THE GOOD STEELE AND THE BAD STEELE
Teil 1
Sonntagmorgen, 9.00 Uhr. Endlich konnte Laura mal ausschlafen. Schade nur, dass Remy nicht da war. Er war irgendwo in Europa, angeblich um einem seiner früheren „Freunde“ aus der Patsche zu helfen. „Aber morgen ist er Gott sei Dank wieder hier“, dachte Laura und wollte sich gerade noch mal im Bett umdrehen, als die Türklingel läutete. Laura dachte sofort an Remy, der wahrscheinlich schon früher zurückgekommen war und sie überraschen wollte. Voll freudiger Erwartung sprang sie aus dem Bett, warf sich ihren Morgenmantel über und lief zur Tür. Doch dort stand kein Remington Steele, sondern eine vor Schreck erbleichte Mildred. Mit der Morgenzeitung in der Hand stürmte sie in Lauras Wohnung und voller Panik verkündete sie: „Der Boss steckt in Schwierigkeiten!“ – „Na, und, das tut er doch ständig.“ antwortete Laura unbeeindruckt. „Nein, Miss Holt, sehen Sie sich das hier an.“ Laura warf einen Blick auf die erste Seite der L.A. Post. Dort stand:
„WERTVOLLSTER DIAMANT DER WELT GESTOHLEN“
„Wien. Gestern nacht wurde der berühmte rosarote Panther aus der Albertina gestohlen. Er gilt als der größte rosafarbene Diamant der Welt und war ein Geschenk des Sultans von Lugash an seine Tochter…“ Daneben ein Foto des Diamanten sowie ein von der Überwachungskamera aufgenommenes Bild des mutmaßlichen Diebes.
Lauras Augen weiteten sich. Sie dachte: „Oh, nein. Das darf nicht wahr sein. Kann ich mich denn so in ihm getäuscht haben? Das war also dieser mysteriöse Freund, dem er unbedingt aus der Patsche helfen wollte. Soweit also zu seinen Versprechungen. Alles Lügen!“
„Miss Holt, was sollen wir nun tun?“ Mildreds Stimme schreckte Laura aus ihren Gedanken auf.
„Mildred, ich muss Ihnen etwas beichten“, fing Laura an und erzählte ihrer Sekretärin die ganze Wahrheit über Remington Steele. Dass sie ihn erfunden hatte, um ihr Geschäft anzukurbeln und der Mann, den sie als ihren Arbeitgeber ausgab, in Wirklichkeit ein Dieb und Betrüger war.
„Weshalb sollte er das denn jetzt tun?“ fragte Mildred. „Er liebt Sie doch so sehr. Er könnte Ihnen doch niemals so weh tun.“
„Glauben Sie das wirklich?“ fragte Laura zweifelnd.
„Das ist doch offensichtlich. Schon allein die Art, wie er Sie ansieht. Ich wusste es von Anfang an, schon damals in Acapulco, als ich Sie verfolgt habe. Wir müssen dem Chef… also, Sie wissen schon… helfen. Da treibt jemand ein falsches Spiel mit ihm.“
„Sie haben recht, Mildred. Buchen Sie sofort zwei Flugtickets und zwei Hotelzimmer. Wir fliegen nach Wien.“
Teil 2
Flughafen Wien-Schwechat
„Wo sollen wir jetzt anfangen, Miss Holt?“
Laura wollte gerade antworten, als sie ein ihr bekanntes Gesicht erblickte.
„Großer Gott, Murphy, was machst du denn hier?“
„Ich freue mich auch, dich einmal wiederzusehen“, entgegnete Murphy spöttisch.
„Entschuldige bitte, aber mir geht im Moment vieles durch den Kopf. Das hier ist übrigens Mildred Krebs, meine Sekretärin.“
„Erfreut, Sie kennenzulernen“, sagte Murphy freundlich. Doch Mildred war nicht sehr begeistert von diesem Kerl und nickte nur einmal kurz. Dann wandte er sich wieder an Laura: „Ich nehme an, du bist wegen deinem feinen Mr. Steele hier. Ich hab dir doch von Anfang an gesagt, ihm nicht zu vertrauen.“
„Mit anderen Worten, du glaubst also, er war es.“
„Wer sonst? Die Bilder vom Überwachungsvideo sind gestochen scharf. Einmal ein Dieb, immer ein Dieb.“
„Das werden wir noch sehen“, erwiderte Laura sauer und fügte hinzu: „Auf Wiedersehen, Murphy. Ich habe einen Fall zu lösen.“
Daraufhin schnappte sie sich kurzerhand ihr Gepäck und stieg zusammen mit Mildred in ein Taxi, das sie zum Hotel Sacher bringen sollte.
