"... Flutkatastrophe in Indien. 42 Tote bei Gasexplosion in London. London. In der Innenstadt der Haupstadt von Großbritannien ereignete sich heute gegen 4 Uh morgens eine Tragödie. 42 Menschen, darunter vier Kinder, fielen einer defekten Gasleitung zum Opfer. Nach Angaben der Behörden erstickten die Bewohner eines Mietshauses in der Charing Cross Road, weil Gas aus einem Leck im Keller austrat. Als Nachbarn die Ursache des seltsamen Geruchs ergründen wollten, verursachte die brennende Zigarette eines unachtsamen Helfers die Explosion. Der Verursacher, sämtliche Bewohner des Hauses und drei Umstehende verstarben sofort, vier Schaulustige wurden teils schwer verletzt.Das Haus ist völlig zerstört, die U-Bahnstation Charing Cross Road vorübergehend gesperrt. Die Feuer sind inzwischen unter Kontrolle, nahestehende Gebäude wurden nur leicht beschädigt. Die Ursache des Lecks ist noch unklar. London. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl ..." Die Ansagerin im Fernsehen verlor an Lautstärke als Petunia sie leiser stellte, doch das Wichtigste war schon zu den beiden Zauberern in der Küche der Dursleys durchgedrungen.
Harry legte den Kopf auf seine auf dem Tisch gefalteten Arme. "Voldemort," sagte er nur, "und die Gedächtniszauber der Abteilung zur Umkehr verunglückter Zauberei."
Remus nickte. "Es ist Charing Cross Road- da ist der Tropfende Kessel. Und die Winkelgasse. Voldemort hat keinen Grund mehr, sich zu verstecken. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er das Ministerium selbst angreift. Mit der Aktion heute morgen wollte er wahrscheinlich nur zeigen, dass er da ist, und dass die Zauberwelt keine Chance hat, sich ihm entgegenzustellen."
Harrys Kopf schnellte schneller nach oben als seinen Halswirbeln lieb war- sie knackten hörbar, aber das grüne Feuer, das aus seinen Augen leuchtete, ließ Remus das Knacken schnell vergessen. "Keine Chance? Es gibt immer eine Chance und..." ihm kam eine Idee. Vielleicht konnte er diese Attacken ja für sich nutzen?
"Prof- ... Remus, ich habe eine Bitte. Kannst du Dumbledore fragen, ob es möglich ist, die Verordnung zur Beschränkung der Zauberei Minderjähriger in Sonderfällen außer Kraft zu setzen? Es... es gibt da auch etwas, das ich dir sagen muss." Er holte tief Luft. Die Prophezeiung war, besonders im Licht der letzten Ereignisse, eine schwere Last auf seinen Schultern, und darüber zu sprechen war fast so unerträglich wie an Sirius' Testament zu denken.
"Harry, ich denke nicht, dass..." begann Remus vorsichtig. Harry hob die Hand und unterbrach ihn.
"Bitte, Prof-... Remus, es ist... schon so schwer genug. Ich... Professor Dumbledore hat... Am Ende des letzten Schuljahres..." er fuhr sich mit der Hand durch die schweißverklebten, wild abstehenden Haare. "Es ist so: es gibt da eine Prophezeiung... und danach bin ich entweder Voldemorts Mörder oder werde von ihm ermordet." Irgendwie hatte er ein Talent dafür, den möglichst undiplomatischen Weg zu wählen, um wichtige Mitteilungen zu machen.
"Harry, ich..." Remus war sprachlos. Von all den Dingen, die er erwartet hatte, zu hören, war dies das Letzte. Er hatte geglaubt, Harry wollte Rache für Sirius und deswegen mehr Zaubersprüche und Flüche lernen, oder dass er um seine Freunde besorgt war, oder dass er für seinen geheimen Club im nächsten Jahr wieder vorbereitet sein wollte, aber nicht, dass dieser Fünfzehnjährige damit konfrontiert war, entweder zu morden oder gemordet zu werden.
"Ich weiß- ziemlich heftig," ein schiefes Grinsen schlich sich auf das dünne, bleiche Gesicht als Harry Remus die Worte aus dem Mund nahm, "aber leider wahr. Und darum... ich habe beschlossen, dass ich es... Sirius... schuldig bin, dass ich zumindest mein Bestes versuche."
Remus kümmerte in diesem Moment weder seine Lycanthropie noch die Tatsache, dass beinahe-Sechzehnjährige Umarmungen nicht gerade als angenehm empfanden. Mit drei Schritten hatte er den Küchentisch der Dursleys umrundet und seine Arme fest um Harrys dünne Schultern geschlungen. "du bist nicht alleine in dieser Sache, Harry. Und ich werde Dumbledore fragen- ich kann nicht glauben, dass er dich all die Jahre nicht... wenn du möchtest, kann ich dir helfen." Er ließ den Sohn seines besten Freundes los, als er dessen Steifheit bemerkte. Harry war an physischen Kontakt nicht gewöhnt...
"Danke, Remus," sagte der Junge, und echte Dankbarkeit leuchtete aus seinem schmalen, entschlossenen Gesicht. "Ich werde es... auch nicht missbrauchen. Und jetzt... sollte ich wohl besser duschen." Das schiefe, ausdruckslose Lächeln, das er immer benutzte, um seine Emotionen zu vertuschen, war zurück. Remus nickte.
"Die anderen Mitglieder werden sich schon wundern, wo ich bleibe, und ich glaube, dass dein Onkel auch bald herunterkommt und wohl weniger erfreut sein wird, einen Zauberer in seiner Küche vorzufinden. Machs gut, Harry- ich komme entweder später heute oder morgen wieder."
"Danke, Remus... und... ich werde zu... der Verlesung kommen. Und sag Professor Dumbledore, dass die Okklumentik zu wirken scheint- ich wusste nichts von der Attacke." Er zuckte zusammen als er aufstand, die überanstrengten Muskeln nun endgültig in ihrer verkrampften Position eingefroren. Remus grinste schadenfroh, obwohl seine Augen noch all seinen Kummer über den Tod seines besten Freundes widerspiegelten.
"Mach ich. Bis dann, Harry!" Er ging zur Haustür. Harry verfolgte seine Schritte, durch das Gartentor hinaus und die Straße hinunter bis er augenscheinlich die Grenze der Schutzzauber überschritten hattte und davonapparierte.
Harry, alleine, starrte einen Moment lang auf die Stelle, an der noch vor einem Moment der Letzte der Herumtreiber gestanden hatte. >Meine Schuld, dass Remus jetzt alleine ist. Meine Schuld,< klang eine hartnäckige Stimme aus seinem Unterbewusstsein hervor. Er zitterte, plötzlich wieder gefangen in der Dunkelheit seiner eigenen Gedanken. Remus und, so unglaublich es klingen mochte, Dudley hatte ihn für kurze Zeit aus dem Teufelskreis von Wut, Verzweiflung und Rachegedanken befreit.
