Steeled Nanny

 

Teil 1

 

New York. Manhattan. Ein ganz gewöhnlicher Wochentag, 09.30 Uhr morgens. Ein luxuriöses, weißes Stadthaus in einem exklusiven Wohnviertel. Alles schien friedlich zu sein. Da unterbrach ein greller Schrei die Idylle. Das Kindermädchen Fran Fine trippelte in ihren hochhackigen Schuhen in das Büro ihres Arbeitgebers, und rief: „MISTER SHEFFIIIIIIIIIIIEEEEEELD!!!“

Maxwell Sheffield, der Broadway-Produzent, war ein umwerfend gutaussehender Mann mit schwarzen Haaren, in denen eine sexy graue Strähne drin war. Er sprang nun halb zu Tode erschrocken aus seinem Lederchefsessel auf und nahm seine Lesebrille ab. „Miss Fine! Warum schreien Sie denn so? Ich bin doch nicht taub. Das heißt, bis gerade eben war ich es noch nicht.“

„Oh, Mr. Sheffield“, schluchzte Fran. „Etwas Furchtbares ist passiert. Niles, der Butler ist K.O geschlagen worden!“

„Ach, deshalb hat er heute morgen kein Frühstück gemacht. Ich dachte, er wäre bloß zu faul gewesen, um aufzustehen.“ warf C.C. Babcock, die blonde Assistentin des erfolgreichen Produzenten, höhnisch ein.

Sheffield sah sie mit einer hochgezogenen Augenbraue an und wandte sich dann wieder an die Nanny: „Nun beruhigen Sie sich doch, Miss Fine. Kommen Sie. Wir reden in aller Ruhe darüber.“ Er begleitete die schluchzende und zitternde Frau zur Couch im Wohnzimmer. „Und nun erzählen Sie mir bitte, was geschehen ist. Schön ruhig.“ Dabei lächelte er sie aufmunternd an.

C.C. stand eifersüchtig im Türrahmen. Sie spuckte heimlich Gift und Galle.

Fran berichtete nun: „Niles liegt oben ohnmächtig im Flur. Und wissen Sie noch, die Schmuckschatulle, die ich für Sie aufbewahren sollte? Die ist we-he-heg.“ heulte sie.

„Och, Miss Fine, nicht weinen. Ich werde mich darum kümmern, hm?“

In diesem Moment kam Niles die Treppe heruntergeschlichen und hielt sich den schmerzenden Kopf.

Max fragte ihn: „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Ja, es geht mir blendend. Aber die Schmuckschatulle ist verschwunden.“

„Ich weiß. Miss Fine hat mir bereits alles erzählt.“

 

Teil 2

 

„Remy, wir haben einen neuen Fall.“ schrie Laura entzückt ins Telefon. „Pack deine Sachen! Wir fliegen nach New York.“

Remy war so verblüfft über Lauras Enthusiasmus, dass es ihm die Sprache verschlagen hatte. Sie hatte den Hörer schon aufgelegt, ehe er antworten konnte. Also nahm er seinen Koffer, packte Kleidung, Zahnbürste und was er sonst noch brauchte, ein.

Er war kaum fertig, als Laura auch schon in seiner Wohnung stand. „Stell dir mal vor“, plapperte sie fröhlich, „der berühmte Musical-Produzent Maxwell Sheffield hat uns damit beauftragt, einen Diebstahl in seinem Haus aufzuklären. Ich bin ja so aufgeregt, Remy. Ich liebe Musicals.“ Dabei bekam sie einem schwärmerischen Blick.

Remy interessierte sich mehr für Filme als für Musicals, weswegen ihm dieser Name nichts sagte. „Schön“, meinte er nur. „Dann können wir ja jetzt.“

„Ja, wird auch Zeit. Das Flugzeug geht in einer Stunde“, meinte Laura noch und dann brachte Fred sie auch schon in der Limo zum L.A.X.

 

Teil 3

 

Am La-Guardia-Flughafen in New York erwartete Laura und Remy bereits eine schwarze Stretch-Limo. Niles stand am Ausgang und begrüßte die beiden Detektive: „Mr. Steele, Miss Holt, willkommen in New York. Ich bin Niles, der Chauffeur und Butler von Mr. Sheffield.“

Ein eigener Butler, dachte Laura beeindruckt.