Teil 3
Nach dem Check-In erklärte Mildred: „Wissen Sie was, Miss Holt, ich mache mich jetzt erst mal mit dieser Stadt vertraut.“
„Gut, Mildred, aber seien Sie vorsichtig.“
Als Laura sich umdrehen wollte, um nachzusehen, in welche Richtung ihre Sekretärin ging, glaubte sie ihren Augen nicht trauen zu können. Remy saß dort in der Hotellobby, aber warum sah er so schmuddelig aus? Seit wann zog er uralte, schmutzige Fetzen an und hatte aufgehört, sich zu rasieren? Er war wirklich kaum wiederzuerkennen.
Trotzdem ging Laura auf ihn zu: „Oh, Remington, ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht.“
„He, wer zum Teufel sind Sie?“ schnauzte er sie an.
„Aber… Remy… was ist denn in dich gefahren?“ stotterte Laura.
„Das würd ich gerne von Ihnen wissen. Sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen. Ich hab keine Lust, mich von so ner Schnepfe wie Ihnen vollquatschen zu lassen, verdammt noch mal.“
Laura verstand die Welt nicht mehr. Hier stand ihr Remington Steele, unverkennbar. Mit seinen blauen Augen und den dunklen Haaren. Nun gut, er war etwas zerfleddert, aber doch war es ihr Mr. Steele. Ohne Zweifel.
Sie beschloss jedoch, nicht zu streiten und ging nach oben. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Sie hatte doch gerade erst angefangen, ihm zu vertrauen. Hatte er sie doch die ganze Zeit über belogen, sie bloss ausgenutzt? Und noch dazu war sie so dumm gewesen, diesem Betrüger einen neuen, echten Pass zu besorgen, nachdem seine 5 gefälschten beschlagnahmt worden waren.
Oder war dies alles bloss ein Versteckspiel, eine Scharade? Vielleicht war er in grosser Gefahr und musste so tun, als wäre er jemand anderes…
Sie brauchte jetzt erst mal ein heisses Bad, um einen klaren Kopf zu bekommen. Später würde sie versuchen, ihn zu finden und mit ihm zu reden.
Teil 4
Währenddessen spazierte Mildred durch den Burggarten und betrachtete den herrlich gestalteten Park mit seinen Blumen.
Da stiess sie mit jemandem zusammen. Sie wollte gerade anfangen, über diesen rücksichtslosen Touristen herzuziehen, als sie sah, wer sie da angerempelt hatte.
„Entschuldigen Sie vielmals, Miss… oh, Miss Krebs, wo kommen Sie denn her?“
„Chef? Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“
„Och, alle Welt denkt, ich hätte den rosaroten Panther gestohlen, aber sonst bin ich kreuzfidel.“
„Ich glaube nicht, dass Sie es waren, Mr… äh, … wie heissen Sie denn nun wirklich? Sehen Sie, Miss Holt hat mir alles erzählt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie so was tun würden.“
„Ihr Vertrauen in Ehren, Mildred. Aber… ist Miss Holt auch hier?“ fragte Remy neugierig.
„Ja, natürlich. Sie ist im Hotel. Sie macht sich wirklich sehr grosse Sorgen um Sie. Sie hat das Foto in der Zeitung gesehen und musste Ihnen unbedingt helfen.“
„Kommen Sie, Mildred, wir müssen sofort zu ihr. Ich muss unbedingt mit ihr reden.“
„Ist gut, Chef.“
Teil 5
Laura war gerade dabei, aus der Wanne zu steigen, als an ihre Zimmertür geklopft wurde. Nur mit einem Bademantel bekleidet, öffnete sie. Vor der Tür stand Remy. „Also doch“, sagte Laura. „Ich wusste es. Das vorhin war nur eine Tarnung und er kommt jetzt zurück, um sich zu entschuldigen.“
Doch Remy zog eine Walther PPK 7,65mm und zischte: „Los, rein da, du Schlampe. Und mach keine Sperenzchen.“
Laura ging rückwärts ins Zimmer. Sie verstand nicht, was das zu bedeuten hatte. Aber sie hielt es für schlauer, nicht die Heldin zu spielen.
„OK, zieh dich an, wir machen einen kleinen Ausflug.“
„Was hast du vor?“
„Frag nicht so dämlich, mach schon. Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit.“ raunzte Remy.
Laura hatte keine andere Wahl. Sie zog sich so schnell wie möglich an. Remy packte sie beim Arm und schob sie zur Zimmertür hinaus auf den Gang. Sie verließen das Hotel, stiegen in ein Taxi und fuhren zum Stephansdom.
