Anne Boleyn


Anne Boleyn, Heinrichs VIII. große Liebe, für die er, um sie heiraten zu können, bereit war, sich von der katholischen Kirche zu trennen, wurde Ende Mai oder Anfang Juni im Jahre 1501 als zweite Tochter von Thomas Boleyn (+ 1539) und Elisabeth Howard (+ 1538) in Blickling, 15 Meilen nördlich von Norwich, geboren. Während ihre sehr schöne und wohlhabende Mutter als Tochter des zweiten Herzogs von Norfolk, Thomas Howard (+ 1524), aus dem Hochadel stammte, waren die Vorfahren ihres Vaters durch günstige Heiraten innerhalb weniger Generationen vom Kaufmannsstand zum niederen Adel aufgestiegen. Von den vielen Kindern, die ihre Mutter auf die Welt gebracht hatte, blieben nur Anne und ihre Geschwister Mary, geboren um 1499, und George, geboren 1504, am Leben. Ihre anderen Kinder starben bereits wenige Tage nach der Geburt.

Annes Vater, Thomas Boleyn, der für sehr ehrgeizig, sehr sprachbegabt, arbeitsam und für äußerst sparsam gehalten wurde, fand wegen seiner diplomatischen Fähigkeiten als Berater Heinrichs VII. in ihrem Geburtsjahr gerade Zugang zum königlichen Hof und wurde wegen seiner hervorragenden Leistungen sogar mit dem Hosenbandorden ausgezeichnet. 1503 durfte er Margarete, die ältere Schwester Heinrichs VIII., nach Schottland geleiten, wo sie ihren Mann Jakob IV. ehelichte.

Im Laufe der Zeit konnte Annes Vater sich einen festen Platz am Königshofe schaffen und war sowohl bei allen traurigen wie auch fröhlichen Anlässen der Königsfamilie anwesend. So nahm er z.B. 1509 an dem Begräbnis Heinrichs VII. und 1511 an der Taufe des kleinen Heinrichs, des frühverstorbenen Sohnes von Heinrich VIII. und Katharina von Aragón, teil.

Während Thomas Boleyn karrieremäßig aufstieg, verbrachte Anne mit ihren beiden Geschwistern die ersten Jahre ihrer Kindheit auf Blickling. Dann zog sie mit ihrer gesamten Familie zum anderen Stammsitz der Boleyns, zum Schloß und Gut von Hever, wo ihr Vater im Jahre 1512 zum Sheriff von Kent befördert wurde. Als Thomas Boleyn noch in diesem Jahr zum englischen Gesandten am niederländisch-burgundischen Hofe der gebildeten Margarete von Österreich (Abb. 10a) ernannt wurde, nutzte er dort sein gutes Verhältnis zur Fürstin, um seine Tochter Anne hier als Hofdame unterbringen zu können. Was ihm schließlich auch gelang! So schickte er, als er im Frühling 1513 nach England zurückgekehrt war, Anne noch im gleichen Jahre zu Margarete nach Mechelen.

Hier am habsburgischen Hof, den man für den gebildetsten Hof Europas der damaligen Zeit hielt, wurde Anne gründlichst in Sprachen, Poesie, Musik und Tanz unterrichtet. Ihr Lehrer, der speziell für sie verantwortlich war, hieß Symonnet. Und Anne erwies sich als eine sehr aufmerksame und schnell lernende Schülerin. Jedoch schon ein Jahr später, am 14.8.1514, bat ihr Vater um ihre Entlassung. Der Grund lag in der Heirat Marias, Heinrichs VIII. jüngeren Schwester, mit dem französischen König Ludwig XII.. Für den neuen Hofstaat Marias, der sie nach Frankreich begleiten sollte, wurden dringend Hofdamen und Dienerinnen gesucht, die der französischen Sprache mächtig waren. Und am Hofe Margaretes war die Umgangssprache Französisch, das Anne nun mittlerweile perfekt beherrschte.

So wurde Anne im August 1514 in der Liste des englisches Gefolges für Maria, der nunmehrigen Königin von Frankreich, als deren vierte Hofdame aufgeführt. Auch Annes ältere 15-jährige Schwester Mary soll zu den Hofdamen der neuen Königin gezählt haben.

Im September 1514 fuhr Anne mit ihrer neuen Herrin nach Dover. Heinrich VIII., Katharina von Aragón und der ganze Hof begleiteten die neue französische Königin und ihre Höflinge, Edeldamen und Dienerinnen zum Hafen. Da ein schreckliches Unwetter herrschte, mußte man einen Monat warten, bis man am 2.10. loslegen konnte. Die Überfahrt war sehr gefahrvoll. Ein heftiger Sturm zerstreute die Flotte, und das Schiff, auf dem Anne und ihre königliche Herrin fuhren, wurde vom Geleit getrennt und befand sich für einige Stunden in sehr großer Gefahr.

Als Marias Ehemann Ludwig XII. bereits im Januar 1515 gestorben war, kehrte Anne im April 1515 im Gegensatz zu ihrer Herrin und ihrer Schwester Mary nicht nach England zurück, sondern wurde Hofdame von Claude(+ 1524), der neuen Königin von Frankreich und Gemahlin Franz' I.. Sieben Jahre lang blieb sie bei der häßlichen, jedoch liebenswürdigen Claude, die eine Tochter Ludwigs XII. gewesen war. Mit ihrer neuen Herrin, die nur zwei Jahre älter als sie war, hielt sich Anne hauptsächlich in den Loire-Schlössern Amboise und Blois auf. Für ihre Erziehung war die gebildete Schwester des französischen Königs, Margarete von Angoulême, verantwortlich, die für Anne in vielerlei Hinsicht - besonders im religiösen Bereich wegen ihrer Reformgedanken - zum Vorbild wurde. Thomas Boleyn sah seine Tochter 1519-1520 des öfteren, da er in diesen Jahren gerade zum englischen Botschafter in Frankreich nominiert worden war.

Annes Schwester Mary, die nach ihrer Heimkehr als Hofdame Katharina von Aragóns tätig war, wurde um diese Zeit - im Februar 1520 - mit Sir William Carey verheiratet. Heinrich VIII., von dem man vermutete, daß er schon zu diesem Zeitpunkt ihr Geliebter war, nahm an ihrer Vermählungsfeier teil. Anscheinend hatten weder Marys Vater noch ihr Ehemann etwas dagegen, daß sie die Mätresse des Königs war. Ihr ehrgeiziger und geldversessener Vater, Thomas Boleyn, wurde ja schließlich auch reichlich belohnt. 1521 wurde er zum Schatzmeister des königlichen Haushaltes erklärt und am 18.6.1525 zum Viscount Rochford erhoben. Zudem ernannte ihn der König zum Schloßverwalter von Tonbridge und Swaffham, Steuereinnehmer von Bransted und Bewahrer von Thunderley und Westwood Park.

1521 wurde auch Anne von ihrem Vater nach England zurückbeordert. Deshalb verließ sie im Januar 1522 Frankreich und damit auch den Hof der Königin Claude. Der Grund für diesen Rückruf war diesmal ein gewisser Piers Butler (+ 1539). Annes Urgroßvater, Thomas Butler, hatte nach seinem Tod 1515 seinen Besitz und sein Vermögen in Erbgemeinschaft seinen Nachkommen, den Boleyns und den St. Legers, hinterlassen. Piers Butler, der in Abwesenheit von Thomas Butler dessen Besitz in Irland verwaltet hatte, erhob nun aber als ferner Verwandter ebenfalls Anspruch auf dessen Besitz. Da er sehr mächtig war und viele irländische Lords hinter sich wußte, standen die Chancen für Thomas Boleyn nicht sehr gut. Zudem wurde Piers Butler zum Wohle und im Interesse Englands in Irland dringendst gebraucht. Thomas Howard, der mittlerweile dritte Herzog von Norfolk, ein Onkel von Anne und ältester Bruder ihrer Mutter, schlug nun vor, um den Streit doch noch gütlich zu beenden, daß James Butler, der Sohn von Sir Piers, Anne heiraten sollte.

