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Harry Potter und die Zweite Prophezeiung

Disclaimer: Harry Potter ist Eigentum J.K. Rowlings und verschiedener Publizisten einschlie�lich aber nicht ausschlie�lich Scholastic Books, Bloomsbury Publishing, Warner Bros. und Carlsen Verlag. Diese Geschichte will nicht in deren Rechte eingreifen, ist nur zur Unterhaltung geschrieben worden und jeder Versuch, aus ihr Profit zu schlagen steht im ausdr�cklichen Widerspruch zur Absicht der Autorin.

Kurzinfo:

Titel: Harry Potter und die Zweite Prophezeiung

Autor: starlight, aka Hoshiakari, aka Neli

Rating: PG-15

Kontakt: [email protected] (Neli), [email protected]  (Brandy)

Kurzzusammenfassung: Nach einem eher aufregenden Sommer kehrt Harry Potter nach Hogwarts zurück. Sirius' Tod belastet ihn schwer, trotzdem gibt er sein Bestes, um zu der Waffe zu werden, die Voldemort vernichten kann. Wenn da nur nicht die Zweite Prophezeiung Professor Trelawneys und der mysteriöse Talisman des Ourouboros wäre! Und was meint ein Mädchen, wenn es um Hilfe mit den Wahrsage-Hausaufgaben bittet? Harrys Jahr wird vieles werden, nur eines nicht: langweilig!

Ships: HP/GW, RW/HrG, NL/LL

"..." = sprechen

>...< = denken

*~* = Orts-/ Zeitwechsel (was, dürfte klar sein)


Harry Potter und die Zweite Prophezeiung

Kapitel 13

Das neue Gefolge des Dunklen Lords

F�r Mahia und Matua. Danke f�r eure Hilfe, ich werde euch nie vergessen!

 

Barnabas der Bekloppte versuchte auf seinem Wandbehang beharrlich, den Trollen das  Ballettanzen beizubringen, ohne auf den jungen Zauberer zu achten, der mit einem verkniffenen Gesicht und blitzenden Augen vor ihm dreimal auf und ab ging. Selbst als sich plötzlich eine Tür auftat, wo vorher keine gewesen war, zuckte der beschränkte Zauberer in seinem gewebten Portrait mit keiner Wimper. Er rannte lieber vor der Keule des Anführers der Trolle davon, der anscheinend nicht sehr angetan war von der Idee, sich in Spitzenschuhen dem Studium der doppelten Pirouette aus der Vierten Position zu widmen, die Barnabas gerade demonstriert hatte. Bis der Zauberer und seine unwilligen, ungeschlachten Schüler wieder an ihrem Ausgangspunkt angekommen waren, waren sowohl der Zauberer als auch die Tür verschwunden. Nicht, daß dies die Portraitierten auch nur im Geringsten interessiert hätte.

Hinter der wieder unsichtbar gewordenen Tür jedoch war die Stimmung kaum besser als in jenem denkwürdigen Zeugnis einer wagemutigen, aber zum Scheitern verurteilten Idee. Harry mochte, in der Zeit vor Weihnachten, Einsamkeit und Traurigkeit verspüren, momentan jedoch überwog der Zorn. Zorn auf eine Seherin, die genau zwei zutreffende Prophezeiungen in ihrem Leben gemacht hatte, die beide sein Leben bestimmt hatten und immer noch bestimmten. Zorn auf einen alten Mann, dessen Manipulationen ihm seine Kindheit gekostet hatte und den er noch nicht einmal dafür hassen konnte, weil er ihm gegenüber zuviel Dankbarkeit und Zuneigung empfand.

Vor allem aber Zorn auf ein gewisses Halbblut, das nicht nur mit seiner Egomanie und rassistischen Einstellung eine ganze Welt bedrohte und in den Untergang stürzen wollte, nicht nur ein Mörder und Folterknecht erster Güte war und Harry seine Sommer zur Hölle machte (von seinem Leben ganz zu schweigen), nein, Tom Vorlost Riddle war es zu verdanken, daß Harry nun auch noch sein Weihnachtsfest opfern mußte.

"Verdammter... Sohn... eines... verdammter Riddle!" fauchte Harry und kickte den praktischerweise auftauchenden, halb flexiblen Hartgummiblock vor seinem rechten Fuß mit aller Kraft, die er aufbringen konnte.

"Was hat Tom jetzt schon wieder angestellt?" Harry fuhr herum. Da, die Ärmel bis zum Ellenbogen hochgerollt, den Zauberstab in der Hand und einen Dummie vor sich, stand Ginny Weasley. Die verschwitzten Haare fielen ihr in die Stirn und klebten an ihren Augenbrauen fest. Neben ihr versetzte Neville seinem Dummie gerade einen weiteren Schockzauber, bevor dieser wieder aufstehen konnte.

"Was... was macht ihr denn hier?" Harry war völlig baff. "Es ist doch Samstagabend. Normalerweise..."

"…bist du der Einzige, der um diese Zeit hier drin ist." vollendete Ginny Harrys angefangenen Satz. "Aber nachdem ich dich vor einer DA-Stunde mit diesen Dummies hier habe üben sehen, wollte ich es selbst einmal ausprobieren. Neville meinte, er hätte sich hier auch schon mit dir duelliert- diese Chance will ich übrigens auch noch! - und würde mitkommen, wenn ich im Raum gegen ein paar Dummies antreten will. Tja, hier sind wir." Sie zuckte mit den Schultern und ließ mit einem Gedanken ihren Gegner verschwinden. "Aber du hast meine Frage immer noch nicht beantwortet, Harry. Was hat Tom jetzt schon wieder angestellt?"

"Direkt?" Harry zog eine Augenbraue hoch. Ginny konnte nicht umhin, zu bemerken, daß er mit dieser Geste seinem Zaubertränkeprofessor ähnlicher war, als beide es je zugeben würden. "Direkt hat Tom in dieser Nacht nichts verbrochen." Wenn er lange genug darum herumredete, würden die beiden vielleicht den Hinweis verstehen, gehen und ihn in Ruhe lassen.

"Und indirekt?" fragte Neville, dem die hochgezogene Augenbraue ebenfalls nicht entgangen war. Bei Harry bedeutete das, daß er sich in Sarkasmus flüchtete, um nicht hilflos dem ausgeliefert zu sein, was er akzeptieren mußte.

 Oder auch nicht. Nun denn, sollten sie die Wahrheit erfahren, in all ihrer schmuddeligen Pracht. "Indirekt hat Mr. Riddle es geschafft, mein Weihnachtsfest zu ruinieren. Ich war im Sommer nicht lange genug bei den Dursleys, genauer gesagt, bei Tante Petunia und das heißt..." Er zuckte mit den Schultern.

"Oh nein, Harry- das meinst du doch nicht wirklich ernst. Das kann Dumbledore dir einfach nicht antun!" Ginny war voller Mitgefühl. Harry fühlte sich gefangen zwischen seiner Abneigung gegen jede Art von Bedauern und insgeheimer Freude, weil Ginny sich um ihn sorgte.

"Doch," entgegnete er bitter. "Weihnachten im Ligusterweg."

"Du... du gehst an Weihnachten zu deiner Familie nach Hause?" fragte Neville, "aber ich dachte, das tust du nie... Ich habe gehört, daß sie Zauberer nicht besonders mögen, aber das kann auch mal wieder Quatsch aus dem Tagespropheten sein. Ist schon Jahre her, daß sie das berichtet haben. Oder... ich weiß nicht, vielleicht habe ich es auch irgendwo in der Schule aufgeschnappt, du weißt schon, von Ron und den Zwillingen. Sie haben vor unserem zweiten Schuljahr ein paar wilde Geschichten erzählt."

Sein Klassenkamerad wirkte nervös und Harry erinnerte sich daran, daß Nevilles Familie auch nicht gerade die beste war. Zumindest nicht für Neville. Auch wenn sie ihn nicht physisch in einen Schrank einsperrten, tat seine Großmutter mit ihrer Dominanz doch alles, damit er sich geistig nicht aus einem kleinen, eng begrenzten Feld regen konnte. Diese Erkenntnis war es, die Harry dazu veranlaßte, auf Nevilles Frage zu antworten.

"Nicht besonders mögen ist noch untertrieben, Neville. Meine Tante und mein Onkel sind die Sorte Muggel, die sich im Mittelalter mit Freuden an jeder Hexenjagd beteiligt hätten und die uns noch ins Gesicht gelacht hätten, wenn wir auf dem Scheiterhaufen ständen."

"Aber warum sollst du dann zu ihnen gehen, wenn sie doch so gegen Magie sind?" Harry seufzte und bat den Raum um drei Sessel und einen Kamin. Es schien, als sei es an der Zeit, zumindest zwei vertrauenswürdigen Menschen einen kleinen Einblick in das Leben des 'Jungen, der Überlebte' zu geben.

"Das ist eine lange Geschichte," sagte er. Er wollte zwar nicht wirklich erzählen, warum er zurück in den Ligusterweg mußte, aber Voldemort wußte schließlich schon von den Blutzaubern und ihrem Schutz. Neville und Ginny nutzten Harrys Zögern, um den drei Sesseln noch einen kleinen Tisch und drei warme Butterbier (per Feuer aus der Küche bestellt) hinzuzufügen.

"Wir haben alle Zeit der Welt, Harry- es ist Samstag, Zapfenstreich ist erst um zehn Uhr abends für alle Fünftklässler und Älteren. Also, was ist so besonders am Ligusterweg?" Harry erzählte.

Neville und Ginny waren sehr, sehr gute Freunde. Während Harry sprach, sagten sie kein Wort, unterbrachen ihn nicht, auch wenn er von Zeit zu Zeit in eine kleine Tirade über die Dursleys und ihren Drang nach Normalität verfiel- oh, er sagte nichts Negatives, jedenfalls nicht direkt, aber seine Betonung auf ihre Normalität sagte mehr aus, als wenn er sie mit den übelsten Flüchen beschimpft hätte. Trotz ihres Schweigens folgten sie jedem seiner Worte, versuchten, aus der mitunter wutgesteuerten Flut von Informationen die wirklich wichtigen zu ziehen und waren einfach nur eine unterstützende Präsenz, während Harry seinem verzweifelten Zorn Luft machte.

"Ganz schön harter Tobak," meinte Neville am Ende seiner Erzählung. Harry hatte die erste Prophezeiung Trelawneys mit keinem Wort erwähnt, aber Cedric und Sirius' Tod waren mehrmals vorgekommen, genau wie die Gitterstäbe an den Fenstern und die Fastenkuren vergangener Jahre. Auch der Tod von Lily und James Potter hatte eine Rolle gespielt.

"Harry... ich... wir... du hast nie ein Wort gesagt," flüsterte Ginny nur. In ihrer Stimme schwang Mitleid mit, doch in ihren schimmernden, braunen Augen stand auch Bewunderung; wofür wußte Harry nicht genau.

"Ich bin froh, daß ich nicht du bin, weißt du? Selbst mit meinen Eltern und wie meine Großmutter ist, das ist immer noch besser, als mit einer so 'normalen' Familie zu leben." Harry schluckte angesichts Nevilles aufrichtigen Geständnisses.

'Wenn du wüßtest, wie dicht du dran warst, ich zu sein!' dachte er, klopfte Neville aber nur auf die Schulter. "Deine Eltern wären stolz auf dich, Neville. Seit du deinen neuen Zauberstab hast bist, du in allen Fächern viel besser geworden, und in der DA bist du einer der fünf stärksten Duellanten."

"Ich hoffe nur, daß sie es mir eines Tages selbst sagen können," gab der stämmige Sechzehnjährige zu, "ich meine, in der Zaubertrankforschung tut sich viel, und in Kombination mit diesen neuen Heil- und Nervenregenerationszaubern könnte sich vielleicht einmal eine Behandlung für... Cruciatus-Überdosis entwickeln."

"Ich bin mir sicher, daß das klappt." Ginny war optimistisch. Sie sprang auf die Füße und klatschte in die Hände. "Wißt ihr was? Nachdem das hier jetzt die große Geständnisstunde war, wie wäre es mit ein bißchen Sport? Ein Jeder-gegen-Jeden-Duell? Na?"

"Ich weiß nicht, ob das wirklich so eine gute Idee ist," warf Harry ein. Er war sich nicht sicher, ob er sich wirklich unter Kontrolle hatte, auch wenn der größte Teil seines Zorns schon verraucht war, während ihm die anderen beiden zuhörten Er hatte Angst, daß einer seiner Freunde verletzt wurde, weil es ihm nicht gelang, seine Magie zu bändigen. Er sah immer noch den aufgewühlten See und die brennenden Hochglanz-Magazine vor sich und das ließ ihn fast ebenso schaudern, wie es die Dementoren immer taten, wenn er ihnen zu nahe kam.

"Und warum nicht?" fragte Neville, der seine Zauberstabhand schon schüttelte und dehnte, um sein Handgelenk beweglich zu machen.

"Genau, warum nicht?" hakte Ginny nach.

'Weil ich niemanden verletzen will, der kein Todesser ist,' dachte Harry, aber laut sagte er: "Weil ich schon ziemlich müde bin und..."

"Ach was, das glaube ich dir nicht," sagte Ginny. "Du hast nur Angst, daß wir zu zweit ein Team gegen dich bilden und du schmählich verlierst."

"Ich... nein!" protestierte Harry gegen diese Anschuldigung.

"Dann komm schon, Harry- mit Neville hast du dich doch auch duelliert."

"Ja, und er hat mich ziemlich schnell geschlagen," meinte Neville achselzuckend. "Wahrscheinlich ist es fairer, wenn wir beide gegen ihn sind."

"Uh…" machte Harry.

"Also gut- Zwei gegen Einen. Das schaffst du  nie, Harry- der Flederpopelfluch ist nämlich auf meiner Seite!" Ginny stemmte die Hände in die Hüften und stand mit herausfordernd blitzenden braunen Augen vor dem einen halben Kopf größeren Jungen.

"Umm... okay," gab Harry endlich nach.

"Prima!" Ginny klatschte in die Hände. Wie auf Kommando veränderte sich der Raum der Erfordernis.

Eine traditionelle Duell-Plattform in der Form einer Planche(1), wie sie beim Fechten der Muggel verwendet wurde und wie sie in Harrys zweitem Schuljahr in der ersten und einzigen Sitzung des Duellierclubs aufgebaut worden war, zog sich quer durch einen länglichen Raum. Ein mit Monden und Sternen dekoriertes Brett an der Breitseite des Raumes schien als magischer Punktezähler zu dienen. Auf der Planche zeigten zwei dicke, rote Streifen an, wo sich die Kontrahenten aufzustellen hatten- anscheinend war die 10-Schritte-Regel nicht mehr in Gebrauch. Eine alte Feuerwehr- Alarmglocke, die über der Plattform schwebte, würde anzeigen, wann das Duell begann.

Insgesamt war es eine einfachere Umgebung, als Harry sie sich gewünscht hätte. Er hatte in seinen Übungen meistens darauf geachtet, daß der Raum eine Situation aus dem realen Leben nachstellte, mit Hindernissen, Unbeteiligten, versteckten Gegnern, aber auch Schlupflöchern und Gegenständen, die er als Schild benutzen konnte. Eine derart offene Duellplattform machte ihn nervöser, als es ihm lieb war.

"Na, Angst, Potter?" fragte Ginny in einer perfekten Imitation des Frettchens-das-sich-als-Mensch-ausgibt. Harry grinste herausfordernd zurück.

"Träum weiter!" erwiderte er.

"Oh, in meinen Träumen bist du etwas ganz anderes," platzte Ginny heraus und wurde augenblicklich knallrot.

Zu ihrem Glück hatte sich Harry in diesem Moment auf Neville konzentriert, der sich auf der Planche aufgestellt hatte und seinen Zauberstab probeweise durch die Luft schnalzen ließ, und hörte Ginny so nur am Rande. Wollte sie ihm etwas sagen? Bevor er fragen konnte tat sein Klassenkamerad den ersten Schritt.

"Also dann?" Neville verbeugte sich auffordernd. Harry schüttelte den Kopf.

"Ich weiß nicht, ob das hier eine gute Idee ist," murmelte er, grüßte aber mit einem klassischen Fechtergruß (oder Duellgruß) erst seine beiden Gegner, dann den Punktezähler und wieder seine beiden Gegner. Dann hielt er seinen Zauberstab bereit und wartete. Das Ganze war wirklich keine gute Idee...

Zwanzig Minuten später hatte er Neville und Ginny von seiner Meinung überzeugt. Alle drei atmeten schwer, während sie auf dem Rücken lagen und mit einem Blick zur Decke des Raums der Erfordernis starrten, der zu besagen schien, daß es wohl angenehmer sei, tot zu sein als sich so erschöpft zu fühlen. Harry kratzte an den Resten der Flederpopel herum, die noch um seine Brille und Narbe schwärmten und war zu müde, um die langen Risse in seinen Roben zu reparieren, die ein nur teilweise abgewehrter Schneiderzauber von Neville verursacht hatte. Wie hatte er sich auch gegen eine Armada von Schnittmustern, Stecknadeln und Scheren wehren sollen? Neville hatte die Haushaltszauber in ihrem Zauberspruchbuch für die sechste Klasse einfach schon zu gut drauf!

Ginny schüttelte ihre Hände- beide waren gelähmt, da Harry sie mit einem der Flüche aus Stevensons Repertoire getroffen hatte, als sie ihm ihren Lieblings-Fluch auferlegt  hatte, dessen Reste immer noch sein Gesicht dekorierten. Ihr linker Fuß zuckte derweil unkontrolliert, da Nevilles Wackelbein-Fluch an Harrys Schild abgeprallt und auf sie reflektiert war. Und mit gelähmten Händen hatte sie keinen Schild heraufbeschwören können... wenigstens tanzte sie nicht mehr. Das war anstrengend gewesen!

Neville sah äußerlich von allen dreien am besten aus. Einzig und allein die Tatsache, daß seine Beine seltsam gerade auf dem Boden lagen verriet, daß er noch unter dem Einfluß einer Beinklammer stand. Ob sie von Harry oder von Ginny stammte konnte er nicht sagen, aber das Sprechen fiel ihm ohnehin schwer, da Harry seine Zunge gelähmt hatte und er darüber hinaus noch einfach zu sehr außer Atem war.

"Das war klasse!" meinte Harry. Ginny und Neville stimmten ihm zu, so gut sie konnten.

"Ich... glaube... nicht, daß einer von den... Vogelfreunden das besser gekonnt hätte als du," keuchte Ginny und rieb ihren zuckenden Fuß.

"Vogelfreunde?" fragte Harry. Neville sah nur perplex zwischen seinen beiden Schulkameraden hin und her.

"Nachdenken... Harry!" Ginny war ungeduldig.

"Du meinst Dumbledores Club!" Endlich klickte es für den schwarzhaarigen Schüler- die Vogelfreunde!

"Die Vogelfreunde?" fragte nun auch Neville.

"Eins von Dumbledores Projekten," sagte Harry, "nichts Wichtiges."

"Oh." Neville sah ein wenig bedrückt aus, da er sehr wohl merkte, daß Harry und Ginny ein Geheimnis vor ihm hatten. Irgendwo zwischen motorischer Störung und künstlerischer Wehleidigkeit(2) siedelte er daher auch seinen nächsten Satz an. "Sag mal, du könntest mir nicht zufällig aus dieser Beinklammer heraushelfen, oder, Harry?"

Harry rammte- noch im Liegen- die Hände in die Taschen seiner Roben und pfiff betont uninteressiert 'It's a Small World'. Mitten im Refrain jedoch stießen seine Finger auf ein knisterndes Stück Pergament, und er zog es hervor. Vielleicht waren das seine Zaubertränke-Notizen, die er noch vermißte?

"Harry? Bitte, du kannst später lesen, aber ich bekomme einen Krampf im Unterschenkel!" jammerte Neville sehr überzeugend. "Hey, was hast du denn da?"

"Hm? Oh, ich weiß nicht, hab's noch nicht gelesen. Aber die Hauselfen haben es gebügelt, siehst du?" Tatsächlich wies das Pergament zwar Schmutzspuren, aber keine Falten auf.