Sie betraten den Dom, und stiegen dort die Treppe hinab in die Katakomben. Sie gingen die dunklen Gänge entlang und kamen schliesslich an eine Geheimtür. Remy öffnete sie und schubste Laura hinein. Sie stolperte und fiel zu Boden.
„Steh auf!“, schnauzte Remy und zog Laura am Arm hoch. Er drückte sie auf einen Stuhl und band sie mit einem Seil fest.
„Schade, dass das mit uns beiden nichts wird, Kleine. So hässlich bist du gar nicht.“
Dann drückte er Laura einen Kuss auf ihren Hals und verschwand, nicht ohne die Tür fest zuzuschliessen.
Teil 6
Mildred und Remy standen vor Lauras Zimmertür. Schon zum dritten Mal klopfte er, doch es kam keine Reaktion.
„Laura, ich weiss, dass du sauer auf mich bist, aber du könntest mich trotzdem reinlassen.“
„Das hat keinen Sinn, Boss.“
„Sie haben recht, Mildred.“ Mit diesen Worten knackte er das Schloss. Sie traten ein, doch das Zimmer war vollkommen leer. Keine Spur von Laura.
„Aha! Ich wusste, dass Sie hierherkommen würden!“ Hinter ihnen stand Murphy, mit einem triumphierenden Lächeln. „Der große Remington Steele, ein gewöhnlicher Dieb.“
„Murphy,… ich, ähm… Sie müssen mir glauben…“ stammelte Remy.
„Ja, ja, sicher. Sie waren´s nicht. Ich kann immer noch nicht glauben, dass Laura damals auf Sie reingefallen ist.“
Remy ging auf Murphy zu, schnappte sich die elegante Vase, die auf der Kommode stand und mit einem „Es tut mir mehr weh als Ihnen, Murphy, glauben Sie mir“, zog er sie dem Privatdetektiv über den Schädel.
„Beeilen Sie sich, Mildred! Wir müssen hier weg“, befahl Remy, zog Mildred hinter sich her und rannte mit ihr zu den Aufzügen. Er drückte hektisch die Knöpfe beider Aufzüge. Da, endlich! Der Lift zur Linken öffnete sich. Sie stiegen ein und fuhren hinunter. Keiner der beiden bemerkte den grossen, dunkelhaarigen, gutaussehenden Kerl, der aus dem Lift stieg und in Richtung Lauras Hotelzimmer ging.
Teil 7
Remy und Mildred rannten aus dem Hotel durch die Kärntner Strasse, bogen nach links ab durch die Philharmonikerstrasse über den Albertinaplatz bis zur Kapuzinerkirche mit der Kaisergruft. Beide waren völlig ausser Atem.
„Ich glaube, jetzt sind wir in Sicherheit“, keuchte Remy.
„Boss, was sollen wir jetzt tun?“
„Ich schlage vor, wir sollten Miss Holt suchen. Mildred, denken Sie jetzt bitte genau nach. Hat sie irgendwas davon erwähnt, wo sie hingehen wollte?“
„Nein, aber sie schien sehr verzweifelt. Ich denke, es ist etwas Schlimmes mit ihr geschehen.“
„Och, Mildred, sagen Sie nicht so was. Sie muss noch am Leben sein.“
„Sorry, Boss“, sagte Mildred zerknirscht. „Nur, wo sollen wir anfangen? Wien ist nicht gerade klein.“
„Keine Sorge, Mildred. Wir finden sie schon. Sonst wäre ich nicht der berühmte Remington Steele“, antwortete Remy zuversichtlich. Mildred wollte etwas sagen, doch sie überlegte es sich anders.
„Jetzt gehen wir erstmal eine Melange trinken“, Remy schien wieder bester Laune zu sein.
Teil 8
Laura sah sich in ihrem Verlies um und überlegte, wie sie sich befreien könnte. „Moment mal!“ dachte sie. „Die Fesseln sind nicht sehr fest. Jemand, der so gut lügen kann, sollte eigentlich auch festere Knoten binden können.“ Sie konnte sich schliesslich aus ihren Fesseln herauswinden. Nun war sie zwar frei, aber sie musste auch noch einen Weg nach draussen finden.
„Hier muss es irgendwo einen Mechanismus für diese versteckte Tür geben, zu der wir reingekommen sind.“
Sie tastete sich an der Wand entlang. „Das hier muss es sein.“ Sie drückte auf einen wackligen Stein in der Wand und die Geheimtür öffnete sich. Ohne zu zögern machte Laura sich aus dem Staub. Sie hatte nur noch eines im Sinn: Remington zu finden und ihm nachzuweisen, dass er doch nur ein Dieb und ein Betrüger war.
