STEELE´S LITTLE SISTER

 

Teil 1

 

Eine Frau hatte gerade die Remington Steele Detektei betreten und wandte sich nun an Mildred. Mit zitternder Stimme flüsterte die Unbekannte scheu: „Könnte ich bitte Mr. Steele sprechen?“

Mildred sah sich die Klientin an. Sie war um die 20, ziemlich dünn und hatte braune Haare. Sie war ein bisschen der Typ Laura, ohne ihr jedoch ähnlich zu sehen. Sie trug einen dicken, schwarzen Rollkragenpullover, schwarze Jeans und Turnschuhe und das mitten im Juli bei sengender Hitze. Die riesige Sonnenbrille auf ihrer Nase schaffte es nicht, die blauen Flecken in ihrem Gesicht vollständig zu verdecken. Sie flüsterte noch mal verzweifelt: „Bitte…“

Mildred antwortete jetzt: „Mr. Steele ist leider noch nicht da. Wollen Sie vielleicht 5 Minuten warten? Er müsste jeden Augenblick kommen.“

„Ja, gut. Danke.“

Mildred spürte, dass diese Frau in ungeheuer großen Problemen stecken musste. Sie hatte auch etwas Mitleid mit der vollkommen verängstigten Fremden. In dem Versuch, mit der neuen Klientin ein Gespräch anzufangen, bot Mildred ihr eine Tasse Kaffee an.

„Ja, vielen Dank.“ stammelte diese verlegen. Sie hielt den Plastikbecher fest mit beiden Händen umklammert.

Mildred begann freundlich: „Kindchen, ich sehe Ihnen an, dass Sie in Schwierigkeiten stecken. Wollen Sie mir nicht ein bisschen was erzählen?“

Doch bevor die Frau antworten konnte, ging die Tür der Agentur auf und ein quietschvergnügter Remington Steele kam breit lächelnd herein: „Ah, guten Morgen, Miss Krebbs. Die Sonne geht auf. Wie ich sehe, sind Sie schon fleissig bei der Arbeit. Kundenbetreuung wie? Ausgezeichnet. Immer weiter so.“ Mitten in seinem Redefluss hielt er inne, als er bemerkte, wer da neben seiner Sekretärin saß. Überrascht brachte er nur mehr ein Wort heraus: „Trixie?!?“

„Harry, ich… bitte, ich brauche deine Hilfe.“, flehte sie ihn mit bebender Stimme an.

 

Teil 2

 

„Aber, ja… natürlich.“ stotterte Remy ahnungslos. „Komm, wir gehen in mein Büro.“ Zu Mildred meinte er: „Stellen Sie keine Anrufe durch und lassen Sie niemanden in mein Büro. Ich möchte ungestört sein.“

„Logisch, Chef.“, antwortete Mildred hilfsbereit.

Im Büro fing Remy an: „Du… ich hätte nicht damit gerechnet, dich je wiederzusehen. Wie geht´s dir? Ich meine…es ist viel passiert in den letzten drei Jahren. Und überhaupt? Wie hast du mich gefunden?“

Trixie lächelte schwach: „Dich zu finden war leicht. Deine Fotos sind in jeder Zeitung: Großartiger Privatdetektiv löst rätselhaften Fall usw.“

„Tja…“ meinte Remy verlegen.

„Remington Steele, der Name passt so gar nicht zu dir. Ich kann´s nicht fassen, dass du ehrlich arbeitest.“ meinte sie mit einem gezwungenen Lächeln.

„Och, weißt du…“ stotterte er schüchtern. Dann wechselte er rasch das Thema: „Du hast gesagt, du bräuchtest meine Hilfe…“

„Ja, bitte. Also, ich muss dir dazu erst mal was erzählen: Kurz nachdem du aus Dublin weg warst, habe ich einen Mann kennengelernt. Ich habe ihn geheiratet. Am Anfang war er nett und ich dachte, er würde mich wirklich lieben. Außerdem ist er reich. Ihm gehört ein großes Chemiewerk. Aber das ist jetzt unwichtig. Nach der Hochzeit war er jedoch auf einmal wie ausgewechselt. Er entpuppte sich als Säufer, und wenn er getrunken hatte, wurde er aggressiv. Er hat seine Wut an mir ausgelassen.“

„Daher also die blauen Flecken in deinem Gesicht.“

Trixie blickte erschrocken zu ihm auf: „A…aber, woher…?“

„Du warst schon immer schlecht im Verkleiden. Aber erzähl weiter.“

„Na ja. Also, zuerst hat er mich nur ab und zu geschlagen, aber mit der Zeit wurde es immer schlimmer.“ Sie zog den Rollkragen ihres Pullovers etwas nach unten und Remy sah voller Entsetzen eine riesige Narbe.

Ohne ein Wort von ihm abzuwarten, fuhr Trixie fort: „Das geschah auf einer Party in seiner Fabrik. Er war betrunken, wie üblich, und da griff er nach einer Flasche mit Säure, die er nach mir warf. Das meiste ging daneben, aber etwas davon traf mich und verätzte meinen Hals.“

„Großer Gott, warum bist du nicht weggegangen?“

„Vor zwei Monaten hab ich die Flucht ergriffen. Der erste Flug, den ich kriegen konnte, war der nach L.A. Ich wusste nicht, dass du auch hier bist. Das hab ich erst hier durch die Zeitungen erfahren. Wie auch immer, ich dachte, ich wäre ihn los. Bis letzte Woche. Da bekam ich diesen Brief.“ Zitternd zog sie einen Umschlag aus ihrer Handtasche. Er war an sie adressiert. Remy nahm den Brief heraus und las:

„Darling,

es hat keinen Sinn, davonzulaufen. Ich finde Dich, egal, wo Du steckst.

