| Einleitung
Der Begriff des Genius Loci ist seit einiger Zeit vielfach im
Gespräch, vor allem seit ihn der norwegische Architekturtheoretiker
Christian Norberg-Schulz 1980 in seinem gleichnamigen Buch zur
Kennzeichnung seines phänomenologischen Ansatzes in der Untersuchung des
Verhältnisses von Architektur und Landschaft verwendet hat. Er spielt
nicht nur in der Geomantie eine Rolle, sondern wird in den verschiedensten
Disziplinen, neben der Architekturtheorie unter anderem auch in der
Humangeographie, Ökopsychologie, Garten- und Landschaftsgestaltung,
Religionswissenschaft, Archäologie und Literaturwissenschaft verwendet.
Bereits eine flüchtige Recherche zeigt, daß der Begriff auch im Internet
in allen möglichen Zusammenhängen auftaucht, vom Prüfungsthema an
Architekturabteilungen von Universitäten über die Namen von
irgendwelchen Websites, deren Zusammenhang mit ihm nicht deutlich
ersichtlich ist, bis zur Musikgruppe, die sich nach ihm nennt.
Robert Kozijanic weist darauf hin, daß dabei auf den ersten Blick der
Eindruck entsteht, man hätte es immer mit den gleichen Begriffen, Ansätzen
und Phänomenen zu tun, daß dieser Eindruck aber falsch ist. "Es
handelt sich um verschiedene Diskurse, die jeweils unter Genius loci
etwas anderes verstehen. Die Palette dessen, was Genius loci sein
soll, reicht dabei von der rein metaphorischen und rhetorischen Bedeutung
des Wortes über die geschichtliche eines an einem Ort erscheinenden
"Zeitgeistes" und eines soziokulturell konstruierten "Ortsgeistes",
ferner über die Bedeutungen von ökologischen, ästhetischen und synästhetischen
Qualitäten von Orten bis hin zu ortsgebundenen "Energiefeldern"
und "ortsansässigen" Naturgeistern".
Mir scheint, dass der Grund für diese Vielfalt von
"Diskursen", d.h. Denk- und Sprechweisen, über den Genius
loci zumindest teilweise darin liegt, daß nur wenige versuchen, die
ursprüngliche Bedeutung des Begriffes in der antiken Kultur zu verstehen
und der Begriff deshalb zum unscharfen Behälter für unzählige
Projektionen werden konnte. In altertumswissenschaftlichen
Nachschlagewerken und Fachbüchern über römische Religion findet sich
zwar recht vieles über den lateinischen Begriff des "Genius",
jedoch nur Spärliches über den spezifischen "Genius loci". Es
bleibt deshalb die Aufgabe, herauszuarbeiten, was am Konzept des
"Genius" für den ortsbezogenen Genius, und damit für die
Geomantie, von grundsätzlicher Bedeutung ist. Dies versucht der Autor im
Folgenden unter Heranziehung der griechischen Entsprechung zum
"Genius", dem "Daimon".
Der römische Genius
Das lateinische Wort "genius" ist von dem Verb "genere"
bzw. "gignere" (zeugen, erzeugen) abgeleitet und bedeutet
"derjenige (oder dasjenige), der/das (er)zeugt, der/das Zeugende, oder
auch "dasjenige, was zeugungsfähig macht". Jeder Mensch
hat seinen/ihren Genius; ursprünglich wurde der Begriff wohl für beide
Geschlechter verwendet, später nur noch für den Mann, während als
weibliche Entsprechung den Frauen eine "Juno"
zugeschrieben wurde. Juno bedeutet "junge Frau" und ist die
weibliche Form des Wortes "juvenis". Der Genius eines
Menschen tritt zusammen mit diesem ins Leben; sein Fest ist deshalb der
Geburtstag. Beim Genius wird geschworen, und neben den Festen des "genius
natalis" (des persönlichen Geburtsgenius), die im Hause der
Betreffenden mit Wein, Kuchen und Weihrauch auf bekränztem Altar, mit
Tanz und gelegentlich auch mit blutigen Tieropfern begangen werden, wurde
dem Genius, zusammen mit den Göttern Tellus (Erde) und Silvanus
(Waldgott) im Herbst auch eine sakrale Feier mit Blumen- und Weinopfer
gewidmet. Dem genius natalis wurde dabei für das neue Jahr gedankt
und Wünsche für die Zukunft vorgetragen. Er wird meist als Schlange
abgebildet, die sich oft um einen Altar windet und die daraufliegenden
Opfergaben verzehrt, wie in dem abgebildeten Wandgemälde aus Herkulaneum.
Abbildungen als Jüngling mit Füllhorn, der meist beim Darbringen von
Opfern dargestellt wird, oder als jünglingshaftes Flügelwesen, kommen
auch vor. Später, in der christlichen Zeit, verschmolz der Genius mit dem
"Schutzengel". Einen Genius haben auch Gruppen von Menschen, wie
z.B. Handwerkergilden und Truppenteile, der römische Staat, die Stadt Rom
und schließlich Orte, Landschaften und sogar einzelne Gebäude.
Über den Genius, der zu den wichtigsten und ältesten Bestandteilen
der römischen Religion gehört (W.F.Otto), findet man in der altertums-
und religionswissenschaftlichen Fachliteratur teilweise widersprüchliche
Beschreibungen und Deutungen. Einig sind sich die Experten darüber, dass
er für die Römer einerseits eine Art Gott oder ein göttliches Wesen im
Menschen, und deshalb unsterblich, andererseits Begleiter und Schutzgeist
(tutela) war. Nicht klar ist u.a. seine Lokalisierung, da er
manchmal außerhalb des Körpers, manchmal auch im Körper befindlich
gedacht wurde. Der Genius hat sicher mit der Zeugungsfähigkeit zu tun und
ist deshalb auch der Schutzgott des Ehebettes (lectus genialis).
Was es hingegen bedeuten soll, daß der Genius den Menschen zeuge, ist
wieder weniger deutlich; wir lesen, daß durch seinen Hinzutritt das
individuelle Leben entstehe, das er auch fortwährend erhalte. Zudem heißt es von ihm,
daß er beim Tod des Menschen auch sterbe, doch
gleichzeitig hört er dann nicht zu existieren auf: er scheidet nur aus
dem Weltleben aus und wird zum Begleiter der Totenseele.
