Kapitel 1
Angst
Zufrieden sa� ich auf meinem Bett und sortierte die Schulunterlagen. Die Arbeiten waren
allesamt gut verlaufen, meine Eltern konnten stolz auf mich sein.
Der Weg f�hrte mich
hinunter in die K�che, wo mir Leya, unsere Bedienstete, das gew�nschte Glas Wasser reichte.
Ihre Bewegungen wirkten steif, so als h�tte sie Schmerzen. Vater musste sie mal wieder
ausgepeitscht haben.
Im Wohnzimmer schaltete ich den Fernseher an, schlug die Beine �bereinander und nippte
an meinem Glas, w�hrend meine Lieblingssendung lief.
Es war eine lustige Serie in der es um einen vertrottelten Elfenerfinder ging.
Das lange silberblonde Haar nach hinten streichend, nahm ich den H�rer des Telefons ab,
als es klingelte. Sofort hellte sich meine Miene deutlich auf und mit einem Knopfdruck
machte ich den Fernseher leise. Lyn war am Apparat, mein bester Freund.
Wie immer
redete er begeistert ohne Punkt und Komma und ich lauschte.
Ins Catweasle wollte er gehen,
einer angesagten Disco, nicht allzuweit von uns entfernt.
'Vielleicht rei�en wir dann auch
mal ein paar h�bsche M�dchen f�r Dich auf Venka.'
Ich stimmte zu. Lyn, wie auch meine
Eltern nannten mich immer Venka. Das bedeutet in meiner Sprache 'kleiner Prinz'. Mein
richtiger Name ist jedoch Talorien. Talorien Evengard.
Ich bin zwanzig Jahre alt, studiere Schamanismus, gehe in den Kendo- und in den
Bogenschie�verein. Meine Eltern sind brave Leute, die beide bei Telestrian arbeiten.
Der gr��te Arbeitgeber in ganz Tir Taingir.
Wir sind alles andere als arm und ich muss
zugeben das sie mich ganz sch�n verw�hnt haben. Ich bin halt ihr 'kleiner Prinz'.
Lyn ist mein bester Freund seit ich denken kann. Auch wenn er immer nur Unsinn im Kopf
hat und ich das irgendwie immer ausbaden muss.
Die letzten zwei Jahre jedoch ist er sogar
mehr als nur ein Freund f�r mich geworden. Lyn wei� es nicht und ich werde es ihm wohl
auch nie sagen, aber ich liebe ihn.
Beim Mittagessen waren meine Eltern ebenfalls anwesend. Liebevoll, aber streng war ich
erzogen worden.
Keiner von beiden besa� die magische Begabung so wie ich, umso stolzer
beh�teten sie mich. Manchmal war dies auch arg l�stig.
Insbesondere weil sie Lyn als schlechten Einfluss auf mich sahen. Er war ihnen zu wild,
zu unbeherrscht. Sie tolerierten ihn wohl nur weil sie ihn von kleinauf kannten.
Mit seinem Auto holte Lyn mich am Abend ab und gemeinsam ging es in das Catweasle. Er
redete und ich gab ab und an meine Kommentare dazu.
Die meiste Zeit �ber beobachtete
ich ihn jedoch. Das halblange Haar das er gerade zu einem kleinen Pferdeschwanz
zusammengebunden hatte, die dunklen Augen....
Wie immer umschw�rmten uns die M�dchen begeistert, doch f�r sie hatte ich keinerlei Interesse
�brig. Das unterschied mich sehr von ihm. Lyn eroberte die Herzen im Sturm und hatte fast
jede Woche eine Andere.
Ich tat nur so als ginge ich locker damit um. In Wahrheit tat es
mir jedes Mal weh wenn er sich auf eine von ihnen einlie�.
Doch davon durfte niemals jemand
etwas wissen. Meine Neigungen mussten geheim bleiben.