Bald wirst Du wieder bei mir sein, wo Du hingehörst.

Dein Dich liebender Ehemann,

Richard“

Trixie fing an zu schluchzen: „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Harry, ich hab solche Angst.“

Remy nahm sie in den Arm und flüsterte: „Nein, nicht weinen, meine Kleine. Ich passe jetzt auf dich auf, ok? Heute nacht bleibst du bei mir.“

Genau in diesem Augenblick platzte Laura herein.

 

Teil 3

 

Remy gab Laura, von Trixie unbemerkt, ein Handzeichen, dass sie verschwinden solle, was Laura selbstverständlich ignorierte.

Trixie stand auf, stammelte leise: „Ich sollte jetzt besser gehen.“ und verließ das Büro.

„Trixie, warte!“ rief Remy ihr hinterher. „Wo wohnst du jetzt?“

„Im Cathcart Towers Hotel am Flughafen. Zimmer 2164.“ antwortete sie noch und schon war sie verschwunden.

Laura sah Remy sauer an.

„Laura“, stammelte er. „Es ist nicht so, wie du denkst.“

„Ach, nee?“ meinte sie sarkastisch. „Jetzt bringst du deine Flittchen schon mit ins Büro.“

„Laura, hör mir zu…“ bettelte er.

„Was gibt´s da zuzuhören? Ich will nichts darüber wissen. Ich hab Wichtigeres im Kopf. Wir haben einen neuen Klienten. Einen Mr. Richard Doherty aus Irland. Dublin, um genau zu sein. Er sucht seine Frau, die vor zwei Monaten verschwunden ist.“

Erschrocken sah Remy auf. „Was weißt du über die Frau?“

„Nicht viel bis jetzt. Nur, dass ihr Vorname Beatrice ist. Ich warte noch auf das Fax mit dem Foto.“

„Laura, versprich mir, dass du nichts unternimmst.“

„Was faselst du da?“

„Bitte, Laura, ich weiß, wo sie ist. Aber wir müssen… wir dürfen ihn nicht zu ihr lassen. Auf gar keinen Fall.“

„Was ist bloß los mit dir?“ fragte sie wütend und verständnislos. „Ich habe einen Auftrag und den muss ich erfüllen. Es geht hier schließlich auch um die Agentur. Und was soll das heißen: Du weißt, wo sie ist?“

„Laura, der Mann wird sie umbringen, wenn er sie jemals wieder in die Finger kriegt. Bitte, bei allem, was dir heilig ist, unternimm nichts, ohne mich vorher darüber zu informieren.“ bettelte er weiter.

Ungeduldig meinte Laura schließlich: „Na schön, aber ich hoffe, dass du mir das irgendwann mal erklärst.“

„Natürlich, heute abend kommst du zu mir und dann erklär ich dir alles, ok?“

„Ja, ja, schon gut, verstanden“, murrte sie.

 

Teil 4

 

Um 16.30 Uhr betrat Remy die Lobby des Cathcart Towers Hotels und stieg in den Lift, der ihn zum 21. Stock brachte. Als er an Trixies Zimmer ankam, stand die Tür sperrangelweit offen. Trixie lag bewusstlos auf dem Boden. Laura stand daneben mit einer kleinen Bronzefigur in der Hand: „Remy, ich…“ stotterte sie.

Remy war fassungslos. Er ließ Laura einfach so stehen und eilte auf Trixie zu: „Oh, nein. Nicht meine Kleine, bitte nicht.“

Trixies Atmung war flach.

„Ruf einen Krankenwagen. Schnell!“ brüllte er Laura an.

Diese ließ die Figur fallen und rief 911. Kurz darauf trat sie neben Remy und sagte: „Der Krankenwagen ist unterwegs.“

Remy ignorierte sie. Stattdessen redete er auf die Bewusstlose ein. „Weißt du noch, als ich dich das erste Mal mit ins Kino genommen habe? Da lief „Leoparden küsst man nicht“, Cary Grant, Katharine Hepburn, Paramount, 1938. Du warst so glücklich und stolz, dass du mit durftest. Nur wir beide allein und ich war doch älter. Ich…“

Da wurde er jäh von den beiden Sanis unterbrochen, die nun angekommen waren und Trixie auf die Trage legten.

Remy wollte mitfahren, aber die Sanis wiesen ihn ab: „Tut uns leid, Sir, aber wir dürfen Sie nicht mitnehmen. Vorschrift!“

„Oh“, stammelte Remy und bevor er Weiteres unternehmen konnte, war der Krankenwagen schon unterwegs.

Laura trat langsam auf Remy zu, der, noch immer fassungslos, da stand. Sie wollte ihn umarmen, ihn ein bisschen trösten, aber er riss sich von ihr los. „Fass mich nicht an!“ brüllte er.

„Bitte, Remy, glaub mir doch: Ich war´s nicht. Das war schon so, als ich kam.“ flehte sie ihn an.

„Das ist mir egal. Ich fahre jetzt ins Krankenhaus.“ erwiderte er schroff und ging.

Laura blieb noch einen Moment verzweifelt stehen, dann verließ sie das Hotel, stieg in ihren Golf und fuhr nach Hause.

 

Teil 5

 

Endlich hatte man Remy zu Trixie ins Zimmer gelassen.