"Junge, geh duschen. Du stinkst." Tante Petunia hatte dieselbe Wirkung wie eine Karaffe Eiswasser- sie brachte Harry unbarmherzig zurück in die Realität. Er nickte nur und schleppte sich die Treppe hinauf, sich plötzlich der Existenz von Muskeln bewusst, die er vorher noch nie gespürt hatte.
>Verdammt, warum musste Dudley nur Recht haben?< dachte er.
*~*
Remus Lupin, Werwolf und Mitglied des Ordens des Phoenix, stand auf dem Grimmauldplatz genau gegenüber der schmalen Lücke zwischen Nummer Elf und Dreizehn und konzentrierte sich auf einen Satz, den er nur einmal auf einem kleinen Zettel gelesen hatte. >Das Hauptquartier des Ordens des Phoenix befindet sich im Grimmauldplatz Nr. 12.<
Die beiden angrenzenden Häuser wichen mit einem erschrockenen Sprung zur Seite und gaben den Blick auf das heruntergekommen wirkende, düstere Familienhaus der Blacks frei, das Sirius dem Orden zur Verfügung gestellt hatte und dessen neuer Eigentümer noch nicht feststand. Remus schluckte die aufsteigende Wut und Trauer, die der Anblick des Hauses, das Sirius so gehasst hatte und in dem er die letzten Monate seines Lebens wie ein Gefangener gelebt hatte, auslöste, hinunter und klopfte vorsichtig und leise an die Tür.
"Wer da?" fragte die gedämpfte, wachsame Stimme von Tonks, einer jungen Aurorin mit Metamorphmagus-Fähigkeiten, die sie vor allem dazu einsetzte, die wildesten Frisuren und Haarfarben, die man sich vorstellen konnte, auszuprobieren.
"Moony," wisperte Remus, sich der Nähe des wohl gefürchtetsten Porträts aller Zeiten nur zu bewusst.
"Komm rein, sie schläft gerade- hoffe ich!" Tonks öffnete die Tür weit genug, dass Remus hindurchschlüpfen konnte. "Sie ist heute schlimmer denn je, hat mit ihrem Geschrei schon zwei Teller zum Zerspringen gebracht." Sie seufzte und fuhr sich mit der Hand durch ihr heute neongrünes, schulterlanges Haar.
"Wo warst du eigentlich? Dumbledore hat nach dir gefragt," fragte sie und versuchte, die Tür vorsichtig zu schließen.
Remus sprang noch nach vorne, erwischte den Knauf jedoch nicht mehr, und so fiel die schwere, hölzerne Eingangstür mit einem lauten Knall ins Schloss. Tonks und Remus hielten beide den Atem an- Stille, konnte es sein, dass...
"DRECKIGE SCHLAMMBLÜTER, DUNKLE KREATUREN IN MEINEM HAUS! WENN...." Es konnte nicht sein. Mrs. Black war erwacht und erfüllte ihre Funktion als lebender Wecker mit bewundernswertem Eifer und übermenschlichem Stimmeinsatz. Remus seufzte, und Tonks wurde rot während sie verschämt die Achseln zuckte.
"Shacks wollte mich nicht in die Küche lassen, und Türdienst war die einzige freie Aufgabe in meiner Schicht." Shacks war natürlich Kingsley Shacklebolt, ein Auror und Ordensmitglied mit dem Remus lose befreundet war. Er konnte sich schon vorstellen, warum er Tonks nicht in der Küche haben wollte- sie war schon auf freier Flur mit nichts als ihren zwei Händen und Füßen eine Gefahr für sich und die Umgebung, solange kein dunkler Zauberer zum Bekämpfen in der Gegend war.
"Zumindest sind jetzt alle wach," grinste Remus. Tonks hatte diese Wirkung auf die meisten Menschen- man konnte einfach nicht lange depressiv sein in ihrer Anwesenheit. Tonks grinste zurück und änderte ihre Frisur in scharlachrote, hüftlange Schillerlocken.
"Und das Frühstück ist auch fast fertig," ergänzte sie, einen Arm um Remus' Schultern schlingend und ihn zur Küche anführend, "Shacks kann seine Anweisungen vergessen- ich will eine Tasse Kaffee!"
Remus schnitt eine Grimasse. "Wie kannst du das Zeug nur vertragen?" fragte er. Tonks zuckte mit den Schultern.
"Gewohnheitssache, schätze ich." Sie stolperte über die Türschwelle zur Küche und entging dadurch nur knapp eine fliegenden Gabel auf dem Weg zu einer Schüssel voller zukünftiger Rühreier.
"TONKS!" Kingsley Shacklebolt, ein hochgewachsener Mann jamaikanischer Herkunft warf die Hände über den Kopf, "was habe ich gesagt? Du solltest nicht in die Küche bis nicht das Frühstück- oh, verdammt!" Er hatte vergessen, dass er seinen Zauberstab noch in der Hand gehalten hatte, und hattemit seiner Geste eine zestörerische Kettenreaktion ausgelöst, die die ganze Küche in Ei getaucht hätte wenn nicht Remus seinen Zauberstab parat gehabt und das Desaster aufgehalten hätte.
"Shacks, du solltest auch aufpassen, was du tust,"meinte der Werwolf trocken. Kingsley senkte mit einem theatralischen Seufzer den Zauberstab.
"Zumindest koche ich besser als Tonks oder du," verteidigte er sich, "hallo, Remus. Wo warst du?"
"Erkläre ich später," wehrte der Werwolf ab. "Zu schade, dass die Weasleys ihre Ferien im Fuchsbau verbringen wollen- ich könnte jetzt etwas von Mollys Omelette vertragen!"
"Ah, Remus!" Albus Dumbledore, Schulleiter von Hogwarts und Leiter des Ordens des Phoenix tauchte in der Küchentür auf. "Ich dachte mir schon, dass du es bist, der angekommen ist... Ja, wir alle vermissen Mollys Küche... aber Kingsley hier leistet auch sehr, sehr gute Arbeit... ah, Nymphadora, guten Morgen!" Tonks grüßte Dumbledore mit einem Nicken über ihre Kaffeetasse hinweg, die sie irgendwie innerhalb der letzten Minuten mit Kaffee und Zucker gefüllt hatte, ohne irgend etwas zu zerstören. Sie schien gefangen zwischen dem Bedürfnis, den alten Mann mit einem netten Fluch zu belegen, weil er ihren verhassten Vornamen benutzt hatte, und dem Respekt vor dem Anführer des Ordens. Dumbledore zwinnkerte amüsiert über ihr Dilemma und akzeptierte die ihm angebotene Tasse Schwarztee dankbar.
