Hallo,

ich bin M. und Teil eines Multiplen Systems. Nun fragt Ihr Euch sicher, was
das ist bzw. wieso das so ist. Einen kleinen Einblick werde ich in diesem
Text geben. Das Thema ist aber so umfassend, daß es hier nicht mehr als ein
kurzer Abriß sein kann. Für mehr Informationen verweise ich auf die
entsprechenden Seiten im Netz.

Ganz kurz gesagt bedeutet Multiple Persönlichkeit (im folgenden abgekürzt
durch MPS) die Anwesenheit von mindestens zwei Personen in einem Körper. Dies
entsteht im allgemeinen durch extreme Gewalt ab der frühesten Kindheit. Das
betroffene Kind hat keine Möglichkeit, dieser Gewalt zu entfliehen und es
bekommt keine Hilfe von außen. Auf sich selbst gestellt, bleibt nur die
Möglichkeit, dem zu "entfliehen" in dem es andere Personen schafft, die
jeweils einen Teil der Gewalt ertragen und aushalten. So entstehen nach und
nach immer mehr Personen, Persönlichkeiten und Anteile. So gesehen ist MPS
auch keine Krankheit, sondern schlichtweg eine "Strategie" die das Überleben
ermöglicht. Denn die Gewalt ist oft so grausam, daß man tatsächlich ohne
diese "Strategie" sterben würde. Auch wir sehen es nicht als Krankheit. Wir
leben damit, heute noch, und es wird aller Voraussicht nach auch so bleiben.
Auch wenn die Gewalt, die sich oft bis ins Erwachsenenalter fortsetzt,
aufhört hört das Abspalten nicht unbedingt auf. So entstehen nach und nach
Kinder, die die Erinnerungen an die Erlebnisse tragen, Kinder die von nichts
wissen und fröhlich sind, Teenager, Erwachsene, die auch oft nichts oder
nicht viel wissen, Beschützer, gegengeschlechtliche Persönlichkeiten,
wütende, traurige, verzweifelte, gefühllose und viele andere Personen mehr.
Wie viele Personen entstehen ist schwer zu sagen, es können wenige, aber auch
viele, oder sogar sehr viele sein. In den meisten Fällen verlieren die
Personen Zeit, wenn ein Wechsel stattfindet und eine andere Person nach
draußen kommt. d.h. sie haben keine Ahnung, was in der Zeit passiert ist, als
eine andere Person da war.

