Kapitalismus ist Krieg

Norbert Rost   23.09.2003

War der Irak-Krieg nur die konsequente Umsetzung der Wirtschaftstheorie von John Maynard Keynes?

In seiner "Allgemeinen Theorie der Besch�ftigung, des Zinses und des Geldes" kommt Keynes zu Schlussfolgerungen, die nicht nur die Aufr�stung der USA aus wirtschaftspolitischer Sicht erkl�ren, sondern zugleich den Krieg gegen den Irak in ein neues Licht r�cken k�nnen. Dabei k�nnte Keynes' Theorie auch die sein, die dem Kapitalismus das Genick bricht - nur ist das reichlich unbekannt.


 Die "Magie" der im Lauf eines halben Jahrhunderts akkumulierten Zinseszinsen wirkte sich ebenso auf unseren Verteidigungsetat aus wie die kumulierten wissenschaftlichen und technologischen Forschungen unserer Streitkr�fte. Mit der Macht kommt Verantwortung, ob man sie nun anstrebt oder nicht, ob sie willkommen ist oder nicht. Und es ist einfach eine Tatsache: Wenn man �ber so viel Macht verf�gt wie wir heute, findet man entweder Mittel und Wege, sie anzuwenden, oder aber die Welt wird sie f�r einen finden.
Irving Kristol, Vordenker der US-amerikanischen Neokonservativen in der  Weltwoche [1]

Die Wirtschaftstheorie von John Maynard Keynes ist ein  ungeliebtes Kind [2] der Kapitalismus-Kritiker. Zu unrecht, erkl�rt Keynes doch im Grunde nur, wie die Wirtschaft im Kapitalismus funktioniert und auch wie Krisen entstehen. Kritiker sollten sich deshalb lieber am "Kenne deinen Gegner"-Prinzip orientieren. Als Schlussfolgerung seiner Erkenntnisse gibt Keynes Anregungen, wie diese Krisen verhindert oder gemildert werden k�nnen. Dass seine Theorie heute dazu herh�lt, den Kapitalismus am Leben zu erhalten liegt vor allem daran, dass die in seinem Werk skizzierten Alternativen kaum wahrgenommen werden.

Wie kommt es zu Wirtschaftskrisen?

Nach Keynes kommt es zu Wirtschaftkrisen, wenn die "Grenzleistungsf�higkeit des Kapitals" unter den "Zinsfu�" rutscht. Unter der "Grenzleistungf�higkeit des Kapitals" versteht Keynes die erzielbare Rendite, die zus�tzlich investiertes Kapital in der Wirtschaft erwarten kann. Wenn neue Investitionen in einer Volkswirtschaft im Schnitt 5% Rendite erzielen, so betr�gt die "Grenzleistungsf�higkeit des Kapitals" 5%.

Unter dem "Zinsfu�" versteht Keynes die - haupts�chlich psychologische - Grenze, ab der Wirtschaftsteilnehmer bereit sind, sich von ihrem Geld zu trennen und es zu investieren. Bei Keynes klingt das so:


 Da der Zinsfu� die Belohnung f�r die Aufgabe der Liquidit�t ist, ist er somit jederzeit ein Ma� f�r die Abneigung derer, die Geld besitzen, sich von der liquiden Verf�gung dar�ber zu trennen.1

Von Keynes stammt die Theorie der "Vorliebe f�r Liquidit�t", also die Ambitionen jedes Wirtschaftsteilnehmers, lieber Geld anstatt G�ter in der Hand zu haben. Dass diese Theorie stimmt, zeigt sich unter anderem daran, dass heute niemand "Urlaub verdienen" oder "Auto verdienen" geht, sondern "Geld verdienen" - auch wenn er sich sp�ter mit diesem Gelld Urlaub oder ein Auto kauft. Liquide zu sein bedeutet, jederzeit die Wahl zu haben. Hat man sein Geld erst einmal investiert, wird es schwerer, diese Investition in eine andere umzuschichten. Daraus leitet sich die Erkenntnis ab, dass der Zinsfu� bei ca. 3% liegt - erst ab dieser Rendite sind Geldbesitzer im Normalfall bereit, sich von ihrem Geld zu trennen und es zu investieren.

Wenn die Grenzleistungsf�higkeit des Kapitals unter den Zinsfu� rutscht, bedeutet das, dass in einer Wirtschaft weniger Rendite erzielbar ist, als die Wirtschaftsteilnehmer als Anreiz brauchen, um zu investieren. Das Ergebnis: Geld wird aus der Wirtschaft abgezogen indem es entweder langsamer uml�uft ("Geldhortung") oder vermehrt zur Spekulation statt Investition genutzt wird - mit der Folge von Arbeitslosigkeit, Stockungen im Wirtschaftskreislauf und Stagnation oder sogar Schrumpfung der Wirtschaftsleistung.