Nicht das erste Mal �berwogen �bermut und Hormone seinen Verstand und ich fand mich alleine
wieder. Lyn war weg. Mit ihm ein M�dchen und sein Auto.
Das hie� zu Fu� nach Hause gehen.
In Tir Taingire ist es kein Problem des Nachts alleine und angetrunken durch die Stra�en zu
laufen. Das Elfenreich war sicher, die Kriminalit�tsrate verschwindend gering.
In mein Bett fallend tr�umte ich von Lyn. Seit zwei Jahren ging das nun schon so.
Der n�chste Vormittag brachte �berraschendes mit sich. Nicht das ein Anruf von Lyn
besonders �berraschend war, auch wenn er jedesmal mein Herz wild zum klopfen brachte, aber
seine Worte waren es. 'Steh in 15 Minuten vor dem Haus, ich hole dich ab und dann machen
wir einen kleinen Ausflug.'
Das verhie� nichts Gutes. Mit gemischten Gef�hlen bereitete
ich mich auf etwas chaotisches vor.
Ich sollte Recht behalten. Lyn hatte von irgendwoher echtes Papiergeld aufgetrieben.
Primitives Zeug mit denen nur noch die Menschen hantierten. Die Scheine waren leicht
knittrig und etwas ausgebleicht, aber sie waren g�ltig in L.A., und genau dahin wollte Lyn!
Egal was ich versuchte ihn davon zu �berzeugen das es keine gute Idee sei Tir zu verlassen
und hin�ber zu den Norms zu fahren, er wollte nicht h�ren.
'Sie etwas aufmischen.' Nannte
er dies. Und wie immer schaffte es Lyn auch diesmal, mich in seine Begeisterung mit
hineinzuzuziehen.
Durch einen Freund seinerseits, an der Grenze, kamen wir unregistriert r�ber. Ab hier
begann das Gebiet der Norms, wie wir die Menschen schlicht nannten. Primitive Gesch�pfe
die uns Elfen k�rperlich, wie geistig unterlegen waren.
Menschen rochen schlecht, hatten
keine Manieren und taten wahrlich alles um diesen Planeten in Schutt und Asche zu legen.
Wo wir in Tir Taingire uns bem�hten W�lder und saubere Gew�sser entstehen zu lassen,
suchten die Menschen nur Abladepl�tze f�r ihren M�ll.
Dementsprechend hatten Lyn, wie ich, keine allzuhohe Meinung von den Norms, an denen wir
vorbeibrausten. In vollkommenem �bermut beschimpften wir sie und lachten wenn sie uns den
Mittelfinger zeigten.
Bei einem Schwarzen Norm kaufte Lyn schlie�lich Speed. Mir war nicht ganz wohl dabei, denn
erstens, hatte ich noch nie in meinem Leben Drogen konsumiert und zweitens, stammte das Zeug
von Norms. Wer wei� was da drin war.
Doch Lyn lie� sich nicht beirren. Er setzte dem Ganzen noch die Krone auf, indem er anhielt
und mich in ein Lokal namens 'LooLyte' hineinschleifte. Der Laden wirkte d�ster und alles
andere als wirklich freundlich. Ich f�hlte mich nicht wohl und sah zu m�glichst wenig
Inventar zu ber�hren.
Lyn zog mich auch sogleich in eine sch�bige Toilette. �berm�tig wie wir waren zogen wir uns
das Speed rein. Ich blinzelte und blickte in einen schmutzigen Spiegel. So hatte ich mich
noch nie gef�hlt.
Mit einem Mal hatte ich das Gef�hl fliegen zu k�nnen. Ich war unverwundbar
und grinste Lyn nur d�mlich an.
Im Hauptraum sa�en zwei chinesische M�dchen. Norms, aber
in dem Moment war das Lyn egal. Er begann sie sofort anzumachen und wurde in seiner Art
ihnen gegen�ber ziemlich ausfallend.
Ich konnte kaum etwas tun, denn ich war nur am lachen.
