"Mama, wo ist eigentlich
Papa?"
Eiskalte Finger griffen nach der
Kehle der jungen Frau, als ihre Tochter ausgerechnet diese
Frage stellte. Sie hatte gehofft, daß ihr noch ein paar Jahre
blieben, bevor
sie sich mit ihr konfrontiert sah. Doch leider hatte der Kindergarten
ihrer
Tochter einen Elterntag abgehalten, und Julia hatte natürlich all
die Väter bei
den Müttern ihrer Spielkameraden gesehen. Es war nur
verständlich, daß ihr Kind
wissen wollte, wo denn nun ihr eigener Vater war.
"Papa ist… in Askaban," antwortete sie
und ballte die freie Faust fester an ihrer Seite, so fest, daß
die sorgsam
manikürten Nägel in das Fleisch ihrer Handfläche
schnitten. Die Vierjährige,
die neben ihr hertrippelte, blickte treuherzig zu ihrer
aschfahlen Mutter auf.
"Mama, was ist Askaban?" fragte sie. Seufzend hielt Hermine an und
kniete vor ihrer Tochter nieder.
"Askaban ist ein Gefängnis, mein Schatz," erklärte sie. "Dein
Vater war kein sehr netter Mensch, deswegen ist er dort."
"Warum, Mama? Warum war er kein sehr netter Mensch?" Julia Aemilia
Granger hatte die neugierige Art ihrer Mutter geerbt.
"Er hat… mir sehr wehgetan. Und anderen Menschen auch. Und damit er das
nicht mehr kann wurde er dorthin gebracht," erwiderte Hermine. Sie
lächelte ihre Tochter an, doch hinter den glasigen Augen verbarg
sich die nur
halb verschleierte Erinnerung an das Entsetzen der letzten Schlacht.
Sie konnte
sich nicht bewegen, konnte nicht atmen. Bilder blitzten vor ihren Augen
auf,
von den Ereignissen, die sie an diesen Punkt geführt hatten.
Wie Flüche geflogen waren.
Ernie MacMillan brach einfach so
zusammen. Erst als seine leblosen Augen in den verhangenen Sommerhimmel
starrten sah sie den Todesser, der hinter ihm gestanden hatte.
Wie Menschen gestorben waren.
Professor Sprout warf sich vor
eine Gruppe Hufflepuff-Erstklässler. Die Salve der
Todesflüche traf einzig und
allein ihren Körper.
Wie die Verwundeten um Hilfe riefen.
Blaise Zabini schickte rote
Funken aus seinem Zauberstab. Er konnte seine Beine nicht mehr bewegen,
beide
waren zertrümmert…
Wie sie, verwundet und alleine, von einer Gruppe Todesser gefunden
worden war.
Hagrid düngte seine Kürbisse mit
Drachendung… jede Faser ihrer Kleidung war von dem übelriechenden
Stoff
durchdrungen… sie konnte sich nicht einmal aufsetzen, ein
Tuberkulose-Fluch
hatte ihr den Atem geraubt, eine Wunde an ihrem Bein blutete…
Wie diese ihre Wehrlosigkeit ausgenutzt hatten.
"Was haben wir hier? Ein
Schlammblut einsam und allein?"
"Seht ihr auch, was ich sehe? Ihre Robe hat mehr Löcher als Stoff!"
"Endlich zeigt sie, was sie wirklich ist!"
"Kommt, wir machen es ihr klar!"
"Nein, nicht… bitte!"
"Oh, wie niedlich… sie bettelt! Wollen wir ihr zuhören, Jungs?"
"Nein. Silencio!"
Wie sie ihr das Letzte geraubt hatten, was der Krieg ihr nicht hatte
nehmen
können.
Der Kürbis neben ihr hatte einen
Riß in seiner Wand, durch den sie das goldene Fruchtfleisch sehen
konnte… es
lenkte sie von den Schmerzen in ihrem Körper ab…
Wie Ron sie gerettet hatte, bevor der tödliche Fluch gesprochen
werden konnte.
"Wir brauchen sie nicht
mehr, oder?"
"Wertloses Schlammblut, verdient es nicht zu leben!"
"Reducto!