„Ah, wundervoll“, meinte Remy „Dann können Sie uns ja gleich auf der Fahrt zu Mr. Sheffields Domizil ein paar Dinge erzählen.“

„Selbstverständlich, Sir.“ Unterwegs berichtete Niles also davon, wie man ihn niedergeschlagen hatte, was gestohlen worden war und dass der Täter scheinbar freien Zugang zum Haus hatte, denn weder Türen noch Fenster waren in irgendeiner Weise beschädigt worden.

 

Teil 4

 

Maxwell Sheffield begrüßte die beiden Detektive persönlich. Remington schüttelte er nur kurz die Hand und wandte sich dann an Laura. Er gab ihr einen Handkuss und sagte: „Miss Holt! Ich bin bezaubert, eine solche Schönheit in meinem bescheidenen Heim empfangen zu können. Und klug sind Sie auch noch. Ich bin beeindruckt.“

Remy sah sich das Schauspiel mit eifersüchtigem Blick an. Er konnte den Kerl nicht ausstehen. Wie er sich so an seine Laura ranmachte. Widerlich! Und der schien das auch noch zu gefallen.

Laura hingegen wurde ganz rot im Gesicht vor Verlegenheit und wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie grinste bloß dämlich vor sich hin.

Bevor Remy jedoch eingreifen konnte, trat ein großer, blonder, dick geschminkter Vamp auf ihn zu und hauchte: „Hallo, Mr. Steele. Es freut mich, Sie kennenzulernen. Mein Name ist C.C. Babcock. Ich bin die Partnerin von Mr. Sheffield. Aber das ist alles nur rein geschäftlich. Ich bin also noch frei.“

„Ja, wenn sie nicht gerade schwarze Messen abhält.“, sagte Niles sarkastisch zu Remy. Dieser grinste diskret. Der Butler gefiel ihm. Er schien ein ehrlicher Kerl zu sein.

„Nun, dann kennen Sie uns wohl alle. Die Kinder sind in der Schule und Miss Fine ist…“ Sheffield sah fragend zu Niles, der ergänzte: „Miss Fine erledigt ein paar Einkäufe in der Stadt mit Miss Torriello.“

„Ah ja, das hätte ich mir denken können.“, erwiderte Sheffield. „Nun, wie auch immer. Sobald Miss Fine nach Hause kommt, werden Sie die Gelegenheit haben, sie zu befragen Mr. Steele.“ Und zu Laura meinte er galant: „Ich schlage vor, Miss Holt, wir beide ziehen uns mit einer Tasse Tee in mein Büro zurück.“ Daraufhin brüllte er: „Niles!“

„Ja, Sir?“

„Bitte, Tee für zwei Personen, in meinem Büro.“

„Wie Sie wünschen, Sir!“ antwortete der Diener und verschwand in die Küche.

 

Teil 5

 

Nun war Remy alleine mit C.C. im Wohnzimmer. Sie war ihm nicht ganz geheuer, wie sie ihn so habgierig angrinste. Wie eine hungrige Hyäne, die sich auf den einzigen Löwen weit und breit stürzen will. Ein Blick, den sie sonst nur bei Mr. Sheffield anwandte. Dieser war allerdings vollkommen immun dagegen.

Remy war die Situation etwas peinlich. Trotzdem stammelte er: „Miss … Babcock, richtig?“

„Aber warum denn so förmlich, Herzchen? Nenn mich doch einfach C.C.“

„Ähm, wie Sie meinen. Was können Sie mir über letzte Nacht erzählen?“

„Ach, Herzchen, da gibt´s nicht viel zu sagen. Ich lag in meinem Bett… allein.“

„Aha. Und Sie haben nichts Verdächtiges gesehen oder gehört?“

„Nein, ich habe fest geschlafen.“

„Ja, wie in ihrem versiegelten Mausoleum“, warf Niles, der mittlerweile wieder ins Wohnzimmer getreten war, sarkastisch ein.

C.C: sah ihn nur böse an und meinte: „Es ist doch sehr witzig, nicht wahr? Ich meine, dass ich reich bin und Sie das Klo schrubben.“ Daraufhin lachte sie boshaft.

„Gut, Miss Babcock. Im Moment hätte ich keine weiteren Fragen mehr an Sie.“ schloss Remy die Befragung höflich, aber distanziert ab.

 

Teil 6

 

In der Zwischenzeit hatte Laura auf der grünen Ledercouch in Maxwells Büro Platz genommen. Sie hielt eine Tasse Earl-Grey-Tee in ihrer Hand. Maxwell lächelte sie charmant an.