Auf einmal war alles einfach nur urkomisch. Auch der hochgewachsene Norm, der Lyn am
Kragen zu packen versuchte, um ihm eine runterzuhauen.
Weniger komisch fand ich als Lyn mit einem Mal etwas blitzendes in der Hand hielt und
zustie�. Immer wieder rammte er schreiend das Messer in den Bauch des Chinesen. Sein Rausch
war zu einem Horrortrip geworden!
Blut spritzte, �berall Geschrei und mein panischer Ausruf: 'Lyn, wir m�ssen hier raus!'
Wir rannten. Ein Zwerg, den ich zuvor in dem Laden nicht bemerkt hatte, versuchte mich zu
greifen und verzweifelt hielt ich ihn mir mit einem Zauber vom Hals, st�rmte an ihm vorbei
und Lyn hinterher, der bereits in den offenen Wagen sprang und den Motor aufheulen lie�.
Ich hatte es gerade geschafft auf den Beifahrersitz zu springen, als dieser Zwerg erneut
neben mir auftauchte.
F�r einen Moment trafen sich unsere Augen und ein kalter Schauer
rieselte mir �ber den R�cken. Dann sp�rte ich nur seine Hand, einen aufzuckenden Schmerz
und mir wurde schwarz vor Augen.
Als ich erwachte lag ich auf einem Sofa. Ich f�hlte mich benebelt und mir war schlecht.
Innerlich verfluchte ich diese Droge, die meinen Verstand immer noch benebelte und mein
Herz rasen lie� als h�tte ich gerade einen eintausend Meter Lauf hinter mir. M�hsam
schaffte ich es mich aufzusetzen und umzusehen. Wo war ich?
Der Raum war gro� und edel eingerichtet. Aber es war kein Ort den ich kannte. Mein Blick
fiel zur T�r, an der zwei schwarzgekleidete Norms standen. Schon wieder Chinesen.
Ich war
noch dabei zu �berlegen was passiert sein k�nnte, da �ffnete sich die T�r und eines der
chinesischen M�dchen trat ein. Dicht gefolgt von jenem Zwerg, der irgendetwas mit mir
gemacht hatte.
Feindseelig sahen mich die Beiden an. 'Wer bist du? Warum wart ihr in dem
Lokal? Wo ist dein Freund hingefahren?' Schmetterten k�hl ihre Fragen auf mich ein.
M�hsam zog ich mich erst einmal auf die F��e. Sie war klein, selbst f�r eine Norm. Von
dem Zwerg erst gar nicht zu sprechen.
'Minderwertiger Norm, lass mich gehen.' Zischte
ich, woraufhin die Chinesin nur einen Blick mit dem Zwergen wechselte, der
bedeutungsvoll die Brauen hob.
Es wurden noch weitere 'Nettigkeiten' untereinander
ausgetauscht. Letztlich verlor die Chinesin, die sich als 'Li' vorstellte, die Geduld
mit mir und zwei Norms schleiften mich gewaltsam in den Keller.
Meine Augen wurden
gro� als ich die Folterinstrumente sah. Sie zogen mir das Oberteil aus und zwangen
meine H�nde in Lederfesseln, die mit einer Kette nach oben gezogen wurden, bis ich
den Kontakt zum Boden verlor.
Hilflos und zittrig vor K�lte und Nervosit�t, hing
ich da. Man stellte mir die gleichen Fragen erneut, doch ich reagierte, wie auch
schon oben, mit k�hler Herablassung.
Dies sollte ich bitter bereuen. Ich sp�rte das sobald der erste Peitschenschlag mich traf
und meine wei�e Haut mit schmerzhaften Striemen zeichnete.
Lange lie� mich mein Stolz die
Z�hne zusammenbei�en und dagegen ank�mpfen, letztlich jedoch musste ich dem Druck der
zunehmenden Schmerzen nachgeben und erz�hlte ihnen alles was sie �ber mich, oder Lyn
wissen wollten.