Bevor Anne jedoch wieder englischen Boden betrat, hatte es sich ihr Vater bereits anders überlegt. Nun wollte er von dieser Eheschließung nichts mehr wissen. Anne - mittlerweile 20 Jahre alt - wurde nach ihrer Rückkehr sogleich zur Hofdame der Königin Katharina von Aragón  ernannt.

Thomas Boleyn konnte sehr stolz auf seine zweite Tochter sein. Von ihren Zeitgenossen wurde sie als groß, schlank, graziös, lebhaft, tatkräftig, strenggläubig und gottesfürchtig, wißbegierig, außergewöhnlich intelligent, schlagfertig und redegewandt bezeichnet. Zudem soll sie eine schnelle Auffassungsgabe besessen haben. Andere Zeitgenossen sahen sie eher negativ und beschrieben sie als arrogant, scharfzüngig, launisch, ehrgeizig, rachsüchtig und eigensinnig. Tatsache ist, daß sie die englische und französische Sprache perfekt beherrschte, mehrere Musikinstrumente unter anderem besonders die Laute sehr gut spielte, und daß sich ihre Lektüre vorwiegend auf religiöse Themen konzentrierte. Sie soll - darin sind sich ihre Freunde und Feinde einig - die geistreichste und zugleich scharfsinnigste und weitblickendste Frau am englischen Hofe gewesen sein.

Anne hatte außerdem wunderschönes langes, fast schwarzes Haar, ein langes, ovales Gesicht, hohe Wangenknochen, große, strahlende, dunkle, mandelförmige Augen, eine kleine, gerade Nase und eine kleine Mißbildung am linken kleinen Finger, an dem sich ein doppelter Nagel mit einer Andeutung eines sechsten Fingers befand. Und obwohl sie keine ausgesprochene Schönheit war, wirkte sie aufgrund ihres Charmes und ihres Esprits auf Männer recht anziehend. Sie galt zudem als eine vorzügliche Reiterin und als eine ausgezeichnete, anmutige Tänzerin. Der Viscount Chateaubriant, einer der vielen Höflinge am Hofe Franz'I., beschrieb sie folgendermaßen: "Sie besaß eine große Begabung zum Gedichteschreiben, und wenn sie - wie ein zweiter Orpheus - sang, konnte sie selbst Bären und Wölfe zum Zuhören bringen. Desgleichen tanzte sie die englischen Tänze, die kleineren und größeren Sprünge mit unbeschreiblicher Anmut und Behendigkeit. Außerdem erfand sie viele neue Figuren und Schritte, die noch jetzt unter ihrem Namen bekannt sind oder unter den Namen der Kavaliere, mit denen sie tanzte. Sie war in allen neuesten Spielen an den Höfen sehr geschickt. Außer daß sie wie eine Sirene sang, auf der Laute sich selbst begleitete, spielte sie die Harfe besser als der König David, und handhabte beides, Flöte und Rebec (eine kleine Geige des Mittelalters in der Form einer halben Birne mit zwei bis drei Saiten). Sie kleidete sich mit erstaunlichem Geschmack und erfand neue Moden, die von den hübschesten Damen am französischen Hof nachgeahmt wurden, aber keine von ihnen trug sie mit ihrer Grazie, in der sie sogar Venus den Rang streitig machte."  

Der Viscount Chateaubriant beschrieb diesen "Auswuchs" als ein unangenehm großes Muttermal, das einer Erdbeere glich. Anne versteckte diesen "Schönheitsfehler" gewöhnlich unter ein mit Stickereien oder Perlen geschmücktes Halsband. Auch diese eigentlich nur zum Verdecken eines Muttermals vorgenommene "Verkleidung" wurde von den anderen Hofdamen sofort nachgeahmt, ohne daß sie Annes wahren Grund dafür auch nur ahnten.

Anne faszinierte trotz ihrer kleinen Schönheitsfehler die Männer in ihrer Umgebung, und so verliebte sich kurz nach ihrer Ankunft in England auch der Sohn des Grafen von Northumberland, Lord Henry Percy, der im Haushalt des Kardinals Wolsey lebte, in sie. Jedesmal, wenn der junge Henry seinen Herrn, den Kardinal, an den königlichen Hof begleitete, konnte er Anne, die Hofdame Katharinas von Aragón, sehen und bewundern. Die Liebe traf auf Gegenseitigkeit und währte vom Frühling 1522 bis zum Sommer 1523. Es gab jedoch ein großes Hindernis in ihrem Glück. Henry war von seinem Vater im Jahre 1515 mit Mary Talbot, der Tochter des Grafen von Shrewsbury, verlobt worden. Die Liebe zwischen Anne und Henry war jedoch so groß, daß Henry die bereits seit Jahren bestehende Verlobung lösen wollte. Wolsey und Henrys Vater verboten daraufhin dem jungen Verliebten, Anne weiterhin den Hof zu machen, und schickten ihn zurück nach Hause, nach Alnwick. Irgendwann zwischen dem 14.1. - 8.2.1524 wurden Henry Percy und Mary Talbot, wie es ihre Eltern wünschten, verheiratet. Anne sollte Wolsey diese Einmischung nie verzeihen.

1527 wurde Henry Percy nach dem Tode seines Vaters der sechste Graf von Northumberland. Seine Ehe mit Mary Talbot war, wie zu erwarten, zu einer reinen Katastrophe geworden. 1530 trennten sich die beiden. Henry, ein todunglücklicher Mann, kannte danach nur noch eine Freude: seine Familie zu ärgern. Im Februar 1535 akzeptierte er, daß er wohl ohne legitimen Erben sterben müßte. Da der König zu dieser Zeit wünschte, daß Henry seinen Nachfolger im Falle seines plötzlichen Todes schon zu Lebzeiten namentlich bekanntgab, machte dieser, um keinen seiner verhaßten Brüder zu seinem Nachfolger zu bekommen, Heinrich VIII. persönlich zu seinem Erben. Drei Jahre zuvor, im Jahre 1532, gab es schon einmal ein großes Aufsehen um Henry Percy. Seine Frau hatte sich bei ihm beklagt, daß er sie vernachlässigen würde. Seine Antwort war, daß er mit ihr überhaupt nicht verheiratet gewesen wäre, da er sich schon zuvor Anne versprochen hätte. Mary Talbot erzählte dies ihrem Vater, der sich wiederum mit dieser Neuigkeit an den Onkel von Anne, Thomas Howard, wandte. Thomas Howard zeigte daraufhin den Brief sofort seiner Nichte Anne. Annes typische Reaktion war, daß sie das Schreiben Heinrich VIII. höchstpersönlich vorlegte und darauf beharrte, daß man dieser Sache auf den Grund ging. So wurde Henry Percy im Juli 1532 von den zwei Erzbischöfen Wolsey und Warham unter Leistung eines Eides über diesen Tatbestand ausgefragt und dann unter Anwesenheit des Herzogs von Norfolk und der königlichen Richter gezwungen, einen Eid auf das Heilige Sakrament abzulegen und zu schwören, daß kein Ehevertrag zwischen ihm und Anne Boleyn bestanden hätte oder weiter bestehen würde.

Anne wie auch Henry Percy leugneten natürlich aus guten Gründen ab, daß es zwischen ihnen jemals solch einen Vertrag gegeben hätte. Anne wollte Königin von England werden und Percy seinen Kopf behalten! Im Juni 1537 starb Henry Percy ungefähr ein Jahr nach der Hinrichtung seiner großen Liebe Anne Boleyn. Er hatte als Geschworener am Gericht gegen sie im Jahre 1536 teilgenommen. Dieser Prozeß jedoch hatte ihn physisch und psychisch so mitgenommen, daß sein baldiger Tod schon damals vorauszusehen war.

Um 1525/26 warb ein anderer Mann um Anne. Es war Sir Thomas Wyatt (1502-1542). Als Verfasser von Gedichten und philosophischen Schriften galt er neben dem Grafen von Surrey, Henry Howard (+ 1547), dem Cousin von Anne und ältestem Sohn ihres Onkels Thomas Howard, als der bedeutendste Dichter der Tudorzeit. Als Kinder waren die Boleyns und Wyatts Nachbarn, da Thomas Wyatts Vater Henry der Gehilfe von Annes Vater im Regierungsbezirk Norwich war. Als die Boleyns zum Schloß und Gut von Hever umzogen, blieben die Wyatts weiterhin ihre Nachbarn, da sie ihren ursprünglichen Wohnsitz in Norwich mit dem Schloß von Allington in der Nähe von Maidstone eintauschten und nur ungefähr 20 Meilen von den Boleyns entfernt lebten. Daß Anne und Thomas sich aus ihrer Jugendzeit kannten, ist wegen der geringen Entfernung und der engen Zusammenarbeit ihrer Väter anzunehmen.