Laura war so überwältigt von diesem Mann, dass sie fast vergessen hätte, weswegen sie hier war.

„So, Miss Holt, dann sollte ich Ihnen jetzt vielleicht berichten, was sich zugetragen hat?!“ eröffnete er das Gespräch.

„Jaa…“ hauchte sie schwärmerisch. Sie träumte davon, wie es wohl wäre, mit diesem Mann auszugehen.

Also erzählte Maxwell von der verschwundenen Schatulle. Er schloss mit den Worten: „Der Schmuck, der sich darin befindet, ist von sehr großem materiellem und sentimentalem Wert für mich. Es sind Erbstücke meiner werten Frau Großmama aus England. Werden Sie sie finden können?“ fragte er mit einem besorgten Stirnrunzeln.

„Nun, ich will keine voreiligen Versprechungen machen, aber ich werde mein Bestes tun.“ antwortete Laura. Sie hatte über ihrer heimlichen Schwärmerei ihren Mr. Steele vollkommen vergessen.

„Gut. Ich danke Ihnen vielmals, Miss Holt. Leider muss ich Sie jetzt verlassen. Man braucht mich für ein Vorsprechen im Theater. Eine äußerst langweilige Sache.“ meinte er, küsste nochmals Lauras Hand und dann war er auch schon weg.

Sie war absolut hingerissen von diesem Mann. Langsam erhob sie sich und ging, träumerisch lächelnd, ins Wohnzimmer zu Remy, der sich prächtig mit Niles verstand, der gerade Details über Miss Babcocks erfolgloses Ringen um Mr. Sheffield zum Besten gab.

 

Teil 7

 

Da wurden die beiden Männer und Laura auch schon jäh unterbrochen. Und zwar von zwei Frauen, die schnatternd hereinkamen. Sie waren wie die Packesel mit Shoppingtüten beladen. Niles half ihnen beim Hereintragen der Sachen.

Laura meinte noch zu Remy: „Du könntest doch mit dem Kindermädchen reden. Du kannst doch so gut mit Damen im fortgeschrittenen Alter.“

Remy sah sie missbilligend an: „Und du kannst gut mit diesem Mr. Sheffield, wie? Was findest du bloß an dem?“

„Er ist einfach der perfekte Gentleman. Einwandfreie Manieren hat der. Und er behandelt mich wie eine richtige Lady. Nicht so wie du.“ giftete sie ihn an.

Remy war gekränkt. Er war doch auch ein Gentleman. Und er liebte Laura über alles. Aber auf dem Ohr war sie ja bekanntlich taub. Dieser Sheffield war nur ein Charmebolzen, der sich bei Laura einschmeichelte, um sie irgendwie auszunutzen. Das spürte er.

Niles riss Remy aus seinen Gedanken, als er die soeben eingetroffenen Damen vorstellte: „Miss Fine, das Kindermädchen, nebst ihrer besten Freundin, Miss Val Torriello.“

Laura riss ihre Augen vor Erstaunen weit auf. „Sie sind die Nanny?“

„Ja“, meinte die relativ junge, dunkelhaarige, schöne Frau. Sie hatte eine grauenvoll ordinäre Stimme.

Remy war baff. Diese Frau hatte nichts mit seinen Vorstellungen von einem Kindermädchen zu tun. Nun würde er Laura zeigen, was für ein Gentleman er war. Er küsste Frans Hand, ließ all seinen Charme spielen und die Nanny war hin und weg.

Mit einem schwärmerischen Lächeln verschwand sie zusammen mit Val in der Küche.

Laura und Remy bezogen unterdessen ihre Gästezimmer in der Sheffieldschen Villa.

 

Teil 8

 

Niles ging ebenfalls in die Küche, nachdem er Laura und Remy ihre beiden nebeneinander liegenden Zimmer gezeigt hatte. „Nun, die Damen, hatten Sie einen erquicklichen Nachmittag?“ fragte er, begierig auf den neuesten Klatsch.

„Niles“, antwortete Val, „ist dieser süße Typ wirklich ein Privatdetektiv?“

„Ja, er ist hier, um den Diebstahl aufzuklären…“

„Oh, Val“, fiel Fran dem Butler ins Wort. „Hast du die blauen Augen von dem Kerl gesehen? In denen könnte man ja glatt ertrinken. Oi!“ schwärmte sie.