Bevor ich näher auf diese Unklarheiten zu sprechen komme, möchte ich
zunächst bei den deutlicheren Eigenschaften des Genius verweilen. Wie
Roscher schreibt, ist der Genius nicht nur Zeugungsfähigkeit, Kraft,
Energie, Schicksal und Glück eines Mannes, sondern begann schon früh in
erweiterter Bedeutung für "alle leitenden, bestimmenden Triebe im
Manne, seinen Glückseligkeitstrieb, seine gesamte Persönlichkeit und
seinen Charakter" zu stehen. Als göttlicher Schutzgeist ist der
Genius dasjenige in uns, was unsere Entschlüsse bestimmt, und deshalb
unser Schicksal und Glück. Er bestimmt den individuell verschiedenen
Charakter des Menschen und die glückliche oder unglückliche Hand in der
Steuerung des Lebensverlaufs, Erfolg und Mißerfolg. Er ist aber auch der
Genußtrieb und die natürliche Lebenszuversicht und Lebensfreude im
Menschen; einen "unbeschädigten Genius" (genius
indemnatus) zu haben, heißt unbehelligt sein Leben zu genießen und alles
zu tun, was den Genius erfreut. Wer diesem Lebensinstinkt nachgibt, gut ißt und trinkt und dabei nicht knausrig ist, "indulget genio"
(frönt dem Genius), wer es nicht tut, handelt "genio sinistro"
(mit ungünstigem Genius). Geizhälse und Puritaner liegen im Krieg mit
ihrem Genius. Das Eigenschaftswort "genialis" bedeutet
neben "fruchtbar" auch "gastlich", "üppig",
"von liberaler Gesinnung" und "großzügig".
Der griechische Daimon
Unter Fachwissenschaftlern ist man sich einig, daß das griechische
"Daimon" (d a
i m v
n ) die Entsprechung zum römischen Genius
darstellt. Obwohl dies wohl bereits in einem gewissen Masse für das ursprüngliche
römische Genius-Konzept zutrifft, sind im Laufe der massiven
Beeinflussung der römischen Kultur durch griechische Einflüsse im Laufe
der Zeit die meisten Eigenschaften des Daimon auf den Genius übertragen
worden (W.F.Otto). Das Wort wird von d a
i o m
a i (daiomai, teilen,
zerreißen) abgeleitet und von manchen Gelehrten als "Zerreißer,
Fresser, (der Leichen)" gedeutet; wahrscheinlicher ist aber die
Bedeutung "Zuteiler (des Schicksals), d.h. "das die m
o i r
a (Moira, Schicksal) Aktualisierende" (W.Pötscher).
Jeder Mensch erhält bei der Geburt einen Daimon, der wie der Genius
zugleich göttlicher Anteil des Menschen, eine Art Seelenteil und
Schutzgeist ist, aber auch als Lenker und Bestimmer des Schicksals gilt
und der nach dem Tod überlebende Teil des Menschen ist. Daimones
sind für die Griechen deshalb auch die Geister der Toten, sowie die "Heroen",
die unsterblichen Geister der Ahnen des Goldenen, Silbernen und heroischen
Zeitalters, die als eine Art substantielles Zwischenglied zwischen Göttern
und Menschen betrachtet werden. Wie der Genius, so ist der Daimon etwas
Halbgöttliches, aber unbestimmter als der Gott. Ebenfalls einig sind sich
Römer und Griechen darin, daß Genius und Daimon unbestimmte und
geheimnisvolle, unkontrollierbare und unberechenbare Möglichkeiten und
Potenzen im Menschen wie in der Natur darstellen, wobei bei den Griechen
das Gefährliche und Unheilvolle des Daimon im Vordergrund steht, während
der römische Genius eher als etwas Wohltätiges und Harmloseres
erscheint. Auch der Daimon wird als Schlange abgebildet.
Genius und Daimon als überindividuelle Seelen-,
Zeugungs- und Machtpotenz
Durch den Vergleich mit dem griechischen Daimon wird vieles deutlicher,
was in den erwähnten Erläuterungen zum römischen Genius unklar bleibt.
Zu einem sinnvollen Ganzen fügten sich diese Informationen für mich
jedoch erst durch einige Bemerkungen des schottischen
Altertumswissenschaftlers Herbert Jennings Rose und seines deutschen
Kollegen Franz Altheim, besonders aber durch die tiefgündige Arbeit des
englischen Sprachwissenschaftlers Richard B. Onians. Rose betont wie schon
Walter F.Otto, daß der Genius als das zeugungsfähige Prinzip einerseits
nicht im modernen Sinne von Männlichkeit und Sexualität, sondern im
Sinne einer allgemeinen "Hervorbringungskraft" oder eines
"Werdegeistes" und auch als eine Art "Persönlichkeitskraft"zu
verstehen ist. Auf der anderen Seite stellt es auch nicht die individuelle
Zeugungs- und Lebenskraft dar, sondern "das fortzeugende, die
Familie von einer Generation zur anderen erhaltende Prinzip" (W.F.Otto).
Rose betont, daß es "nur einen Genius pro Familie, ursprünglich
wohl nur einen für jede 'gens' (röm. Geschlechtsverband, Sippe)"
geben könne. Der Genius (und die Juno) sind "Geister, die zu
keinem lebendigen oder toten Individuum gehören, sondern zum Clan" (Rose).
Genius und Daimon und die antike Persönlichkeitstheorie
Onians bringt in seinem immer noch unübertroffenen Werk über den
archaischen "Ursprung des europäischen Denkens über Körper,
Geist, Seele, Welt, Zeit und das Schicksal" von 1951 gegen die üblichen
Darstellungen des Genius mit Recht den grundlegenden Einwand vor, daß die
Persönlichkeit eines Menschen, seine Genußfähigkeit usw. eine
Angelegenheit des bewußten Ich seien; beim Genius aber handle es sich
nicht um den bewußten Teil des menschlichen Ich. Wir finden in seinem
Buch denn auch eine spannende, wenn auch etwas verstreute Darstellung der
antiken Anthropologie oder Persönlichkeitstheorie, die bei Römern und
Griechen in ihren Grundzügen dieselbe ist. Ihre weitgehend sehr
archaischen Züge, die Parallelen in vielen anderen alten Kulturen
besitzen, sind für das Verständnis des Genius (und seiner griechischen
Entsprechung "Daimon"), aber auch für dasjenige des Genius
loci von grundlegender Bedeutung.
Nach römischem Glauben gibt es im lebenden Menschen zwei
"Geister" oder Seelenteile, den Genius, der nach Onians
der "anima" gleichzusetzen ist, und den "animus".