Keynes L�sungsvorschlag

Nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip kann man, wenn die Ursache eines Problems bekannt ist, Vorschl�ge zur L�sung machen. Hauptursache ist auf den ersten Blick ein Absinken der Renditem�glichkeiten f�r Kapital, also ist Keynes' Idee, diese durch Investitionen des Staates anzuheben. Diese Investitionen geschehen nat�rlich haupts�chlich durch Steuern oder auf Pump. In den modernen Staaten werden Steuern vor allem von der breiten Masse der Bev�lkerung erhoben - und auf dem Wege der staatlichen Investition dazu benutzt, um die Renditen der gutbetuchten Kapitalbesitzer anzuheben. Allein aufgrund dieses versteckten Umverteilungsmechanismus von Arm zu Reich ist die Kritik an diesem Vorgang berechtigt.

W�hrend Chirac und Schr�der ihre neue "Initiative f�r Wachstum" angeblich dazu nutzen wollen, um �ffentliche Gelder in Bahnverbindungen, Windkraftanlagen, Telekommunikation sowie Forschung und Entwicklung zu investieren, schaukelt sich in den USA vor allem seit dem 11. September 2001 die R�stungsschaukel hoch. �ffentliche Gelder werden unter dem Deckmantel des "Krieg gegen den Terror" vor allem in R�stung, �berwachung und Milit�rforschung gesteckt und kurbeln auf diesem Wege die US-Wirtschaft an. Obwohl selbst die offiziellen Wachstumszahlen inzwischen von verschiedenen Seiten  angezweifelt [3] werden,  tragen [4] nach diesen die R�stungsausgaben 56% zum derzeitigen US-Wirtschaftswachstum bei.

Abwandlung von Keynes' L�sungsvorschlag

Mit der fortschreitenden Aufr�stung der Vereinigten Staaten ergibt sich aber auch automatisch ein zweiter L�sungsvorschlag, den Helmut Creutz unter dem Stichwort  Wirtschaftliche Triebkr�fte von R�stung und Krieg [5] zusammenfa�t und der ebenfalls aus Keynes' �berlegungen ableitbar ist: Krieg.

Ein Beispiel: Erzielen 1.000 Euro Investitionen in einer kleinen Volkswirtschaft eine Rendite von 500 Euro, so betr�gt die Grenzleistungsf�higkeit des Kapitals 50%. Werden die gleichen 500 Euro aber von 10.000 Euro Investitionssumme erzielt, so betr�gt die Grenzleistungsf�higkeit des Kapitals nur noch 5%. Gelingt es also, die gleiche Rendite bei weniger investiertem Kapital zu erzielen, so kommt dies einem Anstieg der Grenzleistungsf�higkeit des Kapitals gleich.

Damit ergibt sich die Schlussfolgerung, dass eine Vernichtung von Sachkapital die Renditef�higkeit vergr��ert, da die Nachfrage erh�ht und gleichzeitig das Angebot abgesenkt wird. Dadurch steigt der Preis und damit die Gewinnmargen. Am schnellsten und gr�ndlichsten wird Sachkapital durch die physische Zerst�rung vernichtet. Was liegt also n�her, die Aufr�stung daf�r zu nutzen, andere Dinge kaputtzumachen? Das vergr��ert zum einen den Spielraum f�r neue R�stung, bietet zum anderen Investitionsm�glichkeiten von Grund auf und entsprechend hohe Wachstums- und damit Renditeerwartungen.

Seit Jahren wurde die irakische �konomie durch die UN-Sanktionen ausgehungert. Nach dem Angriff auf das Land wird nicht nur die �l-Industrie neu verteilt, sondern auch das Mobilfunk-Netz - nat�rlich vor allem an US-Unternehmen. Doch auch die Baubranche d�rfte in einem friedlichen Irak interessante Wachstumsraten erleben. Da die US-Wirtschaft selbst Wachstum gebrauchen kann, um die Grenzleistungsf�higkeit des Kapitals wieder �ber den Zinsfu� zu heben, ist jede Investitionsm�glichkeit, die hohe Renditen erwarten l�sst, nat�rlich willkommen. Auch den US-Neokonservativen selbst kommt die "Magie des Zinseszins" offenbar ganz Recht -  Grund [6] genug, die Renditen nicht abst�rzen zu lassen.

Der unvollendete Alternativ-Vorschlag des John Maynard Keynes

Ich wiederhole: Wirtschaftskrisen kommen nach Keynes dann zustande, wenn die Grenzleistungsf�higkeit des Kapitals unter den Zinsfu� rutscht. Anstatt, wie oben dargelegt, die Grenzleistungsf�higkeit des Kapitals anzuheben, k�me auch eine Absenkung des Zinsfu�es in Betracht.


