HIT
THE ROAD STEELE
ODER: REMY BLUE EYES
Teil 1
An diesem Morgen trafen Laura und Remy gleichzeitig in der Agentur ein.
Dort erwartete sie eine böse Überraschung in Gestalt einer etwa 30jährigen, hübschen, dunkelhaarigen Frau. Als sie Remy sah, sprang sie von ihrem Stuhl auf, rannte auf ihn zu, umarmte und küsste ihn.
Laura stand mit eifersüchtigem Blick daneben. Sie hätte es zwar nie zugegeben, aber die Szene hier missfiel ihr eindeutig.
Dann fing die Fremde an, mit starkem italienischem Akzent zu jubeln: „Paul, caro mio, ich bin so froh, dass ich dich endlich gefunden habe.“
„Bitte, wie meinen?“ fragte Remy verwirrt.
„Sag bloß nicht, du kennst mich nicht. Wir sind doch miteinander verheiratet, marito mio. Ich bin doch deine Claudia.“ Daraufhin schmiegte sie sich wieder an ihn.
Remy sah Laura ratlos an. Die strafte ihn nur mit einem verachtenden Blick.
Teil 2
Remy nahm seine angebliche Ehefrau mit in sein Büro.
Entzückt rief sie aus: „Hier arbeitest du also? Das ist ein schönes Büro. Du musst sehr reich sein, dass du dir das alles hier leisten kannst.“
„Hören Sie, Miss…“
„Mrs… Fabrini.“ entgegnete sie entrüstet.
„Mrs Fabrini, ich kenne Sie nicht. Ich bin nicht verheiratet, schon gar nicht mit Ihnen. Falls Sie nicht hier sind, um mir einen neuen Fall aufzutragen, würde ich Sie jetzt höflichst bitten, die Agentur zu verlassen.“ meinte er nur gefühllos.
Claudia hingegen hatte nicht vor, sich abwimmeln zu lassen. Sie schluchzte nun: „Paul, das ist nicht wahr. Du liebst mich doch. Hast du denn unsere Hochzeit vergessen?“
Remy blieb hart: „Sie müssen mich verwechseln. Wenn ich verheiratet wäre, wüsste ich´s. Im Übrigen können Sie sich Ihre falschen Tränen sparen. Ich kaufe Ihnen kein Wort ab.“
Jetzt wurde Claudia sauer: „Ich kann es aber beweisen. Schließlich hab ich die Heiratsurkunde.“
„Dann zeigen Sie sie mal her.“, meinte Remy skeptisch.
„Das geht nicht“, stammelte Claudia, „ich habe sie im Hotel vergessen.“
„Ach, das ist ja interessant.“
„Aber ich kann sie holen gehen.“
„Ich bitte darum“, antwortete Remy siegessicher.
Claudia verließ das Büro. Sie hatte vor, so schnell wie möglich zurückzukommen.
Teil 3
Als Claudia gegangen war, trat Remy zu Mildred an ihren Schreibtisch: „Ach, Miss Krebbs, hätten Sie die Güte, etwas für mich in Ihrer Wundermaschine (damit meinte er den Computer) nachzusuchen?“
„Aber klar, Chef, was wollen Sie denn wissen?“ antwortete Mildred tatenfreudig.
„Einfach alles, was Sie über eine Mrs Claudia Fabrini herausfinden können.“
„Kein Problem“, entgegnete Mildred und fing mit ihren Recherchen an.
Währenddessen war Laura aus ihrem Büro gekommen. Sie sah Remy wütend an.
Dieser ging auf die Detektivin zu: „Lauraaa, es ist nicht, wie du denkst.“
„Schon gut, Mr. Steele.“, erwiderte sie gleichgültig.
Diese Kaltschnäuzigkeit machte Remy Angst. Er hatte alles erwartet: Tränen, hysterisches Geschrei, Ohnmachtsanfälle, aber sicher nicht das hier.
Als Laura sich nun umdrehte, um wieder in ihr Büro zu verschwinden, lief Remy ihr hinterher: „Laura, was soll das? Bin ich dir jetzt egal?“
„Och, weißt du“, antwortete sie, als die beiden in ihrem engen Büro standen, „du bist ein Lügner, Betrüger, Dieb und weiß der Himmel was sonst noch. Und dann kommt eine Frau daher, die behauptet, mit dir verheiratet zu sein. Also bist du jetzt auch noch unter die Heiratsschwindler gegangen. Warum überrascht mich das nicht?“
„Du denkst also… du glaubst der Irren da wirklich?“ fragte Remy verzweifelt.
