Emanzipationskampf

Rudi Dutschke

Die geschichtlidien Bedingungen f�r den internationalen Emanzipationskampf

Jede radikale Opposition gegen das bestehende System, das uns mit allen Mitteln daran hindern will, Verh�ltnisse einzuf�hren, unter denen die Menschen ein sch�pferisches Leben ohne Krieg, Hunger und repressiver Arbeit f�hren k�nnen, mu� heute notwendigerweise global sein. Die Globalisierung der revolution�ren Kr�fte ist die wichtigste Aufgabe der ganzen historischen Periode, in der wir heute leben und an der menschlichen Emanzipation arbeiten.

Die Unterprivilegierten in der ganzen Welt stellen die realgeschichtliche Massenbasis der Befreiungsbewegungen dar, darin allein liegt der subversiv-sprengende Charakter der internationalen Revolution.

Die Dritte Welt als die Gesamtheit der unter dem Terrorismus des von den �giant-corporations� bestimmten Weltmarktmechanisrnus leidenden V�lker, deren Entwicklung vom Imperialismus verhindert wurde, hat in den vierziger Jahren mit diesem Kampf begonnen, schon ganz unter dem Eindruck und der Erfahrung der ersten �verratenen� (Trotzki) �proletarischen Revolution� in der Sowjetunion. Entscheidender Unterschied: die Massenhaftigkeit und die Dauer des revolution�ren Prozesses, der auch in der Theorie schon als ein permanenter begriffen wurde.

Eine neue Etappe begann in den sechziger Jahren mit den revolution�ren Umw�lzungen in Algerien, Kuba und dem ununterbrochenen Kampf der s�dvietnamesischen Befreiungsfront gegen die Diem-Diktatur.

Erst der letzere erhielt weitgeschichtliche Bedeutung f�r die Oppositionsbewegung in der ganzen Welt. Die Aggression der Vereinigten Staaten von Nordamerika war un�bersehbar. Sie geschah zu einem Zeitpunkt in brutaloffener Form, als die vielf�ltigsten Mechanismen der Einflu�nahme nicht mehr ausreichten, um den Sieg der revolution�ren Befreiungskr�fte in S�d-Vietnam zu verhindern. Das historische Pech der amerikanischen Machtelite, genauer des US-Imperialismus, bestand nun gerade darin, da� er seine einzige Legitimationsbasis, die antikommunistische Ideologie abbauen mu�te, um die Niederschlagung der sozial-revolution�ren Befreiungsbewegungen �berhaupt noch unter antikommunistischer Fahne zu erm�glichen. Dieser scheinbare Widerspruch l�st sich auf, wenn wir begreifen, da� die Anerkennung der Koexistenz-Ideologie der Sowjetunion durch den Imperialismus geschah, um wenigstens in Mittel- und Westeuropa eine ruhige Zone des Systems zu stabilisieren, um einen freien R�cken f�r die kurzfristige und effektive Zerschlagung der revolution�ren Bewegungen der Dritten Welt zu erhalten. Die historische Schuld der Sowjetunion besteht in dem v�lligen Versagen, diese Strategie des Imperialismus tief zu begreifen und subversiv-revolution�r zu beantworten.

Die sich von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr steigernde Aggression des US-Imperialismus in Vietnam materialisierte sich in den hochentwickelten kapitalistischen L�ndern als �abstrakte Gegenwart der Dritten Welt in den Metropolen� (0. Negt), als geistige Produktivkraft im Bewu�twerdungspro ze� �ber die Antinomien der heutigen Welt.

