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"Titel"

Hans Maria Doé

- Leseprobe aus: "Eine Rose in Afghanistan" -

 

 

 

 

 

 

Sergeant Harry Hobb fluchte erbärmlich und suchte in seinem Gedächtnis nach weiteren deftigen Ausdrücken, um seiner Wut und zu gleich Besorgnis Ausdruck zu verleihen.
Normalerweise war er ein ausgeglichener, bedächtiger Mann, der nicht dazu neigte, seine Äußerungen mit den üblichen Schimpfwörtern zu spicken.                                                 Vierschrötig und blond, besaß er eine kräftige körperliche Statur und ein ebensolches Wesen, das Fluchen als überflüssig erscheinen ließ. ›Er ist ein bisschen schwierig, wenn er aus der Fassung gerät, unser Old King Hobb‹, fanden die Männer seiner Truppe. Aber jetzt war Old King Hobb aus der Fassung geraten und wurde mit jeder verstreichenden Minute aufgebrachter. Verdammter Sprengauftrag! Und verdammtes Einsatz- HQ mit seinen blödsinnigen Befehlen...
»Vierzehn Uhr Nullnull! Wiederhole! -Vierzehn Uhr Nullnull genau...« Und jetzt war Charly nicht erschienen! Ungeduldig klappte er die Lederhülle von seiner Uhr. Und die neongrünen Zahlen auf dem Zifferblatt schienen spöttisch auf ihn zu blinken. Noch sieben Minuten, und von Charly keine Spur. Wo zum Teufel war er. Was tat er da unten die ganze Zeit? Die sturen Afghanen zum Tee einladen? Irgend eine Hure aufreißen? Anständiger Kerl trotzdem, wirklich einer der ihren. Hatte ein paar irre Einfälle. Zum Beispiel, dass er höflich »Nein danke, Schorsch«, zu dem afghanischen Lausebengel sagte, der ihm Pornofotos andrehen wollte. Der Marines Sergeant der Pionier Einheit Harry Hobb selbst bewahrte allen Fremden gegenüber eine zuverlässige Anglo- Antipoden- Überlegenheit, auch in deren eigenem Land, und hatte die gleichen Verkäufer angebrüllt: »Haut ab, ihr dreckigen kleinen Saukerle!«
Dennoch war Charly sein Kamerad, nach der unbegreiflichen Regel, dass Gegensätzliches sich anzieht. Und so sehr er sich auch über seinem Kameraden ärgern mochte, Harry würde ihn nie im Stich lassen, und wenn sie noch so oft, »Auf die Minute genau!« wiederholen würden.
Außerdem Harry war nicht ausgebildet um mit dem hypermotorisierten Lastkraftwagen zu fahren, und selbst wenn er es gekonnt hätte, fehlte ihm das Talent zum Mechaniker, und der Lastwagen hatte auf dem Weg nach hier oben Schwierigkeiten gemacht.                                Er blickte zum Fahrzeug hinüber und hoffte, dass Charly die Dieselleitung, oder was es immer war, in Ordnung gebracht hatte. Er stand am Rand der Böschung, die Räder streckten auf der einen Seite in einer flachen, regendurchweichten Mulde, eine Hinterecke lehnte gegen ein Felsstück wie ein Betrunkener gegen einen Laternenpfahl.
»Es ist diese verdammte Handbremse«, hatte Charly geklagt, als er es in seine jetzige Lage gesteuert hatte. Der dreckige Ford war wie die Männer, die ihn fuhren, ein Verrückter in Uniform, und das versteckt unter einer phantastischen Tarnung von trüben Weis mit Schwarz und Pferdeäpfelgelb, großzügig mit Sand beworfen, während die Farbe noch feucht war, so dass sich die Oberfläche wie ein Sandpapier anfühlte. Das, so meinte ein weit vom Schuss entfernter genialer Waffenexperte, würde den Glanz der Farbe mildern.
Wie seine Passagiere trug der Laster die Spuren des Irak-Krieges: ockerfarbener Wüstenstaub, fein und durchdringend, den der afghanische Herbstregen an die Räder klumpte und die Aufbauplane streifig markierte. Auf seiner beschädigten Rückenklappe war eine spindeldürre Handschrift mit Kreide ›Masons Freudenhaus‹ aufgemalt. Mason, den Abteilungs- Major der Pionier- Marines, hatte es in Irak erwischt - er war vor Bardha auf eine Mine getreten -  und was ihn im Leben geehrt hatte, war nach dem Tod, von keiner prüden Hand weggewischt, zu seinem Denkmal geworden. Sein Name, wenn nicht gar seine Seele, fuhr weiter mit, so dass er nicht vergessen werden konnte.
