Lillith

Am Anfang schuf Gott Adam und
Lilith aus dem Staub der Erde und blies ihnen den Lebensatem ein.
Da sie beide gleich erschaffen worden waren, waren sie einander
in jeder Hinsicht gleichgestellt. Adam, als Mann, passte dies
nicht, und er verlangte von Lilith, dass sie sich ihm unterordne.
Lilith weigerte sich, rief Gottes heiligen Namen an und flog weg.
Sofort beklagte sich Adam darüber bei Gott. Gott schickte drei
Boten zu Lilith, um sie zur Rückkehr zu Adam aufzufordern. Sonst
werde sie bestraft. Lilith aber wollte nicht mit einem Mann
zusammenleben, der sie nicht als Gleichgestellte behandelte, und
sie beschloss, dort zu bleiben, wo sie war.
Als Ersatz für Lilith baute" (banah, 1. Mose 2. 22)
Gott für Adam eine zweite Frau aus Adams Seite: Eva, die nun
nicht mehr gleich wie Adam erschaffen" (jazar, 1. Mose
2. 7), sondern als eine Hilfe ihm gegenüber" gebaut"
wurde. Während des Schöpfungsprozesses wurde so, entgegen
Gottes ursprünglichem Schöpfungsplan, die Frau verkleinert
so wie dies auch beim Mond gegenüber der Sonne geschehen
war (Chullin 60 b).
Adam und Eva waren zunächst glücklich miteinander. Mit der Zeit
aber verspürte Eva gelegentlich Fähigkeiten in sich, die
unentwickelt blieben, und Adam begann sich mit der angepassten
Eva zu langweilen. Immer häufiger träumte er von Lilith, und
eines Tages überstieg Adam, als Eva gerade am Kochen war, die
Mauer des Gartens Eden, um Lilith zu suchen. Er dachte, ihr fehle
sicher der Mann, sodass er sie leicht zu seiner Nebenfrau machen
könnte. Als er Lilith fand, war sie gerade mit dem Studium der
Tora beschäftigt nicht unserer Tora aus Tinte und
Pergament, sondern der mit schwarzem Feuer auf weisses Feuer
geschriebenen Ur-Tora, die auf Gottes Knie ruht. Auch Adam
studierte gelegentlich die Ur-Tora, und er gab vom Gelernten an
Eva das weiter, was ihn für sie gut dünkte und ihm nützte.
Lilith freute sich über Adams Besuch, da sie hoffte, mit ihm
zusammen die Tora studieren zu können. Aber es störte Adam,
dass sie gleich viel oder teilweise noch mehr wusste als er, und
er weigerte sich, mit ihr zu lernen. Statt dessen versuchte er,
Lilith zu seiner Nebenfrau zu machen. Als ihm dies nicht gelang,
kehrte er zu Eva zurück. Nun begann er immer intensiver von
Liliths unerreichbarer Schönheit zu träumen. Eva aber erzählte
er (indem er die Situation umkehrte), dass Lilith nachts zu ihm
geflogen komme, um ihn zu verführen. Sie sei eine Dämonin und
mit dem Satan liiert.
In Wahrheit aber interessierte sich der Satan weniger für die
starke und gelehrte Lilith als für die angepasste und
frustrierte Eva, der er Schlechtes über Lilith erzählte. Auch
plante er die Vertreibung Adams und Evas aus dem Garten Eden. Eva
war empfänglich für das Böse, das der Satan von Lilith
erzählte, und sie glaubte auch Adams verdrehte Geschichten über
Lilith.
Inzwischen machte Lilith, die völlig allein war, hin und wieder
den Versuch, in die menschliche Gemeinschaft im Garten
zurückzukehren. Nach ihrem ersten vergeblichen Versuch, die
Mauern zu durchbrechen, verstärkte Adam die Mauer, und Eva half
ihm sogar noch dabei. Dabei erhaschte Eva einen Schimmer von
Lilith und sah, dass sie eine Frau war wie sie.
Jetzt hätten bei Eva eigentlich Zweifel aufkommen sollen, ob die
Geschichten Adams und des Satans, Lilith sei eine Dämonin,
wirklich stimmten. Sie hätte sich eigentlich bemühen sollen,
Lilith als andere Frau, als Schwester wirklich kennenzulernen.
