Do the Evolution! (M�rz 2001)
Quelle: http://www.visions.de
Visions Ausgabe 96
Es w�re leicht, LINKIN PARK einfach in der �New Metal�-Ecke einzusortieren. Zu leicht - denn ihre Mischung aus HipHop, Rock und Pop ist nicht nur verdammt gut, sondern kann ausnahmsweise mal wirklich als eigenst�ndig bezeichnet werden. Wir haben es hier mit einer Band zu tun, die stolz auf ihre Melodien ist und Schimpfw�rter hasst. W�chst hier etwa eine neue Generation heran?
Auch wenn es viele nicht mehr h�ren k�nnen: Die New Metal-Welle aus den USA hat auch 2001 noch einiges zu bieten. Doch nat�rlich gl�nzt nicht alles, was in den Vereinigten Staaten mit Edelmetall �berzogen wird. Wie bei jeder Modewelle, die der Zeitgeist transportiert, gibt es meist mehr Trittbrettfahrer ohne Substanz als wirklich kreative Bands, die nach oben ins Rampenlicht gesp�lt werden. �Diese Band muss etwas Besonderes haben�, hei�t es vielleicht deshalb so sch�n plakativ im deutschen Info zum Deb�t von Linkin Park. Gro�e Worte, keine Frage.
Bei einem ges�ttigten Markt wie der zeitgem��en Musikbranche m�ssen hinter einer neuen Band sowohl interessante Fakten als auch das ber�hmte Quentchen Eigenst�ndigkeit stehen, sonst landet das Produkt wahrscheinlich eher beim CD-Dealer an der Ecke statt in den Chart-Regale der Gro�m�rkte. Zwar kann man die bisherige Geschichte von Linkin Park mit denen anderer Newcomer durchaus vergleichen, aber gl�cklicherweise hat ihre Musik mehr zu bieten als den �blichen Einheitsbrei. Dazu sp�ter.
Die Bandhistorie ist schnell erz�hlt: Gitarrist Brad Delson (22) geht auf dieselbe Highschool wie S�nger Mike Shinoda (23), Drummer Rob Bourdon (21), obwohl zehn Meilen entfernt ebenfalls zur Schule gehend, lernt die beiden zuf�llig durch Freunde kennen. Mike und DJ Joseph Hahn (23) werden auf der Kunst-Uni Freunde, w�hrend Brad auf der Universit�t von Los Angeles den Bassisten Phoenix zur Band holt. Durch einen gemeinsamen Freund einer Plattenfirma bekommt der S�nger Chester Bennington (24) aus Phoenix/Arizona ein Tape in die H�nde, nimmt noch in derselben Nacht seine Vocals dazu auf und spielt sie der Band am anderen Tag �bers Telefon vor. Damals hei�en sie noch Xero, �ndern den Namen erst in Hybrid Theory (daher der Name des Deb�ts), dann Anfang 2000 in Linkin Park (von Lincoln Park) um. Neben besagtem Major-Deb�t, das in den USA bereits im Herbst letzten Jahres erschien, gibt es noch eine Indie-EP mit sechs Songs, die allerdings nicht mehr erh�ltlich ist. Nichts Neues? Wir werden sehen...
Nun sitzen die sechs Burschen in Hamburg, werden an einem Tag mit allen f�r dieses Thema relevanten Medienvertretern Deutschlands an einen Tisch gebracht und m�ssen ihre Story erz�hlen. Das tun sie, wie k�nnte es anders sein, auf unglaublich professionelle Art und Weise. Schon die Eingangsfrage, ob sie diesen schnellen Erfolg (das Album verkaufte sich bereits nach drei Wochen �ber eine halbe Million mal) erwartet haben, wird nat�rlich abgewiegelt und entsch�rft. Welche Band gibt schon offen zu, dass sie den Erfolg unbedingt haben wollte? �Fr�her haben wir alles als Fun angesehen�, sinniert Drummer Rob, �aber es war schon nach einer Weile klar, das wir unbewusst ein Ziel verfolgten. Als dann die ersten Reaktionen kamen, wussten wir, dass wir es schaffen konnten, dass es so schnell ging, war dann aber doch �berraschend.�
Das Wort �Internet-Marketing� kommt Rod so l�ssig �ber die Lippen, als w�re es schon seit zehn Jahren in seinem Sprachgebrauch. Auch nennt er, nach US-Gesetz selbst gerade mal vollj�hrig, die Fans nicht abwertend, sondern v�llig neutral �Kids�. Gerade in den Staaten spricht die New Metal-Bewegung ein deutlich j�ngeres Publikum an, als es zu Beispiel Beginn der 90er beim Grunge-Durchbruch der Fall war. Schon morgens laufen auf MTV und anderen Musiksendern Shows, in denen sich die Fred Dursts und Jonathan Davis� dieser Welt die Klinke in die Hand geben.