Seit 1523 war Thomas Wyatt am königlichen Hofe tätig. Anscheinend ging die Beziehung zwischen Anne und Thomas jedoch nie über das "Höfisch-Konventionelle" hinaus, da Thomas Wyatt bald seine Angebetete an Heinrich VIII. abtreten mußte. Im Dezember 1526 kam es jedenfalls zu deutlichen Reibereien zwischen dem König und Thomas Wyatt wegen Thomas Boleyns zweiter Tochter.

Um diese Zeit hatte sich Heinrich VIII. nämlich schon leidenschaftlich in Anne verliebt. Im Gegensatz zu ihrer Schwester hatte sich diese ihm gegenüber jedoch "fleißig" verweigert. Ob die Verweigerung nun ihrerseits auf Keuschheit, Nichtverliebtsein in den Verehrer oder auf Berechnung zurückzuführen ist, bei Heinrich erhöhte dieser Widerstand nur noch seine Bewunderung für sie.

Annes Vater, der schon durch die freiwillige Hingabe seiner Tochter Mary an Heinrich VIII. reichlich mit Ämtern und Titeln belohnt worden war, verdankte seiner Tochter Anne 1529 schließlich den Aufstieg zum Grafen von Wiltshire und Ormonde und zum Kleinsiegelbewahrer. Und Annes Bruder George, der seit 1527 im königlichen Haushalt beschäftigt war, wurde später zum englischen Gesandten in Frankreich ernannt. Keiner in Annes Familie ging leer aus. Selbst James Howard, ein weiterer Bruder ihrer Mutter, brachte es dank seiner Nichte zum Vorsitzenden des Kronrates.

Anne selbst war anfangs nur bereit, die zahlreichen Briefe des Königs zu beantworten. Aus den Jahren 1527 und 1528 sind 17 Liebesbriefe von Heinrich VIII. an Anne Boleyn bis auf unsere heutigen Tage erhalten geblieben. Sie befinden sich seit 1529 in der Vatikanischen Bibliothek zu Rom. Vermutlich waren sie als belastendes Material von Annes Gegnern dort hingeschafft worden.

Wenn man weiß, daß Heinrich VIII. Schreiben und Lesen über alles haßte, zeigen diese Briefe schon allein durch ihre Anzahl, wie vernarrt der englische König in Anne war. Denn Wolsey ließ ihm im allgemeinen fast nur Kurzfassungen seiner diplomatischen Korrespondenzen vorlegen und schrieb im Namen des Königs sogar dessen Briefe. Es fehlte dann in der Regel nur noch die königliche Unterschrift. Aber selbst das schien Heinrich VIII. schon zuviel zu sein. Bereits seit 1512 verwendete er deshalb einen Stempel mit seiner Unterschrift.

Die Briefe an Anne jedoch, die teils in Französisch, teils in Englisch abgefaßt wurden, schrieb er eigenhändig. Von Annes Briefen ist leider nur einer erhalten geblieben. Möglicherweise wurden sie von Heinrich VIII. vernichtet, nachdem seine Liebe zu ihr erloschen war.

Heinrich schrieb seine Briefe, als Anne sich nicht mehr am königlichen Hofe, sondern auf dem elterlichen Landsitz Hever in Kent befand. Wie die Briefe hier verschwinden und nach Rom gelangen konnten, ist bis heute ein Rätsel geblieben.

Anne hatte es ihrem königlichen Verehrer wirklich nicht leicht gemacht. In seinem dritten Brief, geschrieben 1527, verliert Heinrich bereits allmählich den Mut und die Geduld, da Anne trotz seiner Bitten nicht an den königlichen Hof zurückkehren möchte. Der Inhalt dieses Briefes lautet:

"Mein Nachdenken über den Inhalt Eures Briefes hat mir große Pein verursacht, da ich nicht weiß, wie ich ihn deuten soll: zu meinem Nachteil, wie Ihr dies an einigen Stellen beabsichtigt - oder zu meinem Vorteil, wie ich einige andere verstehe. Ich bitte Euch von ganzem Herzen, mir ausdrücklich mitzuteilen, welche Meinung Ihr von unserer beider Liebe habt. Denn ich muß unbedingt eine solche Antwort erhalten, da ich vor mehr als einem Jahr vom Pfeil der Liebe getroffen wurde und nicht weiß, ob ich gescheitert bin oder Platz in Eurem Herzen und Eure feste Zuneigung gefunden habe.
Der letztere Punkt hindert mich seit einiger Zeit daran, Euch meine Geliebte zu nennen. Denn wenn Ihr mich nicht anders als in üblicher Weise liebt, ist dieses Wort für Euch nicht angebracht, da es etwas Einmaliges bezeichnet, das weit vom Üblichen entfernt ist. Doch wenn Ihr geruht, den Platz einer wahren, treuen Geliebten und Freundin einzunehmen und Euch mit Leib und Seele dem zu schenken, der Euer treuer Diener war und sein will (sofern Ihr es mir nicht streng verbietet), dann verspreche ich Euch, daß Euch nicht nur diese Bezeichnung zusteht, sondern ich Euch als meine einzige Geliebte nehme, alle anderen, die um Euch sind, aus meinen Gedanken und meiner Zuneigung verbanne und nur Euch dienen werde.
Ich bitte Euch, mir auf diesen unbeholfenen Brief ausführlich zu antworten (und mir zu sagen,) was - und wieviel - ich erwarten kann. Und wenn Ihr mir Eure Antwort nicht in einem Brief geben wollt, bezeichnet mir einen Ort, wo ich sie aus Eurem Munde hören kann - ich werde mich frohen Herzens dort einfinden.
Nicht mehr - aus Furcht, Euch zu verärgern. Geschrieben von der Hand dessen, der gerne der Eure bleiben möchte -
Henry Rex

Aber Anne gab keinen Ort an, an dem sie mündlich die gewünschten Worte zuflüstern konnte. Heinrich jedoch schrieb und hoffte weiter, Anne demnächst in seinen Armen halten zu dürfen. Nach seinem fünften Brief - wir befinden uns immer noch im Jahr 1527 -, erhielt er einen Diamanten von ihr geschenkt, der ihm erneut Hoffnung, was die Zukunft betraf, gab: "...Ich bitte Euch auch, falls ich Euch irgendwann gekränkt haben sollte, mir ebenso zu vergeben wie ich Euch verzeihe. Von jetzt an wird, so versichere ich Euch, mein Herz Euch allein gehören - ich wünschte sehr: mein Körper ebenfalls. Dies kann von Gott, wenn er es will, bewirkt werden. Zu ihm flehe ich darum jeden Tag ein Mal - in der Hoffnung, daß schließlich mein Gebet erhört wird..."

Seit 1527, vermutlich bereits seit 1526, schien Heinrich VIII. entschlossen gewesen zu sein, sich von Katharina, seiner ersten Frau, für immer zu trennen. Nicht Anne Boleyn war der Scheidungsgrund, sondern das Fehlen von männlichen Nachkommen in seiner ersten Ehe. Katharina war mittlerweile 41 Jahre alt, und nach den vielen Fehl- und Totgeburten, die sie erlitten hatte, bestand kaum noch Hoffnung, daß sie jemals wieder schwanger werden würde. Auf das Fortleben seiner Dynastie legte Heinrich VIII. jedoch sehr großen Wert. Nichts bedeutete ihm mehr, als endlich einen legitimen, lebensfähigen Sohn in seinen Armen halten zu dürfen. Außerdem war, falls er ohne männliche Erben blieb, nach seinem Tode wieder mit einer Einmischung des Auslandes und einer Wiederholung der Bürgerkriege wie im 15. Jh. zu rechnen. Daß seine zweite Frau Anne Boleyn werden sollte, stand für ihn bereits 1527 fest. Denn er sandte zu dieser Zeit seinen Privatsekretär Dr. Knight nach Rom mit der Bitte um eine bedingte Dispens, die es ihm erlaubte, im Falle einer Annullierung seiner Ehe die Schwester seiner früheren Geliebten Mary, also Anne Boleyn, zu heiraten. Zwischen Heinrich VIII. und Anne bestand nämlich das Ehehindernis der "Schwägerschaft aus unerlaubtem Beischlaf". Die Kirche verbot nämlich auch die Eheschließung, wenn einer der zukünftigen Ehegatten zuvor Geschlechtsverkehr mit dem Bruder des Bräutigams bzw. der Schwester der Braut gehabt hatte.