Eva und Lilith hätten so gemeinsam die Verkleinerung der Frau
wieder rückgängig machen, damit den ursprünglichen
Schöpfungsplan verwirklichen und die Erlösung herbeiführen
können. Sie hätten dabei die Unterstützung Gottes gehabt, da
Gott wachsende Probleme mit Adam hatte, der sich mehr und mehr
mit Gott identifizierte und immer mächtiger wurde.
Doch das Gift, das Adam und der Satan Eva eingespritzt hatten,
war stärker. Statt sich zu fragen, was sie in ihrem Leben und in
ihrer Beziehung zu Adam ändern müsste, um aus ihrer
Unzufriedenheit herauszufinden, stilisierte sie sich (zumal sie
inzwischen einen Sohn geboren hatte) zu einer Art rundum
glücklichen Muttergöttin hoch, wozu Adam sie auch noch
ermunterte. Gleichzeitig blickte sie voll Verachtung auf die
gelehrte Lilith, die Gleichstellung mit Adam wollte. Sie dichtete
Lilith alles Böse an, das sie in sich selbst verspürte und das
dem strahlenden Bild, das sie sich von sich selbst machte,
widersprach.
Als Eva eines Tages der Gartenmauer entlangspazierte, sah sie
einen jungen Apfelbaum, den sie und Adam einst gepflanzt hatten
und dessen Zweige über die Mauer hinüberhingen. Sie kletterte
hinauf und schaute über die Mauer. Drüben hatte Lilith auf
diesen Augenblick gewartet und kam voll Freude zu Eva, in der
Hoffnung, in ihr eine Schwester zu finden. Eva jedoch wollte nur
die Gelegenheit benützen, um alles Dunkle in sich auf Lilith zu
laden und sie damit in die Wüste zu schicken. Sie warf Lilith
alle Verleumdungen an den Kopf, die ihr Adam und der Satan über
Lilith eingeflüstert hatten, und beschimpfte sie als ehrgeizige
Egoistin, die nicht bereit sei, sich für Adam aufzuopfern, und
die nicht geduldig warten konnte, bis Adam ihr gewisse Dinge zu
tun erlaubte. Lilith wandte Eva enttäuscht den Rücken zu und
ging weg.
Seither wartet Lilith jedes Jahr, wenn die Zeit von Rosch
Haschana, dem Geburtstag der Schöpfung, und von Jom Kippur, dem
Versöhnungstag, herannaht, darauf, dass Adam und Eva zu ihr
kommen, um sich mit ihr zu versöhnen, damit sie gemeinsam die
Verkleinerung der Frau rückgängig machen und so den
ursprünglichen Schöpfungsplan verwirklichen und die Erlösung
herbeiführen können. Die Söhne Adams und die Töchter Evas und
Liliths tragen den Zwiespalt zwischen den ersten Menschen bis in
unsere Zeit weiter. Bis heute werden Liliths Töchter weiter
ausgegrenzt. Die Zeit von Rosch Haschana und Jom Kippur wäre ein
guter Zeitpunkt, um dies zu überdenken und sich zu versöhnen
und um den ursprünglichen Schöpfungsplan endlich zu
verwirklichen
Zum Mythos Lilith
Die Gestalt der Lilith geht auf babylonisch-assyrische, vielleicht noch ältere, sumerische Quellen zurück. Erst im Talmud, der zwischen dem 2. und 5. Jahrhundert entstand, wird sie als Adams erste Frau bezeichnet. In der Bibel selbst wird sie nur einmal erwähnt, in Jesaja 34, 14, als eine der Kreaturen, die das verwüstete Land Edom bewohnen werden. Luther übersetzt ungenau mit "Kobold", in der englischen King-James-Übersetzung heißt sie screech-owl (Schleiereule), die neuere amerikanische Übersetzung von 1901 nennt sie ein night-monster.
Die Figur der schwarzen Göttin Lilith symbolisiert den zeitlosen Mythos des bösen Weibes. Der jüdischen Legende zufolge war sie Adams erste Frau und Vorgängerin Evas. Da sie wie Adam aus derselben Erde geschaffen wurde, verweigerte sie ihm die sexuelle Hörigkeit. Symbolisiert wird ihre Gleichwertigkeit darin, dass sie es ablehnte, im Sexualakt in "Missionarsstellung" unter Adam zu liegen. Als er aber darauf besteht, flieht Lilith aus dem Paradies und verlässt ihn. Nachdem sich Adam bei Gott über seine Einsamkeit beklagt, warnt dieser der patriarchalischen Überlieferung zufolge Lilith vor ihrem bösen Tun. Doch Lilith setzt ihre Rebellion nicht nur fort, sondern sie schwört auch jedes Kleinkind zu töten, das nicht bei Gott um Schutz fleht.
