phone: (617) 541-8685
email: [email protected]
ZWISCHENBERICHT
(9/2000 bis 1/2001)
Sebastian Noelle, Jazz-Gitarre, Graduate Diploma Program
Am NEW ENGLAND
CONSERVATORY In BOSTON
I N H A L T
0. Gliederung ......................................... 2
1. Vorbereitung ...................................... 3
2. Die erste Zeit ..................................... 4
3. Die Schule ......................................... 5
Lehrer
Ensembles
Theoriekurse
4. Freizeitgestaltung ................................ 8
Boston
New York
Konzerte
Sessions
5. Kulturelle Eindruecke und technische Bemerkungen .....10
6. Ausblick und Abschliessende Bemerkungen .................12
1. Vorbereitung
Schon die Vorbereitung meines Auslandsjahres zeigte mir einige dem amerikanischen
Schulsystem eigene Gepflogenheiten. Die Zusage vom NEC zu bekommen gestaltete
sich fuer mich insofern nicht als so schwierig, als ich meinen dortigen Wunschlehrer,
Gene Bertoncini, schon etwas kannte, ihm ein Tape zugesandt und telephonischen
Kontakt aufgenommen hatte. Nachdem er mir bestaetigt hatte, dass er gerne mit
mir arbeiten und mit dem Leiter des Jazz-Departments reden wuerde, blieb mir
die "Live-Audition" vor Ort und das Geld fuer einen zusaetzlichen
Flug erspart.
Persoenlicher Kontakt ist also wichtig.
Genauso sollte man sich im Umgang mit den Schulbehoerden ein "Who am I
speaking to, please?" angewoehnen, da der amerikanische Verwaltungsapparat
den deutschen an Masse um fast das Doppelte uebersteigt. Es gibt etliche kleine
Bueros, die alle ihren klar abgegrenzten Verwaltungsbereich haben. D.h. wenn
einem Buero A einem versichert, Unterlagen an Buero B weiterzuleiten, sollte
man es nicht versaeumen, am naechsten Tag bei Buero B anzufragen, ob dies auch
tatsaechlich geschehen ist. Auf keinen Fall an die Telefonkosten denken! Mir
ist es waehrend der I-20-Beschaffung (ein Formular, das man fuer das Visum braucht)
nicht selten passiert, dass ich viermal dieselbe immerfreundliche Stimme am
Apparat hatte, die mir versprach, sich um die Sache zu kuemmern, und nach jedem
Anruf brav eine Woche vergeblich auf die Zusendung wartete.
Wenn man das Gefuehl hat, den Leuten richtig auf die Nerven zu gehen, ist man
auf dem richtigen Weg. Ein Plus dagegen ist, dass ich noch keinen amerikanischen
"Beamten" habe seine stoische Freundlichkeit verlieren sehen. Also
nur Mut!
Das Tolle an Boston ist
die riesige Anzahl und Vielfalt von Musikern, die hier leben und vor allem studieren.
Dies bringt mit sich, dass hier reger Instrumenten- und Musikalienhandel sowohl
kommerzieller als auch privater Art getrieben wird. Das bedeutet: Verstaerker,
Zweit- und Dritt- Instrumente ruhigen Gewissens daheim lassen. Ich weiss wie
schwer es ist, zu entscheiden, welche die Lieblingsklampfe ist! Aber wenn eine
Sache hier billiger ist als in Deutschland, dann sind es Gitarren und -Verstaerker,
v.a. gebrauchte.
Ein Gedanke dagegen, den man im sommerlich heissen Abflugsfieber gerne verdraengt,
ist der an Winterklamotten und -stiefel. Das Bostoner Klima beschert dem unvorbereiteten
Durchschnittseuropaer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen
garstigen Erkaeltungsvirus, welchen der Autor vor kurzem naeher kennenlernen
durfte. Zwei Sachen, die den Amerikanern schlichtweg unbekannt sind, sind luftdicht
schliessende Fenster und massvoll beheizte Raeume. Die anfaengliche Freude ueber
ein Appartment mit Klimaanlage legte sich spaetestens im Winter, als ich mehr
als einmal nachts schweissueberstroemt in bruehender Hitze erwachte. Genauso
habe ich auch schon im Hochsommer kurzbehost im eiskalt klimatisierten Kino
bibbern duerfen. Auch ist hier die Luft so trocken, dass man um einen Luftbefeuchter
("humidifier") nicht herumkommt. Es sein denn, man ist scharf darauf
zu wissen, wie es sich morgens anfuehlt, wenn man im Schlaf eine handvoll Eisenspaene
in den Rachen geschoben bekommen hat. Gnadenlos!