Hermine?"
Wie sie wochenlang dahinvegetiert war, ohne Hoffnung.
"Du
musst deine Medizin nehmen, Kleines…ja, so ist es richtig. Du
weißt, daß alle auf dich warten? Komm zurück,
Hermine!"
Wie der Mann, den sie liebte, ihr nicht geholfen hatte.
Harry kam nicht. Sie wartete und
wartete, all die Zeit im Kürbisbeet, wieder und wieder, aber er
kam nicht…
Wie sie erst später herausgefunden hatte, daß er ihr nicht
helfen konnte, weil
seine eigenen Traumata und Verletzungen ihn noch weiter fortgetrieben
hatten
als sie selbst.
"Weißt du, Harry würde dich
sicher auch gerne einmal sehen… er kann noch nicht sehen… er ist noch
nicht
wieder aufgewacht… er könnte dich und deine Hilfe wirklich
gebrauchen…".
Wie sie aus der Starre erwacht war, als sie erfuhr, daß sie mit
Julia schwanger
war.
"Miss Granger? Miss
Granger, ich fürchte, Sie müssen eine Entscheidung treffen.
Bitte, wachen Sie
auf, Miss Granger! Wir haben eine schlechte Nachricht für Sie… sie
betrifft Ihre
Tochter und..."
Wie sie das Kind und sich selbst gehaßt hatte.
Ekel. Dieses eklige kleine
Todesserbalg in ihr. Und sie selbst, fett… häßlich… dreckig…
Wie sie versucht hatte, ihr Kind zu töten und in letzter Sekunde
aus dem
Wartezimmer des St. Mungos entflohen war.(1)
Sie würden sie töten. Den
Parasiten, der in ihr wucherte... Das kleine klopfende Wesen aus ihr
herausnehmen, das ohne sie nicht sein konnte… Nein, das konnte sie
nicht
zulassen. Es war (zu einem Teil) auch ein Teil
ihrer Selbst… so sehr sie sich haßte, töten konnte sie
nicht. Sie hatte in der
Schlacht nicht getötet, sie würde es im Frieden auch nicht
tun.
Wie sich der Haß langsam in Resignation verwandelt hatte.
Es war zu spät. Aufgebläht wie
ein Walroß war sie schon, und einer der Neun hatte einen Erben.
Bald mußte sie
in das Angesicht ihrer Scham sehen…
Wie sie sich in Julia verliebt hatte, als sie das erste Mal in ihre-
damals
noch- tiefblauen Augen gesehen hatte.
… doch dieses Angesicht war ein
Bild der Unschuld, das ihren Haß in Nichts verwandelte.
Wie Harry sie endlich gefunden hatte, nachdem er geheilt war.
"Hermine? Hier lebst du
also nun?"
"Hier lebe ich." Flach, resigniert.
"Wenigstens hast du einen Blick auf den Park," versuchte er, die
Stimmung zu heben.
"Wenigstens habe ich das," erwiderte sie.
Wie sie ihn vertrieben hatte.
"Ich… ich bin nicht mehr
der Mann, den du kennst, weißt du?" Er öffnete sich ihr
ganz, mit einem
einzigen Blick. Sie konnte sein Vertrauen nicht mißbrauchen.
"Und ich bin nicht die Frau, die ich war. Ich glaube, wir brauchen
beide
noch Zeit… gibt mir Zeit, Harry." Geflüstert. Feige. Bitter,
voller Angst.
Gebrochen.
"Hermine, bitte…" Flehend. Hoffnungsvoll. Voller Liebe, warm. Bereit.
"Harry…Geh!" Er drehte
sich zum Fenster. Seine breiter gewordenen Schultern, die die Last
einer
ganzen Welt getragen hatten, sanken zusammen.
"So viel du willst. Ich warte auf dich."
Sie hatte nicht geweint, obwohl seine Stimme so gebrochen geklungen
hatte wie
zu der Zeit, als sein Pate gestorben war. Und in ihrem Kopf drehte sich
alles.
Gehgehgehgehgehgeh…
Und wie sie endlich, nach Monaten des Schattendaseins, wieder einen
Sinn in
ihrem Leben gefunden hatte. In ihrem Kind. Ihrem Schattenkind.