"Nun, Remus, ich vermute, du hast ein paar interessante Neuigkeiten von deinem Besuch bei Mr. Potter mitgebracht...?" Dumbledore sah ihn scharf über die Ränder seiner halbmondförmigen Brillengläser an, und Remus fühlte sich wieder wie ein Schüler, der beim nächtlichen Treiben auf dem Astronomieturm erwischt worden war.
"Ich... ja, Albus. Ich habe ihm die... Einladung übergeben, und wir haben... ein bisschen miteinander gesprochen. Er ist sehr mitgenommen, Albus, er... Aber er hat auf eine gewisse Weise akzeptiert, was geschehen ist und was er tun muss. Sag, ist... diese Prophezeiung... ?" Er zog fragend die Augenbrauen hoch. Dumbledore sah bestürzt und ein wenig überrascht hinter seiner Brille hervor.
"Er hat dir von der Prophezeiung erzählt?" fragte er, nicht ohne Besorgnis in der Stimme. Remus würde zur Liste der Leute gehören, die auf Voldemorts Todeslist ganz oben standen wenn das wahr war- aber das tat er ohnehin schon, als Freund von Lily und James Potter, und als Sirius Blacks Freund.
"Nur das Wichtigste," meinte Remus, "es ist also wahr?" Das Funkeln in Dumbledores Augen erlosch.
"So sehr ich auch wünschte, dass es das nicht wäre- ja, es ist wahr." Remus schluckte.
"Amer Harry... aber kein Wunder, dass er so verbissen ist. Er trainiert, Albus, er ist mit seinem Cousin joggen gewesen als ich ihn getroffen habe- anscheinend hat sich Dudley Dursley entschlossen, Sport zu treiben. Und er fragt, ob nicht eine Ausnahme von der Verordnung zur Beschränkung minderjähriger Zauberei gemacht werden kann. Ich glaube, er sieht sich momentan als Waffe und will sein Bestes geben- für Sirius." Den Namen seines Freundes auszusprechem schmerzte Remus noch immer sehr, und er war seltsamerweise dankbar für Tonks' Hand, die diesen Moment wählte, um auf seiner Schulter zu landen.
"Er trainiert?" Albus' Blick enthielt nichts von dem freundlichen blauen Funkeln das ihn so beliebt bei den meisten seiner Schüler machte. Stattdessen wirkte er geradezu... slytherinhaft. Berechnend, kalt. Es war Remus nicht möglich, festzustellen, ob seine Neuigkeiten den Rektor erfreut hatten oder nicht.
"Ja", meinte der Werwolf schließlich, ein wenig nervös unter den eindringlichen Blicken.
"Wie?" War Harry womöglich nicht der einzige, der ihn als Waffe sah? Aber das konnte nicht sein- Albus Dumbledore hatte den Jungen doch immer um seiner selbst willen geschätzt!
"Wie ich gesagt hatte, er joggt... und sein Cousin hat etwas von Gewichtetraining in einem Club gesagt... und Harry selbst bittet darum, dass das Gesetz zur Beschränkung der Zauberei Minderjähriger für ihn außer Kraft gesetzt wird- er scheint es sich in den Kopf gesetzt zu haben, unsere Waffe zu sein, Albus!" All seine Emotionen in einen einzigen Satz zu gießen war keine einfache Aufgabe, schon gar nicht für einen Mann wie Remus Lupin, der nach dem scheinbaren Verlust aller seiner Freunde gelernt hatte, sie tief in seinem Inneren zu verschließen und der Welt als freundlicher, aber distanzierter Werwolf gegenüber zu treten.
"Harry..." Dumbledore seufzte, der kalkulierende Ausdruck vergessen. Wieder einmal zeigte sich sein wahres Alter, als der schneeweiße Bart aus seinem Platz im Gürtel des Schulleiters von Hogwarts rutschte und beinahe in seinem Tee landete. "Remus, wenn er dir von der Prophezeiung erzählt hat, dann weißt du sicher, dass er genau das ist: unsere einzige Chance, Tom Riddle endgültig auszuschalten. Ich werde sehen, was ich tun kann... aber er soll sich nicht in Gefahr bringen. Wir müssen ihn genau beobachten- die Ereignisse vom letzten Juni dürfen sich nicht wiederholen!"
Remus glaubte, dass er etwas entweder falsch verstanden oder überhört hatte. Wollte Albus Dumbledore etwas wirklich Harrys Forderung erfüllen? Plante der alte Mann etwa wirklich, das Leben des Jungen noch mehr zu überwachen und zu kontrollieren als er es ohnehin schon getan hatte? Das konnte einfach nicht sein- Albus Dumbledore war nicht so manipulativ! Er würde Harry nicht mit der einen Hand Freiheit versprechen und ihn mit der anderen Hand an eine kurze Leine legen- er war Dumbledore!
"Aber... Harry sollte sich wirklich selbst verteidigen können, so gut es geht! Wir befürchten schon seit Tagen, dass Voldemort..." Dumbledore schnitt Remus mit einer müden Handbewegung das Wort ab.
"Ich weiß, dass Voldemort angeblich eine Attacke auf den Ligusterweg planen soll- aber wir brauchen in diesen Tagen die Unterstützung des Ministeriums dringend, und wenn ich mit einer so außergewöhnlichen Forderung wie der Aufhebung des Beschränkungsgebotes komme, dann könnte das dazu führen, dass Minister Fudge dem Kampf gegen Voldemort wieder den Rücken kehrt und dem Orden wichtige Ressourcen fehlen. Es tut mir leid, Remus." Obwohl Dumbledore aufrichtig besorgt und traurig aussah, hatte Remus doch Zweifel daran, dass er wirklich so fühlte. Es war, wie Harry gesagt hatte- er war eine Waffe, ein Mittel zum Zweck, nichts weiter.
"Kann ich Harry wenigstens Bücher besorgen, so dass er lernen kann?" fragte der Werwolf müde. Dumbledore nickte.
"So viele, wie Harry nur lesen kann. Am besten, du hilfst ihm auch bei der Auswahl der Dinge, die er im nächsten Jahr seiner Studiengruppe beibringen sollte- je besser die Schüler auf den Kampf vorbereitet sind, desto weniger Opfer müssen wir später beklagen."
