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Biopolitik unter Generalverdacht Alle Artikel zum Thema

Die Kulturkritik hat ein neues Zauberwort: "Biopolitik". Es wird nicht mehr nur in Stammzellen-Debatten verwandt, nein, der Begriff ist zu einer Universalchiffre geworden

Von Volker Gerhardt

Globalisierungsgegner benutzen den Begriff, um die angebliche Ausbeutung tiefster menschlicher Regungen und die Zerst�rung fremder Lebensweisen durch den neuen Kapitalismus anzuprangern. Sozialphilosophen behaupten, dass die "Biopolitik" der westlichen Zivilisation den menschlichen K�rper einer umfassenden Kontrolle unterworfen habe, die in den Konzentrationslagern kulminierte, aber auch in b�rgerlichen Gesellschaften zu finden sei, weshalb sich Totalitarismus und Demokratie prinzipiell �hnelten. Und Umweltsch�tzer glauben, eine gewaltt�tige "Biopolitik" unterwerfe die Natur des Menschen dem Zwang des Geldes. Diese Formen des Generalverdachts analysiert der Berliner Philosoph Volker Gerhardt, der zugleich zeigt, was man sich unter Biopolitik eigentlich vorzustellen hat und wo ihre M�glichkeiten und Grenzen liegen.

Wer glaubt, er verstehe im Prinzip, worum es bei der Innen-, Au�en-, Verteidigungs- oder Wirtschaftspolitik geht, der d�rfte auch keine M�he haben, sich die Aufgaben der Biopolitik erkl�ren zu lassen. So wie es spezielle Probleme der Erziehung, des Verkehrs oder der Landwirtschaft gibt, so kann es auch spezielle Fragen der Erhaltung und Entfaltung des Lebens geben, um die sich die Politik zu k�mmern hat. Und sofern man dies von ihr verlangt, steht sie unter der Erwartung der "Biopolitik".

Mit der seit Platon und Aristoteles bestehenden, sp�testens durch Leibniz und Kant erneuerten, aber erst im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts zum Gemeingut werdenden Einsicht in den systemischen Zusammenhang aller Lebensvorg�nge auf der Erde wurde bewusst, wie sehr die hypertrophe Entwicklung der menschlichen Gattung das �kologische Gleichgewicht gef�hrdet. Und da sich eine solche Einsicht heute nicht verbreiten kann, ohne dass sich daraus Forderungen an die Politik ergeben, ist - zumindest dem Anspruch nach - ein neues Handlungsfeld er�ffnet. Dieses Feld wird "Biopolitik" genannt.

Die Politik mit dem Leben

Nachdem der �kologische Begriff der Biopolitik Mitte der sechziger Jahre erst einmal gefunden war, lag es nahe, ihn auch auf jene Handlungsfelder zu �bertragen, die durch die Entwicklung der Biowissenschaften er�ffnet wurden. Die Z�chtung nutzbarer Pflanzen und Tiere lie� sich nunmehr mit gentechnischen Mitteln direkt angehen. Zwar blieb und bleibt auch hier ein hohes Ma� an Unsicherheit. Denn es ist nicht m�glich, die Lebensbedingungen auch nur eines einzigen Organismus vollst�ndig zu kontrollieren.

Doch schon die Erfolge einer lediglich unter Anleitung mikrobiologischen Wissens erfolgenden Z�chtung waren so gro�, dass man sich unschwer ausrechnen konnte, welche zus�tzlichen Effekte sich durch die technische Rekombination von Erbanlagen ergeben. Beides, eine durch genetisches Wissen fundierte Selektion und der direkte Einsatz der Gentechnologie, haben die Land- und Viehwirtschaft grundlegend ver�ndert. Die F�rderung dieser Entwicklung und ihre rechtliche Kontrolle sind eine Aufgabe der Politik. Folglich betreibt das klassische Ressort f�r Landwirtschaft heute in erheblichen Ma�e Biopolitik.

Die biologisch gesteuerte Produktivit�t

Die ersten Freilandversuche mit gentechnisch ver�ndertem Leben brachten die �ffentliche Bef�rchtung auf, die nicht in nat�rlicher Evolution entwickelten Lebewesen k�nnten das �kologische Gleichgewicht vollends zerst�ren. Ganz gleich, wie man diese durch die Filmindustrie massenwirksam verst�rkten �ngste bewertet: Durch sie war eine unmittelbare Verbindung zwischen Gentechnologie und �kologie hergestellt. Ihr kann sich die Biopolitik nicht entziehen.

