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Hans Maria Doé

- Leseprobe aus: "Dei Ärztin von Semara" -

 

 

 

 

 

Es ist nur Blut, hätte sie gerne gesagt. Aber sie konnte nichts dergleichen. Was kommen musste, war gekommen.

Sie hätte sich sagen können: Es ist ein anderer Mullah, der seine Kette trägt. Aber ihr Verstand weigerte sich. Es wäre sinnlos, sich etwas vorzumachen. Sie wusste, dieser Anhänger gehörte Abdullah Mahallam, der da leblos vor ihr lag. Es war sein Körper! Das war er! Da war er nun, er, ihr schlimmster Feind! Der Mann ohne Gewissen.

Jakubi hatte sein Versprechen gehalten. „Ich werde dir den Körper deines Feindes vor die Füße werfen...“

Jetzt lag er ihr zu Füßen, dieser oft verfluchte Mullah. Zerschlagen und auf wie viel hundert Arten gemartert?

Abdullah Mahallam war tot! Und sie, die Frau, die er, ohne sie zu kennen, mit seinem Hass verfolgt hatte, stand über ihm, lebend, den Blick auf seine bejammernswerten Überreste gerichtet.

Wie lange hatte sie so über ihn gestanden? Ein paar Minuten? Stunden?

Während dieser Zeit hatte sie jedoch keine Empfindungen.

Sie verspürte weder Empörung, Hass oder Freude...

Ihr zittern hatte aufgehört und sie kam langsam wieder zu sich. Angst und Hunger waren verflogen. Sie spürte nur eine große Leere, die sich, langsam wie ein steigendes Meer, mit unendlicher Trauer füllte.

Welch nutzloser Sieg! Das Meer der Trauer erreichte ihre Lippen und ließ sie erbeben.

Aber Juanita kehrte in die Wirklichkeit zurück. Zurück zu dem schwachen Licht im Raum, an den grobschlächtigen Wänden des Hauses, zurück in ihre Grabesstille und zurück zu dem ausgestreckt daliegenden Toten, von dem nun ein schauriges Stöhnen ausging. Obwohl sie glaubte, dass höchste an Verzweiflung durchlebt zu haben, dass ein Mensch ertragen konnte, spürte sie neues Entsetzen in sich aufsteigen.

Lebte dieser Mensch noch? Sie dachte, den Verstand zu verlieren. Erschrocken begann ihr Gehirn zu arbeiten. Bin ich jetzt Verrückt? Im Delirium?

Doch das Stöhnen kam wirklich aus dem Mund dieses Toten. Sie musste sich damit abfinden, dass der Mann lebte.

Warum hatte Jakubi das getan? Warum hatte er ihn lebend vor die Tür geworfen? Um einem seiner undurchsichtigen Gesetze zu genügen? Wollte er somit erreichen, dass sie ihm den Todesstoß versetzte und ihn, – in ihrem Hunger, – verspeiste? War es das, was er wollte? Folgte er damit der Ethik einer primitiven Rasse...

Ihr Magen revoltierte. Sie stürzte zur Tür, um den schaurigen Bildern zu entfliehen, die in ihr hochkamen: Fleisch, gekocht und gebraten, eine heiße Suppe mit Fettaugen, endlich satt sein, satt sein und leben!

Entkräftet sank sie vor der Tür auf die Knie. Später würde sie sich an die Erleichterung erinnern, die sie empfunden hatte, als ihr Magen sich beruhigte.

Der Gedanke an die Kinder schreckte sie auf. Mit einem Satz war sie auf den Beinen, taumelte zu dem großen Bett, schleppte sich hinein und legte sich zu den friedlich schlafenden Kindern.

Ob sie sich etwas ausruhen konnte? Das Feuer versprach lange anzuhalten.

*

Nach dem Erwachen schwebte sie kurz zwischen dem Vergessen, dass der Schlaf ihr beschert hatte, und der vagen Vorahnung dessen, was auf sie zukommen würde.

Ihr erster Blick galt wie immer den Kindern. Auf ihren schmalen Gesichtern schien sie einen Abglanz von Seligkeit zu erkennen, die sie selbst empfunden hatte. Aber das war nicht gut. Sie schliefen zuviel. Sie musste sie wecken. Aber dann würden sie essen wollen. Und es gab nichts mehr, was sie ihnen geben konnte. Langsam kamen die Ereignisse des Vorabend wieder in ihr hoch. Es hatte zwei Schläge an der Tür gegeben und einen Sack mit Lebensmitteln, – nein, keine Lebensmittel!

An den Rest wollte sie nicht denken. Ich habe es nur geträumt! Aber da war einen toter Mann gewesen, und diese Leiche hatte gelebt.