„Aber nur kurz“, hatte die Stationsschwester ihn ermahnt.

Nun stand er an Trixies Bett. Er konnte das immer noch nicht so richtig begreifen. Vor seinem geistigen Auge sah er seine „kleine Schwester“ und sich, als sie beide noch Kinder waren und sich zum ersten Mal trafen. Er war 10 und sie gerade mal 5 Jahre alt. Er zog an ihren Zöpfen. Damals liebte er es, kleine Mädchen zu piesacken.

„Au!“, schrie sie.

Er lachte nur blöde.

Sie meinte: „Mom sagt, du bist asozial.“

„Und du bist bescheuert.“, gab er frech zurück.

„Stimmt gar nicht!“

„Stimmt wohl! Und dein doofer Teddy da ist auch bescheuert.“

„Selber bescheuert!“ maulte sie zurück und streckte ihm die Zunge raus. Sie hatte keine Lust mehr, sich mit diesem Vollidioten abzugeben und wollte über die Straße laufen, als gerade ein Wagen herankam.

Remy zog sie an ihrem Kleid zurück, bevor etwas Schlimmeres hätte passieren können.

Verständnislos starrte sie den ihrer Meinung nach großen, bösen Jungen aus naiven, brauen Kinderaugen an.

Er redete auf sie ein: „Sowas darfst du nie wieder machen, hörst du, meine Kleine? Weißt du denn nicht, dass das gefährlich ist, einfach so über die Straße zu laufen? Komm mit, ich bringe dich nach Hause.“ Er nahm das Mädchen bei der Hand und ging mit ihr zu ihrem Elternhaus. In diesem Moment hatte er sich geschworen, immer auf die Kleine aufzupassen. Wie auf eine kleine Schwester. Bis an ihrer beider Lebensende.

 

Teil 6

 

„Mr. Steele, bitte, Sie müssen jetzt gehen.“ Die Stationsschwester hatte Remy auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

„Hm? … Ach so, ja… Kann ich nicht doch…?“ fragte er charmant.

„Es tut mir leid. Sie braucht jetzt Ruhe. Und die brauchen Sie auch. Fahren Sie nach Hause und legen Sie sich schlafen.“, riet sie ihm freundlich. „Sie können hier doch nichts tun.“

„Ja, Sie haben Recht. Leider.“ meinte er entschuldigend und verließ das Zimmer. Er fuhr nach Hause und sah sich „Arsen und Spitzenhäubchen“ auf TCM an. Aber anstatt abgelenkt zu werden, musste Remy noch mehr an Trixie denken. Das war einer ihrer absoluten Lieblingsfilme gewesen. Wie überhaupt alle Filme mit Cary Grant. Er fand das so niedlich, vor allem, als sie noch kleiner war. Sie schien sich in den Schauspieler verknallt zu haben. Das merkte er an dem Leuchten in ihren Augen, wenn der auf der Leinwand zu sehen war. Von da an kopierte er Cary Grant, wo er nur konnte, um sie zu beeindrucken. Er fing an so zu reden und dieselben Gesten und Mienen zu machen wie der Star.

Doch Trixie lachte nur und meinte spöttisch: „Du bist überhaupt nicht wie Cary Grant. Der sieht viel besser aus als du. Und er ist viel lustiger.“

Dann guckte Remy immer gespielt enttäuscht drein. Die Kleine kaufte ihm das ab und dann bettelte sie: „Nein, das war nicht so gemeint. Dich hab ich doch auch gern. Sogar viiiiiel lieber als Cary Grant.“ Und dann umarmte sie ihn und gab ihm einen unbeholfenen, kindlichen Kuss auf die Wange.

Remy musste ein wenig lächeln, als er so an seine „kleine Schwester“ dachte. Vollkommen erschöpft von der Aufregung fiel er schlussendlich in einen unruhigen Schlaf.

 

Teil 7

 

Laura kochte vor Eifersucht und Wut. Diese andere Frau schien Remy wirklich etwas zu bedeuten. Nicht so wie die anderen bemalten Weiber, die von Zeit zu Zeit bei ihm auftauchten und wieder verschwanden und keinerlei ernstzunehmende Konkurrenz für sie darstellten. Sie verfluchte seine geheimnisvolle Vergangenheit. Warum erzählte er ihr nie was? Sie könnte ihm doch bestimmt helfen. Ihr konnte er doch vertrauen. Ja, genau so, wie sie ihm vertraute? Und jetzt hielt er sie bestimmt auch noch für eine gefährliche Mörderin. Sie musste das mit ihm klären. Sie hatte doch nichts Falsches getan. Morgen früh, in der Agentur, würde sie mit ihm reden.

 

Teil 8

 

Am anderen Tag wartete Laura vergeblich auf Remy. Zu Hause war er auch nicht. Jedenfalls ging er nicht ans Telefon. Lauras Laune verschlechterte sich merklich. Sogar die Arbeit vernachlässigte er wegen dieses kleinen Flittchens. Er hing bestimmt im Krankenhaus rum, bei dieser – wie hieß sie noch mal? Trixie? Idiotischer Name! – Und was war da überhaupt mit der Frau, die vermisst wurde? Was wusste er über die? Da erst fiel Laura ein, dass „Trixie“ eine Verniedlichung von „Beatrice“ ist. Also war sie auch die Frau des irischen Millionärs. Sie sollte Doherty darüber informieren, dass sie seine Frau gefunden hatte. Aber das hieße, Remy zu hintergehen. Nein, trotz aller Eifersucht, das konnte sie nicht tun. Sie musste zuerst mehr über diese Beatrice herausfinden. Und was am vorigen Nachmittag geschehen war, bevor sie Beatrices Hotelzimmer erreichte. Sie ging zu Mildred: „Stellen Sie doch bitte ein paar Nachforschungen über eine gewisse Mrs Beatrice Doherty aus Dublin, Irland an. Alles, was Sie finden können.“

„Wird gemacht, Miss Holt. Sagen Sie mal, ist der Chef krank?“

„Das werde ich jetzt nachprüfen“, entgegnete Laura entschlossen und machte sich auf den Weg ins Krankenhaus.

