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Kapitel 15
Verzweiflung


 

Das Fenster des Sarghotels in Hongkong war winzig und ich f�hlte mich schlecht. Gerade hatte ich eine Stunde lang mit Sylvan telefoniert.
Nat�rlich erz�hlte ich ihm nicht was mich bedr�ckte, aber vermutlich ahnte er es auch so schon.
Im Nebenzimmer h�rte ich Trevor leise mit Susanne sprechen. Die W�nde waren papierd�nn.
Nur kurz darauf kamen andere Ger�usche von dr�ben, das entlockte mir dann doch ein Grinsen und ich drehte mich im Bett auf den R�cken und blickte zur niedrigen Decke empor.
Personality Construct Morgen w�rden wir das Personality Construct von Dr. Mitch Satmore aus der Sansonite- Zentrale hier in Hongkong stehlen.
Unser Johnson hatte uns genau erkl�rt wie das Teil aussah und was es in ungef�hr war.
F�r mich h�rte es sich total verr�ckt an die Pers�nlichkeit Verstorbener auf Datenmaterial zu programmieren. Daten w�rden niemals ein lebendes und f�hlendes Wesen ersetzen k�nnen.
Ich liebte die Matrix, aber letztlich war sie nur ein mechanischer Organismus gespeist aus verschiedenen Stellen, nichts weiter als in Form gebrachter Bin�rcode. Sie war nicht lebendig.
Aber es lag nicht an dem Auftrag der mir das Herz schwer machte. Auch nicht an dieser Stadt, die so vollgestopft mit Menschen schien das ich das Gef�hl hatte niemals Ruhe zu finden, immer w�rde man dieses leise Fl�stern und Raunen h�ren.
Widow w�rde Codex nach diesem Job verlassen.
Ich wusste wohl das sie nicht wirklich f�r das harte Leben auf der Stra�e geeignet war, aber das sie aus meinem Team ausschied und ich sie nicht mehr als Freundin bei mir h�tte konnte und wollte ich nicht guthei�en.
Sie hatte vor die Praxis Doc Greenways zu �bernehmen. Damit war sie der Szene immer noch ganz nah, schien mir aber nichts desto trotz unwahrscheinlich weit entfernt.
Meinem Team gegen�ber lie� ich meine Schwerm�tigkeit nicht anmerken. Das durfte ich als Leader auch nicht, hatte ich doch daf�r zu sorgen das die Moral erhalten blieb.
In der kommenden Nacht ging es also los.
Das Geb�ude lag in hochherrschaftlicher Gegend und von der einen Seite direkt am Wasser. Die Hauptseite m�ndete an der Stra�e. Die Fenster waren allesamt verdunkeltes Panzerglas und vergittert. Schwere kamera�berwachte T�ren bildeten den einzigen Zugang zum Geb�ude. Im Ersten Stock lagerte was wir begehrten.
Im Vorfeld hatte ich herausgefunden das eine ganze Menge angeheuerter Spezialleute in einem Raum, direkt vor unserem Zielobjekt, Wache schoben.
Ungerne lie� ich mein Team alleine in diese Festung vordringen, doch irgendwer musste sich ja um die Kameras und das Sicherheitssystem k�mmern und das konnte nur ich. So legte ich mein Vertrauen in Widow, Bane, Susanne und Trevor, so wie sie das ihre in mich und wir trennten uns.
Das Internetcafe war ein gutes St�ck entfernt, aber von dort aus hackte ich mich in das System der Firma.
Die CPU wurde extrem schwer bewacht, aber das hatte ich nicht anders erwartet.
Mehrmals stand ich kurz davor entdeckt zu werden. In rasantem Tempo, schleichend und doch aggressiv ging ich vor, fand den richtigen Port und klammerte mich einem Virus gleich an das Sicherheitsprogramm.
Ein Spion Los! Erhielten meine Runner die Nachricht und sie schlichen hinein. Doch kaum waren sie drinnen bemerkte ich ein winziges �berwachungsprogramm das mich anstarrte.
Schei�e verflucht! Ich war entdeckt worden, wer wei� wie lange man mich schon beobachtete. Dementsprechend wusste man auch l�ngst �ber die Eindringlinge innerhalb des Geb�udes Bescheid.
Ich loggte mich aus. Jetzt konnte ich nur noch eines tun und zwar den Anderen vor Ort beistehen.
Als ich mein Deck einpackte und mich umdrehte sah ich den Lauf einer Waffe auf meinen Kopf gerichtet.
Die Security musste den Ladenbesitzer informiert haben. Die Matrixpolizei war sicherlich schon unterwegs.
Gaffend starrten mich die wenigen anderen User an, fasziniert dar�ber das sie life mitbekamen wie ein echter Hacker hops genommen wurde.