2. Die erste Zeit
Nach einem angenehmen Flug und einem anregenden Gespraech mit dem Taxifahrer, dem ich u.a. entnehmen konnte, dass Boston die zur Zeit groesste Baustelle der Welt ist, da versucht wird, einen Grossteil des ueberirdischen Verkehrs durch Tunnel zu leiten, erlebte ich eine positive Ueberraschung in Form von Peter Hasler, einem schweizer Schlagzeuger, der mich die erste Woche beherbergte, und mir auch sonst sehr weiterhalf.
Wenn man in Boston jemanden
zwischen 18 und 30 trifft, kann man schon mal davon ausgehen, dass diese Person
am Berklee (College of Music) studiert. Damit haengt auch die Tatsache zusammen,
dass es hier eine betraechtliche Anzahl Musiker-WGs gibt (von denen viele schon
Tradition und legendaere Ahnenreihen haben). Es ist auch normal, dass in jeder
WG immer irgendein Typ, den eigentlich niemand richtig kennt, auf unbestimmte
Zeit auf der Wohnzimmercouch wohnt. Jeder hat das mal selbst durchgemacht und
bietet deshalb auch gerne Neuankoemmlingen eine Schlafstaette.
Ich werde mich immer dankbar an die ersten Tage erinnern, obwohl es ansonsten
eine knallharte Zeit der trostlosen Wohnungssuche war. Kaempfe mit kommerziellen
Wohnungsvermittlern (von denen es in Boston wimmelt, unbedingt meiden!) und
endlose Telefonsessions fuehrten nicht weiter.
Letztendlich half mir Peter, indem er mir die Nummer seine Vermieterin gab.
Ich empfehle sie hiermit jedem als Anlaufstelle in Sachen Wohnung.
Ihr Name ist Helen Frank, sie ist eine weitgereiste aeltere Dame aus Neuseeland
und hat hier unter den europaeischen Studenten (an die sie bevorzugt vermietet)
einen schon legendaeren Ruf. Diese Frau ist ueberhaupt extrem hilfsbereit, sie
schaerfte mir als Erstes ein, ja keinen Hausrat zu kaufen, bevor sie nicht in
ihrer Wohnung geschaut haette, ob nicht sie mir weiterhelfen koennte, was auch
meistens der Fall war.
Dank Helen habe ich mein bescheidenes Zimmerchen direkt an der "T" (das steht fuer "Transportation" und ist der Name der hiesigen U-Bahn), bin zu Fuss in 20 Minuten am New England Conservatory, habe, zusammen mit vier netten Roommates (einem Brasilianer, einem Schweizer, einem Iren und einer Hausmaus), ein grosses Appartment mit Kueche und Wohnzimmer und das alles fuer 340$ im Monat, was hier ein absoluter Spottpreis ist (der durchschnittliche Preis fuer ein Zimmer betraegt 500-600$). Dafuer muss ich eine relativ laute und dreckige Nachbarschaft (Roxbury Crossing) in Kauf nehmen, von deren hier sprichwoertlicher Ueberfallsrate ich allerdings noch nichts gemerkt habe. Alle Leute, die dort wohnen oder wohnten und mit denen ich sprach, fuehlten sich sicher. Gutaussehenden Frauen, die abends gerne einsame Spaziergaenge machen, sei diese Gegend trotzdem nicht unbedingt ans Herz gelegt.
3. Die Schule
Das New England Conservatory, ist musikalisch hauptsaechlich klassisch orientiert, und, was das Flair und die Groesse betrifft, mit einer deutschen Musikhochschule vergleichbar, besitzt jedoch ein sehr angesehenes Jazzprogramm, und die erlesene Prominenz, die dort unterrichtet, war fuer mich der Hauptgrund, dorthin zu gehen.
Das Jazzdepartment des NEC
besteht u.a. aus John Abercrombie, Gene Bertoncini (Gitarre), Jerry Bergonzi,
George Garzone (Saxophon), John McNeil (Trompete), Bob Brookmeyer (Posaune,
Komposition und Big-Band-Leitung), Dominique Eade (Gesang), Cecil McBee, John
Lockwood (Kontrabass), Bob Moses (Schlagzeug), George Russell (Lydian Chromatic
Concept und Big-Band-Leitung). Fuer Pianisten ist die Schule hinsichtlich der
Fakultaet mit Paul Bley, Fred Hersch, Danilo Perez und Michael Cain zweiffellos
ein Schlaraffenland.