Doch zunächst musste sie Mildred warnen.
Teil 9
Als Laura zu ihrem Zimmer kam, stand die Tür sperrangelweit offen. Das Zimmer sah aus, als hätte ein Hurrikan dort gewütet. Die Möbelpolster waren aufgeschlitzt worden, alle Schubläden aus den Kommoden gezogen worden, ihre Kleider lagen verstreut auf dem Boden herum, eine Vase war zerbrochen… Hier hatte jemand etwas gesucht, das für ihn äusserst wichtig sein musste.
Jedoch, es kam noch schlimmer:
In der Mitte des Raumes lag Murphy rücklings auf dem Boden, sein Kopf in einer Lache voll Blut. Er war tot, daran konnte auch nicht der leiseste Zweifel bestehen.
Laura war entsetzt.
„Großer Gott!“ stiess Mildred hervor, die mittlerweile zusammen mit Remy eingetroffen war.
„Das wird dem Zimmermädchen nicht gefallen!“ bemerkte dieser, als er das Chaos sah.
„Ich bin froh, Sie zu sehen“, wandte Mildred sich an Laura.
„Laura, Gott sei Dank, du lebst!“ Remy ging auf sie zu, um sie in den Arm zu nehmen, doch sie wich ihm aus. „Was hast du?“ fragte Remy verwundert.
„Was ich habe? Zuerst stiehlst du den rosaroten Panther, dann sperrst du mich in ein Verlies, um mich dort verrotten zu lassen, verwandelst mein Zimmer in ein Schlachtfeld, und jetzt tötest du auch noch Murphy, als Krönung obendrauf.“
Remy verstand die Welt nicht mehr. „Ich… das glaubst du doch nicht wirklich.“
Doch Laura schrie nur: „Mildred, bleiben Sie von diesem Psychopathen weg, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist.“
Mildred war hin- und hergerissen zwischen den beiden. Sie wusste nicht mehr, wem sie glauben sollte. Daher sagte sie bloß: „Ich lasse Sie beide jetzt lieber allein“ und ging in ihr Zimmer.
Teil 10
Remy sah Laura aus enttäuschten blauen Augen an. „Glaubst du wirklich, ich könnte so was tun?“
„Was heisst hier glauben? Ich habe dein Foto doch gesehen auf Seite 1 der Zeitung.“
„Laura, das war ich nicht. Glaub mir doch endlich! Oder vertraust du mir etwa immer noch nicht? Nach all den Abenteuern, die wir gemeinsam bestanden haben. Denk doch nur mal an die Sache mit den Säurefässern oder als ich mir beide Beine gebrochen hatte. Hast du auch schon das Wochenende in San Francisco vergessen? Ehrlich, Laura, ich bin ein geduldiger Mensch und es hat mir die ganzen 3 Jahre, in denen wir uns nun schon kennen, nie etwas ausgemacht, auf dich zu warten. Ich wollte, dass du mir vertraust, weil ich dich so sehr liebe. Du bedeutest mir mehr als alle Juwelen auf der Welt zusammen. Aber ich kann mir hier den Mund fusselig reden, das bringt ja doch nichts. Ich denke, es ist besser, ich verschwinde aus deinem Leben. Ich hätte damals doch gleich ins Flugzeug steigen sollen, das sehe ich jetzt. Keine Angst, Miss Holt, ich werde Sie nie wieder belästigen.“
Daraufhin verließ Remy traurig und wütend zugleich das Zimmer.
Laura zögerte einen Augenblick, wollte ihm schon nachlaufen, doch dann brachte sie den Mut dazu nicht auf. Stattdessen setzte sie sich aufs Bett und weinte. Zum ersten Mal in ihrem Leben half ihr ihre unbestechliche Logik nicht weiter.
Teil 11
Remy musste nachdenken. Also beschloss er, zu Fuss zu seinem Hotel in der Mariahilfer Strasse zu gehen.
Ein merkwürdiges Gefühl beschlich ihn, so als ob er von jemandem verfolgt würde. „Ach, Unsinn, alter Junge, deine Fantasie spielt dir einen Streich.“
Er bereute zutiefst, was er Laura da an den Kopf geworfen hatte. Aber er konnte jetzt nicht mehr zurück. „Ich will Laura nicht verlieren, verdammt!“ sagte er laut vor sich hin.
„Wer ist Laura?“ fragte eine ihm bekannte Stimme hinter ihm. Remy fuhr herum. Da stand Daniel Chalmers, vergnügt lächelnd. „Ach, du meinst sicher Linda, die mich gefressen hat.“
„Herrgott noch mal, Daniel. Du hättest mich beinahe zu Tode erschreckt. Ich war kurz davor, dich KO zu schlagen.“ antwortete Remy.