„Tja, warum nicht? Ich kenne so wenig von deiner Vergangenheit, dass ich es nicht ausschließen kann, dass du irgendwo eine Ehefrau hast.“
„Lass dir doch erklären…“
„Spar dir die Mühe. Sowas hab ich mir schon von Anfang an gedacht. Viel Glück mit… wie hieß sie noch gleich?… ah, ja. Claudia. Ich hoffe, ihr werdet ein schönes Leben haben.“
Remy konnte deutlich die Enttäuschung aus ihrer Stimme heraushören.
Teil 4
Noch ein letztes Mal versuchte Remy, Lauras Vertrauen zurückzugewinnen: „Laura, bitte, so glaub mir doch. Ich kenne die Frau nicht mal. Ich hab sie noch nie zuvor gesehen…“
„Hör schon auf. Geh weg. Geh und komm nie wieder. Ich habe deine Lügen und Geheimnisse satt.“
„Das ist doch nicht dein Ernst.“
„Und wie…“
„Du kannst mich nicht einfach so auf die Straße setzen…“ Remy war mehr als entsetzt. Dennoch entdeckte er die Tränen in Lauras Augen. Er ging auf sie zu und wollte sie umarmen, doch sie wich ihm aus.
Sie flüsterte nur: „Verschwinde! Ich will dich nie wieder sehen.“
Wütend warf er ihr noch an den Kopf: „Na schön. Wie du willst. Dann mach deinen Kram eben alleine. Bin ja mal gespannt, was du den Leuten jetzt erzählen willst, warum ich nicht hier bin. Vielleicht hätte ich doch besser die bekloppte Italienerin heiraten sollen.“
Den letzten Satz bereute er schon, bevor er ihn ausgesprochen hatte. Doch nun war es zu spät.
Laura sah ihn nicht an und sagte auch nichts mehr.
Remy stürmte durch die Verbindungstür in sein Büro, schnappte sich seinen Mantel und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ er die Agentur. Für immer. Laura wollte es ja so. Er würde ihr also auch diesen Wunsch erfüllen.
Mildred schaute ihm verblüfft nach. Sie hatte ihm doch noch von ihren Rechercheergebnissen berichten wollen. Na, dann eben später…
Teil 5
Laura hatte ihre Tränen getrocknet und kam jetzt aus ihrem Büro.
Mildred fragte sie mitleidsvoll: „Was ist los, Miss Holt?“
„Ach, Mildred, wir hatten einen furchtbaren Krach.“ Und dann erzählte sie ihrer Sekretärin, was sich genau zugetragen hatte. Als sie geendet hatte, meinte Mildred: „Ach, darum wollte er diese ganzen Informationen.“
„Welche Informationen?“ fragte Laura unwissend.
„Na, über diese Claudia Fabrini. Er hat mich damit beauftragt, was über die Frau herauszufinden. Und nun kommt´s: Sie ist verheiratet mit einem gewissen Paul Fabrini aus Italien. Nur, über den hab ich noch nichts rauskriegen können. Aber ich bleib am Ball.“
„Paul Fabrini? Wieso kommt mir der Name so bekannt vor?“ murmelte Laura verwundert.
Mildred zuckte nur ahnungslos mit den Schultern.
„Ich muss sofort zu Mr. Steele.“ schrie Laura auf. „Mildred, Sie halten hier die Stellung.“
„Wie Sie meinen, Miss Holt.“
Laura stürmte aus der Agentur, während Mildred sich, wie an fast jedem Tag, wieder einmal fragte, ob sie hier nicht doch eher in einem Irrenhaus als in einer Detektei gelandet war.
Teil 6
Währenddessen war Remy zu Hause angekommen. Er hatte sich traurig auf seine Couch gesetzt. Nun hatte er Laura wohl endgültig verloren. Es war wohl an der Zeit, die Illusionen von einer gemeinsamen Zukunft mit ihr aus dem Gedächtnis zu streichen. Wer weiß, vielleicht war Claudia gar keine so schlechte Ehefrau. Und er könnte eventuell mit ihr glücklich werden. Ihr würde er auch nicht dauernd nachlaufen müssen, um ihr seine Liebe zu beweisen. Sie glaubte ihm auch so. Und ihrem Auftritt von heute morgen nach zu urteilen, vergötterte sie ihn ohnehin schon.
