Mit diesem Artikel möchte ich auf eine zunehmende Gefahr
hinweisen, die meines Erachtens soviel Suchtpotential in sich birgt und so einen
großen Einfluss für die heutige Jugend darstellt, dass man sie in naher Zukunft
neben Drogen&Alkohol zu einer der größten Bedrohungen für heranwachsende
Menschen zählen muss. Die Rede ist von Online-Spielen wie World of Warcraft, die
neben einem starken Realitätsverlust auch zur sozialen Abgrenzung führen. Dazu
nun mein eigener Erlebnisbericht.
Tag 1:
Mein Name ist Andy, ich bin 22 Jahre alt, lebe in einem sehr geordneten &
harmonischen Familienhaushalt, bin ein überdurchschnittlicher Schüler, wiege 80
Kg und treibe seitdem ich auf 2 Beinen stehen kann regelmäßig Sport auf fast
schon professioneller Basis. Laut des letzten Fitnesstest wurde mir ein
biologisches Alter von 20 Jahren errechnet, bei einer überdurchschnittlichen
Kondition, was auch darauf zurück zu schließen ist, dass ich weder rauche, noch
Alkohol trinke. Ich bin also für mein Alter fiter, als ich sein dürfte! Ich darf
mich in einem sehr großen Freundeskreis einer überaus großen Beliebtheit
erfreuen und habe eine bildhübsche Freundin an meiner Seite, um die mich viele
meiner Mitmenschen beneiden. Neben dem Sport und meiner größten Leidenschaft,
der Musik, (ich spiele Gitatarre&Klavier) habe ich unzählige Hobbys in die ich
all meine Freizeit stecke. Es ist der 11.Februar 2005 und heute begehe ich einen
der größten Fehler meines Lebens.
Der Tipp eines Freundes macht mich auf das Online MMORPG-Spiel World of Warcraft
aufmerksam, dass am heutigen Tag sein Erscheinungstermin feiert. Da das Wetter
immer noch sehr ungemütlich ist und ich für ein bisschen Abwechslung in meinen,
in letzter Zeit etwas öden Alltag bringen möchte, entscheide ich mich dazu
dieses Spiel zu kaufen um mir ab und an mal einen Eindruck davon verschaffen zu
können.
Zu Hause angekommen installiere ich das spiel und sammel in den folgenden 2
Stunden die ersten Eindrücke, einer sehr farbenfrohen und augenscheinlich
aufregenden Welt, da ich anschließend zum Training muss, entscheide ich mich
diese mysteriöse Welt morgen weiter auszuforschen.
4 Wochen später:
In den letzten 4 Wochen habe ich, auch aufgrund des schlechten Wetters, immer
mehr Zeit gefunden, diese sehr lustige und unterhaltsame Welt zu bereisen. Ich
habe erste Kontakte zu anderen Spielern geknüpft und konnte schon erste Erfolge,
der mir selbst gesteckten Ziele feiern. Ich habe mich fast jeden 2., 3. Tag
neben Freundin, Training und anderen Verpflichtungen, dazu entschlossen zu
spielen.
3 Monate später:
World of Warcraft hat sich jetzt schon, wegen seines großen Unterhaltungsfaktors
zu einem neuen Hobby entwickelt. Die letzten Tage haben mich meine Eltern des
öfteren beim Abendbort vermisst und auch das Training letzten Dienstag liess ich
Ausnahmsweise ausfallen, weil ich mich mit 4 anderen Spielern zu einer Aufgabe
verabredet hab, die man alleine im Spiel nicht bewältigen kann.
6 Monate später:
Ein halbes Jahr ist vergangen und ich bin immer noch sehr motiviert am
Spielgeschehen von World of Warcraft teilzunehmen, was für mich eigentlich
untypisch ist, da ich immer sehr schnell die Lust an PC Spielen verloren habe.
