2008-10-23
Aus meiner Sicht stellt sich die
Frage, ob die politischen Institutionen allein den Anforderungen gerecht werden
können, die der derzeit zu beobachtende rasche Wandel der Gesellschaften an
eine befriedigende und damit zugleich befriedende Regulierung des immer
komplexer werdenden Gemenges der Interessen stellt. Es ist natürlich
menschlich, seine Zeit mit ideologischem Gerangel zu vergeuden. Doch wohl alle
Ideologien gehen letzten Endes auf eine Präferenz bestimmte menschlicher
Verhaltensnormen zurück, deren tragende Grundprinzipien häufig bis in das
Tierreich zurückzureichen scheinen. Ihre herausragende Rolle verdankt unsere
Spezies allerdings eher ihrer besonderen organisatorischen Gewandtheit, der
daraus resultierenden Leistungsfähigkeit und darüber hinaus allgemein ihrer
Erkenntnisfähigkeit.
Einerseits hat uns die Geschichte
gelehrt, dass es im Rahmen des fortschreitendenden soziologischen Wandels immer
wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen ist und es dazu zumindest
derzeit auch immer wieder kommen wird, andererseits können wir beobachten, wie
immer mehr und immer größer werdende Staatengebilde dazu führen, dass in ihrem
Inneren immer weniger Interessenskonflikte gewaltsam gelöst werden. Wenn uns
die Geschichte also eines gelehrt haben sollte, dann, dass Menschen durch den
organisierten Ausgleich ihrer Interessen in der Lage sind, die Eskalation von
Konflikten zu vermeiden und zugleich ihren Wohlstand zu fördern.
Doch die Geschichte hat uns auch
gelehrt, dass der ideologisch geprägte Widerstreit häufig die Eskalation von
Konflikten begünstigt, insbesondere wenn sich verschiedene ideologische Lager
herausgebildet haben, aus denen heraus die einzelnen Akteure ihre Perspektive
und damit auch ihre Zukunft verknüpft sehen. Rezession führt daher in aller
Regel zu einer zusätzlichen, der Vitalität der Volkswirtschaften und des
Welthandels entgegengesetzten Verzerrung der ökonomischen Strukturen – also auch
zu einer strukturellen Regression.
Konsequenterweise möchte ich
darauf hinweisen, dass die Gräben zwischen den gesellschaftlichen Schichten
umso stärker auf klaffen, je stärker der gesellschaftliche Wohlstand gefährdet
ist und je größer die zu erwartenden Umbrüche und die damit verbundenen
Unsicherheiten für den Einzelnen sind. Strukturell soziale und strukturell
organisatorische gesellschaftliche Integrität bedingen einander.
Zu Zeiten bevorstehender
gesellschaftlicher Umbrüche, stellt das Erreichen von sozialer und
organisatorischer Integrität eine Mindestanforderung dar, gesellschaftlichen
Wohlstand und damit Frieden wahren zu können. Die Auswirkungen der
Bevölkerungsexplosion und die, dadurch verursachte massive Zerstörung der
Umwelt, werden in absehbarer Zeit den Menschen dazu zwingen, sich stärker an
die Natur anzupassen. Ja, wir werden sogar gezwungen sein, umfangreiche
Anstrengungen zu unternehmen, sie wieder in Stand zu setzen, wollen wir nicht
die Grundlagen unseres Wohlergehens endgültig zerstören.
Bezüglich der Grundlagen unseres
Wohlergehens schreiben wir „rote Zahlen“, die traditionellen Ressourcen
schwinden, zum Leid des Menschen und seiner Lebensgrundlagen werden die
notwendigen ökonomischen Reformen nicht durchgeführt, die global-politische Stagnation
führt zu einer ständig vorherrschenden Gefahr der Eskalation von Konflikten,
wir befinden uns inmitten einer Katastrophe bezüglich des, für uns
unumkehrbaren Rückgangs der Artenvielfalt. Wir Menschen produzieren permanent
geradezu grandios unermessliche Schäden an unseren Lebensgrundlagen, welche
einmal die unserer Nachfahren sein werden.
Auf der einen Seite verdrängen
die globalen Interessen mit zunehmender Geschwindigkeit die nationalen. Auf der
anderen Seite mangelt es an strukturell bzw. institutionell global-politischer
Verbindlichkeit, welche zum Aufbau einer ausreichenden konzeptionellen
Integrität vonnöten wäre, um den immer rascher fortschreitenden soziologischen
Wandel zum Vorteil des Menschen bestmöglich handhaben zu können. Wir sind noch
weit davon entfernt, behaupten zu dürfen, dass die Menschheit eine intentional,
programmatisch sowie konstitutionell integere und entsprechend entscheidungs-,
handlungs- und damit reaktionsfähige Zivilisation darstellt.
©2008 Tobias Waehneldt