Als Vietnam f�r uns Mitte der sechziger Jahre in Referaten, Diskussionen, Filmen und Demonstrationen lebendig wurde, konnten wir revolution�ren Sozialisten unsere Schuldgef�hle �ber die Existenz der Mauer und des Stali- nismus in der DDR gewisserma�en historisch sublimieren, indem wir die spezifische Differenz zwischen der Machtergreifung mit Gewalt, aber ohne Revo- lutionierung der Massen, und der Vermassung der Idee der sozialen Befreiung im Proze� der Revolution in Vietnam zum Beispiel ausbreiteten. Nun stellte aber Vietnam a priori mehr als ein Kompensationsmittel oder einen Aufh�nger f�r die Aktivit�ten der linken Studentenschaft dar. Die weltgeschichtliche Bedeutung des Kampfes des vietnamesischen Volkes, die exemplarische Bedeutung dieser Auseinandersetzung f�r die folgenden K�mpfe gegen den Imperialismus standen schon sehr fr�h im Mittelpunkt der Vietnam-Diskussionen. Da� aber dieser entscheidende Aspekt ins studentische Bewu�tsein so schnell eindringen konnte, scheint uns seine materialistische Begr�ndung in dem spezifischen Produktionsverh�ltnis der studentischen Produzenten zu haben. Wir haben als Studenten - wenn auch von Fakult�t zu Fakult�t verschieden - innerhalb der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion soziologisch eine Zwischenlage. Auf der einen Seite sind wir eine geistig und ausbildungsm��ig privilegierte Fraktion des Volkes, aktuell bedeutet dieses Privileg im Grunde aber nur Frustration. Frustration darum, weil der sich ausbildende Student, besonders der politisch engagierte, tagt�glich den Idiotismus der Politikaster-Cliquen der irrationalen Autorit�ten kritisch und manchmal auch sinnlich miterlebt. Hinzu kommt, da� diese antiautorit�ren Studenten noch keine materiell gesicherten Positionen der Gesellschaft �bernommen haben, sie von Machtinteresse und Machtpositionen noda relativ weit entfernt sind. Diese tempor�re Subversiv-Stellung der Studenten bringt eine dialektische Identit�t der unmittelbaren und historischen Interessen der Produzenten �berhaupt hervor. Die vitalen Bed�rfnisse und Interessen nach Frieden, Gerechtigkeit und Emanzipation k�nnen sich daher in diesen soziologischen Positionen am ehesten materialisieren. Wirkliche Virulenz entfalteten sie aber erst, als sie durch den antiautorit�ren Kampf im eigenen Institutionsmilieu Universit�t gegen die dortige B�rokratie sich politisierten, entschlossener in der politischen Auseinandersetzung um ihre Interessen und Bed�rfnisse k�mpften. Die unmittelbare Beziehung des studentischen Produzenten zu seinem Ausbildungsmi heu darf nicht vergessen werden. Seine Lemsituation an der Universit�t ist bestimmt von der Diktatur der inflation�r ansteigenden Pr�fungen und von der Diktatur der Ordinarien. Die Professoren wiederum sind Diener des Staates. Die heutige Verstaatlichung der ganzen Gesellschaft bildet die Basis f�r ein Verst�ndnis des antistaatlichen und antimstitutionellen Kampfes der radikalen au�erparlamentarischen Opposition.

Dadurch verlor Vietnam viel von seiner scheinbaren Abstraktheit. Die produktive Vermittlung der unmittelbaren und der historisch-emanzipatorischen Interessen der antiautorit�ren Studenten kann nur in der Auseinandersetzung, im politischen Kampf geschehen. Die Restriktionspolitik der universit�ren B�rokratie, die brutalen Eins�tze der West-Berliner B�rgerkriegsarmee bei den verschiedenen Demonstrationen, die langandauernde permanente Aufkl�rung �ber die gesellschaftlichen Widerspr�che und die systematisch die Spielregeln der b�rgerlichen Gesellschaft Aktionsformen und der dabei stattfindende Lernproze� schufen die antiautorit�re Einstellung, eine noch die Re- volution und die Erziehung und Selbsterziehung der Menschen in diese Richtung verdr�ngende Haltung. So wurde uns durch die Herrschenden selber das antiautorit�re Verhalten eingebleut. Unsere Opposition ist nun aber nicht gegen einige kleine Fehler des Systems, sie ist vielmehr eine totale, die sich gegen die ganze bisherige Lebensweise des autorit�ren Staates richtet.

Der �anonyme Terrorismus� der staatlich-gesellschaftlichen Gewaltmaschinene ist in allen Institutionen allgegenw�rtig, er besitzt aber �keine andere reale Macht, au�er der Regierungsmaschine� (Marx). Das Neue unserer Situation besteht nun darin, da� wir diese Ordnung nicht mehr als unbestreitbare und unumstrittene Notwendigkeit hinnehmen, der Staat seinen scheinbaren Anschein von Unparteilichkeit immer deutlicher verliert, sich immer klarer als �abscheuliche Maschine der Klassenherrschaft� (Marx) zeigt.