Hier scheint es eher anders. Desto mehr Zeit ich investieren, umso mehr Dinge
entdecke ich, umso mehr Leute lern ich kennen. Ich setz mir neue Ziele und hab
die letzten Wochen meine Termine so gelegt, dass ich Abends viel zeit zum
Spielen habe. Meine Freundin meckert, dass ich sie in letzter Zeit
vernachlässige und mich sowieso ein wenig verändert habe. Eigentlich gab es in
unserer Beziehung vorher nie Differenzen aber das Spiel sorgt manchmal für
Diskussionen & Streit. Dazu kommt, dass meine Mutter meckert, dass ich mir
endlich abgewöhnen soll am PC zu essen und stattdessen doch mal endlich wieder
mit der ganzen Familie Abends am Essenstisch zu sitzen, wie es sonst immer der
Fall war. Ich hab mich dazu entschlossen ein paar meiner anderen Hobbys
aufzugeben, weil mir WoW soviel Spaß macht, dass ich meine Zeit lieber darin
investiere. Um Ehrlich zu sein, wenn es nach mir ginge, bräuchte ich auch nicht
3 mal die Woche zum Fussball Training. Generell fällt es mir in letzter zeit
schwer alles unter einen Hut zu bringen, da neben Arbeit und Klavier, meine
Freunde auch immer noch Zeit beanspruchen. Dabei hab ich in letzter Zeit, beim
spielen, wenn eine SMS kam, das Klingeln einfach ignoriert und mich auch nicht
durch SMS meiner Freundin vom spielen ablenken lassen. Ich müsste mein Zimmer
mal wieder aufräumen und generell ist in letzter Zeit einiges auf der Strecke
geblieben, aber dafür komm ich im Spiel voran und hab mir unter all den anderen
Spielern schon einen kleinen Ruf aufgebaut, viele können mit dem Namen meiner
Spielfigur etwas anfangen und ich empfinde regelrechten stolz, wenn man sich im
Spiel aus Respekt vor mir verbeugt oder salutiert.
9 Monate später:
Meine Mutter hat aufgegeben immer wieder wegen des Abendbrots mit mir zu
diskutieren und schiebt mir nun oftmals Kopfschüttelnd einen Teller mit Essen
auf den Schreibtisch um dann schweigend und offensichtlich enttäuscht das Zimmer
zu verlassen. Ich habe meine Freundin in letzter Zeit kaum gesehen und mein Opa
liegt seit 3 Wochen im Krankenhaus. Ich glaube ich sollte ihn mal besuchen, aber
heut und morgen geht dass nicht, denn wir, also die Spieler mit denen ich in
letzter Zeit viel zusammen gespielt hab, haben uns für die kommenden Tage ein
großes Ziel gesetzt, was wir zusammen erreichen wollen. Wir haben auch die
letzten 2 Wochenenden fast komplett miteinander durchgespielt, sprich bis zu 14
Stunden täglich, weswegen ich letzte Woche mein Fussballspiel irgendwie verpasst
habe. Meine Freunde regen sich auf, dass ich kaum noch mit ihnen auf Party fahre
und mein Klavierlehrer quatscht mir seit Wochen die Ohren voll, dass ich endlich
mal wieder ein bisschen was tun soll.