"Cool!" sagte Ginny. "Ich sollte mal meine Verwandlungs-Hausaufgaben in meine Roben stecken. Vielleicht meckert McGonagall dann nicht mehr an mir herum, weil sie so zerknittert sind..."

Harry hatte sich unterdessen so weit aufgerappelt, daß er Neville aus seiner mißlichen Lage befreien konnte. Ein Schlenker seines Zauberstabes und sein Klassenkamerad massierte sich erleichtert den rechten Fuß. "Autsch! Diesen Zauberspruch, daß nur der, der einen Fluch gesprochen hat ihn auch wieder aufheben kann, mußt du uns in der DA unbedingt beibringen," sagte er. Harry nickte abwesend während er die vermuteten Zaubertränkehausaufgaben auseinanderfaltete.

"Wa-?" Es war noch nicht einmal seine Handschrift. Diese relativ runden, aber zittrigen Buchstaben- er kannte den Schreiber nicht. Dennoch kam ihm der Zettel bekannt vor... nachdenklich starrte Harry auf den leicht ausgefransten Ärmelaufschlag seiner Robe. Ein Fleck... er verengte prüfend die Augen. Normalerweise arbeiteten die Hauselfen doch tadellos- aber da war ein Fleck auf seiner Robe, eine kleine Stelle, an der das Schwarz  ein wenig entfärbt wirkte, eher braun als schwarz.

Braun. Rostbraun. Und diese ausgefranste Stelle am Ärmel- er war geflickt worden. Harry schluckte. Er hatte gedacht, diese Robe sei jenseits jeden Rettungsversuches, aber hier trug er sie wieder, zum ersten Mal seit dem Desaster in Hogsmeade. Und an den Zettel konnte er sich nun auch wieder erinnern, Wurmschwanz  hatte ihn verloren, als er mit Santorin Custo disappariert war.

 "Was steht drauf, Harry? Ein Liebesbrief?" Ginny grinste frech. Harrys Adamsapfel hüpfte auf und ab, als er schluckte. "Kein Liebesbrief," sagte Ginny trocken.

"Nein, kein Liebesbrief…" meinte Harry, "eine Notiz von Wurmschwanz. Er hat dieses Stück Papier verloren, als Zabini, Moon und ich in Hogsmeade auf ihn getroffen sind. Wenn ich nur wüßte, was er mit diesen Notizen meint..."

"Zeig mal her!" Neville streckte fordernd die  Hand aus. "Ich bin von uns beiden der Bessere in Zaubereigeschichte und auch wenn ich kein UTZ-Level darin mache, kenne ich mich in der Zauberwelt besser aus als du. Ist nicht böse gemeint."

"Weiß ich doch," sagte Harry.

„Vielleicht kann ich auch helfen," Ginny entrollte ihre Beine und kroch zu Neville hinüber. "Hmmm...."

"Talisman des Ourouboros- zwei Schlangen- O'Malley? Was soll das denn bedeuten?"

"Ich habe keine Ahnung. Vielleicht wurde jemand namens Ourouboros von zwei Schlangen gebissen... oder zwei Schlangen haben sich im Besitz der Familie O'Malley befunden..." spekulierte Harry. Neville wirkte nachdenklich.

"Ourouboros... irgendwo habe  ich das schon einmal gehört. Ich glaube, ich werde nachher Luna danach fragen. Ich habe nämlich das Gefühl, daß das eine dieser komischen Kreaturen sein könnte, mit denen sie sich  so gut auskennt, wißt ihr?" All das war so schnell aus seinem Mund gesprudelt, daß es Ginny und Harry schwer gefallen war, ihm zu folgen. Nun sah er sie an, als erwarte er von ihnen, seinen Vorschlag sofort abzulehnen, während sich sein Gesicht langsam verdächtig rötete.

"Das ist eine gute Idee. Luna ist in Ravenclaw und weiß sehr viel, auch wenn sie es nicht immer zeigt. Sie sollte definitiv gefragt werden. Ich frage Hermine, sie ist schließlich unser wandelndes Lexikon... und Ginny, du könntest-"

"Meine Zaubertränkehausaufgaben machen. Entschuldige, Harry, aber dieses Mal kann ich einfach nicht helfen. Snape frißt mich, wenn ich schon wieder einen schnell hingekritzelten Aufsatz abgebe und ich brauche die Noten in Zaubertränke ganz besonders." Ihre glänzenden Augen baten überzeugender um Verzeihung, als selbst ihre Worte es je gekonnt hätten.

"Du mußt dich doch nicht entschuldigen, Gin," sagte Harry. "Snape ist ein gemeiner Teufel- Moment, warum brauchst du die guten Noten in Zaubertränke?"

"Ich will Auror werden, du Dussel, genau wie du." Ginny blitzte Harry herausfordernd an; sie wollte wohl, daß er auch  nur ein Wort gegen ihre Entscheidung sagte, damit sie das berüchtigte Weasley-Temperament auf ihn loslassen konnte.

"Prima! Wenn du dann auch auf die Akademie kommst dann kann ich dir alles zeigen- schließlich fange ich ein Jahr früher als du mit der Ausbildung an." Harry bemühte sich, lässig und leicht überheblich zu wirken. 'Wenn ich überhaupt so weit komme,' dachte er jedoch im Innersten. Die Prophezeiung legte sich schon wieder wie ein dichter Nebel über seine Zukunft.

"Ich wette, daß ich mich schneller zurechtfinde als du," lachte Ginny. Sie hatte von seinem Stimmungswechsel nichts bemerkt.

"Wenn ich Harry so sehe, würde ich mein Geld nicht auf dich setzen, Ginny," meinte Neville dazu. Dann streckte er sich mit einem Seufzer. "Ich glaube, wenn ich Luna noch finden will sollte ich besser los. Bis später, ihr zwei!"

"Er hat recht- oh nein, es ist schon ziemlich spät! Wir sollten lieber zum Gemeinschaftsraum gehen, Harry. Wenn Professor Snape uns erwischt... Er gibt uns bestimmt Nachsitzen am Tag des Quidditchspiels!"  Ginny stopfte rasch ihre Bücher in ihre Tasche. Sie hatte, bevor Neville und sie sich auf die Dummies gestürzt hatten, noch in ihrem Buch für Verteidigung gegen die Dunklen Künste die Flüche nachgelesen, die sie perfektionieren wollte. Daraus war ja nun leider nichts geworden... aber das Zwei-gegen-Einen-Match mit Harry war auch nicht von schlechten Eltern gewesen. Ginnys Wangen wurden pink, als sie daran dachte, [i]wie[/i] eng Harrys Robe an seinem Torso geklebt hatte, als sie ihn mit einem eiskalten Wasserstrahl aus ihrem Zauberstab getroffen hatte.

Nicht, daß  ihr das etwas genützt hätte. Obwohl er zwei Gegner gehabt hatte, war Harry ihnen beiden noch überlegen gewesen, nur ihr schnelles Denken auf den Füßen und Nevilles überraschende Kraft in manchen Flüchen hatten den Kampf wieder ausgewogen werden lassen. Allerdings war Harry auch sehr wütend gewesen... vielleicht würde er sich weniger gut schlagen, wenn sein Zorn ihn nicht beflügelte...

"Hey, Ginny- bist du festgewurzelt? Du wolltest dich doch unbedingt beeilen!" Harry hielt wahrscheinlich schon seit ein paar Minuten wie ein Gentleman die Tür zum Raum der Erfordernis auf, während Ginny sich ihren Tagträumen widmete. Mädchen waren einfach komisch!

"Sorry!" murmelte Ginny, ihre Büchertasche hastig und schief über die Schulter geworfen, so daß sie ihre Robe am Hals so weit zur Seite zog, daß ihre Schulter vollkommen entblößt war. Unter Harrys verwunderten Blicken bekam ihr Gesicht einen noch tieferen Rotton; sie rückte ihre Kleidung zurecht und richtete sich auf. "Gehen wir?"

Jedes seltsame Verhalten wurde auf dem Weg zum Gemeinschaftsraum vergessen, da Ginny plötzlich wieder ganz die alte, lebhaft plappernde Schwester von Harrys bestem Freund war, die er kannte.

"Viel Glück auf der Suche nach diesem Talisman, Harry," sagte sie, bevor sie sich den dem Kamin am nächsten stehenden kleinen Tisch schnappte und rigoros ihre Büchertasche darauf ausleerte. Harry hätte schwören können, daß er etwas wie "Verfluchter Snape… würde lieber mit den anderen Geheimnisse herausfinden, aber NEIN..." aus ihrem Mund hörte, aber bevor er sich sicher sein konnte, hatte sie schon eine Feder im Mundwinkel und einen Ausdruck höchster Konzentration auf dem Gesicht.

 Mit einem Schulterzucken erklomm er die Treppe zum Schlafsaal der Sechstklässler. Wenn er in die Bibliothek wollte, brauchte er Pergament und eine Feder; nicht, daß er erwartete, schnell etwas herauszufinden. Er erinnerte sich noch zu gut an die ewige Suche nach Nicolas Flamel im ersten Schuljahr und an die Frustration, die damit einhergegangen war. Wenn Voldemort diesen Talisman unbedingt haben wollte dann würde er wahrscheinlich mindestens ebenso schwer zu finden sein wie der alte Alchemist.

"Hey, Harry, weißt du zufällig, was mit Neville los ist? Er kam hier hineingeschneit, hat sich die Haare gebürstet und die Robe gerichtet und ist wieder losgezischt, sagte etwas von wegen er müsse ganz schnell Luna finden. Ist das... Knutschnotstand, oder was ist?"

Ron starrte prüfend zu seinem besten Freund hinauf. Auf seiner Bettdecke lag, noch aufgeschlagen, das Quidditch-Magazin, das er gelesen hatte, bevor Harry in den Schlafsaal geplatzt war. Viktor Krum tauchte in einem waghalsigen Maneuver auf der mittleren Doppelseite in Richtung Erdboden, drehte sich dabei wie ein Korkenzieher und hatte eine Hand nach vorne gestreckt. Wahrscheinlich hatte er den Schnatz entdeckt- oder er versuchte einen Wronski-Bluff. Harry bemerkte mit abwesendem Interesse, daß Ron einen ziemlich dicken schwarzen Pfeil von Krums letzter Position zum harten Gras gezogen hatte. Hatte er etwa seine alte, kindische Eifersucht auf 'Vicky' immer noch nicht überwunden?

"Harry?" Ron wollte eine Antwort. Einen Moment lang war Harry versucht, wieder einmal abzuwinken, seinem besten Freund zuzustimmen und sich in der Hoffnung, daß weder Neville noch Ginny irgendjemandem außer Luna von ihrer Suche nach dem Talisman berichten würden in ein Gespräch über Quidditch zu stürzen; einfach, damit Ron und Hermine sich nicht in Gefahr begaben, aber er überlegte es sich anders. Sie hatten den Ruf als seine besten Freunde; in Hogsmeade hatten sie bewiesen, daß sie zu diesem Ruf und zu ihm standen und der Herausforderung gewachsen waren- und wenn er ganz ehrlich war mußte er zugeben, daß er ohne Rons strategische Meisterleitungen und ohne Hermines Recherchen wahrscheinlich nicht zum Ziel kommen würde. Seine fünf 'Generäle'... er brauchte sie alle.

Luna, weil sie im Unkonventionellen nach einer Lösung suchte, die ansonsten jeder übersehen würde, Neville, weil er mit seiner Beharrlichkeit und seinem ruhigen Temperament den nervösen Gemütern der anderen beistand und mit seiner Gleichmut, seinem unauffälligen Mut und seiner stillen Unterstützung unschätzbar wertvoll im Chaos des Krieges war. Ginny, treu, ein echter Feuerkopf und intelligent, war Hermine in ihrer Recherche eine Hilfe, aber sie war auch sehr gut darin, auf den Füßen zu denken und in einer hitzigen Situation den Kopf zu bewahren. Und Ron und Hermine, die beiden Mitglieder des 'Trios von Gryffindor', seine besten Freunde, die beiden Stützen, ohne die er schon lange zusammengebrochen wäre.

"Ron, wir... wir brauchen Hermine." Besser, wenn er nur einmal erklären mußte, wie er versagt hatte und was genau er von ihnen beiden brauchte.

"Geht es wieder um irgendein Geheimnis? Oder geht es um die DA? Wenn es um die DA geht, dann solltest du dir einfach keine Sorgen machen. So, wie wir momentan lernen und üben, werden die Todesser wohl eine böse Überraschung erleben und..."

"Ron, es geht nicht um die DA und es geht auch nicht gerade um ein Geheimnis. Können wir jetzt bitte Hermine holen?" Ron stand vom Bett auf.

"Ich hoffe, irgendein Mädchen ist unten im Gemeinschaftsraum, sonst wird das schwierig," sagte er. Harry lachte.

"Ich hoffe das auch, ansonsten schätze ich, daß einer von uns auf dem Besen aus dem Fenster und um den Turm herum fliegen muß!" Ron klopfte ihm glucksend auf  die Schulter.

"Gute Idee- komisch, daß noch niemand darauf gekommen ist, das abends zu tun..."

"Ich denke, es gibt auch wieder Schutzzauber, genau wie auf der Treppe," meinte Harry. "Aber einen Versuch wäre es wert."

"Was wäre einen Versuch wert?" Im Gemeinschaftsraum angekommen überraschte Hermine die beiden Jungen mit ihrer Anwesenheit.

"Ach, nichts... fliegen," sagte Ron, aber seine Ohren waren verdächtig rot.

"Gut, daß du da bist, 'Mine," sagte Harry, "ich muß euch beiden etwas erzählen."

Ron und Hermine tauschten einen Blick, der besagte, daß beide wußten, daß schon wieder etwas Ernstes anstand. "Also gut, Harry. Wohin?"

"Unser Schlafsaal. In den Mädchenschlafsaal kommen wir nicht hinauf, und es ist leichter, einen Schutzzauber und Imperturbatio(3) über ein Bett zu sprechen, als über einen nicht abgetrennten Teil eines Raumes." Harrys Freunde folgten ihm zurück in seinen Schlafsaal. Hermine warf nur einen Blick auf das kontrollierte Chaos der fünf Gryffindor-Jungen und seufzte.

"Jungs! Warum müßt ihr den armen Hauselfen nur immer so viel Arbeit machen?" Ron rollte die Augen, aber Harry ging dazwischen, bevor seine beiden Freunde wieder in einen ihrer Streits ausbrechen konnten.

"Uh... eigentlich wollte ich euch ja etwas Wichtiges sagen..." Er setzte sich auf sein Bett. Ron nickte, Hermine sah sogar etwas beschämt aus.

"Schieß los, Kumpel. Jetzt haben wir ja Hermine dabei," meinte Ron und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Harry nickte.

"Kannst du mir mit den Verstummungs- und Privatsphärezaubern helfen, Hermine?" fragte er und zog seine Vorhänge mit einem Schnalzen seines Zauberstabes zu. Hermine zog ebenfalls ihren Zauberstab, und gemeinsam legten sie alle Schutzzauber, die sie kannten um das Bett.

"Kannst du mir jetzt sagen, was los ist bevor Parvati und Lavender auf die Idee kommen, daß hier eine Party stattfindet?" verlangte sie ein wenig schnippisch. Eigentlich hatte sie nämlich lernen wollen.

"Na ja... wie ihr wißt habe ich Voldemort in Hogsmeade getroffen. Was ihr vielleicht nicht wißt ist, daß er dort jemanden gesucht hat... und diesen Jemand auch entführt hat."

"Ja, den Sohn des Nicht So Ganz Hohen Tiers im Internationalen Zauberrat, Custo oder so," sagte Ron. "Dad hat es mir erzählt, aber im Tagespropheten durften sie es nicht drucken, weil Fudge keine Panik wollte."

"Was hat das mit uns zu tun?" fragte Hermine.

"Nun, dieser Jemand ist nicht nur der Sohn des... wie war das, Ron? Na ja, egal, aber er ist jedenfalls auch der Sohn des Wächters der Quelle der Stärke. Ich weiß zwar noch nicht genau, was das ist aber ich weiß, daß Voldemort hinter der Quelle her ist. Weil er aber Santorin Custo in seiner Gewalt hat, hat er momentan einen großen Vorteil, denn wir können die Quelle nicht erreichen. Aber Voldemort sucht noch etwas anderes: einen Talisman."

"Einen Talisman? Das ist übel," meinte Ron.

"Talismane sind magische Gegenstände mit sehr großer Macht. Wenn Voldemort einen bestimmten Talisman sucht, dann soll ihn der wahrscheinlich einen Schritt weiter auf dem Weg zur Unsterblichkeit bringen- das ist doch, was er will, oder?" Hermine war ihnen beiden wieder einmal einen Schritt voraus.

"Uh... so weit war ich noch gar nicht, aber du hast natürlich recht, 'Mine," sagte Harry. "Ich weiß eigentlich so gut wie gar nichts über diesen Talisman. Nur, daß Voldemort ihn unbedingt will und daß er seit Jahrhunderten verloren gegangen ist. Er steckt irgendwo in der Muggelwelt- und ja, ich hatte eine Vision. Dumbledore weiß davon, doch er ist gerade mit Rhodosius Custo beschäftigt, weil der natürlich Voldemort nicht an die Quelle kommen lassen soll."

"Ein magisches Artefakt bei den Muggeln? Das könnte alles Mögliche auslösen! Eine Katastrophe! Wenn es seit Jahrhunderten in der Muggelwelt herumirrt..."

"Dann kann niemand mehr sagen, was es ist, wo es ist und wie es aussieht. Das haben Voldemorts Todesser auch schon herausgefunden." Harry war ein wenig irritiert, daß Hermine ihn schon wieder unterbrochen hatte. "Nun ja, wir haben die Bibliothek von Hogwarts, auf die Voldemort keinen Zugriff hat- und wir haben den Namen dieses Talismans. Er heißt "Der Talisman des Ourouboros", und ich dachte, wenn wir herausfinden, wie er aussieht dann könnten wir in der Muggelwelt danach suchen... nur wie, das weiß ich nicht."

Hermine war in ihrem Element. "Oh, das ist gut. Wenn wir wissen, wie der Talisman aussieht können wir in Museumskatalogen nachschauen... und in Auktionskatalogen, und wenn ich an Weihnachten nach Hause gehe dann kann ich auch im Internet suchen- weißt du außer dem Namen noch etwas, Harry?" Harry nickte.

"Wurmschwanz hatte einen Zettel, den er verloren hat, als er mit Custo disappariert ist. Außer dem Namen haben wir auch noch einen Hinweis auf zwei Schlangen und einen Namen. O'Malley."

"O'Malley? Das ist ein alter irischer Name!" rief Ron. "Wenn mich nicht alles täuscht heißt Mutters entfernter Cousin, du weißt schon, der Muggel, der ein... Bankschalter ist oder so etwas, O'Malley. Hey- vielleicht hat er ja den Talisman!" Harry schüttelte den Kopf. Ron war schon ebenso schlimm wie sein Vater in der Verballhornung von Muggelwörtern.

"Ron, ich denke nicht, daß der Talisman so einfach zu finden ist. Das wäre ja ein zu günstiger Zufall." Hermine war wie immer die Stimme der Vernunft. "Was interessanter ist, ist dieser Hinweis auf die beiden Schlangen. Wahrscheinlich bildet dieser Talisman in irgendeiner Art und Weise ein Schlangennest oder so etwas ab. Vielleicht auf einem Medaillon... das engt die Suche etwas ein. Allerdings finden sich  die meisten Sachen, die mit Schlangen zu tun haben in der Verbotenen Abteilung..."

"Warum? Schlangen sind nicht böse!" wunderte sich Harry.

"Weil Schlangen und Parsel im allgemeinen mit Dunkler Magie verbunden werden. Schlangen sind oft die wichtigste Zutat in schwarzmagischen Zaubertränken, sie gelten als Wächter zur Unterwelt... und natürlich gibt es da noch die Basilisken, deren Blut, Eier, Knochen und Zähne allesamt Dunkle Magie beinhalten und nur in sehr mächtigen Dunklen Ritualen benutzt werden." Hermine zählte an ihren Fingern ab, was sie schon gesagt hatte. "Oh, und dann sind da natürlich auch noch die gemeinen dunkelmagischen Schlangen, beispielsweise die Aschwinderin und ihre Eier, die magische Katastrophen auslösen und die..."