Die Bundesrepublik am Ende des sogenannten Wirtschaftswunders, das hei�t nach der vollen Aussch�pfung der vorhandenen quantitativen und qualitativen Arbeitskr�fte- und Berufsstruktur, zeichnet sich dadurch aus, da� die hohen unproduktiven Staatsausgaben, die Subventionen etc., die die sich etablierende Staatsmaschine im Laufe der Prosperit�tsperiode an die Vertreter der Interessentenb�rse relativ leicht geben konnte, am Ende der Rekonstruktionsperiode des westdeutschen Kapitalismus pl�tzlich als zus�tzliche, zumeist unproduktive Ausgaben, als f�r die Weiterentwicklung der �konomie gef�hrliche Totgewichte, als faux frais der kapitalistischen Produktion erscheinen.

Die Milliarden unrentabler Investitionen in die Ausbildungssph�re (Bau neuer Universit�ten, Schulen, Berufsschulen, Ingenieurschulen etc.), die f�r die Schaffung einer qualitativ und quantitativ neuen Berufs- und Ausbildungsstruktur n�tig w�ren, sind in der jetzigen Phase des westdeutschen Kapitalismus nicht ohne inflation�re Versch�rfung disponibel. Hinzu kommt die Tatsache, da� die widerspr�chliche Einheit des Gesamtapparats von Oligopolen, staatlich-gesellschaftlicher B�rokratie, Parteien, Interessenverb�nden usw. durch keinen beherrschenden Willen wirklich gesamtgesellschaftlich geleitet wird.

Die Existenz stagnierender, akkumulationsunf�higer Produktionszweige (Bergbau, Landwirtschaft zum Beispiel), die �auf Kr�cken gehend� subventioniert werden m�ssen, und der unterentwickelte Status der entscheidenden Tr�ger des Akkumulationsprozesses in den siebziger Jahren, der historisch neuen Industriezweige Elektronik, Weltraumforschung, Flugzeugbau, Atomenergie etc. deuten auf eine langfristige Stagnationsperiode des westdeutschen Kapitalismus hin.

Die Einsch�tzung der sozial-�konomischen Situation der BRD und West-Berlins bildet die Voraussetzung f�r eine politisch-strategische Diskussion �ber den Proze� der bundesrepublikanischen Umw�lzung im Kontext der internationalen Auseinandersetzung zwischen Revolution und Konterrevolution.

Die Gro�e Koalition als der letzte verzweifelte Versuch der herrschenden Oligarchien, die strukturellen Schwierigkeiten des Systems zu l�sen, st��t immer deuflicher auf objektive Schranken in ihrer Arbeit, mu� die Strukturkrise subventionistisch verschleppen (5. Subventionsbericht), bereitet damit in einem langfristigen Sinne tiefere Widerspr�che vor. Wir k�nnen sie begreifen als die neue Ordnungspartei, deren direktes Gesch�ft es ist, die lohnabh�ngigen Massen in Unm�ndigkeit zu halten, auf sie die Kosten der Strukturkrise abzuw�lzen. Marx spricht in den gro�artigen Entw�rfen zum B�rgerkrieg in Frankreich von den Aufgaben einer solchen Form der Klassenherrschaft, da� �ihr einziger raison d'etre� die Verhinderung der �Emanzipation der produzierenden Massen� w�re. F�r ihn ist diese Form die �abscheulichste aller politischen Regimes�. In ihr vereinigen sich zum Zwecke der gemeinsamen Niederhaltung der Massen heute alle Fraktionen des Gesamtapparats, die ehemaligen Faschisten und bestimmte Sorten von Widerstandsk�mpfern, die staatlich-gesellschaftliche B�rokratie, umarmen sich die liberale Bourgeoisie, die Vertreter der Monopole, die Arbeiterverr�ter aus den Gewerkschaften, die Sickert und Co., richten sich die Manipulationszentren, die Augstein und Springer ein. Zusammen bilden sie die anonyme Aktienkompanie, den subtilen und - wenn n�tig - manifesten Terrorismus der Klassenheirschaft des Sp�tkapitalismus. Die verschiedenen Fraktionen des Apparats, der Regierungsmaschine, feiern in der Gro�en Koalition eine Orgie des Renegatentunis Sogenannte Widerstandsk�mpfer wie Gerstenmaier, ehemalige Vertreter der verschiedenen Arbeiterparteien wie Brandt (SAPD), Wehner (KPD), zynisch gewordene Sozialdemokraten und Ex-Nazis wie Kiesinger & Co steigen in das gemeinsame Bett, bis die bewu�tgewordenen Massen sie f�r immer vertreiben werden.