„Na, na. Geht man denn so mit seinem Mentor um?“ entgegnete Daniel quietschvergnügt.
Remy hatte sich wieder etwas beruhigt. „Also warst du das, der mir hinterhergeschlichen ist?“
„Ja. Ich übe meine neue Anschleichtechnik, um den Leuten die Brieftaschen aus der Hose zu ziehen. Ah, hier ist übrigens deine. Du solltest wirklich besser aufpassen. Heutzutage ist man nirgends mehr sicher.“
„Danke“, schnauzte Remy zurück und riss Daniel die Brieftasche aus der Hand. „Warst du das auch mit dem rosaroten Panther?“
„Ich? Nein. Wie kommst du denn darauf? In dem Fall hätte ich mich an den Meister gewandt, an dich natürlich.“ Daniel schien es ernst zu meinen.
Doch auch das konnte Remys Stimmung nicht bessern.
„Warum fragst du eigentlich? Du hast ihn doch gestohlen. Ich hab dein Bild in der Zeitung gesehen. Die haben nicht gerade deine Schokoladenseite erwischt.“, fuhr Daniel fort.
„Ich war´s nicht. Wie oft denn noch?“
„Ach so. Das erklärt aber nicht das Bild.“
„Ich bin kein Dieb mehr. Auch wenn dir das missfällt.“
„Bist du sicher? Ich hätte da nämlich einen Auftrag in Dublin.“ schlug Daniel lächelnd vor.
Remy warf ihm bloss einen eiskalten Blick zu.
„Schon gut, Harry. War nur ein Angebot“, entschuldigte sich Daniel. „Ach, übrigens, schöne Grüsse von Felicia. Sie wartet immer noch auf dich, weißt du.“
„Richte ihr meinen besten Dank aus, aber ich bin nicht interessiert.“
„Wie du willst, Junge. Eigentlich schade. Ihr beiden hättet noch grandiose Arbeit leisten können.“
Wieder traf ihn ein eiskalter Blick von Remy.
„Na ja. Ich mach mich mal besser davon; will ja nicht von zu vielen Leuten gesehen werden. Also dann, Toodle-Loo!“ sprach´s und verschwand in der Dunkelheit.
„Muss ich wirklich wieder ein Dieb werden?“ überlegte Remy, als er die Eingangstür zu seinem Hotel durchschritt. „Oh, Laura, warum?“ Er konnte es einfach nicht verstehen, warum sie ihn nicht liebte.
Teil 12
Remington schloss seine Zimmertür auf. Er blieb wie versteinert stehen. Auf seinem Bett sass Laura, mit verquollenen Augen. Als sie ihn sah, sprang sie auf und rannte zu ihm. Sie fiel ihm um den Hals und schluchzte: „Oh, Remington, du warst es nicht. Du kannst es nicht getan haben. Bitte, bitte… verzeih mir. Es tut mir so leid.“
„Und woher dieser plötzliche Sinneswandel?“ fragte Remy sarkastisch.
„Ich habe mit Mildred gesprochen. Sie war doch die ganze Zeit mit dir zusammen. Wir müssen jetzt nur noch den wahren Täter finden.“
Innerlich jubelte Remy. Doch er wollte es nicht zeigen, noch nicht.
„Schon gut, Laura. Das hat morgen noch Zeit. Ich bringe dich wieder zurück ins Sacher, ok?“ sagte er stattdessen nur.
Laura war sichtlich enttäuscht, so abgewiesen zu werden.
Remy musste lachen. „Du hättest dein Gesicht sehen sollen. Zum Schiessen.“
Laura war verwirrt. Hatte er jetzt auch noch seinen Verstand verloren?
„Denkst du wahrhaftig, ich würde dich alleine in einem anderen Hotel lassen, nach allem, was bisher los war? Komm her, in meinem Bett ist Platz genug.“
Laura zögerte.
„Keine Angst, Miss Holt. Ich will nicht mit Ihnen schlafen, sondern nur neben Ihnen.“
Laura musste unwillkürlich lachen. Sie stieg zu ihm ins Bett und kuschelte sich an ihn.
Teil 13
Am nächsten Morgen wurde Laura von dem Geruch von frischen Semmeln und heissem Kaffee geweckt. Remy war gerade dabei, das Frühstück zu inspizieren, das er bestellt hatte. „Guten Morgen Laura. Gut geschlafen?“ fragte er fröhlich.