1 Jahre und 6 Monate später:
Der Zähler meiner Spielzeit zeigt an, dass ich bisher 173 Tage in das Spiel
investiert hab. Das sind 4152 Stunden. Eine ziemlich große Zahl wie ich finde,
dafür zähle ich jetzt aber zu einen der angesagtesten Spielern in dieser immer
noch so aufregenden Welt. Das war sicher auch Grund dafür, warum ich vor gut 10
Monaten, nach einer 3 seitigen Bewerbung, einem 40 minütigen Bewerbungsgespräch
mit 3 Gildenoffizieren und einer 4 wöchigen Probezeit in die beste
Spielervereinigung Deutschlands aufgenommen wurde. Wo ich auf viele
Gleichgesinnte getroffen bin, die World of Warcraft genauso wie ich schätzen und
ehrgeizig und zielstrebig das angehen, was ich mir so vorgenommen habe. Von da
an ging es rasend voran im Spiel. Ich spiele zwar mehr als vorher, aber dass
auch viel effizienter, da wir eine Menge wirklich guter Leute haben. Wir sind
über 60 Leute, bei denen vom Anwalt über den Medizin-Studenten bis hin zum Vater
von 4 Kinder alles vertreten ist. Ich habe privat einige Abstriche machen
müssen, damit ich das hohe Pensum erfüllen kann, was wir uns alle gemeinsam
gesetzt haben. Aber auch dafür hab ich schnell eine Lösung gefunden, denn seit
gut einem halben Jahr hab ich WoW auch auf den Rechner in der Uni installiert
und kann so vormittags ganze 8 Stunden ungestört spielen und mich damit auf das
vorbereiten, was wir uns Abends immer so vornehmen. Ich spiele schon seit
Monaten kein Fussball mehr, da ich mich am Ende nur noch mit meinen Trainern und
den anderen in den Haaren hatte, weil sie der Meinung waren, dass ich keine
Leistung mehr bringe und mit dem Kopf woanders bin. Meine Freundin hat mich auch
schon lange verlassen� sie meinte es wäre nicht mehr wie am Anfang und hat
bestimmt 3 Stunden erklärt warum und wieso sie mich verlässt, aber ich war mit
den Gedanken schon bei meinen Jungs� irgendwie hatten wir ja in letzter Zeit eh
kein Kontakt mehr und ich muss mir jetzt sowieso den Kopf freihalten, damit ich
konzentriert an den gesetzten Zielen arbeiten kann, die ich und meine Jungs vor
Augen hab. Darum ist mein Handy auch seit Tagen auf lautlos und ich drücke die
nur noch wenigen Anrufe&SMS meiner Freunde einfach weg. Meine Eltern sprechen in
letzter Zeit kaum noch mit mir und wenn dann ist es eh irgend ein Blödsinn von
wegen ich wäre Computersüchtig und sollte mal wieder was im Haushalt machen.
Nichtmal an meinem Geburtstag letztens haben sie aufgehört mit meckern, dabei
war ich an dem Tag so gut gelaunt, weil wir einen Weltrekord im Spiel gebrochen
haben, für den wir den ganzen Tag geackert haben. Da meine Mutter meinte, sie
wird so lange kein Essen mehr für mich kochen, bis ich nicht endlich wieder
unten mit am Tisch sitze, hab ich in letzter Zeit öfters mal beim Chinesen oder
Italiener bestellt.
2 Jahre später:
Mein Schreibtisch, der durch meine sonst so ordentliche Art immer sehr
aufgeräumt war, gleicht einem Kriegsschauplatz. Neben Essenresten, verklebten
Tellern und irgendwelchen ungeöffneten Briefen (Rechnungen, Mahnungen,
irgendwelche Post von Verwandten) liegen 1000 kleine Zettel herum, auf die ich
irgendwelche wichtigen Informationen fürs Spiel notiert hab. Das einzige was
noch ordentlich ist, sind die ganzen Essens-Bestell-Zettel, die ich mittlerweile
gut geordnet am Rand mit passenden Geldbeträgen liegen hab, damit ich nicht
immer durchs ganze Haus rennen und suchen muss. In letzter Zeit fällt das
Spielen viel leichter, da mich so gut wie nichts mehr dabei stört, denn mein
Handy klingelt schon lange nicht mehr und meine Eltern sehe ich eigentlich nur
noch flüchtig, wenn ich mein Zimmer verlasse um schnell in den Spielpausen auf
Toilette zu rennen. Die wenige Bewegung hat sich auch bemerkbar gemacht� ich hab
einen ganz schön dicken Bauch bekommen und wieg jetzt 95Kg. Ich trag meine Haare
jetzt länger, weil ich eh nie Zeit finde zum Friseur zu gehen. Warum auch!? Eine
Freundin hab ich schon lang nicht mehr und ich kann mich schon gar nicht mehr
daran erinnern, wann ich das letzte mal auf einer Party war. Dafür bin ich ein
Organisationstalent geworden, was den Alltag angeht, denn alles wird anhand der
Spielzeiten meiner Gilde angepasst, auch wenn ich nun mein reales Leben nach dem
virtuellen richte und nicht mehr umgekehrt. Ich bin Abends 7 Stunden, 6 Tage die
Woche mit einer 40-köpfigen Armee unterwegs und bereite mich darauf vormittags
in der Uni 8 Stunden vor. Ich war diesen Sommer nichtmal mit am Strand, selbst
wenn draussen die Sonne brütend heiß war. Na gut, dass hab ich eh nicht
mitbekommen, da meine Jalousien schon über 12 Monate nicht mehr oben waren.