Ihnen entsprechen bei den Griechen die "Psyche" (bzw. der
"Daimon") und der "Thymos". Der Animus (bzw.Thymos),
der in der Brust lokalisiert wird, stellt das bewußte Ich dar, Genius,
Psyche und Anima hingegen das unbewußte Ich, das vitale Prinzip im
Menschen, das für den archaischen und antiken Menschen im Kopf wohnte.
Der Animus (Thymos) stirbt mit dem Körper, während der Genius (Anima,
Psyche) den Tod überlebt.
Genius und Daimon als "Kopfgeister"
Dem Römer galt der Vorderkopf als dem Genius heilig; wer seinen Genius
ehren wollte, berührte mit der Hand seine Stirn. Die Augenbrauen einer
Frau, so hieß es, gehören der Juno. Die besondere Heiligkeit des Kopfes
ist ein Kennzeichen der meisten archaischen Kulturen. Wie ich bereits in
meinem Buch "Unsere Seele kann fliegen" (1985)
dargestellt habe, wurde der Kopf von den Menschen der Steinzeit über
Kelten und Germanen bis zu Griechen, Römern, Hebräern und Indern als
Sitz von Seele und Lebensgeist, Zeugungskraft, Persönlichkeit und göttlicher
"Macht" und deshalb als heilig betrachtet. Wie für Römer und
Griechen saß auch für die Germanen das bewußte Ich in der Brust, das
den Tod überlebende Seelenteil hingegen wurde im Kopf lokalisiert.
Heirat, Verwandtschaft und Kameradschaft wurden als "Angelegenheiten
des Kopfes" betrachtet; die Angelsachsen bezeichneten einen Gefährten
oder Partner als "Kopf-Gefährten" (heafod-gemaeca),
einen Sohn als 'heafod-maga' (Kopf-Sohn). Der Kopf war dem Freyr,
dem Gott der Fortpflanzung und Fruchtbarkeit geweiht, dessen heiliges Tier
der Eber war, weshalb der Helm des Kriegers einfach nur "Eber"
hieß.
Den Römern galt der Kopf (caput) als Wohnstätte des Genius,
als Behälter und Quelle des männlichen Samens und als Sitz des Lebens,
so wie auch die Quelle eines Flusses oder Baches sein "Kopf"
genannt wurde. Das lateinische Wort für Gehirn, "cerebrum",
das gleichzeitig "Rückenmark" bedeutet, ist verwandt mit "Ceres",
der Göttin der Fruchtbarkeit, die besonders mit dem Korn im
"Kopf" der Kornähre in Verbindung gebracht wurde, und deren
Name (wie sein männliches Gegenstück "Cerus") "Erzeugerin"
bedeutet. Im frühen Latein hatten die Wörter "cerrus"
und "cerus" eine ähnliche Bedeutung wie "genius".
Der Glaube, dass der Genius im Kopf wohnt, erklärt auch, warum das Haar
vom Dichter Apuleius "genialis" genannt wird: es ist aufs
engste verbunden mit der zeugenden Lebensseele und Lebenssubstanz, was
auch die Erklärung für die Samson-Geschichte in der Bibel ist. .
Genius und Lebenssaft
Ein wichtiger Aspekt des Kopfes als Sitz des Lebensgeistes Genius ist
der Zusammenhang mit dem "Lebenssaft". Onians hat durch
seine Forschungen über die Wurzeln der zentralen griechischen und römischen
Begriffe deutlich gemacht, daß die Vorstellung eines Lebensgeistes mit
derjenigen eines Lebenssaftes verbunden ist. Lebendig sein heißt "voller
Saft sein". Dieser mit dem Genius und der "Psyche"
verbundene Lebenssaft, bei den Römern "sucus" oder "umor",
bei den Griechen "Aion" genannt, ist verantwortlich für
das "pralle Leben"; er füllt das Fleisch und kann aus dem Körper
austreten und verloren gehen, z.B. durch Bluten, Schwitzen oder das Vergießen von Tränen. Auch durch den Alterungsprozess trocknet der Körper
aus und der Lebenssaft geht verloren. Das Wort "Skelett"
(griechisch "skeleton") bedeutet "das
Ausgetrocknete". Wenn dies geschieht, verrottet das Fleisch. Der
Lebenssaft gibt dem Körper seinen Tonus, seine Spannkraft und Fülle,
sein Fett und seine Kraft und ist mit Stärke, Ausstrahlungskraft und
sexueller Energie verbunden. Alles, was den Lebenssaft erneuert und stärkt,
wie gute und reichliche Ernährung, jede Art von Genuß, sexuelle Aktivität,
ist auch Förderung des Genius - das Gegenteil wird von den Römern als
"Raub am Genius" (defrudatio genii) bezeichnet. Dieser
Saft ist sozusagen der Stoff des Lebens und der Fortpflanzung, während
der Genius deren Geist ist.
Diesen Lebenssaft stellte man sich konzentriert insbesondere im Kopf
vor und glaubte, er hänge von der Zerebrospinalflüssigkeit und dem
"Knochenmark" ab. Hippokrates sprach vom Knochenmark der Wirbelsäule
als dem "Aion". Kopf und Rückenmark enthalten den
"Samen", der mit Mark und Gehirnsubstanz gleichgesetzt wurde.
Die Bedeutung des Wortes "Aion" erhellt sich aus
seinerVerwandtschaft mit "Aiolos", das "etwas,
was sich bewegt" bedeutet und mit unserem "Seele"
(angelsächsisch "sawol" und gothisch "saiwala")
verwandt ist - es geht auf urgermanisch "saiwalo" zurück,
das "aus dem See stammend, dem See zugehörig" bedeutet.
Bekanntlich galten den Germanen bestimmte Seen als Aufenthaltsort der
Seelen vor der Geburt und nach dem Tod, und eine alte Verwandtschaft
verbindet die Vorstellungen von "Seele" mit denjenigen von
"Wasser", "Feuchtigkeit" und "Saft". Da die
Spanne des Lebens mit der Saftfülle des Körpers zur Neige geht, erhielt
das Wort "Aion" später die Bedeutung von
"Lebensalter".
Genius und Numen
Ähnlich wie das chinesische "Chi" ursprünglich die
Bedeutung eines Dunstes besaß, der von einem überfluteten Reisfeld
aufsteigt, so stellte man sich den Genius wohl ursprünglich als einen
dampfartigen Geist vor, der vom Lebenssaft oder "Samen" in Rückenmark
und Kopf ausgeht. Während alle Zustände und Äußerungen des wachen
Ichbewußtseins Angelegenheit des "animus" sind, ist es der
Genius bzw. der Daimon, der verantwortlich ist für alle spontanen,
unkontrollierbaren Bewußtseinszustände und Lebensäußerungen. Für den
antiken Menschen waren sie sie etwas Ähnliches wie für uns "das
Unbewußte". Sie beeinflussen das Leben eines Menschen und seine
Handlungen neben oder sogar gegen sein bewußtes Sein. Immer wenn es um
Zustände geht, für die das bewußte Ich keine Verantwortung empfindet
und die es nicht kontrollieren kann, sind in der antiken Literatur hauptsächlich
Kopf und Gesicht betroffen und wird die Urheberschaft des Genius vermutet.
