|
'Verdammter
Potter!' Severus Snape, in seinem ledernen Armstuhl vor dem m�de
prasselnden Kaminfeuer in seinen Privatgem�chern, hinderte sich selbst
gerade eben so noch daran, den kristallenen Brandysnifter samt teurem Inhalt
gegen den gemauerten Kamin zu schleudern. Der Bengel hatte mit seiner
Entschuldigung das Geb�ude eines ganzen Lebens ins wanken gebracht.
"Wie
konnte er... seine Erinnerungen? Zu denken, da� er in jeder einzelnen
Okklumentik-Stunde so pathetisch versagt, und dann festzustellen, da�...
nein, das ist einfach unm�glich. Potter... Potter hat seine Erinnerungen
manipuliert. Manipuliert!" Snape lachte bitter, st�rzte ungeachtet des
scharfen Brennens das volle Glas Brandy in einem Zug hinunter. Das Scheit im
Kamin gab ein Krachen von sich, st�rzte in sich zusammen, lie� einen Regen
aus gl�henden Funken und hei�er Asche aufsteigen.
"Brich
zusammen... Turning
and turning in the widening gyre, The falcon cannot hear the falconer;
Things fall apart; the centre cannot hold; Mere anarchy is loosed upon the
world� Yeats hatte recht. Wahnsinn, die Welt ist Wahnsinn!" Wieder lachte
er, ein schmerzhaftes Lachen, aus einer Brust gezwungen, in der ein
vertrocknetes Herz qualvoll an bessere Zeiten erinnert wurde.
"Potter!"
Der MRF
surrte, bevor die machtvollen Kl�nge des Dies
Irae aus Mozarts
Requiem aus unsichtbaren Lautsprechern dr�hnten. Snape lie� sie wie Wellen
�ber sich hineinbrechen, ihnen wehrlos ausgeliefert, wie er seinen Gedanken
ausgeliefert war. Seine Meisterschaft der Okklumentik brachte sich nicht zum
Stillstand, jene ewigen Erinnerungen...
Er hatte
sie �bersehen, all die Zeichen. Sie waren da gewesen, aber er hatte sie
nicht erkannt. Nach allem, was er erlebt hatte, was er wu�te, was er dachte
war er nicht in der Lage gewesen, einfach nur seine Vergangenheit zu
konfrontieren. In seinem Haus fand sich mehr als ein Sch�ler in dieser
Lage, und er hatte stets mit Stolz von sich behauptet, jeden einzelnen von
ihnen entdeckt und gef�rdert zu haben,
noch ehe der erste Monat ihres ersten Jahres um war. War er wirklich ein so
alter, verbitterter Mann, da� der Geist seines alten Feindes seinen Blick
so sehr tr�ben konnte?
"Potter,
du hast deine Rache noch von jenseits des Grabes!" schrie er, und warf
den Snifter nun doch mit einem gellenden, animalischen Br�llen nach den
Gespenstern der Vergangenheit, gemalt in flackerndem Feuerschein auf
tausendj�hrigem Gem�uer. Wie h�tte er auch ahnen sollen, da�
ausgerechnet der Sohn des Potter all die alten Wunden wieder aufri�, mit
dieser falschen Verletzlichkeit, der betr�gerischen Offenheit, den ungesch�tzten
gr�nen Augen, in deren Tiefen Schatten lauerten, die auch in Snapes Seele
ein Zuhause gefunden hatten.
'Kein
Verstecken, Professor. W�hlen Sie einen beliebigen Tag, oder mein ganzes
Leben. Es k�mmert mich nicht. Sie werden nicht finden, wonach Sie suchen.'
Waren das wirklich die Worte des hitzk�pfigen Jungen gewesen, der
ihn noch vor wenigen Wochen gegen die Wand gehext hatte? Und was
hatte ihn bewogen, auf das Angebot einzugehen?
Er hatte
es jedenfalls angenommen. Weihnachten f�r den Jungen der lebt, hatte er
sich gedacht, und war dabei in eine Szene versetzt worden, die er zun�chst
nicht realisieren konnte.
()-_-_-()
Ein
kleiner Junge hielt ein schmutziges St�ck Tesafilm zwischen den Fingern.
Seine Zunge steckte im Mundwinkel, w�hrend er konzentriert versuchte,
gleichzeitig ein zerfetztes St�ck Papier an die richtige Stelle der Wand zu
pressen und den wertvollen Klebstoff davon abzuhalten, sich
aufzuwickeln und mit sich selbst zu verkleben.
"Geschafft!"