Als er wenig später von einer Nebenstraße des Grimmauldplatz hinüber in die Winkelgasse apparierte, hatte Remus noch immer nicht verarbeitet, was er im Gespräch mit Dumbledore erfahren hatte. Wie konnte der freundliche Schulleiter, der ihm, dem Ausgestoßenen mit dem Stigma der Lycanthropie ein relativ normales und produktives Leben als voll ausgebildeter Zauberer ermöglicht hatte, nur so kalt und berechnend gegenüber einem Schüler, der seine Hilfe mehr als alles andere benötigte und dem alten Mann mehr als allen anderen vertraut hatte? Seine Gedanken überschlugen sich- sicher lag irgendwo ein Fehler vor, wahrscheinlich hatte Severus Snape Dumbledore Insiderinformationen gegeben, die der Rest des Ordens nicht hatte und Harry würde auch diesen Sommer nicht in Gefahr sein. Das musste es sein- Dumbledore wollte nicht sinnlos Energie verschwenden an ein Projekt, das nicht unmittelbar gegen die Bedrohung durch den Dunklen Lord wirkte.
Er grüßte abwesend den alten Barkeeper Tom im Tropfenden Kessel, dann ließ er sich von der nervösen, eilig dahinhastenden Menge durch die Winkelgasse treiben. Bevor er wieder zu Harry zurückkehrte würde er einmal Flourish&Blotts und ein paar weniger prestigeträchtigen Buchläden in der Nokturngasse einen Besuch abstatten- wenn sein Leben in Gefahr war würde Harry sicher nicht zweimal über den Bruch eines so minderen Gesetzes wie das zur Beschränkung der Zauberei Minderjähriger nachdenken.
*~*
In seinem Zimmer war es seit Beginn der Sommerferien noch voller geworden- nun lagen nicht mehr nur Dudleys alte, zerbrochene Spielsachen auf dem Fußboden, nein, auch Harrys unzählige Pergamentbögen, die mit seiner kleinen, unleserlichen Schrift bedeckt waren, bevölkerten jeden freien Quadratzentimeter. Er hatte in den letzten acht Tagen einen großen Teil aller UTZ- Ferienarbeiten in den Fächern, die ihn interessierten und die er für ein Leben als Auror brauchen würde, fertiggestellt, auch wenn er sich nur auf seine Lehrbücher und seine- zugegebenermaßen spartanisch gehaltenen- Notizen aus dem letzten Schuljahr stützen konnte, was Referenzen betraf. Remus hatte er seit dem ersten Tag nicht mehr gesehen, der Werwolf schien wie vom Erdboden verschlungen zu sein. Mit Dudley hingegen hatte er eine Art Waffenstillstand ausgearbeitet- solange er seinem Cousin nicht in die Quere kam und ihm ab und zu mit seinem Boxtraining half, trainierte Dudley ihn in Fitness. Schon eine Woche nach Beginn seiner Übungen konnte Harry, wenn auch mit Mühe, volle fünf Kilometer in einem gemütlichen Tempo joggen, und er fühlte sich auch nicht mehr jedes Mal als hätte er seine Schultern ausgerenkt wenn er von Dudleys Fitnessclub zurückkam. Selbst Dudleys Boxtrainer hatte den schwarzhaarigen, überschlanken Jungen bemerkt und ihn gefragt, ob er eventuell an einer Karriere im Leichtgewichtboxen interessiert wäre.
An diesem Punkt hatte Harry jedoch die Grenze gezogen. So viel es ihm auch wert war, physisch fit zu sein konnte er sich doch nicht vorstellen, etwas, das seiner Meinung nach nur eine ritualisierte Form von Dudleys früheren Schulhofspielchen war, als Sport zu betreiben und er hatte dankend abgelehnt. Der Trainer war enttäuscht gewesen- Harrys exzellente, Quidditch-geschulte Reflexe hatten ihn sehr interessiert. Angeblich hätte er sehr gut sein können- aber was Sport anging, hielt sich Harry dann doch lieber an die Art, die auf Besen stattfand, auch wenn es nicht wusste, ob sein lebenslanges Quidditch-Verbot aufgehoben werden würde oder nicht. Er hoffte es jedenfalls.
An diesem Tag war nun endlich die Wende eingetreten- Professor Lupin- [i]Remus[/i], wie er Harry gebeten hatte, ihn zu nennen- war kurz vor dem Mittagessen mit drei sehr schwer aussehenden Plastik-Einkaustaschen aus dem Supermarkt um die Ecke vorbeigekommen und hatte Harry seine neuen Beschäftigungsmöglichkeiten gezeigt- geschrumpfte Bücher über Bücher, über Auror-Training, über Okklumentik, über Meditation, über Verteidigung gegen die Dunklen Künste, über Zaubertränke (von diesen Büchern waren einige so obskur, dass Harry sich sicher war, dass sogar Severus Snape, sein ungeliebter Lehrer, sich die Finger danach lecken würde), über Verwandlung (und ihre Anwendung in Duellen)- und über Geschichte. Gegen Letztere hatte er zunächst protestiert, bis Remus angedeutet hatte, dass er in der Geschichte vielleicht einen Hinweis darauf finden konnte, wie er Voldemort endgültig vernichten konnte, da weder Harry noch Remus sicher ware, dass der schlangenhafte Dunkle Lord von einem einfachen Avada Kedavra getötet werden würde. Dass er nicht würde üben können hatte Harry sehr verärgert, und er hatte die Zähne fest zusammenbeißen müssen, um nicht etwas sehr Unschickliches über Dumbledore und seine Manipulationen zu sagen. Seine Waffe war ihm wohl doch nicht wertvoll genug, dass er die Kontrolle über sie aufgeben wollte. Remus hatte ein paar Minuten mit einem ähnlich verbissenen Gesicht dagesessen, hatte dann jedoch Harry auf die Schulter geklopft und ihn daran erinnert, dass er wenigstens theoretisch besser werden konnte. Harry hatte seinen ehemaligen Lehrer ungläubig angesehen bis er das belustigte Funkeln in seinen bernsteinfarbenen Augen sah, und dann hatten die beiden eine ganze Minute lang hysterisch gelacht, bis Remus mit seinen Erklärungen zu den einzelnen Büchern fortfahren konnte.
Tante Petunia hatte Remus schließlich verscheucht- sie war so lange mit einem Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen, hinter den beiden Zauberern in der Küche herumgeschlichen bis Remus eingesehen hatte, dass er die Zeit, in der er willkommen gewesen war, schon längst überschritten hatte. Vorher hatte der Werwolf Harry jedoch noch etwas Wichtiges mitgeteilt- er hatte alle seine Bücher so präpariert, dass sie bei seiner Berührung entschrumpft wurden und dass sie für Muggel wie ganz normale Muggelbücher aussahen.
