Das Programm von Serbestiye
Vorbemerkung
Die Heimat von uns Zaza-Kırmanc befindet sich unter der Herrschaft der Türken. Die Existenz unserer Identität, Sprache und Kultur ist akut bedroht. Wir patriotischen Zaza-Kırmanc, schlossen uns daher zusammen, um dem entgegen zu wirken. Zu diesem Zweck gründeten wir die Liga für die Freiheit der Zaza-Kırmanc-Dımıli.
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Die Liga für die Freiheit der Zaza-Kırmanc-Dımıli kämpft für die Freiheit unseres Volkes und für die Befreiung unserer Heimat von der Fremdherrschaft, und strebt ein demokratisches und pluralistisches System an.
Serbestiye ist ein demokratischer und patriotischer Zusammenschluß. Unsere Liga verteidigt die von unserem Volk bereits geleisteten Kämpfe für Freiheit und Demokratie.
Das dezentrale Prinzip bildet die Grundlage unserer Aktivität.
Der Beitritt in die Liga und der Austritt aus dieser ist freiwillig. In der Liga erfüllt man nur das, was man selbst befürwortet. Die Gewissens- und die Meinungsfreiheit ist die Arbeitsgrundlage. Wir glauben, daß man nicht mit Zwang und Befehl, sondern durch Freiwilligkeit mehr Leistung erbringen kann. Bei uns ist eine absolute Einheitlichkeit der Meinung keine Vorbedingung. Jeder ist in seiner Meinung frei. Im Gesellschaftsleben existiert nicht nur eine einzige Wahrheit.
Wir wollen weder die Vorherrschaft des türkischen Staates, noch eine neue. Wir wollen mit unseren Nachbarvölkern nebeneinander in Gleichstellung, Frieden und Demokratie leben. Dies kann in Form einer Autonomie, einer Föderation oder sogar in einer Konföderation realisiert werden. Wenn unsere Nachbarn jedoch damit nicht einverstanden sind, so werden wir uns um eine Organisationsform bemühen, unsere Angelegenheiten zu verwalten.
Serbestiye arbeitet mit denjenigen Organisationen zusammen, die für die Freiheit ihres Volkes kämpfen, für die Gleichheit und gegen die Fremdherrschaft eintreten, und unsere Identität, und unser Recht respektieren; Serbestiye betrachtet die Kräfte der Freiheit und Demokratie in der Türkei und in Kurdistan als Freunde.
Unser Volk ist eins der ältesten Völker auf dem Territorium Anatoliens, Mesopotamiens und Irans. Unser Volk erlebte viele Überfälle, Unterdrückungen und Genozide; dennoch konnte es bis heute mit einer Bevölkerungszahl von mehr als 5 Millionen weiterbestehen. Unsere Vorfahren bewahrten unsere Identität, Sprache und Kultur bis zum heutigen Tag.
Im 16. Jahrhundert paktierten die Osmanischen Türken mit den kurdischen Herrschern, umzingelten gemeinsam unser Land und unterwarfen unser Volk schrittweise. Aber unser Volk setzte sich ständig gegen die Unterdrückung dieser Tyrannen und verteidigte die Freiheit Dersims bis 1938.
Als die Osmanischen Türken den Ersten Weltkrieg verloren, erhoben sich die unterdrückten Völker und wollten ihre Freiheit. Die Zaza-Kırmanc, die Armenier, die Griechen und die Kurden kämpften für ihre nationale Freiheit.
Zuerst wurden die Armenier massakriert und die Überlebenden aus ihrer Heimat vertrieben. Bei dem Völkermord an Armeniern wurden die Kurden zu Handlangern der Türken, sie vernichteten die Armenier gemeinsam; aber unser Volk schützte die Armenier im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Auch zahlreiche Griechen wurden durch die Türken massakriert, und die Überlebenden wurden aus ihrer Heimat vertrieben.