 Wenn eine Senkung des Zinsfu�es an sich ein wirksames Heilmittel sein k�nnte, w�re es m�glich, einen Anstieg [der Konjunktur, N.R.] ohne betr�chtlichen Zeitverlust [..] zu vollbringen. Tats�chlich ist dies aber gew�hnlich nicht der Fall; und es ist nicht so leicht, die Grenzleistungsf�higkeit des Kapitals zu beleben, die nun einmal durch die unlenkbare und unf�gsame Psychologie der Gesch�ftswelt bestimmt wird. Es ist die R�ckkehr des Vertrauens, um in gew�hnlicher Sprache zu reden, die sich in einer Wirtschaftsform des individualistischen Kapitalismus einer Kontrolle gegen�ber so unzul�nglich verh�lt.2

Es gibt zwei Gr�nde, warum dieser Teil der Theorie in der �ffentlichkeit kaum diskutiert und in der Forschung bislang nur eine untergeordnete Rolle spielt: Eine Senkung des Zinsfu�es auf 0% k�me dem Tod des Kapitalismus gleich, denn leistungslose Kapitaleinkommen w�ren dann nicht mehr m�glich - aber Kapital allein durch seinen Besitz zu vermehren, ist nun einmal der Kern des Kapitalismus. Eine Abschaffung dieses Prinzips k�me (nicht nur) einer wirtschaftlichen Revolution gleich.

Der zweite Grund f�r die Nichtbeachtung dieses Wegs aus den Wirtschaftskrisen ist, dass Keynes, der sich in seinem Hauptwerk ausf�hrlich und wohlwollend mit den Theorien des Silvio Gesell befasste, dessen Umsetzungsvorschlag zwar f�r w�nschenswert, aber nicht f�r praktikabel hielt.

Gesell schlug vor, Geld mit einer Umlaufsicherungsgeb�hr zu belegen, in dem Marken zu kaufen und auf die Banknoten zu kleben seien, um so den Zinsfu� auf 0% zu senken und eine stetige Umlaufgeschwindigkeit des Geldes im Wirtschaftskreislauf zu erreichen. Keynes hielt den "Gedanken des gestempelten Geldes f�r gesund", je nach H�he der Geb�hr w�re sogar Vollbesch�ftigung m�glich. Er bef�rchtete aber, es w�rden Ersatzmittel wie Juwelen, Edelmetalle, Bankguthaben und kurzfristige Darlehen in die Fu�stapfen des Geldes treten3 . Genauere Forschungen, inwieweit diese Bef�rchtungen begr�ndet sind oder ob es Alternativen gibt, t�tigte Keynes offenbar nicht.

Die Zukunft des Kapitalismus

Daf�r stellte Keynes fest, dass die Grenzleistungsf�higkeit des Kapitals immer mehr schrumpft, je mehr Kapital in einer Wirtschaft investiert ist. Da im Kapitalismus zwangsl�ufig durch den Zinseszins-Effekt eine Anh�ufung von Kapital stattfindet, muss also, wenn die Wirtschaft nicht im Gleichschritt w�chst, die Grenzleistungsf�higkeit des Kapitals immer wieder an die Grenze des Zinsfu�es sto�en. Somit kommt es immer wieder zu Krisen, so lange der Zinsfu� gr��er Null ist. Diese Krisen werden zudem jedesmal gr��er, da es durch die Ausweitung der Kapitalmenge immer schwerer wird, die Grenzleistungsf�higkeit des Kapitals hoch genug zu halten.

Wenn also kein gesellschaftliches Interesse vorhanden ist, M�glichkeiten zur Senkung des Zinsfu� zu suchen, bleibt damit nur die Alternative zwischen unbedingtem Wirtschaftswachstum, welches in erster Linie die Kapitaleinkommen steigert und damit die k�nftigen Krisen verst�rkt, oder eine massive Sachkapitalvernichtung und ein zyklischer wirtschaftlicher Neuanfang.

(Seitenangaben und Zitate von John Maynard Keynes stammen aus "Allgemeine Theorie der Besch�ftigung, des Zinses und des Geldes", 7. Auflage 1994, Duncker & Humblot GmbH, Berlin. ISBN: 3-428-07985-X)

Literaturangaben

1) S. 141

2) S. 268

3) S. 302

Links

[1] http://www.weltwoche.ch/ressort_bericht.asp?asset_id=5858&category_id=69
[2] http://de.indymedia.org/2003/09/61136.shtml
[3] http://www.wallstreet-online.de/ws/news/news/main.php?action=viewnews&newsid=783884&&m=3.1.3.0
[4] http://derstandard.at/Text/?id=1412208
[5] http://www.sozialoekonomie.info/Zeitschrift_fur_Sozialokonomie/LeseProben/Page12177/page12177.html
[6] http://www.weltwoche.ch/ressort_bericht.asp?asset_id=5858&category_id=69

Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/co/15670/1.html


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