"Dudley würde sowieso nie ein Buch anfassen," lachte Harry, dem Remus' Besuch sichtlich gutgetan hatte. Mit seinen Bewachern in ihren Tarnumhängen und Desillusionierungszaubern konnte und sollte er schließlich nicht sprechen.
"Darum geht es nicht- du kannst im Freien lesen, Harry! Du bist zu bleich!" Auch Remus war ein wenig fröhlicher. Dass er Harry helfen konnte half ihm, seinen eigenen Kummer für eine kurze Zeit zu vergessen.
"Tolle Idee! Danke, Remus!" Harry umarmte den älteren und- zu seiner insgeheimen Freude endlich- wenige Zentimeter kleineren Zauberer unbeholfen.
"Gern geschehen, Harry." Und damit war Remus die Straße heruntergetrottet und hinter den Anti-Apparationszaubern mit einer leiseren Wiedergabe der Fehlzündung eines Motorrades einfach verschwunden.
Harry hatte den Tag damit verbracht, seine neuen Bücher zu entschrumpfen und entlang der Wände in seinem Zimmer anzuordnen- die Regale waren von Dudleys alten Sachen belegt. Dudley hatte ein-, zweimal den Kopf durch die Tür gesteckt und seinen Cousin beobachtet, hatte jedoch verächtlich den Mund verzogen als er sah, dass Harry nur schwere, ledergebundene Ausgaben von 'Moby Dick', 'Shakespeares gesammelte Werke' oder 'Lederstrumpf' stapelte.
"Ich geh dann jetzt," kündigte er bei seinem dritten Besuch lauthals an, und Harry schnappte schnell seine alten, schlabbrigen Trainingshosen (ehemals Dudleys Shorts) und ein frisches T-Shirt, stopfte sie in Dudleys alten Trainingsbeutel (mit einer Mickeymaus als Schließe) und hastete hinter seinem Cousin her.
Der Club war nicht weit entfernt- ein Glück für Harry, denn er durfte nicht mehr als knapp zwei Kilometer vom Ligusterweg weggehen, da sonst sein Schutz erlöschen würde, wie Dumbledore ihm in einem Brief mitgeteilt hatte. Dudley wurde sofort von seinem Trainer, der Harry einen verärgerten und wütenden Blick zuwarf, in Beschlag genommen, und Harry hatte wieder einmal Zeit, sich alleine zu beschäftigen. Statt sich die Zeit mit Boxen zu vertreiben machte er die Übungen auf den Geräten, die Dudley ihm gezeigt hatte und die seine Bauch-, Rücken- und Armmuskultur stärken würden und stürzte sich dann, solange sein Cousin im Ring beim Sparring war, in seine Bücher. Er hatte sich für den Anfang eines der Werke über Auroren mitgenommen, weil er endlich wissen wollte, wie sein späterer Arbeitsalltag aussehen würde- er würde nämlich Auror werden, da war er sich sicher- er hatte einen Dunklen Lord zu besiegen, und das konnte er nur mit dieser Art von Training.
So interessant wie seine Lektüre auch war- er hatte keine Ahnung gehabt, dass die Auroren etwas wie eine Kreuzung zwischen der GSG9 und der regulären Polizei waren- hatte Harry doch immer seine Umgebung im Auge. Er wusste, dass seine Wachen ihm auch hierher folgten, es war ihm schließlich unmißverständlich klargemacht worden, dass er keinen Schritt tun würde ohne den Schutz eines Ordensmitglieds. Er haßte es, das Gefühl, dass jemand ihm andauernd über die Schultern sah, bei allem was er tat, aber selbst Harry war nicht impulsiv oder verblendet genug als dass er sich diesem Schutz wissentlich entziehen würde. Es war für ihn nicht angenehm, aber er hatte schließlich an seine Rolle als Wafee zu denken, und die Waffe würde niemandem mehr etwas nützen, wenn sie in den Händen von Voldemort war.
"Kommst du?" Dudleys Stimme, heiser und erschöpft von einem anstrengenden Training, riss Harry aus seiner Konzentration. Er nickte, steckte das Buch (Spezialisten für Spezialfälle- das Leben als Auror), das für die Welt wie eine englische Ausgabe von Schillers 'Kabale und Liebe' aussah, in seine Sporttasche und begleitete Dudley wieder zurück zum Ligusterweg Nr.4. >Mein Privatgefängnis,< dachte er, als er über den Fußabtreter hinweg in Tante Petunias klinisch reine Diele trat, >aber wenigstens ist die Unterhaltung dieses Jahr besser.<
Später am Abend, nachdem er Briefe an den Orden und seine Freunde geschickt hatte, die wenig mehr als die Worte "Ich bin in Ordnung, hoffentlich bis bald, Harry" enthielten und das Buch über das Auror-Leben gegen eines über Meditation eingetauscht hatte (Dumbledore hatte ihn darauf hingewiesen, dass ihm das bei seinem Okklumentik-Training helfen würde) geschah etwas, das er seit Juni mit Grauen erwartet hatte: seine Narbe explodierte fast vor Schmerzen. Voldemort war sehr, sehr glücklich über etwas. Er hatte etwas...gefunden, das verhindern würde, dass er ein weiteres Fiasko wie im Ministerium erleben würde. Harry konzentrierte sich mit aller Macht darauf, das Brennen in seinem Gehirn auszuschalten. Voldemort durfte nicht merken, dass er schon wieder Signale von ihm bekam.
Wie lange die Attacke gedauert hatte wusste Harry erst, als er schweißgebadet und mit im Rhythmus seines Herzens hämmerndem Kopf auf dem Fußboden ausgestreckt auf Dudleys alte Kinderuhr, die er mit einer Batterie aus einem der ferngesteuerten Flugzeuge wieder zum Laufen gebracht hatte, sah und bemerkte, dass es schon weit nach Mitternacht war. Müde und mit schmerzeneden Gliedern schleppte er sich zum Schreibtisch. Er hatte Remus Lupin und den anderen Ordensmitgliedern versprochen, ihnen mitzuteilen wenn sich der Dunkle Lord rührte. Der einzige Vorteil, den seine Verbindung zu Voldemort hatte, war schließlich, dass er manchmal Dinge herausfinden konnte, die selbst Severus Snape, der Spion im Inneren Zirkel des bösen Zauberers nich wusste. So schnappte er also Feder und Pergament und kritzelte einen kurzen Bericht.
Remus-
hatte soeben eine Vision. Voldemort ist sehr zufrieden. Er hatte seine Todesser auf die Suche nach etwas geschickt, das ihm mehr Kraft geben wird. Sie haben eine Spur gefunden. Wenn Voldemort es in die Hände bekommt, wird noch stärker werden.
