| Virgin Biographie
David Sylvian begann seine
Karriere als Texter, Komponist und Sänger der Band Japan, eine der eigenständigsten
englischen Bands der späten 70er und frühen 80er Jahre.
Obwohl Japan einige Jahre lang
einen unterschwelligen Kultstatus inne hatte, erlebte die Band erst 1982 mit ihrem
bahnbrechenden Album Tin Drum" den Durchbruch. Ihr größter Chart-Hit stammt
von diesem Album: der hervorragende und nachdenkliche Song "Ghosts", welcher in
den englischen Charts bis auf Platz drei vorstieß.
"Ghosts" zu schreiben war
ein Wendepunkt für mich", sagt Sylvian. "Vieles, was wir mit Japan geschaffen
hatten, war auf List gegründet. Mit diesem Song fühlte ich jedoch einen Durchbruch; ich
spürte, daß ich damit etwas sehr Ehrliches ausgedrückt hatte, und dies auf eine Art
ausdrücken konnte, ohne mich dabei übermäßig verwundbar zu fühlen." Die
Entscheidung zu einer Solokarriere fiel kurze Zeit danach "da ich wußte, daß ich
meine eigene Stimme finden mußte, und auch weil ich verschiedene Freundschaften mit
anderen Musikern schließen wollte!"
Der japanische Komponist Ryuichi
Sakamoto, der bereits an einem der früheren Alben der Band mitgearbeitet hatte, bat
Sylvian Anfang 1983, eine Vokalversion der Filmmusik zu "Merry Christmas Mr.
Lawrence" zu schreiben und zu interpretieren. Das Ergebnis, "Forbidden
Colours", war Sylvians erster Erfolg in den internationalen Charts. "Besonders
beeindruckte mich Ryuichis breitgefächertes musikalisches Repertoire und seine
Fähigkeit, dieses in die Praxis umzusetzen. Besonders bei Orchesterarrangements, mit
denen ich zu der Zeit wenig Erfahrung hatte." Seitdem
war Sakamoto eine Quelle der
Inspiration und der Hilfe.
Im August 1983 begann
Sylvian mit den Aufnahmen zu seinem ersten Soloalbum "Brilliant Trees" in den
Hansa Studios in Berlin. Als Gastmusiker fanden sich neben Sakamoto auch Holger Czukay
ein, der idiosynkratische Bassist der deutschen Avantgarde-Band Can. Ferner Jon Hassell
und Kenny Wheeler zwei der innovativsten Trompeter aus der Welt des experimentellen Jazz.
Eine gewisse Kontinuität entstand durch die Zusammenarbeit mit Schlagzeuger Steve Jansen
und Keyboarder Richard Barbieri, beide Ex-Mitglieder Japans. Die poetische Stärke
Sylvians Gesangs und seiner Texte wurde durch außergewöhnliche Arrangements
unterstützt. "Brilliant Trees", das im Juni 1984 erschien, eroberte sofort
Platz 4 der englischen Charts.
Bevor er sich seinem nächsten
Soloalbum widmete, wandte sich Sylvian wieder seiner anderen Leidenschaft, der visuellen
Kunst, zu. Erst veröffentlichte er "Perspectives", ein Buch mit Polaroid
Collagen (limitierte Auflage) und anschließend drehte er einen Dokumentarfilm, der auf
einer Fotoaustellung inTokyo basiert.
Der Soundtrack zu diesem Film
,Preparations For A Journey" enthält Material von Ryuichi Sakamoto, Masami Tsuchiya
und Steve Jansen, sowie traditionelle Stücke des inzwischen bekannten Bulgarischen
Frauenchors. Zurück in London, überarbeitete Sylvian Teile des Soundtracks mit Holger
Czukay, Robert Fripp und Kenny Wheeler unter dem neuen Titel "Steel Cathedrals".
Dieser wurde zusammen mit einem neuen Instrumentalstück Ende 1985 als Teil einer
EP veröffentlicht, die auch ein neues, von Jon Hassell (Words With The Shamans)
aufgenommenes Instrumentalstück enthält. "Nach "Brilliant Trees" wollte
ich die Beziehung zu Jon Hassell und Holger Czukay vertiefen, indem wir Themen aufgriffen
und ausarbeiteten, die während der Aufnahmen zu diesem Album entstanden. Denn alles was
ich mache, könnte das Samenkorn meines nächsten Projekts beinhalten.", erklärt
Sylvian.
