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Das erfüllte Leben von Sieveking



Es war ein Samstag, als der Farmer Dwight D. Sieveking sich aufmachte, um in Boston an einem Farmerkongress teilzunehmen. Es ist der 6. Dezember 1941. Der Kongress ist für den 23-jährigen Dwight ein voller Erfolg und beschwingt bricht er mit einigen Geschäftskollegen auf, den Abend in einer Bar zu verbringen.


Farmerkongress ( 1941 in Boston )

Dort lernt er an der Theke Susi Jenkins kennen. Er verliebt sich sofort unsterblich in sie. Sie liebt zurück und sie verbringen die Nacht und den anschließenden Tag im Bett.

 

Susi Sieveking geb. Jenkins ( kurz vor ihrem Tod im Juni 1983 )

So kriegen beide den Angriff auf Pearl Harbour nicht mit und zeugen am letzten unbeschwerten Tag Amerikas einen Sohn. Dwight heiratet Susi fünf Wochen später. Sie schenkt ihm am 28. August 1942 einen gesunden Sohn :
Pete D. Sieveking.



Pete D. Sieveking  
( hier im Alter von einem Jahr 1943 )

Kurz nach Petes Geburt muß Dwight jedoch die junge Familie verlassen, um im fernen Europa mitzuhelfen, die armen Deutschen von ihrem ungeliebten Führer zu befreien. Nachdem er einige Tage in Irland verbracht hat, von wo er dem kleinen Pete eine irische Flöte nach Hause schickte, mit der Pete dann seiner Mutter gehörig auf die Nerven ging, nahm Dwight an der Landung in der Normandie teil. Es ging auch alles gut, bis er dann eines Tages bei einem Bad in der Elbe, wo die amerikanischen und russischen Truppen ihren gemeinsamen Sieg über Nazi- Deutschland feierten, einen Krampf bekam und ertrank.
So wuchs der kleine Pete in Neu- England ohne seinen Vater auf. Alles was ihn an ihn erinnerte, waren die Geschichten der Mutter und die Pfeife, die der Vater ihm geschickt hatte. Die Mutter bemerkte schnell, dass dem kleinen Pete ein gewisses musikalisches Talent in die Wiege gelegt worden war.
In den folgenden Jahren trat der Junge flötender Weise auf Jahrmärkten und Erntedankfesten auf, so dass „Flötenpetie“, wie man ihn mittlerweile nannte, im amerikanischen Mittelwesten zu einigem Ansehen kam. In der Folgezeit spielte er mit Musikern wie Buddy Holly, Richy Havens und Lynyrd Skynyrd. In diese Zeit fällt auch das Erwachen seines regen Interesses am Berufsfeld des Flugzeugmechanikers. Seine musikalische Karriere endete mit einem Zwischenfall auf dem Altamont- Konzert 1966. Betrunkene Motorradrocker hatten nach dem Gig der Rolling Stones, Petes rituelles Wedeln mit der Flöte, als aggressive Geste missdeutet. So kam es zu Massenschlägereien, Brandstiftung und dem damit einhergehenden Verlust seiner Zahnspange.
Es folgten Flucht, schiefe Zähne und tiefe Schuldgefühle, denn obwohl Pete mit seiner Irentröte immer für die Verbesserung der Welt aufgespielt hatte, waren mehrere Zaungäste und Altrocker zu Tode gekommen, die kein Flötenslide mehr lebendig machen konnte.
Enttäuscht und ausgemergelt landet er auf einer Farm in Texas, wo er sich von Kakteen ernährt und der staubige Wind ihm die Zähne allmählich wieder zu einem makellosen Gebiss geradeweht. Er schuftet hart, und nach vier Jahren kommt am 27. Oktober 1970 zum ersten Mal Besuch von der 76 Meilen entfernten Nachbarfarm:
Farmertochter Tammy Wynette hat weisse Stiefel an und pfeift ihr Erstlingswerk
 ‚Stand by your Man’.

 

Tammy Wynette ( "Bleib bei deinem Mann" )

Pete flötet mit, gewinnt Tammy sofort zur Frau und schenkt ihr einen Zwiebelring zur Verlobung. Elvis Presley gibt in diesem Jahr 138 Konzerte – 114 davon in Las Vegas.

Beide heiraten am 16.11.1970.
Die Ehe wird jedoch nach nur einer Woche am 23.11.1970 für unrechtmäßig erklärt, da Tammy Wynette noch minderjährig war. Sieveking sah sie nie wieder, außer auf Bildern.
Verwirrt davon macht Sieveking sich auf eine Selbstfindungstour durch Europa. Er bereist Portugal, Spanien, Frankreich und trifft am 10.02.71 in London ein, dass er sofort liebt. Hier sollte sich sein Leben für immer verändern.
Pacco, ein 57 jähriger Lissabonner, begleitet Sieveking inzwischen und sie steigen im „The London Ryan“ ab. Am 11.02.71 besichtigen sie die großen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Gegen Abend erreichen sie die „London Bridge“, wo sie von der Gewalt des Monumentes sprachlos eine Stunde verharren.