"Hermine, danke, wir haben es verstanden," bremste Ron den Eifer seiner Freundin. "Also, was du willst ist, daß wir uns wieder unsere Nachmittage in der Bibliothek um die Ohren schlagen bis wir diesen komischen Talisman gefunden haben?"

Harrys Gesicht fiel in sich zusammen wie eine mißratene Kürbispastete.

"Uh... wenn du es so sagen willst..." murmelte er. Natürlich, wie konnte er nur! Er hatte überhaupt nicht daran gedacht, daß Ron vielleicht lieber Quidditch spielte, oder daß Hermine sich auf ihre vielen UTZ-Kurse konzentrieren wollte.

"Klar machen wir das, Kumpel!" Ron schlug ihm aufmunternd auf die Schulter. "Hatte schon gedacht, daß wir in diesem Jahr nur langweilige Kämpfe und gar kein Geheimnis zu lösen haben."

"Wir sollten erst einmal alles über irische Artefakte nachlesen," meldete sich Hermine zu Wort, "weil Ron Recht hat. O'Malley ist ein irischer Name, und wir sollten keinen Hinweis ignorieren."

"Also dann- worauf warten wir noch? Ab in die Bibliothek!" Ron sprang als Erster vom Bett, nur um von den Schutzzaubern zurückgeworfen zu werden. "Uh, verdammt, ich habe eure Zauber vergessen."

Hermine löste diese mit schnellen, sicheren Zauberstabbewegungen auf. "Ich hätte nie gedacht, daß du es einmal eilig hast, in die Bibliothek zu kommen, Ron!"

"Wunder geschehen," kommentierte Harry. Ron stöhnte.

"Immer auf die kleinen Rothaarigen!" grummelte er.

"Weißt du was, Kumpel? Du bist viel, aber nicht klein!" lachte Harry, denn mit seinen sechs Fuß war Ron wirklich nicht gerade kurz gewachsen.

"Ron, Harry, kommt ihr?" Hermine war natürlich wieder einmal die Ungeduldigste, wenn es um die Bibliothek ging.

"Kommen!" riefen Jungen und folgten ihrer Freundin aus dem Portraitloch heraus. Es galt, ein Geheimnis zu lüften.

Erst als er schon mit einem Bein im Korridor stand warf Harry einen Blick auf die große Uhr über dem Kamin im Gemeinschaftsraum. 'Zu spät zum Herumstreunen' stand in großen, orangefarbenen Buchstaben darauf.

"Uh… Ich glaube, wir müssen das auf Morgen verschieben, Leute," sagte er und grinste schwach. "Es ist Zapfenstreich!"

 

 

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Die dritte Novemberwoche brachte den Einbruch des Winters nach Hogwarts. Leider war es kein Winter mit Eiszapfen und strahlendem Sonnenschein über verschneitem Grund, der einlud, den Abend nach einem Tag voller Schneeballschlachten mit einer Tasse heißen Tees oder einem Butterbier in gemütlicher Runde vor dem Feuer zu verbringen. Vielmehr handelte es sich um eine eisige, trockene Kälte, die die Mauern des alten Schlosses ächzen und stöhnen ließ. Es war so kalt, daß selbst die Zweige der schlechtgelaunten Peitschenden Weide aneinander festfroren und der alte Baum somit keine Bedrohung mehr für die Schüler darstellte. Professor Sprout nutzte diese Umstände denn auch, um ihre Kräuterkunde-Schüler diese seltene Pflanzenart genauer untersuchen zu lassen. Ron und Neville kehrten beide mit einem leichten Frostbrand an Nase und Fingern aus der Stunde zurück- Neville, der Professor Sprout beim Unterrichten assistiert hatte mußte sogar von Madam Pomfrey einen Auftautrunk verabreicht bekommen, weil die kleinen Eiszapfen unter seiner Nase auch nach einer Stunde noch nicht verschwinden wollten.

Für Harry und Hermine war es im Zaubertränkeunterricht auch nicht viel gemütlicher gewesen. Die Kerker waren zwar mit den stärksten Wärmezaubern belegt worden, die Dumbledore und Snape kannten, aber das verhinderte nicht, daß die Temperaturen außerhalb der begrenzten Gebiete, in denen die Zauber wirkten, arktisch waren. Die Schüler kauerten in Mantel, Schal und Handschuhen hinter ihren dampfenden Kesseln und versuchten, trotz der teilweise ätzenden Dämpfe wenigstens einen Teil der Wärme ihrer Feuer zu absorbieren. Wer zu nahe an einem der Zauber saß, schwitzte hingegen wie in einem tropischen Regenwald und konnte es kaum ertragen, die Sommerroben der Schüleruniform zu tragen. Zwischen gefrierendem Atem und glühender Hitze holte sich fast jeder eine Erkältung, und so war es nicht verwunderlich, daß Snape all seinen  UTZ-Klassen außerhalb des Lehrplans auftrug, einen Aufpäppeltrank zu brauen.

Ginny hatte das Aussehen eines kleinen, viereckigen Stoffballs angenommen. Ihre Nase war trotz Madam Pomfreys Tränken ständig rot, wo sie über den dicken, von Mrs. Weasley selbst gestrickten Schals auftauchte und sie schniefte immer ein wenig, wenn sie abends in den Gemeinschaftsraum kam, aber nichts und niemand konnte ihre gute Laune bremsen. Obwohl das Schloß noch immer im Belagerungszustand war, die verschärften Regeln immer noch galten, schaffte sie es, allen Hufflepuffs eine schwarz-weiß gestreifte Frisur, nicht unähnlich den Streifen auf dem Kopf eines Dachses zu verpassen. Die Gryffindors trugen eine Löwenmähne zur Schau, während die Ravenclaws Federn auf dem Kopf hatten. Die Slytherins dachten zunächst, sie seien unbeschadet davongekommen- bis sie ihre geschlitzten Pupillen und gespaltenen Zungen bemerkten.

Ron fand man stets nur mit seinem Quidditch-Strategiebuch in der Hand. Das Spiel gegen Slytherin, das an diesem Wochenende anstand, versetzte das ganze Schloß in Aufregung. Das Gryffindor-Team fand sich jeden Morgen  Stunden vor Sonnenaufgang in Begleitung einer mürrischen Madam Hooch auf dem Quidditchfeld, wo jedes Maneuver bis zur Erschöpfung trainiert wurde. Ron war noch immer verzweifelt, weil sich aus den exzellenten Einzelspielern einfach kein richtiges Team bilden wollte, aber wenigstens klappten die einstudierten Bewegungen und Spielzüge jetzt, wenn auch nicht so flüssig, wie eine besser aufeinander abgestimmte Mannschaft sie geschafft hätte.

Für Harry war das frühmorgendliche Quidditchtraining meist eine Tortur. Er erfror nicht nur beinahe auf seinem Besen (als Sucher flog er weit über den anderen Spielern und mußte sich bei weitem nicht so anstrengen wie ein Treiber, Hüter oder Jäger) bis er endlich den Schnatz entdeckte und die Verfolgung aufnehmen konnte, nein, die Kälte krampfte auch seine Muskeln zusammen, was im Fall seines linken Beines nicht nur äußerst schmerzhaft, sondern auch ärgerlich war, da er danach sein Hinken nicht verhindern konnte. Im Gegensatz zu seinem Lauftraining half Quidditch seinem Muskelaufbau in den Beinen kein bißchen. Rons Enthusiasmus war jedoch so ansteckend, daß Harry seine Probleme stets schnell vergaß.

"Wir gewinnen," sagte der Kapitän der Gryffindor-Mannschaft nach jedem Training, und je weiter die Woche fortschritt, umso überzeugter klang es auch. Harry grinste seinen besten Freund an und warf seinen Besen über die Schulter. Wenn Ron dieses Selbstvertrauen auch im Spiel zeigen konnte, dann würde Gryffindor ganz sicher gewinnen- denn es gab keine Chance, daß Harry Malfoy auch nur in die Nähe des Schnatzes kommen lassen würde, wenn er es irgendwie (mit halbwegs legalen und illegalen Mitteln) verhindern konnte.

Professor McGonagall und Professor Snape waren nicht die einzigen Lehrer, die vom Quidditch-Fieber angesteckt wurden. Nachdem im letzten Jahr die Quidditch-Saison von Umbridges Terrorherrschaft überschattet gewesen war, wurde in diesem Jahr endlich wieder klar, wie viel der Sport allen in Hogwarts bedeutete. McGonagall zog Gryffindor nur fünf Punkte ab, als Ron seine Verwandlungs-Hausaufgaben vergessen hatte, und gegen Ende der Woche stellte sie den Schülern sogar frei, ob sie einen Aufsatz schreiben wollten oder nicht. Snape verschob ein zeitaufwendiges Rechercheprojekt auf die nächste Woche und ließ seine UTZ-Klasse weiter Tränke für Madam Pomfrey brauen. Professor Flitwick studierte mit den Zauberkunst-Schülern die Animationszauber auf den Klatschern (in Vorbereitung auf das Studium von Schutzzaubern, mit dem sie nach den Weihnachtsferien beginnen würden) und Professor Vector zeigte ihrer kleinen ZAG-Arithmantikklasse, wie man die Fallgeschwindigkeit eines Objektes berechnet ("Manchmal sind Muggel uns voraus!"). Einzig Professor Stevenson leistete der allgemeinen Aufregung Widerstand und rückte keinen Millimeter von ihrem vorgesehenen Lehrplan ab.

"Scheint, als müßte es immer einen geben, der nicht mitspielt," meinte Ginny achselzuckend dazu, als Ron sich beklagte, daß ihre Hausaufgaben zuviel Zeit verschlangen. "Außerdem- obwohl wir die DA haben, glaube ich, daß ich ihr Training unbedingt brauche, um meine ZAGs zu bestehen."

Harry mußte ihr insgeheim beipflichten. Für ihn ging es zwar nicht um Schulabschlüsse, sondern um sein Leben und das seiner Freunde, doch wie Ginny war er der Überzeugung, daß Stevensons Klassen ihn voranbrachten.

"Ginny!" rief Ron in diesem Moment entrüstet, "du kannst doch nicht sagen, daß die ZAGs wichtiger sind als Quidditch! Das... das ist..." Er stotterte, das Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Harry fühlte sich an Oliver Wood, den ersten Kapitän der Gryffindor-Mannschaft und größten Quidditch-Enthusiasten, den er je kennengelernt hatte, erinnert. Obwohl er inzwischen als Hüter für Eintracht Pfützensee spielte, war er Harry dank seiner Anfeuerungsreden noch gut in Erinnerung. Vor allem seine ständigen Ermahnungen, den Schnatz zu fangen oder bei dem Versuch zu sterben waren unvergeßlich!

"Tja, Ron, finde dich damit ab. Es gibt auch noch andere Dinge außer einem komisch geformten roten Ball," sagte Hermine spitz  und hielt ihm seine Schultasche unter die Nase. "Besser, du fängst gleich mit deinen Hausaufgaben an, dann hast du sie schnell fertig."

Eigentlich hätte die gespannte Erwartung, die das gesamte Schloß in puncto Saisoneröffnungsspiel ergriffen hatte, die Woche viel schneller vorbeigehen lassen müssen. Stattdessen schleppten sich die Stunden und Tage jedoch nur mühsam voran, jeder Blick auf die Uhr enthüllte nur, wie viel Zeit noch bis zum großen Tag vergehen mußte. Slytherins und Gryffindors, die sich in den Gängen trafen, waren schnell mit ihren Worten und noch schneller mit ihren Zauberstäben- wahrscheinlich war dies das erste Mal, daß Madam Pomfrey ebenfalls ein Quidditch-Spiel herbeisehnte, um wenigstens ein paar Minuten Frieden finden zu können.

In der Nacht vom Freitag auf Samstag schneite es. Nicht viel, dazu war die Luft viel zu trocken, aber genug, um die Gebäude und Ländereien des Schlosses mit einer dünnen, puderzuckerartigen Schicht aus gleißendem Weiß zu überziehen. Schon aus dem Fenster wurde Harry geblendet, als die Strahlen der aufgehenden Sonne vom Schnee reflektiert wurden, und nach seinem kurzen morgendlichen Lauftraining konnte er nicht einmal mehr Schatten auf dem Grund wahrnehmen.

'Schneeblindheit... Ich sollte Hermine fragen, ob sie vielleicht etwas wie einen Sonnenbrillen-Zauber kennt, den sie auf meine Schutzbrille sprechen könnte,' dachte er, als er nach einer heißen Dusche seine Uniform und seinen Besen auf dem Bett zurechtlegte.

Ein zerzauster, roter Haarschopf lugte aus den Vorhängen des Nachbarbetts hervor. "Du bist schon wach?" Ron warf die Vorhänge zurück und schwang die Beine üer die Bettkante. Unglücklicherweise war die Sonne inzwischen aufgegegangen und schien mit aller Macht zum Fenster hinein.

"Ouch! Was ist das? Wie soll in diesem Licht irgendjemand Quidditch spielen? Verdammt!" fluchte Harrys bester Freund und Mannschaftskapitän.

"Es hat gestern Nacht geschneit, Ron... ich dachte, ich frage Hermine, ob sie so etwas wie einen Sonnenbrillenzauber kennt, den kann ich dann auf  meine Schutzbrille sprechen. Wenn sie wirklich einen kennt kann ich das für das ganze Team machen- natürlich nur, wenn du willst." Ron nickte, während er versuchte, seine langen Arme und Beine ohne größere Verletzungen zur Zusammenarbeit mit dem Rest seines Körpers zu bewegen.

"Das wäre nett... ich weiß zwar nicht, was eine Sonnenbrille ist, aber wenn du denkst, das hilft gegen dieses Licht dann frag 'Mine. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie keine Lösung weiß- sie ist schließlich 'Mine!" Mit dieser überzeugenden Deklaration seines Vertrauens verschwand Ron in die Duschen und Harry, der sich nur noch schnell einen Pullover überstreifte, dankbar, daß der Gryffindor-Turm schön warm war, überprüfte noch einmal die Schnallen an seiner Uniform und seinen Arm- und Beinschützern bevor er im Gemeinschaftsraum auf Hermine und den Rest des Teams wartete.

Ginny war die Erste, die die Treppe herunterkam. Im Gegensatz zu ihrer sonst zwar recht blassen (sie war schließlich rothaarig) aber immer von rosigen Wangen geschmückten Gesichtsfarbe hatte sie jetzt einen Grünstich, der sich furchtbar mit ihrem fest zurückgebundenen Haar biss.

"Morgen, Harry," sagte sie müde. Harry nagte an seiner Unterlippe; sollte er etwas sagen oder nicht? Wenn er sagte, daß sie furchtbar aussah, würde sie wahrscheinlich explodieren, aber sie sah nun einmal furchtbar aus und er machte sich Sorgen. Nun ja, wozu war er in Gryffindor?

"Morgen, Ginny! Uh... ist alles in Ordnung?" fragte er und hielt gespannt die Luft an. Ginny schnaubte und ließ sich in den nächstgelegenen Stuhl fallen.

"Meinst du, es ist zu spät einen auf Fred und George zu machen?" fragte sie. Harry atmete erleichtert aus. Er war noch in einem Stück.

"Warum?" fragte er zurück.

"Das Spiel," meinte Ginny.

"Das Spiel? Aber du warst doch schon letztes Jahr in der Mannschaft, und da warst du nie so nervös," sagte Harry verwundert.

"Aber da war ich auch  Sucher und nicht Jäger, der Kapitän war nicht mein Bruder und Umbridge war unsere größte Sorge. Ich meine, wenn ich nicht genug Tore schieße wirft Ron mich bestimmt aus der Mannschaft, er wollte mich ohnehin nie drin haben und..."

"Ginny, das ist vollkommener Unsinn! Ron wäre noch verrückter als sonst, wenn er dich aus dem Team werfen würde. Ich meine, Katie und du, ihr seid einfach nur  phantastisch zusammen!" Ginny stand auf. Sie wirkte schon ein bißchen sicherer, und sogar ein kleines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.

"Danke, Harry. Das war richtig lieb von dir," sagte sie. Mit drei schnellen Schritten hatte sie  die Distanz zwischen sich und Harry überbrückt und stand nun vor ihm. "Danke!" Bevor der überrumpelte junge Zauberer reagieren konnte hatte sie sich vorgebeugt und ihm einen Kuß auf die Stirn gedrückt.

"Ich geh dann mal zum Frühstück!" rief sie über die Schulter zurück. Harry blieb wie versteinert sitzen. 'Sie sollte wirklich damit aufhören, sonst bekomme ich irgendwann einen Herzinfarkt,' dachte er, aber eine kleine Stimme in seinem Inneren widersprach energisch. 'Sie sollte nicht damit aufhören- sie sollte weitermachen!'

Hermine, Solomon Kurz und Andrew Kirke, die beiden Treiber, erinnerten Harry wieder daran, daß er vor dem Spiel noch etwas zu erledigen hatte.

"'Mine, hast du einen Moment Zeit? Ich brauche deine Hilfe." fragte er. Hermine nickte mit hochgezogenen Augenbrauen.

"Du hast bestimmt auch schon aus dem Fenster gesehen und... na ja, ich war vorhin draußen, ein bißchen Laufen, und... weißt du, es ist einfach zu hell, um richtig spielen zu können. Darum wollte ich fragen, ob du vielleicht so eine Art... Sonnenbrillen-Zauber kennst." Harry sah seine Freundin erwartungsvoll an. Hermine runzelte die Stirn und überlegte, fuhr sich mit der Hand durch die Haare, wie immer, wenn sie sich einer Sache nicht ganz sicher war. Plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf und sie nickte.

"Ich kenne zwar keinen Zauber, der eine Brille in eine Sonnenbrille verwandelt, aber ich habe neulich in der Bibliothek einen Spruch gelesen, der Glas färbt. Wenn wir nun einfach Dunkelbraun oder umbra als Farbe angeben, dann... oder vielleicht doch lieber etwas anderes...? Kannst du schnell deine Schutzbrille holen? Ich will es erst ausprobieren!" Harry nickte und kam wenig später mit seiner Schutzbrille in der Hand in den Gemeinschaftsraum zurück.

"Hier," sagte er. Hermine nahm ihm die Brille aus der Hand und konzentrierte sich, Zauberstab bereit.

"Oculus occaeco(2)!" befahl sie mit einer kreisförmigen Stoßbewegung ihres Zauberstabes. Augenblicklich verfärbten sich die Gläser von Harrys Schutzbrille in ein dunkles Braun. "Ah, ich wußte, das klappt! Ist egal, ob man die Luft über einem Zaubertrank abdunkelt oder eine Brille!"

"Danke, 'Mine... sag mal, kannst du das für den Rest des Teams auch machen? Ich bin mir nicht sicher, ob ich es so gut kann wie du?" Harry setzte seinen besten Welpenblick auf. Hermine nickte hilfsbereit.

"Sicher, Harry. Nur weil ich kein Quidditch-Fanatiker wie Ginny oder Ron und du bin heißt das nicht, daß ich will, daß Slytherin gewinnt!"Sie schnappte sich Kirkes und Kurz' Schutzbrille und wiederholte den Zauber bei beiden.

"Also dann..." meinte sie. Inzwischen waren fast alle Gryffindors im Gemeinschaftsraum versammelt. Das Quidditch-Team (mit Ausnahme von Ginny) sammelte sich um Ron, Harry und Hermine und führte dann ihr Haus hinunter in die Große Halle.
Man merkte ganz genau, wer ein Quidditch-Veteran und wer ein Neuling in einem der beiden Teams war. Erstere hatten keine Probleme, sich mit Eiern und Speck, Porridge, frischen Früchten, Brötchen und anderen Köstlichkeiten den Magen vollzuschlagen, letztere saßen grün im Gesicht vor einer Tasse Tee und versuchten, die aufmunternden Sprüche ihrer Tischnachbarn möglichst zu ignorieren. Nun, es gab auch Ausnahmen, wie beispielsweise Ron, der mit seiner Gabel in der Luft herumfuchtelte, um seinem Team dadurch in letzter Sekunde noch einige strategische Tips zu geben und darüber selbst das Essen vergaß (wer Ron Weasley kannte wußte, wie außergewöhnlich dies war). Aber im großen und ganzen wurde dem ungeschriebenen Gesetz der
Vor-dem-Spiel-Atmosphäre gehorcht. Wie immer signalisierte Madam Hooch der Schule, wann es Zeit war, zum Quidditchfeld zu gehen, indem sie vom Lehrertisch aufstand.