„Ach, der ist bestimmt schwul oder verheiratet. Das ist doch immer so…“ stöhnte Val pessimistisch.

„So, wie der sich mir gegenüber benommen hat? Nie im Leben. Hach, so einen Mann müsste man haben.“

Da platzte auch schon Frans Mutter Sylvia mit Tante Yetta rein.

Das Erste, was Sylvia tat, war, dem Butler aufzutragen, was zu essen herzurichten.

„Ma, wie kannst du jetzt ans Essen denken? Warte lieber, bis du den Privatdetektiv siehst, den Mr. Sheffield angeheuert hat.“

„Privatdetektiv?“ fragte Sylvia entsetzt. „Warum denn das? Will er dich beschatten lassen? Du hast doch nicht etwa…“

„Nein, Ma!“, antwortete Fran und verdrehte genervt die Augen. Weiter kam sie nicht, denn just in diesem Augenblick betrat Remy die Küche.

 

Teil 9

 

Sylvia ließ erstaunt ihr Sandwich fallen. Das wäre doch der perfekte zukünftige Schwiegersohn.

Tante Yetta hingegen ging auf Remy zu, kneifte ihn in die Wange und meinte mit ihrer rauen Stimme: „Schlomo, du bist aber groß geworden. Es kommt mir wie gestern vor, dass wir auf deiner Bar Mitzvah waren.“

„Yetta, die Bar Mitzvah war auch gestern. Das da ist nicht Cousin Schlomo.“ entgegnete Sylvia und entschuldigte sich bei Remy mit mehreren Hofknicksen. Sie meinte auch noch zu ihm: „Mein Mann, Morty, hatte auch mal so schöne Haare. Bis sie ihm plötzlich auf der Achterbahn abhanden gekommen sind. Wusch.“

Dieser war total perplex über diese Ansammlung von Frauen, in die er da geraten war. Er stammelte: „Ähm, Miss Fine… könnte ich Sie mal sprechen? Nur kurz. Und unter vier Augen.“

Fran wurde ganz rot im Gesicht.

„Na, worauf wartest du, Kindchen?“ brüllte Sylvia in die gespannte Stille, die über dem Raum lag.

Schließlich folgte Fran ihm ins Wohnzimmer.

„Wir haben uns noch nicht über die Ereignisse der gestrigen Nacht unterhalten…“ setzte Remy diplomatisch an.

Fran antwortete nicht. Sie starrte ihn nur verträumt an. Diese tiefblauen Augen hatten es ihr angetan.

„Miss Fine!“ holte Remy sie in die Wirklichkeit zurück.

„Mhm!“ hauchte sie.

„Letzte Nacht. Was war da passiert?“

„Hm? Ach ja, richtig. Also letzte Nacht hab ich ein Geräusch gehört, aber ich dachte, das wäre Brighton, der wieder nicht schlafen kann.“

„Wer ist Brighton?“

„Der 15jährige Sohn von Mr. Sheffield. Manchmal hat er nachts Schlafstörungen und dann geht er in die Küche, um sich was zu essen zu holen. Wir haben uns daran gewöhnt, deshalb habe ich da auch nicht mehr nachgesehen.“

„Ach so, ich verstehe. Sagen Sie mal, Miss Fine, wer, außer den Bewohnern dieses Hauses, hat noch einen Schlüssel, mit dem er hier reinkommen kann?“

„Niemand. Aber Tante Yetta hat gestern bei uns übernachtet. Sie hatte sich wieder im Central Park verlaufen und ein Polizist hatte sie hierher gebracht. Sie ist ein bisschen meschigge geworden, in letzter Zeit.“

„Meschigge???“

„Ja, verrückt oder auch senil. Sie vergisst dauernd alles und verwechselt Leute. Das haben Sie ja vorhin selber erlebt.“

„Ah, ja. Gut. Ich danke Ihnen, Miss Fine. Ich bin entzückt, dass Sie mir so sehr geholfen haben.“ Wiederum küsste er ihre Hand und ging dann nach oben, während Fran mit hochrotem Kopf und glänzenden Augen im Wohnzimmer stehen blieb, tief versunken in Remys blauen Augen…

 

Teil 10

 

In der Zwischenzeit hatte Laura sich im Sheffieldschen Haus etwas umgesehen. Sie kam nun zurück ins Wohnzimmer, wo C.C. gerade den Butler zur Sau machte und kurz darauf verschwand.

„Wow, springt die immer so mit Ihnen um?“ fragte Laura.