Harry blickte um sich, wie er es schon so viele Male getan hatte, um sich zu vergewissern, dass alles bereit war.
Die Zündelektronik lag zu seinen Füßen, ein grauer, Laptop- ähnlicher Koffer, dazu zwei Klemmschrauben und der unheimliche rote Knopf des Auslösers starrte ihn an. Und auf einem Felsen lagen die Zündschnüre - mit freigelegten Enden, umwickelt und beschwert mit einem Stein, um die Biegung von Ästen geschlungen, die in die erdige Böschung getrieben waren, sicher vor Rädern und Füßen und den Händen von Männern der Taliban, die einen Draht durchschneiden oder, was viel schwerer zu entdecken war, die Isolierung lösen könnten, so dass die Elektronik einen Kurzschluss und damit eine Fehlzündung verursachen würde. Wie graugrüne Nabelschnüre von Zwillingen warteten sie auf ihre einmalige, spontane, explosive Lebensäußerung.
Harry stellte sich die Höhlung, die er und die Truppe unter der Straße ausgeschachtet und gedrillt hatten, aus der Froschperspektive vor, gerade da, wo die Felswand sich mächtig vorwölbte. Er sah die erdige Höhle vor sich, angefüllt mit vierhundert Kilo Sprengstoff. Eine genau berechnete und langsam berstende Sprengladung, die es in sich hatte.
Denn Harry war vor dem Dienst bei den Marines Minenarbeiter gewesen und kannte sich in den Feinheiten unterirdischer Arbeiten aus. Und nun war alles so gut vorbereitet, wie seine erfahrene Hand es vermochte, abgesichert durch Stichproben, und gleichgerichtet. So bereit wie nur möglich. So bereit, wie es gewesen war, als die Einheit, zu der er gehörte, heute morgen unter Gelächter und zotigen Abschiedsworten aufgebrochen war.
»Sitzen Sie besser nicht so lange auf dem Arsch«, war Major Old Cohens letzte Ermahnung gewesen. »Wenn das Ding hochgeht, hauen sie schleunigst ab. Alle Truppen haben sich bereits von den Bergen abgesetzt, es wird also nichts zwischen Ihnen und den Djihadis sein als das Loch in der Straße. Sie werden das Einsatzquartier in Shindad finden. Das ist zirka vierzig Kilometer von hier, das müssten Sie in zwei Stunden schaffen können. Und sammeln Sie keine Flüchtlinge auf! Erinnern Sie sich daran, was mit diesen Nachschub- Fahrern letzte Woche geschah.«
Harry verzog sein Gesicht, als er an die Äußerung seines Vorgesetzten dachte. Er erinnerte sich an sie mit bekümmertem Missfallen. »Nichts dazwischen als das Loch der Straße.« Fein, großartig! Und was diese Nachschub- Fahrer letzte Woche betraf, so hatte er gehört, dass sie Flüchtlinge mitnahmen, zwischen ihnen Typen der Taliban, welche die Pechvögel von Fahrern erschossen, und mit dem Autos in die Berge abgehauen waren. Die Hälfte der hier Flüchtenden waren sowieso Verräter, und die übrigen sahen nicht allzu vertrauenserweckend aus.
Er blickte um sich und stellte fest, dass sich keine Menschen mehr auf der Straße befanden. Charly musste sie aufgehalten haben, aber wo zum Teufel war er nun?
Die letzte, die durchgekommen war, war eine Frau mit Kind und Esel gewesen, die ihm einen Blick zugeworfen hatte, als sei er Ungeziefer. Die Frau war ihm wegen ihres verdeckten Spots, einer Art von katzenhafter Feindseeligkeit im Gedächtnis geblieben, die ihn noch störte, als sie schon vorbei war - ja, und aus dem Bündel auf dem Esel hatte so etwas wie ein rotes Nachthemd hervorgeschaut.