Ein grosses Plus gegenueber den deutschen Hochschulen (zumindest Mannheim, wo
ich vier Jahre lang studierte) ist die Moeglichkeit, bei jedem dieser Lehrer,
voellig unabhaengig vom Instrument, regelmaessigen Einzelunterricht zu haben,
was auch ausgiebig genutzt wird.
Interdisziplinaerer Austausch wird hier sehr gefoerdert.
Dank der Tatsache, dass das NEC ein gegenueber dem Berklee mit seinen 4000 ein
ueberschaubare Anzahl Jazzstudenten besitzt (ca. 130) bekommt man mit hoher
Wahrscheinlichkeit auch Unterricht bei dem Lehrer der Wahl. Weiterhin ist die
Ensembleeinteilung extrem gut organisiert. Am Anfang des Semesters fuellt jeder
Student ein Formular aus, auf dem gefragt wird, von wem man unterrichtet und
in welches Ensemble man eingeteilt werden moechte. Allan Chase, der Leiter der
Jazz-Abteilung, hoert sich daraufhin jeden(!) der Studenten mit Rhythmusgruppe
fuer ca. 10 Minuten persoenlich an und macht daraufhin die Ensembleeinteilung.
In meinem Hauptfach unterrichten
mich, woechentlich abwechselnd, Gene Bertoncini und John Abercrombie. Gene ist
ein sehr warmherziger, leise, fast fluesternd sprechender Gentleman, der mich
mit seinem Lob sehr zu motivieren weiss und auch ruehrend um meinen aussermusikalischen
Frieden besorgt ist. Er will wissen, ob ich mich einsam fuehle, allein in Amerika,
oder ob ich in meinem Appartment friere, was natuerlich beides hin und wieder
der Fall ist.
Musikalisch war die Arbeit mit ihm bis jetzt sehr fruchtbar und ich bin sicher,
dass dies weiterhin der Fall sein wird. Er zeigte mir Bereiche der Gitarre,
in die ich noch nicht vorgedrungen war: Begleiten und Solieren auf den tiefen
Saiten, Akkorde mit offenen Saiten und vor allem intensives Arrangieren von
Jazz-Standards fuer Solo-Gitarre, sein Spezial-Gebiet. Gene hat sehr innovative
Konzepte hinsichtlich der Organisation von Harmonien auf der Gitarre, von denen
er mir einige, hoffentlich erfolgreich, vermitteln konnte. Ich werde ihm immer
dankbar sein!
Von dem Unterricht mit John
Abercrombie habe ich auf eine ganz andere Art profititert. Wie man angesichts
seines luftigen Spiels vielleicht nicht vermuten wuerde, ist er ein ganz erdverbundener
Typ mit einer guten Portion trockenen Humors. Von der Sorte "guter Kumpel"
ist er definitiv nicht dazu geboren, Improvisations-"Konzepte" zu
unterrichten, eine Eigenschaft, die ihn fuer mich jedoch gerade wertvoll macht,
denn er ist "im Geschaeft" wie nur wenige. Es sind lehrreiche Momente,
wenn er von seiner ECM recording session letztes Wochenende in New York erzaehlt,
wie sich seine Stuecke im Studio erst entwickeln und welchen Einfluss der Bassist
Marc Johnson dabei hat, von seinem Verhaeltnis zu dem Produzenten Manfred Eicher,
dem Sound von Mark Feldmanns neuer Violine, Paul Bley, Pfeife im Maul, imitiert
oder im Stimmfall Kenny Wheelers redet, mit dessen Kompostionen wir uns hin
und wieder beschaeftigten.
Wir spielten viel im Duo, ich nahm jede Stunde auf und hoerte es mir wieder
und wieder an. Ich fand schnell heraus, dass dies die Methode war, meiner Zeit
mit diesem in der suchenden Intensivitaet und Natuerlichkeit seiner Solo-Linien
begnadeten Musiker das Maximale abzugewinnen.
Auf aehnliche Weise ergaenzten
sich meine Ensembles, das eine unter der Leitung Cecil McBees, das andere mit
Bob Moses.