Verdammt, dachte ich mir. Ich hatte keine Zeit um mich hiermit aufzuhalten. Und an eine Festnahme durch die Chinesische Beh�rde war gar nicht zu denken.
Trotz meines elfischen �u�eren h�tten die in null komma nichts herausgefunden mit wem sie es hier zu tun h�tten und dann hie� es na gute Nacht.
Tief atmete ich durch, dann setzte ich alles auf eine Karte, ich musste nur schneller sein als der untrainierte Ladenbesitzer.
Mit einem Ruck stie� ich ihm den Stuhl gegen die Beine, duckte mich im gleichen Moment herab und f�hlte den Druck eines Schusses �ber mir hinwegkrachen, der den Bildschirm dahinter halb zerlegte.
Die Sohlen meiner Schuhe knirschten, als ich seitlich von ihm hinwegtauchte, �ber einen Tisch fegte und auf den Hinterausgang zueilte, denn von vorne sah ich bereits das Blaulicht der Polizisten.
Ein weiterer Schuss und pl�tzlich aufflammender Schmerz erreichte mein Bewusstsein. Ich taumelte, zwang mich allerdings mit aller Kraft vorw�rts, stie� die T�r auf und tauchte in die k�hle Nachtluft ein.
Zwei Stra�en weiter rannte ich, dann wurde ein Auto geknackt, kurz geschlossen und ich befand mich halberwegs in Sicherheit.
Mein R�cken blutete und ein bekanntes �belkeitsgef�hl stieg in mir auf, doch daf�r blieb jetzt schlicht keine Zeit.
Ich klingelte Widow an. Keiner ging ran.
Das Gaspedal durchdr�ckend schl�ngelte ich mich r�cksichtslos durch den n�chtlichen Verkehr und versuchte es schlie�lich bei Susanne. Nichts. Trevor. Keine Antwort. Bane...
Antwort! Bane, der Ork blickte blass und ersch�pft in das Vidphone und seine n�chsten Worte lie�en mir das Blut in den Adern gefrieren.
Susanne 'Trevor und Susanne sind tot. Widow hat es auch erwischt. Drau�en ist die Polizei. Ich werde jetzt rausgehen.'
Damit nahm er Widow auf, in der er noch einen winzigen Restfunken an Leben bemerkte, und trug sie ehrenvoll auf beiden Armen hinaus, dem Blitzlichtgewitter von Polizei und Presse entgegen.
Als ich unweit der Szenerie parkte konnte ich ihn sehen wie er sie auf dem Boden ablegte.
Ich wei� nicht ob man noch einmal auf ihn geschossen hat, oder ob ihn die Schw�che �bermannte, auf jeden Fall sah ich kurz darauf auch ihn zu Boden gehen.
Habe ich je so bitter geweint wie in diesem Augenblick?
Ja, zu oft...
Ich wei� wie leer ich mich da f�hlte. Mein Blut tr�nkte das Polster des Wagens, aber es schien bedeutungslos.
Bedeutungslos dagegen das da gerade meine Freunde gestorben waren. Ich f�hlte mich nach Atzlan zur�ckversetzt. Die Leere in mir lie� mich verzweifeln. Ich konnte nicht atmen, nicht schlucken, wollte nur die Zeit zur�ckdrehen und alles abblasen. Kein Geld der Welt war das Leben eines Freundes Wert....
Ich wei� nicht mehr was in den Stunden danach geschah. Manchmal habe ich das Gef�hl mein Verstand setzt bei zu schmerzhaften Dingen einfach aus und mir fehlen einige Stunden. In diesem Fall sind es zwei Tage.
Ich habe absolut keine Ahnung wie ich an die Adresse dieses chinesischen Stra�endoc gekommen bin.
Das Datum meines Vidphones zeigte mir an wie viel Zeit vergangen war, seit ich zusehen musste wie die Polizisten Bane und Widow wegschafften.
Ich versp�rte keinen Hunger, konnte mich aber nicht daran erinnern etwas gegessen zu haben. Im Grunde f�hlte ich mich auch gar nicht in der Lage dazu irgendetwas zu essen.
Innerlich suchte ich die Best�tigung f�r den Tod meines Teams und begab mich schlie�lich in die Matrix. Das Ergebnis war �berraschend.
Zwei �berlebende wurden derzeit im Gef�ngniskrankenhaus behandelt. Keine Namen, keine Bilder, keine genaue Beschreibung, aber etwas Hoffnung.
Rasch holte ich mir alles heran was die Matrix �ber den Aufbau, die Bewaffnung und sonstige allgemeine Sicherheit so her gab und knapp zwei Stunden sp�ter hatte ich Sylvan an der Strippe und erkl�rte ihm mein Vorhaben.