Dazu gehören unter anderem Niesen, Erröten, Wut und Zorn, Ekstase und
sexuelle Erregung, Raserei, Verrücktheit, Stolz, Scham- und Ehrgefühle.
Es ist der Genius, der im Zeugungsakt explodiert und "bläst"
und damit den Samen ausstößt. Wie die Römer sagten, liebt man "mit
dem Mark" (amare medullitus). Dabei ist wie in vielen dieser Zustände,
in denen das normale rationale Bewußtsein, das in der Brust sitzt,
entthront wird und der Genius im Kopf die Kontrolle übernimmt, "das
Mark in Flammen", ein inneres Feuer "ißt das Mark"
und man hat "Feuer in den Knochen". Es tritt ein "Brennen"
des Lebenssaftes und des Marks ein, durch das eine verstärkte Aktivität
des Genius entfacht wird. Die Römer verwendeten für diese Zustände die
Wörter "cerebrosus" und "cerritus"
(besessen, rasend, außer sich), die von "cerus, cerrus"
abgeleitetet sind (siehe oben).
Beim Erröten brennt der Kopf - wir sprechen von "brennender
Scham". Ein roter Kopf entsteht auch, wenn uns Wut und Zorn in den
Kopf steigen - und die Augen funkeln und glühen. Etwas Ähnliches
geschieht in der sexuellen Liebe und Leidenschaft, die in der Antike oft
als Prozess des "Schmelzens" und der "Verflüssigung"
und als "flüssig, naß" beschrieben werden. Auch die berühmte
Kampfeswut der nordischen Berserker und irischen Helden (deren späte Ausläufer
wohl die gefürchteten Schweizer Landsknechte waren) und die inspirierte
Ekstase von Sehern, Propheten und Dichtern wird als ein "in Flammen
stehen" beschrieben. Menschen mit einem starken Genius, wie
Schamanen, Yogis, Helden, große und geniale Menschen, Könige und später
christliche Heilige wurden deshalb oft mit einem Flammenkranz oder einer
Glorie um den Kopf beschrieben.
Der Genius ist auch eine Kraft, die mit prophetischem Wissen begabt
ist, das das bewußte Ich nicht besitzt, eine Quelle der Inspiration
jenseits der gewöhnlichen Intelligenz. Der Römer sprach bei einem
prophetisch oder intuitiv begabten Menschen davon, daß er Genius habe.
Der Genius ist der "göttliche Helfer und Souffleur" des
bewußten Ich (Onians). Griechen und Römer glaubten, daß jede Bewegung,
jedes Schaudern, Zittern, Pochen und Pulsieren, Niesen, Erröten usw. ohne
ersichtlichen Einfluß vom bewußten Ich Zeichen vom Genius waren, eine
Botschaft oder Warnung von einem Geschehen, das sich jenseits des
Horizontes des bewußten Ichs abspielte. Die Natur des betreffenden
Geschehens wurde durch den Körperteil angezeigt, der sich bewegte. Das
Zucken eines Augenlides konnte bedeuten, daß man die Liebste bald sehen würde;
das Läuten in den Ohren, daß jemand gerade über einen sprach; ein
Jucken in der Handfläche, daß man bald Geld erhalten würde.
So wurde ein Niesen entweder als prophetische Äußerung oder dann als
Störung des Lebensgeistes im Kopf gedeutet - oder gar als Zeichen dafür,
dass der Genius den Kopf verläßt. Wenn jemand unter den Römern nieste,
sagte man "salve" (sei gegrüßt) und betete für die
Abwendung der Gefahr. Die Griechen sagten beim Niesen "Zeus, rette
mich". Ähnliche Gebräuche findet man bei Juden und in Indien.
Das Niesen wurde als ein Nicken (numen) betrachtet, eine Bewegung,
die nicht erwartet oder vom bewußten Ich kontrolliert, sondern spontaner
Ausdruck des Lebensgeistes im Kopf ist. Deshalb galt das Niesen als
heilig.
"Numen" ("das Nicken", oder "etwas, das
nickt oder genickt wird"), ein zentraler religionswissenschaftlicher
Begriff mit der Bedeutung "göttliches Wirken", der uns
noch weiter beschäftigen wird, ist nur im Zusammenhang mit der
geschilderten Bedeutung des Kopfes als Träger des Genius zu verstehen.
Zwischen Genius und Numen gibt es einen engen Zusammenhang; der Dichter
Horaz nennt Cäsars Genius "dein Numen". Der Genius
manifestiert seinen Willen durch das Nicken. Das Nicken galt als etwas Mächtiges,
Unwiderstehliches, als unfehlbares Versprechen, das bindend Handeln
erforderte. Es war in Rom ein wichtiges Rechtssymbol - davon leitet sich
her, dass man noch heute vom "Abnicken" einer Vorlage im
Parlament spricht. Auch bei den Griechen war das Nicken die bindende und
heilige Form des Versprechens, eine Willenskundgebung - weil der Genius im
Kopf an dem Versprechen beteiligt war. Die Macht im Kopf war der Garant,
der die Erfüllung sicherstellte.
Genius und Daimon als Totengeister
Auch der Unsterblichkeitsglaube der Römer gründet sich auf der
Geniuslehre. Der Genius ist ja jener Teil des Menschen, der während des
Lebens als Gott verehrt wird - ein Status, der mit Unsterblichkeit
verbunden ist. Er ist der "Deus parens", dessen die Angehörigen
des Verstorbenen in den "Parentalia", dem "Fest der
Zeugenden", gedenken. Er lebt in einem gewissen Sinn nach dem Tod des
Individuums als körperloses Wesen weiter, das manchmal als "genius"
des Verstorbenen, meist jedoch als "umbra" (Schatten), "anima",
oder als "Lar", "Larva" oder "Man"
(Totengeist) bezeichnet wurde, weil nach dem Tod seine zeugende Kraft
nicht mehr im Vordergrund steht. Das Erscheinen des Daimon in
Schlangenform erklärten sich die Griechen damit, dass die Lebenssäfte
des Verstorbenen aus Mark, Knochen und Gehirn nach dem Tod zusammenfließen, gerinnen und zu einer Schlange werden.
