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Das Leben von Holger Berlinghoff
oder :wie alles begann...

Es ist unmöglich die Geschichte vom großen Berlinghoff zu erzählen, ohne meine eigene zu erzählen. 

Geboren wurde der kleine Berlinghoff als Sohn eines irischen Einwanderers und einer polnischen Rucksacktouristin im Bonn der 20er Jahre. Der Vater, der beseelt war von zu viel Wein, hatte einer jungen Polin schöne Augen gemacht, verließ aber die junge Familie noch vor Berlinghoffs Geburt.
So geschah es, dass Berlinghoff, soeben erst geboren, bereits der Haupternährer der Familie war.

Bonn (Der alte Marktplatz von Bonn ca. 1920)

Im Alter von fünf Jahren kam es für ihn zum ersten Mal zu einer erwähnenswerten Begegnung.
„Fred“ war sein erster und jahrelang sein einziger Freund. 
Die Beutelratte, die ihm vor dem  Kunstmuseum auf der Friedrich-Ebert-Allee in Bonn zulief, wurde zu einem Teil seines Lebens und zu seiner Sozialisation.
Holger, inzwischen trat die irische Herkunft in Form der rotblonden Haare schon klar zutage, und Fred traten zusammen in der Bonner Fußgängerzone auf.
Sie nannten sich „Das Trio Zweisam“, was eine beachtliche Leistung für einen fünfjährigen Jungen und seine Beutelratte war.

Wenn Holger um Zuschauer buhlte, waren seine Worte immer die gleichen.
„Seht das kleine hässliche, stinkende, gezähmte Ding, wie es Kunststücke vorführt und lasst euch von seiner Beweglichkeit faszinieren. Oh, und eine Beutelratte gibt es auch noch.“

Herbert Frahm ( "Das Trio Zweisam ist doof" )

Fünf Jahre gingen so bedeutungslos ins Land, bis es für Berlinghoff zu seiner nächsten schicksalhaften Begegnung kommen sollte.
Herbert Ernst Karl Frahm befindet sich auf der Flucht vor den Nazis in Bonn und wartet auf sein Visum. Er vertreibt sich die Zeit in der Fußgängerzone und trifft dort gedankenverloren auf das „Trio Zweisam“
Nach der Vorstellung richtet er kurz das Wort an die beiden, um ihnen sein Mitgefühl auszudrücken.
Berlinghoff beginnt spontan Frahm zu imitieren, was dieser keinen Moment lustig findet. 
Berlinghoff nimmt die Frahm – Imitation ins Programm auf und erzielte damit große Erfolge im Kleinkunstgewerbe.
Frahm hingegen emigrierte nach Norwegen und nannte sich fortan, um der Schmach der Imitation zu entgehen, nur noch Willy Brandt.

In der Mitte der dreißiger Jahre verbot die Bonner Stadtverwaltung im Zuge von „Maßnahmen zur Stadtverschönerung“ die Kleinkunst in der Fußgängerzone. Berlinghoff entschloss sich daraufhin die Welt zu sehen und verließ Bonn, ohne sich von seiner Mutter zu verabschieden. Sein Weg führte ihn nach Osten. Sein Ziel war Berlin.
Auf der Reise verstarb Fred an einer Krankheit.
Um den Verlust verarbeiten zu können machte Berlinghoff Station auf einem Bauernhof bei Kassel. Eine arbeitsreiche Zeit beginnt, in der Berlinghoff sich zum ersten Mal verliebt.
Mimi Kopetzki hatte es Berlinghoff so sehr angetan, dass er den ganzen Krieg nicht mitbekam und erst 1945, als die „Festung Kassel“ fiel, von Soldaten der 80.Infanteriedivision der US-Truppen, die er nicht verstand, von der Existenz des Krieges erfuhr.
Geschockt davon verließ er Mimi und Kassel, obwohl Oberbürgermeister Seidel ihm einen lukrativen Bürojob im Bürgermeisteramt anbot. 

Rathaus in Kassel ( "Berlinghoff geh´ nicht." )

Berlinghoff,  jetzt 22 Jahre alt, setzt seine Reise in Richtung Berlin fort.
Nicht ohne zuvor noch Kassel zu besichtigen, das er am 09.05.1945, eine Woche nach der Kapitulation Kassels, erreicht.

Die 80.Infanteriedivision ( hat Angst auf dem Weg nach Berlin erschossen zu werden )

Gemeinsam mit der 80.Infanteriedivision begibt er sich daraufhin schnellstens nach Berlin und hält dort vor dem schwerst zerstörten Brandenburger Tor spontan seine inzwischen weltbekannte „Berliner Rede“.
 „Hier ist ja alles kaputt. Hier bleibe ich nicht. Ich komme erst wieder, wenn alles repariert ist.“

Die begeisterte Menge, die fast nur aus späteren Trümmerfrauen besteht, sieht in dieser Rede ein Zeichen des Aufbruchs und beginnt sofort die Stadt wieder aufzubauen.