Die historische Aufgabe des Sp�tkapitalismus ist es, die Massen in ein funktional im Interesse der Herrschenden reagierendes Kollektiv zu verwandeln, sie jederzeit f�r milit�rische und zivile Zwecke verwertbar und einsetzbar zu halten. Gerade diese entscheidende Aufgabe kann er in der BRD immer weniger erf�llen. Die kulturrevolution�re �bergangsperiode, die sp�testens seit dem 2. Juni 1967 relevante Schichten innerhalb und auch au�erhalb der Universit�t mobilisierte, ist noch lange nicht abgeschlossen, k�nnte nur noch durch massiven und brutalen Einsatz aller Repressionsmittel beendet werden.

Die herrschende Klasse hat sich sehr stark gewandelt. Sie ist l�ngst nicht mehr identisch mit den nominellen Eigent�mern der Produktionsmittel. Schon Marx (5. o.) hatte die Heraufkunft einer neuen �Klasse� der �industriellen B�rokratie� analytisch in Ans�tzen gesehen. Diese beseitigt nicht den Grundwiderspruch der b�rgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, treibt ihn vielmehr auf die Spitze, leitet die letzte Phase der b�rgerlichen Gesellschaft ein. In ihr sind alle Kapitalfunktionen �vergesellschaftet� worden, an bestimmte Gruppen und Institutionen delegiert: �Je mehr eine herrschende Klasse f�hig ist, die bedeutendsten M�nner der beherrschten Klassen in sich aufzunehmen, desto solider und gef�hrlicher ist ihre Herrschaft� (Karl Marx: Das Kapital, Bd. 3, S.649). Die Entwicklung ist �ber diese Phase hinweggegangen, hat die repressive Vergesellschaftung des Kapitals vervollst�ndigt. Darin liegt die St�rke und Schw�che des sp�tkapitalistischen Systems. Sie l��t in der Tat keine Gruppen au�erhalb des repressiven Gesamtzusammenhanges, versucht alle zu beherrschen durch ein �System von Konzessionen im kapitalistischen Rahmen� (Sering). Dieser strukturelle Rahmen wird durch den �stummen Zwang der Verh�ltnisse�, durch die verinnerlichten Normen und Ideen der b�rgerlich-kapitalistischen Gesellschaft gew�hrleistet. Sprengt nun aber eine gesellschaftlich relevante Fraktion der Unterprivilegierten au�erhalb der �Interessentenb�rse�, an der das Sozialprodukt politisch �verteilt� wird, diese �selbstverst�ndliche Beschr�nkung der Interessen und Bed�rfnisse auf den herrschenden Rahmen�, so wird das ganze System in Frage gestellt: �So kann das Durchbrechen des falschen Bewu�tseins den archimedischen Punkt liefern f�r eine umfassendere Emanzipation - an einer allerdings unendlich kleinen Stelle, aber von der Erweiterung solcher kleinen Stellen h�ngt die Chance einer �nderung ab� (Herbert Marcuse: , Frankfurt a. M. 1966, S.122).

Gerade diese Durchbrechung des falschen Bewu�tseins haben wir begonnen. Die Kontrolle und Verwaltung der Individuen durch das System wird durch unsere politische Arbeit, durch unsere Aufkl�rung, durch unsere Provokationen und Massenaktionen strukturell in Frage gestellt. Gerade darum beginnen auch die linksliberalen Kritiker des Systems vom Spiegel bis zur Zeit eine klare politische Wendung gegen uns. Sie begreifen die heraufziehende Gefahr f�r den Sp�tkapitalismus, die zur t�dlichen wird, wenn es uns gelingt, die durch die Parteien vernichtete Spontaneit�t der lohnabh�ngigen Massen durch eine immer effektivere Dialektik von Aufkl�rung und Massenaktion zu wecken: �Da� nach dem Verrat der eigenen B�rokratie seit 1914, nach der Entwicklung der Parteien in weltumspannende Maschinerien zur Vernichtung der Spontaneit�t, nach der Ermordung der Revolution�re die Arbeiter sich gegen die totalit�re Ordnung neutral verhalten, ist kein Zeichen der Verbl�dung� (Max Horkheimer: Die Juden und Europa, in Zeitschrift f�r Sozialforschung, 1939, S.122). Die Erinnerung an die letzten 50 Jahre der deutschen Arbeiterbewegung hat nur Reiz f�r den kontemplativen Intellektuellen. F�r die Massen stellen sie eine bisher ununterbrochene Kette des Verrats der linken und rechten Intelligenz dar.

