Die Frau schreit verzweifelt und weint. Hilflos schaut sie den Flüchtenden hinterher. Die Truppen der amerikanischen Befreier helfen ihr nicht; sie schützen nur das Erdölministerium. Das Bild dieser Frau, ihres Zeichens Direktorin am Nationalmuseum in der irakischen Hauptstadt Bagdad, hat sich mir eingeprägt. Es verursacht Kopfschütteln. �Hast du etwas anderes erwartet?� werde ich gefragt. Wieder Kopfschütteln. Ein Bild, eingefangen vom Kamerateam eines westlichen Nachrichtensenders, vielleicht auch von al-Dschasira. Doch welche Rolle spielt das angesichts des Verlusts eines gemeinsamen menschlichen Kulturerbes?
Die �Wiege der Zivilisation� wird das Zweistromland (�Mesopotamien�) zwischen Euphrat und Tigris genannt. Vor über 5000 Jahren entstanden hier die ersten Stadtstaaten. Etwa zur selben Zeit erfanden die Sumerer die erste Schrift. Sie ritzten zunächst Bildzeichen in Tontafeln, bis sich diese im Laufe der Zeit zu eigenständigen Lautzeichen, der Keilschrift, fortentwickelten. Um 1700 v. Chr. sammelte der babylonische König Hammurabi damit sein Gesetzeswerk. Der Kodex Hammurabi hatte in allen Teilen seines Reiches einheitlich zu gelten. Ihm verdanken wir auch die erste Grammatik und das erste zweisprachige Wörterbuch. Und mit der Mustansariyya-Universität steht in Bagdad eine der ältesten Universitäten der Welt. (1)
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| Das Land zwischen Euphrat und Tigris: Zahlreiche Kulturen gründeten die ersten Städte der Menschheit (Quadrate) auf dem Gebiet des heutigen Irak. Um die unschätzbaren Funde aus diesen Ausgrabungsstätten muss derzeit im Zuge des Krieges gebangt werden. Zu nennen sind dabei vor allem Nimrud (südlich bei Mossul) und Babylon (südlich von Bagdad).
Zur Orientierung sind die drei größten Städte des Irak heute (Kreise) angegeben.
Quelle: Eigene Karte |
Viele Zeugnisse dieser bis zu 7000 Jahre alten Kultur sind heute im British Museum oder im Louvre ausgestellt. Ungezählte weitere Funde lagerten allerdings bis vor Beginn des jüngsten Irak-Kriegs auch im Irakischen Nationalmuseum. Nun ist die Sorge groß, dass eine Vielzahl dieser Stücke gestohlen wurde und den Forschern nicht mehr zugänglich sein wird. Ebenso groß ist die Hoffnung, viele der vermissten Gegenstände mögen in den Gewölben der Nationalbank ausgelagert worden sein, so Prof. Dr. Karlheinz Kessler vom Lehrstuhl für Assyriologie an der Universität Erlangen. (2)
Professor Kessler ist �von den Plünderungen sehr betroffen�, wie er in einer Stellungnahme gegenüber 1001 schreibt. Jahrelang arbeitete er als Referent des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) vor Ort in Bagdad, führte durch die Sammlungen des Nationalmuseums und knüpfte persönliche Kontakte zu den Mitarbeitern. �Auch bearbeite ich Keilschrifttexte, die noch aus irakischen Grabungen stammen, deren Verbleib jetzt unklar ist�, sagt der Verfasser zahlreicher Monographien und Aufsätze speziell zum Thema.
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| Prof. Dr. Karlheinz Kessler (3. von rechts, im grünen Jackett) führt durch die Ausstellung im Pergamon-Museum während der Berlin-Exkursion des Lehrstuhls für Orientalistik im SS 2002.
Foto: Philipp Balasch |
Um den angerichteten Schaden zu ermessen, mag man sich vielleicht vorstellen, welchen Eindruck die Zerstörung der Monalisa im Pariser Louvre hinterließe. Oder wenn das Aleppo-Zimmer aus dem Berliner Pergamon-Museum zerschlagen und abgetragen würde. Was würden US-Bürger fühlen, wenn die Unabhängigkeitserklärung aus dem Gebäude der National Archives verbrannt würde oder Plünderer Mondsteine aus dem Smithsonian raubten? (3) Nach Informationen des Rencontre Assyriologique Internationale könnten bereits bis zu 170000 Objekte aus Bagdad geplündert worden sein. Viele davon waren noch unveröffentlicht und könnten nun für immer verloren gegangen sein. Andere wiederum sind zerstört und bleiben der Nachwelt allein auf Fotos und Zeichnungen erhalten. (4) Dabei hatte die Kulturorganisation der Vereinten Nationen (UNESCO) den alliierten Streitkräften schon vor Monaten eine Liste von schützenswerten Stätten übergeben und vor drohenden Plünderungen gewarnt.