Ehrlich gesagt hab ich auch nicht vor sie hochzuziehen, da auf ihnen der Staub
fingerbreit steht. Ich hatte in den letzten Wochen Schwierigkeiten den Beamer
meines Dozenten in der Uni zu sehen und muss deshalb jetzt eine Brille tragen,
dass das daran liegen könnte, dass ich seit Monaten täglich über 10 Stunden auf
meinen Bildschirm gucke ist mir relativ egal. Mein Desktop, der früher mit nur 5
Symbolen geschmückt war, ist jetzt voll mit Verknüpfungen von irgendwelchen
Foren, WoW-Seiten, Seiten anderer Gilden oder was sonst noch mit dem Spiel zu
tun hat. Nach den anfänglichen Zielen sind 10 neue gekommen, waren die erreicht,
boten sich 20 neue Wege wie ich meinen Spielcharackter noch verbessern kann.
Mittlerweile hab ich kaum noch einen Überblick, was ich als erstes erledige�
denn ich bin momentan dabei das höchste anzustreben was man im Spiel erreichen
kann und was vor mir nur sehr wenige geschafft haben => Den höchsten
Offiziersrang! Ich rechne zwar damit, dass ich für die Verwirklichung dieses
Traumes 3 Monate mit täglich 14 Stunden brauchen werde, aber dann bin ich echt
einer der größten Helden unter den Spielern. Ja Traum, denn in letzter Zeit
drehen sich meine Gedanken auch in den wenigen Stunden abseits des Rechners rund
um das Spielgeschehen. Was mach ich heute, was morgen, wo muss ich hinreisen,
mit wem muss ich noch welchen Tempel erobern, welche Rüstung muss ich mir noch
bauen lassen, wie viel Gold mit meinem Ingame-Beruf erarbeiten.
Vor kurzen hat einer meiner besten Freunde im Game aufgehört mit spielen und bei
seinem sehr ergreifenden Abschiedseintrag im Forum konnte ich mir 2, 3 Tränen
nicht verkneifen. Ich kann mir das immer noch nicht vorstellen, wie das alles
ohne ihn aussehen soll� wir haben doch immer alles zusammen gemacht. Ich weiss
noch wie er sagte: �Weck deine Eltern nicht� als ich mitten in der Nacht schrie
als hätte ich eine Weltmeisterschaft gewonnen, nur weil ich endlich die Waffe
bekommen hab, die ich vergeblich versucht habe seit Monaten zu ergattern. Ja,
wenn ich so recht überlege bin ich emotional schon ziemlich an das Spiel
gebunden. Meine Launen wachsen und dämpfen sich mit dem Spielgeschehen. Erreiche
ich etwas neues, bin ich gut gelaunt, motiviert und sprühe vor neuem ergeiz,
habe ich hingegen mit Misserfolgen zu kämpfen macht sich unter uns der Frust
breit.