Gemeinsam ist beiden, dass sie, selbst Mitglieder einer Rhythmusgruppe, den
allergroessten Wert auf die "Time" legen. Was fuer Cecil "Swing"
ist, nennt Bob "Groove" oder "Bounce". Der Unterschied ist
die Stilistik und die Wahl der Stuecke.
In Cecil McBees Ensemble bestand das Repertoire hauptsaechlich aus am Mainstream
orientierten "straight ahead" Hardbop-Nummern, meist im oberen Tempobereich
angesiedelt, um auch die Technik der Studenten zu fordern.
Der Schwerpunkt lag auf der Vermittlung einer professionellen Herangehensweise
an unbekannte Stuecke. Mr. McBee hat die angenehme Eigenschaft, die Studenten
bis an die Grenzen zu fordern, und trotzdem eine sehr entspannte, freundschaftliche
Atmosphaere waehrend der Probe aufrechtzuerhalten, was nicht viele Lehrer schaffen.
Diese Erfahrung zeigt mir, dass man als Lehrer (und als Nicht-Lehrer!) ruhigen
Gewissens hart kritisieren darf, aber nur dann, wenn man auch mit grossem Herzen
loben kann.
Bob Moses ist (mit u.a.
Ran Blake und Paul Bley) einer der sagenumwobenen Gestalten der Schule, zweifellos
ein echter Guru.
Ein Mann der Extreme, nicht unbedingt unproblematisch im Umgang. Er besitzt
die Faehigkeit, musikalische Einsichten von unschaetzbaren Wert quasi nebenbei
zu vermitteln. Seine angeborene Autoritaet macht einen Dialog schwer. Man nimmt
sich von seiner sprudelnden Weisheit, was man gebrauchen kann und akzeptiert
es schweigend, wenn seine pantheotisch-polytonalen Vorstellungen von Improvisation
(meist kollektiv) nicht in Richtung der eigenen musikalischen Kompassnadel liegen.
Was fuer ihn Ausdruck von indianischer Spiritualitaet ist, klingt fuer mich
oft nach Tonsprachverwirrung babylonischen Ausmasses.
Trotzdem: Seine zwei-Zentner-Gestalt, die er wild tanzend und laut rufend zu
den Klaengen seiner Arrangements durch den Raum bewegt, mit Wollmuetze, die
er zusammen mit seinem Slang bewusst benutzt, um Sympathie fuer die Rapszene
zu zeigen, dann und wann laut schmatzend an einer rohen Ingwerwurzel kauend;
die Kerzen, die er vor Beginn der Probe entzuendet, um damit stumm zu sagen,
dass Musik und Religion fuer ihn nicht trennbar sind, das alles hat einen unausloeschbaren
Eindruck in meiner musikalischen Persoenlichkeit hinterlassen.
Die vier Theoriekurse, die
ich letztes Semster besuchte, waren alles andere als grau. Ich moechte mit einem
sehr interessanten Gehoerbildungskurs beginnen, geleitet von dem Gitarristen
Scott Sandvik.
"development of a long-term melodic memory", ein beeindruckender Titel,
der an sich das Langzeitgedaechtnis schon ganz schoen fordert. Scott Sandvik
hat sich zur Aufgabe gemacht, die unter Jazzmusikern fast voellig in Vergessenheit
geratene "oral (oder aural) tradition" wiederzubeleben.
In der Praxis sah das so aus, dass jeder Student Melodien verschiedster Art
(Jazz, Klassik, Spirituals, Folklore) von einem Tape lernen musste, ohne die
gehoerschwaechende Kruecke von geschriebenen Noten benutzen zu duerfen. Jede
Melodie musste erst sauber gesungen, dann von dem Studenten auf seinem Instrument
gespielt werden, bevor er/sie sich an eine Improvisation ueber das Stueck machen
durfte. Diese Arbeitsweise ist zwar zeitaufwendiger als die herkoemmliche, aber
sehr zu empfehlen, denn die Melodien werden dadurch tatsaechlich fest im Gehirn
verankert.