Tr�nen der Scham liefen mir w�tend �ber das Gesicht.
Die Zeit, nach der man mich herablie�, schien mir endlos zu sein. Meine Beine konnten mich
nicht mehr halten und ich sackte auf die Knie. Mir war schwindelig und ich blutete aus
vielen, kleinen Wunden.
Einige Zeit sp�ter lag ich allein in einem G�steschlafzimmer. Meine Wunden waren versorgt
und ich f�hlte mich schl�frig. Zweifelsohne hatte mir der Arzt ein leichtes Schlafmittel
verpasst.
Wie lange ich geschlafen hatte wei� ich nicht, aber einige Stunden waren in jedem Fall
vergangen.
Auf dem Nachttisch lagen alle meine Sachen, auch mein Vidphone. Sofort griff ich danach
und w�hlte die Nummer meiner Eltern an. Mein Vater hob ab.
Ein riesiger Stein fiel mir von
der Seele. Mein Vater w�rde mir helfen. Er w�rde kommen und mich holen!
Weinend erkl�rte ich ihm was passiert war. Deutlich h�rte man seine Besorgnis in der Stimme.
Er erkl�rte mir das Lyn nicht zur�ck gekommen sei. Jedenfalls h�tte ihn keiner gesehen.
Krampfhaft umklammerte ich den H�hrer, als mitten im Gespr�ch auf einmal ein leises Knacken
und ein kurzes Husten zu h�ren war. Sofort war alles still.
Diese Ger�usche stammten
weder von meinem Vater, noch von mir. Man h�rte uns also ab. Ich wurde kreidebleich
und man konnte regelrecht h�ren wie es meinem Vater auf der anderen Seite nicht anders
erging. Nach wenigen, knappen Worten h�ngten wir auf.
Geschockt sa� ich da. In meinem
Magen hatte sich ein riesiger Knoten gebildet, der mir das Schlucken erschwerte. Das
lange, silbrige Haar fiel mir Str�hnig ins Gesicht und mir wurde jetzt erst so richtig
das Ausma� dessen was passiert war bewusst.
Lyn und ich hatten illegal die Grenze �berquert. Wir hatten us Drogen besorgt und im Rausch
war er ausgeklingt und hatte einen Norm erstochen.
Ich wurde hier gefangen gehalten und
meine Eltern belauscht. Kurz, die Beh�rden in Tir w�rden Lyn und mich, bei einer R�ckkehr,
in jedem Fall in das Erziehungslager f�r Jugendliche in Tir Taingire stecken. Dort gab
es nichts zu lachen.
Tir bot einem Elfen viele M�glichkeiten eines guten Lebens, aber es war ebenso streng in
seiner Handhabung mit 'rebellierenden Individuen'.
Und dann noch die Sorge um den verschwundenen Lyn.
Wie in Trance erhob ich mich und bewegte mich langsam auf die T�r zu. Ich erwartete das sie
abgeschlossen war, ri� jedoch erstaunt die Augen auf, als sie sich m�helos �ffnen lie�.
Seitlich meiner T�r lag ein toter Norm, in seinem eigenen Blut.
Das Herz klopfte mir schneller und mein Verstand arbeitete wachsamer. 'Katze steh mir bei.'
Fl�sterte ich, zog dem toten Chinesen das Katana aus dem Halfter und schlich vollkommen
lautlos den Flur hinab.
Vielleicht konnte ich ja fliehen und ungesehen entkommen. Ohne
jedes Ger�usch ging es die Treppe hinab.
Das Haus lag im Dunkeln, was mich nicht st�rte.
Mit meinen Augen konnte ich perfekt sehen. Doch es war gro� und vom Aufbau anders, als
die H�user in Tir. Ich bog einen gro�eren Flur ein, in der Hoffnung dort den Ausgang
vorzufinden und kam an zwei weiteren, toten Wachen vorbei.
Was zur H�lle war hier los?