Nebenwirkungen:
Ich habe in den letzten Monaten versucht, mit jedem über WoW zu reden, der mir
über den Weg lief, ganz egal ob er selber spielt oder nicht. Es ging immer darum
noch mehr zu erfahren, Tipps zu bekommen, oder sich in Fachgesprächen weiter zu
entwickeln. Das ist sicher Grund dafür warum ich nichts mehr mit meinen alten
Freunden zu tun habe. Sie haben einfach kein Verständnis dafür und verstehen
nicht worum es geht und was ich erreicht habe! Dafür wurde jeder, der mir nur
ansatzweise zugehört hat, als ein idealer Gesprächspartner eingestuft und wenn
er selbst nicht spielt, habe ich ihn versucht davon zu überzeugen, mit dem
spielen zu beginnen. Als wäre ich in einer Sekte und werbe um neue Mitglieder,
nur damit die Spielergemeinschaft wächst. Sogar meine Freunde habe ich anfangs
vergebens versucht in diese virtuelle Welt zu ziehen, vielleicht, damit ich
endlich mal wieder was mit ihnen unternehme ohne gleich aufs spielen verzichten
zu müssen, oder mein Zimmer zu verlassen. Eigentlich wurden die parallelen
zwischen realem Leben und dem virtuellen immer verschwommener, denn ich habe im
Spiel ein komplett neues Leben geschaffen in dem ich Verbindungen zu anderen
aufgebaut habe, die ich dann wieder pflegen musste. Ich musste in einem System
funktionieren, dass in unserer Gilde (Deutschlandweit Platz 1) schon
militärische Ansätze hatte, denn jeden Abend wurde absolute Pünktlichkeit,
Disziplin und Konzentration von jedem einzelnen gefordert, da der Druck von
aussen stetig wuchs, neue Erfolge zu erzielen. Ich musste im Spiele Aufgaben
erledigen, einkaufen, meinem Job nachgehen und hab immer mehr versucht die 24
Stunden, die mir am Tag zur Verfügung stehen, auf 2 Leben aufzuteilen. Dabei war
nicht selten das Resultat, dass in der einen Welt etwas auf der Strecke blieb,
was in der anderen Welt für Fortschritt sorgte. Ich hab quasi in einem Leben
verloren und dafür im anderen gewonnen. Um dass alles dann noch effektiver zu
verbinden habe ich versucht meine reellen Freunde noch mit ins Spielgeschehen
mit einzubinden, aber auch mein Körper passte sich immer präziser dem
Spielgeschehen an, dass ich zum Beispiel immer pünktlich zu den Spielpausen
Hunger bekam und auf Toilette musste, somit bin ich ein für meine Begriffe noch
effizienterer Spieler geworden. Ich zählte ohnehin als sehr diszipliniert in
unserer SpielCommuntiy.
Ist das Spiel einmal durch wöchentliche Wartungsarbeiten o.a. nicht erreichbar,
so weiss man gar nicht recht was man machen soll. Doch statt mal an die frische
Luft zu gehen oder sich andersweitig zu beschäftigen macht man sich über jede
Informationsquelle im Internet her, denn man muss ja am Rechner bleiben, damit
man sich sofort wieder einloggen kann, wenn der Spielserver wieder da ist. So
ist es nicht selten der Fall, dass zu Zeiten der �Serverdowns� sämtliche
WoW-Seiten im Netz völlig überlastet abstürzen, weil Millionen von Spielern
gleichzeitig versuchen ihren Wissensdurst zu stillen.
Ich habe keinen meiner alten Freunde mehr, von meiner damaligen Freundin ganz zu
schweigen. Ich habe nach 16 Jahren meinen Sport aufgegeben, führe meine Hobbys
nicht mehr aus und das Klavier wurde seit mehr als 1 Jahr nicht mehr angefasst.
