Es war die Nacht vor Weihnachten und im ganzen Haus rührte sich niemand, noch nicht mal 'ne Maus… Wie oft hatte ich meiner kleinen Tochter diese Geschichte vorgelesen, und wie sehr hatten ihre Augen jedesmal geglänzt und gestrahlt.
"Mama, wann kommt der Weihnachtsmann?" fragte sie jedes Jahr.
"Immer dann, wenn du schläfst, nach Mitternacht," antwortete ich.
"Mama, wie paßt der Weihnachtsmann durch den Kamin? Er ist doch viel zu dick!"
"Durch Magie, meine Kleine, durch Magie," erwiderte ich. Magie… es ist seltsam, wie prophetisch manche Worte im Nachhinein wirken.
Mein Name ist Helen Granger, ich bin Zahnärztin, und ich habe meinen eigenen Doktor- gemacht und geheiratet, danke vielmals. Meine Tochter, meine kleine Tochter, deren Augen schon immer die Magie am Vorabend der Weihnacht sehen konnten, ist noch immer so magisch wie damals, als sie noch klein war.
Eltern wissen, daß ihre Kinder etwas Besonderes sind. Hermine war von Anfang an anders als andere Kinder. Sie war wacher, intelligenter- oh, wie schön war es doch, die Kleine auf meinem Schoß zu halten während ihre Fingerchen die Seiten ihrer Bilderbücher umblätterte, die sie mir schon mit drei Jahren 'vorlas'. Natürlich glaubte ich ihr nicht, daß sie wirklich las- Kinder lernen leicht und schnell auswendig. Hermine war von klein auf sehr intelligent und sie hatte ihre Bücher schon mehr als hundertmal vorgelesen bekommen. Ich wurde eines Besseren belehrt, als ich kurz vor ihrem vierten Geburtstag einen Einkaufszettel schrieb.
"Mama, das ist falsch. Kartoffeln schreibt man mit zwei 'f'," piepste mein Kind, das neben mir auf dem Küchentisch saß mit einer solchen Überzeugung, daß ich beinahe über den Küchenhocker fiel, der hinter mir stand. Das war jedoch nicht das einzige Mal, daß Hermine mich derart überraschte.
Sie war schon immer anders. Obwohl sie stets darauf beharrte, daß die naturwissenschaftliche Sicht der Dinge alleine Sinn machte, fühlte ich in ihrer Gegenwart doch immer etwas Magisches, eine Art… Verbindung zu den alten Kräften der Erde. Meine Großmutter war Irin, und ich begründete Hermines Andersartigkeit damit, rechtfertigte die flackernden Kerzen, die sie mit ihrem Temperament verursachte mit einer halb-mythischen Verbindung ins Jenseits, dem Zweiten Gesicht. Dennoch… so oft wie ich meiner Tochter versicherte, daß sie normal war und nicht anders als die anderen Kinder, so oft wie ich ihr nach der Schule die Tränen aus dem Gesicht wischte, weil ihr die Beliebtheiten der Klasse wieder einmal ihr Pausenbrot in den Schmutz geworfen hatten. Ich spürte, daß sie anders war. Magisch.
Magisch wie Weihnachten, das Fest des Lichtes. Ich verband in meinen Gedanken immer das Licht mit Magie. Weihnachtslichter, den Duft selbstgebackener Kekse… Erst als meine kleine Tochter ihren Brief, ihre Einladung in eine magische Schule bekam wandelte sich mein Bild von Hexerei und Zauberei. Oh, es war anfangs wundervoll, eine Begründung, eine Erklärung, und Hermine jubelte. Sie fühle sich endlich 'normal'. Nun wisse sie endlich, was anders an ihr sei, und sie glänzte in ihrer Freude darüber, daß auch Andere 'anders' waren.
Mein Mann und ich lasen alles, was wir über Hermines neue Welt nur lesen konnten. Obwohl wir Manches entdeckten, was unserer kleinen Tochter in der Zukunft Schwierigkeiten bereiten konnte, wie die Vorurteile gegen Zauberer und Hexen, deren Eltern nicht die Fähigkeit zur Magie besaßen, freuten wir uns mit ihr. Wir schwiegen, sahen zu, wie sie aufbrach, elf Jahre alt, in eine Welt, in die wir nicht folgen konnten.
Sie kehrte zurück, das Gesicht voller Lachen, voller Erzählungen von ihren Freunden- zum ersten Mal in ihrem Leben lernte sie Freundschaft kennen- und den vielen unglaublichen Dingen, die sie gelernt hatte in noch nicht einmal einem halben Jahr. Ich lachte mit ihr, lobte sie- sie war Jahrgangsbeste- und klammerte mich an ihr fest, so lange es noch ging. Ich fühlte, wie sie mir schon in diesen ersten Monaten entglitt. Sie ging in eine Welt, die mir fremd war, die mich nie aufnehmen würde, in der ich nicht leben konnte. Ich verlor meine Tochter an diese Welt.