 

Teil 9

 

In der Klinik ließ man sie jedoch nicht in Trixies Zimmer, wo Remy in der Zwischenzeit auf einem Stuhl eingenickt war. Man bat sie zu warten, während die Stationsschwester Remy Bescheid sagen würde.

„Na gut, ich warte“, meinte Laura genervt.

Die Schwester weckte Remy auf: „Am Empfang wartet eine Dame auf Sie, die Sie unbedingt sprechen will. Sie sagt, es sei dringend.“

„Oh, gut. Einen Moment. Ich komme sofort.“ Remy stand auf und beugte sich über die im Koma liegende Trixie. Er drückte ihre Hand mit seiner linken Hand und mit seiner rechten streichelte er ihr vorsichtig über den bandagierten Kopf. Er flüsterte ihr zu: „Ich komme gleich wieder, meine Kleine.“ Dann gab er ihr noch einen Kuss auf die Wange und verließ das Zimmer. Er ging in Richtung Wartesaal, wo Laura ihn bereits erwartete.

„Was machst du hier?“ fragte er sie, wenig begeistert.

„Remy, ich muss ein paar Sachen wissen. Zuerst mal: Warum ist diese kleine Schlampe da drin dir wichtiger als ich?“

Remys blaue Augen wurden mit einem Mal eisig kalt, als er leise zischte: „Sag so was nie wieder! Hast du mich verstanden?!“

„J…ja“, stotterte Laura furchterfüllt. Zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, hatte sie wirklich Angst vor ihm. So hatte er sie noch nie angesehen. So bedrohlich. So wütend. So hasserfüllt. Wie ein ruchloser Killer.

Sie wollte gerade etwas sagen, um die Situation zu entschärfen, als sie undeutlich im Hintergrund eine Durchsage hörten und mehrere Ärzte, Pfleger und Schwestern am Wartesaal vorbeirannten.

Remy hatte plötzlich ein sehr schlechtes Gefühl. Er eilte zurück zu Trixies Zimmer, wo eine Schwester ihn abwimmelte: „Sie können jetzt nicht hier rein. Bitte warten Sie draußen.“

Er ging ein paar Schritte rückwärts und versuchte dabei, durch die sich langsam schließende Tür ins Zimmer zu spähen, wo bereits die ersten Wiederbelebungsmaßnahmen durchgeführt wurden.

 

Teil 10

 

Wenige Minuten später kamen die Schwestern und der Arzt aus Trixies Zimmer. Der Arzt ging auf Remy zu und fragte ihn: „Mr. Steele?“

„Ja…“ entgegnete dieser nervös.

„Es tut mir aufrichtig leid, aber… sie hat´s nicht geschafft. Die Kopfverletzung war doch zu schwer.“

Remys künstliche Bräune war aus seinem Gesicht verschwunden. als er den Arzt fragte: „Da… darf ich zu ihr? Ich… ich will… sie nur noch… ein letztes Mal…“ stotterte er heiser.

„Natürlich, ich verstehe. Nehmen Sie sich ruhig Zeit. Und nochmals mein aufrichtiges Beileid.“

Remy nickte nur und ging wie in Trance in das Krankenzimmer. Er setzte sich auf den Stuhl an Trixies Bett. Ungläubig starrte er auf die Tote. Das musste ein Alptraum sein. Das konnte einfach nicht wahr sein. Er sah sie an.

Sie lag da, als würde sie nur schlafen. Erst langsam realisierte Remy, dass seine über alles geliebte „kleine Schwester“ aus diesem Schlaf nie wieder erwachen würde.

Er stand auf und umarmte sie noch ein letztes Mal. Dabei bettelte er immer wieder: „Bitte, du darfst nicht gehen. Komm doch zurück. Bitte!“

Doch das hier war ein Abschied für immer. Unwiderruflich!

 

Teil 11

 

Unmerklich war Laura ins Zimmer gekommen. Als sie Remy so sah, verschwand ihre Eifersucht und es plagten sie schlimme Schuldgefühle.

Die Tote da im Bett war scheinbar doch kein ordinäres Flittchen, sondern hatte sehr viel mit Remys Vergangenheit zu tun und war sicher mehr als nur ein Flirt gewesen. Davon war Laura jetzt felsenfest überzeugt. Sie musste sich unbedingt bei Remy entschuldigen. Doch als sie, beim Versuch, ihn zu trösten, ihre Hand auf seine Schulter legte, stieß er ihren Arm gewaltsam weg und schrie wütend: „Geh! Lass mich in Ruhe! Ich hoffe, jetzt bist du zufrieden.“

„A…aber…Remy…was…?“ stotterte Laura vollkommen verwundert. So war er noch nie mit ihr umgesprungen.

„Lass mich allein!“, brüllte er noch als Antwort.