„Ja, aber ich habe noch ein As im Ärmel. Miss Babcock kann sich nämlich mittlerweile nicht mehr zwischen Mr. Sheffield und Mr. Steele entscheiden. Sie fängt schon an, Amok zu laufen, wie Sie gerade eben gesehen haben.“ Er grinste diabolisch. „Sie hat auch schon ihre Zuckungen. Es ist wieder wie damals, als sie das erste Mal ins Irren… pardon… Sanatorium musste. Ich habe bereits dort angerufen und den Fall geschildert. Sie müsste gleich abgeholt werden.“, meinte er süffisant lächelnd und ging dann seiner Wege.

Laura blieb verdutzt stehen. In diesem Haus herrschten vielleicht Zustände. Na ja, wenn sie reich sind, nennt man´s exzentrisch.

Sie blieb nicht lange allein. C.C. betrat den Raum. Sie grübelte noch immer darüber nach, wen sie denn nun anbaggern sollte: Maxwell oder Remington. Und vor allem dachte sie darüber nach, wie sie dabei am besten vorgehen sollte.

„Hallo, Miss Babcock“, grüßte Laura freundlich, doch C.C. gab keine Antwort. Sie war zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt. Da klingelte es an der Tür.

„Niles!“ schrie C.C. Doch der kam nicht. „Ist der blöde Staubwedel zu dumm, um die Tür zu öffnen?“ regte C.C. sich auf. „Na, dann mach ich das eben selbst.“ meinte sie verärgert und öffnete die Tür. „Was wollen Sie?“ schnauzte sie die beiden fremden Männer in den weißen Kitteln an, die da standen wie zwei hingeschissene Fragezeichen.

„Ist das hier das Haus von Mr. Sheffield?“ fragte der große Blonde.

„Ja“, antwortete C.C. ungeduldig.

„Wir sollen eine Miss Boobcock abholen…“

„Das heißt Babcock, Sie Idiot. Und da drüben steht sie“, antwortete C.C. und zeigte unauffällig auf Laura, die dabei war, die Bilder an der Wand zu betrachten und folglich von alldem nichts mitbekommen hatte.

Die beiden Sanis gingen auf Laura zu: „Miss Babcock?“

„Was? Nein!“ schrie Laura panisch.

„Natürlich nicht“, meinte nun der Rothaarige und die beiden packten sie an den Armen und schleppten sie hinaus.

Laura versuchte, sich zu wehren. Sie strampelte mit den Beinen und schrie: „Lasst mich los! Ich bin nicht Miss Babcock.“

„Alles klar. Wir glauben Ihnen ja. Immer schön ruhig bleiben.“ Und schon waren sie verschwunden.

Hämisch grinsend warf C.C. die Tür hinter ihnen ins Schloss. Das war das Beste, was ihr hatte passieren können. Nun könnte sie sich in aller Ruhe an Remy ranschmeißen.

 

Teil 11

 

Max, Niles, Fran und Remy stürmten ins Wohnzimmer. Als Niles C.C. sah, meinte er nur sichtlich verärgert: „So ein Mist! Jetzt haben sie die Falsche mitgenommen…“

Max wandte sich unterdessen an C.C.: „Was war denn hier los?“

„Nichts“, entgegnete sie.

„Nichts?“ fragte Max ungläubig. „Hier hat doch jemand Zeter und Mordio geschrieen.“ gab er wütend zurück.

„Ach, das meinst du? Das war nur Miss Holt. Sie hatte sich entschlossen, uns zu verlassen… für laaaaange Zeit…“ antwortete C.C. und lächelte Remy nun gierig an. Sie ging auf ihn zu und sagte zu ihm: „Meine Wohnung ist gleich um die Ecke.“ Dann verließ sie das Haus.

Remy machte eine ängstliche Grimasse und Niles meinte: „Ich liebe diesen aparten Duft nach Schwefel, der ihr hinterher weht, wenn sie das Haus verlässt.“

Remy musste grinsen, dachte danach aber sofort wieder an Laura. Wo war sie? Das wollte auch Max wissen.

Niles erklärte beklommen: „Da scheint wohl etwas schief gegangen zu sein, Sir. Sehen Sie, ich hatte im Sanatorium angerufen, da ich um Miss Babcocks Zustand besorgt war. Man versprach mir dort auch, sich umgehend dieses Problems anzunehmen. Offensichtlich hat hier dann eine Verwechslung stattgefunden.“

„Also, wissen Sie Niles, so langsam hab ich genug von den Streichen, die Sie und Miss Babcock sich ständig gegenseitig spielen…“ erwiderte Maxwell erbost.