Snape weiß nichts.
Harry
Sein Brief klang in seinen eigenen Ohren unbeholfen, aber er war zu müde, um etwas daran zu ändern. Er legte das kleine Stück Pergament gut sichtbar auf die Schreibtischplatte, damit Hedwig es fand wenn sie von der Jagd zurückkehrte und warf sich auf sein Bett. Eigentlich wollte er nichts lieber als sofort in tiefem, traumlosem Schlummer zu versinken, aber Remus hatte in all seinen Briefen betont, wie wichtig es war, dass Harry seinen Geist vor dem Einschlafen leerte. Und Harry wollte nicht, dass noch einmal jemand seinetwegen starb.
So konzentrierte er sich also darauf, den Zustand herzustellen, den ihm seine Tante Petunia beschrieben hatte. Da er zu Beginn der Sommerferien noch immer kaum eine Vorstellung davon gehabt hatte, wie er seinen Geist verschließen sollte, hatte er sie nervös angesprochen und gefragt, was sie tun würde, wenn man sie bitten würde, ihren Geist zu leeren. Zu seiner Überraschung hatte Tante Petunia ihn sogar ernst genommen.
"Nun, ich würde mir eine weiße Wand vorstellen, die all meine Gedanken einschließt, aber erst, nachdem ich sie durchgedacht habe- sie sollen mich ja schließlich nicht ablenken. Ich schätze, ich würde die Wand so wie eine Kinoleinwand sehen, und wenn der ganze Tag vorbeigelaufen ist, dann sehe ich nur noch die weiße Leinwand. (1) " Harry musste wohl ausgesehen haben als hätte er vor, demnächst einem gestrandeten Goldfisch Konkurrenz im Nach-Luft-Schnappen zu machen, denn Tante Petunia hatte elaboriert.
"Als wir... ich... dich damals vor unserer Hautür gefunden habe, bin ich durch eine Stressperiode gegangen. Meine Freundin hat mir geraten, diesen Doktor aufzusuchen, und der hat mir von dieser Technik erzählt. Ist nicht so einfach, wie es sich anhört."
Das war richtig- selbst mit seinem Basis-Training in Okklumentik streunten Harrys Gedanken immer noch davon, bevor er sie auf seine weiße Wand projizieren konnte, und während er sie verfolgte, war er verletzlich. Nach ein paar Tagen hatte er es jedoch geschafft: mit nur zwanzig Minuten dieser 'Meditation' waren die Erinnerungen des Tages sicher hinter einer weißen Wand verstaut. Von da an hatte er sich daran gemacht, sein Leben zu katalogisieren, all seine Erinnerungen durchzudenken und hinter verschieden starken 'Wänden' zu verstecken, denn schließlich hatte Dumbledore ihm gesagt, dass ein wirklich guter Okklumens selektiv Erinnerungen freigeben oder verbergen konnte. Damit hatte er jedoch gar keinen Erfolg gehabt, weil er sich weigerte, an all die Sirius-bezogenen Erinnerungen zu rühren, und so war er wieder dazu übergegangen, nur den Tag zu ordnen.
Die weiße Wand erhob sich vor seinen Augen. Harry lag mit offenen Augen auf dem Rücken und starrte auf die vorbeirasenden Bilder. Ein paar von ihnen waren nicht seine Erinnerungen- ein paar von ihnen waren Bilder, die er durch die Augen eines anderen gesehen hatte. Harry achtete darauf, diese besonders sorgfältig wegzuschließen- er arbeitete gerade daran, verschieden starke Wände zu bauen, und diese wenigen, kurzen Impressionen aus Voldemorts Versteck kamen hinter die stärkste, die er schaffte. Schließlich wollte er nicht, dass der Dunkle Lord herausfand, dass Harry gesehen hatte dass er etwas Kreisförmiges suchte.
Als dann endlich nichts außer der weißen Wand übrig geblieben war entspannte Harry sich. Es war spät geworden, und er wollte versuchen, wenigstens an diesem Tag mehr als vier Stunden Schlaf zu finden. Trotz seiner Okklumentik-Studien litt er nämlich an Alpträumen, alle hausgemacht und verursacht durch seine eigene Dummheit. Er erwachte mehr als einmal pro Nacht schweißgebadet und mit wilden Augen weil er sich vorgestellt hatte, dass Bellatrix Lestrange, die Todesserin deren Fluch Sirius durch den Schleier katapultiert hatte... er schluckte. Da war der Name wieder, der Name dessen, von dem er nicht glaubte, dass er tot war.
>Siehst du? Du kannst nicht einmal an seinen Namen denken, Mörder. Du solltest eigentlich keine Probleme damit haben, Voldemort zu töten nachdem du deinen eigenen Paten umgebracht hast. Mörder!<
>Nein! Ich... Sirius ist nur durch einen Schleier gefallen. Er ist nicht tot!<
"Er ist tot... und ich bin ein Mörder," endete er die Diskussion mit sich selbst dumpf. Seine Stimme hallte in der Einsamkeit der Nacht von den leeren weißen Wänden wider. Er fühlte sich alt, leer, als hätte er ein Lebensalter hinter sich gebracht und das Wissen, dass er noch weiter leben musste, in sich. Seine Hände verkrampften sich ineinander.
"Wie soll ich es nur schaffen ganz alleine? Wie, Sirius? Warum bist du mir gefolgt? Warum sind die anderen mir gefolgt? Ich habe sie beinahe in den Tod geführt, und dich habe ich getötet," wisperte der fast-Sechzehnjährige tonlos. Sein Gesicht war versteinert, nicht eine Träne löste sich aus den harten, grünen Augen die eher Jade als Smaragden glichen. Jedes Leben wich aus seinen Zügen als die harte Wirklichkeit ihm grausam ins Gesicht starrte. "Ich... ich habe sie beinahe getötet..."
Seine besten Freunde- Hermine, Ron. Die Mitglieder der DA. Neville, Luna. Ginny, die kleine Schwester, die nicht mehr so klein war. Und sie alle waren beinahe gestorben, weil er Harry Potter war und weil er einen Heldenkomplex hatte und weil er sich nicht unter Kontrolle hatte.
In dieser Nacht fand Harry keinen Schlaf. All seine Entschlossenheit, sein Enthusiasmus, sein Bedürfnis, Voldemort endgültig von der Erdoberfläche verschwinden zu sehen zerbrach in kleine Stücke angesichts der unbarmherzig weißen Zimmerdecke, die seine Fehler zu ihm reflektierte.