Unsere historisch richtige Beschr�nkung auf die Arbeit in der Universit�t darf nicht fetischisiert werden. Eine revolution�re Dialektik der richtigen �berg�nge mu� den langen Marsch durch die Institutionen als eine praktisch-kritische T�tigkeit in allen gesellschaftlichen Bereichen begreifen, hat die subversiv-kritische Vertiefung der Widerspr�che zum Ziel, die in allen Institutionen, die an der Organisierung des Alltagslebens beteiligt sind, m�glich geworden ist. Es gibt keinen Bereich in der Gesellschaft mehr, der in der kulturrevolution�ren Phase unserer Bewegung ausschlie�lich privilegiert w�re, die Interessen der Gesanitbewegung auszudr�cken.

Die laue Oppositionsbewegung ist tot, der spontane Widerstand, sehr oft noch in v�llig unorganisierter Form, hat begonnen, ob nun in Frankfurt oder in Bremen, in Berlin oder in Hamburg, beherrschen wir, das hei�t das antiautorit�re Lager, schon die f�r die Bewu�twerdung der Menschen entscheidenden Kettenglieder, die Aufkl�rungsveranstaltungen au�erhalb der Universit�ten, die Vollversammlungen der Studenten in den gro�en Universit�ten, die Sch�lerversanimlungen in den Schulen. Die F�lle der Sch�ler- und Studentenzeitungen ist ein mobilisierendes und aufkl�rendes Moment der Gesanitbewe- gung. �berall bilden sich selbsternannte Avantgarden, die v�llig autonom und von keiner Zentrale organisiert beziehungsweise manipuliert den von ihnen als notwendig erkannten Kampf gegen Manipulation und Unterdr�ckung der sch�pferischen F�higkeiten des Menschen begonnen haben. Darin liegt die St�rke dieser antiautorit�ren Bewegung, da� die praktisch-kritische T�tigkeit der Antiautorit�ren der reale Ausdruck der eigenen Bed�rfnisse und Interessen der Individuen ist. Das Praktisch-Werden der eigenen Bed�rfnisse, Interessen und Leiden verhindert die Monopolisierung der historischen Interessen der Menschen in einer die Massen Mitgliederpartei. Wir beherrschen auch schon die Stra�en der gro�en St�dte, finden uns im �Dickicht der Gro�st�dte� (Brecht) schon ganz gut zurecht, aber die wirkliche Vermas- sung der Idee der sozialrevolution�ren Befreiung steht noch aus.

In den Industriebetrieben bilden sich die ersten autonomen Basisgruppen, die - locker koordiniert mit den anderen Gruppen nach dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe - die auf der Stra�e und in den Aufkl�rungsveranstaltungen gelernten antiautorit�ren Methoden in die Betriebe hineintragen, die autorit�ren Zw�nge der Hierarchie der Betriebsstruktur zu bek�mpfen versuchen.

Die staatlich-gesellschaftliche B�rokratie ist in allen Sph�ren v�llig hilflos. In den gesellschaftlich vermittelten Konflikten sieht sie das Werk von R�delsf�hrern oder einen zeitweiligen Generationskonflikt. Sie mu� die Probleme personalisieren, besteht f�r sie Geschichte doch nur als Werk von gro�en Pers�nlichkeiten, sind die Massen nur Material der Eliten.

Die Linken wiederum stehen oft in der Gefahr, das Proletariat oder die Massen schier metaphysisch zu verabsolutieren, nicht die konkrete und schwierige Dialektik der Bewu�tmachung der Massen zu begreifen, nicht zu begreifen die tempor�re Trennung zwischen minorit�ren radikalen Bewu�tseinsgruppen und den breiten Massen. Die andere Gefahr bei uns ist die intellektuelle �berheblichkeit, in letzter Konsequenz die Furcht vor der sch�pferischen F�higkeit der bewu�t gewordenen Massen. Zwischen diesen falschen Alternativen liegt die Praxis der historisch richtigen Emanzipationsarbeit.