Vollkommen eingeschüchtert, aber auch ein wenig verärgert verließ sie die Klinik. Sie würde morgen noch einmal versuchen, mit ihm in aller Ruhe zu reden. Bis dahin würde er sich wohl abgeregt haben.

 

Teil 12

 

Am nächsten Morgen betrat Remy schlechtgelaunt die Agentur. Seine rot umrandeten Augen hatte er raffiniert hinter einer Sonnenbrille versteckt.

„Guten Morgen Chef“, grüßte Mildred freundlich, aber ihr Chef raunzte sie nur an: „Den können Sie sich in die Haare schmieren.“

Mildred war sprachlos. Sowas war sie von ihrem Boss nicht gewöhnt. Das konnte ja ein langer Tag werden.

Remy hatte sich indessen in sein Büro verkrochen. Er hatte seinen Mantel abgelegt und diesen sorglos auf die beigefarbene Couch geschmissen.

Nun saß er apathisch in seinem schwarzen Lederchefsessel und starrte aus dem Fenster Löcher in die Gegend. Das hektische Treiben der Menschen unten auf der Straße bemerkte er nicht. Es kümmerte ihn auch nicht. Er hatte genug mit seinen Selbstvorwürfen zu tun, die er sich seit dem vorigen Tag unentwegt machte.

Er hatte fast die ganze Nacht wach gelegen und in der kurzen Zeit, die er in leichtem Schlaf verbrachte, hatte er von seiner Jugend in Dublin geträumt und natürlich auch von Trixie. Im Traum wollte er zu ihr gehen, aber wenn er sich ihr näherte, verschwand sie, immer wieder. Er hatte nur noch einen Gedanken: Er musste diesen Richard Doherty finden. Was er mit dem Typ anstellen würde, wenn er ihm begegnen würde, wusste er noch nicht, aber er wusste genau, dass niemand, der seine Trixie geschlagen hatte, so einfach ungestraft davonkommen würde.

Er hatte große Lust, diesen Dreckskerl windelweich zu prügeln. Kein Gericht dieser Welt würde ihn dafür verurteilen.

 

Teil 13

 

Da kam Mildred in Remys Büro und brachte ihm einen Kaffee und ein Croissant.

„Chef?“ fragte sie zögerlich.

„Was denn noch?!“ schnauzte der zurück.

Mildred zuckte zusammen, aber mutig fuhr sie fort: „Hier, bitte. Ich habe Ihnen einen Kaffee gemacht. Mir scheint´s Sie bräuchten den ganz dringend. In der Verfassung, in der Sie sind…“

„Ach, ja? In was für einer Verfassung bin ich denn? Und was geht das Sie überhaupt an?“ brüllte er wütend.

„Aber, Chef…Mr.Steele… ich meine…“ stotterte sie verängstigt. Hatte Sie etwas Falsches gesagt?

„Schon gut, Mildred, es tut mir wahnsinnig leid. Es war nicht so gemeint. Bitte verzeihen Sie mir.“ erwiderte Remy jetzt zerknirscht. Was war bloß in ihn gefahren? Andere Leute anzubrüllen machte Trixie auch nicht wieder lebendig. Er gab sich nun mal selbst die Schuld an ihrem Tod. Er hätte viel schneller reagieren müssen, als Trixie vor ein paar Tagen hier war, sagte er sich immer wieder. Und er hätte Sie nicht aus der Detektei gehen lassen dürfen, warf er sich vor. Doch nun war es zu spät.

„Entschuldigung angenommen, Mr. Steele.“ meinte Mildred erleichtert und verließ das Büro. Remy zupfte lustlos Stückchen von seinem Croissant, auf denen er dann noch lustloser herumkaute und hätte sich fast an dem brühendheißen Kaffee die Zunge verbrannt.

 

Teil 14

 

Keine zwei Minuten, nachdem Mildred wieder an ihrem Schreibtisch Platz genommen hatte, betrat Laura Remington´s Büro.

Die Nachforschungen hatten nicht viel ergeben, nur Dinge, die sie sowieso schon wussten. Trixie war nie polizeilich aufgefallen, war ein ganz normales Kind gewesen und nun die angeblich glückliche Ehefrau eines Multimilliardärs.

Auch über ihn gaben die Akten nicht viel her. Er führte die Chemiefabrik „Dublin Chemicals“ bereits in der dritten Generation. Ein florierendes Unternehmen. Er hatte die Leitung vor 10 Jahren übernommen.

Remy sah sich das Hochzeitsfoto der beiden an, das Mildred in einer Zeitung im Archiv gefunden hatte: Ein 40jähriger, gutgebauter Mann, der nicht unbedingt hässlich war, trotz der großen Narbe am Kinn, die ihn eher noch etwas attraktiver machte. Er hatte braune Haare und lächelte stolz in die Kamera. Daneben stand Trixie, in einem traumhaften, weißen Hochzeitskleid. Sie trug ihre Haare hochgesteckt und sah einfach zauberhaft aus. Sie schien die glücklichste Frau der Welt zu sein, wenn man ihrem Lächeln auf dem Foto Glauben schenken konnte.