Ja, mit Claudia könnte er ein ruhiges, angenehmes Leben als Ehemann führen. Ganz ohne Verbrecher zu jagen.
Die Türklingel riss ihn jäh aus seinen Gedanken. Missmutig schlurfte er zur Tür und öffnete sie.
Da stand Claudia, begleitet von zwei Bodyguards in schwarzen Anzügen und mit Sonnenbrille auf der Nase.
Remy entschloss sich, zu handeln. Er zog Claudia am Arm zu sich und küsste sie leidenschaftlich.
Danach meinte sie mit glänzenden Augen: „Wow! Ich hab doch keinen Fehler gemacht, als ich dich geheiratet habe.“
„Ich auch nicht. Bitte verzeih mir das von heute morgen. Ich war nur etwas durcheinander.“
„Schon verziehen, caro mio.“ Sie betrat Remys Wohnung. Die zwei Gorillas ebenfalls.
Claudia und Remy setzten sich auf die Couch. Sie sah sich um und meinte: „Hier werden wir auf keinen Fall wohnen. Papa (sie betonte dieses Wort extrem auf der letzten Silbe, so dass es ziemlich hochnäsig klang) hat uns eine Villa gekauft, in Malibu, am Strand. Da sieht es fast so aus wie in Sizilien, deiner Heimat.“
„Schön“, heuchelte Remy, „das klingt ja fast so, als würden wir dort im Paradies leben.“
„Das tun wir doch auch, caro mio“, lächelte sie ihn an. Jetzt warf sie sich auf ihn und öffnete den Knoten seiner sorgfältig gebundenen Krawatte.
Remy stammelte: „Aber, Claudia… deine Bodyguards…“
„Ach, mach dir um die keine Sorgen.“ Weiter kam sie nicht, denn Laura stand nun, mit vor Entsetzen weit geöffneten Augen, im Türrahmen.
Teil 7
Mario und Luigi, die beiden Bodyguards, stürzten auf Laura zu, drehten ihr gewaltsam die Arme auf den Rücken und zerrten sie zur Couch. Mario fragte: „Was sollen wir mit ihr machen, Boss?“
Remy antwortete nicht. Claudia erklärte ihm: „Er spricht mit dir, Liebster.“
„Ah… äh… ja… gut. Wir nehmen sie mit.“
„OK.“
„Ach, und stopft ihr das Maul. Ich will nicht unnötig auffallen.“ befahl er barsch.
Laura bedachte ihn mit einem äußerst verärgerten Blick.
„Ist gut, Padrino“, antwortete Mario, zog ein Taschentuch aus seiner Sakkotasche und steckte es der widerspenstigen Detektivin in den Mund.
„Wer?“ fragte Remy.
„Aber Paul“, lachte Claudia, „du wirst der nächste Pate, wenn mein Papa das Unternehmen nicht mehr führen kann.“
„Wie? Pate? Bei wem?“
Claudia lachte nur. Sie dachte, es handle sich hier um einen Scherz.
Remy fragte verzweifelt: „Was, sagtest du noch mal, ist dein Vater von Beruf?“
„Er führt den Buitoni-Clan.“ antwortete Claudia.
„Er hat ´ne Nudelfabrik?“ Remy stand total auf dem Schlauch.
Claudia lachte abwehrend: „Paul, du bringst mich noch um mit deinen Witzen. Buitoni ist mein Mädchenname. Meinem Papa gehören Hotels, Restaurants, Casinos, Bars usw. Du bist sein Nachfolger. Eines Tages wird das Buitoni-Imperium dir gehören. Gefällt dir das?“
Remy lächelte verschlagen: „Und ob. Aber du gefällst mir noch viel besser, meine kleine Ravioli.“ Dann drückte er sie wieder an sich und küsste sie erneut leidenschaftlich.
Laura, die das alles mit ansehen und –hören musste, platzte schier vor Eifersucht. Sie wurde immer wütender. Aber all ihr Straucheln half nichts. Mario und Luigi waren stärker.
Die Gruppe verließ nun geschlossen Remys Apartment im Rossmore-Gebäude.
