117 : Eine Passion fr das Unerreichbare (2)
Aus der dunklen Nacht des Verstandes zum Erwachen

Um weiter zu gelangen, mu man den Mut haben, durch zwei dunkle N.chte zu gehen: die dunkle Nacht des Verstandes und die dunkle Nacht der Identit.t...

Kenntnis ist ein Schleier ber dem Gekannten. (Ibn 'Arabi)



Dies ist die Erfahrung derer, denen der 	bergang zur Ebene Jabarut gew.hrt wird. Bis jetzt haben wir "Zeichen" entdeckt. Hinweise in der Welt und in uns selbst auf die unbeschreibliche Wirklichkeit jenseits von Form. Jetzt machen wir einen weiteren Schritt.

Es gibt eine weitere Kenntnis: Auf einer fortgeschrittenen Stufe lernt man Gott zu erfassen, wie Er an sich ist, anstatt der Kenntnis, die man von Ihm sammelt. Gott macht sich uns durch sich selbst bekannt und offenbart uns Seine Kenntnis Seiner selbst durch sich selbst (nicht durch dich). (Ibn 'Arabi)

In der seligen Nacht,

insgeheim, so da mich keiner sah

und ich selber nichts gewahrte,

ohne anderes Licht und Geleit

auer dem, das in meinem Herzen brannte.

(Hl. Johannes vom Kreuz, Die dunkle Nacht)

Der Akt des Bewutseins, der sich auf Erfahrung grndet, wird nun durch eine innewohnende Kenntnis ersetzt, die unabh.ngig ist von Erfahrung. Im Laufe der Evolution reflektiert unser Denken die Entwicklung, die die Menschheit durchl.uft. Auf dieser Stufe gewinnt unser Denken eine kosmische Reichweite. Wir denken in einem Mastab, der die Art und Weise widerspiegelt, wie das Universum denkt.

Die ganze Menschheit ist an allem beteiligt, was wir heute fr neu halten. (Pir-o-Murshid Hazrat Inayat Khan)

Der gttliche Code

Nun strebt man danach, noch hher zu gelangen: in die Programmierung des Universums, Lahut - in die Archetypen, von denen unsere Qualit.ten die Exemplare sind.

Dann l.t Gott den Adepten durch Seine Namen reisen, um ihm Seine Zeichen zu zeigen, damit der Diener erf.hrt, da er durch jeden Namen benannt ist. Durch diese Namen erscheint Gott dem Diener. Umgekehrt offenbart Er sich sich selbst in den Mglichkeiten Seiner vielen Namen. (Ibn 'Arabi, Fusus ...)

Zum Vergleich:

Dagegen kennen Wir sie nur durch Uns selbst. (Ibn 'Arabi, l.c.)

Da das Verg.ngliche das Ewige offenbart, kennen wir das Ewige durch das Verg.ngliche. (Ibn 'Arabi)

Wir mssen uns ber weitere, latente Dimensionen unseres Wesens Rechenschaft ablegen, zus.tzlich zu der Skala von Qualit.ten, die unsere Erbschaft vom Universum enth.lt, welche jeder von uns auf seine Weise zum Ausdruck bringt. Um ein schner Mensch zu werden, mssen wir die Werte integrieren, die auf den Ebenen unseres Wesens zu entdecken sind, die wir in unserer Unwissenheit Gott zuschreiben, weil sie durch unsere menschliche Erbschaft berdeckt sind. Sie stellen unsere gttliche Erbschaft dar.

Pir-o-Murshid weist daraufhin, da wir ein Same und eine Pflanze sind und ebenso die Blten und das Parfm.

So wie der Same ganz zuletzt kommt, nach dem Leben des Stammes, des Zweiges, der Frucht und der Blte, und so wie der Same als solcher gengt und f.hig ist, eine neue Pflanze hervorzubringen, so ist der Mensch das Produkt aller Ebenen, der spirituellen wie der materiellen. Unter all den Lebenskr.ften leuchtet in ihm allein auf, was die Ursache des Ganzen ist - die ursprngliche Intelligenz, der Same der Existenz, Gott. Es ist die Essenz des Lebens, die sich in den Blten als Parfm offenbart. Die Herzqualit.t bringt dieses Parfm im Intellekt hervor, das wie der Duft einer Blume ist. (Pir-o-Murshid Inayat Khan)

Welche Perspektive entdecken Sie, wenn Sie an sich selbst als an einen Samen denken? Ein Same ist ein Programm, das die gesamte Programmierung des Universums in einer spezifischen Weise zum Ausdruck bringt: das ist Ihr Potential, Ihre wahre Natur. Der Same verwandelt den Stoff des Planeten in eine Pflanze (die das Ziel des Samens ist). Wie Pir-o-Murshid betont, ist in uns genau die Intelligenz zu finden, die sich als die existentielle Sph.re manifestiert.