Unser Volk erhob sich 1920-21 in Koçkiri für seine Freiheit, kämpfte gegen die Kemalisten und forderte die Unabhängigkeit der Kırmanc (Zaza). Als dies mit einer Niederlage endete, richtete der türkische Staat ein Blutbad unter unserem Volk aus; Alişer und seine Mitkämpfer mußten sich nach Dersim zurückziehen.
1925 erhoben sich die Zaza unter Führung von Scheich Sait und forderten ihre Rechte. Der türkische Staat massakrierte unser Volk auch dort: Hêni, Piran, Palu, Çewlig (Bingöl) und Xarpêt (Elazığ) wurden zerstört, die Dörfer in Brand gesetzt und die Bevölkerung verbannt worden. Scheich Sait und seine Weggefähten wurden in Diyarbekir erhängt.
Danach kam Dersim an die Reihe. Das türkische Militär überfiel 1926 das westliche Dersim und 1930 Pılemuriye (Pülümür). Unser Volk warf das türkische Militär zurück. Denn auch dieses Mal konnte das türkische Militär unser Volk nicht unterwerfen.
Danach traf der türkische Staat hinterlistige Vorbereitungen, erließ 1935 die sogenannten 'Tunceli Gesetze' und Mamekiye wurde zu 'Tunceli' ('Eiserne Hand') umbenannt. 1937 überfiel das Militär Dersim aus allen Richtungen und schlachtete Groß und Klein. Sie setzten unsere Dörfer und Wälder in Brand. Seyid Rıza und führende Persönlichkeiten Dersims wurden in Xarpêt (Elazıú) erhängt; nahezu 70 000 Menschen wurden ermordet. So wurde der Völkermord am Volk der Kırmanc (Zaza) 1938 begangen. Die Überlebenden wurden nach allen Seiten der Türkei verbannt. Dennoch hielten sich viele Widerstandskämpfer der Kırmanc bis 1945 in den Bergen auf.
Danach betrieb der türkische Staat mit allen Mitteln die Assimilation unseres Volkes. Es entstand eine tiefe Stille. Nach 1960 erholte sich unser Volk davon und nahm seinen Platz bei den türkischen und kurdischen Linken. Aber die türkischen Linken und die kurdischen Bewegungen wollten uns in ihren Reihen assimilieren und bevormunden.
Nach 1980 wurde diese Gefahr von unserer patriotischen Intelligenz erkannt; sie verteidigte unsere Identität und förderte die Pflege unserer Sprache und Kultur. Die Liga für die Freiheit der Zaza-Kırmanc-Dımıli ist ein Resultat dieser Aktivität.
Das Zaza-Kırmanc-Land ist hinsichtlich der ethnischen Identität sehr bunt. In unserer Gesellschaft ist die ethnische Selbstbezeichnung regionalbedingt unterschiedlich: manche nennen sich Kırmanc, manch Zaza, manche Dımıli, andere wiederum sagen von sich 'Wir' (Ma); alle diese Volksnamen sind unsere Ethnika, die wir akzeptieren. Unsere Bevölkerung in Dersim nennt sich Kırmanc, seine Sprache Kırmancki, sein Territorium Kırmanciye, seine Religion Yitıqatê Kırmanciye 'das Glauben der Kırmanc'. Manche bezeichnen sich Elawi, ihre Sprache Zonê Ma 'unsere Sprache', ihr Territorium Welatê Ma 'unser Land'.
Ein Teil unserer moslemischen Bevölkerung nennt sich Dımıli, ein anderer Teil Zaza, ihre Sprache Dımılki oder Zazaki, ihre Heimat Welatê Ma 'unsere Heimat'. Diejenigen, welche sich Dımıli bezeichnen, akzeptieren auch das Ethnikon Zaza und den Sprachnamen Zazaki.
Unser Volk nennt unsere ganze Heimat das Zaza-Kırmanc-Land (Welatê Kırmanc-Zazay). Serbestiye respektiert diejenige ethnische Benennung, mit der sich unser Volk identifiziert und will nicht den Verlust dieser Bereicherung.