Harry schnürte seinen Armschützer an seinem rechten Handgelenk fest. Es war immer ein wenig schwieriger, den rechten Schützer zu befestigen, er war schließlich Rechtshänder und seine linke Hand war nicht so beweglich wie die rechte. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete er, wie Ron mit zitternden Fingern noch einmal die Schnallen seiner Beinschützer überprüfte und immer wieder nervös zu seinem Sauberwisch, der gegen seinen Spind gelehnt war, hinüberblickte.

"Alles in Ordnung, Ron?" Statt einer Antwort warf ihm Ron einen genervten Blick zu. Dann schnappte er seinen Besen und klopfte damit gegen seinen Spind. Jegliche Nervosität war aus seinem Gesicht gewichen, stattdessen hatte es denselben steinernen, ja beinahe fanatischen Ausdruck angenommen, den auch seine beiden anderen Kapitäne vor jedem Spiel gezeigt hatten.

"Also gut, Team. Das ist der Augenblick, in dem wir zeigen können, daß sich unser Training ausgezahlt hat!" begann Ron mit seiner Anfeuerungsrede. Harry lachte leise- sein Freund hatte einen ganz neuen Ton angeschlagen. So kannte er ihn gar nicht.

Manchmal fragte er sich, ob der erste Kapitän der Gryffindor-Mannschaft vielleicht zu einem Geist geworden war, der jeden, der nach ihm kam in Besitz nahm. Wie sonst konnte man den Wandel Angelina Johnsons und jetzt Rons zu einem zweiten Oliver Wood erklären? Harry schüttelte den Kopf und grinste in sich hinein, während sein bester Freund die Fäuste zum Abschluß seiner Anfeuerungsrede in die Luft stieß.

Dann fasste er seinen Besen fester und verließ hinter dem Rest des Teams die Umkleideräume.

"Uuuuund hier sind sie- das Gryffindor-Team!" Wer der neue Ansager war wußte Harry nicht, aber er hatte sich wohl Lee Jordan zum Vorbild genommen.

"Eure Jäger- Bell, McDonald und Weasley! Eure Treiber: Kirke und Kurz! Euer Kapitän und Hüter: Ron Weasley!" Aus den Ständen erklang eine donnernde Wiedergabe von 'Weasley ist unser King'. Harry war froh, daß die Zuschauer Ron so unterstützten. Auch wenn die Tatsache, daß er zum Captain ernannt worden war seinem Selbstvertrauen auf die Sprünge geholfen hatte- besser, wenn die Slytherins nicht dazu kamen, ihn wieder zu verunsichern.

"Uuuund als Sucher- POTTER!" Harry blinzelte gegen die Sonne an, als er hinter Ron aus dem Umkleideraum trat. So schnell er konnte, stülpte er die von Hermine verzauberte Schutzbrille über den Kopf und versuchte, durch noch mehr schnelles Blinzeln die bunten Flecken vor seinen Augen zu vertreiben, während der Ansager das Slytherin-Team vorstellte.

"Captains, schüttelt Hände," sagte Madam Hooch. Die resolute Fluglehrerin und Quidditch-Schiedsrichterin durchbohrte Malfoy, der, natürlich, Kapitän für Slytherin geworden war (nachdem das Team auf mysteriöse Art und Weise plötzlich einen komplett neuen Satz Umhänge acquiriert hatte) und Ron mit eisigen Blicken. Harry war beinahe froh, daß er nicht derjenige war, der davon bedroht war, von ihren gelben Augen aufgespießt zu werden, wenn er auch nur eine Zehenspitze aus der Reihe setzte. Den Stich der Eifersucht, der durch seine Brust fuhr, als plötzlich nicht Ron sondern er der Empfänger von Malfoys geringschätzigem Grinsen war, konnte er dennoch nicht verhindern. Wütend und trotzig starrte er zurück, ignorierte den hochgezogenen Mundwinkel und das leichte Kopfschütteln, das ihm der Kapitän der gegnerischen Mannschaft schenkte.

"Ich möchte ein faires, sauberes und schönes Spiel sehen!" ermahnte Madam Hooch die beiden kontrahierenden Mannschaften und hob dann ihre silberne Trillerpfeife an die Lippen.

Zusammen mit dem Pfiff erhob sich Harry auf seinem Feuerblitz in die Luft.

Die scharfe, eiskalte Luft biß mit Messern in seine Wangen. Der Wind pfiff in seinen Ohren, und das Holz seines Besens vibrierte in seinen Händen, als sei es lebendig. Unter ihm rasten die grünen und roten Blitze, die die Jäger von Gryffindor und Slytherin waren, vorbei. Es dauerte eine Weile, bis er sich so weit an die Kälte gewöhnt hatte (und sich daran erinnerte, daß er ein Zauberer war, der durchaus imstande war, einen Heizzauber über seine Kleidung zu sprechen) und den Kommentator, den er jetzt als Justin Finch-Fletchley aus Hufflepuff erkannte, verstehen konnte. Irgendwie fand er das passend- wenn der eigene Name schon so ein Zungenbrecher war mußte man schließlich gut und viel reden können. Und Justin war ein netter und lustiger Zeitgenosse, nicht so exotisch, wie Lee Jordan es gewesen war (wer konnte schließlich seine Tarantel als Haustier schlagen?) aber dafür weniger voreingenommen- glaubte Harry.

"Uund es ist Weasley mit dem Quaffel," schrie der gesprächige Junge in sein Mikrophon. Tatsächlich konnte Harry Ginny an ihrem roten Haar gut erkennen. Sie steuerte geradewegs auf die Tore der Slytherins zu, die wie in jedem Jahr von einem massiv gebauten, gorillahaften Siebtklässler bewacht wurden. Bevor sie sie jedoch erreichen konnte, flitzte plötzlich einer der Slytherin-Jäger in Grün in ihren Weg, und dann kam auch noch ein Klatscher auf sie zugeflogen- Harry hielt die Luft an und vergaß, nach dem Schnatz zu suchen.

"Das scheint eine gefährliche Situation für die Sucherin des letzten Jahres zu sein- wird sie sich daraus befreien können?" fragte Justin. Harry konnte seinem Kommentar nur beipflichten.

Er hätte sich keine Sorgen machen müssen. Ginny trickste mit einer eleganten Rolle sowohl den gegnerischen Jäger als auch den Klatscher aus (der daraufhin von Kurz abgefangen und mit voller Wucht in Richtung der ein Doppelteam versuchenden anderen beiden Slytherin-Jäger geschlagen wurde) und raste weiter auf ihr Ziel zu.

"Weasley weiter nicht aufzuhalten- das wird gefählich für Slytherin. Sie zielt... oh nein, sie hat den Quaffel gar nicht mehr! Das war eine perfekte Porskoff-Täuschung, und das bedeutet, es steht jetzt zehn zu null für Gryffindor!" Jubel stieg aus drei Vierteln der Zuschauermenge auf. Ginny pumpte ihre rechte Faust in die Luft und flog noch eine Rolle, um sich am Gelingen dieses schwierigen Maneuvers zu erfreuen. Ron, am anderen Ende des Feldes, war außer sich während er seinen Jägern wohl Gratulationen zuschrie.

"Na, Potter, deine Freundin interessanter als der Schnatz?" Malfoy. Harry hätte es wissen müssen, daß er ein Quidditch-Spiel zwischen Gryffindor und Slytherin nicht einfach genießen konnte. Nein, das Frettchen mußte natürlich seine Freude am Fliegen ruinieren. Wenigstens mußte sein Gegenspieler die Augen schmerzhaft zusammenkneifen, und wenn Harry nicht alles täuschte, waren die Ränder seiner Lider unter der Schutzbrille schon leicht gerötet und entzündet.

"Geh zur Hölle, Malfoy!" schnappte er.

"Kreativ, Potter- aber was sagst du, wenn der Dunkle Lord sie," er nickte hinüber zu Ginny, "hat? Ich denke, ein Wiesel quietscht ganz hübsch... Wirst du kommen, um sie zu retten, deine kleine Freundin? Na?“

Harry sah rot. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, schlossen sich so eng um das Holz seines Besens, daß dieses zu knarzen begann. Der rote Schleier vor seinen Augen wurde immer dichter- da schnappten plötzlich seine weißen Wände hoch, und er erinnerte sich an das letzte Jahr.

'Nicht wütend werden...' versuchte er, sich selbst zu ermahnen. Leider mit wenig Erfolg, er war schon wütend. Nichts hätte er lieber getan als dem ekelhaft grinsenden Slytherin seine Faust in die perlweißen Zähne zu rammen- aber dann fiel ihm ein, daß sie Quidditch spielten. Und beim Quidditch gab es mehr als eine Möglichkeit, jemanden zum Schweigen zu bringen! Malfoy hatte einen entscheidenden Nachteil- er konnte bestimmt nicht so gut sehen wie Harry es dank Hermines Wissen in Zauberkunst konnte.

"Na, hat eine Katze deine Zunge gefressen? Oder gar ein Wiesel?" stichelte Malfoy, aber Harry hatte schon einen Ausdruck äußerster Konzentration auf dem Gesicht. Er konnte nur hoffen, daß das, was er vorhatte, auch tatsächlich klappte.

Fast senkrecht schoß der Feuerblitz auf den Boden zu. Justin Finch-Fletchley brüllte etwas von den beiden Suchern, die wohl den Schnatz gesichtet hatten. Seine Schutzbrille beschlug, die Feuchtigkeit, die aus seinen Augenwinkeln trat, obwohl er eigentlich gegen den Wind geschützt war, einfach, weil es so kalt war, gefror an ihren Rändern. Der Erdboden, verschwommenes Weiß, stürzte ihm entgegen, während Harry jede Vorsicht aus dem Fenster warf und sich so flach wie möglich über den Besenstiel legte.

Er hielt einen Moment länger, als er es eigentlich für möglich gehalten hätte, auf den Boden zu. Malfoy hatte, obwohl er später als Harry losgeflogen war, mit ihm gleichgezogen- der Merkurion war also tatsächlich schneller als der Feuerblitz. Nun galt es, zu überprüfen, ob die anderen Gerüchte auch wahr waren und Malfoys Besen weniger schnell reagierte als sein eigener... nur noch ein Stück, ein kleines Stück, eine winziges Bißchen jenseits des Punktes ohne Wiederkehr...

Eine Sekunde nach der letzten zog Harry scharf am Griff des Feuerblitzes. Die Erde raste weiter auf ihn zu, jetzt nicht mehr verschwommen, sondern erschreckend scharf und nah. Jeder Eiskristall im Schnee war sichtbar, quälend langsam nur richtete sich der Besen wieder auf. Harry konnte schon die nasse, eisige Erde riechen, als er endlich parallel zum Grund flog. Schnee stob von seinen Füßen, die auf dem Boden entlang schleiften. Seine Finger prickelten, von der Kälte und der Anstrengung, einen beinahe freien Fall abzufangen. Seine Ohren klingelten, ihm war ein wenig schwindelig- aber für all das wurde er entschädigt, als er den scharfen Ton von Holz auf gefrorener Erde und wenig später den dumpfen Aufschlag eines Körpers hörte.

"Autsch, das hat wehgetan- Potter hat einen Wronski-Bluff, der seinesgleichen sucht, mit Erfolg durchgezogen- bist du eigentlich selbstmordgefährdet, Potter? Dieser Flug hätte dein letzter sein können! Wenigstens scheint das Manöver das Grinsen von Malfoys Gesicht gewischt zu haben- und was ist das, ja, das Slytherin-Team verlangt eine kurze Unterbrechung des Spiels während Madam Pomfrey, unsere allseits beliebte und talentierte Schulkrankenschwester auf das Feld stürzt, um das gefallene Frettchen- ähm, ich meine, den gefallenen Sucher wiederzubeleben! Aber nichts und niemand wird diesen Merkurion wiederbeleben- selbst Potters Nimbus 2000 sah nach einer  Begegnung mit der Peitschenden Weide besser aus als dieses erbärmliche Stück Sperrholz, das glaubt, es sei eine Konkurrenz für den unschlagbaren Feuerblitz... Entschuldigung, Professor!" Justin räusperte sich. Im Gegensatz zu Lee, der ein ganzes Quidditchspiel ohne Punkt und Komma hindurch reden konnte, war der Hufflepuff jetzt schon heiser, und hielt für den Rest der Unterbrechung wohl lieber den Mund.

Harry drehte lässig am Ende des Quidditchfeldes ab, nachdem er auch den letzten Rest der angestauten Geschwindigkeit seines Sturzfluges losgeworden war. Malfoy war aus dem Spiel, Gryffindor führte, genau, wie er es erwartet hatte. Was er nicht erwartete, waren zwei rote Angreifer, die ihn in die Zange nahmen.

"Harry, du... du bist absolut wahnsinnig! Du hättest sterben können! Denkst du eigentlich NIE nach?" schrillte Ginny von rechts.

"Kumpel, das war brillant! Auf einem Schulbesen hat Malfoy noch weniger als gar keine Chance, wenn er überhaupt wieder hochkommt! Mach weiter so, und wir gewinnen den Pokal!" brüllte Ron von links.

"WIEBITTE? Wir gewinnen den Pokal? An etwas anderes denkst du nicht? HAST DU NICHT GESEHEN, WIE KNAPP DAS WAR? HARRY HÄTTE AUF DEN BODEN KNALLEN KÖNNEN, SCHLIMMER ALS MALFOY! UND ALLES, WORAN DU DENKST IST DER VERDAMMTE POKAL??" Ein Live-Heuler von beiden Seiten war nicht gerade Harrys Vorstellung von einem schönen Match, und so versuchte er, die Perspektive beider Geschwister ein wenig zurechtzurücken.

"Uh... Ginny, ich wußte, was ich getan habe. Ron, ich wollte..." Allerdings wurde er einfach ignoriert.

"JA! Verdammt, er ist nicht gestorben! Harry ist ein klasse Sucher! Der stirbt schon nicht, zumindest nicht, bevor er nicht den Schnatz hat!"

"ACH SO? DANN WÄRE ES ALSO IN ORDNUNG, WENN ER STIRBT, SOLANGE ER DEN SCHNATZ HAT, RON?"

"NEIN! Das meine ich doch gar nicht so! Harry stirbt nicht, und damit..."

Madam Hooch pfiff zum Weiterspielen. Dankbar flog Harry wieder auf seine alte Position, außerhalb der Reichweite der Stimmen der beiden Weasleys. Malfoy war noch nicht auf das Feld zurückgekehrt, er saß mit verkniffenem Gesicht und ziemlich blutiger Nase auf der Bank am Spielfeldrand und betrachtete den alten Schulbesen, den er nun fliegen sollte mit einer Zuneigung, die Harry wahrscheinlich gerade einmal für Drachenmist aufbringen konnte.

Mit Madam Hoochs Pfiff kehrte auch wieder Justins Kommentar zurück. Harry hielt sich in seiner Suche nach dem Schnatz zurück, als er bemerkte, daß die Jäger Slytherin durchaus Paroli bieten konnten. Ron hatte sich weiterentwickelt, zwar war er noch lange nicht auf dem Niveau eines Oliver Wood, aber er konnte immerhin sechs von zehn Versuchen der Slytherins, ein Tor zu schießen, abwehren.

"Quidditch-Neuling Natalie McDonald jetzt mit dem Quaffel... oh, eine Faultierrolle, dieses Mädchen kann fliegen uuuund- nein, Tor verhindert von einem Klatscher!" Natalie war diesem glücklicherweise ausgewichen. Da der Schnatz nirgends in Sicht war und Malfoy noch immer ziemlich mißlaunig am Boden festsaß, beobachtete Harry weiter das Geschehen auf dem Feld.

Die Slytherins, erzürnt über den Verlust ihres Suchers, zogen nun wirklich all ihre Tricks aus dem Ärmel. Sie versuchten, die kleine Natalie zwischen ihren Jägern einzukeilen, hatten aber nicht mit Katie gerechnet, die sich dieser Taktik nur zu gut bewußt war (schließlich spielte sie schon zum fünften Mal gegen Slytherin) und die sich wie ein Raubvogel auf seine Beute von oben auf die drei ineinander verkeilten Jäger herabstürzte. Die Slytherins drehten ab, Natalie paßte zu Ginny- und diese machte ein Tor.

"Potter scheint eine Pause zu machen- hey, Harry, schlaf nicht ein! Malfoy kann dir zwar nicht mehr gefährlich werden, aber diese Klatscher können selbst einen Feuerblitz zu Zunder verarbeiten!" rief ihm Justin via Mikrophon zu. Harry grinste und winkte, als das Stadium in Gelächter ausbrach. Unter ihm waren nun die Slytherins im Ballbesitz. Ron hatte aufgehört, seinen Jägern fuchtelnd und brüllend Anweisungen zu geben und schwirrte hochkonzentriert in engen Achtern um die drei Torringe, die selbst durch Harrys Sonnenbrille hindurch schmerzhaft das Licht reflektierten.

Aber... waren das überhaupt nur die Torringe? Harry verengte die Augen. Das Strahlen schien auf einen kleinen Punkt konzentriert zu sein, einen winzig kleinen Punkt hinter dem rechten Ring. 'Verdammt, Ron... geh da weg!' dachte er, als sein Freund inmitten einer weiteren Acht genau vor diesem Punkt vorbeiflog.

Sein Schatten allerdings war genau das gewesen, was Harry gebraucht hatte, um sich sicher zu sein- das war der Schnatz, der sich fröhlich hinter dem Gryffindor-Tor versteckte. Harry grinste triumphierend- Malfoy war noch auf dem Boden, niemand konnte ihn aufhalten... das würde ein Sieg für Gryffindor werden! Er legte sich flach auf seinem Besen und beschleunigte auf den immer noch still auf der Stelle schwebenden Schnatz zu...

Da pfiff Madam Hooch wieder eine Unterbrechung. Leise vor sich hinfluchend flog Harry noch ein Stück weiter, steuerte dann aber, wie es die Regeln wollten, den Boden an, nicht ohne nach allen Mitgliedern des Gryffindor-Teams Ausschau zu halten. Die Glorreichen Sieben (Harry erinnerte sich, daß Onkel Vernon sehr gerne Westernfilme mit diesem Titel im Fernsehen angesehen hatte und fand, der Name paßte genauso gut auf das rotgekleidete Quidditchteam) waren alle unverletzt und landeten mit verwirrtem Gesichtsausdruck.

Warum Madam Hooch gepfiffen hatte wurde klar, als Malfoy von der Bank wieder aufs Feld kam. Viel von seiner Arroganz war verloren, seine Nase war violett und geschwollen, aber der mörderische Ausdruck in seinen Augen hatte noch zugenommen.

"Slytherin, ihr seid wieder vollzählig!" sagte Madam Hooch. "Das Spiel geht weiter!"

Es war, als hätte die Rückkehr Malfoys beide Teams vollkommen ausgewechselt. Die Slytherins verdoppelten ihre Anstrengungen, genau wie die Gryffindors. Schneller und schneller wurde der Quaffel von beiden Jägergruppen über das Feld gejagt, beide Hüter mußten hochkonzentriert bleiben, um nicht den einen Ball durchzulassen, der dem gegnerischen Team den entscheidenden Vorsprung verschaffen konnte. Der Schnatz war natürlich wieder verschwunden, aber Harry konzentrierte sich voll darauf, ihn wiederzufinden. Malfoy war zurück, und auch auf einem Schulbesen konnte er mit Glück gewinnen- wenn der Schnatz direkt vor seiner Nase auftauchte.

