Linkin Park - Bitte immer freundlich! (April 2003)

Quelle: http://www.visions.de

Visisons Ausgabe 121

Zwei Jahre nach der Ver�ffentlichung eines der erfolgreichsten Deb�ts der Musikgeschichte sto�en LINKIN PARK mit "Meteora" ins Horn. Jenes klingt so, wie man sie kennt, nur eben noch eine Spur h�rter und poppiger, druckvoller und berechenbarer, kompakter und austauschbarer. Im Interview erkl�ren S�nger Mike Shinoda, DJ Joe Hahn, Drummer Rob Bourdon und ihre �u�erst f�rsorgliche amerikanische Promoterin, warum das so ist. Oder auch nicht.

Mike Shinoda: Ist das f�rs Radio?
VISIONS: Nein.
Shinoda: Ich darf meinen Kaugummi also im Mund behalten?
VISIONS: Bitte. Gerne. Sehr professionelle Einstellung �brigens.
Shinoda: Ich nehme das als Kompliment. Wir sind gerne professionell.
VISIONS: Das musst du nicht extra erw�hnen. "Meteora" spricht diesbez�glich B�nde.
Shinoda: Wie meinst du das?
VISIONS: Die Platte klingt derma�en professionell produziert und zusammen arrangiert, dass man sich fragt, ob da �berhaupt noch richtige Musiker am Werke sind.
Shinoda: Du findest also, dass "Meteora" seelenlos klingt?
VISIONS: Zumindest gewinnt man den Eindruck, dass ihr bem�ht wart, aufgrund des Drucks, den der massive Erfolg eures Deb�ts mit sich brachte, m�glichst keine Fehler zu begehen.
Shinoda: Da ist schon der Grundansatz falsch. Wir haben mit dem Schreiben der Songs f�r "Meteora" bereits zu einem Zeitpunkt begonnen, als es noch gar keinen Druck gab. Alles, was dann folgte, war wie auf Autopilot. Wir haben nur sehr wenige Gedanken daran verschwendet, wie der Nachfolger f�r ein solch erfolgreiches Deb�t am besten klingen sollte.
VISIONS: Das �berrascht. Immerhin habt ihr weit mehr als 50 Songs geschrieben � auf dem Album finden sich indes lediglich zwei Songs, die aus dem gewohnten, Single-tauglichen Raster fallen. Wieso folgen nahezu alle Songs eurem bew�hrten Format aus dosierter Aggression versus Pop-Tauglichkeit?
Shinoda: Ich sehe das �berhaupt nicht so, bei uns gibt es keine Formel, nach der wir Songs schreiben w�rden. Das ist eine Unterstellung. Wir haben unendlich viel Zeit darauf verendet, an den Strukturen und Arrangement-Nuancen der Songs zu arbeiten. Du hingegen hast das Album erst zwei Mal geh�rt. Wie willst du das also vern�nftig bewerten?
VISIONS: Zwei Durchl�ufe reichen schon aus, um festzustellen, dass ihr keine Experimente gewagt habt.
Rob Bourdon: Es geht auch nicht darum, Experimente zu wagen, das ist nicht der Ansatz von Linkin Park. Es war uns wichtig, ein weiteres Album zu machen, auf das wir selber wirklich stolz sein k�nnen. Neue Sounds zu kreieren, die trotzdem eindeutig nach Linkin Park klingen.
VISIONS: Wie kann es einer h�chst motivierten, au�erordentlich erfolgreichen Band gen�gen, ihre gesamte Innovationsf�higkeit in das Finden neuer Sounds zu legen?
Shinoda: Sounds sind etwas sehr Wichtiges. Au�erdem: Der musikalische Rahmen von Linkin Park wurde bereits mit dem Deb�t vorgegeben. Es ist einfach das, was auf ganz nat�rliche Weise aus uns heraus kommt. Es ist eine gro�e Herausforderung, seinen Style beizubehalten und dennoch etwas Neues zu finden. Nat�rlich gibt es bei uns Strophen, Refrains und Bridges, wie bei jeder guten Band. Wichtig ist aber, wie die Dynamik und der Vibe der einzelnen Parts zueinander passen. Und was das angeht, w�rde ich behaupten, dass wir einen ziemlich guten Job gemacht haben.
Joe Hahn: Es geht um die Chemie der beteiligten Musiker und wie sie miteinander harmonieren. Es geht um die Balance zwischen harter Detail-Arbeit und spontanem Ideenfluss.
VISIONS: Wo genau l�sst sich auf dem absolut perfekt austarierten "Meteora" �berhaupt noch ein spontaner Ideenfluss finden? Spontan klingt da nichts.