Innerhalb unseres Heimatlandes wird außer unserer Sprache auch Kurdisch und Türkisch gesprochen; einst wurde hier auch Armenisch gesprochen. Unser Land ist auch für diejenigen eine Heimat, die eine andere Sprache sprechen und hier weiterleben wollen. Wir lehnen es jedoch ab, wenn unsere Bevölkerung aus ihrem Heimatort vertrieben und hier durch fremde Siedler ersetzt wird.
Aus unserem Heimatland emigrierte ein Teil der Bevölkerung für die Arbeit in fremde Länder; ein anderer Teil wurde gewaltsam verbannt; manche wiederum mußten ihre Heimat vor Krieg verlassen. Heutzutage befindet sich ein beträchtlicher Teil unserer Bevölkerung in der Westtürkei. Wo sich unsere Bevölkerung auch befinden mag, wir werden uns für sie einsetzen.
Wir wollen, daß unser Volk souverän wird und sich selbständig regiert. Solche Verträge, die von Fremden im Namen unseres Volkes, und ohne unsere Einwilligung geschlossen sind, betrachten wir für nichtig und lehnen sie ab.
Wer in unserem Heimatland, gleichgültig, aus welcher Schicht stammend, sich gegen die Fremdherrschaft stellt, so erklären wir unsere Bereitschaft, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Wir akzeptieren keine Gewalt. Wir führen unsere Arbeit gewaltlos und friedlich durch. Wir verzichten jedoch nicht auf unsere Selbstverteidigung. Wir arbeiten mit unserer Bevölkerung gemeinsam und nicht getrennt oder heimlich.
Wir werden unsere Zukunft aus der Gegenwart gestalten und den Trümmerhaufen durch Neuartiges ersetzen.
Wir wollen ein System mit pluralistischer und parlamentarischer Demokratie. Die Grundlage unseres politischen Systems soll die Rechtstaatlichkeit sein. Wir wollen keine absolute Einheitlichkeit in Religion, Ideologie, Partei und Politik. Denn dies ist ja auch unrealistisch und gibt es nicht; in wessen Namen auch immer, wir lehnen jede Art von Diktatur ab. In unserem Heimatland soll die Regierung durch Wahl bestimmt werden. Wir wollen eine dezentrale Regierungs- und Verwaltungsform in unserem Heimatland.
Dort, wo es Besonderheiten der Sprache und Kultur existieren, sollte eine autonome Verwaltung eingerichtet werden.
Wir wollen eine laizistische Gesellschaft. Die Religion ist die Privatangelegenheit des Individuums.
Wir lehnen den Militarismus ab. Aber wir müssen die Verteidigung unseres Volkes und unserer Heimat durch eine geeignete Weise sicherstellen.
Wir wollen die Gleichstellung aller Sprachen; jeder sollte hinsichtlich seines Sprachgebrauchs frei sein. Wir haben die Pflicht, die Fortentwicklung unserer Sprache und Kultur voranzutreiben.
Wir wollen eine soziale Gesellschaft. Diese Gesellschaft muß die Schulbildung, die Lehre, die Gesundheit und die Arbeit jeden Bürgers sicherstellen.
Wir befürworten die Gleichstellung von Mann und Frau, die Achtung der Kinderrechte und die Einhaltung der Menschenrechte.
Der Schutz von Tier und Natur muß eingehalten werden.
Wir wollen, daß unsere Gesellschaft für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommt. Diejenige Art der Industrie und Technologie, welche der Natur Schaden zufügt, lehnen wir ab. Wir wollen die Dörfer bewahren und pflegen. Eine Fortsetzung der Großstadterweiterung lehnen wir ab.
Schlußbemerkung
Unsere Ziele sind oben zum Ausdruck gebracht worden. Damit setzen wir alle Zaza-Kırmanc in Kenntnis. Die Entscheidung muß jeder für sich selbst treffen, wie er sein Leben fortsetzen möchte.