Lilith verkörpert also sichtlich die unabhängige, rebellische, tobende und tödliche Frau. Sie ist der Inbegriff der überlegenen Mutterrolle. Indem sie kindsmörderische Akte begeht, trifft sie den phallischen Stolz des Patriarchats, das die Überlegenheit der Mutter nicht ertragen kann. Es verleugnet daher auch bewusst die lebensspendende Eigenschaft der Mutter, denn im Gegensatz zu biologischen Tatsachen werden in der Legende Adam und Lilith auf Kopfgeburten eines männlichen Gottes zurückgeführt. Die patriarchalische Herrschafts- und Einflussordnung versucht so, ihren Ursprung aus dem Schoß des Weibes zu verleugnen und den eigentlichen Einfluss der Frau zu unterdrücken. Denn sie kränkt seit Jahrtausenden den männlichen Narzismus, worauf womöglich ihre spätere Unterdrückung im Patriarchat zurückzuführen ist. Lilith stellt ja nicht nur die Überlegenheit des Mannes in Frage, sondern auch die des himmlischen Gottvaters. Die starke Frau wird daher nicht ohne Grund in den patriarchalischen Kulturen oft als zu unterwerfende Dämonin, Kindsmörderin oder verführerische Schlange dargestellt. Die Sage von der Lorelei legt in diesem Zusammenhang ebenfalls nahe, dass die Existenz des Mannes nur auf der Unterwerfung der animalischen Frau beruhen kann. Auf den Aspekt der Unterdrückung des Weiblichen wollten auch unsere Bibelväter hinaus. So heißt es in der Schöpfungsgeschichte: "Der Mensch mache sich die Erde untertan und er soll die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels beherrschen und jedes andere Lebewesen...".
Dass in der zu unterwerfenden Natur die Frau einbegriffen ist, muss hier nicht extra betont werden. Ohne Zweifel wirkt hier der Lilith-Mythos nach. Sie taucht im Paradies wieder auf als die verführerische Schlange, die Eva zu einem göttlichen Titanismus verführt. Das Eingehen Evas zeigt: Lilith existiert in der Frau und der Natur weiter als Keim allen Bösen. Das christliche Weltbild übernimmt damit den dualistischen Gegensatz von Mann und Frau bzw. Natur und Geist aus der jüdischen Kultur. Der Schöpfungsauftrag Gottes verleiht dem Kampf Adams gegen Eva eine religiöse Legitimation. Indem der Mann das Animalisch-Weibliche unterdrückt, kämpft er für die Schöpfung des Herrn. Der göttliche Auftrag verpflichtet aber auch den Mann, da er ihn auffordert, den Kampf gegen das Weibliche in aller Radikalität zu führen.
Die Figur Lilith existiert in
zahlreichen Legenden und Mythen. Ebenso zahlreich und
unterschiedlich sind dabei die Darstellungen über ihr Wesen. In
der altorientalischen Überlieferung ist sie ein weiblicher
Dämon, im Alten Testament wird sie nur einmal kurz als
Bewohnerin eines von Gott gestraften und zerstörten Landes
erwähnt im jüdischen Volksglauben gilt sie als Adams erste
Frau.
Weiterem biographischen Material über Lilith und den
Schöpfungsmythos von Mann und Frau begegnet man im Midrasch
(hebräisch = Untersuchung), einer alten Schriftensammlung
jüdisch-rabbinischer Bibelauslegungen, die sich mit ihren
Kommentaren und Beschreibungen durchaus sehr weit von ihren zu
interpretierenden Bibeltexten entfernt. Im Zusammenhang mit der
Schöpfungsgeschichte beschreibt der Midrasch, im Gegensatz zu
der alttestamentlichen Überlieferung, dass Eva Adams erste Frau
war, die gleichzeitige Erschaffung von Adam und Lilith.