Die alten Konzepte des Sozialismus m�ssen kritisch aufgehoben, nicht venichtet und nicht k�nstlich konserviert werden. Ein neues Konzept kann noch nicht vorhanden sein, kann nur im praktischen Kampf, in der st�ndigen Vermittlung von Reflexion und Aktion, von Praxis und Theorie erarbeitet werden. Revolution�re Wissenschaft ist heute nur noch m�glich innerhalb der antiautorit�ren Bewegung, als Produktivkraft der Befreiung des Menschen von den unbegriffenen und unkontrollierten M�chten der Gesellschaft und der Natur.

Heute h�lt uns nicht eine abstrakte Theorie der Geschichte zusammen, sondern der existentielle Ekel vor einer Gesellschaft, die von Freiheit schw�tzt und die unmittelbaren Interessen und Bed�rfnisse der Individuen und der um ihre sozial-�konomischen Emanzipation k�mpfenden V�lker subtil und brutal unterdr�ckt.

Diese radikale, weil den ganzen Menschen betreffende Dialektik des Sentiments und der Emotion (Marcuse), wobei die Theorie den bewu�t gewordenen Ausdruck dieser Dialektik darstellt, h�lt uns heute st�rker denn je gegen diese verstaatlichte autorit�re Gesellschaft zusammen, erm�glicht eine radikale Aktionseinheit der Antiautorit�ren, und zwar ohne Partei-Programm und Monopolanspruch.

Die subtilen und brutalen Methoden und Techniken der sozialen Integration ziehen bei uns nicht mehr. Die sentimental-emotionale Verweigerung wird im Kampf mit den Gewaltorganisationen des Systems, mit der staatlich-gesellschaftlichen B�rokratie, mit der Polizei, mit der Justizmaschine, den industriellen B�rokratien in den Oligopolen usw. zur organisierten Verweigerung, zum praktisch-kritischen Wissen, zum revolution�ren Willen, die verselbst�ndigten Produktivkr�fte, die unmenschlichen Maschinerien des Krieges und der Manipulation, die tagt�glich in der Welt Tod und Schrecken verbreiten, tagt�glich ein weltweites Genocid verursachen k�nnen, zu zerschlagen. Es entwickeln sich im Kampf neue radikale Bed�rfnisse, wie zum Beispiel der Wunsch, die Totalit�t der die Menschen von langer Arbeitszeit, Manipulation und Elend befreienden Produktivkr�fte endlich von den Fesseln des Kapitals und der B�rokratie zu befreien, sie mit allen Mitteln endlich der bewu�ten Kontrolle der Produzenten zu unterwerfen.

Geben wir uns aber keinen Illusionen hin. Das weltweite Netz der organisierten Repression, das Kontinnum der Herrschaft, l��t sich nicht leicht aufsprengen. Der �neue Mensch des 21. Jahrhunderts� (Guevara, Fanon), der die Voraussetzung f�r die �neue Gesellschaft� darstellt, ist Resultat eines langen und schmerzlichen Kampfes, kennt ein sehr schnelles Auf und Ab der Bewegung; tempor�re Aufschw�nge werden durch nicht zu umgehende �Niederlagen� abgel�st werden. Unsere kulturrevolution�re �bergangsphase ist im Verst�ndnis der Revolutionstheorie eine vorrevolution�re Phase, in der Personen und Gruppen sich noch manchen Illusionen, abstrakten Vorstellungen und utopistischen Projekten hingeben, ist eine Phase, in der der radikale Widerspruch zwischen Revolution und Konterrevolution, zwischen der herrschenden Klasse in ihrer neuen Form und dem Lager der Antiautorit�ren und Unterprivilegierten noch nicht konkret und unmittelbar sich auszutragen beginnt. Was f�r Amerika schon eindeutige Realit�t ist, hat auch schon f�r uns mit gewissen Modifikationen gro�e Bedeutung: �Es ist keine Zeit n�chterner Reflexion, sondern eine Zeit der Beschw�rung. Die Aufgabe der Intellektuellen ist mit der des Organisators der Stra�e, mit der des Wehrdienstverweigerers, des Diggers identisch: mit dem Volke zu sprechen und nicht �ber das Volk. Die pr�gende Literatur jetzt ist die Underground-Literatur, sind die Reden von Malcom X, die Schriften Fanons, die Songs der Rolling Stones und von Aretha Franklin. Alles �brige klingt wie der Moynihan-Report oder ein Time-Essay, die alles erkl�ren, nichts verstehen und niemanden ver�ndern� (A. Kopkind: Von der Gewaltlosigkeit zum Guerilla-Kampf, in Voltaire-Flugschriften Nr. ,4, S.24/25). Wir haben noch keine breite kontinuierliche Untergrundliteratur, es fehlen noch die Dialoge der Intellektuellen mit dem Volk, und zwar schon auf dem Standpunkt der wirklichen, das hei�t der unmittelbaren und historischen Interessen des Volkes. Es gibt den Beginn einer Desertionskampagne in der amerikanischen Besatzungsarmee, es gibt keine organisierte Desertationskampagne in der Bundeswehr. Wir wagen es schon, den amerikanischen Imperialismus politisch anzugreifen, aber wir haben noch nicht den Willen, mit unserem eigenen Herrschaftsapparat zu brechen.