Wenn ich erwartet hatte das er mir die Sache ausreden wolle so irrte ich mich gewaltig. Stattdessen organisierte sich Sylvan einen Flug, schnappte sich River am Kragen und schon weitere zwei Tage sp�ter kamen mir die Beiden zur verabredeten Zeit am Flughafen entgegen.
Sylvan & River W�rde ich sie nicht so gut kennen h�tte ich ernsthaft Probleme gehabt die beiden Br�der auseinander zu halten, aber so war es Balsam pur von Sylvan in die Arme gezogen und f�r einen Moment gehalten zu werden.
Beide zeigten keine Spur von Nervosit�t, obgleich die Idee geradezu wahnwitzig schien zu dritt in das Gef�ngniskrankenhaus in Hongkong einzubrechen und zwei verletzte Gefangene herauszuholen.
Professionell besprachen wir die Pl�ne, die ich besorgt und vorbearbeitet hatte.
Das Krankenhaus schloss sich als direkter Teil an das Gef�ngnis an, besa� allerdings einen gro�en Schwachpunkt, ein unterirdisches Abwassersystem.
In der darauffolgenden Nacht bewegten wir uns eben durch jenes hindurch. Breezer machten das Atmen m�glich. Die G�lle ging uns locker bis zur H�fte, zum Gl�ck hatten wir Gummihosen �ber unserer Kleidung an.
Skimasken sollten eine Aufnahme unserer Gesichter verhindern und bewaffnet waren wir alle mit einer Narcoject, sowie Sylvan und River auch mit h�rteren, schallged�mpften Gesch�tzen.
Im Nachhinein muss ich echt sagen, es grenzt an ein Wunder das wir es schafften!
Gefängniskrankenhaus Ohne Probleme schlichen wir uns ungesehen zum Krankenzimmer der Beiden.
Die patroullierenden Wachposten wurden von den beiden Samurais erledigt und wir schl�pften in den Raum.
Bane! Widow! Mir fiel eine tonnenschwere Last von der Seele.
Rasch weckten wir die Zwei, die geradezu schockiert dar�ber schienen uns zu sehen.
Bane ging es halbwegs gut, aber Widow war v�llig fertig.
Bane erz�hlte uns das er in seiner Kleidung s�mtliche Personality Constructs versteckt hatte, diese jetzt aber wohl in der Asservatenkammer liegen m�sse.
Da wurde nicht lange gefackelt. Wir begleiteten Bane und Widow zum Heizungskeller, �ber den sie den Eingang zum Abwasserschacht alleine finden w�rden, und machten uns leicht �berm�tig auf in die Asservatenkammer.
Das Magschloss knackte ich leicht und ab ging es an den R�ckweg. Dabei wurden wir jedoch bemerkt und von einem kleinen Trupp unter Beschuss genommen.
Es zeigte sich einmal mehr wie wertvoll Erfahrung und K�nnen eines guten Samurais, in unserem Fall zweier Samurais, sein k�nnen. Ich f�hlte mich fast als kleines Anh�ngsel neben ihnen und ich halte mich beileibe nicht f�r schlecht!
Tatsache ist das wir die Flucht durch das Abwasser schafften.
Der Stra�endoc stabilisierte Widow und schon wenige Stunden sp�ter ging es gemeinsam nach London zur�ck.
Dieser Auftrag brachte uns sehr viel Geld ein. Die Anteile von Trevor und Susanne bekamen Sylvan und River zugesprochen, sogar ein wenig mehr.
Die n�chsten Tage verbrachte ich nachdenklich, wie so oft.
Trevor Es gab hier in London jetzt eine Wohnung mit Sachen die auf ihre Besitzer warteten. Sie w�rden niemals kommen.
Susanne und Trevor waren gerade erst zusammen gezogen. Und hatten sich dort alles gemeinsam hergerichtet.
Ich konnte dort nicht hingehen. Es war damals bei Myxin und Ramrod schon so schrecklich gewesen, ich konnte nicht in die Wohnung der Zwei gehen und ihrer zur�ckgelassenen Pers�nlichkeit begegnen. Ich konnte nicht...
Am liebsten h�tte ich alles hingeworfen und h�tte mir endlich diese verdammte Insel gekauft, um alle die ich liebe dorthin in Sicherheit zu bringen. Aber das Geld reichte noch lange nicht...
So fasste ich einen Entschluss. Normalerweise bin ich der Allerletzte der seine Teamkameraden betr�gt, aber ich wollte nur raus hier. Weg von Blut und all dem.
Da ich die Schattenkonten verwaltete hatte ich auch Zugriff auf die Sparkonten von Trevor und Susanne. Ich r�umte sie komplett und brachte so gut 300.000 Nuyen auf mein eigenes Konto. Niemand sollte es erfahren, aber das brachte mich meinem Wunsch nach Sicherheit ein gutes St�ck n�her.

Hongkong bei Nacht

 


 

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