Innerhalb einer halben Stunde schossen die Punkte beider Teams in den dreistelligen Bereich. Slytherin führte mit dreißig Punkten Vorsprung, weil ein gut geschlagener Klatscher von Crabbe Ron dazu gezwungen hatte, die Verteidigung des linken Torringes im entscheidenden Moment aufzugeben. Harrys Nase und Finger fühlten sich taub an, nachdem sie zuvor schon vor Kälte geprickelt hatten. Und noch immer gab es keine Spur vom Schnatz! Die Jäger beider Teams verlangsamten ihr Spiel wieder, selbst von seiner erhöhten Warte aus konnte Harry sehen, daß sie erschöpft waren.

Malfoy hielt sich zurück. Er folgte seinem Sucherkollegen wie ein Schatten, aber Harry wußte, daß er keine Probleme haben würde, den Slytherin abzuschütteln, wenn er den Schnatz erst einmal gesehen hatte. Wahrscheinlich konnte er mit seiner geschwollenen, inzwischen beinahe schwarz verfärbten Nase überhaupt nicht sprechen, jedenfalls hatte er sich bisher noch nicht verbal bemerkbar gemacht.

Unter ihm schoß Katie Bell gerade wieder ein Tor, was Gryffindor wieder auf 210-230 an Slytherin heranbrachte. Harry war langweilig, er fühlte sich langsam wie ein Eiszapfen am Stiel- und so entschloß er sich, noch einmal zu versuchen, was zuvor schon einen so großen Erfolg in Form eines Malfoy-förmigen Abdrucks im Schnee ergeben hatte: er lenkte seinen Feuerblitz in einen Sturzflug.

Der Slytherin folgte ihm dieses Mal wesentlich vorsichtiger. Harry kniff die Augen fest zusammen und streckte, um die Täuschung perfekt zu machen, den linken Arm so weit aus, wie er konnte. Malfoy beschleunigte nun, so gut es sein Schulbesen konnte. Harry grinste schon triumphal in sich hinein. 'Täusch mich einmal, schäm dich, täusch mich zweimal...' dachte er.

Kurz bevor er wieder die kritische Zone, in der es schwer sein würde, den Besen herumzureißen, bevor er auf dem Boden aufschlug, erreichte schob sich eine einzelne, dunstige Wolke vor die Sonne. Der plötzliche Verlust der Helligkeit verwirrte Harry- aber er ließ auch gleichzeitig etwas erscheinen, was sich in den vom weißen Schnee überglänzten Schatten versteckt hatte. Der Schnatz schwebte, glücklich und zufrieden, mitten im Freien auf dem Feld, so knapp über dem Boden, daß die Knie der Sucher wohl den Grund streifen würden, wenn sie versuchten, ihn zu fangen.

"Da?" rief Harry, aber die einzelne Silbe wurde ihm vom Flugwind aus dem Mund gerissen. Seine Augen weiteten sich, er hatte in seiner Freude, den Schnatz endlich entdeckt zu haben, den kritischen Punkt überschritten. Es gab keinen Weg, wie er einen Aufprall verhindern konnte- aber er konnte wenigstens etwas mitnehmen.

Ellenbogen und Knie fest an den Körper gepreßt, riß er mit einer Hand seinen Besen nach oben, so gut er konnte. Malfoy spürte er nicht hinter sich, denn der hatte geglaubt, seinen Trick durchschaut zu haben und war zu spät erst wieder in den Sturzflug gegangen, als auch er den Schnatz erspäht hatte. Der kleine goldene Ball zitterte, er schien gemerkt zu haben, daß jemand ihm auf den Fersen war, aber bevor er verschwinden und seine Verfolger zu einer wilden Jagd zwingen konnte, war Harry über ihm. Seine linke Hand streifte die wild flatternden Silberflügel, schloß sich dann um die goldene Kugel. Gryffindor hatte gewonnen.

Die Erde war nun so nah, daß Harry den Schnee an seinen Knien fühlte. Er würde, genau wie Malfoy, in den Boden krachen- aber... sein Feuerblitz war eines der wenigen Dinge, was ihm von Sirius geblieben war! In einem letzten Akt der Verzweiflung drehte er sich auf den Rücken. Dann schlug ihm etwas Hartes, Unnachgiebiges die Luft aus den Lungen und das Bewußtsein aus dem Kopf.

Als er wieder aufwachte war seine Welt rot. Blutrot. Harry blinzelte und versuchte, das Wattegefühl aus seinem Kopf zu vertreiben. Anscheinend war er momentan begraben unter einem Berg von Gryffindor-Quidditchspielern. Er erinnerte sich daran, daß er beinahe auf dem Boden aufgeschlagen war, aber warum saß er dann auf dem Spielfeld? Er versuchte, seine Arme zu bewegen, und als diese nicht reagierten versuchte er es mit Sprechen. Seine Lippen bewegten sich wie in Zeitlupe, seine Zunge fühlte sich an, als wiege sie eine Tonne, und irgendwie starrte er die ganze Zeit recht dümmlich auf seine linke Hand, in der noch immer der Schnatz lag. Irgendwie hatte er das Gefühl, als sei er nur ein Beobachter der Szene- warum sonst fühlte er es nicht, als Ron ihm auf die Schultern klopfte, warum sonst war Natalie MacDonalds Siegesjubel nur ein fernes Flüstern in seinen Ohren, die ihm doch, wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre, beinahe abfallen sollten weil sie direkt hineinschrie.

Harry fand die ganze Situation eigentlich sehr komisch- da saß er, mitten auf dem Quidditchfeld, ein Beobachter in seinem eigenen Körper, und die anderen schwärmten um ihn herum wie Motten um eine Kerze. Als Madam Hooch, in Begleitung von Madam Pomfrey, sich einen Weg durch die roten Umhänge der Spieler bahnte, versuchte er darum auch, zu protestieren, klarzustellen, daß es ihm gut ging, aber alles, was er zustande brachte war ein haltloses Kichern. Es war auch zu komisch! Ginny versuchte, ihm irgend etwas zu sagen, er konnte sie nur nicht verstehen. Aber sie sah sehr hübsch aus, auch wenn ihre Haare ziemlich unordentlich waren. Genau wie seine. Wer wußte, vielleicht waren sie sogar verwandt? Dann mußte Hermine mit einem Drachen verwandt sein, denn sie schleuderte seine Mitspieler gerade mit Blicken auseinander, die Harry an feuerspeiende Ungarische Hornschwänze erinnerte.

Augenblicklich verflog seine gute Stimmung und er fühlte, wie sich dicke Tränen in seinen Augenwinkeln breit machten. Ein Schluchzer drang aus seiner Kehle- ungarische Hornschwänze erinnerten ihn immer an Cedric! Oh, dieser verdammte böse Voldemort!

Der Gedanke an Voldemort machte Harry sehr, sehr wütend. Was dachte sich dieser Bastard dabei, einfach so seinen Klassenkameraden umzubringen? Warum mußte er überhaupt mordend und folternd durch das Land ziehen? Harry würde es ihm schon zeigen!

Das Team schien da nicht einer Meinung mit ihm zu sein- sie wichen den komischen Windstößen, die aus seinem Körper kamen, mit ziemlich erschrockenen Gesichtern aus, und das wiederum war so komisch, daß Harry schon wieder zu kichern begann.

Etwas Kaltes berührte seine Lippen. Er hörte auf, zu lachen und sah sich einer ziemlich ernsten Madam Pomfrey gegenüber. Sie hielt eine Phiole mit einem Zaubertrank an seine Lippen- aber er wollte nicht schon wieder eines von Snapes ekelhaften Gebräuen trinken. Er schüttelte, so gut es ging, den Kopf und kniff die Lippen fest zusammen. Leider reagierte sein Körper absolut nicht so, wie er wollte und so schmeckte er trotz aller Anstrengungen den bitteren Saft auf der Zunge. Angewidert schluckte er, so schnell er konnte- und plötzlich kehrte die Welt wieder in den scharfen Fokus zurück, den er gewohnt war. Um ihn herum jubelten seine Teammitglieder, vor ihm kniete Madam Pomfrey und starrte ihm eindringlich in die Augen, hinter ihm stand Hermine und rang die Hände, und neben ihm kniete Ginny, ihren Besen noch in der Hand und die andere Hand auf seinem Arm, als wollte sie ihn festhalten.

"Willkommen zurück, Mr. Potter," sagte Madam Pomfrey. Harry schluckte noch zweimal, um den Geschmack des Trankes wenigstens halbwegs loszuwerden.

"Was war los?" fragte er dann, "ich konnte mich nicht bewegen, und alles war so weit weg!"

"Du bist mit ziemlicher Wucht mit dem Kopf auf dem gefrorenen Boden aufgeschlagen," erklärte Hermine, "wir dachten, du bist bewußtlos, aber dann hast du dich plötzlich aufgesetzt und den Schnatz hochgehalten, also dachten wir alle, du bist in Ordnung, aber dann hast du irgendwie angefangen zu lachen, dann zu weinen, dann warst du so wütend, daß du irgendwie einen Wind heraufbeschworen hast, dann hast du wieder gelacht... Madam Pomfrey ist gekommen und meinte, du bist fast bewußtlos, deswegen benimmst du  dich so komisch."

"Fast bewußtlos? Wie kann ich fast bewußtlos sein?" fragte Harry. Die vergangenen Minuten hatten sich zwar angefühlt wie ein Traum, aber er konnte sich  genau an alles erinnern, was vorgefallen war.

"Es war wie ein Wachkoma, Mr. Potter. Wenn ich  Sie nicht behandelt hätte, würden Sie heute Nacht in der Krankenstation eine Gehirnerschütterung auskurieren." Madam Pomfrey stand wieder auf, überzeugt davon, daß ihr Patient gesund war. "So können Sie in Ihren Schlafsaal zurückkehren."

"Danke, Madam Pomfrey," sagte Harry, ein wenig enttäuscht und verletzt, daß sie während des Schuljahres wieder zur alten Formalität gefunden hatte, nachdem sie ihn im Sommer noch beim Vornamen gerufen hatte.

"Das heißt... wir haben unseren Sucher für die Party!" jubelte Ginny.

"Und was für eine Party- wir haben gewonnen, Malfoy hat seinen Besen verloren und hat eine schwarze Nase- wie ein Frettchen!" krähte Ron.

"Ron!" schimpfte Hermine, aber es klang nicht wirklich überzeugend, denn das breite Grinsen auf ihrem Gesicht verriet, daß sie seine Schadenfreude durchaus teilte.

"Schwarznasiges Frettchen? Das ist gut! Malfoy das erstaunliche, hüpfende, schwarznasige Frettchen!" lachte Harry.

"Was habt ihr eigentlich immer mit Malfoy und Frettchen?" fragte Natalie MacDonald.  

Ron nahm es auf sich, sie während der Party über den falschen Mad-Eye Moody, Malfoys Hinterlistigkeit und eine bestimmte menschliche Verwandlung aufzuklären. Es versteht sich natürlich von selbst, daß die Party genau so ein Erfolg wurde wie seine Geschichte- schließlich hatte Gryffindor wieder einmal triumphiert.

 

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"Mein Lord!"

Die schmalen Fugen der öligen Schiefersteine schnitten scharfe Falten in seine schwarze Robe, sein Ehrengewand, während seine Finger zitternd vor Ehrfurcht wenige Millimeter von ihrem Ziel entfernt fast unschlüssig in der Luft schwebten. Zu groß war die Versuchung, den weichen Mantel zu berühren und ihn nie wieder loszulassen. Zu mächtig war die Versprechung der Kraft, die von seinem Meister ausging. Wie konnte er hier vor ihm knien und nicht berührt sein von seiner Macht, seiner Stärke, seiner Unbesiegbarkeit? Wie konnte er ihn nicht verehren, ihm nicht das zuteil werden lassen, was ihm gebührte? Er war sein, mit Körper, Geist und Seele, und selbst wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, er würde sich stets wieder an die Seite seines Meisters stellen. Überwältigend war die Präsenz des mächtigsten Zauberers der Welt vor ihm, er wagte es nicht, den Blick zu heben, war unwürdig, in Gegenwart solcher Größe überhaupt zu existieren und doch erlaubte ihm der Meister, sich ihm zu nähern, seine Kleidung zu berühren, den Saum seines Mantels zu küssen.

Wie Feuer brannte der Stoff auf seinen Lippen. Reinigendes Feuer, die Läuterung des Glaubens in den Flammen der leidenschaftlichen Devotion für den Meister. "Meister!" murmelte er, unfähig, seine Begeisterung stillschweigend zum Ausdruck zu bringen. Auf seinem Arm prickelte es angenehm, das Mal des Meisters, sein Ehrenzeichen, erworben durch Schmerzen und Prüfungen, das Zeichen der Tiefe seiner Loyalität- unauslöschbar, untrennbar mit seiner Seele und seiner Magie verbunden, ein Stück des Meisters, das ganz ihm gehörte.

Widerwillig löste er sich vom Mantel des Meisters, verließ die Ehrenposition zu seinen Füßen und kroch, den Blick immer noch fest auf die fettig glänzenden dunkelgrauen Steinplatten gerichtet, zurück in den Kreis seiner Kameraden, den perfekten Kreis der treuesten Anhänger des Meisters. Sie alle waren mächtige Zauberer- nun, fast alle - sie alle hatten wieder und wieder unter Beweis gestellt, daß sie für ihren Meister und ihre Sache sterben würden. Der Meister ehrte sie vor allen anderen, indem er sie vor ihnen allen rief, ihnen allen die Zeit schenkte, die sie brauchten, um ihn einzeln zu begrüßen. Das Dunkle Mal auf seiner Haut brannte, wand sich feurig auf seinem Arm. Er rief sie, seine anderen Diener, die Untergebenen der Dunkelheit, die Kinder des Schlangentotenkopfes, all seine Todesser.

"Meister... Meister... Meister..." Noch nicht einmal einstimmig konnten sie die Stimme erheben, sie, die noch nicht erleuchtet waren und es wohl auch nie sein würden. Sie waren wie das Vieh, das, dumm und doch zufrieden, einem höheren Zweck diente, indem es unter der Aufsicht seines Herrn graste und heranwuchs. Wie wunderbar schmeckte doch der Geruch ihrer Furcht- ja, sie hatten den wahren Sinn des Lebens noch nicht verstanden, sie fürchteten Schmerzen!- in der Luft, dick und schwer, ein Aphrodisiakum, das fast an die Macht des Meisters heranreichte.

Er unterdrückte ein Stöhnen, konzentrierte sich darauf, jede einzelne Fuge der Steine zu seinen Füßen in sein Gedächtnis einzubrennen. Der Meister rief diese Furcht hervor. Das Vieh wußte, wem es sein Leben verdankte, wer Sterben, Leben, Freude und Leid in der Hand hielt. Im Gegensatz zu ihm hatten sie nur nicht die Stärke, die eine Wahrheit des Lebens zu akzeptieren, die Lehre des Meisters vollkommen anzunehmen. Macht und Stärke waren das Ziel, das über allen anderen stand. Sie zu erlangen erforderte Opfer. Einige würden dieses Gesetz nie verstehen, sie waren unrein, zu dumm oder den Worten des Meisters nach einfach verdorben und mußten ausgemerzt werden. Sie standen den wahren Herrschern der Erde im Weg mit ihrer dreckigen kleinen Welt, einer Welt ohne Magie, und sie wagten es auch noch, sich in das Herz seiner Welt, der Welt des Meisters einzuschleichen und sich dort breitzumachen.

Schlammblüter- das war ein noch zu gutes Wort, um diese Parasiten zu beschreiben. Sie waren ein Geschwür in der Weltordnung, wie sie sein sollte, und ein Geschwür mußte aus dem Körper geschnitten werden, sonst würde er sterben. Der Meister wußte dies, der Meister war weise. Er war mächtig. Er war der Herrscher.

"Meine Todesser!" Ein wohliger Schauer lief über seinen Rücken. Dies war sie- die Stimme des Herrn. Er sprach nicht laut, er mußte es nicht. Seine Macht war so groß, daß ein Atemzug ausreichte, um aller Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Endlich wagte auch er es, seinen Blick zu heben. Die roten Augen des Meisters bohrten sich in seine Seele, prüften ihn auf Herz und Nieren, schmerzhaft in ihrer Intensität. Er leistete der Prüfung keinen Widerstand, legte seine Seele und seinen Körper auf den Altar, nackt wie am Tage seiner Geburt. Der Blick des Meisters prüfte ihn, urteilte über ihn und fand ihn würdig.

Neben ihm wanden sich seine Kameraden, seine Brüder im Geiste unter der Prüfung, zitterten in der Angst, für unwürdig befunden zu werden. Ihr Herzschlag raste so wie der Seine, vereint unter dem Zeichen des Meisters.

"Meine Todesser, die Zeit ist gekommen, uns zu erheben." So einfach, so klar seine Sprache! Groß war der Meister, und seine Taten würden die Welt erschüttern!

"Wieder und wieder haben Dumbledore und sein Orden versucht, unsere Pläne zu stören." Zischen, Ausrufe der Abscheu, des Widerwillens. Der Meister ließ es zu. Er wartete, bis die Schauder abgeklungen, die Wut wieder zu aschbedeckten Kohlen heruntergebrannt war.

"Doch wir haben gesiegt. Dreizehn Jahre habe ich in der Verbannung gelitten, habe gewartet auf den Moment des Triumphes, und nun ist er gekommen. Begrüßt mit mir unsere neuen Verbündeten, meine Todesser- sie werden uns auf dem Weg zum Sieg begleiten!"

Aus dem Nichts tauchten drei schattenhafte Gestalten auf. Ihre schwarzen Mäntel ließen sie mit der Nacht verschmelzen, ihre Hagerkeit, die ausladenden Schritte und schwarzen Haare wiesen noch deutlicher als die totenbleiche Haut und die brennenden rot-braunen Augen darauf hin, was genau ihre Natur war. Er unterdrückte seinen Impuls, sie zu verfluchen, damit sie dem Meister den nötigen Respekt erwiesen, unterdrückte sein Bedürfnis, deutlich zu machen, wie sehr sie ihn anwiderten. Sie waren die Fürsten der Nacht- gefürchtet von den Menschen, gehaßt von den Zauberern; ausgestoßen aus der Gesellschaft hatten sie sich ihre eigene geschaffen, in ihren Clans. Und nun hatte der Meister in seiner unendlichen Weisheit sie aus dem Exil gerufen, damit sie an der Seite seiner Getreuen die Welt revolutionierten.

"Meister! Es sind... Vampire!" Neben ihm, wie er scheinbar geborgen unter seiner weißen Maske und dem weichen, schwarzen Stoff seines Mantels, im Schutz derselben komfortablen Anonymität die der Meister ihnen allen schenkte konnte sein Kamerad nicht verhehlen, wie sehr er diese Kreaturen verachtete. "Kreaturen! Wie können wir..."

Der Meister war nicht erfreut. Wie ein Wirbelsturm sammelte sich seine Magie, sein Ärger spürbar für sie alle. "Luciussss, mein schlüpfriger Freund...es scheint, als hättest du deinen Platz vergessen. Die Herren sind meine Gässste. Vergiß das nicht noch einmal. Crucio!"

Die Kapuze fiel vom platinblonden Haare des stolzen Mannes, der mehr als jeder andere von ihnen den Stolz der neuen Ordnung zu repräsentieren glaubte. Sein Körper wand sich in schmerzerfüllten Zuckungen, seine Stimme schrie seine Agonie zum Himmel, heiß tropfte rotes Blut aus Schnitten in seinen Handflächen auf den gefrorenen Steinboden; Tränen, hervorgerufen von seinen manikürten Fingernägeln, geweint als Buße für seine Sünden.

"Vergiß nie wieder, wo dein Platz ist, Luciusss." Der Meister war barmherzig, nach nur wenigen Sekunden hob er seinen Zauberstab und entließ Malfoy aus seiner Folter.

"Mein Lord... Meister..." Lucius war atemlos, kniete hilflos vor dem Meister auf dem Boden, wohin ihn seine Zuckungen getragen hatten. "Verzeiht mir, bitte." Sein Kopf war gesenkt, sein Stolz für den Moment gebrochen. Der Meister hatte ihn an seinen Platz verwiesen, wohin er nun zurückkehrte, kriechend wie es angemessen war.

"Meine Herren, verzeihen Sie die Unterbrechung. Es wird nicht wieder vorkommen," sagte der Meister, zu den drei Herrschern der Vampirclans gewendet.