Während der Hektik der Aufnahmen,
die die meiste Zeit des Jahres 1985 in Anspruch nahmen, bereitete Sylvian mit Hilfe
anderer Mitmusiker sein zweites Soloalbum vor. Für "Gone To Earth" setzte er
sich mit den Gitarristen Robert Fripp und Bill Nelson in Verbindung, die beide
Schlüsselrollen bei der Entstehung des Progressive Rock gespielt hatten. Das Doppelalbum
"Gone To Earth', welches sieben Gesangsstücke und zehn Instrumentalstücke enthält,
erntete bei seiner Veröffentlichung im September 1985 den gleichen Kritikerbeifall
wie seinerzeit "Brilliant Trees".
Die darauffolgenden 18 Monate
erwiesen sich für Sylvian als eine sehr produktive Phase und bald darauf hatte er eine
Menge Auswahl neuen Songmaterials geschrieben. Diesmal arrangierte er die Stücke
hauptsächlich für akustische Instrumente wie Streich-, Holz- und Blasinstrumente. Sein
langjähriger Wegbegleiter Ryuichi Sakamoto arbeitete bei den Aufnahmen eng mit ihm
zusammen. Produziert wurden sie von Steve Nye im Miraval Studio in Südfrankreich. Wie
gewöhnlich hatte Sylvian ein hochkarätiges Musikerteam zusammengestellt: Danny Thompson
am Kontrabaß, Phil Palmer an der Akustikgitarre, Danny Cummings, Percussion, Mark Isharn
an Trompete und Flügelhorn, David Torn an der E-Gitarre und Steve Jansen an Schlagzeug
und Percussion. Wegen der gebändigten Virtuosität der Band, hob das entstandenen Album
"Secrets Of The Beehive" (im Oktober 1987 veröffentlicht) den textlichen
Inhalt seiner Songs um so stärker hervor, die dadurch sehr persönlich und ungeheuer
reizvoll waren. Für die nächsten zehn Jahre sollte dies Sylvians letztes Soloalbum
gewesen sein. "Nach "Secrets" rückte die Musik in meinem Leben erstmal in
den Hintergrund", gesteht Sylvian. Ich mußte mich erstmal mit meinen persönlichen
Problemen auseinandersetzen". Für die folgenden Jahre beschränkte er sich darauf,
an verschiedenen Projekten teilzunehmen. So arbeitete er zwischenzeitlich gemeinsam mit
Holger Czukay in dessen Studio in Köln an improvisierten Auftritten mit Jaki Liebezeit
und Michael Karoli (beide ehemalige Mitglieder der Band Can) und mit Markus Stockhausen,
Sohn des bekannten Komponisten. Die Aufnahmen mit Czukay "Plight and
Premonition" (März 1988) und "Flux and Mutability" (September
1989) erschienen auf dem Venture Label. Eine Solotournee im Jahre 1988 "In
Praise of Shamans" führte durch achtzig Städte auf der ganzen Welt mit Sylvian als
Frontmann einer siebenköpfigen Band.
1989 wurde das von dem
Künstler Russell Mills gestaltete 5-CD-Boxset "Weatherbox" veröffentlicht mit
Sylvians wichtigsten Solostücken. Diese Veröffentlichung wurde von einer Single mit dem
ironischen Titel "Popsong" begleitet, die unter anderem Klavierimprovisationen
von John Taylor beinhaltet.
Im Frühling 1989 entschied
sich Sylvian, die ehemaligen Bandmitglieder der Gruppe Japan wieder zusammenzubringen.
"Das war etwas, was mir sehr am Herzen lag. Speziell durch meine Arbeit mit Holger
wurde mir jetzt klar, welches Potential das Komponieren in der Gruppe durch Improvisation
birgt."
Als Sylvian dies vorschlug, bestand
er allerdings auf eine Namensänderung - zu "Rain Tree Crow", - weil er eine
klare Trennung zwischen seiner Arbeit mit Japan und der Musikrichtung seiner folgenden
Projekte darstellen wollte.
Die Aufnahmen des Albums begannen
im September 1989 im Miraval Studio in Frankreich. Als Gast-Musiker konnte Sylvian
Michael Brook und Bill Nelson gewinnen. Die Aufnahmen wurden im April 1990 beendet.
Aus finanziellen Gründen dauerte das Abmischen der Arbeiten jedoch bis Dezember desselben
Jahres. Erst im April 1991 wurde das Album schließlich veröffentlicht. "Trotz der
Schwierigkeiten, die wir bei der Produktion hatten, bin ich immer noch sehr stolz auf
"Rain Tree Crow, sagt Sylvian.