Genius und Daimon gehören jedoch, wie bereits erwähnt, im Grunde
nicht dem einzelnen Individuum an, sondern stellen die kollektive
Reproduktionskraft und unbewußte Identität der ganzen Familie, ursprünglich
sicher des gesamten Geschlechtsverbandes, Clans oder Stammes dar. Das
zeigt sich darin, daß immer nur der Genius des "pater familias"
(und die "juno" der "mater familias")
kultisch verehrt wurde; die Familienoberhäupter repräsentierten den
Genius der ganzen Familie.
Man darf nicht vergessen, daß Vorstellungen wie Genius und Daimon
ihren Ursprung in der archaischen Frühzeit der Menschheit haben, als ein
individuelles Ichbewußtsein erst in Ansätzen begann, sich aus einem
vorbewußten Kollektivbewußtsein ("Gruppenseele")
herauszuentwickeln. Der Prozess der Ichbildung vollzog sich zunächst nur
in "herausgehobenen Einzelnen", die stellvertretend für
die Gruppe Träger des Bewußtseins und Vorbilder für die Bewußtseinsentwicklung
aller Individuen wurden (Neumann). Jane Harrison beschreibt in "Epilegomena"
die Entstehung der Vorstellung von Göttern und "Daimones" bei
den Griechen aus dem kollektiven Erleben eines starken emotionalen Feldes,
das bei religiösen Festen, Tänzen und Ritualen erzeugt wurde. In diesem
Feld erlebte das Kollektiv sich selbst als Gott oder Gruppe von Daimones,
und die als emotionales Feld erlebte und in der Ekstase wohl auch visionär
geschaute Gottheit wurde, wie die Altertumswissenschaftlerin schreibt,
dann vor allem auf den Anführer des Rituals projiziert, den man "daimonon
agumenos", den Führer der Daimones, nannte. Er war als
"hervorgehobener Einzelner" in der Lage, das unbewußte
kollektive Erleben zu fokussieren und ihm Ausdruck zu verleihen.
Doch erst wenn wir uns vor Augen halten, daß dies alles vor dem
Hintergrund einer allgemeinen numinosen Wahrnehmung der Realität geschah,
können wir uns ein vollständiges Bild machen vom Wesen von Genius und
Daimon. Für den archaischen Menschen, der noch kein festes Ich
ausgebildet hat, fließen Innenwelt und Außenwelt noch ineinander, und
sein schwaches Ich kann in den flutenden Eindrücken, die ihn ständig zu
überwältigen drohen, noch keine festen Objekte fokussieren. Für ihn ist
noch alles ein "Innen" mit psychischem, begeistetem und
beseeltem Charakter, eine Wirklichkeit der Numinosität, in der er ständig
von Dingen, die unvorhersehbar und unkontrollierbar in seiner
Aufmerksamkeit, seinem Bewußtsein auftauchen, überrascht zu werden
droht. Diese unkontrollierbare, "dämonische" Realität bildet
auch noch den gemeinsamen Hintergrund des antiken Weltbildes, wenn es
auch.im Verhältnis zu diesem "Hintergrund" zwischen Römern und
Griechen gewisse Unterschiede gibt. Herbert J.Rose meint, der wesentliche
Unterschied zwischen der griechischen und der römischen Art und Weise,
die Welt zu betrachten, bestehe darin, dass die griechische Religion ursprünglich
animistisch (Seelenglauben), die römische präanimistisch (Glaube an eine
allgemeine "Kraft", die man in der Völkerkunde mit dem Südseewort
"Mana" bezeichnet) sei. Das erkläre auch den
mythologischen Reichtum bei den Griechen und die römische Armut an
Mythen. Während nach Rose die griechische Religion vor allem vom
Seelenglauben geprägt ist, steht bei den Römern die unpersönliche
Manifestation des göttlichen Macht des "Mana" im Vordergrund,
das Numen. Die Götter waren ursprünglich "nicht mehr als
fokale Punkte von Numen, große Akkumulationen von Mana" und
werden erst später zu einer Art von Personen (Rose). Die präanimistische
Stufe (dieser Begriff wurde 1900 von dem englischen
Religionswissenschaftler Robert R.Marett geprägt) spielte aber in der römischen
Religion noch lange eine wichtige Rolle: in Form der Genius- und
Numen-Lehre. Wenn man allerdings nicht nur die Hochreligion und die
literarischen Zeugnisse, sondern den Volksglauben betrachtet, so ist
vermutlich der Unterschied nicht mehr sehr gross. Rose und Franz Altheim
weisen darauf hin, daß im römischen Weltbild das einmalige, historische
festgelegte Ereignis im Vordergrund steht; sie empfanden die Besonderheit
individueller geschichtlicher Augenblicke als zentral. Das ganze Wesen der
römischen Götter liegt in ihrem Handeln, ihrem Wirken und Tun, sie
offenbaren sich im göttlichen Akt, und der gründet sich in ihrem
Hervortreten zu einer bestimmten Stunde. Das Numen meint diese
historische Manifestation des Göttlichen, sein spontanes Erscheinen und
Wirken. Jeder Gott besitzt sein Numen (numen Jovis, numen
Cereris etc.). Genius (aber auch Daimon) sind solche
Begriffe für den Handlungsaspekt des Göttlichen, in diesem Fall bezogen
auf den Augenblick der Geburt bzw. der Zeugung. Die ältesten römischen Götter
sind von gleicher Art. "Janus" zum Beispiel meint ursprünglich
"das Gehen" und wurde dann zum Gott des Beginns einer jeden
Handlung. Sein Gegenstück ist "Consus", ("das
Bergen"), ist der Gott des Abschlusses jedes Tuns. Es gab sogar einen
"Vagitanus" (Gott es ersten Kinderschreis), "Domiducus"
(Gott des Hochzeitstags) und einen "Nodotus" (Gott
der Knotenbildung im Gras- und Getreidehalm). So wie Janus und Consus
regelmäßig wiederkehrende besondere Momente bezeichnen, so steht auch Genius
für etwas Wiederkehrendes, nämlich die jeweils einmalige Verkörperung
des Sippengeistes und Sippenlebens in einem ihrer Mitglieder, oder
vielleicht vielmehr in einer Generation. Die Geburt eines Menschen wird
wie ein Omen, oder "Prodigium" (Zeichen des Göttlichen)
betrachtet, als numinoser Moment der göttlichen Manifestation. Wie es bei
Cicero heißt, offenbaren sich Kraft und Numen einer Gottheit vor allem in
Prodigien, d.h. "Geschehnissen, die durch ihren ungewöhnlichem
Charakter einen Hinweis darstellten, dass das Einvernehmen mit den Göttern
gestört war", wobei der Zeitpunkt ihres Auftretens das
wichtigste Charakteristikum war. Prodigien spielten im römischen Privat-
und öffentlichen Leben eine zentrale Rolle, viele politische Akte wurden
nach den durch staatliche besoldete Berufsdeuter interpretierten Prodigien
ausgerichtet. Wie Altheim betont, waren die Römer sehr nach dem Diesseits
orientiert und scheinen nur die Manifestation des Göttlichen im Hier und
Jetzt beachtet zu haben, während der numinose Hintergrund weitgehend
unbewußt blieb. Die Griechen hingegen hätten sich viel mit der überzeitlichen
Existenz von Göttern und Daimones beschäftigt, während die
Offenbarung des Göttlichen in der Zeit für sie nur nebensächlichen
Charakter besessen habe. Möglicherweise ist dieser Unterschied darauf zurückzuführen,
daß das Ichbewusstsein des römischen Menschen bereits relativ gefestigt
war, während der Grieche sich in seinem frisch erworbenen Ich durch jede
Manifestation des Unbewussten (des Daimons) noch existentiell bedroht fühlen
musste.