Die von Heinrich VIII. gewünschte Dispens wurde ihm 1528 versprochen, sollte aber erst erteilt werden, nachdem die Annullierung seiner Ehe erklärt worden sei. Und daran zweifelte der König 1528 noch nicht! War nicht auch am 17.12.1498 die erste Ehe des französischen Königs Ludwig XII., seines ehemaligen Schwagers, mit Johanna von Valois durch Papst Alexander VI. annulliert worden? Hatte nicht seine Schwester Margarete im Dezember 1527 eine Ungültigkeitserklärung ihrer Ehe mit Archibald Douglas, dem Grafen von Angus, erlangt? Hatte nicht diese Schwester bereits 1528 ihre neue Liebe, Harry Stewart, der sich ebenfalls erst von seiner Frau hat scheiden lassen müssen, heiraten können? Warum sollte seine Ehe nicht auch annulliert werden, da er doch weitaus bessere Gründe für die Ungültigkeitserklärung seiner Ehe als seine Schwester z.B. für die ihrige aufweisen konnte?

Am 17.5.1527 ließ Heinrich sich von seinen beiden Erzbischöfen, Thomas Wolsey und William Warham, vor den geistlichen Gerichtshof zitieren. Die Anklage gegen ihn lautete, seine Ehe mit Katharina von Aragón wäre Inzest und müßte dringend annulliert werden. Jetzt mußte nur noch der Papst ebenfalls zu dieser Erkenntnis gelangen, und Heinrichs Glück stand nichts mehr im Wege.

Und während er auf freudige Nachrichten aus Rom wartete, brach genau ein Jahr später, im Juni 1528, in England eine gefährliche Krankheit, das Schweißfieber ("sweating sickness"), erneut aus, nachdem sie bereits im Jahre 1517/18 viele Todesopfer gefordert hatte. Diese oft tödlich verlaufende Virusinfektion tauchte in England zum erstenmal im Jahre 1485 nach der Schlacht von Bosworth auf. Wegen des sehr stark fließenden, übelriechenden Schweißes wurde sie seit dieser Zeit die Englische Schweißsucht genannt. Gekennzeichnet war diese Krankheit durch ihre hohe Ansteckungsfähigkeit und Sterblichkeit bei nur einer kurzen Krankheitsdauer von vier bis zwölf Stunden. Falls jemand nach 24 Stunden noch leben sollte, hatte er die Krankheit fürs erste überstanden und erholte sich rasch wieder. Kaum einer der in der Nähe eines Erkrankten lebte, blieb von der Seuche verschont, und die Hälfte der Betroffenen verstarb im Laufe eines Tages oder einer Nacht. Der Krankheitsverlauf sah folgendermaßen aus: Zuerst erschlafften nach kurzer Steifheit die Muskeln, dann schwanden mit einem Schlage die Körperkräfte dahin und schließlich traten heftige Kopf- und Oberbauchschmerzen auf. Zuletzt fiel der Kranke in eine zunehmende Schläfrigkeit, die direkt in den Tod führte. England wurde nach 1485 von sieben Schweißfieber-Epidemien heimgesucht. Eigenartigerweise blieben Schottland und Irland jedesmal verschont. 1529 sprang der "Englische Schweiß" nach Hamburg über, wo er in 22 Tagen 1100 Einwohner dahinraffte. In Augsburg verstarben in sechs Tagen von 1 500 Erkrankten 800.

Im Sommer 1528 sorgte das Schweißfieber - wie bereits erwähnt - in England für Unruhe. Nachdem dem Hypochonder Heinrich VIII. die ersten Fälle von Schweißfieber-Erkrankten gemeldet worden waren, flüchtete er in panischer Angst vor Ansteckung aus der Hauptstadt aufs Land. Auch dort wechselte er mehrfach sein Quartier: Waltham - Hunsdon - Tittenhanger - Ampthill - Grafton. Er aß zu Abend, wie sein Sekretär Brian Tuke berichtete, nur noch allein und hörte sich täglich drei Messen an. In Waltham erkrankten zwei seiner Kammerherren, zwei seiner Diener, der Schatzmeister und Annes Bruder George. Mitte Juni hatte sich auch Anne infiziert, obwohl Frauen im allgemeinen seltener mit dieser Krankheit angesteckt wurden. Der um sie besorgte Heinrich schickte einen seiner Ärzte, Dr. Butts, zu ihr nach Hever. Und Anne wie ihr Bruder George blieben am Leben, nur ihr Schwager William Carey starb an der Seuche und hinterließ neben seiner Witwe Mary noch zwei Kinder: Katherine (+ 1569) und Henry (+ 1596).

Da Anne schnell wieder gesundete, konnte Heinrich ihr bereits im August 1528 durch Wolsey eine Unterkunft im königlichen Palast Bridewell besorgen. Da müssen sich die beiden nach langer Zeit zum erstenmal wieder gesehen haben. Daß Heinrich VIII. jedoch immer noch nicht "zum Zuge gekommen war", zeigt sein Brief, den er ungefähr im August/September 1528 geschrieben hatte:

"Mein einziger Liebling,
dieser Brief soll Euch von der Einsamkeit künden, in der ich mich seit Eurer Abreise befinde. Denn ich versichere Euch, mir kommt die Zeit seit Eurer kürzlichen Abreise länger vor als früher eine Spanne von zwei Wochen. Ich glaube, Eure Zuneigung und meine Liebesglut sind der Grund dafür. Denn sonst könnte ich es nicht für möglich halten, daß Eure Abwesenheit mich nach so kurzer Zeit derart betrübt. Doch nun, da ich Euch bald besuchen werde, fühle ich mich bereits halb von meinem Schmerz befreit.
Auch bin ich recht zufrieden, daß mein Buch wesentliche Fortschritte macht. An ihm habe ich heute mehr als vier Stunden gearbeitet, so daß ich gezwungen bin, Euch dieses Mal einen kürzeren Brief zu schreiben, zumal ich unter leichten Kopfschmerzen leide. Ich wünsche mich (am liebsten eines Abends) in den Armen meines Schatzes, dessen hübsche Brüste ich bald zu küssen hoffe.
Von der Hand dessen geschrieben, der nach seinem eigenen Willen der Eure war, ist und sein wird - Henry rex.
 

Hatte Heinrich mittlerweile schon kleine Fortschritte in bezug auf Anne zu verzeichnen, so war er in der Annullierung seiner Ehe bisher keinen Schritt weitergekommen. Jede Hoffnung schien jedoch verlorengegangen zu sein, als Papst Klemens VII. im Juli 1529 verkündete, daß man das Verfahren nach Rom zu überweisen habe. Denn der Papst befand sich vollkommen in der Abhängigkeit Kaiser Karls V., des Neffen von Katharina von Aragón. In seiner Wut über den Verlauf des Annullierungsprozesses suchte Heinrich einen Schuldigen und fand ihn schon bald in Wolsey. Daß Anne sich über dessen Sturz freute und dessen Untergang vielleicht sogar förderte, ist zu vermuten. Schließlich hatte dieser verhindert, daß sie ihre große Liebe heiraten durfte. Außerdem war ihr natürlich nicht entgangen, daß Wolsey die Boleyns nicht leiden konnte und den König nach der Trennung von Katharina von Aragón lieber mit einer französischen Prinzessin als mit ihr verheiratet sehen wollte.