Als der Morgen graute raffte Harry sich auf und schlurfte quer durch sein kleines, vollgestopftes Zimmer zu seiner Truhe. Unter all den Kleidern , den Pergamentbögen, den Büchern und anderem Kleinkram fander etwas, das er nicht gewagt hatte anzufassen seit er es zerbrochen hatte. Die Bruchstücke des Zweiwegespiegels, kleine und große Scherben, von denen jede ein müdes, trauriges, schmales Gesicht mit übergroßen grünen Augen, die eulenhaft hinter runden Brillengläsern hervorblinzelten, zeigte.
Harry, dessen Leben momentan in genau solchen Scherben vor ihm lag, hatte das unwiderstehliche Bedürfnis gepackt, wenigstens etwas zu reparieren. Wenigstens eine Sache sollte wieder ganz sein- eine Botschaft an ihn selbst, dass nicht alles vergebens war, dass er seine Arbeit tun konnte, dass er eines Tages ein Leben leben würde, das nicht fremdbestimmt war.
"Reparo," wisperte er, seine Hand über den Scherben und dem angelaufenen Silberrahmen ausgestreckt. Nichts rührte sich.
"Reparo!" Eindringlicher, mit mehr Kraft in der Stimme. Nichts.
"REPARO!" Fast ein Schluchzen. Nichts. Er ließ die Hand sinken, verbarg das Gesicht in den Armen, kauerte auf dem Boden, ein für seine sechzehn Jahre zu alt aussehender, dürrer Junge mit knubbeligen Knien und einer Gabe, die sein Segen und Fluch zugleich war.
"Nichts wird wieder so sein wie früher- aber ich werde diesen Spiegel reparieren." Eiskalt, gefühlslos wandte sich Harry von seiner Truhe ab und zog das letzte Buch, das er abends gelesen hatte, hervor. Er hatte darin eine Passage über Zauberei ohne Zauberstab entdeckt, und er war fest entschlossen, das Spiegel-Dilemma zu meistern.
"'Zauberstablose Zauberei- Mythos und Realität'," las er laut. Das war das gesuchte Kapitel. "'Während die meisten Zauberer außer dem zauberstablosen Apparationszauber Appareo keinen anderen meistern ist es doch möglich, zumindest einfache Zauber ohne die Hilfe eines Zauberstabes auszuführen. Die erforderliche Konzentration und Zauberkraft ist jedoch ungleich größer. Die Autoren empfehlen, zauberstablose Zauberei nur in Notfällen einzusetzen. Um zu beginnen...'" Harry überflog die nächste Passage. Anscheinend sollte man zunächst, wie beim Studium der Okklumentik, seinen Geist leeren, dann seine Zauberkraft mit Hilfe eines Mantras (er gab es nicht gerne zu, aber er musste das Wort nachschlagen) konzentrieren und dann genau wie beim Zaubern mit Zauberstab vorgehen, die Hand über das Objekt halten, sich auf das gewünschte Ergebnis konzentrieren und es visualisieren. Erfolg nicht garantiert.
Als Dudley um halb sechs Harrys Zimmertür aufriss saß sein Cousin mit zufriedenem, wenn auch müdem Gesicht vor einem schlichten, alten silbernen Spiegel, der auf seinen gekreuzten Knöcheln lag. "Guten Morgen, Dudley," blinzelte Harry.
Die morgendliche Joggingrunde war an diesem Tag ein Desaster, Harry war zu müde, um mehr als einen Schritt vorauszusehen und stolperte die ganze Zeit. Dudley sah ihn verärgert an und boxte ihn sogar zum ersten Mal seit ihrem ersten Lauf zusammen in die Seite, als seine Augen wieder einmal zufielen.
"Mein Trainer fragt immer noch nach dir," begann Dudley plötzlich, "sagt, er hat noch nie jemanden mit solchen Reflexen gesehen." Harry reagierte nicht, die Worte seines Cousins hatte er nicht wirklich registriert. Sein erster zauberstabloser Zauberversuch hatte ihn nahe an den Rand des Kollapses getrieben, und nur, weil Dudley ihn förmlich aus dem Haus gezerrt hatte war er überhaupt auf den Beinen. Reparo war wohl doch ein wenig zu schwer für den ersten Versuch gewesen.
>Aber es hat geklappt,< dachte Harry triumphierend.
"Hey, Freak, hörst du mir nicht zu? Ich hab gefragt ob du heute abend Boxen ausprobierst!" Harry schüttelte nur den Kopf.
"Nein, ich bleib heute im Haus. Fühle mich nicht gut." Sein Körper bestätigte diese Ansicht- er fühlte sich wirklich nicht gut. Seine weißen Wände waren so nah gerückt, dass sie ihn zu ersticken drohten.
"Harry!" Die besorgte Stimme eines Mannes... Kingsley Shacklebolt, der Auror, der ihn heute bewachen musste.
"Was ist mit ihm?" Dudley.
"Keine Ahnung, aber er hat seine Zauberkraft fast erschöpft- wie er das getan hat, ohne dass das Ministerium oder wir es gemerkt haben weiß ich nicht." Er wurde hochgehoben, wiegende Bewegungen... er konnte sich keinen Reim auf die wenigen Reize machen, die zu ihm durchdrangen.
"Was machen Sie da mit dem Freak? Lassen Sie das! Ich bin Boxer und..." versuchte Dudley ihn zu verteidigen?
"Ich bringe ihn nur nach Hause." Hätte er es gekonnt, Harry hätte bitter gelacht. Nach Hause- der Ligusterweg war nicht sein Zuhause, sein Zuhause war Hogwarts.
"Er war heute Morgen schon so komisch." Wieder Dudley. Die Welt schwamm langsam wieder aus dem weißen Meer hervor. Harry konzentrierte sich auf die verschwommenen Schatten. Wer hatte seine Brille genommen?
"Harry?" "Freak?" Dudley und Shacklebolt simultan. Harry konzentrierte sich weiter. Etwas... Shacklebolts Haare... kitzelte seine Wange. Hatte Shacklebolt ihn über seine Schulter geschwungen? Wahrscheinlich.
"Harry, komm zurück!" Shacklebolt klang besorgt.
"Wohin?" schaffte er es zu krächzen. Er war so müde...
"Du- Dudley, nicht?- sprich mit ihm. Ich... muss schnell jemanden rufen." Harry wurde abgesetzt, und endlich klärte sich seine Sicht. Kingsley Shacklebolt zog einen kleinen Spiegel, nicht unähnlich dem, den Harry repariert hatte, aus der Tasche seiner Muggel-Jeans. Unter dem Tarnumhang waren die Ordensmitglieder also wie Muggel gekleidet.