"Es ist nicht so, als käme dies selten vor." Der größte der drei Vampire schlug seine Kapuze zurück, enthüllte noch mehr bleiche Haut, blutleere Lippen und jene abnormal vergrößerten Eckzähne, die so charakteristisch für seine Rasse waren. Elfenbeinernen Dolchen gleich ragten sie aus beiden Mundwinkeln, schimmerten im Schein der wenigen Fackeln, die der Meister als Beleuchtung duldete. Mit einer Verbeugung fuhr er fort.

"Wir sind Eurem Ruf gefolgt, um uns Euch  anzuschließen, mein Lord, doch wir erwarteten keine Wunder." Er hatte einen auffälligen, osteuropäischen Akzent, der jedoch durch seine lispelnde Stimme gemildert wurde.

"Mein Lord, wir haben Euch ein Geschenk zu machen." Nun trat der zweite der Vampirfürsten vor, kleiner gewachsen als der erste. Auch aus seinem Mund ragten seine Tötungswerkzeuge, doch seine Stimme war noch zischender, tonloser als die seines Vorgängers. Er verbeugte sich ebenfalls, verharrte einen Moment und machte dann dem dritten der Vampire Platz.

Schlanker als seine beiden Begleiter hatte dieser das Auftreten eines wahren Fürsten. Sein Blick hielt eine ähnlich hypnotisierende Macht wie der des Meisters, und obgleich er in seinem Aussehen am Ehesten einem jungen Mann entsprach, fühlte doch jeder der Anwesenden die unheimliche Kraft, die er ausstrahlte. Seine Eckzähne ragten nur einen Millimeter über seine Unterlippe hinaus, doch seine blutroten Augen erzählten von den Tausenden, die ihm zum Mahle gereicht hatten. Dies war er, der Großfürst aller Nosferati.

"Mein Lord." Er sprach im Gegensatz zu den beiden anderen sauberstes Oxford-Englisch. Die erdverbundenen Untertöne in den präzisen Silben verliehen seiner Stimme den vollen magischen Effekt, den nur die ältesten und mächtigsten Vampire besaßen- die Macht, durch Worte allein Menschen in seine Gewalt zu bringen, sie seinem Zauber zu unterwerfen und ins Verderben zu führen. Seine Verbeugung war kurz, kaum mehr als ein Kopfnicken, doch noch erstaunlicher war, dass der Meister sie erwiderte.

"Vlad Drakul."

"Erlaubt mir, Euch bei eurer Suche behilflich zu sein. Auf dem Kontinent haben wir Zugriff auf viele alte Texte, die hier auf den Inseln nicht erhältlich sind. Nachdem wir von der bedauerlichen Sturheit des Rhodosius Custo erfuhren haben wir in unseren Bibliotheken nach den Schriften gesucht, die Euch  dienen könnten. Erlaubt mir, sie in Eure Obhut zu geben. Darüberhinaus ist uns zu Ohren gekommen, daß Ihr auf der Suche nach einem speziellen magischen Artefakt in Form eines Talismans seid. Wir haben uns erlaubt, Euch auch diesbezüglich Informationen zur Verfügung zu stellen." Der Vampir stieß ein beinahe unhörbares Zischen aus, das schmerzhaft durch seine Ohren fuhr, das den Meister jedoch nicht zu berühren schien. Neben ihm zuckte Malfoy zusammen, widerstand nur mit Mühe der Versuchung, seine Hände über die Ohren zu pressen. Unter den treuesten Dienern des Meisters war sein Finanzier derjenige, der die Lehre des Meisters noch am wenigsten verstand. Selbst die ekelerregende wimmernde Ratte, die der Meister als seinen Favoriten erkoren hatte zeigte mehr Verständnis als der blonde Aristokrat.

Seine Aufmerksamkeit wurde wieder auf den Schatten hinter dem Thron des Meisters gelenkt. Zwei weitere Vampire traten hervor, bleich, kalt und düster wie ihre Fürsten. Sie sprachen nicht, ihre Augen blieben gesenkt. Sie stellten die Truhe ab, die sie zwischen sich getragen hatten, und nach einer Verbeugung vor dem Meister und ihren Fürsten zogen sie sich  wieder zurück, verschmolzen mit der Dunkelheit bis nur noch das gelegentliche Glänzen ihrer Fänge und der roten Augen sichtbar war. Hätte er nicht gewußt, daß sie anwesend waren, er hätte sie nicht bemerkt.

Der Meister öffnete die schweren Eisenschlösser auf dem altersgeschwärzten Eichenholz mit einem Schlenker seines Zauberstabes. In den Tiefen der Truhe schien sich etwas zu befinden, das er sehr zu schätzen wußte, denn seine Miene entspannte sich, und wieder fühlte er das zufriedene Prickeln seines Males auf dem linken Arm. Der Meister war hoch erfreut.

"Ich danke euch, meine Freunde. Meine Todesser, seht eure neuen Verbündeten. Mit ihnen gemeinsam werden wir die Welt von der Seuche der Muggel befreien. Kein Schlammblut wird unserer Wut entkommen. Dumbledore und Hogwarts werden unseren vereinten Kräften nicht lange standhalten. Die neue Ordnung ist endlich bereit, ans Licht zu treten. Wir wurden in den Schatten verbannt, doch unsere Zeit ist gekommen!" Der Meister erhob sich von seinem Thron, seinen Zauberstab in der Hand, seine Augen voller Feuer. Seine Stärke gab ihm und all seinen Kameraden neue Zuversicht, beflügelte sie in ihrer Überzeugung.

"Meister! Meister! Meister!" skandierte er mit den anderen in einem dumpfen Murmeln. "Meister!" Zu seiner Rechten stand Lucius Malfoy, Strafe vergessen, das Feuer in seinen stahlgrauen Augen entfacht. "Meister!" Zu seiner Linken wand sich die Ratte in wohliger Verzückung. Und neben ihr... stand seine Frau, seine wunderschöne Frau, die Augen geschlossen, den Schwanenhals nach hinten gebogen, versunken in der Ekstase der Anerkennung des Meisters.

"Meister!" Er selbst konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, so stark war das Gefühl, Teil von etwas zu  sein. Mochten die vergangenen Jahre auch voller Dunkelheit, Folter und Verzweiflung in den Händen der Dämonen gewesen sein, mochte dieser verdammte Potter auch wieder und wieder durch  ihre Finger schlüpfen, dies war die wahre Macht. Dies war der Meister in all seiner Pracht. Und er konnte ihm nicht widerstehen- wie sollte er auch?

"Meister!"

"Geht nun, meine Todesser, doch seid bereit, wenn ich euch wieder zu mir rufe. Wurmschwanz, du weißt, was du zu tun hast." Die Ratte kroch  auf den Knien zum Meister. Er hatte wohl wieder Verwendung für seine besonderen Talente- doch seltsamerweise fühlte er in diesem Moment nicht den Biß der Eifersucht wie sonst. Zu sehr erfüllte ihn noch der Rausch der Gewißheit, nun endlich die verhaßten Muggel vom Angesicht der Erde tilgen zu können.

"Geh, Rodolphus!" Tadel in der Stimme des Meisters- oh, wie sehr wünschte er sich, bleiben zu können, doch er konnte es nicht, wollte nicht den Zorn des Meisters auf  sich herabrufen, oh, so furchterregend, der Zorn des Meisters, so...-

 

 

Es war ein Gefühl, das er lieber nicht erlebt hätte. Abgesehen von den inzwischen beinahe schon gewohnten Schwindelanfällen und stechenden Kopfschmerzen aus seiner Narbe fühlte er sich vollkommen ausgelaugt, beschmutzt, als hätte er etwas verloren. In seiner Kehle brannte die bittere Galle, die fremden Gefühle, die seinen Körper übernommen hatten schlichen wie Gift durch seine Adern. Niemals, in seinem ganzen Leben noch nicht hatte er sich so nackt gefühlt, ausgenutzt, alt. Die fanatischen Gedanken des Todessers, seine devote Verehrung eines grausamen, rassistischen Tyrannen schnitten Harry selbst im Nachhinein noch die Luft ab.

Die Übelkeit brandete höher, als ein Echo der Anbetung des Rodolphus Lestrange durch seine Narbe zuckte. Seine erschöpften Muskeln protestierten lauthals als er sich auf die Seite rollte, seinen Kopf über die Bettkante hängen ließ. Die Krämpfe wollten nicht nachlassen, sein Magen entleerte sich in reißenden Zuckungen, er erstickte an seiner eigenen Erinnerung, und selbst, als nur noch die brennende Säure seinen Mund verätzte konnte er nicht aufhören, wieder und wieder zu würgen.

Seine Narbe war ein Brandmal auf seiner Stirn, das dumpfe Pochen hinter seinen Augen wurde an der Rückseite seines Schädels gespiegelt und vervielfältigte sich in unendlicher Reflexion in seinem Gehirn. Die Welt ohne seine Brille war ein verschwommener Alptraum aus grauem Schatten und schmerzhaft hellen Lichtpunkten. Seine Hände, schweißnaß, klammerten sich hilflos an sein Bettzeug, und noch immer spürte er diese Gedanken in sich, diese Gefühle, diese...

"Harry?" Deans Stimme klang müde, verzerrt durch die Schmerzen, die ihn durchzuckten, zu laut und dennoch merkwürdig gedämpft. "Was ist los?"

"Was is'n?" Nevilles Stimme gesellte sich hinzu. Harry biß sich auf die Zunge, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Er fühlte sich zu schwach, um sich wieder zurück in sein Bett zu hieven und hing so in prekärer Balance halb in der Luft, halb noch in den verwickelten Decken.

Ein Wimmern drang von irgendwoher an seine Ohren, erst lange nachdem er es hörte realisierte Harry, daß es aus seiner Kehle drang, aber er fand nicht die Kraft, es zu unterdrücken.

"Harry? Verdammt, Kumpel, was ist? Ist es wieder Du-weißt-schon-wer?" Rons Hände griffen unter seine Achseln, hoben ihn auf und legten ihn auf den Rücken. Der Raum schwankte bedenklich, dunkle Flecken stahlen sich über sein Blickfeld. "Harry? Bleib da, Kumpel, bleib wach!"

Er bemühte sich, er bemühte sich wirklich. Er wußte, es gab etwas, das er tun mußte, aber die Abscheu vor sich selbst war so stark, daß seine Hände wie von selbst begannen, an seiner Narbe zu kratzen, zu versuchen, mit dem erhitzten, roten Blitz auch die Erinnerungen aus sich heraus zu reißen. Eisenklammern fingen seine krallenden Finger ab, bogen sie auseinander, zwangen seine Arme flach auf die Decke. Seine Magie wehrte sich dagegen, seine Haut fühlte sich an, als würde sie gleich in Flammen aufgehen und die Fenster des Schlafsaales explodierten unter seiner verzweifelten Angst in einem Schauer aus buntem Glas. Die eisige Nachtluft, der Geruch von Schnee, die naßkalten Windböen, die in den Schlafsaal drangen konnten das Feuer nicht bändigen, und letztendlich mußten Ron und Dean seine Schlafanzugärmel hinunterstreifen, um ihn überhaupt noch berühren zu können.

"Nein, nein!" flehte er, doch seine Freunde ließen ihn nicht in Ruhe. Obwohl auch sie leise zischten, wann immer sie seine nackte Haut berührten hielten sie ihn mit Hilfe der Decken und seiner Kleidung nach unten, so gut es ging. Immer wieder krampften sich all seine Muskeln zusammen, sein Rücken bog sich in einem Halbkreis über der purpurroten Überdecke in einem Versuch, der inneren Qual zu entgehen.

"Harry! Wach endlich auf, Kumpel! Wir sind es- Seamus, ruf' Madam Pomfrey. Neville, versuch' McGonagall zu erreichen, McGonagall oder Dumbledore. Sag ihnen, es ist Harry! Harry, du mußt aufwachen, bevor... bevor der ganze Schlafsaal explodiert!" Ron klang verängstigt, so, als könnte er nicht fassen, daß er, Harry, es war, der die Zerstörung um ihn herum hervorrief. Er wußte, daß seine Freunde da waren, er war wach! Er konnte sich nur nicht aus dem Alptraum reißen, der die Gedanken dieses... feigen Mörders waren. Ein Mörder... ein Mörder... ein Mörder...

Er mußte zum Mörder werden. Würde er dann auch so denken, auch so fühlen, auch so...? 'Sirius, hilf mir!' Aber niemand kam und half ihm, das Licht des hellsten Sternes war verloschen. In ihm brannte es weiter, seine Magie kämpfte mit aller Macht gegen die Fesseln der Vernunft, die er ihr auferlegt hatte und brach  teilweise frei. Mit einem gequälten Aufschrei warf er eine Hand über seinen Kopf. Der Himmel seines Bettes fing Feuer, wurde von Neville gerade rechtzeitig mit einem Wasserstrahl aus dessen Zauberstab gelöscht, bevor er auf die vier Jungen unter ihm fallen konnte.

"Mr. Potter!" Professor McGonagall kam in den Jungenschlafsaal gestürmt, die Haare aus ihrem üblichen strengen Knoten gelöst, die Brille halb schräg auf der Nase, ein Bügel vom Ohr herabhängend, der andere nur knapp dem Sog der Schwerkraft widerstehend, einen Tartan-Bademantel über ein weißes Nachthemd geworfen. Harry versuchte, sein Gesicht ganz in ihre Richtung zu drehen und obwohl die Schmerzen noch immer kaum erträglich und das Gefühl der Übelkeit noch immer überwältigend war, schaffte er es, die Kontrolle über seinen Körper zurückzubekommen. 

"Professor!" stieß er hervor. Langsam beruhigte sich seine Magie wieder, ließ sich zurückdrängen in jenen Ball aus weißem Licht, aus dem sie hervorging und unterlag wieder ganz seinem Willen. Seine überanstrengten Muskeln und Sehnen waren zwar immer noch verkrampft, aber er konnte sie wenigstens wieder fühlen und sich bewusst dazu bringen, sie zu lockern.

"Mr. Potter, was geht hier vor?" fragte Professor McGonagall scharf. Ihre Aufmachung- Harry bemerkte abwesend, daß unter ihrem Bademantel pinkfarbene Plüschhausschuhe hervorlugten- tat ihrer Autorität keinen Abbruch.

"Es war... Harry hat sich herumgeworfen, darum bin ich aufgewacht. Dann mußte er sich plötzlich erbrechen, und dann... dann hatte er diesen... Anfall." Dean gab sich sichtlich Mühe, seine Erschütterung zu verbergen.

"Mr. Potter?" Professor McGonagall sah ihn scharf über den Rand ihrer Brille hinweg an, die nun wieder streng und gerade auf ihrer Nase saß.

"Es war... anders als bisher... wo... Professor Dumbledore?" fragte Harry, der sich bemühte, Ordnung in seine wirren Gedanken zu bringen.

"War es einer von diesen Träumen, Harry?" fragte Ron besorgt. Harry nickte, erleichtert, daß sein bester Freund an seiner Seite stand und wenigstens halbwegs verstand, was vorgefallen war. Der Traum war keinem anderen gleich gewesen- sicher, er hatte mehrmals aus der Sicht Voldemorts gehandelt, hatte durch seine Augen gesehen, aber er war immer noch durch einen dünnen Schild von ihm getrennt gewesen. Noch niemals hatte er auf so brutale Weise eine Gedankenwelt kennengelernt, die der seinen so vollkommen fremd war. Noch nie war er ohne jeden Schutz in einen anderen Geist eingedrungen, hatte ihn so vollständig besessen und zu seinem Eigen gemacht. Er wußte wie es war, wenn man einen Teil der Magie, einen Teil der Persönlichkeit eines Dunklen Lords wie Tom Vorlost Riddle in sich trug. Er wußte was es hieß, einem anderen mit Leib und Seele ergeben zu sein.

Und auch wenn er einer von Voldemorts Dienern gewesen war, so wußte er doch, was Voldemorts nächster Schritt war, was der nächste Plan war. Die Vampire, dunkle Kreaturen in ihrer Natur, hatten seinem Ruf Folge geleistet und sich an seine Seite gestellt. Mit ihnen hatte Voldemort mächtige Verbündete gewonnen, die nicht nur unter Zauberern Angst und Schrecken verbreiteten- selbst die Muggel hatten ihre Legenden über Vampire, insbesondere über jenen Fürsten, der sie alle anführte, ihren ungekrönten König Vlad Drakul.

Harry kicherte hysterisch. Wer hätte gedacht, daß einmal Dudleys Obsession mit Horror-Filmen dazu führen würde, daß er, Harry, einen neuen Verbündeten seines Erzfeindes identifizieren konnte? 'Verrückte Welt, nicht, Sirius?'

Vielleicht wurde er ja verrückt. Vielleicht war es ein Zeichen seiner nachlassenden geistigen Gesundheit, daß er nun auch noch durch die Augen der Todesser träumte. Oder...?

"Mr. Potter! Sie sind ja vollkommen hysterisch!" Er lachte. Um sein Bett standen mittlerweile noch mehr Menschen als zuvor. Seamus' Rufen hatte Poppy Pomfrey durch das schulinterne Flohnetzwerk in den Gryffindor-Turm eilen lassen. Ihre Stirnfalten vertieften sich, als sie sich über ihn beugte.

"Aber Madam Pomfrey, Sie haben mich doch Harry genannt, erinnern Sie sich nicht mehr? Weil ich Ihre Ferien ruiniert habe... weil ich vom Ligusterweg weggelaufen bin und sie mich gefangen haben... ich weiß jetzt, was sie gedacht haben, Madam Pomfrey! Aber ich muß unbedingt Professor Dumbledore sprechen!" Es war der einzige klare Gedanke, den er fassen konnte. Er mußte mit Professor Dumbledore sprechen.

"Mr. Pott- Harry," Madam Pomfrey reagierte auf Harrys hochgezogene Augenbraue, "du bist in einem Schockzustand. Du wirst mit niemandem sprechen, bevor du nicht diesen Beruhigungstrank getrunken hast!"

"Immer her mit der Brühe," meinte Harry. Die seltsame silbrige Wolke der Hysterie, auf der er sich hielt, ließ ihn gutgelaunt nach der Phiole mit dem dreckigbraunen Trank greifen. Er schüttelte sich, als dieser in seiner wunden Kehle brannte.

"Gut, Mr. Potter. Können Sie mir jetzt sagen, ob Sie Schmerzen haben?" Harry schüttelte den Kopf, der langsam wieder unangenehm klar wurde.

"Kopfschmerzen, aber sonst nichts," sagte er.

"Gut." Madam Pomfrey wischte mit ihrem Zauberstab über seine Stirn. "Ihre Narbe ist wieder einmal gereizt, aber bis auf eine leichte Migräne scheinen Sie tatsächlich in Ordnung zu sein. Wenn das alles ist...?" Sie sah zu Professor McGonagall hin, die mit einem Nicken andeutete, daß die Schulkrankenschwester sich wieder schlafen legen konnte. "Er sollte morgen keine großen Anstrengungen haben- versuchen Sie, ihn von allen komplizierten Zaubern abzuhalten. Gute Nacht." Harry glaubte, sie noch etwas unterhalb der Hörschwelle grummeln zu sehen, etwas von wegen 'wegen nichts und wieder nichts aus dem Bett gerissen', aber er achtete nicht mehr auf sie, als sie durch die Tür verschwand.

Stattdessen richtete er seine Aufmerksamkeit auf den mittlerweile mit der halben Bevölkerung von Gryffindor gefüllten Schlafsaal und eine nur halb beruhigte Minerva McGonagall. "Sie alle kehren sofort zu Ihren Betten zurück- wer in dreißig Sekunden nicht in seinem eigenen Schlafsaal ist, verliert zwanzig Punkte für Gryffindor. Mr. Weasley, Sie sind verantwortlich. Potter, folgen Sie mir."

Harry nickte und versuchte, aufzustehen, nur um wieder von einem Schwindelanfall zurück in die Kissen geworfen zu werden.

"Hier, lass mich dir helfen!" Neville stütze ihn und stellte ihn so langsam aufrecht, daß nicht alles Blut sofort aus seinem Kopf entwich.

