Kapitel 2
Erwachsen werden
Lautlos bewegte ich mich vorw�rts in dem fremden Haus.
Mit einem Mal ert�nten Sch�sse
unweit von mir und hysterisches Geschrei gellte aus einem Raum heraus, in den Flur.
Kampfbereit und nerv�s hob ich das Katana.
Dann sah ich was los war. Eine breite Fl�gelt�r stand offen. Kurz dahinter, im Raum,
standen drei vermummte und feuerten aus allen Rohren.
Ein dicklicher Mann brach
blut�berstr�mt auf seinem Stuhl zusammen. Ein j�ngerer Mann huschte in Deckung und
zwei junge Frauen schrien panisch. Auch der Zwerg befand sich im Raum, feuerte auf
einen der Sch�tzen und konnte diesen niederstrecken.
Im Grunde handelte ich ohne zu �berlegen. Im Nachhinein w�rde ich es Instinkt nennen.
Die Angegriffenen konnten sehen wie ich mich langsam an den einen Sch�tzen heranschlich,
weit ausholte und mit einem schnellen Ruck des Katanas l�ste sich dessen Kopf vom Rumpf,
flog in einer spritzenden Blutfont�ne in den Raum hinein, klatschte mit pappkartonartigem
Ger�usch auf den Boden und kullerte noch etwas in Richtung Tisch. Der leblose K�rper
sackte in sich zusammen.
F�r einen Augenblick hielt alles den Atem an und schien in
Zeitlupe zu vergehen.
Ich sah den letzten Angreifer zu mir herumwirbeln, meine Augen
wurden gro�, dann durchbrach ein Schuss die Stille, der Mann zuckte seitlich weg, riss
seine Waffe hoch, feuerte noch einige Male daneben und kippte schlie�lich seitlich
schlicht von den Beinen.
Der Zwerg hatte geschossen und zielte mit seiner Waffe nun
auf mich.
Pl�tzlich schien die Zeit wieder normal zu vergehen. Ger�usche drangen wieder an meine Ohren.
Ich wurde mir dessen bewusst was hier gerade geschehen war. Was ich getan hatte. Nerv�s flatterten
mir die Lider und ich begann am ganzen K�rper f�rchterlich zu zittern. Mir raste das Herz
und meine Knie f�hlten sich pl�tzlich weich wie Pudding.
Doch auch ein anderes Gef�hl breitete sich in mir aus. Ein bisher nie gekanntes.
Ich sah auf
den kopflosen Mann herab und wie das Blut sich auf dem eichenholzget�felten Boden verteilte.
Ich hatte gerade jemanden get�tet. Ein Norm. Norms waren wertlos. Es gab sowieso viel zu
viele von ihnen. Es f�hlte sich gut an!
Langsam hob ich den Kopf. Noch immer zielte der misstrauische Zwerg mit seiner Waffe auf
mich. Erst jetzt wurde mir bewusst das die ganze Zeit �ber bereits gesprochen wurde.
Die chinesischen Zwillingsm�dchen weinten. Der Mann stand herum wie hinbestellt und nicht
abgeholt und sah mich k�hl an.
Die n�chste Stunde sollte mir in vielerlei Hinsicht die Augen �ffnen. Das Haus in dem ich
mich befand geh�rte einem Kopf der Triade. Offensichtlich der Vater der zwei M�dchen und
des Mannes. Jetzt jedoch kaltes Fleisch.
Nebenbuhler hatten sich elegant von ihm befreit.
W�re ich nicht dazwischen gekommen h�tte sicherlich die ganze Familie daran glauben m�ssen.
Kurz, sie waren mir etwas schuldig!
Nat�rlich nutzte ich meine Chance. Ich verlangte von Li, die mir noch am zug�nglichsten
erschien, das sie mich freilie�en und zur Grenze nach Tir Taingire brachten. Ich wollte nach
Hause, unbedingt!
Ich wollte zu meinen Eltern, meinen Freunden und vor allem wollte ich wissen ob Lyn nun da
war.
Sie willigte ein. Den kommenden Morgen fuhr Li mich pers�nlich zur Grenze. Sie sah verheult
aus und trauerte noch schwer um ihren Vater. Wir sprachen nur wenig miteinander, denn
erstens war sie ein Norm, zweitens hatte sie nicht mein Niveau und drittens war uns wohl
beiden nicht sonderlich nach Smalltalk.
An der Grenze angekommen lie� sie mich raus und wir w�nschten uns gegenseitig Gl�ck.
Sie postierte sich mit ihrem Wagen ein St�ck entfernt und beobachtete interessiert was
als n�chstes geschah.
