutensilien und ertappe mich mehrfach dabei, den
Ablauf an den Wechselstationen in Gedanken durchzuspielen. Also
dann: Neoprene, Schwimmanzug und Chlorbrille sowie Schwimmkappe
und Startnummer überstreifen -und ab in die 23 Grad warmen
Fluten des Main- Donau-Kanals. Die Außentemperaturen betragen an
diesem Morgen übrigens mal gerade 14 Grad, so daß dicke
Nebelschwaden aus der "Kanal-Badewanne" emporsteigen.
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Das Wasser liegt noch keine 20 Schritte hinter ihm, da
beginnt Artur Menzler bereits mit dem "Kleidertausch". Die
Reißverschlüsse des Neoprenanzuges befinden sich schon auf
halber Höhe, ein kräftiger Zug am Wechselplatz genügt, um
blitzschnell aus der zweiten Haut zu schlüpfen. Foto
privat |
Ein einziger, langgezogener Riesenschrei füllt
plötzlich die Luft -700 Starter begeben sich von der Vertikalen
in die Horizontale und nehmen den Kampf gegen die Strecke und
vor allem gegen sich selbst auf. Doch zunächst ist es eher ein
Kampf gegen die Konkurrenz, denn 1 400 Arme wühlen plötzlich das
bis Punkt sieben Uhr ruhig dahinfließende Naß auf. Ich habe
Mühe, mich ungeschoren fortzubewegen; ständig ernte ich Schläge
und Tritte und finde nur langsam zum gewohnten Rhythmus. "Nur
die Ruhe bewahren", rede ich mir immer wieder ein, "finde deinen
Schwimmstil!" Doch wo ist der nur abgeblieben?..
Dennoch geht die Zeit relativschnell vorbei; da
ist schon die Brücke und mit einer gehörigen Portion Mut geht es
rum um die Wendeboje. Den wild um sich schlagenden
Kraul-Nachbarn lasse ich vorbeiziehen, mit diesem Stil ist der
sowieso gleich wieder hinter mir. Die Schwimmbrille sitzt noch,
das Feld ist mittlerweile auseinandergezogen und auf dem Rückweg
dürfte es noch schneller gehen.
Nacheiner Stunde und fünf Minuten flitze ich aus
dem Wasser , krabbel' in die Wechselzone, nehme den
Kleiderbeutel auf und verdrücke mich ins Zelt. Organisation und
Unterstützung der Helfer sind vorbildlich; der Veranstalter,
Detlef Kühnel, hat wieder einmal ganze Arbeit geleistet! Ich
lasse mir Zeit, Neoprenanzug und Badekappe gegen Trikot und Helm
zu tauschen - viel zu viel Zeit, wie sich später herausstellen
wird. Aber mit dem Gedanken "nur die Ruhe kann es bringen"
besteige ich meine Rennmaschine und schon nach wenigen
Umdrehungen zeigt der Tacho 40 km/h an.
180 km Auf und Ab
Die
Strecke, gespickt mit kurzen, aber kräftigen Anstiegen zwischen
acht und 12 Prozent, ist nicht leicht zu fahren, aber dank der
guten Asphaltierung rollt das Rad ohne Probleme. Dank reichlich
vorhandener Verpflegungsstellen tritt auch kein Nährstoffmangel
auf; nur kurzzeitig
erwischt mich der "tote
Punkt" - ausgerechnet zu dem Zeitpunkt,
als mich Andreas Rudolph bei Kilometer 110 überholt. "Wieso
kommst Du erst jetzt?" rufe ich meinem zehn Jahre jüngeren
Vereinskameraden zu. "Ich will ja noch Marathon laufen", lautet
die ebenso hastig zurückgeworfene Antwort. Da sind sie wieder,
meine Zweifel: Fahre ich zu schnell?
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Auf diesem "Flitzer" absolvierte Menzler die 180 km
lange Radstrecke. Auf mindestens 10 Minuten bezifferte
Mettmanns erster "Ironman" den zeitgewinn, den ein
derartiges Garbon-Hinterrad ermöglicht. . Foto
privat |
Und schon
sitze ich im Loch, werde müde und habe Schwierigkeiten, den
runden Tritt zu halten. "Nur nicht nervös werden", motiviere ich
mich selber und lasse mich vom Spalier der jubelnden und
begeistert mitgehenden Menge vorantreiben. Die Anfeuerungsrufe,
die überfällige Mineralstoffzufuhr sowie ein kleiner Sperling,
der vor meiner Maschine kreist und simultan zu meinem Wiegetritt
–Rhythmus den Berg heraufschwingt helfen mir über die
Durststrecke und nur die plötzlich aufzuckende Sorge "Mensch, Du
hast Dich verfahren - an dieser Stelle war ich doch schon
dreimal" stiftet noch einmal kurzfristig Verwirrung.