Der Daimon als Chthonier
Auf einen Aspekt der griechischen Religion und des Daimon müssen
wir noch zu sprechen kommen, der den Zusammenhang des bisher Behandelten
mit Landschaft und Orten zu beleuchten beginnt. Ähnlich wie der Römer
unterschied der Grieche in der Welt des Numinosen zwei Bereiche - sie
waren jedoch für ihn viel schärfer getrennt als für den Römer - : die
weit entfernte Welt der olympischen Götter, die ihm wohlwollend und ungefährlich
erschien, und die Welt des Chthonischen, Unterirdischen, die für ihn nah
und oft bedrohlich, aber auch viel bedeutender für seinen Alltag war,
weil sie direkt in sein Leben eingriff und mit diesem eng verknüpft war.
Wohl wegen seiner größeren Bedrohlichkeit wird in Griechenland auch die
chthonische Natur des "Daimonischen" und seine enge
Verbindung mit dem Daimon des menschlichen Unbewussten viel
deutlicher als bei den Römern.
Die Griechen kannten neben den bekannten olympischen Göttern (Zeus,
Hera, Ares, ) auch eine Reihe chthonischer, d.h. im Inneren der Erde
hausende Götter. Wie bei allen älteren Göttern, waren ihre Konturen
sehr unbestimmt. In erster Linie ist hier Gaia (oder Ge),
die Erde zu nennen, wohl die chthonische Urgestalt, von der die meisten
anderen Chthoniker, wie z.B. Demeter, Kore (deren Tochter) und Chthonia,
abgeleitet sind. Es gab auch einen Zeus Chthonios, der mit dem
Unterweltgott Hades identisch ist und der beschwichtigend auch Pluton
oder Zeus Pluteus genannt wurde. Die an Landschaft, Boden und
Lokalität gebundenen Kulte dieser Chthoniker sind mit einer sesshaften,
ackerbauenden Kultur verbunden und gehören zum ältesten Bestand des
griechischen Glaubens. Sie waren dem Volk in der Regel näher als die
Verehrung der olympischen Götter, denn sie gewährten Fruchtbarkeit und
Segen für den Anbau der Feldfrüchte und für das Fortleben der Familie,
nahmen die Seelen der Toten in ihre Tiefe auf, und sandten Wahrsagungen
von zukünftigen Ereignissen aus der Tiefe des Geisterreiches herauf.
In der Haltung der Griechen gegenüber den Chthonischen finden wir die
selbe Ambivalenz wie gegenüber dem Daimon: Man benannte sie gerne mit
euphemistischen Namen, die ihre grauenerregenden, ängstigenden Aspekte
zugunsten ihrer segensreichen Eigenschaften verschleierten. So wurde z.B.
Hades meist Pluton genannt, um ihn bei seiner Wohlstand und
Erntesegen spendenden Eigenschaft zu beschwören. Man hatte den
Chthonischen gegenüber ein ähnliches Gefühl, wie in Bezug auf den
Daimon: Scheu und Angst, denn aus der Tiefe der Erde konnte sich jederzeit
jene Kraft manifestieren, die zwar Leben brachte und das Fortleben
garantierte, es aber auch jederzeit wieder zu sich nehmen konnte. Angst
machte vor allem auch, dass die unvorhersehbaren und unkontrollierbaren
Eingriffe dieser Kraft in das Leben jederzeit erfolgen konnten und die
frisch errungene, noch gefährdete Kontrolle des bewußten Ich über Persönlichkeit
und Umwelt immer wieder in Frage stellte.
Daimon und Heros
Diese Ähnlichkeit ist kein Zufall, denn auch der Daimon (bzw. Genius)
ist ein Chthonier, und es gibt viele Hinweise darauf, dass der Daimon im
Menschen und die daimonische Welt unter der Erde auf eigenartige Weise
identisch sein müssen. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn wir die
griechische Heroenlehre betrachten. Die Heroen, zu denen es kein
eigentliches römisches Gegenstück gibt, sind Verstorbene, die sich
bereits während ihrer Lebenszeit durch ihren Daimon als "hervorgehobene
Einzelne" hervorgetan haben und die nach ihrem Tod als "mächtige
Tote" (Nilsson) zu "Heroen" werden, die eine Art Halbgötter
darstellen. Wie Nilsson schreibt, beruhte Heroisierung nicht auf
Heiligkeit oder Verdiensten während des Lebens, sondern auf einer
besonderen, dem Toten anhaftenden Kraft, die auch bösartig sein konnte.
Auch hier ist es wieder das Außerordentliche, Unberechenbare,
Unheimliche, mit anderen Worten der Daimon, der den Heros ausmacht.
Die Macht des Heros ist an sein Grab gebunden und wirkt fort, aber nur
lokal im Umkreis des Grabes und für "seine" Familie, Gruppe,
Stadt usw. Überall in Griechenland gab es solche Heroengräber, die eine
zentrale Rolle im altgriechischen Volksglauben spielten. Der Glaube an die
im Leibe des Toten fortwirkende Macht übertrug diese auch auf den
Grabstein, von dem man annahm, daß er die Macht des Daimon enthalten
konnte. Das Hauptereignis ihres Kultes war das kultische Mahl zu Ehren des
Heros. Vom kultisch besänftigten Heros wurden Fruchtbarkeit der Felder,
Heilungen, Geschäfts- und Kriegsglück und mantische Weisungen erwartet.