Es gibt aber auch sachlich begr�ndete Hoffnungen: Vielleicht lassen sich durch die "gr�ne" Gentechnologie die B�den effektiver und zugleich schonender nutzen? Vielleicht l�sst sich f�r ein schnelleres Nachwachsen der W�lder sorgen? In Verbindung mit der "roten" Gentechnologie k�nnte es m�glich sein, die Nahrungsproduktion so zu steigern, dass die Grundversorgung aller Menschen gesichert ist. Damit w�re ein entscheidender Schritt zu einer zwanglosen Regulierung der Weltbev�lkerung getan.

Der Mensch als seine eigene Aufgabe

Die Erwartungen der Biopolitik sind auf gro�e Ziele gesellschaftlichen Handelns bezogen. Ihre Einheit haben sie s�mtlich darin, dem "Interesse des Menschen" zu dienen, das, nach Kant, mit dem "Interesse der Vernunft" zusammenf�llt. Doch auch der un�berbietbar hohe Anspruch hat es nicht vermocht, Begriff und Bedeutung der Biopolitik popul�r zu machen.

Das �nderte sich erst, als durch die Entschl�sselung des menschlichen Genoms so gut wie sicher war, dass auch der Mensch zum Gegenstand biotechnischer Eingriffe werden w�rde. Selbst die von der vollst�ndigen Entzifferung unabh�ngigen medizinischen M�glichkeiten waren innerhalb weniger Wochen popul�r: Nun werde man auf direktem Weg erreichen, worum die Medizin sich in Jahrtausenden nur indirekt bem�hen konnte, n�mlich die Eind�mmung schwerer erblicher Defekte. Endlich werde es m�glich, bislang als unheilbar geltende Krankheiten durch den Transfer von Stammzellen zu bek�mpfen. Und auch die alten Menschheitstr�ume von einem verl�ngerten Leben und einer Steigerung von Kraft und Sch�nheit schienen in greifbare N�he ger�ckt.

Ganz gleich, ob diese Hoffnungen sich erf�llen oder nicht: Das Handlungsfeld der Biopolitik ist durch sie definitiv erweitert: Es umfasst auch jene Fragen, in denen sich der Mensch zum Objekt seiner lebenswissenschaftlichen Erkenntnisse macht. Wenn sich der Mensch durch gentechnische Eingriffe zum Gegenstand seiner eigenen Verfahren macht, hat sp�testens die Politik daf�r zu sorgen, dass die Selbstzwecksetzung des Menschen nicht preisgegeben wird.

Die Mobilisierung der �ngste

Die Anwendung der Technik auf ihren Urheber ist ein Basiselement der menschlichen Kultur. Es g�be weder Pharmazie noch Humanmedizin, weder Kunst noch Wissenschaft, weder Erziehung noch Sport noch Schmuck - und erst recht keine Waffen -, wenn sich der Mensch nicht immer auch zum Gegenstand seines eigenen Handelns h�tte machen k�nnen. Es w�re etwas vollkommen Neues, wenn dies mit den j�ngsten Biotechnologien anders sein sollte.

Umso befremdlicher ist das �ffentliche Geschrei, das seit dem gesch�ftstr�chtigen Medienrummel um Craig Venter nicht verstummen will. Seit den zur Sensation gemachten Nachrichten �ber die Entschl�sselung des menschlichen Genoms wird der Eindruck verbreitet, die gentechnische Selbstfabrikation des Menschen stehe unmittelbar bevor. Prophetische Mahner, vornehmlich geisteswissenschaftlicher Provenienz, bei denen die Altmarxisten besonders auff�llig sind, haben die Ungeheuerlichkeit vor Augen, dass der Mensch sein eigener Sch�pfer werden und sich von seinem genetischen Erbe l�sen k�nne. Sie warnen vor dem "neuen Menschen", der zwar dem "Design" des alten Menschen entspringt, ihm aber zwangsl�ufig den Untergang bereiten werde. Im �u�ersten Triumph ihres K�nnens schaffe sich die Menschheit selber ab. Biopolitik als Selbstanwendung der Lebenswissenschaften auf den Menschen, so lautet die massenhaft verbreitete Warnung, laufe auf die Selbstdemontage des Menschen hinaus.