Und natürlich wusste Old Cohen auch schon genau, wie viel Zeit sie für den Weiterweg benötigten. Zwei Stunden! Blödsinn! Wenn das hier eine Autobahn wäre, dann vielleicht. Und wenn da nicht so viele Berge wären, und wenn der Lastwagen nicht wieder stecken bliebe. Einen Augenblick lang wünschte sich Harry, nach Süden über die Berge zu fahren, die Straße hinab, die sie heraufgekommen waren. Durch Bamián, über die große Trägerbrücke, über den Fluss und den nächsten Pass hinauf nach Shindad zum Einsatz-HQ und zur Truppe.
Ungeduldig starrte er zur Straße hinab, näher an den Rand der Schlucht herankriechend, als für ihn gut war. Die Felskante ermutigte ihn, aber er überwand sich und sah hinab in die schwindelnde Tiefe. Da unten wallten die Nebel unheilvoll und verwandelten die Schatten zu lebhaft beweglichen Flecken, die noch größere Tiefen ahnen ließen. ›Verfluchte Berge!‹, dachte er. Er war daran gewöhnt, unter der Erde zu arbeiten, konnte in Gedanken an Saufen und Wetten, eine Zigarette zwischen den Lippen, in die finstersten, engsten Schächte hinabsteigen, aber hier oben am zugigen Rand zu balancieren, Aug in Aug mit den schneebedeckten Berggipfeln, beunruhigte ihn auf lähmende Weise. Verdammte Berge! Verdammtes Afghanistan!
In den ausgebeulten Taschen seine Waffenrocks kramte er zwischen alten Briefen von daheim - längst gelesen - beantwortet, seither von der Brust in die Seitentasche befördert - staubfestem Isolierband und stachligem Drahtgewinde zum Prüfen elektrischer Stromstärken und einem beschmutzten, Päckchen Präservativen, erworben vor einem Jahr in der ›Bluelight Bar‹ an der Sister Street in Chicago, und zog eine Schachtel Zigaretten hervor. Dann, beim ersten Zug aus der Zigarette hörte er es, das ferne summen eines Motors, das schwach von den Bergen widerhallte. Er blickte hoch und sah ein Flugzeug langsam eine schneeige Bergspitze umkreisen, noch winzig, noch weit weg wie eine Stubenfliege um einen Zuckerhut. Die Zigarette schief im Mundwinkel hängend, sah Harry es mit seinem eigenartigen, sommerschweren Gesumm näherkommen. Natürlich ein »Djihadi«, wie sie diese selbstmörderischen Taliban hier nannten.
Eigene Flugzeuge gab es hier keine, keine jedenfalls, die zwischen den hohen Bergen in den engen Tälern aufkreuzen könnten, wenn man sie brauchte. Gedankenvoll betrachtete er jenen entfernt summenden Feind und erinnerte sich der Flugzeugskunde mit ihrer verwirrenden Vielzahl von Umrissen - alle einander recht ähnlich, hatte er gedacht, aber hier gab es nur einen Feind den man von eigenen Flugzeugen unterscheiden musste. Doch dazu brauchte man nicht hochzusehen. Man konnte den Unterschied hören, die alten russischen Tuppolows mit ihren Propellern und dem Geknatter der Kalaschnikows.
Jetzt kam das Flugzeug näher. Es hing an den Steilwänden in libellenhafter Schwebe. Ein ungeschicktes, zerbrechliches, fast harmlos aussehendes Ding mit einem schaukelndem Unterbau und den eckigen Flügeln. Seine Langsamkeit verriet das er sie suchte.
Harry zog sich im Schutz des Lastwagens zurück und beobachtete, wie das Flugzeug zwischen den Gipfeln abdrehte. Er bemerkte, dass seine Hände zitterten. Er wollte die Zigarette aus dem Mund nehmen, griff aber daneben und ließ sie fallen. Fluchend bückte er sich, um sie aufzuheben.
»Kippen sammeln, eh, „Arry? Wenn du unbedingt rauchen willst, gebe ich dir eine ab.« 
Charlys Stimme klang unbeschwert. Harry fuhr hoch und ließ zum zweiten mal die halbe gerauchte Zigarette fallen. Sein schlecht passender, nie korrekt sitzender Titanhelm rutschte nach vorn und verdeckte ihm fast die Augen. Er schob in zurück und starrte kampflustig den Kameraden an. Er fühlte sich benachteiligt, irgendwie gedemütigt.
»Verdammt noch mal, Charly! Wo hast du gesteckt?«
»In Washington, bei der First Lady«, verkündete Charly lakonisch. Ein Schritt zur Seite, ein Wink mit der Hand, und da stand ein Mädchen, das offenbar die ganze Zeit hinter seinem Rücken verborgen gewesen war. Von diesen Anblick, aus dem Konzept gebracht, schnappte Harry nach Luft.