Um zu sehen, was die Klassiker hier so treiben, besuchte ich die Interpretationsklasse, geleitet von Benjamin Zander. Diesem Mann, vor Vitalitaet spruehend, immer ein wenig Schaum vor dem Mund, ist es wurscht, ob er vor einem Orchester, einer Gruppe von Top-Managern, denen er versucht, die Kraft der Musik zu vermitteln, oder vor einer Schulklasse steht. Seine Praesenz ist so ueberwaeltigend, dass sich kaum jemand entziehen kann, auch wenn es mir sein leicht egoistisch-chauvinistischer Charme hin und wieder schwer gemacht hat, mich seinem Unterricht vollkommen zu oeffnen. Seine "assignments" (Hausaufgaben) bestanden regelmaessig aus Sachen wie "provoziere einen heftigen Streit ueber eine Sache, die Dich schon lange stoert, versucht gemeinsam, das Problem zu loesen und erzaehle der Klasse von dem Versuch" ("Have a breakdown!"), "wenn Du Deine Eltern besuchst, falle nicht gewohnheitsgemaess in kindliche Verhaltensweisen zurueck" oder "uebernimm Verantwortung fuer die Stimmung der Leute, die Dich umgeben" ("Grace yourself with responsibility!").
Der 80jaehrige Pianist George
Russell ist einer der einflussreichsten Theoretiker und letzten grossen Visionaere,
ich moechte fast sagen, Metaphysiker, des Jazz, mit Altersweisheit gesegnet
und Schwerhoerigkeit geschlagen. 55 Jahre seines Lebens widmete er der Entwicklung
seines revolutionaeren "Lydian Chromatic Concept of Tonal Organization",
das die gesamte westliche Musiktheorie durch ein System ersetzt, welches die
lydische Skala (mit guten Gruenden!) aller (!) Musik zugrunde legt. Die zentralen
Begriffe sind "unity" und "gravity", die grob gesagt fuer
die Tatsache stehen, dass das Ohr jede Musik in Beziehung zu einem tonalen Zentrum
setzt.
Mit aufrichtigem Herzen und gegen den Strom unseres Zeitalters vertritt er eine
Wahrheit jenseits der Wirklichkeit. In seinen besten Momenten redete er so klar
und tief, dass ich mit feuchten Augen und offenem Mund jedes seiner Worte dankbar
aufsog. Auch sein hin und wieder aufblitzender messerscharfer Kulturpessimismus
war Balsam auf meiner von der um einiges kritischeren deutschen intellektuellen
Jazzszene sensibilisierten Kuenstlerseele.
Die ueberraschendste Entdeckung
war fuer mich jedoch das "Third Stream"- Department, inzwischen umbenannt
in "Contemporary Improvisation", kurz "C.I.". Diese Abteilung
wurde von Gunther Schuller, der langjaehriger Leiter des New England Conservatory
war, gegruendet, und verstand sich urspruenglich als Bindeglied zwischen Klassik
und Jazz. In der Praxis ist es ein Sammelbecken fuer Musiker, die sich in keine
bestehende Sparte eingeordnen lassen: Hier finden sich Experten fuer jiddische,
keltische oder indische Musik, freie Improvisation, Jimi Hendrix oder Ray Charles.
Ich durfte einen Kurs bei Ran Blake, dem Leiter des C.I.-Departments, besuchen.
Er nannte sich "development of a personal style".
Ran ist eine der aussergewoehnlichsten Persoenlichkeiten, denen ich je begegnet
bin: Weisser Bart, krauses Haar, mit geschlossenen Augen in bruechig gehauchtem
Bass redend, die Haende nach vorne ausgestreckt, als ertaste er die Aura des
Gespraechspartners, macht er den Eindruck eines autistischen Genies. Oeffnet
er seine Aeuglein, entdeckt man darin jedoch ein fuer sein Alter und seinen
Status aussergewoehnliches kindliches Interesse fuer seine Studenten. In diesem
Kurs lernte ich u.a., meine musikalischen Einfluesse zu benennen und meine Ziele
zu formulieren. Ausserdem fand dieser Kurs in entspannter Atmosphaere in seinem
Appartment statt, mit Rotwein und Kaese, was es uns durchaus nicht erschwerte,
zur Essenz unserer Persoenlichkeiten durchzudringen.
4. Freizeitgestaltung
Boston ist die Hauptstadt des Staates Massachussetts, auch "Bay State" (Kuestenstaat) genannt. Die "Greater Boston Area" (zu der auch Cambridge, das von Boston nur durch den Charles River getrennt ist, gehoert), hat etwa 4 Millionen, die Stadt selbst 650 000 Einwohner und ist vom Stadtbild europaeischen Staedten nicht unaehnlich: Teure Einkaufszentren (Prudential Center, Quincy Market) und -strassen (Newbury Street), Parks (Public Garden, Boston Common, Fenway Park) und v.a. Universitaeten (Harvard, M.I.T., Berklee College à).