Alles nur geträumt, beruhigte sie sich. Es herrschte Stille. Der Sturm hatte sich wieder beruhigt. An dem fahlen Licht, dass durchs Fenster drang, erkannte sie, dass die Sonne schien. Hatte sie wirklich nur geträumt?

Sie betrachtete ihre Hände, die zerschunden waren, und alle Einzelheiten ihres Kampfes, gegen die Tür und mit dem Gewicht des Sackes kamen ihr wieder zum Bewusstsein. Und dann dieser geschundene Leichnam vor ihr auf den Boden ... Sollte er tatsächlich noch drüben liegen in der Halle?

Er war auf den Tod verwundet! Was habe ich getan? dachte sie entsetzt. Habe ich ihn sterben lassen? Ging ihr Wahnsinn schon so weit, dass sie wirklich glauben konnte, es handle sich um Abdullah Mahallam? Hatte sie tatsächlich einen Diamanten auf einem goldenen Halbmond gesehen? Und Elfenbein? War da nicht vielmehr Blut gewesen?

Hatte sie nicht bemerkt, dass der Mann über und über mit Wunden übersäht war? Ich bin doch Ärztin. Ich muss den Verstand verloren haben.

Sie erhob sich und schürte die Glut und schon bald flackerte ein munteres Feuer. Im Vergleich zu ihrem Zimmer war die Halle eisig. Noch hoffte sie innigst, die  Spuren des gestrigen Geschehens seien verschwunden.

Schwarz und reglos, war es noch da. Lag inmitten der Halle, wie sie es am Abend verlassen hatte. Sie blieb stehen und beobachtete die schwarze Masse aus der Ferne. Was hast du getan? fragte sie sich wieder.

Von Panik ergriffen war sie davongelaufen, ohne zu bedenken, dass er jetzt endgültig tot sein könnte. Selbst wenn es ihr Todfeind gewesen wäre, sie hätte ihn nicht sterben lassen dürfen.

Von Selbstvorwürfen gequält und von Mitleid ergriffen, kniete sie sich neben den Ledersack. Sie zog das starre Leder zurück, und es bot sich ihr dasselbe wachsbleiche Gesicht mit den geschlossenen Lidern, dass sie am Abend vorher gesehen hatte; totenbleich, wie aus Marmor gemeißelt, unter dem schwarzweißen, gekräuselten Bart und zahllose Wunden an dem das Blut trocknete. „Verzeih mir! Wenn du es bist Abdullah Mahallam. Bitte verzeih mir!“

Was sie bei seinem Anblick so erschreckte und in die Flucht gejagt hatte? Sie wusste es nicht mehr. Ihre Augen waren blind vor Tränen. Aber was sollte sie jetzt tun, jetzt wo er wahrscheinlich tot war, – durch ihre Schuld?

Sie durchforschte das zerschundene Gesicht, Punkt für Punkt. Wer war dieser unbekannte Mann?

Ein Schauder überkam sie. Sie hatte auf dem reglosen Gesicht einen Hauch von Schweiß bemerkt. Nicht auszudenken, dass er noch lebte!

Sie stürzte in ihr Zimmer, fand eine kleine gläserne Teeuntertasse, zitterte, kam zurück und hielt sie vor seinen Mund. Die trübe Spur eines Atem war unleugbar.

Er war am Leben!

Ihre Zuversicht und ihr Elan kehrten zurück. Ich werde ihn pflegen, und ich werde ihn retten! Eine Wut und Eifer erfasste sie. Sie musste diesen Mann dem Tod entreißen, dann wären sie und alle gerettet.

Sie ging zurück und schürte das Feuer unter dem Wasserkessel. Mit einer Tasse Minzetee und einen Korb voll Medikamente kam sie zurück. Sie hatte dem Tee eine kräftige Portion Alkohol zugesetzt.

Es würde ihn entweder töten oder stärken. Aber dieses Risiko musste sie eingehen.

Es bedurfte endloser Geduld, dass belebende Getränk durch diesen Spalt zu träufeln, der sich auftat zwischen den Lippen, wo einige Zähne fehlten, ausgebrochen oder ausgefallen. Doch als die Tasse leer war, konnte sie sicher sein, dass ihre Medizin wenigstens seinen ausgetrockneten Mund benetzt hatte. Danach verabreichte sie ihm eine geringe Dosis Penicillin.

Mit einer antiseptischen Hautcreme, die schon immer ihr Geheimrezept gewesen war, wusch sie sein Gesicht.

