In der Cyberkultur neigt man dazu, die kapitalistische Ökonomie mit natürlichen darwinistischen Prozessen gleichzusetzen. Die "Bionomie" gilt für viele als alternativenloser Weg des Heils, der "freie Markt" als das große Ideal. John Horvath glaubt, daß man aus der Gleichung Ökonomie=Natur auch zum genauen Gegenteil kommen kann.
Kapitalismus ist ein bösartiger
Krebs
Wenn man Menschen einen solchen Unsinn lehrt, dann weiß nur der Teufel, wo das alles enden wird.
Russischer Bauer 1918
Es ist kein Geheimnis, daß die Natur seit langem stark gelitten hat. Abgesehen von der kränkelnden körperlichen Dimension wurde kaum über andere Beeinträchtigungen gesprochen, was besonders für die intellektuelle Dimension zutrifft. Der Begriff der "Natur" wurde in den letzten Jahren so strapaziert, daß er fast leer und nutzlos geworden ist, was der Verwüstung der materiellen Welt ähnlich ist.
Die Digerati benutzen den Begriff der Natur, um den "Marktansatz" gegenüber der telematischen Entwicklung, besser bekannt als die "Kommerzialisierung des Internet", zu rechtfertigen. Die stillschweigende Annahme ist, daß durch die Verwendung von Begründungen mittels "natürlicher" Prozesse und Gesetze, was auch die Berufung auf die "menschliche Natur" einschließt, und durch die Suche nach Analogien in der materiellen Welt die Privatisierung des Cyberspace und der daraus folgende Zwang zur Globalisierung zu unbezweifelbaren Axiomen geworden sind.
"Natur" wird automatisch mit positiven Eigenschaften identifiziert, was besonders beim Leben der Fall ist. Hier wirkt sich großenteils der Einfluß der Romantiker aus, die alles Natürliche als schön und wunderbar betrachteten. Früher hingegen wurden natürliche Objekte wie Berge eher als Hindernisse angesehen. Als beispielsweise die ersten Entdecker des Innenlandes Nordamerikas zur Bergkette der Rocky Mountains kamen, war ihr Kommentar, daß "dieses Land wirklich Kain zuerteilt wurde." Ironischerweise bezeichnen heute viele Bewohner British Columbias (Kanada) ihre Provinz als "Land Gottes".
Präromantische Naturvorstellungen trafen auf viele Weisen einigermaßen zu. Man sollte sich aber einprägen, daß die Natur an sich weder positiv noch negativ ist. Auch wenn wir über die mit dem Leben verbundenen Wunder und Freuden wie Geburt und Tod staunen, so vergessen wir oft, die Kehrseite der Münze wahrzunehmen. Tod und Zerstörung sind ebenso Bestandteil der Gleichung. Die Umwelt wird wesentlich dadurch im Gleichgewicht gehalten, daß Lebewesen sterben und so die Grundlage für das Leben von anderen schaffen. Die Nahrungskette ist dafür ein perfektes Beispiel. Man könnte gewissermaßen sagen, daß die meisten Lebewesen geboren werden, um sterben zu können.
Auch wenn ein Lebewesen nicht von einem anderen bedroht wird, das in der Nahrungskette höher steht, trägt es in sich den Samen der eigenen Vernichtung. Ein Organismus scheitert irgendwann daran, sich angemessen gegen die Milliarden von mikroskopischen Kräfte zu verteidigen, die ihm schaden wollen, was zum Tod führt. Krankheit ist also auch ein Bestandteil des Lebens.
Für die Menschen ist es keine angenehme Vorstellung, daß die Welt durch den Tod in Gang gehalten wird. Daher versuchen wir auf unterschiedliche Weise, diese mißliche Lage wegzurationalisieren. Die Religion ist eine der verbreitetsten Mittel, mit dem wir "Sinn" in dem finden, was wir sonst als feindliches Unternehmen betrachten würden. Wer Glück hat und nicht wegen unvorhersehbarer Umstände stirbt, beispielsweise durch einen Unfall, stirbt, wie wir sagen, wegen seines "hohen Alters". Aber in der wirklichen Welt gibt es das nicht. Irgendetwas hat diesen Menschen getötet. Viele glauben daher an das Paradox eines "natürlichen Todes": Wenn die Natur Leben ist, wie kann dann der Tod natürlich sein, da er unbezweifelbar das wegnimmt, was gut ist.
Offensichtlich sind diese Paradoxa in den Köpfen derjenigen nicht präsent, die in der Natur eine Analogie sehen wollen. Es wurde überdies in letzter Zeit immer mehr zur Mode, scheinbar gegensätzliche Elemente zu einem Amalgam zu verrühren, das sehr schön und klug, vielleicht sogar wissenschaftlich klingt, aber das nur Mist oder, um es zeitgemäß auszudrücken, verbaler Durchfall ist.
Die neueste dieser modischen Dummheiten ist die Vereinigung von Natur und Ökonomie, auch "Bionomie" (Biologie und Ökonomie) genannt, wobei die Technologie als ein verbindendes Medium gilt. Die Digerati haben versucht, die Komplexitäten der ökonomischen Aktivität der Menschen auf einen zu stark vereinfachten natürlichen Prozeß zu reduzieren, der ihn als universelle Wahrheit erscheinen läßt. Mit seinem Buch "Out of Control" ist Kevin Kelly das beste Beispiel für das, was man bestenfalls eine "kreative Intellektualität" nennen könnte (Vgl. Niko Waesches Kritik an Kevin Kellys Wirtschaftsutopie.