Demgegenüber spricht der Marburger Altorientalist Walter Sommerfeld � als einer der ersten deutschen Wissenschaftler vor Ort � laut ARD-Tagesthemen von 100000 fehlenden Ausstellungsstücken. Wie widersprüchlich die Angaben sind, zeigt die Bestandsaufnahme von Dr. John Curtis vom Near Eastern Department am British Museum. Demnach fehlten bisher lediglich 29 besonders kostbare Exponate! Internationale Konferenzen von Museumsexperten befassen sich dieser Tage mit der weiteren Sondierung der Lage. (5)
Die Süddeutsche Zeitung widmete dem �Geschäft mit Raubkunst� im April eine ganze Themenseite. Demzufolge sind sich Archäologen und Kunsthistoriker einig über die Täter: Hehlerbanden schafften systematisch wertvolle Statuen und Schmuckstücke in logistischen Großaktionen weg. Andererseits versuchen ebenso Einheimische aller Schichten, sich am Verfall des alten Regimes zu bereichern. Angesichts der ohnehin unzureichend geführten Fundbücher und Inventare sieht Professor Kessler immense Probleme auf die Forscher zukommen. Nur die älteren Teile der Sammlungen am Irak-Museum hält er für einigermaßen gut registriert.
Die ersten geraubten Kulturgüter sind kürzlich in Frankreich, Großbritannien und den USA aufgetaucht � ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das meiste, was auf dem Schwarzmarkt informell gehandelt wird, wird wahrscheinlich im privaten Tresor eines Kunstsammlers auf Dauer verschwinden. Zur Abstimmung der Ermittlungen haben sich bereits Experten von Interpol, UNESCO und internationalen Museen getroffen.
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| Sphinx aus Elfenbein (Nimrud).
Bildnachweis (mit freundlicher Genehmigung): Trenkwalder, Helga, Allinger-Csollich, Wilfrid (Institut f�r Alte Geschichte und Altorientalistik an der Universität Innsbruck): Assyrian (3/3). Gefunden: Webseite (mit weiteren Bildern) [28 May 2003]. |
Nach sich verdichtenden Informationen befinden sich aber gerade die wertvollsten, nicht mehr versicherbaren Stücke � wie die Schmuckgegenstände aus den Königinnengräbern von Nimrud (6) � tatsächlich im Tresor der Nationalbank. Professor Sommerfeld sieht diesbezüglich einen schwachen Lichtschimmer, der langsam hinter dem Rauch der Brandschatzungen hervorkommt. Offenbar blieben wichtige Aufzeichnungen entgegen erster Befürchtungen erhalten. Die Verluste seien nicht so hoch wie befürchtet, �aber der größte Teil der Kollektionen dürfte geraubt sein�, beschwichtigt er die Hochstimmung in seinem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung Anfang Mai. Die US-Soldaten tauften die plündernden Iraker ironischerweise �Ali Baba�, wohingegen bei einigen heimkehrenden Kameraden bereits �Beutekunst� beschlagnahmt wurde. Nach anfänglicher Zurückhaltung der amerikanischen Truppen und massivem Einwirken westlicher Wissenschaftler auf die Besatzungsmacht, zähle das Irakische Nationalmuseum heute zu den bestgesicherten der Welt. Außerhalb Bagdads � wie an den Ausgrabungsstätten in Babylon � wird der Vandalismus gegen das irakische Kulturerbe allerdings noch immer geduldet.
Schon in der Vergangenheit wurden illegale Ausgrabungen an zahlreichen Ruinenstätten vorgenommen, deren Funde über den Antikenmarkt, vor allem über Jordanien und Irak, nach London gelangten. Der Fortgang dieser Aktivitäten steht zu befürchten. �Generell wird das irakische Kulturerbe weiter Schaden nehmen�, zeichnet Professor Kessler ein düsteres Bild der Zukunft.