Die Verletzungen auf der Brust, die von einem Feuer oder einem heißen Eisen zu sein schienen, an die wagte sie sich heute noch nicht. Als nächstes galt es, den Mann aus seiner ledernen Hülle zu schälen. Der am Kopfende angebrachte Riemen ließ den Schluss zu, dass sie ihn daran kilometerweit durchs Land gezogen hatten.

Ein hin und her gebeutelter Körper hinter wilden Männer, über Berg und Tal, durch die blinde Schwärze der Nacht, durch die heulenden Stürme hindurch. Und das, um diesen Körper ihr vor die Tür zu werfen.

Sie würde diesen Jakubi niemals verstehen.

Das starre Leder gab nach. Unter der harten Hülle stieß sie zu ihrem Erstaunen auf kleine Kissen, die offenbar dazu dienten, den Sack auszupolstern. Als erstes nahm sie die prallgefühlten Beutel zutage, dessen Inhalt sie erriet.

So grenzenlos ihre Enttäuschung gestern auch war, so ungeheuer war jetzt ihre Freude.

„Jakubi, du grässlicher, guter Mann!“

Ein Geiziger, der seine Geldscheine zählte, hätte in diesem Augenblick nicht hingerissener sein können, als der Inhalt eines Kissen in Juanitas hohle Hand rieselte.

Die anderen enthielten Sojabohnen, die sie zum Keimen bringen konnte, Sonnenblumenkerne und getrocknetes Gemüse, dazu Hirse und Erbsen und noch mehr Bohnen.

„Danke, lieber Jakubi! Danke!“

Sie war niedergekniet.

Die Furcht war gewichen. Das Leben ging weiter.

„Wir alle sind gerettet!“

Sie hatte laut geschrieen und vor Glück geweint. In dem Gefühl, dass jemand sie beobachtete, und bemerkte die geöffneten Augen des Todgeweihten.

Aus ihnen drang ein farbloser, aber immerhin wahrnehmbarer Blick.

So unglaublich Bizarr das Verhalten auch sein mochte, dass der listige Jakubi benutzt hatte, um ihr zu helfen, dieser Mann hier, war ihr Retter.

Er hatte ihr Nahrung gebracht, und sie hatte den festen Willen, diesen Unglücklichen von der Schwelle des Todes zurückzuholen, vor der er umhergeirrt war.

„Sie sind in Sicherheit“, sagte sie laut. „Sie haben hier nichts zu befürchten. Ich werde Sie pflegen, – und heilen.“

Er sollte durch ihre Worte merken, dass er noch lebte.

„Hören Sie mich? Wenn Sie mich hören können, dann geben Sie mir ein Zeichen! Versuchen Sie ihre Lider zu bewegen.“

Aber auch nach einiger Zeit, rührten seine Lider sich nicht. Die Augen blieben starr und ausdruckslos.

Es waren seine Lippen, die sich als erstes bewegten. Er versuchte es mehrmals, dann entrang sich ihnen ein Röcheln, und wie aus weiter Ferne, ansträngend, aber deutlich hörbar, fragte er: „Wer ... sind ... Sie?“

Juanita zögerte wie vor einem Abgrund, der zu überspringen gefährlich war. In seinen leeren Augen hinein sagte sie vorsichtig: „Ich bin Juanita ... Questuro.“

Er bewegte sich nicht. Aber sie hätte schwören können, ein jähes Blitzen im wässrigen Braun dieser toten Augen gesehen zu haben. Oder hatte sie es sich eingebildet?

„Ich gehe jetzt ein Essen für uns alle zubereiten“, sagte sie. „Danach werden wir weitersehen.“

Und da war es wieder. Die farblosen Augen belebten sich. In ihnen erschien noch einmal dieser intensive Glanz, der sich in der Iris ausbreitete und ihr Ausdruck verlieh. Es war ein sehr trübes Braun und doch hart und kalt, wie das eines Adlers.

Und dieser Blick hielt dem ihren stand. Die ganze Energie des unbeweglichen Körpers schien sich darin zu sammeln. Und wieder erhob sich diese halb erstickte, röchelnde Stimme. Sie musste sich zu ihm beugen, um zu verstehen. Es war zum Erbarmen und zerriss einem fast das Herz, wie die schwache Stimme und die ausgedörrten Lippen sich abmühten, und in der Sprache der gebildeten Männer zu flüstern: „Er ... Erlauben Sie, dass ich mich vor ... stelle ... Ich bin Mu ... Mullah Abdullah Maha ... llam...“

Es hätte sich nicht auf diese Art und Weise zutragen dürfen. Trotzdem war es geschehen. Juanita Questuro und der Mullah Abdullah Mahallam sahen sich von Angesicht zu Angesicht...

 

 

 

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Stand: 31.03.2006

 

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