Pacco ( hier vor der London Bridge )

Es ist Pacco, der sich als erster aus der Starre befreien kann, da er ein bekanntes Gesicht sieht. Uschi Glas, inzwischen 26 Jahre alt, die er aus den Winnetoufilmen kennt, betritt die Brücke. Er macht Sieveking darauf aufmerksam, welche europäische Berühmtheit da mit ihnen auf der Brücke steht, was diesen zu einem Satz verleitet, der noch jahrzehntelang das Image von Sieveking prägen sollte.

„Komm, die orgeln wir.“

Uschi Glas befand sich gerade für die Außenaufnahmen für ihren Film „Die Tote aus der Themse“ in London und hatte einen langen Drehtag hinter sich. Nach ihrer Darstellung kam es „nie zu irgendwelchen Orgeleien auf der London Bridge, egal mit wem.“





Filmplakat "Die Tote aus der Themse"

Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, was sich an jenem Abend auf der London Bridge wirklich abgespielt hat.
Die Version von Pacco lautet jedenfalls so:
„Jetzt soll ich schon wieder über die Orgelei mit der Glas auf der London Bridge Auskunft geben. Na ja, wir ließen unten rum nie etwas anbrennen, waren immer up to date und voll cool. Wir hatten grade eine Stunde auf der London Bridge gestanden, da sahen wir die Glas.
`Mir platzt gleich der Samenleiter`, hab ich gesagt.
`Komm, die orgeln wir`, hatte Sieveking geantwortet.
Als wir auf die Glas zu gingen waren unsere Hosen schon ganz ranzig wegen des Vorfreudeglibberschmiers. Die Glas stand abwesend dreinblickend und müde vom Filmedrehen da und blickte auf die Themse.
`Scheiß drauf, das ist Apanatschi`, sagte ich.
Also besorgten wir es dem Halbblut.
Das bemerkenswerteste aber war, dass uns anscheinend von den tausenden von Menschen offenbar niemand dabei beobachtet hatte.
Der Rummel darum kam ja erst viel später, als ich das ganze der Zeitschrift `Bunte` erzählt hatte und die Glas uns verklagt hat.
Also mich und die `Bunte`“
(Auszug aus einem Interview von Klaus Bednarz mit Pacco 1983)



Klaus Bednarz ( hier 1983 )

In seiner 1995 erschienen Autobiografie „Silberstreif“ bestreitet Sieveking vehement, den Satz „Komm, die orgeln wir“ jemals so gesagt zu haben. Der Streit, ob Sieveking diesen Satz je so gesagt hat, führt direkt nach der Londonreise zum Zerwürfnis mit Pacco. Dieser macht jedoch Karriere in Talkshows und Politsendungen, indem er immer wieder die Geschichte erzählte, wie er damals mit dem Sieveking auf der London Bridge die Glas georgelt hat.
1971 gab Elvis Presley 355 Konzerte, davon 122 in Las Vegas.

Im folgenden Jahr, also 1972, zog Sieveking nach Hamburg um, angeblich, um dort auf den Spuren des fünften Beatle, Stuart Suttcliffe, zu wandeln und ein Verhältnis mit einer Fotografin anzufangen. Er wurde auch an der Kunsthochschule zu Hamburg angenommen, brach sein Kunststudium allerdings wieder ab, um sich noch einmal ganz dem Rock’nRoll zu widmen, den er 1974 wieder entdeckte. Vor allem die Bands Slade und Sweet haben es dem mittlerweile 33- Jährigen angetan. Später entdeckte er auch Freddy Mercurys Band Queen für sich. Sieveking gründete zusammen mit ein paar Freunden eine kleine Fanzine, die er ab 1976 unter dem Namen „the modern Times of Rock’n’Roll“, eigentlich ein Queen Titel, herausgab. Durch diese Zeitschrift lernte Sieveking dann auch 1979 Freddy Mercury kennen, mit dem ihn eine innige Männerfreundschaft bis zu dessen Tod verband. Da in den späten Siebzigern eine musikalische Revolution auch durch Deutschland ging, die Sieveking allerdings leider total verpasste und die später unter dem Namen Punk Rock in die Annalen der Musikgeschichte eingehen sollte, veränderte sich die musikalische Landschaft im Land, und auch die Mode betrat neue Wege. Nur leider ohne Pete Sieveking. Der rannte 1982 noch in Rüschenhemden durch die Gegend. Als er sich daraufhin dem Spott der gesamten Redaktion seiner Zeitschrift und sowieso aller Künstler Hamburgs zugezogen hatte, kehrte er verbittert der Welt der Künstler den Rücken, um ins Wendland zu gehen und in einer alternativen Öko- Kommune Lederhosen herzustellen.