"Mr. Longbottom, begleiten Sie uns!" schnappte Professor McGonagall, doch selbst Ron erkannte in ihrem brüsken Ton die Sorge um ihre Schützlinge. "Worauf warten Sie alle noch? Auf eine schriftliche Einladung? Marsch in die Betten!"

Ron übernahm in seiner Rolle als Vertrauensschüler die Verantwortung für die entsetzten jüngeren Schüler, die wie versteinert und mit weit aufgerissenen Augen in der Tür zum Schlafsaal der Sechstklässler standen. Mit energischen, aber sanften Bewegungen scheuchte er sie hinaus und in ihre eigenen Zimmer. Dean und Seamus hatten währenddessen schon ihre Zauberstäbe gezückt und begannen damit, die einzelnen Fenster durch Reparo-Zauber zu reparieren.

"Potter, Longbottom, folgen Sie mir!" Neville legte Harrys rechten Arm um seine Schultern und wankte gemeinsam mit ihm die Treppen hinunter und durch die nächtliche, einsame Schule bis sie vor dem schlafenden Wasserspeier anhielten, der den Zugang zu Dumbledores Büro bewachte.

"Lakritzkobolde!" Professor McGonagalls Stimme ließ keinen Raum für Fehler oder gar Zögern, und obwohl der Wasserspeier unwillig grummelte und kaum die Augen öffnete, drehte er sich doch auf der Stelle und gab den Weg für die vorbeieilende Hexe frei. Harry, noch immer nur halb bei Bewußtsein, stolperte auf Neville gestützt die Treppe hinauf.

Dumbledore hatte wohl auf sie gewartet. Trotz der fortgeschrittenen Stunde glitzerten seine Augen wie immer, als er Harry und Neville an der Tür begrüßte und hereinbat. Fawkes der Phoenix räkelte sich verschlafen auf seiner Schulter und schien sich nichts daraus zu machen, daß sein rotgoldenes Gefieder einen ziemlich... scharfen Kontrast zu Dumbledores bonbonrosafarbener Schlafrobe und Nachtmütze bildete.

"Harry, was ist?" Dumbledore ignorierte die beiden anderen Gryffindors so vollkommen daß Harry ahnte, welch schrecklichen Anblick er bieten mußte.

"Vision," sagte er knapp. Dumbledore nickte wissend.

"Minerva, Neville, könntet ihr uns alleine lassen?" bat der Schulleiter. Professor McGonagall schnaubte wenig erfreut, aber der besorgte Blick, mit dem sie ihre beiden müden Schüler bedachte, strafte ihre Fassade lügen. "Und Neville- danke, daß du Harry hier hinaufgeholfen hast."

"Besser, wir kehren in den Turm zurück, Longbottom," meinte Professor McGonagall. Neville nickte, doch seine Augen verließen nicht einen Moment die gebeugte Gestalt seines Hauskameraden.

"Bist du in Ordnung, Harry?" fragte er. Seine Stimme zitterte zwar- es war für ihn nicht ganz einfach, in Gegenwart des großen Albus Dumbledore und seiner Hauslehrerin zu sprechen, aber für seinen Freund überwand er alle Hindernisse. Harry versuchte, ihm ein aufmunterndes Grinsen zu schenken- schließlich zeigte Neville nicht jeden Tag seinen Gryffindor-Kern- aber bestenfalls konnte er seine Mundwinkel einen Millimeter heben. Neville interpretierte dies jedoch wohl als Zeichen, daß alles in bester Ordnung war, oder sein würde, und verabschiedete sich  von Dumbledore mit einer Verbeugung.

"Albus, bist du sicher, daß...?" fragte Professor McGonagall.

"Vollkommen sicher," erwiderte Dumbledore. "Ich denke, es ist besser, wenn du bei Neville bleibst, Minerva. Was er erlebt hat, kann nicht einfach für ihn gewesen sein." McGonagall stimmte ihm da wohl zu, denn wenig später waren der Schulleiter und Harry alleine.

"Nun, Harry- was hast du gesehen?" fragte Dumbledore. Harry schloß die Augen. Sofort überkam ihn wieder das ekelhafte Gefühl, in einem anderen Körper zu sein, andere Gefühle zu leben. Seine Hände verkrampften sich und er würgte reflexartig. Alles war so kalt, so weit entfernt... nichts, was ihn halten konnte, er trieb wieder auf den Abgrund zu...

Wärme flutete durch seine Brust. Himmlischer Gesang zog ihn aus den eisigen Wassern seiner Selbstverdammung. Zitternde Finger lösten sich voneinander und fanden die weichen, glänzenden Federn des Phoenix, der auf seinem Schoß gelandet war. Fawkes' Kopf rieb an seiner Wange, die schwarzen, weisen Augen des Phoenix starrten mitleidig in seine eigenen.

"Ich... es war anders als zuvor," sagte Harry. Fawkes' Gegenwart tröstete ihn und verlieh ihm eine Distanz zu dem, was er gesehen und erlebt hatte, die sonst nur die Zeit bringen konnte. Der Phoenix agierte als Schild zwischen ihm und seinen Emotionen, so kam es Harry vor, aber er dachte nicht lange darüber nach, sondern machte lieber das Beste aus Fawkes' Opferbereitschaft.

"Ich war Rodolphus Lestrange," sagte er. Dumbledore zuckte sichtlich zusammen. "Ehrlich, Sir, ich habe meine Okklumentik nicht vernachlässigt. Es war... ich weiß auch nicht, wie ich in seinen Körper gelangen konnte. Es kam mir vor, als sei ein Teil von mir in ihm, also muß es doch über meine Verbindung zu Voldemort gewesen sein. Und ich... ich  habe gesehen, was er gesehen hat und gefühlt, was er gefühlt hat, und..." Harry atmete tief durch. All dies waren eigentlich keine Informationen, die Dumbledore benötigte. Es war mitten in der Nacht und der Schulleiter war sicher müde und hatte nicht den Vorteil eines Phoenix auf seinem Schoß. Er sollte wohl besser zur Sache kommen.

"Sir, Voldemort hat die Vampire auf seine Seite gezogen. Sie haben sich  ihm angeschlossen. Vlad Drakul selbst hat ihm ein Geschenk überreicht, eine Truhe mit alten Schriftrollen aus Europa, die ihm helfen sollen, Rhodosius Custos Schutzmaßnahmen zu umgehen und einfach so an die Quelle zu gelangen. Außerdem Texte über den Talisman des Ourouboros, die hier in Britannien nicht zu finden sind und..."

"Harry!" Dumbledores Hand auf seiner Schulter brachte ihn dazu, Atem zu schöpfen, seine angespannte Konzentration zu durchbrechen. Fawkes schmiegte sich dichter an ihn, er wirkte recht besorgt. Harry musste seine Atmung gewaltsam beruhigen, denn er hatte angefangen zu hyperventilieren.

"Harry, du solltest besser von vorne beginnen," sagte Dumbledore sanft. Er setzte sich neben seinen Schüler, ließ seine Hand ständig auf Harrys Schulter ruhen. "Du hast im Körper von Rodolphus gesteckt und...?"

Es dauerte mehr als eine Stunde, bis Harry endlich mit seiner Erzählung am Ende angelangt war. Die gemeinsame Kraft von Fawkes und Dumbledore brachten ihn dazu, seine Gefühle preiszugeben, zu enthüllen, wie beschmutzt er sich fühlte, wie benutzt, wie... innerlich tot. Er haßte die Todesser, sich wie einer zu fühlen war eine schlimmere Strafe als Askaban.

Dumbledore war eine verstehende, beruhigende Präsenz neben ihm. Er half ihm, an den Stellen, an denen Harry fast nicht mehr weitersprechen konnte vor Selbsthaß und Abscheu, seinen Faden wiederzufinden, er stützte ihn, als er sich wieder übergeben mußte weil er nicht ertragen konnte, einem seiner schlimmsten Feinde so nah gewesen zu sein und er beruhigte ihn, als er letztendlich beinahe wieder so hysterisch war wie beim Erwachen im Schlafsaal.

"Harry..." Eine Träne sickerte in Dumbledores silberweißen Bart. Er hielt den erschöpften jungen Zauberer im Arm. Mitgenommen von den Ereignissen der Nacht war Harry endlich eingeschlafen, nachdem er seine Tränen zurückgekämpft und Fawkes' beruhigendem Lied gelauscht hatte. Er hatte nicht einmal realisiert, daß er noch immer in den Armen seines Schulleiters geborgen lag. "Mobilicorpus," sagte Dumbledore sanft, ohne die Hände zu bewegen. Harrys schlafender Körper hob sich in die Luft und folgte dem Schulleiter durch die vereinsamte Schule. Es würde besser sein, wenn der Junge am Morgen in seinem vertrauten Schlafsaal erwachte.

Harry wachte halb auf, als Dumbledore ihn auf seinem Bett absetzte und seinen Zauber beendete. "D'nke, P'fessor," murmelte er. Dumbledore deckte ihn eigenhändig zu. Die anderen Jungen schliefen schon, obwohl sich aus ihrem halb zugedeckten Zustand erkennen ließ, daß sie versucht hatten, auf Harry zu warten. Er bewegte die Hände, und mit einem unausgesprochenen Kommando legten sich auch ihre Decken über ihre Beine.

"Gute Nacht, schlaft gut," sagte er leise, das Glitzern in seinen Augen nicht wie sonst von Fröhlichkeit hervorgerufen.

Ron schüttelte Harry am nächsten Morgen wach. Er fühlte sich zwar wie gerädert, aber gemessen an dem, wie er sich in der Nacht gefühlt hatte, war das ein großer Fortschritt. Er stöhnte leise als er sich bewußt wurde, daß er sein gesamtes Morgentraining verschlafen hatte. Aber wie man zu sagen pflegte hatte es keinen Sinn, über verschüttete Zaubertränke zu weinen. Darüberhinaus hatte er schließlich einen wirklich guten Entschuldigungsgrund. Seine Mundwinkel hoben sich fast unmerklich bei diesem Gedanken- schon wirkten die grauenhaften Erinnerungen der Nacht wie ein alter Alptraum, nicht zuletzt dank Fawkes' Eingreifen.

"Kommst du? 'Mine und Ginny warten bestimmt schon auf uns." Ron spielte unsicher mit einem losen Faden an seinem Uniformärmel. Wie auch seine anderen Schlafsaalkameraden war er sich nicht sicher, wie er Harry behandeln sollte. Harry grinste einfach, verbannte, was er erlebt hatte, und schlüpfte in die Rolle des normalen Teenagers.

"Ginny vielleicht, aber Hermine sicher nicht. Wie ich sie kenne sitzt sie auf ihrem Bett und liest noch einmal unseren Stoff für heute durch- und vergißt das Frühstück!" Ron grinste zurück, offensichtlich erleichtert, daß sein bester Freund keine bleibenden Schäden von dem Erlebten davongetragen hatte und schlich sich so nahe wie möglich an die Treppe zum Mädchenschlafsaal heran (bis zu dem Punkt, an dem sie sich in eine Rutsche verwandeln würde).

"Hermine! FRÜHSTÜCK!" brüllte er, so laut er konnte. Von oben kamen ein paar erschreckte Quiekser, der Krach von Gegenständen, die herunterfielen und ein entschieden unmädchenhafter Fluch.

"Ron Weasley! Was fällt dir ein?" Hermine kam mit knallrotem Gesicht, außer Atem und (natürlich) beladen mit ihrer Büchertasche voller Hausaufgaben die Treppe heruntergestürmt. "Die arme Natalie hat beinahe einen Herzinfarkt bekommen!"

"Sorry, 'Mine," murmelte Ron, aber er klang alles andere als entschuldigend. Hermine blitzte ihn noch einen Moment länger an, dann jedoch entspannten sich ihre Gesichtszüge unerwartet.

"Ist schon in Ordnung," sagte sie ruhig, "wenn du mich nicht gerufen hättest hätten wir wahrscheinlich das Frühstück verpaßt."

'Kneift mich, ich träume,' dachte Harry.

Trotz ihres Sieges im Quidditch am Tag zuvor und obwohl Wochenende war, war die Stimmung am Gryffindor-Tisch an diesem Morgen eher gedrückt. Harry, Ron und Hermine bekamen nur ein gemurmeltes "Guten Morgen" von Seamus und Dean, die über ihr Marmalade-Toast hinweg Harry argwöhnisch beäugten, als könnte dieser jeden Moment wieder einen Anfall haben. Harry hielt die Augen gesenkt und las in Hermines Zauberkunst-Buch (in Ermangelung eines besseren Alibis). Daß seine Klassenkameraden plötzlich unruhig wurden und ihre Aufmerksamkeit statt auf ihn, auf etwas anderes in der Großen Halle richteten, machte ihn jedoch ein wenig mißtrauisch. Er hob den Blick von Hermines Text (der bunt und mit tausenden von Randbemerkungen versehen war) und begegnete dabei den Augen eines noch ziemlich jungen Kobolds, der ungeduldig seitlich halb hinter ihm stand.

"Mr. Potter?" fragte der Kobold. Harry zog eine Augenbraue hoch.

"Ja, Mr....?" fragte er zurück.

"Grappleclaw," sagte der Kobold in den brüsken Tönen, die generell akzeptabel für den Umgang mit Zauberern schienen.

"Mr. Grappleclaw, was kann ich für Sie tun?" Harry erinnerte sich, daß die Kobolde wichtige Verbündete waren; nun, da Voldemort die Vampire an seiner Seite hatte noch mehr als vorher, und daß er sie mit der größten Höflichkeit behandeln sollte.

"Sie wissen nicht, wer ich bin?" fragte Grappleclaw, sichtlich ein wenig vor den Kopf gestoßen.

"Ich... es tut mir leid, nein." Harry war sich fast hundertprozentig sicher, diesen Kobold noch nie gesehen zu haben, geschweige denn von ihm gehört zu haben.

"Ich bin Ihr persönlicher Sekretär- von meiner Tätigkeit wurden Sie doch sicher informiert? Gut. Meine Kompetenzen reichen für diesen Fall nicht aus, im Rahmen meiner Arbeitsbedingungen bin ich daher genötigt, Sie direkt zu kontaktieren, da ich nicht zur Ablehnung oder Annahme von Geschäftsmöglichkeiten befugt bin." Dem Kobold schmeckte das überhaupt nicht. Harry glaubte, sich zu erinnern daß die stolzen und kämpferischen Kobolde ihre kriegerischen Neigungen in die Geschäftswelt übertragen hatten und daß es daher fast schon eine Beleidigung darstellte, einem Kobold keine Gelegenheit zu lassen, selbständig zu investieren oder zu handeln.

"Ich... entschuldigen Sie, das wußte ich nicht," sagte er daher, "um was für eine Art von Geschäft handelt es sich denn?"

"Sind Sie sicher, daß Sie das hier vor aller Augen besprechen wollen?" Der Kobold blitzte ihn beinahe wütend an. Es verärgerte ihn wohl zutiefst, daß er gezwungen war, einen inkompetenten Menschen wie Harry hinzuzuziehen, wenn es um Geldangelegenheiten ging. Harry hob beschwichtigend die Hände.

"Err... nein, eigentlich nicht. Haben Sie, keine Ahnung, ein Büro oder so etwas?" Grappleclaw schnaubte.

"Folgen Sie mir!"  Zum zweiten Mal in vierundzwanzig Stunden trottete Harry hinter einem ziemlich unwirschen, schweigsamen Führer her, nur, daß er dieses Mal keinen Neville zur Unterstützung dabei hatte. Was, wenn dieser Kobold ein Abweichler war, der sich auf Voldemorts Seite...?

"Hier hinein." Oh. Das war wohl nicht der Fall. Ein geätztes Metallschild an der Außenseite der Tür war mit Grappleclaws Namen und 'Sekretär' beschrieben. Und Professor McGonagall hatte schließlich versprochen, ihm einen Sekretär einzustellen, der sich um seine Post kümmerte.

"Uh... um was geht es jetzt?" fragte Harry, sobald er ein wenig unbequem auf dem ausgemusterten Klassenzimmerstuhl vor Grappleclaws massivem Schreibtisch saß.

"Sie haben ein Angebot von Cadbury's bekommen," sagte Grappleclaw. Harry blinzelte. Cadbury? Das war ein Süßwarenhersteller. Was wollten die von ihm?

"Aber das ist doch eine Muggelfirma!" entfuhr es ihm.

"Eine weit verbreitete falsche Annahme," meinte Grappleclaw. "Diese Firma stellt nicht nur Süßwaren für die Muggelwelt her, sie sind auch die Produzenten von Produkten wie Schokoladenfröschen und Kürbissaft. Hogwarts bezieht seinen Kürbissaft fast ausschließlich von Cadbury's."

"Oh," machte Harry. "Und was wollen sie von mir?" fragte er im Nachsatz.

"Die Marketingbeauftragten von Cadbury's möchten das Recht der Vermarktung Ihres Bildes in einer bestimmten Art und Weise erwerben," sagte Grappleclaw. Harry blinzelte wieder wie eine Eule mit Sonnenallergie.

"Uh... könnten Sie das in Normalsterblich wiederholen?" fragte er. Grappleclaw seufzte. Anscheinend war seine Geduld von Harry schon ziemlich strapaziert worden.

"Sie wollen Ihr Bild auf die Schokofroschkarten drucken," sagte Grappleclaw betont langsam.

"Mein Bild? Aber warum? Ich dachte, nur Zauberer wie Dumbledore oder Merlin oder Morgana haben eine Schokofroschkarte!" Grappleclaw funkelte böse.

"Die Gründe für Ihr Bild auf den Karten interessieren mich nicht. Das hier ist der vorgeschlagene Text. Ein Bild wird von einem Photographen erstellt werden, Sie haben die endgültige Auswahlhoheit- Sie dürfen sich für das beste Bild entscheiden. Lesen Sie und sagen Sie mir, ob Sie an dem Geschäft interessiert sind."

Harry versuchte wirklich sein Bestes, sich durch ein zwanzigseitiges Legaldokument durchzuwühlen, doch mit Ausnahme des kurzen Absatzes, der auf seine Karte gedruckt werden sollte konnte er nicht wirklich einen Sinn in den Bandwurmsätzen erkennen.

"Err... Mr. Grappleclaw, könnten Sie vielleicht einfach... sagen, ob das ein gutes Angebot ist oder nicht? Was ist das mit diesen 'Tantiemen' und einem 'Seltenheitsbonus' und 'Vorbehalt nachträglicher Änderung im Fall des Eintretens unvorhergesehener Ereignisse'?"

"Sie bekommen einen Knut pro zehn Karten mit Ihrem Bild, Sie werden eine weniger seltene Karte sein, die mit der Zeit seltener und damit wertvoller wird, das bedeutet, in fünf Jahren bekommen Sie einen Knut pro fünf Karten, sollten Sie sterben wird das auf die Karte gedruckt," rasselte Grappleclaw uninteressiert herunter.

"Und das nennen die 'Eintreten unvorhergesehener Ereignisse'?" Harry war geschockt.

"Eine zutreffendere Umschreibung ist schwer zu finden wenn der Geschäftspartner der Junge, der lebt ist."

"Und ist das nun ein gutes Angebot oder nicht?" wiederholte Harry seine Frage.

"Es scheint... akzeptabel," erwiderte Grappleclaw, "vorbehaltlich Ihrer Einwilligung in den Text."

"Ach so," sagte Harry und las noch einmal den Absatz durch, der letztendlich auf seine Karte gedruckt werden sollte.

 

Harry Potter

- auch genannt: der Junge, der lebt -

Bekannt für seinen Sieg über Du-weißt-schon-wen im Alter von einem Jahr und seinen Sieg im Trimagischen Turnier mit vierzehn, gehört Potter zu den berühmtesten Zauberern unserer Zeit. Er ist der bisher jüngste Empfänger eines Ordens des Merlin, zweiter Klasse (voraussichtlich).

In seiner Freizeit spielt Harry Potter mit Vorliebe Quidditch oder genießt die Gesellschaft seiner Freunde.

 

Es war kein schlechter Text- aber Harry war nicht damit zufrieden. "Das... ist nicht richtig," sagte er. "Ich habe das Turnier nicht gewonnen, nicht alleine, Cedric... kann ich den Text ändern?" Grappleclaw nickte, sein Gesichtsausdruck ein wenig freundlicher.