Teil
8
Sie fuhren in Buitonis schwarzer Stretchlimo mit dem KFZ-Zeichen GDFATHR zu Remys neuem Schwiegervater.
Die Luxusvilla in Beverly Hills war von hohen Mauern umgeben und wurde schwerstens bewacht.
Man ließ Remy und Claudia ins Büro des amtierenden Paten. Hinter den beiden trotteten Mario und Luigi, mit der immer noch geknebelten Laura im Schlepptau. Deren beide Fluchtversuche beim Ein- und Aussteigen aus der Limo waren erfolglos geblieben.
Der Pate war nicht allein. Seine beiden Bodyguards standen in einer Ecke hinter ihm und seine rechte Hand, Luca Bonasera, saß in einem Sessel.
Der Pate selbst, ein großer, schwerer Mann mit zurückgekämmtem, schütterem Haar, Schnurrbart und dicken Wangen, trat auf Remy zu.
Letzterer wäre am liebsten weggelaufen.
Der Pate lächelte nun, umarmte ihn, küsste ihn auf die Wange und schrie gutgelaunt: „Schwiegersohn, endlich lerne ich dich kennen. Ich hätte mir ja eine richtige Hochzeit für meine Claudia gewünscht, aber das ging nicht. Das Syndikat hatte nun mal nur eine Fernhochzeit arrangiert. Aus Sicherheitsgründen.“
Da ging die Tür von Buitonis Büro auf und mehrere Leute kamen herein, allen voran eine stämmige, würdevolle Frau.
„Komm, Paul, jetzt sollst du die ganze Familie kennenlernen.“ Damit stellte der Pate die Leute vor: „Das ist Euphemia, meine Frau. Sie macht die besten Spaghetti der ganzen Welt. Nach denen wirst du dir die Finger lecken, figlio mio.“
Dann folgten Alfredo und Marcello, die beiden Söhne des Paten sowie sein rothaariger, adoptierter Sohn Santino, genannt Sonny.
Nachdem Remy nun alle kannte, schickte der Pate seine Frau und seine Tochter, Remys Ehefrau, hinaus. Dann trat er auf Laura zu und fragte Remy: „Wer ist das?“
„Das? Ach, das ist nur… meine Haushälterin.“
„Du hast eine nicht-italienische Haushälterin?“ wunderte sich der Don.
„Es ist schwer, heutzutage gutes Personal zu finden“, argumentierte der Detektiv entschuldigend.
„Wohl wahr, figlio mio. Trotzdem wirst du dich von ihr trennen müssen. Sauber und diskret, natürlich. Ich stelle euch eigenes Personal für eure Villa zur Verfügung. Absolut verlässliche Leute. Sehr loyal und vollkommen unbestechlich.“
„Selbstverständlich, …äh … eure Exzellenz.“
„Warum denn so förmlich? Nenn mich doch einfach Schwiegerpapa.“
„Mit Vergnügen… äh… Schwiegerpapa.“ stammelte Remy freundlich grinsend.
Teil 9
„Nun, figlio mio. Setz dich. Erzähl uns doch mal… wie viele Aufträge hast du denn in deinem jungen Leben schon erledigt?“ wollte der Pate wissen.
„Aufträge?“
„Du weißt schon, wie viele Leute hast du schon zu den Fischen schlafen gelegt?“
Remy zögerte. Er tat so, als würde er im Geiste alle seine Mordopfer zusammenzählen. Schließlich antwortete er: „Mit dem betrügerischen Fischhändler letzte Woche waren´s insgesamt… 53.“
Die Männer sahen sich untereinander an.
Remy bekam ein flaues Gefühl im Magen. Er stellte sich schon vor, wie man ihm Zementschuhe verpasste und ihn in New York von der Brooklyn Bridge hinunter in den Hudson River stieß.
Dann jedoch lächelte der Pate zufrieden und lobte ihn: „Ausgezeichnet. Ich sehe, du hast Mut. Man darf in unserem Gewerbe nicht zimperlich sein. Das ist besonders wichtig, da du meine Stelle einnehmen wirst, in ein paar Jahren, wenn ich mich zur Ruhe setze.“
„Oh… erlaube mir eine Frage, Schwiegerpapa: Warum wird denn keiner deiner Söhne Pate?“
„Nun, Claudia ist meine Erstgeborene. Daher wird ihr Ehemann der nächste Pate. Erst nach deinem Tod, figlio mio, kann der älteste meiner Söhne, Alberto, deine Stelle annehmen.“
„Ah ja“, antwortete Remy kurz angebunden. Er sah sich Alberto an, der ihn angrinste. Remy konnte diese Grimasse nicht richtig einordnen. Er schluckte.
