STEELE’S CONFESSION
Prolog
Los Angeles, Kalifornien, 2006
Remy kam gerade von Lauras Begräbnis zurück in ihr Haus in Malibu, wo die beiden nach ihrer Hochzeit zusammen gelebt hatten. Er wirkte gefasst. Hatte er überhaupt auch nur eine Träne um seine Ehefrau vergossen? Allem Anschein nach nicht. Aber das war schwer zu sagen. Wer wusste schon, wie seine Augen unter seiner großen Sonnenbrille aussahen?
Er trat nun also ins Wohnzimmer und schlurfte geradewegs zur Hausbar, wo er sich einen doppelten Whisky pur einschenkte. Dann setzte er sich auf die Couch und leerte genüsslich sein Glas.
Ein ahnungsloser Zuschauer hätte sich wohl gedacht, dass dieser Mann gerade ein erfolgreiches Geschäft abgeschlossen hatte.
Nachdem das Glas also leer war, erhob Remy sich widerwillig von der bequemen Couch. Er holte aus der Küche mehrere große, schwarze Plastiksäcke und schlurfte ins Schlafzimmer.
Dort öffnete er den riesigen Kleiderschrank und fing dann missmutig an, Lauras Kleidung auszusortieren.
Das Geständnis (aus Remys Perspektive)
Und da hat sie immer behauptet, sie hätte nichts anzuziehen gehabt. Lachhaft! Mit den Klamotten könnte man eine ganze Theatertruppe zwei Jahre lang ausstaffieren. Sieh sich doch mal einer das ganze Zeug an.
Na ja! Wie auch immer. Der Schrott fliegt jetzt auf’n Müll und dann verkauf ich das Haus hier. Hab keine Lust, dauernd an sie zu denken. Je eher ich sie vergesse, desto besser.
Außerdem: Die Cayman-Inseln warten schon.
Hoffe bloß, dass das mit dem Verkauf schnell über die Bühne geht. Ich will nur noch weg. Fort von hier. Und nicht mehr daran denken, dass ich meine besten Lebensjahre vergeudet habe.
Obwohl, wenn ich so drüber nachdenke, war’s doch nicht ganz so schlimm. Ich hatte viel Spaß mit den netten, jungen Klientinnen der Remington-Steele-Detektei, die praktisch auf mich gesprungen sind.
Da fällt mir ein: Ich muss mein kleines schwarzes Büchlein mit den Telefonnummern drin unbedingt verschwinden lassen.
Es ist schon Ironie des Schicksals: Da bin ich mit einer ach so gescheiten Privatdetektivin verheiratet und die schöpft nicht den leisesten Verdacht, dass ich sie betrüge, wo immer ich nur kann. Ich hätte einen ganzen Harem anschleppen können, sie hätte nichts bemerkt. Sie hat doch wahr und wahrhaftig an meine unsterbliche Liebe zu ihr geglaubt.
Liebe? Kappes! Ich hab bloß die Aufenthaltsgenehmigung für die USA gebraucht.
Also gut, ich geb’s zu: Ich bin ein Drecksack erster Güte. Aber sind das nicht alle Männer? Schließlich bin ich auch nur ein Mensch. Und Menschen haben Bedürfnisse.
Aber das war ihr ja immer egal. Immer hat sie an mir rumgekrittelt und mir an allem die Schuld gegeben. Nie war sie zufrieden. Und immer musste sie Recht haben. Ich hätte sie erwürgen können. Schlussendlich war das nicht nötig.
Das hat jemand anders an meiner Stelle erledigt. Ich sollte dem Kerl einen Dankesbrief schreiben. Für meine Befreiung. 20 Jahre sind eine verdammt lange Zeit, wenn man verheiratet ist. Vor allem mit so ´ner Ollen wie ihr.
Im Bett war sie auch keine Granate. Aber natürlich war auch das meine Schuld. Ts! Was kann ich denn dafür, wenn sie frigider war als alle Eisblöcke am Nordpol zusammen?