Bourdon: Weil das nun mal das ist, was Linkin Park auszeichnet: In sich stimmige, m�glichst rund � oder wie du sagst: zu perfekt � klingende Songs zu schreiben und zu produzieren, die dir trotzdem unter die Haut gehen.
Shinoda: Eine der h�ufigsten Fragen, die wir uns selbst gestellt haben, war: Kann man das Album am St�ck h�ren, ohne sich ein einziges Mal zu langweilen? Ist genug Spannung, Intensit�t und Abwechslung drin?
VISIONS: Wenn ihr mich fragt: nein.
Shinoda: Dann ist das Album auch nicht f�r dich gemacht. F�r die weltweit Millionen von Fans ist "Meteora" hingegen ein Album, das sie nicht entt�uschen wird. Zumindest hoffen wir das. Und das ist es auch, was uns wichtig ist: den besten, treuesten und intensivsten Fans der Welt mit einem neuen Album daf�r zu danken, dass sie uns zu dem machen, was wir sind.
VISIONS: Zweifellos: Linkin Park-Fans sind besonders. Da gibt es beispielsweise 16-j�hrige Kids, die sich das Cover-Artwork eures Deb�ts �ber den gesamten R�cken t�towieren lassen. Fanatismus in allen Ehren; aber ist eine solche Form der Verehrung nicht eher be�ngstigend als begr��enswert?
Shinoda: Das kannst du nicht kontrollieren. Sicher, so etwas geht weiter, als man es sich w�nscht. Niemand von uns m�chte, dass sich ein Kid derma�en an uns bindet. Wenngleich ich sagen muss: Auch wir waren fr�her Die Hard-Fans. Ich h�tte f�r meine Lieblingsband alles getan. Das ist ja das Gro�artige an Fanatismus: Er hat eine extreme Eigendynamik, niemand hat wirklich im Griff, was dort passiert. Das setzt ungeheure Energien frei. Und darum geht es doch: um au�ergew�hnliche, energetische Momente des Lebens.
VISIONS: Ihr seid smarte Jungs. Ihr seht gut aus. Ihr seid unanst�ndig erfolgreich. Und ihr seid extrem aufger�umte, professionelle Zeitgenossen. Wie schafft man es eigentlich, mit Anfang Zwanzig dem ganzen verf�hrerischen Rock�n�Roll-Lifestyle aus schnellem Sex, harten Drogen und teurem Nonsense zu widerstehen?
Hahn: Das Meiste daran entspringt doch der Rock�n�Roll-Fabelwelt. Es ist eine romantische Vorstellung, nicht mehr. Wer es wirklich zu etwas bringen will, der spielt bei diesem Spiel nicht mit.
VISIONS: Klingt h�bsch. Aber jetzt mal ernsthaft: Was passiert in euren K�pfen, wenn nach einer Show sechs bildsch�ne M�dchen vor dem Nightliner stehen, ihre Blusen �ffnen und schreien: 'Nimm mich, Joe!', 'Mike, ich will ein Kind von dir!'?
Shinoda: Daf�r interessieren wir uns nicht. Wir setzen uns in solchen Momenten in den Nightliner und spielen Videogames. Das ist Ablenkung genug.
VISIONS: Abschlie�end w�rde ich euch gerne noch mit ein paar kritischen, aber durchaus berechtigten Zitaten aus der deutschen Presse-Landschaft konfrontieren.
Shinoda: Was soll das bringen? Nat�rlich gibt es immer irgendwelche Menschen, die deiner Kunst kritisch gegen�ber stehen, dich in der Luft zerrei�en. Aber warum sollte ich meine Zeit darauf verschwenden, mich damit zu besch�ftigen, wo es doch derma�en viele Menschen gibt, die dir tagt�glich das Gef�hl geben, dass es richtig ist, was du tust?
VISIONS: Nun, man kann aus Kritik etwas lernen und versuchen, es noch besser zu machen. (alle drei schauen Hilfe suchend zur Promoterin)
Promoterin: Das ist nicht der richtige Ort und der richtige Zeitpunkt f�r derlei Fragen.
VISIONS: Warum nicht? Wann, wenn nicht hier und jetzt, im Rahmen eines offiziellen Interviews?
Promoterin: Es geht dir doch gar nicht um ein offizielles Interview. Es geht dir nur darum, die Jungs in die Enge zu treiben.
VISIONS: Das ist nicht wahr. Ich m�chte ein kritisches, ernsthaftes und ehrliches Gespr�ch f�hren.
Promoterin: Stell deine letzte Frage.
VISIONS: K�nnt ihr nachvollziehen, dass Menschen euch unterstellen, ihr h�ttet die Seele von revolution�rer, harter Musik an den Pop-Teufel verkauft?
Promoterin: Deine Interview-Zeit ist um. Vielen Dank.

Autor: Sascha Kr�ger

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