Asterix im Morgenland

1001



Ufuks Reflexionen: Elfter September auf dem Nachbarschaftsgrillfest

Der CIA auf Bali, neben dem Weltzionismus nun auch Panislamismus. Was Nachbarn im Garten und Hausfrauen im Radio denken.


Bericht aus "1001" (Heft 2, WS 2002/03) der FSI Orientalistik an der FAU Erlangen-Nürnberg

�Zu viele Moslems haben wir in das Land gelassen!� sagt eine offensichtlich erregte Frau im Radio. Eigentlich wollte ich gerade aus dem Auto steigen, drehe aber nun doch die Lautstärke etwas auf. Im Bayerischen Rundfunk läuft eine Sendung, in der sich Zuhörer telefonisch zu einem bestimmten Thema äußern können. Die Frau beschreibt in prägnanten, einfachen Worten, dass man sich über den Feind im eigenen Lande sorgen müsse, der die Islamisierung des gesamten Abendlandes bestrebe. In wunderschönem Bayerisch wiederholt sie ihre Sorgen darüber, dass Deutschland von Moslems überrannt werde, die eigentlich die ganze Welt bekehren wollten. Der Experte im Studio hustet ein wenig, legt eine kurze Denkpause ein, um dann die Meinung der Dame aus Germering zu teilen. Es lebten natürlich hauptsächlich friedliche Moslems in Deutschland, jedoch wäre bei der großen Zahl dieser Mitbürger sicherlich auch mit einem erheblichen Anteil an radikalen Kräften unter ihnen zu rechnen. Die Dame aus dem beschaulichen Münchner Umland, hatte wahrscheinlich gerade den lautstarken Gebetsruf des Muezzins der Märtyrer Moschee zu Germering vernommen und sich verzweifelt und in Angst an den BR gewandt. Denn bekanntlich ist Germering von Moslems übernommen worden, die nun wohl zum Mittagsgebet stürmten und die arme Frau existenziell ängstigten. Leider läuft diese Sendung mittags, was den Anruferkreis sehr einschränken dürfte.

Kein Wort zu der doch besser differenziert zu betrachtenden Lage der vielen verschiedenen Moslems in Deutschland und ihren Plänen, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Das ist ein magerer Experte, den mein Lieblingssender präsentiert.

Dass Journalisten oft seltsames berichten und langjährige Aufenthalte im Ausland offensichtlich auch nichts zu ihrer Kompetenz beitragen müssen, sind wir schon gewohnt. Dieser Experte im Radio gehört sicherlich in die Elite jener Sachkundigen.

Als die türkische Presse nach dem Verbot des Kalifatsstaates der Familie Kaplan daran erinnerte, dass die Türkei schon seit vielen Jahren auf eben diese offensichtlich radikalen Kräfte in Deutschland verwies, beschrieb das die Korrespondentin einer renommierten Münchner Zeitung lediglich als �kollektives Schulterklopfen�. Eine kritische Hinterfragung, ob diese radikalen, potenziell gefährlichen Organisationen auch verboten worden wären, wenn ein ähnlicher Anschlag in der Türkei stattgefunden hätte, wäre in diesem Zusammenhang interessant gewesen. Terror in den USA kann also Gesetzesänderungen spontan hervorrufen. Terror ab dem Balkan und östlicher davon ist business as usual. Meistens sind es dann doch �Freiheitskämpfer� und keine Terroristen.

Auf unserem alljährlichen Nachbarschaftsgrillfest hatte ich ähnlich klare Positionen zum Thema Terror vernommen, wie die der Dame aus dem Radio. Nach ein paar Bier und mit gefülltem Magen, wagt man sich doch an den �Moslem zum Anfassen� heran: �Euch finde ich als Familie toll. Ihr seid ja schon gar keine Türken mehr!�

Mein Glück war vollkommen. Ich wurde als Deutscher akzeptiert. Erst jetzt bin ich �toll�. Dabei sehe ich eher aus wie ein Pole. Ich beteuerte, dass ich Deutscher im Sinne des Grundgesetzes, jedoch kulturell stark türkisch geprägt sei. - �Das wird man in dreißig Jahren gar nicht mehr merken!� sagte mein Nachbar und klopfte mir auf die Schulter. Welch Trost, es kann nur besser werden.

Derselbe Integrationskünstler hängte gleich einen �Aber�-Satz an. Wir wären toll, aber er verstehe den islamistischen Terror nicht, diese Gewalt, das Morden; oh wie schlecht die Welt sei. Auf seine Frage, weswegen Leute Fundamentalisten werden würden, holte ich wohl zu sehr aus, sodass er zu einem anderen wichtigen Thema des Nachbarschaftsgrillfestes überging: Der Nahostkonflikt/Israel. (Andere Themen waren: die neugeborenen Zwillinge der Jägers, die Reinigung der Tiefgarage, der Biernachschub).

Das Bier beschleunigte offensichtlich sein Gesprächstempo. Den Terror gegen Israelis verstehe er schon, weil das unmenschlich sei, was die Juden mit den Palästinensern machten. Bald waren wir beim Weltzionismus angekommen, auch wenn er mehrmals festhielt, dass er kein Antisemit sei. Es wäre aber offensichtlich, was diese Wirtschaftsbosse, all die Juden in Amerika an Einfluss hätten. Und ich dachte immer, unser Nachbar mache sich nur Gedanken über seinen Rasen. Woher hätte ich wissen sollen, dass wir keine Türken mehr sind, deswegen übrigens toll, der Weltzionismus alles beherrscht und all diese Wahrheiten im Bier von Armin stecken.

Die Dame aus der Germeringer UN-Enklave hat mich herzlos aus dieser heilen Welt gerissen. Waren nun also die Moslems auf dem Vormarsch, um den Juden den Rang abzulaufen? Gehöre ich vielleicht auch dazu? Ich bin zwar laut Nachbar kein Türke mehr, jedoch Moslem.

Als dann eine weitere Zuhörerin die gewagte These formuliert, der CIA habe die Anschläge auf Bali verübt, um einen Kriegsgrund gegen den Terroristenfreund Saddam zu haben, steige ich aus dem Auto, da sich der Experte hierzu auch nur bedingt kritisch äußert. So viel Sachkundigkeit an einem Tag geht über mein Auffassungsvermögen. Da spendiere ich doch lieber Armin noch ein Bier. Der weiß zumindest bescheid.

Ufuk Kirca Hier ist der Text zu Ende.

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