Remy murmelte beim Betrachten des Bildes: „Meine Kleine, wieso hast du das nur getan? Einen älteren Mann geheiratet. Nur weil er reich war? Warum wolltest du damals nicht mit mir nach Amerika kommen? Ich hätte dir doch auch alles gegeben, was du gewollt hättest. Ohne, dass du diesen hohen Preis hättest bezahlen müssen.“

Eifersucht flammte wieder in Laura auf, aber sie versuchte, sich zu beherrschen und sagte sanft zu Remy: „Willst du mir nicht endlich etwas über sie erzählen?“

„Über wen?“ fragte dieser gedankenverloren. „Ach, so. Du meinst über Trixie.“

Und dann erzählte er. Von dem Tag, als er sie zum ersten Mal sah, von ihren gemeinsamen Kinobesuchen und all den anderen Dingen, die sie gemeinsam unternommen hatten und schließlich meinte er: „Verstehst du mich jetzt, Laura? Meine Reaktion von gestern tut mir leid, aber Trixie war für mich immer die kleine Schwester, die ich nie hatte. Und als großer Bruder hat man eine Menge Verantwortung und Aufgaben. Und leider muss ich zugeben, dass ich, bei meiner Aufgabe, sie immer zu beschützen, kläglich versagt habe. Natürlich habe ich sie geliebt, aber eben nicht so wie dich. Und natürlich habe ich sie in den letzten drei Jahren hier nicht vergessen, und das werde ich auch für den Rest meines Lebens nicht tun. Aber, bitte Laura, glaub mir, sie ist und war nie eine Konkurrenz für dich.“

Laura trat langsam auf ihn zu und umarmte ihn heftig. Sie flüsterte: „Bitte verzeih mir meine dumme Eifersucht.“

„Schon verziehen“, murmelte Remy. Jetzt konnte er auch seine Tränen nicht mehr zurückhalten, die er bis zu diesem Moment so krampfhaft versucht hatte, zu unterdrücken. Seine ganze Wut und Trauer über das Geschehene brachen jetzt aus ihm heraus.

Laura hörte sein Schluchzen und flüsterte ihm zu: „Ist ja schon gut. Weine dich aus.“ Dabei hielt sie ihn ganz fest, als ob er ein kleiner Junge wäre, und drückte ihm einen Kuss auf seine Stirn. Sie fuhr fort: „Und mach dir keine Vorwürfe. Es war nicht deine Schuld, hörst du? Es war nicht deine Schuld.“

Remy nickte.

Laura schlug nun aufmunternd vor: „Weißt du was? Ich sage Mildred, dass wir für heute schließen, eventuell bestehende Termine soll sie absagen und dann machen wir uns einen schönen Tag, ok? Ganz ohne Arbeit.“

„Nein, Laura, ich muss diesen Doherty finden. So schnell wie möglich. Ich will nicht, dass er ungeschoren davonkommt. Den Drecksack knöpf ich mir mit Vergnügen persönlich vor.“

Eine wilde Entschlossenheit war in Remys Gesicht zurückgekehrt. Er würde nicht eher ruhen, als bis dieser Mistkerl seine gerechte Strafe erhalten hätte.

 

Teil 15

 

Mildred kam wieder in Remys Büro. Sie legte einen braunen DIN-A4-Umschlag auf seinen Schreibtisch und sagte: „Das ist gerade für Sie abgegeben worden, Miss Holt.“

„Vielen Dank, Mildred.“ antwortete Laura

Mit einem erstaunten Blick auf die verweinten Augen ihres sonst doch so „eiskalten“ Chefs fragte Mildred: „Chef, ist alles in Ordnung? Kann ich was für Sie tun?“

„Nein, danke. Es geht mir gut.“ erwiderte Remy gespielt freundlich.

Laura betrachtete unterdessen den Umschlag, der an sie persönlich adressiert war. Er kam vom Gerichtsmedizinischen Institut und war zudem mit Bemerkungen wie „Persönlich“ und „Vertraulich“ versehen.

Laura öffnete ihn und entnahm ihm den Obduktionsbericht von Beatrice Doherty geb. O´Shaughnessy, den sie am selben Morgen angefordert hatte. Dem Bericht, der ziemlich viel Medizinerlatein enthielt, hatte der Pathologe einige Polaroidfotos der Verletzungen der Toten beigelegt. Todesursache war natürlich der Schlag auf den Schädel, aber bei dem, was Laura hier noch sah, drehte sich ihr fast der Magen um. Abgesehen von den blauen Flecken im Gesicht und der durch Säure verursachten Narbe am Hals, waren am ganzen Körper Blutergüsse, Striemen und dergleichen mehr zu sehen. Der Pathologe hatte ebenfalls mehrere schlecht ausgeheilte Knochenbrüche aus der Vergangenheit festgestellt.

„Was hast du da?“ fragte Remy neugierig.

„Was? Das hier? Och, das ist…“ Zunächst wollte Laura noch lügen und behaupten, das gehöre zu einem anderen Fall, aber dann änderte sie doch ihre Meinung. Also rückte sie mit der Wahrheit heraus: „Das ist der Obduktionsbericht von Trixie.“

„Darf ich mal sehen?“

„Ich glaube nicht, dass das so eine gute Idee ist.“ zögerte sie.

„Ich werde auch das verkraften.“ meinte Remy. „Ich bin doch dein eiskalter Remy, schon vergessen?“ Er lächelte gequält.

„Na gut“, erwiderte Laura seufzend. Ungern gab sie ihm die Akten und die Fotos.

Remy sah sich die Bilder an und las den Bericht. Er las jedoch nicht nur über Striemen, Blutergüsse und Knochenbrüche. Nein, aus dem Bericht ging noch etwas anderes hervor: Vor zwei Monaten hatte Beatrice, die damals im fünften Monat schwanger gewesen war, eine Fehlgeburt erlitten, infolge eines Tritts in den Bauch. Als er das gelesen hatte, verlor er vollends die Kontrolle: „Richard Doherty, du mieses Schwein! Wenn  ich dich in die Finger kriege, wirst du dir wünschen, deine Eltern hätten sich nie kennengelernt.“ Er sprang wütend aus seinem Stuhl auf und ging in seinem Büro grüblerisch auf und ab, wie ein Löwe in seinem Käfig.

