STEELE IN THE SNOW

oder: Reise in den Wahnsinn

 

Teil 1

 

Laura war zu Hause und packte ihre Koffer. Remington hatte sie endlich dazu überreden können, mit ihm 2 Wochen in einer romantischen Hütte in den Bergen zu verbringen. Irgendwie freute Laura sich darauf, obwohl sie ein schlechtes Gewissen hatte. Es war ihr nicht leicht gefallen, die Agentur zu schließen. Aber, na gut, es sind ja nur 2 Wochen, hatte sie sich gesagt.

Remington holte sie ab. Er trug dicke Winterkleidung, Modell Eskimo. Laura musste lachen: „Was ist denn mit dir los? Wir fahren doch nicht nach Alaska.“ sagte sie.

„Du weißt schon, dass es in Aspen im Dezember schneit?!“ kam Remys Antwort.

„Das schon, aber wir sind immer noch in L.A.!“

„Ich… will eben auf alles vorbereitet sein.“

„Na, von mir aus. Ich bin fertig. Lass uns gehen!“

 

Teil 2

 

„Ich dachte, du hättest ein Auto gemietet und kein Schlumpfmobil“, warf Laura Remy auf dem Weg nach Aspen vor. Sie saßen zusammengedrängt in einem zitronengelben, japanischen Kleinwagen. „Tja, weißt du, Laura, das war der letzte Wagen, der zur Verfügung stand. Aber wir sind gleich da. Und außerdem verbringen wir unsere Ferien nicht im Auto, oder?!“ antwortete Remy mit einem vertrauensvollen Lächeln. „Du hast ja Recht. Tut mir Leid“, erwiderte Laura zerknirscht. „Nur, das hier ist unser erster gemeinsamer Urlaub, seit wir verheiratet sind. Und den will ich mir nicht von so was vermiesen lassen.“

„Schon gut. Ah, da wären wir.“, sagte Remy und hielt vor einer absolut zauberhaften Berghütte an.

Laura war überwältigt. Sie fühlte sich wie im Märchen. Das hier musste der romantischste Platz auf Erden sein. Sie war sprachlos.

„Na, gefällt´s dir?“ fragte Remy fröhlich.

„Ob´s mir gefällt? Es ist einfach himmlisch.“

„Warte, bis wir drinnen sind.“

Sie betraten die Hütte. Als Laura das rustikale Interieur sah, war sie sich sicher: Dies war der romantischste Ort auf der ganzen Welt!

Laura packte die Sachen aus. Remy war noch mal ins Dorf gefahren um das Abendessen zu besorgen. Er wollte sein Lieblingsgericht kochen: Ente in Rotwein.

Die beiden verbrachten einen wundervollen Abend. Remys Ente war vorzüglich gewesen und jetzt saßen die beiden am Kamin und tranken Wein.

„Ich hätte nie gedacht, dass wir irgendwann mal ungestört sein würden“, sagte Laura. Insgeheim wünschte sie sich nicht sehnlicher, als endlich mit ihrem Mr. Steele alleine zu sein. Und das hier wäre die perfekte Gelegenheit dazu gewesen, wenn…

ja, wenn nicht genau in diesem Moment die Tür aufgeflogen wäre und ein 58jähriger, grauhaariger, schwergewichtiger Trampel reingeplatzt wäre. Mit den Worten: „Hi, Leute, schön, euch kennen zu lernen. Mein Name ist Al, ich bin euer Nachbar“, ließ er sich auf die Couch plumpsen. „Oh, toll, ihr habt Popcorn hier!“

„Bedienen Sie sich!“ murrte Remy.

„Unser Nachbar?“ fragte Laura verwirrt.

„Jep, ich wohne in der Hütte 5km weiter oben von hier. Sagt bloß nicht, ihr hättet die nicht gesehen.“

Bevor die beiden antworten konnten, stand Al auf und ging zur Tür. „Ich mach mich jetzt mal vom Acker. Ach ja, bunkert genug Feuerholz. Die Nacht soll echt saukalt werden.“

Remy betrachtete die Popcorntüte, die Al noch immer in der Hand hielt. „Ach, ihr habt doch nichts dagegen, wenn ich das hier mitnehme?“ fragte Al gutgelaunt. Er wartete jedoch keine Antwort ab, sondern verschwand, ohne sich zu verabschieden.

„Ach, du grüne Neune! Das kann doch nicht wahr sein“, ärgerte sich Laura. „Der wird doch hoffentlich nicht jeden Tag hier reinplatzen.“

„Nicht aufregen, Laura, ich denke schon über eine Lösung dieses Problems nach.“

„Weißt du was? Der Abend ist im Eimer. Lass uns zu Bett gehen. Ich bin sowieso müde.“

„Ja, gut. Morgen ist ein neuer Tag.“ meinte Remy aufmunternd.