Mit klopfendem Herzen lie� ich mich von den Grenzw�chtern in ein
H�uschen f�hren, in dem ich vernommen wurde. Ja, ich hatte Recht, ich w�rde in das
Umerziehungslager f�r jugendliche Straft�ter in Tir kommen, und das nur weil Lyn und
ich Spa� haben wollten.
Zu stolz um zu weinen sa� ich da und wartete auf den Wagen der mich abholen k�me. Innerlich
stritt ich dabei mit mir selber und bat mein Totem, Katze, immer wieder um Rat, doch Katze
schwieg. Das musste ich mit mir selber ausmachen.
Die M�nner kamen, legten mir Handschellen an und mein innerer Widerstand wurde immer gr��er.
Ich hyperventilierte leicht und ballte die H�nde zu F�usten. Immer weniger lie� sich mit
meinem Inneren vereinbaren, was diese Leute mit mir vor hatten.
Als sie mich in Richtung
des Wagens f�hrten brach ich pl�tzlich mit einer schnellen Bewegung seitlich aus und
rannte. Rannte �ber die Grenze zur�ck zu den Norms. Li sah es, handelte ohne zu
�berlegen, dr�ckte das Gaspedal ihres Wagens durch und schnitt mir Sekunden sp�ter
den Weg ab, griff �ber den Beifahrersitz und rammte die T�r f�r mich auf. 'Schnell!'
Rief sie und ich sprang hinein.
Fruchtbares Tir Taingire. Meine Heimat. Ein Ort den ich niemals mehr betreten konnte, ohne
verhaftet zu werden.
Bedr�ckt sa� ich auf einem Sofa, im Hause Li's und starrte vor mir her. Ich w�rde meine
Eltern niemals wieder sehen. Ich durfte sie noch nicht einmal anrufen, um sie nicht zu
gef�hrden.
Die n�chsten Tage und Wochen bestanden darin das ich in vorderster Linie sehr viel lernen
musste. Da Li recht schnell begriff das sie mit mir einen jener seltenen Magier erwischt
hatte, war sie nat�rlich darauf bedacht mich f�r ihre Dienste zu gewinnen. Und da ich
absolut keine Perspektive hatte, klammerte ich mich an sie.
Der Zwerg stellte sich im
nachhinein als ganz annehmbar heraus. Sein Name war Ozelot und er war eher von der ruhigen
und v�terlichen Sorte.
Li entpuppte sich als verw�hnte, zickige Deckerin. Ihre Schwester
war ungleich ausgeglichener. Li's Bruder machte stets sein eigenes Ding. So ganz koscher
war der Typ nicht.
Sicherlich gerieten wir alle �fters aneinander, aber letztlich kann ich ja wohl sicherlich
nichts f�r die Unzul�nglichkeiten der Norms.
Schon in ihre Dienste zu treten und mich um ihre Angelegenheiten zu k�mmern, war mir h�chst
zuwider. Ich tat es weil mir keine andere Wahl blieb, aber ich verbrachte auch viel Zeit in
der Meditation mit Katze, um mein inneres Gleichgewicht wieder herzustellen.
Die ganze Situation begann sich schlie�lich allm�hlich zuzuspitzen, als der Feind immer
n�her an Li's Familie heranr�ckte.
Wir sollten zu einem Treffen mit irgendwelchen, scheinbar wichtigen, Norms. Ich gebe zu
f�r mein �u�eres ein wenig l�nger gebraucht zu haben, aber letztlich hat das Ozelot, wie Li,
das Leben gerettet. Li's Schwester war n�mlich der Meinung sie warte schon mal im Auto und
nur Sekunden sp�ter verwandelte sich eben dieses in einen riesigen, nach verschmortem
Plastik stinkenden, Feuerball.
Aber anstatt mir dankbar zu sein das sie meinetwegen noch
lebten, schien mir Li irgendwie die Schuld an dieser Sache zu geben.
Sicherlich verstehe
ich das der Verlust ihrer Schwester ihr nahe geht, aber so wie Norms im allgemeinen mit
ihrer eigenen Rasse umgehen, bin ich zu dem Schluss gekommen das sie gar nicht
wirklich lieben k�nnen. Von daher sah ich es lediglich als Zeitfaktor an, wann Li
sich wieder unter Kontrolle hatte.
Ich versuchte zumindest so lange so nett wie m�glich zu ihr zu sein.
Nichts desto trotz hatte ich mich in gewisser Weise unterzuordnen. Der Krieg zwischen den
Triaden, zu denen Li geh�rte, und den Yakuza, wurde immer erbitterter.
Entgegen den W�nschen ihres Bruders suchte sich Li Hilfe bei den McKenzie's.
Der Norm war mir in h�chstem Ma�e unsympathisch. Was sicherlich auch daran liegen k�nnte
das er mich einen eitlen Papageien nannte.