Der Pate setzte das Gespräch fort: „Ach ja, was hast du mit der Kleinen da vor?“ Dabei zeigte er beifällig mit einem Kopfnicken auf Laura, die, von Mario und Luigi bewacht, in der gegenüberliegenden Ecke in einem dunkelbraunen Ledersessel saß.
„Ähm…nun, ich wollte sie mit in unsere Villa nehmen und sie erst noch ein paar Tage schmoren lassen, bevor sie den Abschiedskuss erhält. Sie soll die berühmte italienische Gastfreundschaft kennenlernen.“
“Abschiedskuss? Hast du was mit ihr am Laufen?“ fragte der Pate verwirrt.
„Nein. Die Fabrini-Familie küsst immer ihre Opfer, bevor sie sie umbringt.“
„Ah. Ein schöner Brauch.“ meinte der Pate.
Laura sah ihn entsetzt an. Sie versuchte zu schreien, doch durch ihren Knebel hörte man nur ein gedämpftes „Mmm!“
Der Pate klopfte Remy anerkennend auf die Schulter und lobte ihn: „Du hast einen ausgeprägten Familiensinn, figlio mio. Das wird dir als mein Nachfolger sehr zugute kommen.“ Dann fügte er hinzu: „So, und nun lasst uns ins Esszimmer gehen. Die Spaghetti müssten bald fertig sein.“
Die Männer verließen also das Büro.
Laura wurde in der Zwischenzeit, auf Remys Order hin, zu „seiner“ Villa gebracht, wo sie in eins der Gästezimmer gesperrt wurde.
Teil 10
Laura sah sich im Zimmer um. Wenn man hier wirklich als Gast war, konnte es einem schon gefallen. Aber momentan wollte sie nur hier weg. Sie sah aus dem Fenster. Eine Flucht war offensichtlich unmöglich, denn überall patrouillierten bewaffnete Gorillas. Da rauszulaufen, wäre blanker Selbstmord gewesen.
Also entschloss sie sich, auf Remys Ankunft zu warten. Sie legte sich aufs Bett, schloss die Augen und dachte nach.
Paul Fabrini, dieser Name kam ihr so bekannt vor. Sie wünschte, sie könnte sich daran erinnern, wo sie diesen Namen schon mal gehört hatte.
In… einer Zeitung, oder? Vor ein paar Monaten gab es einen Zeitungsartikel in der L.A. Times über den Sohn des berüchtigten Mafiabosses Frederico Fabrini. Dieser Sohn hieß… Paul. Er war mit einer… Claudia Buitoni vermählt worden. Über eine Fernhochzeit. Mit anderen Worten: Diese beiden hatten sich noch nie zuvor gesehen. Es lag hier bloß eine Verwechslung vor.
Nur, wie kam Claudia auf die Idee, Remy könnte ihr Mann sein? Aber ja, natürlich.
Dass sie nicht gleich darauf gekommen war. Paul Fabrini war der Name auf Remys gefälschtem italienischem Pass. Claudia hatte schlicht und einfach den falschen Fabrini erwischt.
Großer Gott! Wenn die Wahrheit rauskäme… nein, das war nicht auszudenken. Das hier waren lauter kaltblütige Mörder. Remy hätte nicht die geringste Chance. Im Geiste sah sie schon seinen Wagen durch eine Autobombe explodieren, wenn er einsteigen würde. Oder wie er von Maschinengewehrkugeln durchlöchert wurde wie ein Schweizer Käse. Nein, das durfte nicht passieren.
So sauer sie auch auf ihn war, so sehr wünschte sie sich dann doch nicht seinen Tod.
Sie musste ihn warnen. Nur wie? Es gab keine Möglichkeit, hier rauszukommen.
Die sonst so starke Frau fing aus Verzweiflung an zu weinen.