Genossen, Antiantorit�re, Menschen! Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Vietnam werden auch wir tagt�glich zerschlagen, und das ist nicht ein Bild und ist keine Phrase. Wenn in Vietnam der US-Imperialismus �berzeugend nachweisen kann, da� er f�hig ist, den revolution�ren Volkskrieg erfolgreich zu zerschlagen, so beginnt erneut eine lange Periode autorit�rer Weltherrschaft von Washington bis Wladiwostok. Wir haben eine historisch offene M�glichkeit. Es h�ngt prim�r von unserem Willen ab, wie diese Periode der Geschichte enden wird. �Wenn sich dem Vietkong nicht ein amerikanischer, europ�ischer und asiatischer Cong zugesellt, wird die vietnamesische Revolution ebenso scheitern wie andere zuvor. Ein hierarchischer Funktion�rsstaat wird die Fr�chte ernten, die er nicht ges�t hat� (Partisan Nr.1, Vietnam, die Dritte Welt und der Selbstbetrug der Linken, Berlin 1967). Und Frantz Fanon sagt f�r die Dritte Welt: �Los, meine Kampfgef�hrten, es ist besser, wenn wir uns sofort entschlie�en, den Kurs zu �ndern. Die gro�e Nacht, in der wir versunken waren, m�ssen wir absch�tteln und hinter uns lassen. Der neue Tag, der sich schon am Horizont zeigt, mu� uns standhaft, aufgeweckt und entschlossen antreffen� (, Frankfurt a. M. 1966, 5.239).

La�t uns auch endlich unseren richtigen Kurs beschleunigen. Vietnam kommt n�her, in Griechenland beginnen die ersten Einheiten der revolution�ren Befreiungsfront zu k�mpfen. Die Auseinandersetzungen in Spanien spitzen sich zu. Nach 30 Jahren faschistischer Diktatur ist in der Einheitsfront der Arbeiter und Studenten eine neue revolution�re Kraft entstanden.

Die Bremer Sch�ler haben gezeigt, wie in der Politisierung unmittelbarer Bed�rfnisse des Alltagslebens - Kampf gegen Fahrpreiserh�hungen - subversive Sprengkraft entfaltet werden kann. Ihre Solidarisierung mit den lohnabh�ngigen Massen, die richtige Behandlung der Widerspr�che und die Auseinandersetzungen mit der autorit�r-militaristischen Polizei zeigen sehr deutlich, welche gro�en M�glichkeiten des Kampfes im System des Sp�tkapitalismus liegen. An jedem Ort der Bundesrepublik ist diese Auseinandersetzung in radikaler Form m�glich. Es h�ngt von unseren sch�pferischen F�higkeiten ab, k�hn und entschlossen die sichtbaren und unmittelbaren Widerspr�che zu vertiefen und zu politisieren, Aktionen zu wagen, k�hn und allseitig die Initiative der Massen zu entfalten. Die wirkliche revolution�re Solidarit�t mit der vietuamesischen Revolution besteht in der aktuellen Schw�chung und der prozessualen Umw�lzung der Zentren des Imperialismus. Unsere bisherige Ineffektivit�t und Resignation lag mit in der Theorie.

Die Revolutiomerung der Revolution�re ist so die entscheidende Voraussetzung f�r die Revolutionierung der Massen.

Hosted by www.Geocities.ws

1