Laura versuchte, ihn zu beruhigen, aber Remys einzige Antwort auf ihre beschwichtigenden Worte war: „Weißt du, was mich in diesem Büro am meisten stört? … Dass es hier nichts gibt, was man zerschmeißen kann.“

„Remy, bitte, reg dich ab. Du… du machst mir Angst“, flehte sie ihn an.

„Laura, wo ist der Drecksack?“ fragte er sie nun.

„Soweit ich weiß, wohnt er im Cathcart Towers Hotel.“, antwortete sie arglos.

„Gut, danke.“ meinte Remy kurz angebunden, schnappte seinen Mantel und stürmte aus der Detektei.

 

Teil 16

 

Remy fragte den Empfangschef im Cathcart Towers Hotel: „Ich möchte mit Mr. Richard Doherty sprechen. Welche Zimmernummer hat er?“

Der Empfangschef antwortete bloß arrogant: „Es tut mir leid, aber wir geben prinzipiell keine Informationen über unsere Gäste weiter.“

Remy packte den Mann am Kragen seiner Uniform und meinte: „Hör gut zu, Freundchen. Das hier ist eine Sache um Leben und Tod. Entweder geben Sie mir die Zimmernummer oder Sie können Ihr blaues Wunder erleben.“

Der Portier zog den Computer zu Rate und meinte dann nur eingeschüchtert: „Mr. Richard Doherty? Zimmer 2218.“

Remy hatte ihn losgelassen und bedankte sich nun höflich. Dann stieg er in den Lift zum 22. Stock.


 

Teil 17

 

Im Zimmer 2218 des Cathcart Towers Hotels war Richard Doherty schon dabei, eilig seine Koffer zu packen. Er hatte jedoch die Rechnung ohne den Wirt, in diesem Fall ohne Remy gemacht. Dieser stürmte durch die geöffnete Zimmertür und ohne viel Aufhebens packte er nun auch diesen Mann am Kragen und schüttelte ihn einmal kräftig durch: „So, du elender Drecksack. Hab ich dich jetzt endlich. Seine eigene Frau zu verprügeln. Solche Typen kotzen mich an. Und noch viel schlimmer finde ich solche feigen Mistkerle, die ihre schwangere Frau so lange quälen, bis sie ihr Baby verlieren. Ihr Arschlöcher kotzt mich an. Ihr seid es nicht mal wert, ordentlich was aufs Maul zu kriegen.“

Der Mann stotterte verstört: „Was? … Wer? … Was wollen Sie von mir?“

„Ganz einfach: Gerechtigkeit. Für Trixie, die immer wie meine kleine Schwester war. Ihre verstorbene Ehefrau. Die Sie erschlagen haben. Brutal und hinterhältig ermordet haben Sie die Arme. Wäre sie nur früher zu mir gekommen, dann hätte ich ihr vielleicht noch helfen können. Dann wäre sie jetzt weit weg von Ihnen und Ihren Schlägen, in Sicherheit. Das einzige, was mir jetzt noch bleibt, ist, um sie zu trauern.“

„Was geht das Ganze Sie überhaupt an? Das ist eine Familienangelegenheit.“

Jetzt wurde der Kerl auch noch frech. Das ging Remy gehörig gegen den Strich. Es verärgerte ihn noch mehr. „Was mich das angeht?“ fragte er schroff. „Genau das Gleiche, was es die Polizei auch angeht. Eine ganze Menge. Unglücklicherweise wird man wahrscheinlich auf Totschlag plädieren und Sie bloß für ein paar Jährchen in den Knast stecken. Sie hätten eher die Todesstrafe verdient, wegen zweifachen Mordes. Zuerst das ungeborene Kind und dann Ihre eigene Ehefrau. Mann, schämen Sie sich denn gar nicht? So kaltblütig kann doch niemand sein.“

Der Mann verlor plötzlich seine Hartherzigkeit und jammerte: „Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber ich muss Ihnen wohl ein paar Sachen gestehen. Ja, es stimmt, dass ich zuviel getrunken habe, und das praktisch jeden Tag. Der Druck als Leiter eines großen Konzerns, wissen Sie?“ Dabei lächelte er entschuldigend.

Doch das ließ Remy völlig kalt. „Nein, das weiß ich nicht. Und Trixie wusste es auch nicht. Aber Sie haben es ihr auf deutliche und unmissverständliche Weise beigebracht, nicht wahr? Indem Sie das arme Mädchen zu Tode gepeinigt haben…“ entgegnete er unbarmherzig.

„Ich gebe ja zu, dass ich sie verprügelt habe und ich bereue es auch zutiefst, das müssen Sie mir glauben.

Remy grunzte nur höhnisch.

Doherty sprach weiter: „Also, vor zwei Monaten ist sie dann verschwunden, kurz nach ihrer Fehlgeburt. Ich fand raus, dass sie nach Amerika gekommen war, nur wo genau sie steckte, wusste ich nicht. Ich bekam hier jedoch eine Spur und schickte ihr einen kurzen Brief an ihre Adresse. Doch sie antwortete nicht…“

„Und darüber wundern Sie sich?“ fragte Remy sarkastisch. Er hätte dem Penner am liebsten die Fresse poliert. So wie man es in der Gosse macht, wo Remy herkam.