Auch wir haben extreme Gewalt erlebt, innerhalb und außerhalb der Familie. Es
gab keine Hilfe, da eben auch Außenstehende in den "Kreisen" drinsteckten.
Wohin also wenden? Es gab keine Möglichkeiten, alles war zu unsicher, die
Kontrolle war total. An frühere Erlebnisse erinnere ich mich ab dem 5. oder
6. Lebensjahr, aber nur bruchstückhaft. Ich erinnere mich z. B. daran, daß
ich etwas geklaut haben sollte. Aber ich wußte nicht davon. ich würde doch
nie klauen. Natürlich bekam ich den Ärger der Erwachsenen deswegen zu spüren.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie blöde es sich anfühlt, für etwas
bestraft zu werden, von dem man nichts weiß! Ich hatte einen Ruf weg als
"komisches Kind", "Schlägerin" (offensichtlich haben andere von uns sich
ziemlich aggressiv verhalten), "Außenseiterin". Andere Kinder fürchteten sich
vor den "Eltern". Ich hatte kaum Freunde, wurde selten zu Geburtstagsfeiern
eingeladen. Ich kann mich auch erinnern, daß ich immer "solche
Lügengeschichten" erzählt habe. Natürlich folgte der ärger auf dem Fuß. Ich
habe ziemlich früh angefangen, mir niemals zu trauen, und auch anderen nicht.
Nicht zu reden, die Klappe zu halten und möglichst unauffällig sein. Es
nützte nicht viel, ich bekam weiter Ärger - und immer mehr Ängste. Erinnern
kann ich mich auch daran, daß ich in der Schule öfter eingeschlafen sein
soll, daß meine Zeugnisse merkwürdige Beschreibungen enthielten, daß wir
spätestens mit 10 nur noch ans Sterben dachten, aber trotzdem ständig
weitermachten. Daß mir immer bewußt war, daß da andere sind. aber nicht wer
und wie viele. Daß darüber nicht geredet werden darf. Oft war Wissen da,
nicht einzuordnendes Wissen, daß gewisse Dinge unbedingt eingehalten werden
müssen - ohne zu wissen warum. Und daß alles miteinander zusammenhängt war
mir auch nicht klar. Daß die Farben anders wahrgenommen wurden als heute. Daß
ich oder wir irgendwann jegliches Gefühl einstellten für uns, für das Leben,
das nachdenken darüber einstellten. Es ging einfach nur noch ums Überleben.
Nicht denken - nur irgendwie da  durch. Daß ich immer schweigsamer wurde und
kaum noch geredet hab. Daß spätestens mit 12 massive Schlafstörungen
dazukamen. Daß es immer schlimmer wurde. Ja an all da erinnere ich mich und
an noch viel mehr. Das gute ist, daß ich heute darüber reden kann! Trotz
diesen massiven Einschüchterungen, extremen Bedrohungen und Verboten.
Nach der Schule konnten wir erstmal die totale Kontrolle ein wenig lockern
und ein bißchen, sehr vorsichtig, nach draußen lassen. Auch fielen wir das
erstemal auf. Außenstehende merkten, daß mit uns einfach irgendwas nicht
stimmte; daß wir "verstört sind".
Einige Zeit darauf haben wir es tatsächlich geschafft, von den "Eltern"
wegzugehen. Was die Gewalt aber leider nicht beendet hat. Wir zogen in eine
andere Stadt um und begannen Therapien. Auch weil es von außen empfohlen
wurde. In dieser Zeit, also ab 16, hatte ich auch die meisten Zeitverluste.
Ich hab mir das immer irgendwie wegerklärt ;), mit allen möglichen wirren
Gedanken, über die ich heute lächeln muß. Wir hatten Glück und fanden in dem
Wirrwarr, der damals unser Leben war, Leute die uns glaubten und zuhörten,
die uns nicht für verrückt erklärten. Wir fanden gute (Trauma)-Therapeuten,
die uns, als der Körper 20 war, mit MPS "diagnostizierten". Es folgten lange
Klinikaufenthalte, die Zeit des Kennenlernens, und des extremen Chaos. Erst
schien alles schlimmer zu werden. Wir haben angefangen, uns bewußter
wahrzunehmen, und zu kucken, wer alles da ist. Viele brachten schlimme und
schlimmste Erinnerungen und übelste Körpersymptome mit sich. Wir hangelten
uns bis zur Erschöpfung durch diesen ganzen Müll. Es war einfach schrecklich,
das (nochmal) zu durchleben. Es war genauso, wie in der Situation, in der es
als Kind erlebt worden ist: die ganzen Schmerzen, die Angst, das Grauen und
das Entsetzen. Wir fingen an, die Puzzlestücke zusammenzusetzen und es wurde
uns dadurch auch vieles endlich klarer.
Allmählich konnten wir auch mehr und mehr ohne Klinik sein, alleine wohnen,
mußten uns hart durchbeißen und das alleine wohnen schwer erkämpfen. Vieles,
was vor dem Erinnern und Bewußtwerden so einfach erschien, ging auf einmal
nicht mehr. Aber es ging langsam aufwärts, wir konnten arbeiten und den
Alltag einigermaßen regeln.
Leider wurden wir aber immer noch bedroht. Als uns das bewußt und klar wurde,
sind wir umgezogen und haben uns in einer anderen Stadt, weit weg, ein neues
Zuhause gesucht. Und nach langen Mühen auch gefunden. Seit wir hier wohnen,
haben wir auch tatsächlich Ruhe gehabt und keine Bedrohungen mehr. Wir haben
aber auch einiges öffentlich gemacht und andere informiert.

Und heute? Es ist immer noch sehr schwer und wir haben immer noch mit vielem
zu kämpfen, mit uns, dem Alltag und vielen Dingen, wie Behörden und anderem.
Aber wir haben auch schon viel erreicht, und den Mut gefunden, dieses Leben
weiterzuleben und die schönen Momente zu genießen. Wir kämpfen immer noch,
kämpfen für ein besseres Leben, aber auf eine andere Art. Es wird auf jeden
Fall weitergehen. Wir geben nicht auf. "Sie" haben uns soviel genommen, den
Rest von unserem Leben sollen sie nicht auch noch kriegen. Er gehört uns, uns
ganz allein.

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