Sieveking vor der Kommune 66 (rechts)
hier mit seinem Enkel Björn Wynette-Sieveking


Das ehemalige Fanzine entwickelte sich zu einem herausragenden und überaus erfolgreichen Blatt, was moderne Musik angeht. Sein ehemaliger Weggefährte Pacco kommentierte in seinem Interview mit Klaus Bednarz das ganze ungefähr so: „ Ja, der Pete. Entweder der Zeit hoffnungslos hinterher, oder er geht viel zu früh. Das war ja damals auf der London Bridge mit dem Halbblut Apanachi nicht anders, hähä.“
Elvis Presley gab in diesem Jahr 212 Konzerte, 199 davon in Las Vegas.

(Erstaunlicherweise posthum)
Sieveking entschliesst sich am 13.04.82 endlich, mit dem Scheiss aufzuhören, schneidet sich die Haare und bekommt einen Job beim WDR.



Sieveking ( rechts )
"Der WDR hat mich nur benutzt."


Neben Götz George als Hauptkommisar Schimanski, geht er von nun an unter seinem Künstlernamen Eberhardt Feik als Kommisar Christian Tanner auf Ganovenjagd. Nach über einem Dutzend beliebter Tatortfolgen, fällt ihm 1989 jedoch der angeklebte Kostüm- Schnurrbart ab. Der mittellose WDR kann sich keinen Schnurrbartkleber leisten und entlässt ihn daraufhin. Als Abfindung erhält er nur eine Schildkröte namens Eckhardt und einen Groschen, von dem er sich eine Plastikflöte aus dem Kaugummiautomaten ziehen kann. Am Boden zerstört, verbringt er die Jahre 89-96 zumeist weinend auf dem Bürgersteig vor dem Friedenssaal in Osnabrück, schicksalshafter Weise in dem Glauben, er säße vor dem Friedenssaal in Münster.
Eugen Drewermann - exkommuniziert und voll cool - kommt vorbei, nimmt ihn  zu sich und päppelt ihn wieder auf, indem er ihm täglich eine Schüssel heissen Dampf zu essen gibt. Wochenlang diskutieren die beiden über die Bringschuld der katholischen Laienbewegeung und trennen sich am 11. 11. ´96 im Streit.



Eugen Drewermann
( hier beim ökumenischen Friedensnetz 2002 )


Sieveking (55) erzählt der ‚Bunten’ und Bednarz : ‚Ich sagte zu Drewermann, dass die Kirche versagt hätte. Eugen holte zu einer Erwiderung aus. Ich war inzwischen einkaufen gegangen, und als ich zurückkam, beendete Drewermann soeben endlich seinen Satz. Sofort ereiferte er sich, dass ich eine Bischofsmütze trug, und liess nicht gelten, dass ich sie doch nur auf der Strasse gefunden und aus Spass aufgesetzt hatte. Er schlug mich mit einer Schachtel Erbsen, und nach einem gemeinsamen Gottesdienst floh ich unbekleidet.’



Bednarz ( hier 1996 )

Eine zufällig errichtete Menschenkette von Friedenssaal zu Friedenssaal führt ihn noch am Abend nach Münster.
Dort lockt ihn eine alte Vettel ins Kreuzviertel, denn da ist es hip. Er findet ein Zimmer in einer Musikerkommune, man gründet die Black-Metal-Band ‚Total Fucking Darkness’, geht vier Jahre lang im Kuhviertel auf Tour und landet zu Silvester 1999 musikalisch enttäuscht am Bahnhof.



"Total Fucking Darkness"

Vor allem Pete sieht keine Pespektive und mag nie wieder Corpsepaint auflegen und bringt dies auch vor, doch gerade da setzt das Silvestergeböller ein, und niemand kann ihn hören. Er verlässt die Band, die Bunte schreibt von ‚musikalischen Differenzen’.
Die Zahl 2000 möchte er indes unbedingt für einen Neuanfang nutzen, also schreibt er sich an der Kaiser-Wilhelms-Gedächtnis-Uni für Ur- und Neueste Geschichte ein. Das Hochschulradio Q wird unmittelbar auf seine gekonnten Multimedia-Referate aufmerksam und engagiert ihn.
Von da an geht es bergauf und Pete hat ein gutes Gefühl: Er kann gut mit einem Mikrofon um, ganz Münster liebt seine sanfte Stimme, und das Merchandise für seine Sendung Qrpackung’ findet regen Absatz.
Heute lebt Sieveking in einem gut ausgestatteten Loft am Hansaring, ist stolzer Besitzer einer Internetadresse, bekommt täglich Besuch und weiss die Realität zu schätzen. Sein Leben verläuft friedlich aber interessant, und seine grösste Angst besteht darin, dass der Aufzug geht, wenn niemand angekündigt ist.

Im Juni 2003 hat ihm sein gesamter Freundeskreis noch einen lebenslangen Traum Wirklichkeit werden lassen:



Sieveking (rechts)
hier bei der Erfüllung seines größten Wunsches


Es ist 2003, Sieveking hat fünf Enkelkinder, denen er von diesem Erlebnis erzählen kann, und Elvis-Imitatoren werden bis Jahresende zusammengenommen 10.300 Konzerte gegeben haben. 2 davon in Las Vegas, das dritte muss wegen der Celine Dion Show ausfallen.


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