"Eintritt in die Atmosphäre in einer Minute", meldete der Bordcomputer. Karl schaute angestrengt auf die Bildschirme. Er würde der erste Mensch auf dem Jupiter sein. Nach über zwei Monaten würde er endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben. "Eintritt in die Atmosphäre in fünf...vier...drei... zwei...eins...", bestätigte der Computer. Karl musste sich extrem konzentrieren. Aber da er schon seit über zwei Monaten in der Nexus VII saß, beherrschte er alle Knöpfe, alle Schalter und alle Bewegungsabläufe wie im Schlaf. Nachdem er die Nexus VII stabilisiert hatte, schaltete er auf Automatic Landing um. Nun würde es etwa acht Minuten dauern, bis er den Jupiter betreten könnte, dachte er.
Die letzte erfolgreiche Weltraummission lag über 40 Jahre zurück. Damals landete Boris Ponovski und Liz Iderno auf dem Mars. Es war die dritte erfolgreiche Marslandung in Folge. Danach setzte das große Sterben ein. Weit mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung starb ohne irgendeinen nachweisbaren Grund.
Der Bordcomputer meldete: "Landung in fünf Minuten." Karl wusste, dass die Landung der schwerste Teil seiner Mission war. Die Nexus VII hatte rund vier Astronomische Einheiten unbeschädigt zurück gelegt. Aber auf der Jupiteroberfläche beträgt die Temperatur -197°C. Obwohl er diese Landung schon x-mal simuliert hatte, zweifelte er, ob die Nexus VII eventuell doch Schaden erlitten hatte.
Wieder meldete der Bordcomputer: "Landung in drei Minuten." Aber Karl überhörte es. Er musste an seine Frau und seine Tochter denken. Seine Frau starb damals auch als das große Sterben stattfand. Seine damals noch sehr junge Tochter erinnert sich nicht mehr daran. Heute ist seine Tochter sehr klug, aber sie wirkt bei allem, was sie tut, desinteressiert. Überhaupt scheint es Karl so, als seien alle Kinder, die erst nach dem großen Sterben geboren wurden, klug und desinteressiert. Wie Computer. Ohne Neugier.
"Landung in einer Minute." Karl schaut wieder auf die Monitore. Alle Werte sind normal. Er schaltet wieder auf Manual Landing. Es gibt keine Probleme. Das Magnetfeld des Jupiters hat keinen Einfluss auf die Landung. Karl startet die Landedüsen. Alles erinnert ihn an seine erste Simulation ... eine ideale Landung. Die Nexus VII steuert direkt auf den festen Teil des Jupiters zu. Es ist keine Korrektur der Koordinaten notwendig.
Karl zählt abwärts: "Zwölf...elf...zehn...", weil der Bordcomputer den Landepunkt überprüft. "Zwei...eins...Landung."
Karl zieht seinen Raumanzug an. Er geht nur langsam zur Tür, da er die hohe Gravitation nicht mehr gewohnt ist. Die Tür öffnet sich. Es ist alles schwarz. Nur ein Schriftzug erscheint vor seinen Augen: Error 65662.
Er setzt seine VR-Brille ab. Seit 31 Jahren befand er sich in einer virtuellen Realität, deren Grenze er nun überschritten hat.