Der Ozean ist direkt vor Ort (Revere Beach), fuer richtiges Sandstrandfeeling ist jedoch Cape Cod (ca. 2 Stunden mit dem Auto) besonders zu empfehlen, Wale gibt es dort auch zu besichtigen, wenn man mit einem Schiff etwas aufs offene Meer tuckert. Ich war in meiner ersten Woche mit drei Schweizern (von denen es hier eine Menge gibt, ich weiss auch nicht, warum) dort und habe jetzt noch einen Sonnenbrand.
New York ist sehr gut mit dem Bus erreichbar. Man kann fuer 15$ mit einem chinesischen Busunternehmen ("Fung Wah Transports") von Chinatown Boston nach Chinatown New York kommen (ca 4 Stunden) und fuer den gleichen Preis auch wieder zurueck. Das ist zwar etwas abenteuerlich (die Chinesen sprechen kein Englisch, fahren wie die Maniacs und scheuen sich auch nicht vor U-Turns mitten auf dem Highway, hab ich alles schon erlebt!), alles in allem aber sicher und v.a. billig. Ich habe diese Gelegenheit zweimal genutzt, zumal ich auch eine Saengerin dort kannte, bei der ich wohnen konnte. Nicht entgehen lassen!
Fuer Musiker ist Boston ein Mekka. Es gibt eine Unzahl von Konzerten, die Symphony Hall mit dem Boston Symphony Orchesta ist gleich um die Ecke, die Regattabar und das Berklee Performance Center sind Anlaufstelle vieler Jazzgroessen. Ausserdem finden in der Jordan Hall, dem Konzertsaal des New England Conservatory, fast jeden Abend erstrangige kostenlose Konzerte statt. Dieser Ort ist weltbekannt fuer die perfekte Akustik und trotz der Groesse intimen Atmosphaere. Eine Moeglichkeit, die ich ausgiebig wahrnahm. Ein Highlight war fuer mich ausserdem, das Keith-Jarrett-Trio (dessen Sohn uebrigens in einer meiner Ensembles Bass spielt) in der Symphony Hall zu hoeren.
Als Jazzmusiker ist das Wichtigste fuer mich, auf der Buehne zu stehen und zu spielen. Da es Anfangs schwer ist, Gigs zu bekommen,was zum Teil an den noch mangelnden Kontakten und zum Teil an der immensen Zahl guter Musiker in Boston liegt, spiele ich oft auf Jam Sessions, von denen ich drei hier beschreiben moechte.
Das "Wally's Cafe" befindet sich auf der Massachussetts Avenue, neben der Mass Ave Station und bietet taeglich Live Jazz. Auf dieser traditionsbehafteten Buehne spielten schon so gut wie alle Grossen des Jazz. Der Club wird von groesstenteils farbigen Musikern und Zuhoerern frequentiert und die allsonntaegliche Session ist von hohem Niveau. Musikalisch wird fast ausschliesslich dem Bebop und Hardbop der 50er und 60er Jahre gehuldigt. Was die heutige Szene dieser Art allerdings von der damaligen unterscheidet: Es geht sehr geordnet zu, kein Alkohol, keine Zigaretten, fast ein wenig zu kuehl und zu sauber fuer diese Musik.
Der "Choppin' Block" dagegen (auf der Huntington Avenue, am Brigham Circle) ist ein richtiges Loch. Das hier ausschliesslich weisse (traurigerweise findet wenig Austausch statt!) Publikum bekommt zum Teil erfrischend wilde Interpretationen von Standards geboten, "local cats" wie Jeff Galindo, Barry Ries oder James Merenda sind immer mit von der Partie.
Die "Wonderbar", im Stadtteil Allston ist keine eigentliche Jam Session, doch wenn man die Musiker kennt (und "kennen" wird in Amerika ziemlich locker interpretiert, man kann auch einfach so tun, als ob ) kann man "einsitzen". Dieses System des "sitting in" ist etwas sehr Uebliches hier und sollte meiner Meinung nach auch in Deutschland oefters praktiziert werden. Es bedeutet, dass man mit seinem Instrument zum Konzert kommt, sich den Musikern vorstellt (wobei Bescheidenheit fehl am Platze ist!) und fragt, ob man ein oder zwei Stuecke mitspielen darf.