Wolsey war im November 1530 schon schwerkrank, als ihn der Kronrat verhaften und von seiner Erzdiözese York nach London bringen sollte, wo ihn ein Verlies im Tower und vermutlich auch seine Hinrichtung erwarteten. Bevor er die Hauptstadt aber erreichen konnte, starb er am 24.11.1530 in der Abtei von Leicester. Die Anklage gegen ihn lautete, daß er die päpstlichen Erlasse ohne Bewilligung des Königs befolgt hätte, indem er z.B. zuließ, daß Heinrichs Annullierungsprozeß nach Rom überwiesen wurde. Denn mit dem von König Eduard III. (+ 1377) eingeführten und später mehrfach verschärften Praemunire-Statut hatten sich die englischen Könige das Recht gesichert, alle päpstlichen Erlasse, Dekrete, Bullen etc. zu überprüfen und jeweils über deren Gültigkeit für England zu entscheiden. Wer einen päpstlichen Erlaß ohne Einwilligung des Königs befolgte, machte sich laut dieses Statuts strafbar und konnte zu Kerkerhaft und Güterkonfiskation verurteilt werden.

Während Heinrich VIII. 1530/1531 alle Bibliotheken seines Landes und auch die in Frankreich und Italien von seinen Leuten nach brauchbarem Material für seinen Annullierungsprozeß durchforsten ließ, um endlich eine neue, fruchtbarere Ehe eingehen zu können, schien sich im Sommer 1531 ein anderer großer Wunsch erfüllt zu haben. Anne Boleyn war bereit, seine Geliebte zu werden. Vielleicht hatte ihr Vater, der ja dem König viel verdankte, massiv Druck auf sie ausüben müssen, bis sie jetzt - nach fünfjährigem Werben - nachgab. Vielleicht war es jedoch auch nur die Aussicht, bald Königin von England zu werden. Heinrich VIII. und Anne lebten seit dieser Zeit wie ein Ehepaar gemeinsam im Schloß Windsor. Katharina, der noch rechtmäßigen Ehefrau des Königs, wurde am 11.7.1531 befohlen, sich auf den Landsitz "The More" zurückzuziehen.

Da weder auf katholischer noch auf lutherischer Seite eine Scheidung geduldet wurde, da in Matthäus XIX, 4 zu lesen ist:
"Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!", man andererseits sowohl auf katholischer wie lutherischer Seite nach Lösungsmöglichkeiten für Heinrichs Problem suchte, um ihn entweder im Schoße der katholischen Kirche zu behalten oder ihn für die lutherische Bewegung zu gewinnen, waren die Köpfe der katholischen und lutherischen Geistlichkeiten auf der Suche nach einer idealen Lösung. Beiden Seiten fiel letztendlich nur noch die Bigamie ein.

Die großen lutherischen Reformatoren Martin Butzer (+ 1551), Martin Luther (+ 1546) und Philipp Melanchthon (+ 1560) zogen z.B. die Doppelehe der Scheidung bei weitem vor. Denn sie konnten im Neuen Testament kein Verbot der Polygamie, dagegen jedoch das Verbot der Scheidung finden. Im Falle einer kinderlosen Frau sollte - so ihre Meinung - die Dispensation für Polygamie erteilt werden. Die katholische Kirche - oder zumindest die Mehrheit ihrer Geistlichen - wie auch später die Vertreter des Calvinismus lehnten dagegen die Polygamie ab, denn Gott gab Adam auch nur eine Eva als Lebensgefährtin.

Heinrich hatte trotzdem wiederholt mit der Kurie über den Ausweg einer Bigamie verhandelt. So soll Papst Klemens VII. dem englischen König bereits im Jahre 1528 über einen englischen Agenten namens Gregorio Casale den Ratschlag erteilt haben, zu einer zweiten Ehe zu schreiten, und "hernach werde der Papst alles bestätigen". ( in: William Walker Rockwell: Die Doppelehe des Landgrafen Philipp von Hessen, Marburg 1904, S. 296).

Im Jahre 1529, als die Gefahr des Bruchs zwischen England und Rom zum erstenmal tatsächlich zu befürchten war, erwog Klemens VII. aufs neue die Möglichkeit einer Doppelehe nach alttestamentlichem Vorbild. Und im Herbst 1531 griff der Papst noch einmal auf diesen Vorschlag zurück. Aber es war zu befürchten, daß Karl V. aus Rücksicht auf seine Tante niemals seine Zustimmung geben würde. Obwohl die Mehrheit der katholischen Geistlichen gegen eine Doppelehe war, erhielt der Papst Rückendeckung von einem großen katholischen Kirchenmann des 16. Jhs., dem General der Dominikaner, Cajetan (1469-1534), der ihm riet, zur Vermeidung eines größeren Übels (nämlich der Scheidung) dem englischen König zu gestatten, zwei Ehefrauen gleichzeitig zu besitzen.

Und Heinrich VIII. sollte in diesem Falle nicht der einzige bleiben, der eine Doppelehe einging. Der lutherische Landgraf Philipp von Hessen (1509-1567), der am 11.12.1523 mit Christina, der Tochter des Herzogs Georg von Sachsen, verheiratet worden war, vermählte sich, ohne sich von seiner ersten Frau zu trennen, am 4.3.1540 mit der 17-jährigen Margaretha von der Sale. Martin Luther, Martin Butzer und Philipp Melanchthon willigten in diese Doppelehe ein. Die Polygamie sollte das 16. Jh. noch sehr beschäftigen! Besonders in den Wiedertäuferbewegungen wurden zur Vermehrung der Menschheit jedem Mann drei oder vier Ehefrauen zugestanden. Heinrich VIII., der im Grunde seines Herzens überzeugter Katholik war und nicht umsonst im Jahre 1521 vom Papst Leo X. den Ehrentitel "Fidei Defensor" (Verteidiger des Glaubens) erhalten hatte, war die Institution "Doppelehe" jedoch immer irgendwie suspekt.

Als das Konsistorium der Kardinäle dem Papst im Oktober 1530 mitteilte, daß die Dispensation zur Eingehung der Doppelehe nicht erteilt werden dürfte, war Heinrichs Ziel nur noch die Annullierung seiner ersten Ehe. Von einer Doppelehe wollte er nichts mehr hören!

Anne Boleyn, und nicht Katharina von Aragón, begleitete ihn seit 1531 auf allen seinen Reisen. So nahm er sie, die seit dem 1.9.1532 den Titel einer Marquise von Pembroke trug, z.B. mit, als er im Oktober/November 1532 in Boulogne und in Calais mit Franz I. zusammentraf, um die französisch-englische Freundschaft zu bekräftigen.

Überaus groß war die Freude beim König, als Anne ihm im Januar 1533 mitteilte, daß sie schwanger geworden wäre. Damit das Kind ehelich geboren und somit Thronfolger werden konnte, heiratete Heinrich seine große Liebe in aller Heimlichkeit am 25.1.1533, obwohl seine Lieblingsschwester Maria gegen diese Ehe war. Denn er war felsenfest davon überzeugt, daß Anne einen Sohn gebären würde, den er Heinrich oder Eduard nennen wollte.

Anfang März 1533 wurde im Parlament das Statut "Act in Restraint of Appeals of Rome" (das Gesetz zur Einschränkung des Einlegens von Berufung in Rom als höchster Berufungsinstanz) durchgebracht, das die Regelung der Scheidung in Zukunft in England ermöglichte. In seiner endgültigen Fassung untersagte es in testamentarischen und ehelichen Rechtsstreitigkeiten das Einlegen von Berufung in Rom als höchster Berufungsinstanz.

Am 23.5.1533 erklärte Thomas Cranmer, als Haupt des obersten geistlichen Gerichtshofes in England, Heinrichs Ehe mit Katharina von Aragón für null und nichtig und am 28.5. dessen Ehe mit Anne für gültig. Katharina von Aragón durfte sich seit dieser Zeit nur noch "Prinzessin-Witwe von Wales" nennen, ihre Tochter Maria wurde für unehelich erklärt und von der Thronfolge ausgeschlossen. Als Begründung dienten die seit Jahren von Heinrich und seinen Anhängern verwendeten Argumente. Prompt reagierte der Papst im Juli 1533 mit der Exkommunikation des englischen Königs.