Selbstverst�ndlich ist f�r die Youngster auch der Umgang mit MP3 und Napster. Chester hat, im Gegensatz zu anderen Meinungen in der Branche, nur Gutes zu berichten, �magical things� h�tte Napster f�r sie getan. Der oft angef�hrte Vergleich zum guten, alten Tapetrading liegen auch f�r den Linkin Park-Frontmann auf der Hand: �Gerade f�r neue Bands ist Napster ideal. Man kann schneller viele Leute erreichen, und die Fans kaufen trotzdem noch die richtige CD.� Die gestiegenen Ums�tze auf dem US-Markt im letzten Jahr scheinen ihm Recht zu geben. �Musik kaufen ist f�r mich wie Shoppen am Wochenende�, sinniert Chester, �es geh�rt einfach zu meiner Pers�nlichkeit.� Zeige mir deine CDs, und ich sage dir, wer du bist - offenbar eine internationale Regel.
Bei der Frage nach der New Metal-Schublade legen Linkin Park ihre Souver�nit�t dann zumindest kurzzeitig beiseite. Schon w�hrend ich beginne, dieses Thema anzusprechen, verdrehen Rob und Chester die Augen. Sie wissen, was kommt, und kein K�nstler wird gern mit anderen verglichen - zumindest nicht, wenn diese noch aktiv sind. �Ich wei� nicht, woher zum Teufel dieser Begriff �New Metal� kommt, was er meint und was er soll.� Chester regt sich auf, dreht aber sofort den Spie� um. �Neulich hat uns einer als Vertreter des �Urban Rock� bezeichnet, das fand ich schon besser. Macht mehr Sinn.�
Warum? Mit Sex, Drugs und Rock�N�Roll hat die Band nichts am Hut. Fast alle Mitglieder kommen aus kaputten Familien, sie sind in einer komischen Zeit aufgewachsen. �Die Achtziger haben uns fertig gemacht�, sagen sie. Ihre Band bezeichnen sie abgekl�rt �nur als eine weitere Evolution des Rock�N�Roll. Die Leute sollen uns h�ren und sagen: Das sind Linkin Park.� Und hinter diesem Statement steht nichts weniger als die �berzeugung, mit ihrem Deb�t einen eigenen, wiedererkennbaren Stil kreiert zu haben.
Und die Songs funktionieren: auch wenn sie nie l�nger als drei Minuten sind, der Aufbau (HipHop, Metalgitarre und zuckers��e Melodien im Wechsel) stets gleich ist und man schon nach einem Durchgang wei�, wie der Hase l�uft - Titel wie �In The End� oder �Crawling� bekommt man, einmal geh�rt, schwer wieder aus dem Kopf. Linkin Park sind stolz darauf, �eine Band mit Melodien� zu sein.
Auch eine geh�ssige Beschreibung wie �Linkin Park sind eine Mischung aus Korn, Faith No More und den Backstreet Boys� (so zu lesen auf www.visions.de) prallt an den selbstbewussten Amis ab. �Wir haben es geschafft, eine Platte ohne �Fuck� aufzunehmen�, grinst Chester, �deshalb wahrscheinlich der Backstreet Boys-Vergleich.� Ihm sei das egal, so lange die Songs stimmen und man sich an sie erinnern k�nne, h�tten sie kein Problem. In diesem Zusammenhang fallen dann Namen wie Jefferson Airplane, Al Green, aber auch Metallica. Interessantes Namedropping, welches darauf hindeutet, dass die Ohren dieser Band weitaus offener sind, als man zun�chst h�tte vermuten k�nnen.