5. Kulturelle Eindruecke und technische Bemerkungen
"Sooo anders sind die hier auch wieder nicht!" war mein Gedanke nach meiner ersten Zeit, und ich bin immer noch der Meinung, dass der Grossteil interkultureller Missverstaendnisse der Sprache zuzuschreiben ist, vornehmlich ihrem konnotativen Bestandteil. Man wird vom DAAD sehr gut ueber die kulturellen Verschiedenheiten unterrichtet und weiss, dass man nicht erwarten darf, mit offenen Armen empfangen zu werden. Auf "Einzelkampf" vorbereitet, sah ich jede Anteilnahme als Geschenk an.
Es ist unabdingbar, sich
zu oeffnen. Mit der Auesserung von Kritik an Verfassung, kapitalistischem (die
Geschaefte bestimmen, in welcher Stimmung sich die Nation befindet, Massen von
Plastikherzen mit "I love You"-Aufschrift puenktlich einen Monat vor
dem Valentinstag) und (un-)sozialem System (viele aufdringlich bettelnde Obdachlose,
die sich mit weniger als einem Dollar nicht zufrieden geben), hiesigem Pietismus
(Baseballcaps mit dem Aufdruck "Jesus is my Boss!") und Sexualmoral
(fuer Videos mit Sexszenen wird gleichzeitig geworben und vor ihnen gewarnt,
auf ein und der selben Huelle) sollte man, auch wenn sie vollkommen berechtigt
ist, zumindest vorsichtig sein. Meiner Meinung nach ist es am Gast, wenigstens
zu versuchen, Verstaendnis fuer die Sitten des Gastlandes aufzubringen, nicht
umgekehrt.
Mit etwas Sensibilitaet in diesen Sachen lernt man hier aber durchaus auch einige
dem eigenen Land gegenueber kritisch eingestellte und an fremder Kultur interessierte
Individuen kennen.
Aber man darf nicht einschnappen, wenn die erste Frage die nach dem Nationalsozialismus
ist und das weitere Interesse der Stasi und der Mauer gilt. Auch subtilere Bemerkungen
haben mich zum Nachdenken gebracht. Ein Student aus einem meiner Kurse erzaehte
mir von einem befreundeten Paar, an dem das seiner Meinung nach Aussergewoehniche
war, dass er Deutscher und sie Juedin sei.
Mich so richtig als "Auslaender" (eins der wenigen deutschen Worte,
die hier auch gebraucht werden, weil es sie in englisch nicht gibt!) zu fuehlen,
nicht als Tourist, ist ein wichtiges Erlebnis, das mir mehr von mir selbst und
von meiner Heimat offenbart als von dem hiesigen Volke.
Es ist wichtig, dass man
den Leuten von sich erzaehlt! Was man darstellt, welche Faehigkeiten man besitzt,
welche Erfolge man erreicht hat, das IST man. Wenn man weiterkommen will, sollte
man seine allergische Reaktion auf Angeberei lieber im Kopf stattfinden lassen
und ueber so manches einfach milde laecheln.
"You played great!", "We should get together to play!" sind
hier Standartfloskeln, die man nicht allzuwoertlich nehmen darf. Auf der anderen
Seite sollte man gedankenlose Hoeflichkeiten dieser Art nicht unterschaetzen,
denn sie bewahren das gesellschaftliche Klima vor einer Laester-Atmosphaere,
die an deutschen Hochschulen viele herunterzieht.
Das Leben ist ein Spiel, und wenn man es richtig spielt, kann es eine Menge
Spass machen.
Alkohol und Rauchen sind
out! Fast alle oeffentlichen (zum Teil sogar Freiluft-) Plaetze sind rauchfrei,
Alkohol darf weder an unter 21jaehrige, noch an Sonntagen oder nach 11 Uhr abends
verkauft werden. Dies wird auch strikt kontrolliert, was bedeutet, dass man
immer seinen Reisepass (der als einzig gueltiges Dokument ueberall akzeptiert
wird) mit sich tragen muss, wenn man in eine Kneipe geht.
Das Trinkgeld (15%) ist nicht, wie in Deutschland, eine Zulage fuer hoeflichen
Service, sondern gehoert zum Preis, auch wenn man sich sein Bier an der Bar
holt. Missachtung zieht Moralpredigten beleidigter Barkeeper
nach sich, wie der Autor schon feststellen durfte.