„Morgen“, murmelte sie verschlafen zurück. „Hab ich gestern nacht irgendwas getan, das ich bereuen könnte?“ Sie war noch nicht ganz wach.
„Ich hoffe nicht“, entgegnete Remy fröhlich. „Los, komm, frühstücken. Die Brötchen sind noch warm.“
„Gib mir einen Moment, ich muss erst zu mir kommen.“
„Kein Problem. Deine Laune wird sich automatisch bessern, wenn du erst mal siehst, was ich heute mit dir vorhabe.“
„Remy, wir haben keine Zeit für Blödsinn. Wir müssen doch rausfinden, wer Murphy umgebracht hat.“
„Das können wir doch auch unterwegs tun.“
„Unterwegs?“ fragte Laura. Sie dachte hingegen: „Oh, Gott, ich hoffe, das ist nicht wieder eine seiner genialen Ideen.“
Sie stand auf, ging zum Tisch und die beiden frühstückten.
Nachdem sich beide angezogen hatten, nahm Remy Laura bei der Hand und ging mit ihr aus dem Hotel geradewegs auf einen Fiaker zu.
„Wo fahren wir hin?“ fragte Laura neugierig.
„Wir machen eine kleine Rundfahrt durch die Stadt. So können wir das Angenehme mit dem Geschäftlichen verbinden.“ Remy war offensichtlich bester Laune und Laura liess sich davon anstecken.
Sie fuhren vorbei an der Staatsoper, dem Prater mit seinen blühenden Bäumen und Schloss Schönbrunn. Laura rückte näher an Remy heran. Er legte einen Arm um sie und wollte sie küssen. Laura wollte den Kuss erwidern, als der Fiaker ohne Grund anhielt. Der Fahrer, ein hagerer, bleicher Typ mit Hakennase, sprang vom Kutschbock und ergriff die Flucht.
„Hey“, schrie Remy, sprang aus dem Fiaker und wollte ihm nachlaufen, als ein Schuss fiel. Remy drehte sich um. „Laura, ist alles in Ordnung?“ fragte er besorgt.
„Ja, mir geht´s gut. Komm, der Schuss kam aus der Richtung. Wir müssen dorthin.“ brüllte Laura und zeigte nach links. Sie stieg auf den Kutschbock und nahm die Zügel in die Hand. Remy setzte sich neben sie. „Hast du überhaupt eine Ahnung, wie man so ein Ding fährt?“ fragte Remy. „Nein, wir werden es herausfinden müssen“, brüllte Laura zurück und fuchtelte mit den Zügeln herum. Die Pferde preschten in einem Wahnsinnsgalopp los.
„Und wen verfolgen wir?“ fragte Remy.
„Da war so ein zwielichtiger Typ, der hier in diese Richtung gerannt ist.“
„Na grossartig. Wir sind in einer der romantischsten Städte der Welt, und anstatt Champagner und Küsse erleben wir einen gestohlenen Diamanten, einen kutschfahrenden Dracula und zwielichtige Typen, die auf uns schiessen,“ bemerkte Remy. „Es ist fast wie in L.A.“
Sie fuhren noch eine Weile weiter, aber der Schütze war wie vom Erdboden verschluckt.
Schliesslich gaben sie auf. Es hatte keinen Sinn, Gespenster zu jagen.
Teil 14
Sie machten sich im Fiaker auf den Weg zum Hotel, als Remy plötzlich erstaunt aufblickte und sagte: „2 mal 2!“
„Das ergibt immer noch 4. Kannst du nicht mal mehr Kopfrechnen?“ entgegnete Laura.
Doch Remy fuhr unbeirrt fort: „Bette Midler, Lily Tomlin, Touchstone/ Silver Screen Partners III, 1987. Zwei Frauen finden heraus, dass jede von ihnen eine Zwillingsschwester hat.“
„Warum reagier ich überhaupt noch auf so was?“ seufzte Laura.
„Nein, Laura. Sieh doch, dahinten!“
Remy zeigte auf einen Mann. Laura hätte fast der Schlag getroffen. Da ging doch ihr Mr. Steele. Aber er saß doch neben ihr. Das konnte doch nicht sein. Der Mann trug sogar haargenau die gleiche Kleidung und Frisur wie Remington. Jetzt fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Das war der Dieb des rosaroten Panthers, das war der Mann, der sie entführt hatte. Sie mussten ihn erwischen. Sie sahen gerade noch, wie er in eine Litfasssäule stieg.
Laura und Remy rannten zu Fuss los. Laura fragte: „Was macht er da?“
„Der dritte Mann.“
„Wer?“
„Orson Welles, Joseph Cotton, Atlas Film, 1949.“
„Geht das schon wieder los.“ stöhnte Laura.