Das ist die Art von Schreckensvision, die sich m�helos mit jedem Machtmittel des Menschen verbinden l�sst. Man stelle sich nur die durchschnittliche Schw�che, Durchtriebenheit und Zerst�rungswut des Homo sapiens vor -: und schon muss die Tatsache, dass sich jeder straflos in den Besitz eines Messers bringen kann, als der Anfang vom blutigen Ende der Menschheit gelten. Es wundert nicht, dass die f�r Horrorszenarien besonders empf�ngliche Medienwelt sich prim�r mit den m�glichen Aberrationen der neuen Techniken befasst. Aber dass sich als ernsthaft geltende Publizisten und Wissenschaftler in die Stimmung eines "Kulturkampfs" gegen die Biowissenschaft hineinsteigern, wirft kein gutes Licht auf den "alten" Menschen. Was l�sst sich zu seiner Entschuldigung sagen?

Das Minimum an Rationalit�t

Niemand wei�, was eines Tages geschehen wird. Auch das Schlimmste ist m�glich. Und wenn wir versuchen, es uns jetzt schon als unausweichlich vorzustellen, wird alles egal. Deshalb ist es vern�nftig, auch f�r die Zukunft von dem Minimum an Rationalit�t auszugehen, das unsere eigene Lebensform tr�gt. Doch es ist eben diese Annahme, die den Vision�ren der biopolitischen Katastrophe so schwer f�llt. Vermutlich trauen sie in allen Kleinigkeiten des Lebens auf den geregelten Gang der Dinge, glauben, dass ihr Arzt, ihr Steuerberater oder der Pilot, mit dem sie gerade fliegen, guten Willens sind, dass ihre Enkel von ihnen abstammen und dass ihre Texte verst�ndlich sind. Vielleicht halten sie sogar ihre Renten f�r halbwegs sicher und meinen allen Ernstes, dass Bildung etwas N�tzliches ist.

Streng genommen g�hnt hinter allen diesen allt�glichen �berzeugungen ein Abgrund aus Ungewissheit. Wer wagt es, nach dem Trojanischen oder dem Peloponnesischen Krieg, nach der gewaltsamen Zerst�rung Karthagos oder Roms, vor allem aber nach Stalin und Hitler, nach Auschwitz und dem Gulag �berhaupt noch irgendetwas f�r gewiss zu halten - au�er der Katastrophe selbst? Doch so ungeheuerlich es scheint: Selbst die unerbittlichste Kulturkritik glaubt mindestens noch an sich selbst. Das aber kann sie nur, weil sie jenes Minimum an Kontinuit�t und Rationalit�t unterstellt, das in jeder ernsthaften Handlung beansprucht wird. Warum f�llt es so schwer, von diesem Selbstverst�ndnis auch gegen�ber der Biopolitik auszugehen? Daf�r gibt es im Wesentlichen drei Gr�nde.

Die Kapitulation vor dem Zusammenhang

Wenn man die drei Hauptaufgaben der Biopolitik - �kologische Sicherung der Lebensm�glichkeit, biologische Steigerung der nutzbaren Lebensertr�ge und umfassender medizinischer Schutz f�r die Entfaltung des menschlichen Lebens - in ihrer Gesamtheit nimmt, hat man ein so weitl�ufiges Handlungsfeld, dass allein die Wahrung der �bersicht als eine zu gro�e Aufgabe erscheint. Und da man in fast allen biopolitischen Aktivit�ten neue Wege zu beschreiten hat, erscheint es absehbar, dass sich der Mensch �berfordert. Davor warnen die Kritiker.

Die Warnung ergeht zu Recht. Denn es ist ein Unterschied, ob man sich von der Komplexit�t der organischen Prozesse nur tragen l�sst oder ob man daran geht, sie selbst zu erzeugen. Das damit verbundene Risiko ist aber nicht neu. Es geh�rt zu jedem bewussten Eingriff in das Leben, kann erfahren werden, wann immer es um Tod oder Leben geht, und ist sp�testens mit der politischen Organisation menschlichen Daseins auch als Problem gegenw�rtig. Die Politik ist als ganze ein riskanter Gro�versuch mit dem Leben. Deshalb hat sich die Biopolitik am Beispiel der Politik als ganzer zu orientieren. Hier kann sie lernen, wie man mit Gefahren umgeht, die man selbst erzeugt. Und der beste praktische Schutz vor den Risiken der Biopolitik liegt in starken politischen Institutionen, deren Ausgangspunkt die unver�u�erlichen Rechte des Einzelnen sind.