Stolz betrachtete der Kleine sein Werk, ein schiefes, h�lzernes Abbild
eines stilisierten Weihnachtsbaums. Ein gr�nes Dreieck mit einem braunen
Viereck darunter, wenn man ehrlich war, aber f�r ihn war es ein
Weihnachtsbaum. Er hatte nur die Stummel eines gr�nen und braunen
Buntstiftes gehabt, so da� er weder Kerzen noch Weihnachtsschmuck hatte
malen k�nnen, aber er hatte noch einen Trumpf in der Hinterhand. Vorsichtig
kramte er in den riesigen Taschen seiner �berdimensionalen Jeans. Er war
zwar ein wenig schief, ein wenig verknittert, ein wenig plattgequetscht und
ein wenig feucht (Dudley hatte die Reste seiner Cola dar�ber ausgeleert),
aber der gr�n-rote Stern, den er am letzten Schultag gebastelt hatte wurde
dennoch mit einer Rei�zwecke �ber den Weihnachtsbaum gesteckt.
"Fr�hliche
Weihnachten!" wisperte der Kleine.
"Bengel!"
bellte die tiefe Stimme eines Mannnes.
"Ja,
Onkel Vernon?" rief der Junge zur�ck, vergewisserte sich, da� sein
Weihnachtsbaum au�er Sichtweite an der Innenseite des T�rbalkens war.
"Bengel,
deine Tante braucht Hilfe. Wasch das Gem�se f�r den Truthahn!" Die
fleischige Hand seines Onkels reichte durch die aufgerissene T�r, packte
ihn am Hemdskragen und hob ihn mit Leichtigkeit aus seinem Schrank. Der
Junge blinzelte nur einmal, rieb sich die
Schulter und r�ckte seine mit Klebeband zusammengehaltene Brille auf der
Nase zurecht.
"Ja,
Onkel Vernon," sagte er leise.
Im
Wohnzimmer duftete es nach Harz und nasser Erde. Anscheinend hatten sein
Onkel und sein Cousin gerade den Tannenbaum hineingebracht. Auf dem
Kaminsims standen all die Weihnachtspostkarten, die die Dursleys in diesem
Jahr geschickt bekommen hatten (1), so viele, da� sie sich gegenseitig vom
schmalen Kunstmarmorbrett schubsten.
Tante
Petunia werkelte in der K�che. Mit einem leisen Seufzen und einem wehm�tigen
Blick auf das weihnachtlich geschm�ckte Zimmer schlich der Kleine in den
stickigen, hei�en Raum, in dem er die Stunden bis zum Weihnachtsessen
zubringen w�rde. Wenigstens drangen aus dem Radio Weihnachtslieder!
Er wurde
bald alleine gelassen. Der Truthahn brutzelte im Ofen, was noch zu tun war,
war die Maroni f�r die extra F�llung (Tante Petunia f�llte den Truthahn,
dann machte sie noch eine zweite Sch�ssel des leckeren Inhalts) zu sch�len
und kleinzupressen, eine Aufgabe, die Harry schon seit Jahren �bernahm. Die
gleichf�rmigen Bewegungen und der leckere Essensduft wirkten beruhigend auf
ihn, und bald verga� er alles andere.
"God
rest ye, merry gentlemen..." sang er zum Radio mit. Er hatte eine
sanfte, klare Stimme, die seine Lehrerin gerne im Schulchor gesehen h�tte,
aber die Dursleys hatten ihm die Erlaubnis dazu verweigert. "Gloria in
excelsis deo!" Selbst bei den hohen T�nen seines Lieblingsliedes hatte
er wenig Probleme.
"Bengel,
was ist das f�r ein infernalisches Gejaule?" Onkel Vernon war in die K�che
gepoltert gekommen, hatte wohl Hunger.
"Entschuldige,
Onkel Vernon," sagte der Kleine mechanisch.
"Halt
in Zukunft den Mund. Niemand interessiert sich f�r das, was
herauskommt," grummelte sein Onkel. "Bist du bald fertig?"
"Ja,
Onkel Vernon."
"Dann
ab in deinen Schrank!"
"Ja,
Onkel Vernon." Er wusch das Messer und die Presse, mit der er das
Maroni-Mus hergestellt hatte, dann folgte er seinem Onkel durch das
Wohnzimmer. Der Weihnachtsbaum war
inzwischen geschm�ckt, strahlte bunt und festlich im Glanz der elektrischen
Lichter. Harry versuchte, so lange wie m�glich auf die roten Schleifen und
filigranen Engelshaar-Streifen zu schauen, doch sein Onkel schubste ihn
wenig sanft in Richtung Schrank.
"Und
keine... komischen Sachen, verstanden?"