„Nein, nein, die Litfasssäule ist der Eingang zur Kanalisation von Wien.“ erklärte Remy.
Also stiegen die beiden ebenfalls hinunter in die Kloake.
„Oh, mein Gott! Was für ein bestialischer Gestank!“ entfuhr es Laura.
„Ich weiss. Als sie den Film gedreht haben, mussten sie die Wände mit Parfüm besprühen, um die Schauspieler hier reinzukriegen. Wir müssen uns so zufrieden geben.“
„Wer hätte gedacht, dass dein Hollywood-Fimmel noch mal zu was gut wäre.“ bemerkte Laura schnippisch. „Schön und gut, aber wo sollen wir jetzt hin?“
„Sei mal ruhig!“ ermahnte Remy sie.
Da hörten sie Schritte. „Er muss nach rechts gegangen sein“, folgerte Laura und die beiden rannten Hand in Hand los.
Kurz darauf hatten sie Remys Doppelgänger eingeholt.
„Stehenbleiben!“ rief Remy. Doch sein Ebenbild hatte was anderes vor. Er rannte los, Laura und Remy hinterher. Nach ein paar Metern stieg er eine Leiter hoch und gelangte so ins Freie. Laura und Remy folgten ihm. Sie kamen am Stephansplatz raus, verfolgten den doppelten RS, der im Stephansdom verschwand.
Im Dom angekommen verfolgten sie den Doppelgänger durchs Messnerhaus über eine Treppe in die Turmstube und von dort über eine weitere Treppe zur Aussichtsplattform vom Stephansturm.
Hier endete die Verfolgungsjagd.
Teil 15
Doch der Doppelgänger hatte noch ein As im Ärmel. Voller Entsetzen sahen Laura und Remy Mildred, die ans Geländer gefesselt und geknebelt war und am Boden sass.
„Meine Güte, Mildred!“ schrie Laura und wollte zu ihr hingehen, als der falsche Remy seine Walther zückte und sagte: „Nein, nein, nein. Du wirst mir meinen Plan nicht versauen.“
„Welchen Plan?“ fragte Laura verwundert.
„Laura, hör zu. Das ist wirklich mein Zwillingsbruder… Es ist also wahr.“
Laura drehte sich zu ihrem Remington um. Sie verstand kein Wort.
„Ich bin letzte Woche hierhergekommen, um einer Spur nachzugehen, die mich zu meiner Vergangenheit führt. Ich fand raus, dass ich einen Bruder habe. Nur wusste niemand, wo der sich aufhält. Es hat mir auch niemand gesagt, dass er mein eineiiger Zwilling ist.“
Höhnisch lächelnd erwiderte Remys Bruder: „Und dabei dachte ich immer, du wärst klüger, Bruderherz. Du warst doch immer auf der Sonnenseite des Lebens, während ich im Dreck saß. Du wurdest nicht im Waisenhaus verprügelt. Du musstest nicht in einer schäbigen Bude hausen. Doch damit ist jetzt Schluss. Ihr drei Schiessbudenfiguren fliegt jetzt hier runter. Eure Körper werden so entstellt sein durch den Aufprall, dass euch niemand wieder erkennt. Und dann spaziere ich in deine vornehme Detektei und nehme deinen Platz ein. Niemand wird dahinter kommen, wie´s tatsächlich ist. Endlich bin ich reich und berühmt. Keine dreckigen Spelunken mehr, keine Schulden mehr… Also, fangen wir an. Die Oma fliegt zuerst.“
Der Doppelgänger drehte sich um, um Mildred loszubinden. Genau in diesem Moment schlug Remy seinem Zwilling die Waffe aus der Hand. Die beiden prügelten sich. Laura hob den Revolver auf und zielte. Doch sie konnte es nicht riskieren zu schiessen. Denn wer war der echte Remy? Alle beide trugen den gleichen, dunkelgrauen Anzug.
Da passierte es. Ein lauter Schrei. Einer der beiden fiel vom Turm.
„Remy“, schrie Laura und lief zum Geländer. Sie sah nach unten auf den zerschmetterten Körper. Ein Haufen Schaulustiger versammelte sich um die Leiche.
Hinter ihr rappelte ein Remy sich langsam auf. Laura drehte sich panisch um und zielte mit der Waffe auf ihn.
„Das Spiel ist aus, Mister.“
„Aber Laura, ich bin´s doch.“
„Und das soll ich Ihnen glauben?“
Mit erhobenen Händen ging Remy langsam, Schritt für Schritt auf Laura zu. „Na gut, du willst es nicht anders. Also bitte sehr, der falsche Remy konnte nicht wissen, dass du schokoladensüchtig bist.“ Während er diese Worte sprach, war er nahe genug an Lura herangekommen, um sie an sich zu ziehen, ihr die Waffe wegzunehmen und sie zu küssen. Laura war den Tränen nahe.