Keine Macht der Welt konnte hätte sie dazu zwingen
können, dieses Ding zu
lieben… aber es war kein Ding.
Es war ihre Tochter. Ihre Tochter. Ein Kind, das aus ihrer dunkelsten
Stunde
stammte… aber das davon nichts wußte. Eine Unschuldige, die
nichts für das
Leiden ihrer Mutter konnte, obwohl sie daran schuld war. Kein Kind der
Dunkelheit. Kein Kind des Lichts. Ein Schattenkind.
All ihre Erinnerungen an die letzte Schlacht und die Zeit bis zu Julias
Geburt
waren verwischt, undeutlich, gefiltert durch eine Linse des blanken
Entsetzens
und der Apathie, die zu reinigen nicht möglich gewesen war.
Sie hatte ihre Angreifer nicht identifiziert, alles, was sie wusste,
war, daß es neun gewesen waren. Jeder von ihnen
konnte Julias Vater sein- sie hatte es nie herausfinden wollen. Jeder
von ihnen
hatte ihr genommen, was sie Harry hatte schenken wollen, das einzige
Geschenk,
das sie ihm machen konnte nachdem die Todesser schon ihre Eltern
getötet und
all ihren Besitz verbrannt hatten. Sie hatten ihr ihre Jugend genommen,
ihre
Lebensfreude, ihre Unbeschwertheit- und letztendlich ihre Unschuld, bis
auf den
letzten Rest.
Hermine konnte ihre Tochter nicht hassen, aber an jedem einsamen Abend
haßte
sie sich selbst.
"Wertloses
Schlammblut!"
Dafür, daß sie nicht stärker gewesen war.
"Fleht uns an!"
Dafür, daß sie Harry verantwortlich machte.
"Du bist nicht
gekommen!"
Dafür, daß sie davongelaufen war.
"Hier lebst du also?"
Dafür, daß sie sich ihren eigenen Dämonen nicht stellen
konnte und den, den sie
liebte nicht mehr dazu zwingen konnte, sich den seinen zu stellen.
"Wir brauchen noch
Zeit."
Dafür, daß sie zu schwach gewesen war, ihn zu halten.
"Geh!"
Dafür, daß sie zu stolz gewesen war, ihn zu halten.
"Harry… Geh!"
Dafür, daß sie Julia zu sehr geliebt hatte, um sie zu
töten.
"Eine Tochter!"
Dafür, daß sie ihrer Tochter keine echte Mutter sein konnte.
"Du…
in dein Zimmer."
Dafür, daß sie sich selbst dafür haßte, ihre
Tochter geboren zu haben.
"Was für ein schönes
Kind!"
Dafür, daß sie zu müde war, sich selbst zu hassen.
"Geh!"
Es gab niemanden, der ihr auch nur einen zweiten Blick schenkte. Sie
lebte in
der Muggelwelt; eine der vielen
alleinerziehenden Mütter, die sich mit einfachen
Dienstleistungsjobs durch den
Alltag schlugen. Julia war ein intelligentes Kind. Ihre Erzieherinnen
im
Kindergarten lehrten sie schon lesen und schreiben. Hermine selbst war
zu
erschöpft, sich um ihr Kind zu kümmern wenn sie sie nach
einem langen Tag,
angefüllt von zwei Jobs als Verkäuferin und Nachhilfelehrerin
von der
Tagesstätte abholte.
Eine einzige halbe Stunde hatte ihr Leben als die 'intelligenteste Hexe
unserer
Zeit' zerstört. Sie setzte keinen Fuß mehr in die
Zauberwelt. Harry hatte sie
mit der Entschuldigung abgewimmelt, daß sie beide mehr Zeit
brauchten, um zu
heilen. Um ihre Vergangenheit zu verarbeiten.
Aber Hermine verarbeitete nichts. Die psychologische Beratung, die man
ihr
angeboten hatte, hatte sie abgelehnt- sie war stark, sie war stolz, sie
war
eine Gryffindor! Bis sie- anscheinend spurlos- verschwunden war, hatte
sie fast zehn Kilogramm an Gewicht verloren.