Man kann sich nur schwer vorstellen, welchem Zweck eine solche intellektuelle Masturbation dienen könnte. Man könnte sagen, ein solcher Unsinn diene als Mittel, unser Denken so zu verwirren und kompliziert zu machen, daß wir uns schließlich auf verführerische Sätze und Terminologien - normalerweise in Form von Klischees - zur Erklärung dessen stützen, was um uns herum geschieht. Die Technologie entwickelt sich so schnell, daß wir kaum die Zeit haben, genau zu verstehen, was geschieht oder wie sich unsere Welt hinsichtlich der gesellschaftlichen Beziehungen verändert. Daher sind vereinfachte, auf leicht zu assoziierenden Analogien gestützte Erklärungen an die Stelle einer ernsthaften Analyse, Synthese und Bewertung getreten.
Man könnte versucht sein, die Bionomik als Teil des "größten Propagandaschwindels in der Geschichte der Ökonomie" zu verstehen. Hand in Hand mit dem Konzept einer digitalen Ökonomie ist sie nach Mark Stahlman (New Media Associates) "nichts als ein Trick, um uns glauben zu lassen, daß das Herumschicken von Bits produktiv ist und daß der Konsum von 'Information' (nur eine weitere geisttötende Propaganda) uns reicher und klüger werden läßt." Man kann sogar soweit gehen und sagen, daß die Texte einiger Digerati wie Kevin Kelly und von Verkündern des freien Marktes wie Esther Dyson nur eine schlaue List sind, um etwas zu verdienen, da solche Menschen ansonsten arbeitslos wären oder keine Stelle finden würden. A. Cygni brachte das vielleicht am besten zum Ausdruck, als er eine ähnliche Situation im Journalismus beschrieb: "Journalisten sind wie Huren. So hoch ihre Ideale auch sein mögen, so müssen sie doch auf Tricks zurückgreifen, um Geld zu verdienen."
Aber es gibt auch ein politisches Motiv für den Gebrauch der Natur als Analogie zur Natur: sie rechtfertigt die Vorherrschaft des Kapitalismus in der entstehenden "globalen Ökonomie". Im Zentrum der bionomischen Theorie stehen darwinistische Vorstellungen. Die Erklärungen des Niedergangs und des endgültigen Verschwindens anderer Wirtschaftssysteme gehen auf die Vorstellung vom "Überleben der Stärksten" zurück. Im Zeitalter nach dem Kalten Krieg diente das dazu, den "Sieg" des Kapitalismus über den Kommunismus zu rechtfertigen. Man hat diese Argumentation auch dazu eingesetzt, die Menschen in den neuen Demokratien Zentral- und Osteuropas, aber auch in anderen Entwicklungs- und Dritte-Welt-Ländern im Namen des "freien Marktes" zur Akzeptanz der wirtschaftlichen Bedingungen, die vom Westen gestellt wurden, zu zwingen.
Daher gilt die Ausdehnung des Kapitalismus durch das Mittel der Privatisierung als ein natürlicher evolutionärer Prozeß. Obwohl der Kapitalismus mit den Ungerechtigkeiten der industriellen Vergangenheit behaftet ist, wird er als das überragende ökonomische Modell betrachtet, da er sich auf weitgehend dieselbe Weise, wie der Mensch sich aus den Affen entwickelt hat, höher entwickeln wird.
Wer die Analogie Natur-Ökonomie durchschauen und erkennen konnte, was sie wirklich ist und repräsentiert, hat die Digerati kritisiert, indem er zeigte, auf welche lächerliche Weise sie Natur und Ökonomie miteinander verbunden haben. Aber die Analogie ist für viele noch immer verlockend. Doch es gibt zumindest einen großen und immanenten Fehler der bionomischen Theorie. Auch wenn man sie als Mittel zur Rechtfertigung des Kapitalismus gebraucht hat, läßt sie sich sehr einfach und korrekt auch für das Gegenteil einsetzen.
Der menschliche Geist setzt, wie bereits erwähnt, die Natur dem gleich, was gut ist, auch wenn sie in Wirklichkeit oft das Gegenteil darstellt. Wenn wir unsere materielle Welt als einen einzigen Organismus betrachten, dann können wir erkennen, daß die Menschen aus der größeren Perspektive nicht die stellvertretenden Beherrscher der Welt sind, wie dies uns die Bibel sagt, sondern sie gleichen eher einem bösartigen Krebs. Wir dürfen nicht vergessen, daß jeder Organismus in sich den Samen seiner eigenen Vernichtung enthält. In diesem Fall ist der Menschen dieser Samen in der Natur.
Krebs ist bekanntlich einer der größten Todesursachen bei den Menschen, und er ist eine nahezu unheilbare Krankheit, nachdem ihre Symptome aufgetaucht sind und sie sich bis zu einem bestimmten Stadium entwickelt hat. Wenn wir diese Analogie verwenden, können wir bemerkenswerte Ähnlichkeiten zwischen den Auswirkungen des Krebs auf einen lebendigen Organismus und der Weise erkennen, wie Menschen, besonders seit den letzten hundert Jahren, der Erde schwere Zerstörungen zugefügt haben.
Man kann zu einem Fatalisten werden und daraus schließen, daß die Erde niemals wieder dieselbe sein wird und auf die Zerstörung zuläuft, die, gemäß unserer Analogie, dem Tod eines Organismus gleicht. Andererseits könnte man sagen, daß man noch immer das Übriggebliebene retten und ein tödliches Ende wie bei einem bösartigen Krebs, der sich selbst in Schach hält, verhindern kann. Aber wie das Ende auch sein mag, so ist eines doch sicher: Wenn man die Natur als einen Organismus versteht, dann kann man mit einer Analogie, die Tod und Leben enthält, die Theorien und Überzeugungen der Digerati wie die Kellys so aufgreifen, daß man die Schlußfolgerung zieht: Kapitalismus ist ein Krebs.
Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer
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