Im Laufe der Jahre lernte ich mehr über diese Welt. Ich lernte von ihren Gefahren, lernte von ihrer Grausamkeit, lernte von Ungerechtigkeit und Haß, von Krieg und Leid. Ich bangte um das Leben meiner Tochter, die versteinert an einem Ort lag, den ich nicht erreichte, den ich nicht einmal sehen konnte. Ich bangte um die Freunde meiner Tochter, von denen einer von einem wahnsinnigen Mörder gejagt wurde, der auch nicht davor zurückschreckte, Hermine und ihren anderen besten Freund Ron anzugreifen. Ich bangte um die Gesundheit meiner Tochter, die als Köder in einem meiner Ansicht nach perversen Spiel um Leben und Tod stundenlang in den eiskalten Wassern eines Sees versenkt wurde, in dem lauteinem Buch namens Eine Geschichte Hogwarts' ein Riesenkrake, Meermenschen und andere Monster lebten.
Wieder mußte ich um das Leben meines Kindes bangen, das in einer der ersten Schlachten eines unbegreiflichen Krieges verletzt worden war. Wiederum entzog sich die Art ihrer Verletzung meinem Verständnis, wiederum konnte ich sie nicht sehen, konnte sie nicht umarmen, trösten, festhalten. Meine Tochter verschwand mehr und mehr in dieser dunklen, magischen Welt, in die sie gehörte.
Sie kehrte nicht mehr zu uns nach Hause zurück an Weihnachten; blieb entweder in ihrer Schule oder bei ihren Freunden. Sie verschwand aus unserem Leben, ließ eine Lücke zurück, wo sie gewesen war. Ich mußte aus der Ferne zusehen, wie mein Kind sein Leben riskierte, wieder und wieder- und wofür? Für einen Krieg, der nicht der ihre war. Für einen Kampf, in dem sie schon als Opfer vorherbestimmt war. Für einen Jungen, der zwar mehrmals das Unmögliche möglich gemacht hatte, aber der durch seine bloße Existenz mein Kind gefährdete, das ihm seine beste Freundin war. Einen Jungen, einen Waisen, den ich hassen wollte und nicht hassen konnte.
Denn wenn ich sie sah, meine Tochter, meine Hermine, wie sie mit glänzenden Augen nach einem Zauberspruch fragte, der blitzende Feenlichter an einen Weihnachtsbaum zauberte. Wie sie errötete, wenn ihr ihr rothaariger Freund ein Kompliment machte. Wie sie jubelte, wenn eine schneeweiße Eule einen Brief jenes Jungen, ihres besten Freundes brachte. Wie sie lebte, in und dank dieser Zauberwelt, ohne die ihre Lebhaftigkeit, ihr Lachen gestorben wäre, dann konnte ich ihnen nicht böse sein, daß sie mir meine Tochter nahmen. Ich konnte sie nicht dafür verurteilen, so gerne ich das wollte. Ich wußte auch, daß ich weiterhin bangen würde, weiterhin darunter leiden, daß meine Tochter in eine andere Welt ging. Aber ich liebte sie, und ich würde ihr nie den Weg versperren, den sie nehmen wollte, nehmen mußte. Meine Tochter hatte schon immer ihren eigenen Kopf, sie wählte, entschied sich und blieb bei dieser Entscheidung. Sie war mutig, zu mutig vielleicht und sie war klug.
Sie hatte ihre Freunde gewählt und sie würde mit ihnen durch dick und dünn gehen. Ich konnte es nicht mehr verhindern.
In der griechischen Mythologie ließ meine Namenspatronin ihre Tochter zurück und segelte mit dem Mann ihrer Träume in den Untergang. Aber heute in diesem Haus, in dem die Bilder mit uns sprechen und sich bewegen, in dem Werwölfe und Elfen leben und in dem die Magie nicht nur an Weihnachten allgegenwärtig ist sehe ich zu, wie meine Tochter mich am Strand zurückläßt und davonsegelt- hoffentlich einem besseren Schicksal entgegen als Helena von Troja.
Gerade als ich diesen Gedanken zu Ende dachte lachte meine Tochter silberhell und glockenklar und hüpfte froh zu mir, ihre Wangen rot, die Augen fröhlich blitzend. "Komm, Mama- hilf uns, den Weihnachtsbaum zu schmücken. Und dann mußt du uns unsere Weihnachtsgeschichte erzählen. Du weißt schon, Es war der Tag vor Weihnachten, und im ganzen Haus rührte sich niemand, noch nicht mal 'ne Maus… "
Vielleicht konnte ich doch wenigstens ein Stück des Weges mit ihr segeln- zumindest jetzt noch.
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