Es war nicht besser geworden, seit sie alleine lebte.
Aber sie dachte nicht mehr an das, was ihr widerfahren war. Sie hatte
sich ein
Leben aufgebaut, das so fernab all dessen lag, was geschehen war,
daß nichts
sie an die Vergangenheit erinnerte. Julia hatte glücklicherweise
das Aussehen
ihrer Mutter geerbt, nur ihre Haare waren etwas weniger buschig und
eher sanft
gewellt. Sie kam zurecht- nicht immer gut, aber sie kam zurecht. Und
was
vergangen war, blieb verborgen.
Bis zu jener Frage.
Warum hatte Julia sie jetzt schon stellen müssen? Hermine konnte
sich ihr nicht
stellen- sie war noch nicht bereit! Es war alles noch… zu nah. Zu
verschwommen
nah. Wie jemand, der weitsichtig ist und das Kleingedruckte eines
Vertrags
lesen muß, hielt Hermine Julia auf Armlänge von
sich.
"Julia, es gibt Vieles, was ich dir noch nicht erzählen kann.
Vielleicht
kann ich es dir nie alles erzählen… aber ich bitte dich, frage
noch nicht nach
deinem Vater. Er ist ein Schatten in meiner Vergangenheit, verstehst
du? Ein
dunkler, dunkler Schatten… nur du, dich liebe ich. Ich liebe dich mehr
als
alles andere. Du bist mein kleines Schattenkind, aber du könntest
nicht kostbarer
sein. Ich… ich hoffe, daß ich eines Tages so weit bin, dir alles
zu erzählen,
eines Tages, wenn du es verstehen kannst und ich es dir sagen kann. Bis
dahin…
Ich liebe dich, mi umbra piccola!"
Julias kleine Stirn legte sich in Falten. Nachdenklich kaute sie auf
ihrer
Unterlippe herum. Hermine wartete mit angehaltenem Atem, die eisige
Klammer um
ihre Brust verstärkte sich mit jeder verstreichenden Sekunde. Sie
konnte
nicht…! Wenn das so weiterging würde sie auf offener Straße
zusammenbrechen.
Ihr Atem ging schneller und schneller, aber sie bekam nicht genug Luft.
Die
Häuser zogen sich um sie zusammen, das Pflaster hob sich, um sie
zu erdrücken,
die Schatten stürzten auf sie ein, bildeten undeutlich neun
Gestalten nach, die
näher und näher kamen und die sie nicht aufhalten konnte,
niemals aufhalten
konnte…
"In Ordnung, Mama. Ich liebe dich auch," sagte Julia.
Die Schatten zogen sich zurück. Hermine begann, freier zu atmen.
"Ich
verspreche dir, mein Schatz, eines Tages… eines Tages werde ich soweit
sein,
und dann sage ich dir alles. Alles, was es über mich zu wissen
gibt. Ich gebe
nicht auf… warte nur noch ein Weilchen!"
Sie erhob sich aus der Hocke und ergriff Julias Hand. "Laß uns
nach Hause
gehen, Schatz," meinte sie. Julia tippelte neben ihr her, Mamas
merkwürdiges Verhalten vergessen. Nur einmal noch warf sie einen
Blick zurück
über die Schulter, auf den Schatten, der ihr zugezwinkert hatte
und ihr
eingeflüstert hatte, was sie sagen sollte. Der Schatten, der ihr
geholfen
hatte, als sie die Haare von Bobby McCleese grün gefärbt
hatte…
"Ich warte auf dich. Und ich gebe nicht auf," flüsterte der
Schatten.
Julia lächelte ihm zu, das strahlende Lächeln eines Kindes,
jedes Kindes.
Sie war als ein Schattenkind geboren worden, aber ihre Mutter hatte sie
trotz
allem ans Licht geführt. Und sobald sie bereit war, ebenfalls
wieder hinaus an
die Sonne zu treten würde ihr Schatten da sein, bereit, ihr zu
helfen, so, wie
er Julia geholfen hatte.
Denn er war ihr Schatten-
jemand, der sie so sehr liebte,
daß er sein Licht hinter das ihre stellte.
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