Seit 1532 hatte die englische Kirche jedoch bereits ihre verfassungsmäßige Unabhängigkeit verloren. Am 10.5.1532 hieß es laut eines neuen Statuts, der Klerus dürfe ohne Erlaubnis des Königs keine Canones (Einzelbestimmungen zum katholischen Kirchenrecht) und Verordnungen mehr erlassen.

Die Konvokation von Canterbury nahm am 15.5.1532 die Forderungen Heinrichs VIII. vom 10.5.1532 durch ein als "Act for the Submission of the Clergy" (Das Gesetz über den Gehorsam des Klerus) bekanntgewordenes Dokument an. Damit verlor die Kirche ihre unabhängige Gerichtsbarkeit an die weltlichen Gerichtshöfe. Von nun an war der König anstelle des Papstes der höchste Gesetzgeber der englischen Kirche, die seit dieser Zeit kein potentielles Hindernis mehr bei dem sich anbahnenden Bruch mit Rom war. Die nicht gewährte Scheidung führte so allmählich zur Trennung von Rom und zur Gründung der anglikanischen Kirche.

Am 31.5.1533 zog Anne Boleyn mit feierlichem Pomp durch London, und am 1.6.1533, einem Pfingstsonntag, wurde sie in der Westminster-Abtei zur Königin gekrönt. Da die Menschen damals wie heute gesellschaftliche "Aufsteiger/innen" nicht besonders lieben - vielleicht aus Neidgefühlen, es nicht auch geschafft zu haben - war der Jubel bei der Bevölkerung an diesem Tag nur verhalten. Die Krönung war jedenfalls das letzte positive Ereignis dieses ereignisreichen Jahres.

Im Juni 1533 starb Maria, die Lieblingsschwester Heinrichs VIII., und am 7.9., einem Sonntag, gebar Anne ihm zwischen drei und vier Uhr nachmittags in Greenwich nicht den gewünschten Sohn, sondern nur eine Tochter, die der König nach seiner und Annes Mutter Elisabeth nannte. Heinrich VIII. war maßlos enttäuscht! Von Katharinas Anhängern wurde diese Geburt natürlich sogleich als Gottesurteil gegen Heinrich interpretiert.

Anfang Dezember 1533 wurde die kleine Elisabeth (Abb. 33) nach Hatfield gebracht, um dort aufgezogen zu werden. Anne sah ihre Tochter nur noch sehr selten. Ein privater Brief, den sie an Lady Bryan, einer Halbschwester ihrer Mutter, die die Pflege des Kindes übernommen hatte, geschrieben hatte, zeigte, daß sie trotz allem sehr um ihre kleine Tochter, die ihr äußerlich sehr ähnelte, besorgt war.

Am 16.12.1533 mußte Annes Stieftochter Maria in die Dienste ihrer kleinen Halbschwester in Hatfield treten. Aus der Kindheit der kleinen Elisabeth ist wenig bekannt. Wie die meisten Kinder des 16. Jhs. erhielt sie bereits direkt nach der Geburt eine Säugamme, die für sie zu sorgen hatte. Historisch festgehalten wurde nur, daß Elisabeth am 9.10.1534 entwöhnt worden ist. Die für Elisabeth verantwortlichen Säugammen hielten sich dabei strikt an die damals allgemein geltenden Regeln der Kindererziehung. In dem 1540 von Jonas übersetzten Buch von Roesslin: "The Byrth of Mankynde" (Die Geburt der Menschheit) heißt es dazu: "Es ist bei uns die Gewohnheit, die Kinder nur ein Jahr lang zu stillen. Wenn man sie dann von der Milch entwöhnt, darf man es nicht plötzlich tun, sondern nach und nach. Man soll ihm kleine Zäpfchen von Brot und Zucker machen und es so langsam gewöhnen, grobe Speisen zu essen, bis es in der Lage ist, alle möglichen Sorten Fleisch zu essen." (in: M. J. Tucker: Das Kind als Anfang und Ende: Kindheit in England im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, S. 326-363, in: Hört ihr die Kinder weinen. Eine psycho-genetische Geschichte der Kindheit, hrsg. von Lloyd deMause, Frankfurt a. Main 1977, S. 346).

Anne, die sich also um die Aufzucht ihres Kindes nicht zu kümmern hatte, war mit dem König auf Festen oder Jagdveranstaltungen oder sorgte aktiv für die Verbreitung der englischen Bibel, denn sie war eine überzeugte Reformatorin. So trug sie stets eine englische Version der Bibel mit sich herum, damit jeder, der Interesse an Gottes Worten hatte, sie in einheimischer Sprache lesen konnte. Auch liebte sie es, mit Heinrich VIII. während der Mahlzeiten religiöse Diskussionen zu führen. Wäre sie als Königin länger im Amt geblieben, hätte es die besonders in den 40er Jahren forcierten Auflösungen der Klöster und die Säkularisation ihrer Besitztümer nicht gegeben. Anne hatte nämlich vor, sie in Studien- und Erziehungsstätten, also Stätten der Bildung, umzuwandeln.

Im Jahre 1534 wurden in zwei bedeutenden Parlamentssitzungen Gesetze erlassen, die sie z.T. persönlich betrafen. Schließlich wurde im "First Act of Succession" (Erstes Gesetz über die Thronfolge) die Ungültigkeit der ersten und die Gültigkeit der zweiten Ehe protokolliert, mit der logischen Folgerung, daß Katharina von Aragóns Tochter Maria für die Thronfolge nicht in Frage kommen konnte und daß die Krone auf die Kinder von Heinrich und Anne übergehen müsse. Bedeutsamer noch als diese Erklärung war die Klausel, die es zum Hochverrat werden ließ, die Gültigkeit der zweiten Ehe "böswillig" zu leugnen oder anzugreifen "durch geschriebenes oder gedrucktes Wort, Tat oder Handlung". Äußerte man darüber nur verbal seine Zweifel, standen statt der Todesstrafe immerhin noch Einkerkerung und Vermögensverlust bevor. Außerdem hatte sich fortan die ganze Nation durch einen allgemeinen Eid auf die Einhaltung des "First Act of Succession" zu verpflichten.

In der zweiten Parlamentssitzung im November-Dezember 1534 wurde der "Act of Supremacy", die sogenannte Suprematsakte, hinzugefügt. Sie bestätigte, daß der König "verdientermaßen und rechtens Oberstes Haupt der Kirche von England ist und sein sollte".

Wer diese Gesetze von 1534 nicht anerkennen wollte, wurde wegen Hochverrates verhaftet und hingerichtet. Besonders die Suprematsakte stieß bei vielen Kartäuser- und Franziskanermönchen und einigen Geistlichen auf vehementen Widerstand. Ihre prominentesten Gegner waren Katharina von Aragón, Heinrichs VIII. eigene Tochter Maria, John Fisher, Bischof von Rochester, und Sir Thomas More. Nur Katharina von Aragón konnte sich weigern, den Eid abzulegen, ohne dafür gleich sterben zu müssen. Ihre Tochter Maria erkannte, nachdem sie von ihrem Vater des Hochverrates für schuldig erklärt und verurteilt werden sollte, am 15.6.1536 die Gesetze von 1534 an.