Nachdem Sylvian im Dezember 1991
ein Vorabtape von Sakamotos neuem Album "Heartbeat" gehört hatte, entschied er
sich, den darauf enthaltenen Song Tainai Kaiki" zu bearbeiten. So lud er den
Gitarristen Bill Frisell und die Sängerin und Dichterin Ingrid Chavez ein, die damals bei
Prince's Paisley Park Label unter Vertrag war, mit ihm und Sakamoto in New York
aufzunehmen. Im Februar 1992, nur zweieinhalb Monate nach ihrem ersten Treffen,
heirateten Sylvian und Chavez in Minneapolis, wo sie die folgenden vier Jahre lebten.
Kurz nach seiner Hochzeit schloß
Sylvian mit Robert Fripp eine erfolgreiche musikalische Partnerschaft. Es folgten Tourneen
in Japan und Italien mit dem Chapman Stick"- Spieler Trey Gunn und ein
Studioalbum (The First Day"), das im Juli 1993 herauskam. Eine zweite
Tournee, diesmal mit einer fünfköpfigen Band, brachte im Herbst 1994 des
Livealbum "Damage" hervor. "Durch die Zusammenarbeit mit Robert erfuhr ich
eine Freude an Live-Auftritten, die ich bisher nie so empfunden hatte. Die Eneigie, die
Robert auf der Bühne ausstrahlt, ist buchstäblich greifbar und - wie ich finde -sehr
inspirierend."
Ein weitere Folge dieser
Zusammenarbeit war eine kurze Solotournee ["Slow Fire - a personal
retrospective" 1995/96, Anm.], bei der Sylvian allein auf der Bühne stand und
sich selbst auf Akustikgitarre oder Keyboard begleitete. Diese Erfahrung war insofern ein
Meilenstein für Sylvian, als diese seinen Glauben an sich selbst stärkte. "Diese
Tournee war für mich eine große Hürde, die ich bewältigen mußte.", gesteht
Sylvian.
Nach der Tournee fingen die
Arbeiten zu seinem neuen Soloalbum an. Es dauerte etwas über vier Jahre bis zur
Fertigstellung. Zu diesem Prozeß sagt Sylvian: "Es war ein bißchen frustrierend,
obwohl ich wußte, daß das Material gut war." Während er sein neues Leben in
Minneapolis und später in Kalifornien weiterführte, arbeitete er zügig [?, Anm.] am
Songwriting und den Aufnahmen weiter. "Eine Menge Material für dieses Album entstand
aus Schreibsessions für Ingrid. Die große Herausforderung für mich als Songwriter ist
es, etwas wirklich Essentielles aus mir hervorzubringen."
Sylvians sehr sorgfältige Art zu
arbeiten kam dem Album, das er (nach "Secrets Of The Beehive") "Dead
Bees On A Cake" nannte, sehr zugute. Die Aufnahmen begannen in Ryuichi Sakamotos
Studio in New York City, weitergeführt wurden sie in Peter Gabriels Real World-Studios in
der Nähe von Bath und endeten schließlich in Sylvians eigenem Heimstudio in Sonoma.
Viele der Mitmusiker waren alte Freunde wie Kenny Wheeler, Steve Jansen und Bill Frisell.
Aber es gab auch einige wichtige Beiträge von neuen Namen, wie dem verrückten,
eigenbrötlerischen Gitarristen Marc Ribot und dem englisch-asiatischen Produzenten und
Tabla-Spieler Talvin Singh.
Sylvian produzierte alle 14 Tracks
selbst und obwohl Sakamoto an einigen der Arrangements mitarbeitete, entschied Sylvian
über den Stil, die Form und den Inhalt der Lieder größtenteils selbst. Er gesteht
freimütig, daß dies sein bisher persönlichstes Album sei. Viele Hörer werden es
wahrscheinlich auch als sein Zugänglichstes empfinden. Von der trägen Schönheit der
Eröffnungsballade I Surrender" bis hin zum herben, blueslastigen
"Midnight Sun" mischt "Dead Bees" das Rauhe mit dem Glatten auf eine
Weise, die diejenigen überraschen mag, die Sylvians Musik mit Eleganz und Zurückhaltung
assoziieren. In vieler Hinsicht sind alle meine Alben unvollständig", gibt Sylvian
selbstkritisch zu. "Aber diesmal bin ich dem, wo ich gerne sein möchte, am
nächsten".
Stand Januar 1999. |