Er war kein scheuer Mann. Seine Art, mit Frauen umzugehen, war von ritterlicher Aufmerksamkeit, wie es sich, so fand er, für einen echten Mann gehörte. Aber ein Mädchen hier oben und bei ihnen! Er stiert Charly mit einem durchdringenden Blick an, und es gelang ihm, etwas von seinem Widerwillen auf das Mädchen zu übertragen.
»Hast du also eine Biene aufgegriffen. Wir haben ja keine andere Sorgen, du verdammter Weiberheld.« Er sprach verachtungsvoll und empfand tiefe Befriedigung, als er das Mädchen Charly besorgt anblicken sah.
»Hab sie nicht aufgegriffen. Sie kam einfach mit.« Seine Erklärung war nicht Aufschneiderei, sondern eine einfache Feststellung.
»Sag ihr, sie soll schleunigst verschwinden.«
»Das kannst du nicht tun, Harry«, Charly widersprach ernsthaft, das spürte Harry, denn er sprach das H von seinen Namen aus, und nicht wie üblich mit seinem Slang „Arry, an, »Ich habe mir mit den Leuten da unten Ärger auf den Hals geladen, und sie hat mir geholfen. Wir können sie wenigstens ein Stück mitnehmen, so weit wir kommen.«
Eine galante Vorstellung, die den Weg für etwas anderes bereiten sollte? Charly war selbst nicht sicher, wie es weiterging. Er wusste nur ganz genau, dass er das Mädchen weiter mitnehmen wollte, um sich an all dem zu freuen, was reizvoll weiblich an ihr war. Harry wandte sich heftig ab.
»Rege dich nicht zu sehr auf, „Arry. Außerdem ist sie keine gewöhnliche Afghanin, sondern wie eine wunderschöne Rose in diesem beschissenem Land, - und sie ist Lehrerin.«
»Du mit deinen Schmeichelein wenn es um eine Frau geht. Aber es ist mir scheißegal, was sie ist. Sie soll abhauen!«
»Harry!« warnte Charlys Stimme ernst. »Sie spricht Englisch. Sie kann dich verstehen.«
»Von mir aus kann sie, – was?« Harry fuhr herum, zutiefst beschämt.                                Auch wenn er nicht viel von Ausländern hielt, achtete er doch darauf, ihre Frauen nicht zu kränken. Diese peinliche Gewissenhaftigkeit konnte ihn nicht einmal das Militär ganz austreiben. Er starrte das Mädchen an, unterdrückte eine Entschuldigung, die sein besseres Ich ihm auf die Zunge zwang, betrachtete sie eingehender und wog ihre Reize von dem Hintergrund ihrer Freundschaft ab.
Sah nicht schlecht aus. Sie war der Typ, auf den Charly immer flog, dunkel, ausländisch, mit Brüsten wie Kissen. Obwohl er sich weigert, von ihr Kenntnis zu nehmen, wandte er sich dennoch indirekt an sie, als er Charly erinnerte: »Du weißt, wir sollen keine Flüchtlinge auflesen. Du hast gehört, was Old Cohen gesagt hat.« Noch während er es aussprach, wusste er, dass er etwas Falsches gesagt hatte, dass das »Wir - sollen - nicht« Charly herausfordern wird. Noch immer lächelnd, sagte er: »Sei kein Duckmäuser.«                                             Harry zuckte zusammen. Er kannte den Spott, den sie für einen Mann bereit hatten, der gewissenhaft den vielfältigen und engstirnigen Komplex von Vorschriften zu befolgen trachtete. Das hatte man davon, wenn man befördert wurde. Ein einziger blöder Streifen mehr, und sobald man versuchte, das Richtige zu tun, galt man als Militärkopf oder Dienstfanatiker, oder, schlimmer noch, als Duckmäuser. Er zuckte die Achseln, sein bisschen Autorität über Bord werfend, lenkte er ein.                                                                                                »Schon gut. Mir völlig Schnuppe. Sag ihr, sie soll in den Lastwagen steigen und sich ruhig verhalten.«

 

 

 

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Stand: 31.03.2006

 

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