Trugschluß
Nach fünf Stunden und 14
Minuten sind die 181 km endlich abgehakt, das Rad in der
Wechselzone abgestellt und die Gedanken beim Marathon. Eine Zeit
unter zehn Stunden sollte jetzt eigentlich zu schaffen sein,
mache ich mir selbst Hoffnung und gebe der Sonne, die mich auf
dem Rad beflügelt hat, einige Bonuspunkte. Doch die Hoffnung
sollte sich auf der 42 km langen Strecke als Trugschluß
erweisen, die Sonne nun zur Qual werden. Schon beim lockeren
Antraben macht sich die nicht auskurierte Verletzung in der
Kniekehle bemerkbar; "das schaffst Du nie!" schießt es mir
sofort durch den Kopf! Und das nach wenigen Metern auftauchende
Hinweisschild - noch 41 km -trägt auch nicht gerade zur
Stimulation bei. Jetzt nur einfach weitermachen, nicht an die
Distanz denken. ..
Nach fünf
Kilometer kommt plötzlich Freude auf: Vor mir tippelt Hans-Jörg
Herzog, mein Altersklassen-Rivale aus Konstanz. Schon bin ich
vorbei, ohne daß der souveräne Sieger des diesjährigen
Deutschland-Cups (M 40) dies Überhaupt richtig aufnimmt. Nach 46
Minuten ist das erste Viertel erledigt, doch plötzlich bekomme
ich die Quittung für mein zu hohes Anfangstempo. Durst und
Müdigkeit bemächtigen sich meiner, "stehen bleiben" ist mein
einziger Gedanke. Das fälschlischerweise bereits am Vortag
zubereitete Mineralgetränk schmeckt einfach scheußlich, die an
den Verpflegungsstationen im Abstand von 2 000 Metern gereichten
Getränke sind zu süß und das stattdessen gebotene Wasser ist
gerade gut genug, um dem Kopf eine Abkühlung zu gönnen.
"Durststrecke"
Da
kommen mir auch schon der Holländer Axel Koenders und Dirk
Aschmoneit entgegen, die bereits den ersten Wendepunkt passiert
haben. Die haben ja einen "Affenzahn drauf'! Und kurz darauf
folgen meine Teamgefährten vom TSV Solingen; auch wenn die Grüße
nur mit gezwungenem Lächeln abgegeben werden, die Zurufe helfen.
Noch 24 Kilometer! Diese Schilder machen mich fast wahnsinnig!
Bloß nicht anhalten! Und dann bleibe ich doch an einer
Verpflegungsstation stehen und versuche, über gymnastische
Übungen neue
Kräfte zu
sammeln. Die Andren ziehen vorbei, unter Ihnen auch
Hans-Jörg Herzog, der mir einen aufmunternden Klaps auf den
Hintern gibt. Dabei ist er selber offensichtlich "platt"...
Langsam trabe ich wieder an, habe meinen Tiefpunkt aber immer
noch nicht überwunden. Endlich taucht ein Gasthaus vor mir auf
und auf die Frage "wer stiftet einem Verdurstenden ein Bier"
werden mir spontan vier bis zum Rande gefüllte Gläser
entgegengestreckt. Ich schlürfe das kühle Nass genüßlich
herunter und mache mich trotz der Muskel- und Sehnenschmerzen
weiter auf den Weg. Aber erst nach Aufnahme weiterer
Flüssigkeit, vor allem eines Mineralgetränks, fasse ich wieder
Tritt. Bald habe ich Herzog erneut erreicht und biete ihm an,
den Rest der Strecke gemeinsam zu bewältigen. Doch der
Konstanzer muß passen, schon nach wenigen Schritten kann ich
mich absetzen.
Neuer Schwung
Allmählich wird mir klar, daß ich den "Ultra" schaffen kann! Nur
noch zwölf Kilometer - kämpfen, beißen, die Schmerzen vergessen
und an den persönlichen Sieg glauben. Kurz hinter der letzten
Wendemarke zieht zwar Rita Keitmann, Siegerin des
Damen-Wettbewerbs und erste "Ironwoman", locker an mir vorbei,
doch das kann mich jetzt auch nicht mehr aus der Fassung
bringen. Die Zuschauer am Wegesrand treiben einen förmlich
voran..:. plötzlich geht alles viel leichter und schwungvoller!
Ein Kilometer noch, 500 Meter, die Aufschrift
"Finish Line" -und dann bin ich endlich im Ziel, umgeben von
einer tobenden, begeisterten Menge. Durch den Lautsprechertönen
mein Name und meine Anschrift -ein Gefühl größten Glücks
überzieht mich. Die Neun-Stunden-Zeit ist zwar passe -10:10
Stunden wurden es insgesamt, aber das alles zählt jetzt nicht
mehr: die Qualifikation für den Hawaii:.."Ironman" ist
geschafft! |