Der scholastische R�ckfall der Kirchen

Die Opposition gegen die Biopolitik wird in einem nicht zu untersch�tzenden Ausma� von den christlichen Kirchen mobilisiert. Da ist zu h�ren, die Gentechnologie sei ein anma�ender Eingriff in die Sch�pfung Gottes, und der "Verbrauch" embryonaler Zellen versto�e gegen die "Heiligkeit" des Lebens. Das k�nnten respektable Argumente sein, wenn sie durch praktische Konsequenz beglaubigt w�ren. Davon aber kann keine Rede sein. Von einem Protest der Kirchen gegen die Rosenzucht ist nichts bekannt; Nektarinen geh�ren nicht zu den verbotenen Fr�chten; und beim Umgang mit den embryonalen Formen des menschlichen Lebens sind die Glaubensgemeinschaften zu "Kompromissen" bereit, die mit einer Heiligung auch nur des menschlichen Lebens unvereinbar sind.

Tats�chlich bietet weder das Alte noch das Neue Testament einen Anhaltspunkt f�r das Verbot einer Nutzung der Natur im Dienst menschlicher Interessen. Die Abtreibung, die den Kirchen den Anlass zum Protest gegeben hat, wird von der Bibel nicht untersagt. F�r den Anfang des individuellen Lebens gilt zun�chst die fr�he j�dische Auffassung, die von der Geburt eines Menschen ausgeht. Erst mehrere hundert Jahre nach Christus kommt die Auffassung heidnischer Denker hinzu, die von einer "Beseelung" um den vierzigsten Tag nach der Empf�ngnis ausgehen. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen f�r einen christlich motivierten Protest gegen die Verwendung menschlicher Zellen zu therapeutischen Zwecken.

Schlie�lich m�ssen die Kirchen sich fragen lassen, warum sie die Legalisierung der In-vitro-Fertilisation hingenommen haben. Das Sakrament der Ehe h�tte gute Gr�nde f�r eine nachdr�ckliche Warnung geboten. Nun aber wird eine erkleckliche Anzahl von Menschen im Labor erzeugt, und der dort rein technisch vollzogene Prozess soll die Personalit�t des Individuums begr�nden. So wird das h�chste Ideal des Menschen auf ein labortechnisches Faktum gegr�ndet. Ausgerechnet die Kirchen werden zum Anwalt der Positivit�t.

Eine religi�se Tragik kommt hinzu. Sie liegt im glaubensgeschichtlichen R�ckfall hinter die S�kularisierung, die offenbar immer noch als Verlust begriffen wird: So als h�tte es die Trennung von Staat und Kirche nie gegeben, wird ein allgemein-politisches Mandat f�r Moral und Wissenschaft in Anspruch genommen. Das hat der Theologe und Philosoph Richard Schr�der mit Recht moniert. Obgleich die Kirchen nur f�r ihre Gl�ubigen sprechen k�nnen, fordern sie moralische und rechtliche Sanktionen f�r alle ein. Sie treten auf, als sei ihre Autorit�t auf ein Wissen und nicht auf den Glauben gegr�ndet, und sie vertun die Chance, die gerade f�r die christliche Botschaft in der St�rkung der individuellen Verantwortung liegt.

Das Delirium des Verdachts

Die dritte Variante des Einspruchs gegen die Biopolitik ist mit Abstand die bedenklichste. Sie ist auf einen Verdacht gegr�ndet, der gegen die Zivilisation als ganze gerichtet ist. Urheber sind jene b�rgerlichen Marxisten, die aus dem Scheitern ihrer revolution�ren Hoffnungen die Konsequenz gezogen haben, ihre Anspr�che auszuweiten. Demnach ist der traditionelle Ansatz beim Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit zu eng: Das Verbrechen der b�rgerlichen Gesellschaft liegt bereits darin, dass sie das Leben �berhaupt reguliert und kontrolliert. So setzt die Mechanik der Unterdr�ckung mit der Disziplinierung der K�rper im h�fischen Zeremoniell und in der spektakul�ren Artistik ein, um in der industriellen Arbeit zu ihrer monotonen Vollendung zu finden. Die Erfindung der Anstalt mit der ihr zugeh�rigen Psychiatrie gilt als der perfideste Ausdruck einer universellen Maschinisierung, deren Opfer nichts anderes als das Leben selber ist.