Alles scheint derzeit m�glich zu sein, in einer Szene, die eigentlich keine ist. Es gibt kein geographisches Epizentrum (wie fr�her LA oder Seattle), keinen klar definierten Dresscode (Linkin Park treten unmaskiert auf...), keine gemeinsame Sprache. In Zeitalter des Internets scheint es keinen richtigen Untergrund mehr f�r Subkulturen dieser Art zu geben. Chester: �Man schmei�t uns in einen Topf mit Korn, Slipknot, Limp Bizkit, Papa Roach, Incubus, Deftones. Dabei sind alle diese Bands grundverschieden. Das einzige, was wir gemeinsam haben, ist die Gitarre und die F�higkeit, unsere Instrumente selbst spielen zu k�nnen. Wenn du heute nicht als Rap-Rock-Band durch gehen willst, musst du aufh�ren zu reimen. Bald kommt es noch soweit, dass die Stone Temple Pilots oder die Black Crowes als Crossover-Band bezeichnet werden. Das ist doch l�cherlich, oder�?
Chester und Rob sind sich einig, dass sie momentan zwar ein goldenes Los gezogen haben, aber sich noch lange nicht darauf ausruhen k�nnen. Deswegen m�sse auch Pressearbeit sein, auch wenn ein Interview nach dem n�chsten nicht sonderlich viel Spa� mache. Besonders wenn man, wie in den Staaten durchaus �blich, immer dieselben zehn Standardfragen zu h�ren bekommt. �Mir ist in Europa bis jetzt aufgefallen�, bemerkt Chester, �dass die Journalisten wirklich �ber ihre Interviews nachdenken. Die Fragen sind einfach besser, und dann macht das Ganze auch mehr Spa�.�
Apropos Spa�: Auf die Frage, ob von Seiten ihrer Plattenfirma probiert worden sei, ein visuelles Image aufzubauen (das in vielen A&R-Strategien durchaus zum guten Ton geh�rt), brechen beide in hysterisches Lachen aus. �Du triffst den Nagel auf den Kopf�, bejaht Chester und holt aus: �Wir bekamen die unsinnigsten Vorschl�ge, was unser Auftreten angeht. Joe, unser DJ, sollte sein Mischpult mit H�hnerfedern bekleben, einen Cowboyhut und einen Laborkittel tragen... Was soll das? Wir tragen das, was wir wollen. Wir sind ganz normale Typen, den Kids da drau�en ist das doch sowieso egal, wie man rum l�uft. Danke an Nirvana... Nein, besser danke an Neil Young. H�tte es ihn nicht gegeben, w�rden wir alle noch in Lederhosen und Make-Up rumlaufen. Wir haben Freunde in Bands, die sehr viel Wert auf ihr �u�eres legen, Orgy zum Beispiel. Kein Problem. Was immer f�r deine Band am besten ist, mach� es einfach. Ich muss kein Hundehalsband tragen, weil ich heute aber Lust dazu habe, mache ich es. Morgen reicht mir wahrscheinlich ein wei�es T-Shirt und eine Jeans. Wir brauchen kein Image, unser Image ist die Musik.�
Abgesehen davon, dass sich nat�rlich gewisse Bewegungsabl�ufe sowohl auf der B�hne als auch in Videos durchaus mit denen von Disturbed, Papa Roach oder P.O.D. vergleichen lassen - Linkin Park haben nicht nur mit dem Besten aus drei Welten (HipHop, Rock, Pop) einen eigenen Stil geschaffen, sondern damit auch die M�glichkeit, einen noch weitl�ufigeren Crossover hinzubekommen. Auch wenn sie mit Phrasen wie das �n�chste gro�e Ding� gehandelt werden, bleiben sie realistisch und wissen, was dieses Label am Anfang des neuen Jahrtausends bedeutet: gar nichts. Oder wie Chester es formuliert: �Es gibt jede Woche die n�chste Sensation, warum sollte uns das nerv�s machen? Madonna macht das alle f�nf Jahre mit.�
Linkin Park wissen genau, was sie zu tun haben und was nicht. Auf der einen Seite ist es erstaunlich, wie viel Gesch�ftssinn mittlerweile zum Musikmachen geh�rt, auf der anderen sehr erfreulich zu sehen, dass sich der Nachwuchs selbst nicht �berbewertet. Chester: �Am Anfang haben sie fast alle �ber uns gelacht, jetzt lachen wir auch mal. Irgendwann ist es wahrscheinlich wieder umgekehrt. Aber so war das doch immer in diesem Gesch�ft, oder?