Ich habe 15 Kg zugenommen und beim Fitnesstest vor 2 Wochen (den ich aus eigenem
Interesse absolvierte) ein biologisches Alter von 28 bestätigt bekommen, was
bedeutet, dass ich vom letzten Test bis jetzt in 24 Monaten um 8 Jahre gealtert
bin. Ich sehe blass und ungesund aus, was auch an meiner etwas ungepflegten
Friseur liegen kann. Meine Seekraft hat sich um 25 Prozent reduziert. In der Uni
kann ich dem Unterrichtsstoff schon seit geraumer Zeit nicht mehr folgen, weil
ich seit 5 Monaten mit Kopfhörer spiele, was schon lange keinen mehr
Interessiert. Da ich in den Pausen kein Bock hab aufzustehen, drück ich meistens
meiner Banknachbarin ein paar cent in die Hand, damit sie mir einen Riegel aus
dem Automaten mitbringt. Sie ist ohnehin eine der wenigen die den Raum verlässt,
da die 3 Mitschüler um mich herum zum Beispiel auch bereits das Spiel
installiert haben und sie immer nur wie benebelt ein �Ja warte, gleich� von sich
geben, wenn man sie einmal anspricht.
Ich weiss das ich die letzten 2 Jahre im realen Leben nichts erreicht habe� Ich
weiss, dass ich eher 10 Schritte zurück gemacht hab. Wo könnte ich jetzt stehen,
wenn ich die mittlerweile fast 5000 Stunden in etwas anderes investiert hätte.
Hätte ich stattdessen Klavier gespielt, wäre ich sicher besser als Elton John�
Hätte ich 5000 Stunden damit verbracht Bücher über Krebs zu lesen, wäre ich
sicher einer der angesagtesten Experten auf dem Gebiet. Oder hätte ich einfach
nur, für 5 Euro in der Stunde, irgendwo einen Nebenjob angetreten, so könnt ich
jetzt 25000 Euro mehr auf meinem Konto verbuchen. Statt dessen tauchen immer
wieder häufiger Überweisungen auf, bei denen Spielgüter mit realem Geld gekauft
wurden.
Ich kann mir nicht ausmalen, wie viel von den mittlerweile über 6 Millionen
Spieler das gleiche durchmachen wie ich es hier beschreibe, ich weiss nur, dass
es eine ganze Menge sein müssen, denn all die Spieler, mit denen ich zu tun
hatte, weisen die gleichen Symptome auf und genauso wie ich über solch Warnungen
wie hier, immer hinweg gelesen habe, werden auch andere diesen Artikel abwenden
und meinen �So freaky bin ich nicht, ich hab das alles im Griff� Dabei versuche
ich jetzt nur noch vergebens ein paar Leute zu retten, von denen ich denke, dass
sie im wahren Leben weitaus mehr erreichen können, als eine Spielfigur zu
steuern. Denn alleine die Leader meiner Gilde, die Tag und Nacht für
effizienteren Spielfluss und einer optimierteren Abstimmung sorgen und täglich
mit einem ungeheuren organisatorischen Aufwand viele kleinere Firmen locker
übertrumpfen, würden in jedem größeren unternehmen, einen wahrhaft
hervorragenden Manager abgeben. Fazit ist, dass das hier nicht das Schicksal
eines einzelnen Darstellt, sondern vielmehr nur das Spiegelbild einer großen
Masse ist und wenn ich nur einen einzigen Spielern die Augen geöffnet habe, war
es den Aufwand wert, dass hier alles zu schreiben, denn solange man mitten im
Spielgeschehen steht, mit Spielern die alle den gleichen Alltag an den Tag
legen, solange wird man auch nicht die gravierenden Kontraste zur realen Welt
sehen, die selbst ich erst wieder nach einer kleinen Spielpause erkannt hab.
Ich fühle mich immer noch unwohl und kann mich selbst nicht verstehen, wie ich
nach diesem Artikel und all den damit verbunden Erkenntnissen immer noch eine
ungeheure Lust verspüre mich jetzt sofort wieder einzuloggen. Doch ich stelle
mich diesen Entzugserscheinungen und möchte den Absprung von dem definitiv
aufregendsten Spiel der Neuzeit schaffen, damit ich mein reales Leben wieder auf
die Reihe bekomme und die drastischen Wendungen in meinem Leben wieder zum guten
kehre.
Im übrigen habe ich meinen Opa immer noch nicht besucht, dabei liegt er seit 7
Monaten nicht mehr im Krankenhaus�. Sondern auf dem Friedhof!