Teil 11
Die Spaghetti von Mama Euphemia waren in der Tat die besten, die Remy je gegessen hatte. Sie waren tatsächlich so gut gewesen, dass Remy noch zweimal Nachschlag genommen hatte. Das mulmige Gefühl in seinem Bauch war hingegen noch immer vorhanden. Die ganze Familie liebte ihren neuen „Schwiegersohn“.
Die Stimmung war bestens. Der Wein floss in Strömen und Alfredo und Marcello gaben italienische Volkslieder zum Besten.
Am späten Abend verabschiedeten sich Remy und Laura und wurden in ihrer schwarzen Stretchlimo mit dem KFZ-Zeichen GDFATHR2 nach Malibu in ihre Luxusvilla der Extraklasse gebracht. Schwiegerpapa hatte sich beim Kauf des Hauses nicht lumpen lassen.
Remy befahl Claudia, schon mal ins Schlafzimmer zu verschwinden. Er selbst nahm aus seinem Büro im 1. Stock einen Block und einen Kugelschreiber, versteckte beides in seiner Sakkotasche und ging zu Laura.
Als er ins Zimmer trat, sprang sie auf und wollte seinen Namen sagen, doch Remy legte seinen rechten Zeigefinger auf seinen Mund, um ihr zu bedeuten, ruhig zu sein. Er setzte sich jetzt neben sie aufs Bett, zog Block und Kugelschreiber hervor und kritzelte eilig: „Die ganze Bleibe ist voller Wanzen.“
Laura las das und schrieb darunter: „Woher weißt du das?“
Er schrieb nur: „Der Pate, Marlon Brando, Al Pacino, James Caan, Paramount, 1972.“
Laura las das und verdrehte die Augen. Dann schrieb sie ihm auf, was ihr vorhin über Paul Fabrini eingefallen war.
Er las es, grübelte nach und schrieb dann: „Wir müssen ihn finden.“
Der Briefwechsel ging weiter:
„Na gut, aber wie kommen wir hier raus?“
„Der unsichtbare Dritte, Cary Grant, Eva-Marie Saint, MGM, 1959.“
Laura las das und schaute Remy genervt an.
Der schrieb weiter: „Ich erschieße dich mit Platzpatronen und schmuggle deine „Leiche“ hier raus.“
„Na gut. Das könnte funktionieren.“
„Also, pass auf: Du bleibst heute nacht hier. Versuch nicht, zu fliehen. Das wäre zwecklos. Gleich morgen früh besorg ich die Platzpatronen.“
Leise flüsterte er ihr noch ins Ohr: „Schlaf gut, Laura.“ Er wollte ihr noch einen Gute-Nacht-Kuss geben, überlegte es sich dann aber anders. Er wollte nicht, dass jemand das sieht und so Verdacht schöpft. Also stand er auf und ließ Laura nun allein.
Mario und Luigi, die vor der Tür Wache standen, befahl er: „Lasst sie auf gar keinen Fall hier raus. Habt ihr verstanden?“
„Alles klar, Padrino.“ antwortete Mario.
„Sag mal, warum antwortest immer nur du, Mario? Ich hab von Luigi noch kein Wort gehört.“
Mario antwortete: „Oh, das ist so: Luigi ist stumm.“
„Ah, so. Na ja. Gute Nacht, Jungs. Und schlaft nicht zu fest.“
Teil 12
Laura blieb den ganzen nächsten Tag über in ihrem Zimmer eingesperrt.
Am Abend erst kam Remy wieder. Er befahl den beiden Gorillas, eine halbe Stunde Pause zu machen. Die beiden schlurften also in die Küche und kochten sich Kaffee.
Als Remy das Zimmer betrat, das für Laura zum Gefängnis geworden war, stand sie auf. Sie stellte sich vors Bett.
Remy zog einen Revolver aus seiner inneren Sakkotasche und feuerte, ohne mit der Wimper zu zucken, 2 Schüsse in Richtung Laura ab. Diese ließ sich fallen und blieb regungslos auf dem Boden liegen.
Remy steckte den Revolver ein und wickelte Laura in den Teppich ein. Dann packte er den zusammengerollten Teppich auf seine Schulter und schlich sich vorsichtig nach unten in die Garage. Dort packte er sie, immer noch eingewickelt, auf den Rücksitz der Stretchlimo. Er flüsterte noch mal: „Keinen Mucks, ok?“
Dann stieg er vorne ein und fuhr los.