"Feder," sagte er knapp und deutete auf eine Adlerfeder, die schon im Tintefaß schwebte. Harry bedankte sich und kritzelte, die Zunge im Mundwinkel, eine Korrektur in den Text.

"So, das ist besser!" sagte er. Bekannt für seinen Sieg über Voldemort im Alter von einem Jahr und den mit Cedric Diggory gemeinsam errungenen Hogwarts-Doppelsieg im Trimagischen Turnier mit vierzehn... stand nun in Harrys krakeligen Buchstaben über der durchgestrichenen Zeile. Grappleclaw streckte die Hand aus, und Harry reichte ihm wortlos das Pergament.

"Sie werden es nicht so drucken," sagte der Kobold mit einem deutlichen Schaudern. Harry nickte.

"Ich weiß, aber ich will es wenigstens versuchen. Diese Angst vor Voldemorts Namen muß aufhören." Er fröstelte, erinnerte sich daran, wie ein Todesser das sah und schluckte schwer. "Voldemort kann nicht zu einer Art Gott werden, nur weil ihn niemand beim Namen nennt!"

Grappleclaw zuckte zusammen. "Ich... kann Ihren Standpunkt nachvollziehen. Aus geschäftlicher Sicht ist Ihre Version des Textes jedoch außerordentlich unweise. Ich empfehle Ihnen, diese eine Änderung wieder rückgängig zu machen. Sie-wissen-schon-wer wird einen solchen Affront nicht ruhen lassen. Ihre Geschäftspartner werden sich diesem Risiko nicht aussetzen wollen."

"Dann sollen sie mir noch einmal schreiben, warum genau sie Voldemorts Namen nicht drucken wollen und ich antworte dann. Aber so, wie sie geschrieben haben werde ich den Textvorschlag genau so zurückschicken, wie ich ihn korrigiert habe." Harry wußte genau, daß Voldemorts Name nie in gedruckter Form erscheinen würde. Aber wenn er irgendwie konnte würde er durchsetzen, daß wenigstens sein echter Name, Tom Vorlost Riddle, anstelle des lächerlichen Anagramms auf seiner Karte stehen würde. Der größere Schock, das Anagramm ausgeschrieben zu sehen, mußte dem milderen Vorschlag jedoch vorangehen, wenn dieser Erfolg haben sollte.

"Es ist Ihr Verlust," murrte Grappleclaw.

"Ich habe noch eine Bitte," sagte Harry, einer plötzlichen Eingebung folgend. Der Kobold nickte.

"Sprechen Sie."

"Könnten Sie... ich meine, ich habe überhaupt keine Ahnung von Geld und Geschäft und Recht, Mr. Grappleclaw. Solange es sich nicht um einen Text handelt, den ich vertreten muß, könnten Sie meine Angelegenheiten auch in diesen Dingen regeln? Ich würde Ihnen natürlich ein höheres Gehalt zahlen," fügte er hastig hinzu.

"Sie wollen, daß ich Ihre Geschäfte übernehme?" Der Kobold schien nicht abgeneigt, aber Harry versuchte dennoch, ihn weiter zu überzeugen.

"Nur die per Post, natürlich. Und natürlich nur, wenn Sie wollen."

"Gut." Grappleclaw nickte. Er wirkte beinahe erleichtert, daß er sich ab jetzt nicht mehr mit Harry herumschlagen mußte, wenn es um einfache, klare, schöne Geschäfte ging.

"Err... und was ist mit der Gehaltserhöhung?" fragte Harry vorsichtig.

"Ich werde sie mit Ihrer Hauslehrerin verhandeln," sagte Grappleclaw. "Ihre Versicherung, daß Sie sie mir gewähren wird ausreichen. Unterschreiben Sie hier!" Er streckte Harry ein Dokument entgegen, das sich beim Durchlesen als halbwegs verständlich herausstellte und das Grappleclaw eine Vollmacht für alle Transaktionen geschäftlicher Art, in denen Harrys Person nicht in vermarktbarer Weise vertreten war, ausstellte. Harry kritzelte, so schnell er konnte, seinen Namen darunter. Auch er war erleichtert, daß er nun nicht mehr gezwungen war, seitenlange Verträge durchzulesen.

"Danke."

"Mr. Grappleclaw? Ich danke Ihnen, und... nennen Sie mich bitte Harry," sagte Harry als der Kobold ihn zur Tür hinauskomplimentierte.

"Harry." Sein Sekretär hatte ihm wohl verziehen, denn für einen Kobold hatte er ein beinahe freundliches Grinsen aufgesetzt. Zumindest knallte die Tür hinter ihm nicht so laut zu, wie er es erwartet hatte.

"Geschafft!" Harry lehnte sich erschöpft an die Wand. Die beinahe schlaflose Nacht machte sich jetzt bemerkbar, und er mußte nicht allzu lange nachdenken, bevor er sich entschied, daß ein kleiner Mittagsschlaf auf seinem Bett im Turm eigentlich ganz gut klang. Mehr als gut klang. Um ehrlich zu sein, es war so ziemlich das Einzige, was er momentan tun wollte. Schließlich hatte er noch ein DA-Treffen am Abend geplant. Er änderte das Datum auf den Münzen und machte es sich bequem, überlegte sich noch einmal genau, was er mit seinen Schulkameraden üben wollte. Sie hatten inzwischen ein ganz gutes Repertoire an Verteidigungszaubern. Auf Drängen Hermines hatte er sogar versucht, den älteren Mitgliedern den Scutum-Schild beizubringen, aber er hatte sofort damit aufgehört als Padma und Hermine sich gefährlich nahe an die magische Erschöpfung gebracht hatten.

Hermine hatte daraufhin nicht nachgelassen, bis sie nicht herausgefunden hatte, warum dieser Schild so schwer zu lernen war. Ihrer Recherche nach war Scutum eine Abkürzung für den eigentlichen Zauberspruch- Conjuro scutum, und das Heraufbeschwören von Gegenständen aus der Luft war eines der schwersten Gebiete in der Verwandlung. Um einen so großen Gegenstand wie einen Schild aus dem Nichts zu erzeugen, mußte man sich unglaublich konzentrieren und entweder magisch stark oder sehr geübt sein.

Hermine hatte natürlich bereits am nächsten Tag damit begonnen, Professor McGonagall nach immer mehr Übungen zum Beschwören zu fragen. Wenn sie so weitermachte, würde sie wahrscheinlich noch vor den Weihnachtsferien Harrys Schild übertreffen. Aber Harry kümmerte das nicht. Er hatte seine Mitglieder lieber weiter auf Zusammenarbeit und Gruppen-Zauberei getrimmt, in der Annahme, daß ihnen dies wohl eher zugute kommen würde, wenn noch einmal eine Attacke wie in Hogsmeade stattfand. Er ließ keine Gelegenheit aus, zu betonen, daß Diana und Blaise ihm das Leben gerettet hatten, weil sie einen guten Gruppenschildzauber geschafft hatten. So widerwillig wie die DA zu Anfang gewesen war, so eifrig waren sie jetzt. Hogsmeade hatte ihnen allen einen Schrecken eingejagt, der dank ihres Zusammenhaltes zu mehr Begeisterung und Einsatz führte als selbst Umbridges Terror.

Trotzdem wurden sie langsam ungeduldig. Außer den Standard-Flüchen und Zaubern kannten sie noch keine Angriffszauber, und sie hatten gesehen, was die Todesser anrichten konnten. "Verteidigung ist gut und schön," hatte Neville nach dem letzten Treffen gesagt, "aber wenn wir uns nur verteidigen, können wir nicht gewinnen, und mit Tarantallegra bringen wir die Todesser nur zum Lachen!"

Harry mußte ihm zustimmen, und darum hatte er sich für diesen Abend vorgenommen, die DA-Mitglieder nach ihren Vorlieben zu fragen und ihnen einen Feuerball-Zauber beizubringen. Natürlich nicht den dunklen Ignis tenebricosus, den Voldemort bei ihrem Duell in Hogsmeade eingesetzt hatte, sondern einen etwas weniger starken, harmloseren aber dafür nicht schwarzmagischen Feuerzauber. Er hatte ihn zwar selbst erst vor ein paar Tagen gelernt (in Vorbereitung auf Remus' nächste Stunde in einer Woche), aber er war zuversichtlich, daß er ihn der DA beibringen konnte. Es war schließlich kein so komplizierter Vorgang wie die Apparation!

Mit diesen Überlegungen schloß Harry endlich die Augen und ruhte sich ein wenig aus. Zumindest schaffte er es, eine Stunde lang ungestört zu schlafen bevor Ron und Ginny ihn wachrüttelten und zu einem kleinen, freundschaftlichen Quidditch-Match nach draußen schleppten. Ginny und er spielten beide Jäger und traten gegen Ron an, der als Hüter die Torringe verteidigte. Zunächst schaffte Harry es noch ganz gut, sich gegen Ginny zu behaupten, doch wie er später feststellte, lag dies daran, daß sie sich noch nicht an die Überlegenheit seines Feuerblitz gewöhnt hatte. Sobald sie die höhere Geschwindigkeit und aggressivere Flugweise des Suchers durchschaut hatte, schaffte es Harry eigentlich kaum mehr, ihr den Quaffel abzunehmen. Und wenn er ihn einmal hatte, war da noch Ron, der genau wie seine Schwester seine wenigen Jägertricks bald in- und auswendig kannte und seine Würfe nicht mehr an sich vorbeiließ. Innerhalb einer Stunde lag er hoffnungslos zurück. Als Hermine nach draußen kam, um nach ihnen zu sehen (weil es schon langsam dunkel wurde) hatte er aufgehört zu zählen und jagte nur noch hilflos hinter einer lachenden Ginny her, die mit einer scharfen Drehung auf dem Besen den Quaffel rückwärts über die Schulter durch Rons linken Torring schoß.

"Wollt ihr nicht langsam reinkommen?" rief Hermine.

"Warum? Harry ist gerade so schön am Verlieren!" lachte Ginny.

"Was?"

"Ja, mit 60 zu 250 Punkten!" rief Ron.

"Mir ist kalt, das ist der Grund," grummelte Harry.

"Ja, ja, such du nur weiter nach Entschuldigungen. Ich bin einfach gut!" Ginny streckte ihm die Zunge heraus, fing dann den von Ron geworfenen Quaffel und flog zum Boden. "Aber du hast recht- es ist verdammt kalt. Ich könnte noch eine schöne heiße Schokolade vor dem DA-Treffen gebrauchen."

"Ich frage Tinsy, ob sie uns welche in den Gemeinschaftsraum bringt," bot Harry an. Hermine zog eine mißbilligende Grimasse.

"Ach, 'Mine, du weißt genau, daß Harrys Elfe ziemlich beleidigt wäre, wenn er sie nicht fragt!" sagte Ron. Hermine sah einen Moment lang so aus, als wolle sie das erste Fallbeispiel für die Selbstentzündung einer Hexe liefern, zuckte dann gequält mit den Schultern.

"Na gut- aber nur, wenn sie wirklich will. Und du solltest sie fragen, ob sie wirklich nicht lieber frei sein will, Harry." Harry nickte brav, aber er wußte, daß er genau das nicht noch einmal fragen würde. Zu lebhaft waren ihm noch Tinsys Tränen in Erinnerung, als er es das letzte Mal versucht hatte.

Tinsy überschlug sich beinahe vor Freude, daß ihr Harry sie um etwas bat. Sie und Dobby tauchten zu zweit im Gemeinschaftsraum auf, mit heißer Schokolade, in der kleine Mashmallows schwammen für alle Gryffindors, dazu Scones mit Butter und kleinen Sandwiches.

"Was für ein Service!" mampfte Dean über seinem Verteidigungs-Aufsatz (den Harry glücklicherweise schon am Freitag fertiggestellt hatte). 

"Sklavenarbeit!" hustete Hermine hinter ihrer Hand hervor, aber sie hatte dennoch ein Scone in der Hand und nippte elegant an ihrer Schokolade.

Die Gryffindors gingen gemeinsam zum DA-Treffen. Nachdem die Geheimhaltung ihres Clubs nun nicht mehr die höchste Priorität war (die DA war nur kein offizieller Club, weil nicht alle Schüler Mitglied werden sollten und weil die Mitglieder keine Einmischung der Lehrer wollten) mußten sie auch nicht mehr darauf achten, nicht verdächtig zu wirken und konnten als Gruppe auftreten.

Die Ankündigung, daß sie nun endlich mit dem Üben der Offensive beginnen würden, wurde so enthusiastisch aufgenommen, daß Harry sich fragte, warum er nicht schon früher nachgegeben hatte. Die DA-Mitglieder machten Vorschläge, die vom verbotenen Silberpfeilzauber (früher von Fans der Appleby Arrows favorisiert) über die Idee, ihre Stiefel wie Klatscher zu verzaubern (die Dennis Creevey hatte) bis hin zu dem Wunsch, Harrys Repertoire an Schneideflüchen (das dank seines Quasi-Duells mit Stevenson bekannt war- um einen Zauber zu blocken, mußte man ihn gut kennen) zu erlernen, reichten. Der Feuerballzauber, der einen ganzen Schwarm kleiner, aggressiver Feuerbälle aus dem Zauberstab des Zaubernden steigen ließ, war gleichzeitig eine gute Gelegenheit, auch das Ausweichen und Ducken zu üben. Am Ende ihres Treffens waren alle ein wenig angesengt, ziemlich außer Atem und sehr ausgelassen.

Harry war zufrieden- selbst die Zweitklässler hatten es am Ende geschafft, wenigstens zwei Feuerbälle abzuschießen, und Blaise hatte sogar eine besondere Neigung zum Feuer entdeckt. Seinem Zauber hatte selbst Harry nicht ausweichen können. Die ganze DA war in brüllendes Gelächter ausgebrochen, als seine Haare Feuer gefangen hatten- und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hatte Ginny ihn mit einem Eiszauber gelöscht, nach dem er eiskalt, naß und zitternd, mit versengten Augenbrauen und von der Hitze lockigen Haaren in der Mitte des Raumes gestanden hatte. Zum Glück hatte Hermine Mitleid und zauberte ihm eine warme Decke.

Das DA-Treffen hatte Harry so in Atem gehalten, daß er beinahe nicht mehr daran dachte, was er in der letzten Nacht im Traum gesehen hatte. Doch als sie alle abends in ihren Betten lagen und die Dunkelheit durch die Vorhänge drang, als er seine Okklumentik-Übungen mit fast religiösem Eifer durchführte, fühlte er sich plötzlich wieder einmal vollkommen alleine, wie ein winziger, unwichtiger Teil des Universums. Seine Konzentration brach, und um sie wiederzugewinnen, kauerte er sich einmal mehr auf seinem Stammplatz auf dem Fenstersims zusammen. Die Nacht war trüb, schneeschwere Wolken hingen, erleuchtet vom Schein des Mondes hinter ihnen fast bis hinunter zu den Zinnen der Türme von Hogwarts. Harry stupste seine Brille mit dem Ringfinger der rechten Hand höher auf seine Nase und seufzte, während er mühsam eine Erinnerung nach der anderen an ihren Platz hinter den weißen Wänden beförderte.

'Jeder kann aufgeben; es ist die einfachste Sache der Welt. Aber sich zusammenzureißen, wenn jeder es verstehen würde, daß man auseinanderfällt, das ist wahre Stärke.' Er erinnerte sich nicht mehr an das Buch, in dem er diesen Satz gelesen hatte, doch in diesem Moment, in dem er an seiner eigenen Identität zweifelte, half er ihm, sich festzuhalten und sich daran zu erinnern, wer er war und was er war.

Seine Freunde schlummerten schon friedlich  in ihren Betten- und mit seinem neu gefundenen Seelenfrieden konnte Harry ihnen bald Gesellschaft leisten.

 

... to be continued ...

 please review!

Information:

 

(1) Eine Planche ist eine lange rechteckige Fechtbahn, sie besteht aus einem ziemlich dünnen, rutschfesten Material und wird auf einer Rolle aufbewahrt (so ähnlich wie eine Turnmatte, nur nicht flauschig und nicht abfedernd). Sie hat bestimmte, vorgeschriebene Maße und ist nichtleitend (damit kein Treffer angezeigt wird, wenn ein Fechter mit seiner Waffe die Planche anstelle des Gegners trifft). Linien an beiden Enden zeigen an, wo die Fechter sich aufzustellen haben, wird die Linie mit beiden Füßen überschritten gilt das Gefecht als verloren. An einer Längsseite der Planche stehen der Schiedsrichter und ein Trefferzähler (für Turniergefechte bzw. Übungsgefechte mit elektrischen Waffen), sie werden zwischen den beiden Gegnersaluten gegrüßt.

(2) Dieser Satz stammt nicht von mir sondern von KlassikRadio Moderator Christian Eckinger. Damit wurde J. Depps Rolle in 'Pirates of the Caribbean' beschrieben... aber es hat eben so schön gepaßt, also habe ich den Ausdruck kurzerhand ganz dreist übernommen.

(3) Imperturbatio ist die offizielle Übersetzung des imperturbable charm. Von Harry-auf-deutsch wird dieser mit 'Störschutzzauber' übersetzt.

(4) oculus heißt zwar wörtlich übersetzt 'Auge', wurde aber im Film für 'Brille' verwendet, also habe ich es so übernommen. occaeco= ich mache (etw.) dunkel

Yay, Dumbledore/Fawkes/Harry-Fluff! Ich gebe zu, nach OotP hatte ich eine ziemlich lange Zeit eine ziemliche Wut auf Dumbledores Charakter- aber dann habe ich etwas Entscheidendes gelernt: wir sind alle nur Menschen, egal, wie talentiert. Thusly... sagen wir es so: ich liebe Fluff, und ich war der Meinung, daß Harry sich ein kleines bißchen menschliche Wärme von seiner 'Großvater-Figur' verdient hat. Und ich mag Fawkes!

Nelis Soundtrack:

  The Last Night of the Proms 2003 – Live from The Royal Albert Hall

The Lion King – The Broadway Musical (Live Recording)

Harmony- The official Athens 2004 Olympic Games Classical Album

F. Liszt: Widmung/ Klaviersonate in b-moll (beides gespielt von Yundi Li... zusammen mit Lang Lang einer meiner neuen Lieblingspianisten. Widmung hab ich übrigens auch selbst wieder drauf °grins°)

 Elvis Presley: You are always on my mind o:p>

Vangelis: Conquest of Paradise, 1492 OST (ich mag schnulzige Musik, aber ich hasse schnulzige Filme?)

Peter Pan: OST (Live version, nicht Disney)

Herbert Grönemeyer and The World Quintet: Trauer (sooooo schön!)

Nächstes Kapitel:

Harry hat nur wenige Erinnerungen an seine Eltern und seinen Paten, aber ein Geschenk von Remus schafft dem ein wenig Abhilfe. Zwischen den Herausforderungen seines Stundenplans und dem Mysterium des Talismans bleibt nur wenig Zeit, die Vergangenheit zu erforschen. Der Orden des Phoenix mischt sich ein, das Ministerium beginnt, zu handeln und eine Hommage an meinen deutschen Lieblingsautor- freut euch also auf Das Handbuch des Herumtreibers, coming soon to a computer screen near you!

Es war ein schwarzes Notizbuch, das in etwa so aussah, wie Harry sich Sirius' 'kleines Schwarzes Buch' vorstellte, von dem Remus ihm erzählt hatte und in dem sein Pate jede seiner 'Eroberungen' festgehalten hatte. Angeblich hatte Sirius sogar einen zweiten Band beginnen müssen, noch bevor er nach Askaban gekommen war... Im Gegensatz zu diesen kleinen schwarzen Büchern enthielt das in Harrys Händen jedoch keine Geheimnisse, die ihren Leser direkt zum Nachsitzen (oder in den Ankunftsbereich von von ihren Besitzern extrem beschleunigter menschlicher Extremitäten) bringen würden sondern eine Anleitung zum direkten Weg nach Askaban. Gehe nicht über Los, ziehe nicht 4000 Mark ein-Geheimnisse...

 

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