Gott schuf Lilith genauso wie Adam aus Staub und Erde. Diese körperliche Gleichheit löste zwischen beiden ständigen Streit aus, denn Lilith weigerte sich u.a. auch beim Beischlaf die Unterlegene zu sein, und sich Adams Rhythmus anzupassen. Sie beanspruchte Gleichberechtigung. Als Lilith erkannte, dass ihre Forderung von Adam nicht beachtet wurde, wandte sie sich an ihren Schöpfer. Mit weiblicher List entlockte sie ihm sein größtes Geheimnis, seinen Namen. Sie tat das Verbotene, indem sie ihn bei seinem geheimen Namen nannte und befahl ihm ihr Flügel zu verleihen, damit sie nicht mehr an den fruchtlosen Ort des Paradieses gebunden war. Lilith entfloh zur Erde, in die Wüste und an die Ufer der Meere, paarte sich dort mit Dämonen um ihre eigene Brut zu sichern.
Eine Version des Mythos ist die, dass sie durch die lustvollen Paarungen mit diesem Dämon (bzw. mehreren Dämonen) eine Schar von Kindern gezeugt hatte. Für ihren Ungehorsam, wieder in den Garten Eden zurückzukehren, bestrafte sie Gott auf die Art, dass er immer wieder zahlreiche ihrer Kinder ermorden lässt. Dafür wird sie zur wahnsinnigen Kindsmörderin. Sie will als ewige Rächerin die Nachkommenschaft der Menschen verhindern. Sie trifft allerdings ein Übereinkommen, welches besagt, dass jedes Neugeborene, das ein Amulett mit ihrem Namen trüge, von ihrer Rache verschont bliebe.
Eine andere Auslegung sagt: Gott schuf den Menschen männlich und weiblich, einen Menschen mit zwei Gesichtern. Diese Einheit aber empfand Gott als Beleidigung seiner eigenen Ganzheit, so gab er jedem Gesicht seinen eigenen Rücken und es entstanden Mann und Frau aus einem Fleisch. Der daraus berechtigte Anspruch Liliths auf Gleichheit führte wieder zum Konflikt, welcher bereits zu Beginn der Schöpfung ihre gegebene Ordnung stört, so fehlte nach der Flucht Liliths das andere bedeutende Glied in der Schöpfung, Adams weiblicher Gegenpart. Adam forderte eine neue Partnerin und Gott schuf ihm, wie es im zweiten Schöpfungsbericht des Alten Testaments steht, aus der Rippe Adams Eva, einen Ersatz, ein Zugeständnis, eine Gehilfin...
So zahlreich wie die Mythen über Lilith auch sind, so zahlreich sind auch die Geschichten über ihren Aufenthalt und ihr Wirken nach der Flucht: Sie ist Dämonin in der Unterwelt, die Verführerin (Schlange, oder selbst Eva) im Paradies sowie die Verführerin der Männer allgemein, auch wird sie als das flammende Schwert vor den Toren des Paradieses bezeichnet, von dort kann sie die aus dem Paradies verstoßenen Menschen bei ihrem Treiben beobachten und weiterhin verführend und zerstörend eingreifen.
Lilith wird meist als wunderschöne
Frau, eben als Verführerin dargestellt. ("Nimm dich in acht
vor ihren schönen Haaren, vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig
prangt." Goethes Faust, s.o.) Als Tier ist Lilith die Eule
zugeordnet, die einerseits Symbol für Weisheit ist, aber auch
als Todesvogel gilt.
Eva und Lilith - zwei Seiten der Weiblichkeit
Nahe an der Kippe zum Klischee ist die Interpretation von Eva als der gefügigen, sich dem Mann freiwillig unterordnenden Frau und Lilith als der Rebellin, die unabhängig und vom "starken Geschlecht" emanzipiert ist. Dennoch sind Schwarz-Weiß-Interpretationen dieser Art in der Sekundärliteratur zu diesen beiden mythologischen Figuren zu finden und auch nicht komplett zu verwerfen. In weiterer Auslegung sind die Frauentypen durch ihre Sexualität definiert: Eva als passive, dem Sexualtrieb Adams dienende Frau und Lilith als der Typus Frau, der gleich dem Mann seinen Trieb am Sexualpartner befriedigt. Das Bild von Lilith mit dem Gesicht einer Frau und dem Körper einer Schlange steht für ihre Gleichsetzung mit der Verführerin, die an Adams und Evas Vertreibung aus dem Paradies schuld ist. Sie verführt nicht nur Adam, sondern auch Eva. Ohne ihr Einflüstern wäre es nicht zum biblischen Sündenfall gekommen.