„Ähm, Mr. Sheffield… ich will mich ja in nichts einmischen, was mich nichts angeht, aber ich glaube, es geht Miss Babcock wirklich nicht besonders gut.“ warf Remy zaghaft ein.

„Sind Sie sich da sicher? Nun ja, es wäre nicht das erste Mal. Sie sollte sich wirklich mal wieder 2 oder 3 Wochen lang erholen.“, meinte Maxwell. „Wissen Sie was, Mr. Steele, ich rufe jetzt im Sanatorium an und kläre die ganze Sache auf. Bitte verzeihen Sie mir. Das ist mir alles furchtbar peinlich. Vor allem, da ich sehe, wie viel Ihnen an Miss Holt liegt.“

Remy war verblüfft. Eine solche Aussage von seinem vermeintlichen Konkurrenten um Lauras Gunst hatte er nicht erwartet. Plötzlich war Sheffield ihm sympathisch geworden. „Ah, ja, da haben Sie Recht. Und Ihnen ist schon verziehen. Es war weder Ihre Schuld noch die Ihres Butlers. Es ist bloß ein dummes Missverständnis.“, erwiderte er höflich.

Mit einem Trick hatte Maxwell C.C. wieder in sein Haus gelockt. Er hatte ihr weisgemacht, er bräuchte ihre Hilfe bei einem neuen Projekt, ganz unbedingt. Diesmal würde er höchstpersönlich dafür sorgen, dass die Richtige mitgenommen wurde.

Eine halbe Stunde später kamen die Sanis mit Laura zurück zur Sheffieldschen Villa und schleppten nun die echte Miss Babcock mit. Niles platzte fast vor Schadenfreude.

Remy umarmte Laura und fragte sie besorgt: „War es sehr schlimm?“

„Nein, schon gut. Du kennst mich doch. Ich bin hart im Nehmen. Und es hat sich ja alles relativ schnell geklärt. Vielen Dank, Mr. Sheffield, im Namen von uns beiden.“

„Aber ich bitte Sie, das war doch selbstverständlich.“ erwiderte dieser charmant.

 

Teil 12

 

Der Friede war allerdings nur von kurzer Dauer.

Sylvia kam total aufgeregt in Sheffields Büro gerannt. In der Hand hielt sie eine kleine, dunkelrote Schmuckschatulle. Es war eben die, welche so schmerzlich vermisst wurde. Sylvia schrie: „Ich kann es nicht glauben. Ich war eben bei Tante Yetta und da sah ich Maxwells Schmuckkiste auf ihrer Kommode. Sowas hätte ich ihr nie zugetraut. Eine Diebin in unserer Familie! Oi!“

Währenddessen hatte Remy verkündet, er kenne nun die Lösung dieses Falles und bat alle Anwesenden, sich im Wohnzimmer zu versammeln.

Als dies geschehen war, setzte Remy zu seinem Vortrag an: „Eine Leiche zum Dessert, Peter Sellers, David Niven, Maggie Smith, Columbia, 1976.“

Diese Aussage stieß jedoch auf völliges Unverständnis.

Er fuhr also fort: „Es hat überhaupt kein Verbrechen stattgefunden. Nur eine Verwechslung. Also, Tante Yetta hier ist, wie Sie wahrscheinlich selber am besten wissen, nicht mehr die Jüngste. Sie hat die Kiste mitgenommen, in dem festen Glauben, das sei so einer dieser neumodischen Apparate, die man benutzt, um Zahnprothesen zu reinigen. Wenn Sie die Schachtel öffnen, werden Sie feststellen, dass noch Reinigungswasser enthalten ist.“

Ungläubig öffnete Sylvia die kleine Kiste und fiel daraufhin in Ohnmacht.

„Er hat Recht!“ schrie nun Fran. „Und der Schmuck ist auch noch da. Sehen Sie mal Mr. Sheffield, die Sachen haben jetzt sogar einen besonderen Glanz.“ meinte sie weiterhin und hielt ein schimmerndes Brillantcollier in die Luft.

„Aber was war dann mit mir?“ fragte Niles, neugierig wie ein altes Waschweib.