Wenn ein Grieche an einem Heroengrab vorbeikam, verstummte er, um den "Mächtigen"
(Kreitton) nicht zu stören.
Eine Art von Heroen sind die "eponymen Heroen", nach denen
ganze Geschlechter benannt sind, wie z.B. die mythischen Könige von Athen
- Kekrops, nach dem das Geschlecht der Kekropiden, oder Erichthonios, von
dem die Erichthoniden ihren Namen haben (Harrison). Sie werden als
Schlangen-Daimones, als Wesen mit menschlichem Oberkörper und dem
Unterleib einer Schlange, betrachtet und dargestellt. In neu angelegten Städten
wird meist der Gründer zum "Heros Ktistes" (Gründer-Heros),
der oft auf dem Marktplatz bestattet ist. Die zehn Phylen (Stämme), die
nach der Reform des Kleisthenes im Jahre 510 in Athen die alten
Geschlechterverbände ersetzten, waren nach je einem Heros benannt; auf
dem Athener Marktplatz wurden 10 Heroengräber angelegt. Auch
blitzgetroffene Menschen wurden heroisiert.
Die Heroen, mit anderen Worten, verkörperten den Genius der
betreffenden Geschlechter oder Gruppen; wieder geht es nicht um persönliche
Unsterblichkeit, sondern um die Kraft oder den Geist, der die ewige
Erneuerung des Lebens durch Wiedergeburt und das ewige Fortleben der
Gruppe verkörperte.
Daimones und Heroen wurden von Pythagoräern und dann auch von Plato
als Zwischenstufen zwischen den Göttern und dem Menschen betrachtet
(Burkert, Lore). Nach Hesiod (ca. 700 v.Chr.) wurden die
Geschlechter der ersten Menschenzeitalter zu Daimones (Rohde). In seiner "Erzählung
von den fünf Menschengeschlechtern" im Buch "Werke und
Tage" kann man lesen, daß die Götter am Anfang das Goldene
Geschlecht geschaffen hätten, das ohne Alter, Krankheit und Sorge gelebt
habe; die Menschen dieses Geschlechts wurden nach ihrem Tode zu mächtigen
Daimones, die in Wolken gehüllt unsichtbar über die Menschen wachten.
Das darauf folgende silberne Geschlecht war übermütig und hatte keinen
Respekt vor den Göttern: Es wurde deshalb vertilgt und wurde zu
unterirdischen Daimones, ebenfalls mächtig und verehrt von den Menschen,
jedoch weniger als diejenigen des goldenen Zeitalters. Die Angehörigen
des ehernen Geschlechtes waren gewalttätig und harten Sinnes; sie
vernichteten sich gegenseitig und kamen in den Hades. Das nachfolgende
Geschlecht der Heroen, das um Theben und Troia kämpfte und aus den Erzählungen
Homers bekannt ist, war gerechter und besser. Sie schieden aus dem Leben,
ohne zu sterben, d.h. wurden mit Leib und Seele entrückt und wohnen
seitdem auf den Inseln der Seligen. Das Geschlecht des eisernen Zeitalters
ist das der sterblichen Zeitgenossen Hesiods. Es wird von Mühe und
Sorgen, Faustrecht, Feindschaft und Konkurrenz aller gegen alle
beherrscht. Goldenes und silbernes Geschlecht werden also zu Daimones, die
zusammen mit den Heroen, zu denen die Menschen des vierten Zeitalters
geworden sind, die unsichtbare Welt des antiken Griechenland bevölkern
und die Menschen bewachen und beeinflussen. Das Interessante an Hesiods
Darstellung ist, daß nur die einst Verstorbenen zu Geistern werden, die
in der heutigen Welt mächtig wirken, nicht aber die zeitgenössischen
Toten.
Der Genius und die Kraftwesen der Traumzeit
Diese Eigenschaften der Daimones und Heroen lassen es als berechtigt
erscheinen, einen Bezug zwischen ihnen (bzw. den Genien der Römer) und
den "Ahnen der Traumzeit" der australischen Aborigines
herzustellen. Die australischen Ureinwohner führen ihre Existenz auf
mythische, halb göttliche, halb menschliche Wesen einer überzeitlichen
Urzeit zurück. Diese Geister-Ahnen der jeweiligen Clans haben die
Landschaft mit ihrem eigenen Leib geschaffen, indem sie in der
"Traumzeit" zu Felsen, Quellen, Bäumen, Bergen und anderen
Teilen der Landschaft wurden. Die Identität eines Clansmitgliedes der
Aborigines ist eine kollektive und besteht in der Teilhabe an einem dieser
Kraftwesen, das gleichzeitig als Ortsgeist in der Erde am mythischen
Ursprungsort des Clans und als als Seelenteil in jedem einzelnen
Clanmitglied lebt. Es kann auch als "Totemtier" in der
Gestalt eines Känguruhs oder einer Eidechse erscheinen und
stellvertretend in "Kraftobjekten", den "Dschuringas",
bemalten Steinen oder Holzstücken, gegenwärtig sein.
Der Genius loci
Personalgenius und Ortsgenius (Genius loci) sind somit letztlich
gar nicht zwei verschiedene Dinge, als die sie in der Fachliteratur
erscheinen, sondern bilden ein einheitliches Phänomen, das in zwei
unterschiedlichen Aspekten zutage tritt. Der Genius ist eine Art
Gruppengeist oder eine Gruppenseele, die alle Individuen einer Familie
oder Sippe einerseits miteinander und mit den verstorbenen Mitgliedern,
den Ahnen, auf der anderen Seite mit dem Ursprungs- und
"Wohnort" des Gruppengeistes verbindet. Der Personalgenius, der
das Chthonische, Unterirdische im Menschen darstellt, ist identisch oder
verbunden mit der Unterwelt der Erde, mit jenem verborgenen Pool des Mana,
der zeugenden Lebenskraft der Vorfahren, aus dem diese in den Kreislauf
der Wiedergeburten eingespeist wird und in den sie immer wieder zurückkehrt.
In meinem Buch "Unsere Seele kann fliegen" habe ich diese
Kraft in moderne Begriffe übersetzt die "stammeseigenen
morphogenetischen Felder" genannt.