Die Eroeffnung eines Kontos
ist eine der Angelegenheiten, die man umgehend erledigen sollte. Ich bin bei
der Fleet-Bank, aus dem Grund, dass sie die meistverbreitete ist. Ein besserer
Deal koennte u.U. die Citizen Bank oder die Sovereign Bank sein, die Angebote
variieren.
Bankueberweisungen sind hier unueblich, man sendet einfach einen Scheck, weshalb
man sich ein "Checkings Account" zulegen sollte.
Kreditkarten werden ueberall akzeptiert, und man sollte keine groesseren Summen
mit sich tragen.
Die Bostoner Wohngegenden
besitzen sehr unterschiedlichen Charakter, zu empfehlen sind Allston, Brighton,
North End und Jamaica Plain. Letzteres ist im Vergleich zu Ersteren billiger
und beherbergt viele Studenten und alternative Kuenstler. Mein Viertel, Mission
Hill, ist ebenfalls billig und nah an der Schule, allerdings wie gesagt etwas
schmutzig (wie auch Roxbury und Dorchester). Alles andere (Back Bay, Beacon
Hill, Downtown) ist im Allgemeinen unbezahlbar.
Wichtig ist, waehrend der Vorbereitung in Deutschland Adressen und Telefonnummern
von hier studierenden Musikern zu sammeln, auch ueber mehrere Ecken, um Anlaufstellen
fuer Kontakte zu haben.
Ein paar Worte moechte ich noch zum amerikanischen Studiensystem verlieren. Da die High School mit der zwoelften Klasse ohne Pruefung abschliesst, sind auch Faecher wie Psychologie, Geschichte oder Linguistik in den ersten vier Conservatory-Jahren (= "undergraduate studies") Pflicht, weshalb es meiner Meinung nach als international student nur Sinn macht, fuer die "graduate studies" hierherzukommen. Ich habe hier einige Deutsche in den undergraduate studies getroffen, die etwas enttaeuscht waren, da sie wegen dieser (arbeitsaufwendigen) Faecher nicht zum Ueben kamen.
Uns kommt die Schule unglaublich teuer vor, die einheimischen Studenten kennen es jedoch nicht anders. Wenn man ihnen erzaehlt, dass man in Deutschland "umsonst" studiert, koennen sie es erst gar nicht fassen. Ich brauchte diese Erfahrung, um zu lernen, welch einen Luxus wir geniessen.
Ein Vorteil ist hingegen, dass man fast jeden Kurs waehlen kann, auch aus voellig anderen Bereichen, und das funktioniert so: Jeder Student hat eine bestimmte Anzahl von Credits, die vom Programm (und damit von der Hoehe des Schulgeldes) abhaengt, und mit denen er/sie fuer die Kurse "zahlt". Fuer jeden abgeschlossenen Kurs bekommt man eine Note, die dann im "grade report" auftaucht, der nicht unwichtig ist, da von seiner Qualitaet und dem "recital" die finanzielle Unterstuetzung seitens der Schule abhaengt.
Dass dieses System es jedem moeglich macht, seinen individuellen Weg zu waehlen, zeigt sich auch in der stilistischen Bandbreite der Abschlusspruefungen: So mancher Absolvent des Jazzprogramms bestreitet sein recital auch mal mit Kammerorchester, Banjo oder Bob-Dylan-Songs.
6. Ausblick und Abschliessende Bemerkungen
Fuer das kommende Semester habe ich die Kurse "Development of Rhythmic
Skills" mit Michael Cain und "Intervallic Improvisation" mit
Jerry Bergonzi gewaehlt. Ausserdem bin ich "teaching assistant" von
Ran Blake in der "Film Noir"-Klasse, worauf ich mich schon riesig
freue und wovon ich in meinem Abschlussbericht ausfuehrlich schreiben werde.
Auch werde ich Alles versuchen, um noch ein weiteres Jahr hierbleiben zu koennen,
was mir weitere unschaetzbare Erfahrungen und nicht zuletzt auch einen Abschluss
meines Aufbaustudiums einbringen wuerde.
"Meinen Weg" zu
finden, mich durchzukaempfen, mich behaupten zu koennen, zu reifen - noch nie
hatte ich dieses Gefuehl so intensiv wie momentan. Ein wichtiger Schritt zur
Persoenlichkeitsentwicklung, viele aufgehende Lichter und nicht zuletzt lots
of fun.
I'm having the time of my life.
Boston, den 28. Januar 2001