Ich musste mir Li zuliebe arg auf die Zunge
bei�en um nicht etwas passendes zu erwidern. M�glicherweise war es aber auch nicht Li
die mich davon abhielt, sondern die zwei Gorilla, die nur darauf warteten das einer von
uns etwas falsches sagte, oder tat. So hielt ich besser den Mund.
Binnen der n�chsten Wochen zog ich in eine kleine ein-Zimmer Wohnung, innerhalb der
heruntergekommenen Mietskasernen der Southeast Colony.
Es war echt das allerletzte dort
zu wohnen, aber so allm�hlich kam mir das sicherer vor, als in Li's prunkvollem Haus.
Denn zunehmend zeigte der Bruder sein wahres Gesicht, setzte sie stetig mehr unter Druck
und gemeinsam mit einem weiteren Decker fanden wir schlie�lich heraus das er den Mord an seinem
eigenen Vater eingef�delt hatte. H�chstwahrscheinlich war er auch am Tod seiner Schwester
mitverantwortlich und nun stand ihm nur noch Li im Wege.
Li wurde zunehmend gereizter und nerv�ser und trotzdem versuchte ich irgendwie f�r sie da zu sein. Immerhin war
ich ihr noch etwas schuldig, sie hatte mich damals an der Grenze zu Tir vor der Verhaftung
bewahrt.
Sie wollte erneut zu den McKenzie's, um noch einmal mit ihnen zu reden, und ich bot mich
sogar freiwillig als Begleitung an.
Doch irgendwie schien Li das in den falschen Hals zu bekommen. Sie fing hysterisch an
zu toben im Auto, z�ckte auf einmal ihre Waffe und hielt sie mir an den Kopf. Ich versuchte
ihr klar zu machen das ich mit Sicherheit nicht ihr Feind sei, doch sie dr�ckte ab!
Es gab einen lauten Knall, Glas zersplitterte, Blut spritzte, ich h�rte mich selber
aufschreien, dann griff sie an mir vorbei, stie� die Autot�r auf und schubste mich
r�cksichtslos auf die Stra�e hinaus.
Blutend kr�mmte ich mich auf dem Asphalt. Die kleine, verdammte Hure hatte mir die linke
Wange weggeballert. Ich sp�rte wie mir das Blut durch die Finger lief und mein Herz panisch
klopfte.
Schon glaubte ich mich in der Panik zu verlieren, da f�hlte ich Katzes Ber�hrung.
Katze sagte mir ich solle nicht aufgeben. Ich solle etwas tun. Mein Totem gab mir die
Kraft mich trotz der Schmerzen und des Blutes zu konzentrieren und einen Heilzauber
anzusetzen.
Mich zu heilen schaffte ich nicht, aber zumindest gelang es mir so die Blutung zu stoppen.
Blut�berstr�mt taumelte ich die Stra�e hinab. Katze trieb mich immer weiter vorw�rts.
Mir blieb keine andere Wahl als Hilfe im Haus der Triaden zu suchen. Ich wusste das dort
ein f�higer Arzt zu finden war. Vor allen Dingen einer der mich kostenlos behandeln w�rde.
Wusste er doch noch nichts von meinem Streit mit Li. Und so lange mir nicht dieser Bruder
begegnete konnte es ja gut gehen.
Tats�chlich behandelte mich der Doc v�llig unbedarft. Er transplantierte Gewebe meines
Oberschenkels, um meine linke Gesichtsh�lfte wieder herzustellen.
Nach der OP schlief ich lange und das Erwachen war mit Schmerzen verbunden.
Angst kroch in mir hoch. Wie w�rde ich hinterher aussehen? Mein �u�eres war mir alles
andere als egal.
Hass kochte auf in mir. Daf�r w�rde diese Normschlampe bezahlen m�ssen!
Das einzigste Problem bestand darin das ich vollkommen abh�ngig von ihr war. Ich hatte
hier sonst keinen. Ozelot, der Zwerg, war ihr treu ergeben.
Ich wollte weinen, aufgrund meiner ausweglosen Situation, aber ich konnte nicht. Wie
froh war ich dar�ber das Katze �ber mich wachte und mir innerlichen Trost spendete.
Diese Welt war kalt und mir wurde eines bewusst. Die Zeit, zuhause bei meiner Familie,
geborgen und sicher, w�rde niemals wieder zur�ckkehren. Ich hatte eine neue Etappe meines
Lebens betreten und ich hatte mich anzupassen, andernfalls w�rde ich untergehen.
Mit diesen Gedanken schlief ich ein. Etwas war in mir gestorben. Das Kind Talorien war f�r
immer gegangen. Zur�ck blieb der Mann, der sich ab sofort nur noch Venka nennen w�rde.