Das Brandenburger Tor 1945 
( hier zusammen mit einem zerstörten LKW auf dem Berlinghoff seine `Berliner Rede`hielt ) 

Nach seiner Rede beschließt Berlinghoff Deutschland zu verlassen, kommt aber nur bis Hamburg, wo er sofort studiert. Berlinghoff, der bis dahin noch nie eine Schule von innen gesehen hatte, dies jedoch zu verschweigen verstand, machte 1950 seinen Abschluss in Jura als Jahrgangsbester.
Er praktizierte seinen Beruf jedoch nie, da er sich nie wirklich für Juristerei interessiert hat.
Dennoch kam es 1950 zu einer weiteren schicksalhaften Begegnung für Berlinghoff. Auf dem Hamburger Parteitag der SPD wurde es Kurt Schumacher zu langweilig und er beschloss einen Spaziergang zu machen.

Kurt Schumacher ( auf dem SPD-Parteitag 1950 in Hamburg )

Im Hamburger traf Schumacher dann auf einen gutgelaunten Berlinghoff, der dabei war Tauben zu füttern. Beide fanden schnell heraus, dass sie die Liebe zu Tauben und die Abneigung zur Christdemokratie gemeinsam hatten. Sie verbrachten einen wunderschönen Tag zusammen, bei der es zu folgenden Dialog kam :

Berlinghoff :„Ich habe früher in der Bonner Theaterszene Kleinkunst gemacht.“
Schumacher : „Ach?“
Berlinghoff :„Besonders berühmt war ich für meine Herbert Ernst Frahm – Imitation.“
Schumacher : „Ja?“
Berlinghoff (imitierend) :"Ich bin Herbert Ernst Frahm.“
Schumacher :„Das klingt wie Willy Brandt.“

Als Schumacher zwei Jahre später verstarb, sollen der Legende nach seine letzten Gedanken dieser Begegnung mit Berlinghoff gegolten haben.

Die nächsten zwanzig Jahre von Berlinghoff liegen für uns im absolut spekulativen Bereich. Unbestritten ist, dass er Teile dieser Jahre in Irland und Wales verbracht hat. Aber alles andere, besonders seine Beziehung zu der jungen Diane Francis Spencer, die er zur Fasanenjagd angeregt haben soll, sind reine Spekulationen.

Diane Spencer ( "Gut, dass ich Fasane jagen kann" )

Zu Beginn der 70er Jahre findet man dann wieder Spuren von Berlinghoff. Er ist inzwischen in die USA übergesiedelt, wo er sich zunächst nur das New York der 70er Jahre ansieht. 
Rasch bekommt er allerdings Langeweile und sucht nach einer Aufgabe und schleicht sich in New York in bessere Kreise ein.
Er bewegt sich einige Zeit in der High Society New Yorks, bis ihn ein Freund überredet nach Silicon Valley umzuziehen.
Dort entwickelte er zusammen mit Seymore Cray 1971 den ersten Vektorrechner „Cray 1“ und wurde damit unermesslich reich.

Berlinghoff (Mitte) und sein Team vor dem Cray 1

Er verlor jedoch alles, weil er 1972 das Bürohaus „Watergate“ investiert hatte, in das 1973 keine Firma mehr einziehen wollte, was für Berlinghoff ein Mysterium wurde und bis heute blieb.
Für sein Schweigen erhält Berlinghoff seit der Zeit vom CIA eine großzügige Rente, von der er nicht weiß, wofür er sie bekommt.
Dannach verschlug es Berlinghoff nach Münster, weil er Regen liebt.
An der Universität in Münster macht er fünf Jahre später einen weiteren Abschluss in Metaethik.
Weitere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent der WWU Münster folgen.
1989, als er von dem bevorstehenden Fall der Mauer erfährt, reist er ein zweites Mal nach Berlin und hält, eine weitere Rede vor der Berliner Mauer in Sichtweite des, inzwischen restaurierten, Brandenburger Tors.

„Schön, dass ihr das hier so schön hingekriegt habt. Das mit dem Tor und alles. Aber jetzt nicht nachlassen.“

Die begeisterte Menge, die diesmal nicht nur aus Trümmerfrauen besteht, sieht in den Worten von Berlinghoff ein weiteres Signal zum Aufbruch und reißt spontan die Berliner Mauer nieder.

Berlin 1989 
( "Der Berlinghoff hat gesagt, wir sollen die Mauer kaputt machen" )

Berlinghoff bleibt in Berlin und organisiert 1990 zusammen mit Westbam die zweite Loveparade, auf der er eigentlich nur irische Folkmusik spielen will. Westbam setzt sich jedoch durch und Berlinghoff reist erbost nach Münster ab.

Dort lehrt er noch drei weitere Jahre an der WWU, wo er 1993 emeritiert.
 

 Seitdem sitzt Berlinghoff nur noch in dem Irish Pub auf der Weseler Strasse in Münster und vertreibt sich die Zeit mit dem Verfassen von Limericks und wartet auf den Tod.

Berlinghoff (im Irish Pub aushelfend und auf den Tod wartend)

Oh, jetzt habe ich die Geschichte von Berlinghoff ja doch erzählt, ohne meine eigene zu erzählen.

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