Mit ihr war es immer nur das gleiche: Ein bisschen an den Brustwarzen zupfen, rein und raus, ich oben, sie unten. Routine der langweiligsten Art. Das hält keine Ehe in Schwung. Und kein Mann der Welt hält sowas ewig aus. Das ist schlimmste mittelalterliche Folter.
Da musste ich mich halt woanders austoben. Hey, ich bin auch nur ein Mann.
Aber das Beste ist: Ich brauche die Weiber nicht mal zu bezahlen. Die rennen mir heute noch nach, als ob ich Pierce Brosnan wär. Was so ein Paar blaue Augen alles schafft. Ich kann bei ihnen allen landen, ohne mich groß anzustrengen.
Ja, bei ihnen allen. Nur nicht bei einer: Meiner eigenen Frau.
Ist das nicht furchtbar ironisch?
Ich weiß nicht mal, ob sie nur nicht mit mir schlafen wollte oder ob sie nicht konnte. Es gibt ja so Frauen, die Probleme damit haben. Auch wenn der Kerl noch so gut aussieht. Vielleicht hatte sie ihre Gründe.
Ich hab’s doch versucht. Ich wollte mit ihr reden. Ich wollte einfach nur wissen, warum.
Aber ihre verdammte, ewige Geheimniskrämerei. Das hat mich jedes Mal zur Weißglut getrieben.
Und dann dieser Mr.-Steele-Quatsch im Büro. Sogar nach der Hochzeit hat sie noch darauf bestanden, dass wir uns bei der Arbeit nicht duzen. Ich habe bis heute keinen Schimmer, warum.
Überhaupt, Laura: Warum warst du immer so grausam zu mir? Warum hast du mich immer wie Dreck behandelt? Und warum tust du mir das an? Hä? Wieso lässt du mich alleine? Willst du’s denn nicht begreifen?
Ich liebe doch nur dich. Einzig und allein nur dich. Die anderen Flittchen, die ganze Hurerei… Das war doch nichts Ernstes. Ich habe keine davon geliebt. Jedenfalls nicht mit meinem Herzen. Nur mit meinem… ach, vergiss es!
Nein, in meinem Herzen, da warst nur du und jedes Mal, wenn ich mit einer anderen im Bett war, weißt du, an wen ich gedacht habe? An dich. Ja, Laura, nur an dich.
Doch nun ist es zu spät.
Ich konnte dich nie wirklich erobern. Vielleicht ist dein Tod meine gerechte Strafe dafür, dass ich kein guter, treuer Ehemann war.
Bitte vergib mir, Laura.
Ich hoffe, du bist jetzt an einem besseren Ort, wo niemand dein Vertrauen ausnutzt. Ich wusste es nicht besser.
Bitte vergib mir.
Epilog
Remington Steele hörte damit auf, die Kleider seiner verstorbenen Ehefrau aus dem Schrank zu zerren. Er hielt inne und nahm seine Sonnenbrille ab. In seinen rotgeränderten Augen standen Tränen.
Der frischgebackene Witwer setzte sich langsam aufs Bett und verbarg sein Gesicht in seinen Händen.
Dann heulte er wie ein Schlosshund. Seit Lauras Tod vor 4 Tagen hatte er nichts anderes mehr getan. Zu sehr belasteten ihn seine Schuldgefühle.
Er würde ein neues Leben anfangen müssen, wenn er nicht zugrunde gehen wollte.
Am folgenden Tag packte er seine Koffer. Den Hausverkauf hatte er seinen Anwälten überlassen. Er wollte damit nichts mehr zu tun haben.
Die Cayman-Inseln warteten auf ihn.
Doch der große Detektiv Remington Steele würde nie dort ankommen. Durch einen technischen Defekt stürzte die kleine Cessna der Cayman Airlines kurz vor ihrem Ziel ab und zerschellte im Meer. Es gab keine Überlebenden. Nur eine Kurznachricht in den Medien, die unmittelbar wieder in Vergessenheit geriet.
© 12.12.2006 by MajorPetrofsky