John Fisher (1459-1535), Bischof von Rochester (seit 1504), wurde dagegen am 22.6.1535 wegen Hochverrates hingerichtet. Das andere prominente Opfer war Sir Thomas More (1477/78-1535), der Rechtsanwalt, Schriftsteller und Staatsanwalt von Beruf war. Er wurde am 6.7.1535 auf dem Platz vor dem Tower geköpft. Mehr als John Fisher und Sir Thomas More hatten vier Kartäusermönche und zwei Priester wegen ihrer Weigerung, den Eid abzulegen, zu leiden. Sie waren bereits am 29.4.1535 wegen Hochverrates vor das Obergericht in Westminster gebracht worden. Auch sie konnten und wollten Heinrich VIII. nicht als Oberhaupt der englischen Kirche anerkennen. Trotz Folteranwendung blieben sie bei ihrer Überzeugung und wurden für schuldig befunden und - wie üblich - zum Tode durch Erhängen, Schleifen, Enthaupten und Vierteilen verurteilt. Nur in ihrem Fall wurde das Urteil ordnungsgemäß und ohne Umwandlung in Tod durch Enthaupten - wie es bei John Fisher und Sir Thomas More der Fall war - am 4.5.1535 vollstreckt. Am 8.5. schrieb der kaiserliche Gesandte in England, Eustache Chapuys, in einem Brief über die grauenerregende Hinrichtung folgendes:

"Nachdem man sie unter den Galgen geschleift hatte, ließ man die Verurteilten einen nach dem anderen auf einen Karren steigen, der unter ihnen weggezogen wurde, so daß sie hingen; danach wurde sofort der Strick durchschnitten
(damit sie am Leben blieben!), und man richtete sie auf und stellte sie an einer dafür hergerichteten Stelle auf, um sie stehend zu erhalten und ihnen die Schamteile abzuschneiden, die ins Feuer geworfen wurden; man schnitt sie auf und riß ihnen die Eingeweide heraus, hierauf wurde ihnen der Kopf abgeschlagen und ihre Körper gevierteilt. Zuvor hatte man ihnen das Herz ausgerissen und ihnen damit den Mund und das Gesicht eingerieben." (in: Uwe Baumann, ebenda, S. 95-96).

Zuweilen wandte man bei Hochverrat auch den Feuertod an, bei dem man den Verurteilten an einen Spieß band und über die Flammen hielt. Um die Leiden zu verlängern, senkte man das Opfer ins Feuer hinab und hob es anschließend wieder hoch, wieder hinab und wieder hoch...

Für Anne, die bei diesen grausamen Hinrichtungen nicht zugegen war, wurden die Jahre 1534 und 1535 dagegen zu ihren glücklichsten Jahren mit ihrem Gatten, obwohl sie im Juli 1534 eine Fehlgeburt (Junge) erlitten hatte. Als sie Ende 1535 wieder schwanger geworden war, spürte sie jedoch bereits, daß ihre Zukunft von diesem Kind abhing. Denn um ihren Mann hatten sich ihre persönlichen Feinde geschart, die wußten, daß Anne die Gunst des Königs durch eine weitere Fehlgeburt verlieren würde. So mied sie ab sofort körperliche Bewegungen und nahm auch nicht an den Feierlichkeiten anläßlich des Todes von Katharina von Aragón im Januar 1536 teil.

Aber ihre Vorsicht war umsonst. Am 29.1.1536 erlitt sie erneut eine Fehlgeburt. Es wäre ein Sohn gewesen! Die Ursache für diesen Abort lag fünf Tage zurück. Als Heinrich VIII. am 24.1. auf einem Turnier in Greenwich sehr schwer von seinem Pferd gestürzt und sogar zwei Stunden lang bewußtlos geblieben war, geriet Anne in Panik. Und obwohl sie sofort zu Bett gebracht worden war, verlor sie ihr Kind.

Der Tod dieses Kindes besiegelte auch ihren Tod. Denn eine mächtige Clique am königlichen Hofe hatte den Fall Annes und der Familie Boleyn aus politischen, religiösen und privaten Gründen beschlossen. Anne galt nämlich als entschiedene Anhängerin der neuen lutherischen Lehre. Chapuys, der kaiserliche Botschafter in London und Todfeind Annes, stellte sie sogar als die treibende Kraft zum Ketzertum dar und wurde nicht müde, sie als die Inkarnation des Bösen oder als Hexe in der englischen Bevölkerung zu diffamieren. Außerdem war sie wie ihre gesamte Familie traditionell pro-französisch eingestellt und hintertrieb die vom neuen Lordkanzler Thomas Cromwell (+ 1540) und Chapuys vorsichtig eingefädelte Annäherung zwischen England und Karl V.

Anne hatte keine Chance diesem Komplott gegen ihre Person und ihre Familie zu entgehen, denn Cromwell war ihr überlegen. Am 30.4. ließ er Mark Smeaton, einen jungen Lautenspieler an Annes Hof, wegen Ehebruchs mit der Königin anklagen. Am 2.5. wurden auf Cromwells Veranlassung hin schließlich Anne und Henry Norris, ein langjähriger Kämmerer des Königs und einer der drei Trauzeugen der heimlichen Heirat Heinrichs VIII. und Annes im Januar 1533, verhaftet und in den Tower geworfen, und am 12.5. und am 16.5. inszenierte der Lordkanzler schließlich einen mehr als fragwürdigen Prozeß gegen diese Personen. Vorsitzender der 26-köpfigen Jury war Annes Onkel, Thomas Howard. Er beschuldigte seine eigene Nichte des Ehebruchs mit fünf Männern, darunter auch mit ihrem Bruder. Die fünf Männer, von denen drei erst seit 1534 in ihren Diensten standen, waren die bereits erwähnten Mark Smeaton und Henry Norris, die zwei königlichen Kammerherren Sir Francis Weston und William Brereton und Annes Bruder George. Angeblich soll Anne mit ihnen zusammen am 31.10.1535 geplant haben, Heinrich VIII. zu ermorden. Nach dieser Freveltat wollte Anne, so lautete die Anklage, Sir Henry Norris heiraten und für die kleine Elisabeth als Regentin herrschen. Norris wurde während des Prozesses sogar als Elisabeths wirklicher Vater hingestellt. Tatsache ist, daß in Annes Hofhaltung ein lockerer Ton herrschte und daß alle Edelleute ihres Gefolges ihr in unerschütterlicher Treue ergeben waren, aber niemals hatte sie sich irgendeine sexuelle Freizügigkeit erlaubt. Die Art von Frau war sie einfach nicht!

Zum Prozeß wurden auch Sir Thomas Wyatt und Richard Page, beide in ihrer Jugend große Verehrer Annes, als angebliche Liebhaber oder Mitwisser vorgeladen. Beide kamen - im Gegensatz zu Anne und ihren anderen angeblichen Liebhabern - wieder auf freien Fuß!

Annes Feinde waren derweil damit beschäftigt, den Geschworenen und Richtern anhand von fiktiven Daten mitzuteilen, wann wer mit Anne Geschlechtsverkehr hatte und wie oft. So soll Henry Norris am 6.10. und 12.10.1533, als Anne noch im Wochenbett lag, mit ihr ein Verhältnis in Westminster gehabt haben. Mit Norris und Brereton soll sie es im November 1533 in Greenwich getrieben haben, im Mai und Juni 1534 mit Weston in Whitehall und Greenwich und zur selben Zeit mit Smeaton in Greenwich, im April 1535 mit Smeaton in Whitehall und mit ihrem Bruder im November 1535 in Whitehall und im Dezember 1535 in Eltham. 20mal soll die Königin ihren Gatten hintergangen haben! Dabei konnte schon im Prozeß teilweise nachgewiesen werden, daß Anne sich zu den besagten Zeiten überhaupt nicht in den genannten Schlössern befand. Die Angeklagten bestritten energisch ihre Schuld - außer Mark Smeaton, der schwer gefoltert worden war und deshalb alles ausgesagt hätte. Anne beschwor ihre Unschuld sogar bei ihrem Seelenheil. Und ihr Bruder George gestand nur, daß Heinrich VIII. impotent sei. Was die Richter - die alles schriftlich festhalten sollten - in arge Verlegenheit brachte.

Trotz der offenkundigen Haltlosigkeit der Vorwürfe, denn es gab keine Indizien für die aufgestellten Behauptungen, wurden alle sechs Angeklagten für schuldig gesprochen und zum Tod durch Erhängen, Schleifen und Vierteilen mit Ausnahme von Anne, die "nur" enthauptet werden sollte, verurteilt. Mit diesen harten Urteilssprüchen war zu rechnen, denn Cromwell hatte die Richter und Geschworenen dieses Prozesses mit größter Sorgfalt ausgesucht. Es waren durchweg alte Freunde der Königin Katharina und Sir Thomas Mores, persönliche Feinde der Angeklagten und von Cromwell abhängige Staatsdiener. Schmerzen mußte es Anne, daß auch ihre große Jugendliebe, Henry Percy, Mitglied der Jury war. Wie anders wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn sie ihn damals hätte heiraten dürfen! Im Prozeß scheint Henry Percy, der während der Verhandlung plötzlich krank wurde und zusammenbrach und der nur mit Hilfe einiger Gerichtsdiener den Gerichtssaal verlassen konnte, sich nicht für Anne eingesetzt zu haben. Aber dazu gehörte auch viel Mut. Wer für Anne aussagen wollte, verschwand schon vorher unter mysteriösen Umständen.