Teil 13
Nach ein paar Umwegen, die Remy eingelegt hatte, um eventuelle Verfolger abzuschütteln, waren sie an Lauras Apartment angekommen.
Remy wickelte Laura auf dem Rücksitz der Limo aus. Den Teppich ließ er im Wagen liegen. Die beiden betraten nun die Wohnung der Detektivin. Sie setzten sich an den Küchentisch.
„Wie soll´s jetzt weitergehen?“ fragte Laura ratlos.
Bevor Remy darauf antworten konnte, klingelte jemand an der Tür.
„Großer Gott!“ riefen beide gleichzeitig erschrocken.
Remy schickte Laura ins Badezimmer, wo sie sich verstecken sollte.
Derweil öffnete Remy mit äußerster Vorsicht die Tür. Da stand Mildred, aufgeregt mit einer Akte in der Hand herumfuchtelnd: „Boss, ich habe was über Paul Fabrini herausgefunden.“
„Herrgott, Mildred, Sie haben uns einen Riesenschrecken eingejagt“, rief Remy.
Laura, die das alles gehört hatte, kam nun aus dem Badezimmer raus.
Mildred plapperte weiter: „Also, es gibt 2 Paul Fabrinis hier in L.A. Einer davon scheint gar nicht zu existieren, denn über ihn findet man weiter nichts.“
„Ja, Mildred, das wissen wir bereits“, antwortete Laura enttäuscht.
Verständnislos fragte Mildred: „Das wissen Sie schon?“
„Genau. Das ist einer von meinen Pässen“, entgegnete Remy.
„Ach so. Na, jedenfalls, der andere hat ein ellenlanges Vorstrafenregister und ist zur Zeit auf Bewährung draußen. Hier ist seine Adresse.“ Mildred zeigte den beiden einen Auszug aus dem PC. Darauf waren u.a mehrere Diebstähle, Schlägereien und dergleichen aufgelistet und die aktuelle Adresse dieses Paul Fabrinis war vermerkt: „7259, Camino Way, L.A., Ca.“
Laura und Remy sahen einander an und beinahe gleichzeitig riefen sie: „Wir müssen sofort dahin.“
Sie rannten hinaus und ließen eine verwirrte Mildred stehen. Sie stiegen in die Stretchlimo und brausten davon.
Teil 14
Eine halbe Stunde später klingelten Laura und Remy an Paul Fabrinis Wohnungstür. Ihnen öffnete ein großer, schwerer, brutal aussehender Kerl à la Sylvester Stallone mit schwarzen Haaren und dunklen Augen. Er war lediglich mit Unterhemd und Boxershorts bekleidet.
„Paul Fabrini?“ setzte Remy an.
„Wer will das wissen?“ maulte der Riese zurück.
„Mein Name ist Remington Steele, ich bin Privatdetektiv. Das ist meine Assistentin, Laura Holt.“
„Schnüffler? Was wollt ihr Wichser von mir?“
„Dürfen wir reinkommen?“ fragte Laura mit betörender Stimme und charmant lächelnd.
Paul Fabrini leckte sich über die Lippen. „Na schön, von mir aus. Aber keine Mätzchen, ist das klar?“
„Klar…“ stammelte Remy.
Paul brachte die beiden in seine Küche. Die drei setzten sich dort an den Tisch.
„Also“, fing Laura an, „wir haben ein kleines Problem und wir bräuchten Ihre Hilfe.“
„Meine Hilfe? Hey, mal langsam, ich bin Freigänger im Knast, weil ich nem Typen einen Knoten in sein Rückgrat gemacht habe, der mich so reinlegen wollte.“
„Oh, nein, nein, es ist nichts Illegales.“ erwiderte Laura und sie und Remy erzählten abwechselnd, was Ihnen in den letzten paar Tagen widerfahren war. Als sie mit ihrem Bericht fertig waren, meinte Fabrini: „Ah, ja, Claudia. Die Heirat wurde organisiert, als ich noch im Knast war. Hab sie nie gesehen. Sie mich auch nicht… Also gut, ihr beiden scheint´s ehrlich zu meinen. Ich helfe euch. Aber erstmal geh ich duschen. Ich will nicht wie ein Bauer daherkommen, wenn ich meiner Frau das erste Mal gegenübertrete.“, sprachs und verschwand ins Badezimmer.