Es ist diese angebliche Perversion der Aufspaltung und Ausgrenzung des Lebens, die der franz�sische Philosoph Michel Foucault beschrieben und mit dem Begriff der "Biopolitik" verbunden hat. Auch wenn man meinen m�chte, Foucault sei durch seine sp�te Bekehrung zum antiken Individualismus der "Selbstsorge" zu diesen nur scheinbar konkreten Analysen der "Bio-Macht" auf Distanz gegangen, so versch�rfen seine Sch�ler das Ressentiment gegen die Biopolitik: Was mit dem Ausschluss des Wahnsinns und der Unterdr�ckung der Sexualit�t begann, ist in den kommunistischen und nazistischen Lagern, im Gulag und in Auschwitz zu seinem konsequenten Abschluss gekommen. Damit ist die Biopolitik als Instrument totalit�rer Systeme entlarvt. Es liegt auf der Hand, was aus dieser Diagnose f�r die westlichen Demokratien folgt, wenn sie die Biopolitik als neues Handlungsfeld f�r unverzichtbar halten.

Das Vertrauen in die eigenen Kr�fte

Folgt man den Analysen des italienischen Philosophen und Foucault-Anh�ngers Giorgio Agamben, dann ist die Biopolitik der Vorbote des unausweichlichen Untergangs der westlichen Zivilisation. Denn, so Agamben in seinem j�ngst erschienenen Buch "Homo sacer" (Edition Suhrkamp, 211 S., 10 Euro), die "innerste Solidarit�t zwischen Demokratie und Totalitarismus" verstellt jeden begr�ndbaren politischen Ausweg aus der Katastrophe. Und worin liegt diese Ungeheuerlichkeit begr�ndet? In der blo�en Tatsache des Rechts, das Agamben, in souver�ner Missachtung der historischen Tatsachen, dem Totalitarismus genauso zugute h�lt wie der Demokratie. Da er sich seinen Rechtsbegriff von Carl Schmitt vorgeben l�sst, kann er sogar den Anschein einer Begr�ndung erwecken, die durch die Berufung auf den absoluten Schrecken der Vernichtungslager moralisch unangreifbar erscheint. So basiert der Verdacht gegen die Biopolitik auf einer juristischen Beschaffungsma�nahme f�r die Diktatur. Kein Wunder, dass in ihr die Demokratie keine Chance mehr hat.

Mit der Biopolitik hat das nat�rlich nur am Rande zu tun. Allerdings sollte der spektakul�re Verdacht, der aus ihr eine anonyme Verschw�rung gegen das angeblich noch nicht historisch zur Geltung gekommene Leben macht, nicht ohne politische und moralische Konsequenzen bleiben: Da die Biopolitik in besonderem Ma� unseren Selbstbegriff als Menschen ber�hrt, haben wir entschieden auf ihrer Bindung an die Grund- und Menschenrechte zu bestehen. Und da sie weitreichende Konsequenzen f�r unser individuelles Selbstverst�ndnis haben kann, sind wir vor allem auch in unserer eigenen Lebensf�hrung gefordert. Wer nicht will, dass die Biotechnologie sich in jene Fragen mischt, die unter dem diskreten Schutz der Liebe stehen, hat dies zun�chst und vor allem f�r sich selbst zu entscheiden.

Die Tatsache der Biopolitik beweist nichts gegen den Menschen und seine Zukunft. Sie ben�tigt jedoch eine politische Verfassung, die den Individuen starke eigene Rechte sichert.

Volker Gerhardt, geboren 1944, ist Professor f�r Praktische sowie Rechts- und Sozialphilosophie an der Humboldt-Universit�t Berlin. Wichtige Publikationen legte er zu Kant und Nietzsche vor. Zuletzt erschienen "Individualit�t. Das Element der Welt" und "Der Mensch wird geboren. Kleine Apologie der Humanit�t" (beide bei C. H. Beck).

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Ressort: Feuilleton
Erscheinungsdatum: 05. 04. 2002
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