„Nun, das ist ganz einfach“, antwortete Remington. „Miss Fine, Sie haben mir doch von Brightons Schlafstörungen erzählt. Nun, in jener speziellen Nacht konnte der arme Junge wieder nicht einschlafen. Aber er war nicht der Einzige. Niles ging es ebenso. Er war vermutlich auf dem Weg zur Küche um die Reste seiner selbstgemachten Pastete aufzuessen. Dies wiederum entzog sich jedoch der Kenntnis des Jungen. Aus Angst vor einem Einbrecher, ergriff Brighton seinen Baseballschläger und schlug ihn dem Diener auf den Kopf. Erst da bemerkte der Junge, dass es sich hier mitnichten um einen Eindringling handelte. Aus Scham und auch wohl, weil er sich vor einer eventuellen Bestrafung fürchtete, zog er sich schnellstens wieder in sein Zimmer zurück, mit dem Vorsatz, nichts über diesen unrühmlichen Zwischenfall verlauten zu lassen. Am nächsten Morgen, als Miss Fine den zusammengeschlagenen Butler vorfand, fiel ihr auch dann erst das Verschwinden der Schmuckschatulle auf. Sie brachte die beiden Zwischenfälle natürlich miteinander in Verbindung. Jeder hätte in dieser Situation sofort an ein Verbrechen gedacht. Es ist dem reizenden Kindermädchen also nichts vorzuwerfen. Tja, das wäre alles. Mehr hätte ich dazu nicht zu sagen.“ schloss Remy.

„Masseltoff!“ schrie Fran und sprang auf Remy zu. Lächelnd fiel sie ihm um den Hals und drückte ihm einen dicken Schmatzer auf die linke Wange. „Sie haben den Fall gelöst. Sie sind wirklich der beste Privatdetektiv der Welt. Und noch dazu so verdammt gutaussehend. Haben Sie heute abend schon was vor?“ fragte sie ihn.

Bevor Remy ihr antworten konnte, sprang Maxwell auf sie zu und zog sie an ihrem rechten Arm von Remy weg. „Miss Fine, bitte. Das ist nicht das angemessene Verhalten gegenüber Mr. Steele.“ Zu Remy meinte er: „Verzeihen Sie bitte, guter Freund. Meine Nanny ist manchmal etwas stürmisch.“

Remy grinste nur verständnisvoll.

Laura hatte diese Szene ganz und gar nicht gefallen: „So, Mr. Sheffield, ich denke, da der Fall nun gelöst wäre, besteht für Mr. Steele und mich kein Grund mehr, ihre Gastfreundschaft länger in Anspruch zu nehmen…“

„Natürlich nicht, Miss Holt. Niles wird Sie zum Flughafen bringen.“

 

Teil 13

 

Wieder zurück in Remys Wohnung in L.A. fing Laura an: „Diese Nanny hatte es aber auf dich abgesehen…“

„Das musst du gerade sagen“, erwiderte Remy sauertöpfisch. „Wer wäre denn fast in Ohnmacht gefallen bei einem Handkuss von diesem Sheffield, hä?“

Laura errötete leicht und murmelte: „Na ja… schon gut… sorry…“

„Was findest du überhaupt an dem? Was hatte der denn, was ich nicht habe?“ fragte Remy verständnislos.

„Nun, er sieht hinreißend aus, er hat perfekte Manieren, er weiß, wie man mit einer Dame umgeht… Kurzum, er ist der perfekte Gentleman. Und hast du diese graue Strähne gesehen? Die verleiht ihm noch so ein gewisses Extra an Eleganz…“ schwärmte Laura und fuhr dann traurig fort: „Warum kann ich nie solche Männer kennen lernen?“ seufzte sie.

Jetzt war Remy nicht mehr nur sauer, sondern auch noch enttäuscht. Er setzte an, um etwas zu sagen, doch Laura kam ihm zuvor: „Ach, weißt du Remy, manchmal wünschte ich mir, ich hätte auch so jemanden, der mich auf Händen trägt…“ Sie atmete einmal tief aus, kuschelte sich dann an Remy und schlief, müde vom langen Flug, ein.

Remy hob sie behutsam und trug sie in sein Bett. Dort deckte er sie zu, drückte ihr noch einen Kuss auf die Stirn und dann installierte er sich – wie schon so oft –  mit einem Kissen und einer Decke auf seiner beigefarbenen Couch im Wohnzimmer.

 

© 27.06.2006 by MajorPetrofsky

Hosted by www.Geocities.ws

1