Nach 45 Minuten kam Fabrini wieder in die Küche.
Der Anblick hätte Laura fast vom Stuhl gehauen. Fabrini trug jetzt einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und bordeauxroter Krawatte. Er war frisch rasiert und hatte sich die Haare mit Gel zurückgestylt. Er sah aus wie ein Model in einer Anzeige für italienische Herrenmaßanzüge.
Remy beäugte Laura eifersüchtig. So hatte sie ihn noch nie angesehen. So begierig.
Fabrini grinste und fragte: „Seh ich gut aus?“
Laura kriegte nur: „Woah…“ aus ihrem Mund.
Remy übersetzte: „Das heißt wohl ja. Pass auf, dass du den Küchentisch nicht vollsabberst, Laura.“
„Die bedachte Remy mit einem giftigen Blick.
„Ach, ich brauche noch Blumen…“ fiel Fabrini ein.
„Die besorgen wir unterwegs“, schlug Remy vor und das ungewöhnliche Trio verließ die Wohnung und stieg in die Stretchlimo.
Teil 15
Wider Erwarten hatten Laura, Remy und Fabrini keine Probleme, zum Paten vorgelassen zu werden. Sie warteten in seinem Büro auf ihn.
Schließlich betrat Buitoni den Raum in Pyjama und Morgenrock. Sein spärliches Haar war zerzaust. Er murmelte nun verschlafen: „Ich hoffe, das hier ist was Wichtiges. Ich mag es nicht, wenn man mich mitten in der Nacht aus dem Bett holt.“
Die drei erklärten ihm abwechselnd die Lage. Der Pate glaubte, schlecht zu träumen. Schlussendlich gelang es den dreien aber doch, ihn von den tatsächlichen Begebenheiten zu überzeugen.
„Nun gut“, meinte der Pate und bellte seine Bodyguards an: „Bringt Claudia her.“ Die zwei Gorillas eilten hinaus.
Der Pate wandte sich an Remy und Laura: „Wie ich sehe, handelt es sich hier wirklich nur um ein dummes Missverständnis. Daher will ich noch einmal gnädig sein. Euch passiert nichts. Das ist nicht so wie in den Filmen, wo die Mafiosi sich dauernd gegenseitig erschießen. Außerdem mag ich euch beide, auch wenn ihr keine Italiener seid. Aber dafür seid ihr mir einen Gefallen schuldig.“
Mittlerweile war Claudia angekommen. Fabrini stand schüchtern auf, hielt ihr grinsend einen Strauß roter Rosen (Remys Auswahl) hin und stellte sich vor. Dabei stotterte er wie ein kleiner Junge, der ein Gedicht auswendig aufsagen soll.
Claudia verstand die Welt nicht mehr. Sie sah zu Remy und fragte ihn enttäuscht: „Dann bist du nicht mein Mann?“
„Tut mir leid, aber… nein.“ antwortete Remy mit entschuldigendem Blick.
Traurig senkte Claudia den Kopf. Fabrini hielt eine Hand unter ihr Kinn und sah ihr verführerisch in die Augen. Da sprang der Funke über und die beiden küssten sich leidenschaftlich. Die Mafia-Braut hatte Remy nun komplett vergessen.
Auch der Pate freute sich über seinen neuen Schwiegersohn. Er fragte die beiden Detektive: „Wollt ihr nicht noch zum Essen bleiben? Es sind noch genug Spaghetti für alle da. Euphemia kocht immer für eine ganze Armee.“
Laura antwortete höflich: „Oh, wir danken Ihnen vielmals für die Einladung, aber… wir müssen jetzt gehen. Wir haben einen schweren Tag vor uns.“
„Ich verstehe“, erwiderte Buitoni, küsste Lauras Hand, kneifte Remy väterlich in die Wange, und meinte dann: „Möget ihr beiden auch zusammenfinden und so glücklich werden wie Claudia und Paul.“
„Danke“, entgegnete Laura erstaunt und sie verließ zusammen mit Remy die Villa.
Die beiden wurden von Buitonis Fahrer nach Hause gebracht, Laura in ihre Wohnung und Remy in seine.
Es sah nicht so aus, als ob der Schlusssatz des Paten sich jemals erfüllen würde.
© 05.08.2006 by MajorPetrofsky