 

Teil 3

 

Am nächsten Morgen wollte Remy runter ins Dorf, um frische Brötchen und Kaffee zu holen. Voller Tatendrang stieg er ins Auto und drehte den Zündschlüssel um. Ein leises Stottern und der Motor gab seinen Geist auf. Na großartig, also kein Frühstück, dachte Remy nicht sehr erfreut.

Als er wieder ins Haus ging, war Laura mittlerweile aufgestanden. „Tja, sorry, Laura, aber aus dem Frühstück wird nichts.“, verkündete Remy. „Das Schlumpf… ähm… das Auto hat ´ne Panne.“

„Macht nichts, ich hab doch dich. Da brauch ich kein Frühstück.“ Laura schien sehr optimistisch. „Ha, hier ist noch Knäckebrot. Und wir haben genug Konserven. Siehst du, wir verhungern schon nicht.“, munterte sie ihn auf.

Am Nachmittag unternahmen sie eine Wanderung durch den Wald. Wie friedlich war es doch hier! Kein Verbrechen, kein Lärm… Doch was war das? Ein lautes Motorengeräusch. Al kam auf einem Schneemobil herangerauscht. „Ah, da seid ihr ja, ihr beiden.“, begrüßte er sie freundlich. „Ich hab euch schon gesucht. Ich wollte euch noch Bescheid sagen, wenn ihr was braucht, ihr könnt immer zu mir kommen. Tag und Nacht.“

„Ja, vielen Dank, Al. Wir wissen das sehr zu schätzen.“, entgegnete Remy höflich, aber kalt. Nicht mal mehr im Wald hatte man seine Ruhe. Aber wenigstens gab es hier keinen Mord aufzuklären. Und wenn, wüsste Remy, wer der Mörder war: Er selbst, der diese ekelhafte Nervensäge Al erwürgt hatte.

Lauras Stimme riss ihn aus seinen Gedanken: „Was hast du? Du guckst so komisch.“

„Hm? Ich? Och, nichts! Ich hab nur ein bisschen nachgedacht. Komm, es wird langsam dunkel. Wir gehen besser weiter.“

„Okie, dokie, Nachbar!“ brüllte Al und brauste auf seinem Schneemobil davon.

Der Abend lief ereignislos. Remy war stocksauer wegen diesem Penner und sprach kaum ein Wort. Stattdessen sah er sich „Charade“ auf TCM an. Laura, die keinen Bezug zu Filmen hatte, verschwand ins Bett. Remy schlief auf der Couch ein.

 

Teil 4

 

Über Nacht waren 60cm Neuschnee gefallen.

„Na großartig, jetzt sind wir auch noch eingeschneit“, brummelte Laura.

„Kein Problem, dann machen wir uns einen schönen, gemütlichen Tag hier in der Hütte.“, meinte Remy optimistisch. „Ich schaufel trotzdem lieber mal den Eingang frei“, beschloss er und schnappte sich die Schneeschaufel.

Er war kaum 5 Minuten zu Gange, als eine ihm leider bekannte Stimme rief: „Yo, Nachbar! Auch beim Schaufeln, was?“

„Ja!“, schnauzte Remy.

„Jep, das bleibt keinem erspart. Ach, an Ihrer Stelle würde ich unbedingt das Dach freischaufeln. Könnte sein, dass es sonst einstürzt.“, schlug Al fröhlich vor.

„Ja, danke auch, Al. Werd ich machen!“

„OK, see you later, Alligator!“

„Alles klar!“ antwortete Remy und machte dieses schnalzende Geräusch mit den Zähnen. Er dachte nur noch: „Das Dach freischaufeln. Ts. Der Typ spinnt doch.“

Als er wieder weiterschaufeln wollte, rutschte er aus und fiel auf den Hintern. „Aaaah, verdammt!“ entfuhr es ihm. Laura, die ihn vom Fenster aus beobachtet hatte, bekam daraufhin einen zweistündigen Lachkrampf.

„Ja, ja. Ist ja nicht dein Hintern, der weh tut“, motzte Remy, als er in die Hütte humpelte.

„Tut mir Leid!“, prustete Laura. „Das sah bloß urkomisch aus.“

Das besserte Remys Laune auch nicht. Er legte die Schaufel wieder an ihren Platz, zog seine Jacke aus und verbrachte den Rest des Tages im Bett. Laura traute sich an diesem Tag nicht mehr zu ihm. Also verbrachte sie die Nacht auf der Couch.