„Und dann hörte ich, dass die Remington-Steele-Agentur eine der besten Detekteien dieses Landes ist und heuerte sie an, um Beatrice zu finden. Doch bevor die Detektivin, die an dem Fall arbeitete, mir erste Resultate liefern konnte, hatte ich Beatrice, nur durch puren Zufall, hier gesehen. Ich hatte jedoch nicht den Mut, sie nüchtern zu konfrontieren. Also trank ich mir etwas Mut an und ging an jenem Nachmittag zu ihr. Ich wollte nur mit ihr reden, sie dazu bringen, mit mir zurückzugehen, nach Dublin. Ich wollte einen Neuanfang wagen und mir das Trinken endgültig abgewöhnen, wenn sie nur wieder zu mir kommen würde. Aber sie hat sich geweigert. Es kam zu einem Streit. Ich bin völlig ausgeflippt und griff nach einer Bronzefigur, die auf dem Kaminsims stand. In meiner Wut schlug ich damit auf sie ein. Als sie dann ohnmächtig zu Boden fiel, wusste ich nicht mehr, was zu tun sei. Ich dachte, sie wäre tot. Also ließ ich vor Schreck die Figur fallen und rannte weg. Das hatte ich unter gar keinen Umständen gewollt. Ich wollte sie nicht töten. … Was auch immer die Strafe sein mag, ich muss sie wohl akzeptieren wie ein Mann. Zum Weglaufen ist es jetzt zu spät… Meine Beatrice. Ich habe sie doch geliebt.“ schloss der Mann weinerlich.

„Sie haben eine seltsame Art, Ihre Liebe zu zeigen, Doherty.“ meinte Remy voller Verachtung für das armselige Häufchen Elend, das da vor ihm stand.

Laura trat nun näher. Sie hatte die ganze Zeit unbemerkt im Türrahmen gestanden und alles mitgehört. Sie war Remy vorhin sofort gefolgt, um zu verhindern, dass ihr Mr. Steele komplett ausrastete und einen Mord beging. Nun wandte sie sich an den sonst so harten Geschäftsmann Doherty: „Sie wissen, dass dies ein Geständnis ist und wir Sie von der Polizei verhaften lassen müssen. Über das Strafmaß werden die Geschworenen dann entscheiden, aber Sie müssen mit lebenslänglich rechnen. Männer, die Ihre Ehefrauen zu Tode quälen, kommen bei einer amerikanischen Jury nicht gut an.“

Der Mann nickte nur beklommen.

„Verraten Sie mir nur noch eins“, wandte Remy ein, „wie hat Trixie es so lange bei Ihnen ausgehalten? Haben Sie sie bedroht oder erpresst, falls sie Sie verlassen würde?“

„Nein, nein, ich… wie soll ich das erklären? Ich hab sie doch geliebt. Und wenn ich nüchtern war… Ich hab mich entschuldigt und immer wieder beteuert, die Sauferei aufzugeben. Ich habe es auch mehrere Male probiert, aber die Sucht war stärker. Ich war ein Feigling.“

„Das können Sie laut sagen“, entgegnete Remy sauer.

In diesem Moment betraten zwei Polizisten das Zimmer und führten den Mann ab.

Laura und Remy fuhren indes zu Remys Wohnung.

 

Teil 18

 

Vollkommen erschöpft und ausgelaugt ließ Remy sich auf seine Couch fallen. Laura war inzwischen in der Küche und bereitete ihr Abendessen zu. Remy könnte eine kleine Stärkung jetzt sicher gebrauchen. Da Laura aber nicht über besonders viel Talent verfügte, was das Kochen angeht, begnügte sie sich damit, schnell ein paar Brote zu belegen.

Als die beiden vorhin in Remys Wohnung angekommen waren, hatte sie ihn gefragt: „Und? Fühlst du dich jetzt besser?“

„Soll ich ehrlich sein?“ hatte er geantwortet. „Nicht so sehr, wie ich es mir erhofft hatte. Trixie kommt nie wieder zurück und als sie mich am dringendsten nötig hatte, war ich nicht da. Ich schätze, ich werde wohl oder übel damit leben müssen.“

Nun kam Laura ins Wohnzimmer. Sie brachte ein Tablett mit vielen Sandwichs und stellte es auf den Couchtisch. Sie versuchte, Remy aufzuheitern: „Guck mal. Die hab ich selber gemacht. Zwar nicht so gut wie deine Ente in Rotwein, aber immerhin…“

Remy lächelte gequält.

Laura fuhr in ernstem Tom fort: „Ich weiß, du wirst noch etwas Zeit brauchen, um über das alles hinwegzukommen, aber eins musst du begreifen: Du hast keine Schuld.“

„Laura, mein Verstand sagt mir das auch, aber mein Herz… das ist nicht so leicht davon zu überzeugen…“ seufzte er. „Laura, ich möchte, dass du auch etwas begreifst und ich sage das nicht nur so daher: Ich würde dich nie, niemals schlagen.“

„Remy, ich weiß das doch schon längst. Und du kannst dir nicht vorstellen, wie dankbar ich dafür bin, wenn ich so etwas wie diesen Fall hier sehe.“

Daraufhin umarmte sie ihn und die beiden küssten sich. Für die Sandwichs hatten sie nun keine Zeit mehr…

 

© 22.06.2006 by MajorPetrofsky

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