Von dort möchte ich weiter zitieren: "In Ngama in
Zentralaustralien liegt eine Felsgruppe, in der man verschiedene hundeähnliche
Formen sehen kann: sie war nach der einheimischen Mythologie Wohnort der
ersten Familie wilder Hunde und wird als magisches Hervorbringungszentrum
der Spezies betrachtet, wo die Eingeborenen Zeremonien zur Steigerung der
Hundepopulation verrichten. Dieselbe Funktion haben unsere Kultorte für
menschliche Stämme oder Stammesverbände: sie sind der zentrale Quell der
Lebenskraft aller, die vom Ahn abstammen, die Wurzel der Herkunft. Wenn
man feststellt, dass die Rituale, die mit solchen Orten verbunden sind,
Fruchtbarkeitsrituale sind, darf man nicht vergessen, dass die Kraft, die
hier entspringt und die in den Ritualen jährlich erneuert werden muß,
auf keinen Fall plump sexuell verstanden werden darf. Dieselbe sexuelle
Energie, die in diesen "Points d'amour" (Robert Charroux)
wohnt, ist auch Geist und Seele, das Wesen des Ahns und des Stamms sowie
der Landschaft der Umgebung. Die Orte sind auch Quell der Inspiration,
Zugang zur kollektiven Erinnerung, zur Information, die im Stammesarchetyp
wohnt, sind auch Orakel".
"Steine und Stöcke" - die Charakterisierung des
englischen Archäologen Sir Arthur Evans für die wesentlichsten Elemente
der minoischen Kultur im frühen Griechenland - verkörpern in der
archaischen Landschaft solche Mana-Sitze, und nach unseren Erläuterungen
über die Bedeutung des Kopfes als Sitz des Genius sehen wir, dass es kein
Zufall ist, dass Felsen, Baumstümpfe, Pfähle und Menhire als Sitze des
"Kopfgeistes" später oft mit Köpfen versehen oder als Penis
gestaltet wurden, wurde doch dessen "Kopf" gleichermaßen zu dem
Haupt der menschlichen Gestalt in Beziehung gesetzt. Das prominensteste
Beispiel im alten Griechenland ist der "Kopfgott", Seelenführer
und Beschützer der Wege Hermes, dessen steinerne Darstellungen als
geflügelter Phallus oder Kopf in der griechischen Landschaft der Antike
überall anzutreffen waren. Von der geomantischen Bedeutung des
Zusammenhanges zwischen Kopf und Genius zeugen auch die vielen Kopf-Orte,
vom römischen Kapitol (Capitolium=Ort des Kopfes) über das Jerusalemer
Golgatha bis zum White Hill in London, wo der Kopf des keltischen
Unterweltgottes Bran begraben sein und das Land beschützen soll.
Vor diesem Hintergrund sind auch die spärlichen Zeugnisse zu sehen,
die wir von römischen Autoren über den Genius loci haben. Wie
Menschen und Gruppen von Menschen - so gab es z.B. den "genius
populi Romani" (des römischen Volkes) - , so schrieb der Römer
auch jedem Ort der natürlichen Landschaft einen Genius zu. Es gibt den "genius
montis" (Genius des Berges), "genius valli, fontis,
fluminis" (Genius des Tales, der Quelle, des Flusses), sogar nur
einen "genius huius loci montis" (dieser Stelle des
Berges) (siehe Abbildung aus Herkulaneum). Aber auch alle vom Menschen
geschaffenen örtlichen Strukturen besassen für den Römer ihren Genius
loci als Schutzgeist. Dazu schreibt der Schriftsteller Prudentius:
"Auch den Toren pflegt ihr einen Genius zuzuschreiben, den Häusern,
dden Thermen, den Ställen und für jeden Ort und alle Glieder der Stadt
viele tausend Genien anzunehmen, so dass kein Winkel des ihm eigenen
Schatttengeistes entbehre" (Birt). So findet man "genius
theatri, thermarum, horrei (Kornspeicher), stabuli, curiae" etc.
Die Zueignung eines Ortes oder Gebäudes an einen Genius verlieh Schutz
gegen Unbill und Verunreinigung. Auch Provinzen, Dörfer, Städte und
Gemeinden haben ihren Genius loci: "genius vici, oppidi, municipi,
Genius Cartagini (Karthago), Lugduni (Lyon), genius urbis
Roma (Stadt Rom). Manchmal wurden diese Genien auf den Denkmälern
oder in der Literatur mit bestimmten Göttern identifiziert (Apollo, Mars,
Herkules etc.), die "deus patrius" (väterlicher Gott)
und "genius coloniae" (Genius der Kolonie, Siedlung)
sind, oft aber heissen sie ohne nähere Kennzeichnung einfach "genius
huius loci" (Genius dieser Stätte). Über Orte, an denen ein
Genius wohnte, konnte der Römer sagen "numen inest"
(darin wohnt ein Geist, das göttliche Numen), wie der Dichter Ovid in den
"Fasti" (III,296-7) über den Aventinhügel. Die griechische
Entsprechung dazu wäre "daimonios ho topos" (Rose).
Tempel wurden vielen Lokalgenien erbaut, aber nur denen von
allgemeinerer Bedeutung. Bei diesen fehlte oft sogar ein schriftlicher
Hinweis; die Gegenwart eines Genius wurde dann nur durch das Bild einer
Schlange angedeutet, das übliche Symbol des Genius loci. In den Häusern
hielten die Römer meist lebende Schlangen, die als identisch mit den
Ortsgenien galten und die Personalgenien behüteten; der Tod einer solchen
Hausschlange galt als böses Omen.
Vom Weiterleben des Genius loci-Konzeptes - und von der Kenntnis
der antiken Diskussionen über das Wesen von Genius und Daimon - in späteren
Jahrhunderten, vor allem in der Tradition des Humanismus, zeugt der
St.Galler Humanist und Reformator Vadian, der 1518 nach jahrhundertelangem
amtlichem Verbot als erster den Berg Pilatus in der Nähe von Luzern
bestieg, um den berühmten "verwünschten See" zu besichtigen
und einen persönlichen Augenschein am Ort vieler alter Sagen zu nehmen.
In seinem Bericht darüber schrieb er, daß gewisse Orte sich durch ein "numen
aliquod naturae" (ein gewisses "numen" der Natur)
auszeichneten - er verwendete auch die Begriffe "numen loci"
und "genius loci" - das er natürlichen, nicht übernatürlichen
Ursachen zuschrieb, während sein Kollege Gesner an das Wirken eines
Geistes oder Dämonen glaubte - mit der Begründung, die Natur tue nichts
Plötzliches und Unangekündigtes, und kleinste Ursachen könnten keine
grossen Wirkungen haben. Dieses "numen naturae"
stellte sich Vadian als eine Art Kraftstoff-Konzentration vor (Schmid).
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