 

Teil 5

 

Am nächsten Morgen wachte Laura fröstelnd auf. „Warum ist es hier nur so eisig?“ wunderte sie sich. Sie überprüfte die Heizung. Die war eiskalt! „Oh, nein! Nicht das auch noch! Und wir haben kein Feuerholz mehr.“, seufzte sie und ging ins Schlafzimmer.

„Remy, wach auf!“ brüllte sie.

„Ööömmmpf!“ entgegnete dieser verschlafen.

„Die Heizung ist kaputt.“ sagte Laura.

„Auch gut“, murmelte er.

„Was sollen wir denn jetzt tun? Wir haben auch kein Holz mehr für den Kamin.“, bettelte Laura.

„Dann komm eben mit unter die Decke“, schlug Remy vor.

„Hast du sie noch alle?“ brauste Laura auf. „Wir sitzen hier, eingeschneit in einer einsamen Berghütte, weitab der Zivilisation. Das Auto springt nicht mehr an, unsere Lebensmittel werden knapp und wir sind dem Erfrierungstod nahe. Und das Einzige, was der feine Herr zu unternehmen gedenkt, ist zu schlafen.“ schrie sie sauer.

„Was soll ich denn deiner Meinung nach sonst tun, hä? Der Strom ist nämlich auch ausgefallen, falls du´s noch nicht bemerkt haben solltest. Ich kann nicht mal mehr fernsehen. Und dabei läuft heute „His Girl Friday“ mit Cary Grant und Rosalind Russell, Paramount, 1942.“

„Oooch, kannst du nicht endlich mit diesen alten Schinken aufhören? Dauernd hör ich was von Cary Grant hier und Humphrey Bogart da. Mir reicht´s! Ich geh zu Al und frag ihn um Hilfe!“

„Ah, ja, Al! Du hast dich doch in den verknallt, direkt in dem Moment, als er zum ersten Mal hier reinspaziert ist.“

„Wie bitte?! Hast du einen an der Waffel?“

Der Ton, den beide anschlugen, wurde merklich lauter.

„Jetzt ist das Maß endgültig voll!“, schrie Laura. „Ich frag Al, ob er mich zum Flughafen bringt. Ich geh wieder nach L.A. Ohne dich!“

„Gut! Tu das! Ich lauf dir nicht mehr hinterher. Dann kannst du deine Detektei gleich schliessen. Denn ohne deinen Remington Steele läuft nichts mehr.“

Noch bevor Laura darauf antworten konnte, stürzte das Dach mit einem gewaltigen Krachen ein und hüllte alles in eine riesengroße Staubwolke.

 

Teil 6

 

Remy wachte in einem kahlen, weiß angestrichenen Raum auf. An seinem Bett saß eine junge Frau mit langen, braunen Haaren und kastanienbraunen Augen. Er hatte nicht den leisesten Schimmer, wer sie war, aber sie gefiel ihm. Sie war hübsch. Sie sah ein bisschen aus wie Audrey Hepburn.

„Oh, Remy! Gott sei Dank bist du wieder wach!“ schluchzte sie und fiel ihm um den Hals. Ihr lief eine Träne über die Wange. Sie schien nett zu sein, fand Remy. Und sie schien sich große Sorgen um ihn zu machen. Er fand das sehr rührend. Sie tat ihm sogar ein bisschen Leid.

„Aber wie hat sie mich genannt?“ überlegte er. „Remy? Was für ein dämlicher Name! Heiße ich wirklich so? Vielleicht verwechselt sie mich auch nur. Das wäre schade. Aus uns beiden hätte eventuell noch was werden können.“

Da riss sie ihn aus seinen Gedanken: „Al hat uns hergebracht, obschon du ihn mit der Schneeschaufel erschlagen wolltest. Da hat er dir eins übergebraten. Wir haben dich vorsichtshalber in die Irrenanstalt verfrachtet. Sorry, aber du warst echt wild und du hattest so einen furchteinflößenden, verrückten Killerblick in deinen Augen. Und die Pfleger hier haben dich sicherheitshalber ans Bett angebunden, damit du die Krankenschwestern nicht noch grün und blau prügelst. Ich hol dich hier so schnell wie möglich raus, ja? Und dann fliegen wir wieder nach L.A. Und wir machen nie wieder einen Skiurlaub.“ Sie lächelte ihn an und drückte seine Hand.

Er sah sie mit einem verträumten, schwärmerischen Grinsen an. Er hatte nicht richtig zugehört. Diese Fremde schien wirklich nett zu sein. Doch, schon. Er müsste sie eigentlich heiraten.

Laura stand auf: „Ich muss jetzt gehen. Aber ich komme dich morgen wieder besuchen.“

Morgen. Ja, morgen würde er sie fragen, ob sie ihn heiraten will.

 

 

© 21.03.2006 by MajorPetrofsky

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