"Ja,
Onkel Vernon."
Sein
Schrank war kalt und dunkel. Harry schaltete die Lampe �ber seinem Bett an
und versuchte, seinen grummelnden Magen zu ignorieren. Vom Wohnzimmer aus
klang dumpf das Radio, der Duft des Weihnachtsessens und das unmelodische
Singen der Dursleys, das diese immer zelebrierten bevor Dudley seine
Geschenke �ffnen durfte. Harry starrte auf seinen eigenen kleinen
Papier-Weihnachtsbaum.
"We
wish you a merry Christmas... we wish you a merry Christmas..." sang
er, ganz leise, damit sein Onkel ihn nicht h�ren konnte. Endlich
verstummten die Stimmen der Dursleys, wurden ersetzt durch das Rascheln
zerrei�enden Papiers. Harry kramte in seiner Tasche, zog den ganz neuen
Bleistift, den ihm seine Lehrerin geschenkt hatte und den er in eine rote
Papierserviette eingepackt hatte hervor und setzte sich auf seinem Bett
gerade hin. Vorsichtig packte er sein Geschenk wieder aus, drehte den Stift
zwischen den kleinen Fingern hin und her und legte ihn schlie�lich and�chtig
hinter die alten Konservendosen auf dem Regal hinter dem Kopfende seines
Bettes.
"Fr�hliche
Weihnachten, Mum und Dad," wisperte er. Dann l�schte er das Licht, er
war schlie�lich ein sehr ersch�pfter
kleiner Junge, der den ganzen Tag �ber gearbeitet hatte. Er wickelte seine
Decke fest um seine Schultern und nahm die Brille ab. "Fr�hliche
Weihnachte, Harry."
()-_-_-()
"Potter!"
grummelte Snape, doch seine �bliche Sch�rfe fehlte in seiner Stimme. Seine
eigene Kindheit war alles andere als gl�cklich gewesen, er wu�te, wie es
war, ohne ein einziges warmes Wort aufzuwachsen, und dennoch... alles, was
er sehen konnte, waren die haselbraunen Augen seines �rgsten Feindes, wie
sie ihn anklagend anstarrten.
"Wie
h�tte ich es wissen sollen, wie, Potter?" verteidigte er sich und nahm
einen gro�en Schluck Brandy aus der Flasche, obwohl der rationale Teil
seines Verstandes erkannte, da� er schon weit jenseits der
Trrunkenheitsgrenze stand. "Der perfekte Potter, dein Abbild. Das ist
er! Nichts weiter! Ein Tunichtgut! Ein Hallodri! Ein hochgelobter Retter,
der nicht einmal sich selbst retten kann! Ein Versager!"
"Versager!"
seine Stimme verlor sich.
'Nichts
weiter', sagte er sich selbst. Doch die Erinnerung des Jungen der lebt, in
ihrer starren Einfachheit, der Leichtigkeit, mit der Potter akzeptiert
hatte, was er bekam, dr�ngte sich immer wieder in sein Bewu�tsein.
"Nein!"
Wieder Brandy. Die Flasche war beinahe leer. Hatte er nicht noch irgendwo
eine volle Flasche Feuerwhisky stehen?
"Verdammt
seist du, Potter. Verdammt wenn ich deinetwegen all das bedenke, was ich
bin. Das bist du nicht wert. Wertloser Versager!" Snape war sich nicht
mehr sicher, ob seine Zunge noch seinem Befehl gehorchte, doch er lallte
nichtsdestotrotz den leeren W�nden seiner Wohnung seinen Protest entgegen.
"Wertlos! Kein Retter. Wertloser Versager!"
Und in
jenem einen Moment, in dem sein Bewu�tsein sich bereit machte, seinen K�rper
zu verlassen sah er mit schmerzhafter Deutlichkeit einen dunkelhaarigen
Mann, das Gesicht von Wut und Entt�uschung verzerrt, vor sich stehen, die
Hand erhoben und die schwarzen Augen gef�hrlich verengt.
"Was
denkst du, wer du bist, Severus Snape? Nichts weiter als ein wertloser
Versager!"
Wenigstens
blieb es ihm erspart, �ber seine eigenen Erinnerungen nachzudenken. Salva
me con benedictis,
flehte die Sopranstimme im MRF, doch ihre Bitte verhallte ungeh�rt.
Vielleicht kam sie zu sp�t, vielleicht jedoch war sie schon erh�rt worden
und nunmehr �berfl�ssig. Snape k�mmerte es nicht, war er doch geborgen in
der warmen, dunklen Umarmung der Bewu�tlosigkeit.
|