Hauptzeugin gegen Anne und ihren Bruder war dessen eigene Ehefrau, Lady Jane Parker (+ 1542), die Tochter von Lord Morley, Henry Parker. Diese beschrieb dem Gericht, wie sie gesehen hätte, daß ihr Mann sich über Annes Bett gelehnt und seine Schwester geküßt hätte.

Anne ließ diese Gerichtsfarce seelenruhig über sich ergehen. Wer hysterische Anfälle ihrerseits erwartet hatte, war enttäuscht worden. Auch als das Urteil verlesen wurde, war sie, wie ein anwesender ausländischer Zeitgenosse vermerkte, sehr gelassen, "ihre Gesichtsfarbe änderte sich nicht, und sie zeigte auch nicht die geringste Furcht." Bei der Verdammung ihrer unsterblichen Seele schwor sie jedoch zweimal vor und nach dem Erhalt einer heiligen Hostie, daß sie dem König niemals untreu gewesen wäre. Lord Milherve, ein Augenzeuge dieses Prozesses, erzählte, "daß sie sich an der (Gerichts-)schranke mit der vollen Würde einer Königin zeigte, vor ihren Richtern einen Knicks machte und zu ihnen ohne jedes Zeichen von Furcht herabschaute." (in: Agnes Strickland, ebenda, S. 680). Als man ihr vorgelesen hatte, wessen man sie anklagte, hob sie ihre Hand und machte geltend, daß sie nicht schuldig sei. Dann setzte sie sich auf einen Stuhl, während das Verfahren gegen sie begann. Angeblich soll eine Dienerin der Königin, eine gewisse Lady Wingfield, die Liebesverhältnisse aufgedeckt haben. Natürlich konnte diese ihre Aussagen, wenn sie solche denn wirklich getan hatte, nicht wiederholen, da sie schon längst gestorben war. Eigenartigerweise sind alle Aufzeichnungen von diesem Gerichtsverfahren zerstört worden. So sind wir auf Augenzeugenberichte angewiesen. Anne sollte laut diesen jede an sie gestellte Frage ruhig und gefaßt beantwortet haben. Nein, sie wäre nicht untreu gewesen, nein, sie hätte Sir Henry Norris nicht versprochen, ihn zu heiraten, nein, sie hätte nicht auf den Tod des Königs gehofft, nein, sie hätte keine heimlichen Zeichen an Norris gegeben, nein, sie hätte Katharina von Aragón nicht vergiftet, ja, sie hätte Francis Weston Geld gegeben, aber sie hätte auch viele andere junge Höflinge finanziell unterstützt, die ja bekanntlich immer unter Geldmangel leiden würden.

Ihr und das Todesurteil der fünf Männer stand von vornherein fest. Anne ließ dies auch am Ende des Prozesses in ihrer letzten Rede vor den Richtern verlauten: "Ebenso wie für meinen Bruder und die anderen, die zu Unrecht verurteilt wurden, würde ich viele Tode bereitwillig erleiden, um sie zu befreien; aber, seitdem ich sehe, daß der König es so will, werde ich sie bereitwillig in den Tod begleiten, mit der Zuversicht, daß ich mit ihnen ein ewiges Leben in Frieden führen werde." (in: Agnes Strickland, ebenda, S. 683).

So flehte sie nach der Urteilsverkündung bei Heinrich auch nicht ein einziges Mal um Gnade. Sie kannte ihren Mann zu gut! Sie bat lediglich darum, daß man ihr die Beichte abnehmen und ihr die Absolution erteilen möge. So wurde Cranmer zu ihr geschickt, um sich ihr letztes Sündenbekenntnis anzuhören. Dieser wiederum soll nach ihrer Beichte einem schottischen Protestanten namens Aless gestanden haben, daß Anne wohl unschuldig sei.

Heinrich VIII. kümmerte sich - falls er sich nicht gerade mit Annes Nachfolgerin, Jane Seymour, auf Banketten und Gesellschaften amüsierte - höchstpersönlich um die Vorbereitungen für die Hinrichtungen, so z.B. um das Schafott für Anne, das auf dem Rasen vor der Kirche St. Peter-ad-Vincula errichtet werden sollte. Um seiner ehemaligen großen Liebe zu ersparen, mit gebeugtem Nacken auf einem Block durch einen Axtstreich enthauptet zu werden, engagierte er für sie eigens einen Scharfrichter aus Calais.

Am 19.5. verließ Anne Boleyn schließlich wenige Minuten vor 12 Uhr in Begleitung von Sir William Kingston und ihren vier Hofdamen ihre Zimmer im Tower. Sie trug ein graues, in anderen Quellen schwarzes Kleid mit einem Pelzrand am Saum und darüber einen Hermelin-Mantel. Ihr Kopf wurde von einer damals in England üblichen weißen Giebel-Haube bedeckt. Nachdem sie eine kurze Rede zu den Anwesenden gehalten hatte, die wie alle Reden zu diesen Anlässen, den eigentlichen Mörder, den König, hochleben ließen, entfernte man den Mantel von ihr. Anne selbst setzte ihre Haube ab, und die Menge sah zum letzten Mal ihr wunderschönes Haar, das sie unter eine Mütze stopfte, die ihr eine ihrer Hofdamen reichte.

Das einzige Zeichen, was auf ihre Nervosität hinwies, war ihr ständiges hinter sich schauen, da sie befürchtete, der Henker würde zuschlagen, bevor sie zum Sterben bereit war. Sie hatte bei ihrem letzten Gang keinen Kaplan bei sich. Nachdem sie sich gesammelt hatte, kniete sie nieder und sagte ständig vor sich her "Jesus empfange meine Seele; O Gott habe Mitleid mit meiner Seele". Sie war nicht gefesselt worden und hatte nur die Augen von einer ihrer Hofdamen verbunden bekommen. Und während sie Jesus ihre Seele leise vor sich hinmurmelnd anvertraut hatte, schwenkte der Henker sein schweres Richtschwert und trennte ihren Kopf vom Rumpf. Eine ihrer Hofdamen legte den Kopf in ein weißes Tuch, das sich schnell rot färbte, die anderen drei Hofdamen wickelten den Körper in ein großes Laken. Ohne irgendeine Hilfe zu erhalten, trugen sie den toten Körper ihrer Herrin in die Kapelle von St. Peter, vorbei an den frischen Gräbern von Norris, Weston, Brereton, Smeaton und von ihrem Bruder. Die Hinrichtungsmethode ihrer fünf "Liebhaber" wurde in Tod durch Enthaupten und bei Mark Smeaton wegen dessen niederen Herkunft in Hängen umgewandelt. Sie starben bereits am 17.5. auf dem Tower-Hügel.

Nachdem man ihre Kleider von ihr entfernt hatte, wurde sie in einer Ulmenkiste neben ihrem Bruder in der Nähe der Kanzel der Kapelle beerdigt. Bis zur Thronbesteigung ihrer Tochter Elisabeth I. galt sie nun als "Unperson".

Die Anhänger des Papstes hatten Annes Sturz mit Frohlocken zur Kenntnis genommen. Heinrich VIII. war von ihrer Schuld (angeblich) überzeugt - weil ihr Tod ihm sehr gelegen kam - und warf ihr sogar vor, sie habe ihn mit mehr als 100 Männern betrogen. Einen Tag vor ihrer Hinrichtung ließ er seine Ehe mit ihr von Cranmer für ungültig erklären, und am 30.5. heiratete er bereits Annes Nachfolgerin, Jane Seymour. Mit der Enthauptung von Anne, seiner ehemaligen großen Liebe, war das Haupthindernis für eine Verbesserung der Beziehungen zu Karl V. beseitigt. Was bedeutete Heinrich VIII. schließlich schon ein Menschenleben - auch wenn es das seiner großen Liebe war -, wenn es um seinen politischen Vorteil ging!

copyright: Maike Vogt-Lüerssen

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