"Nicht nötig, ich bin in Ordnung, nur müde. Habe heute Nacht nicht geschlafen. Voldemort," stieß Harry hervor. Shacklebolt sah ihn misstrauisch an.
"Wirklich?" fragte er. Harry nickte.
"Dudley hat mich im Sitzen gefunden. Habe Okklumentik..." er brach ab und gähnte.
"Kannst du aufstehen und nach Hause laufen?" fragte Shacklebolt. Harry nickte wieder, auch wenn er sich nicht sicher war.
"Sorry, Dudley, aber du musst deine Runde alleine machen," grinste er und stand langsam auf, "ich geh schlafen." Gestützt auf Kingsley Shacklebolt erreichte er den Ligusterweg,
"Wenn du nur nicht geschlafen hast, warum ist dann deine Zauberkraft so erschöpft?" fragte der Auror an der Tür. Harry zuckte mit den Schultern.
"Okklumentik, schätze ich." Und es war noch nicht einmal eine Lüge- Okklumentik half mit zauberstabloser Zauberei und diese mit Okklumentik.
"Schlaf dann... und Madam Pomfrey schickt dir heute Abend wahrscheinlich einen Restorationstrank mit Tonks." Shacklebolts Mißtrauen war also noch nicht beseitigt. Nun, das war nicht Harrys Problem. Er würde den Trank trinken, und in Zukunft einfach keine solchen Fehler mehr machen. Langsamer beginnen. Mit Wingardium Leviosa vielleicht. Aber jetzt würde er sich erst einmal ausruhen.
"Danke, Mr. Shacklebolt," sagte er.
Shacklebolt nickte ihm zu. "Bis dann."
Harry schlief schon fast und antwortete nicht mehr, hielt sich stattdessen am Treppengeländer fest und schleppte sich in sein Zimmer. >Das Gute ist- so müde wie ich bin brauche ich keine Okklumentik,< war das Letzte, was er dachte.
Die folgenden Tage vergingen wie im Flug. Harry trainierte weiter mit Dudley, der seit der Beinahe-Katastrophe im Park nicht mehr darauf drängte, dass Harry boxen lernte, las weiter seine Bücher, übte sich in Okklumentik und erstellte eine lange Liste von Flüchen und Verhexungen, die er ausprobieren wollte, sobald er wieder in Hogwarts war. Seine Hoffnungen und Ängste begrub er tief hinter den dicksten weißen Wänden, die er sich vorstellen konnte- er wollte keine Wiederholung der grauenvollen Nacht. Die Briefe an den Orden und seine Freunde blieben weiterhin knapp, auch wenn er paar Worte über seine neuen Beschäftigungen verlor. Ron antwortete prompt mit der Anschuldigung, er verwandle sich in Hermine und Hermine antwortete mit einer ellenlangen Epistel die damit endete, dass sie froh war, dass Harry endlich eingesehen hatte, dass es etwas brachte, seine Hausaufgaben frühzeitig zu erledigen. Dumbledore antwortete nicht auf seinen Brief- vielleicht waren die Neuigkeiten, die Harry herausgefunden hatte, doch nicht wichtig, oder sie waren keine Neuigkeiten mehr. Der Schulleiter hatte ihm jedenfalls versprochen, dass er keine Geheimnisse mehr vor ihm haben würde, und für den Moment vertraute Harry ihm noch.
Seine Narbe hatte ihn noch einige Male gezwickt, aber er hatte nicht weiter darauf geachtet, hatte stattdessen mit einer neuen Technik, die er aus einem seiner Bücher hatte, an seiner Okklumentik gearbeitet. Wie seltsam- seit Voldemort seinen Körper in Besitz genommen hatte und er ein Gefangener seines eigenen Geistes gewesen war war es einfacher geworden, sich die obskuren Techniken anzueignen. Schade nur, dass er Legilimentik nicht erlernen konnte- in keinem seiner Bücher gab es eine Anleitung, und Harry wusste es besser als dass er glaubte, einfach nur seinen Zauberstab auf jemanden richten zu können und Legilimens! sagen zu können woraufhin dessen tiefste Geheimnisse enthüllt wurden. Nein, es gab da noch ein Geheimnis...
>Dumbledore wird es dich nicht lernen lassen. Du könntest in Voldemorts Gedanken eindringen. Das wäre zu gefährlich,< er verzog das Gesicht. Dumbledore würde ihm nicht mehr lange Grenzen setzen können.Legilimentik war jedoch nicht, was er gerade studierte- er las zum wiederholten Mal die Passage über zauberstablose Zauberei in 'Geist und Materie- eine Anleitung zur Meditation und ihr Nutzen für den praktischen Zauberer'. Leider fand sich nichts Neues, außer dass zauberstablose Zauberei angeblich mit häufigerem Gebrauch einfacher wurde.
>Dumbledore kann recht viele Zaubersprüche ohne seinen Zauberstab ausführen,< erinnerte sich Harry. Der Rektor von Hogwarts hatte keine Probleme damit, die Tische und Stühle mit einem Händeklatschen entlang der Wände zu stapeln. Harry war sich beinahe sicher, dass er das auch konnte, mit einem Stuhl wenigstens. Und wenn schon nicht den Verbannungszauber dann doch einen Aufrufezauber. Accio war schließlich seit dem Trimagischen Turnier eine seine Spezialitäten. Er war jedoch nicht dumm genug, nach dem Fiasko des ersten Males so schnell wieder in die Praxis der zauberstablosen Zauberei einzusteigen. Das würde warten müssen, bis Gras über die Sache gewachsen war- Tonks hatte ihm erzählt, dass Madam Pomfrey kurz davor gewesen war, ihm einen Heuler zu schicken weil er sie selbst in seinen Ferien heimsuchte. Nur die Tatsache, dass seine Nachbarn Muggel waren, hatte ihn davor bewahrt. Tonks war nicht so einfach davongekommen- ihr hatte die Schulkrankenschwester zehn Minuten lang eingeschärft, darauf zu achten dass "Mr Potter nicht wieder solche Dummheiten macht." Selbst die unbekümmerte Tonks war nach dieser Tirade ein wenig genervt und kurz angebunden gegenüber Harry gewesen.
Harry klappte sein Buch ('Die 2000 wichtigsten Zaubertränke' von Michael Meschgut) zu und begann damit, den Tag zu rekapitulieren. Es war schon spät, und es hatte keinen Sinn, es weiter hinauszuzögern. Der nächste Tag würde die Verlesung von Sirius' Testament bringen, ob er wollte oder nicht. Seufzend verschränkte er die Hände hinter dem Kopf. Die weißen Wände füllten sich mit Bildern, und schneller als es ihm lieb war war er ein Besucher in Morpheus' Reich.
|