„Remington, du bist es wirklich. Ich hatte solche Angst um dich.“ schluchzte sie und umarmte ihn noch fester.
Mildred war es inzwischen gelungen, den Knebel aus ihrem Mund zu schaffen. „Also, entführt zu werden ist ja schon schlimm genug, aber auch noch als Oma bezeichnet zu werden… Da fehlen mir die Worte.“
Laura und Remy lachten und banden Mildred los.
Teil 16
Laura und Remy kamen aus der Oper. Sie hatten sich Puccinis „La Bohème“ angesehen.
„Es war zauberhaft“, schwärmte Laura.
„Freut mich, dass es dir gefallen hat“, antwortete Remy.
„Aber ich würde nun auch zu gerne wissen, wer du in Wirklichkeit bist.“
„Unter einer Bedingung.“
„Und die wäre?“
Sie blieben stehen. Er sah ihr tief in die Augen und sagte: „Heirate mich.“
Diesmal wusste Laura, dass es ernst gemeint war. Sie erwiderte seinen Blick und sagte ja.
Teil 17
Am nächsten Morgen beim Frühstück erzählte Remy:
„Also ich hab einen Hinweis von so nem komischen kleinen Österreicher à la Peter Lorre bekommen, der mich zuerst mit Wolfgang, meinem Zwillingsbruder, verwechselt hat. Ich kam dann hierher, wo ich den Namen meiner Mutter herausfand. Sie war Kellnerin in einem Heurigenlokal. Eines Tages kam Daniel Chalmers hierher, um einen seiner berühmten Aufträge zu erledigen. Er hat sich in die Kellnerin verliebt, die beiden verbrachten die Nacht miteinander. Neun Monate später brachte die Frau, sie hiess übrigens Gretel Spengler, eineiige Zwillinge zur Welt, 2 Jungen. Sie starb kurz nach der Geburt. Die beiden Kinder wurden getrennt. Wolfgang kam in ein Waisenhaus in der Nähe von Wien, wo er keine schöne Zeit hatte. Er wurde misshandelt und geschlagen. Mit 12 riss er aus und schlug eine kriminelle Laufbahn ein. Ich hingegen kam zunächst zu einer Winzerfamilie in Grinzing.
Durch Zufall erfuhr Daniel von Gretels Tod. Er kam her und fand heraus, dass sie einen Sohn hatte. Mich. Er wusste nichts von einem 2. Kind. Er nahm mich mit nach Irland und gab mir den Namen Harry. Der Rest ist Geschichte. Übrigens hat Daniel mir meine Geburtsurkunde verschafft.“ Er nahm ein Blatt Papier aus seiner Anzugtasche und gab es Laura. Sie las:
„Geburtsurkunde von: Alexander Spengler, geboren am 6. September 1952 im Stadtkrankenhaus zu Wien“
Sie sah auf. „Alexander. Der Name passt zu dir.“
„Also, ich versteh jetzt nur noch Bahnhof. Wer hat denn den rosaroten Panther gestohlen?“ fragte Mildred.
Laura und Remy mussten grinsen.
„Mein Zwillingsbruder, Wolfgang. Die Polizei hat den Diamanten in seiner Wohnung gefunden“, antwortete Remy. „Er wollte uns eine Falle stellen, damit wir hierherkommen. Aber Murphy war an dem Fall dran und fand zuviel heraus. Da hat Wolfgang ihn eben kurzerhand erschlagen.“
„Ich wusste von Anfang an, dass Sie es nicht waren. So kaltblütig könnten Sie nie sein.“ Mildred war zufrieden. „Dann kann ich ja jetzt packen. Europa ist mir doch zu gefährlich.“ fügte sie noch hinzu.
Teil 18
Wiener Zentralfriedhof. Grab von Gretel Spengler, 1934-1952. Eine Männerhand legte Blumen auf das Grab. Es war Remy. Er trug einen schwarzen Anzug, einen langen, schwarzen Mantel und – trotz der grauen Wolken am Himmel – eine Sonnenbrille.
„Für dich, Mutti. Ich wünschte, ich hätte dich gekannt.“ sagte er traurig. Hinter ihm stand Laura. Sie legte eine Hand auf seine Schulter und sagte: „Komm, Alex, lass uns nach Hause gehen.“
Arm in Arm verliessen sie den Friedhof.
© 11.03.2006 by MajorPetrofsky und SuiteIrlandaise