Im Menschen wird der Geist erweckt, durch den das Universum erschaffen wurde. (Pir-o-Murshid Inayat Khan)

Um das zu erreichen, ist der Same mit einer natrlichen Energie ausgestattet - der Same wird durch Energie angetrieben. Knnen Sie diese Energie um Ihren Krper herum fhlen, in Ihrem Krper und Ihren Krper andeutend? Betrachten Sie nun die Energie Ihrer Psyche: Es ist dieselbe Sehnsucht, die den Kosmos in Bewegung gesetzt hat. Knnen Sie die Art und Weise spren, wie Ihre ganz eigene, einzigartige Natur, untersttzt durch Ihre Energie, Ihre physische und soziale Umgebung beeinflut und verwandelt? Das ist Ihre Art, das Universum zu gestalten.

Knnen Sie das sehen: W.hrend Ihr Krper wie die Blume ein Gebilde des sich selbst gestaltenden Planeten (tats.chlich des Stoffs des ganzen Kosmos) ist, gestaltet Ihre Psyche das Denken der Menschheit in einer einzigartigen Weise, die dazu beitr.gt, das Wesen des Menschen zu bereichern. Aber Ihre Seele gehrt noch einer anderen Ebene an, der des Parfms.

Die schpferische Kunst der Persnlichkeit besteht darin, das Universum (Gott) zu erwecken, das (der) in unserem Wesen virtuell gegenw.rtig ist. Je mehr wir uns unbekannte Mglichkeiten erwecken, desto mehr knnen die Schnheit und die Majest.t, die im Universum verborgen sind, als unsere Persnlichkeit in die Existenz hervorbrechen, in einer reichen Sinfonie von Qualit.ten. Andererseits wird unsere Einzigartigkeit durch unsere spezifische schpferische Programmierung sichergestellt, durch die bestimmte Gene in unserer Psyche ber andere dominieren, die rezessiv werden, aber dennoch als Mglichkeiten bestehen bleiben. Dies l.t sich am Beispiel der Programmierung unserer Krperzellen darstellen. Sie haben alle denselben Code (in dem mglicherweise die Codierung des ganzen Universums enthalten ist), aber wenn in jeder Zelle alle Gene aktiv w.ren, g.be es nicht die Mannigfaltigkeit unter den Zellen, die dafr sorgt, da sie in verschiedenen Funktionen zusammenarbeiten, um eine materielle Grundlage fr unser Denken und unser Bewutsein bereitzustellen. Aus demselben Grunde gibt es die reiche Vielfalt an menschlichen Wesen, damit sie im gemeinsamen Interesse zusammenarbeiten. Dies erkl.rt die paradoxe Inkongruenz, der man begegnet, wenn man Wahdat, die Vielfalt in der Einheit, und Wahidiya (oder Wahdaniaf), die Einheit in der Vielfalt, zu erforschen versucht.

Alles an Ihm ist gleichzeitig einzigartig und differenziert, so bewundere die Vielfalt, die in der Essenz eins ist. (Jili, Der vollkommene Mensch)

In unserem linearen Denken haben wir Schwierigkeiten, metaphysische Feststellungen wie diese miteinander zu vereinbaren:

Du bist nicht du - du bist Er, ohne dich. Weder tritt Er in dich ein, noch trittst du in Ihn ein; weder entstehst du aus Ihm, noch entsteht Er aus dir. (Ibn 'Arabi)

und:

Wisse, wodurch du Er bist und wodurch du andersartig bist als Er. (Ibn 'Arabi) Es ist alles Gott, aber der Mensch hat seinen eigenen Kopf. (Pir-o-Murshid Inayat Khan)

Wir knnen daher unseren schpferischen Willen dazu verwenden, die Qualit.ten, Sifat, auszuw.hlen, die von den Sufis als Asma' ilahi (Namen Gottes) bezeichnet werden und die in der Sufi-	bung des Wazifa gesprochen werden. Durch sie rufen wir uns ins Ged.chtnis, wie Gott sich uns in unserer eigenen Natur offenbart. Um unsere Persnlichkeit zu erschaffen, mssen wir daher die Qualit.ten ausw.hlen, die wir betonen mchten, so wie ein Knstler oder eine Knstlerin die Farben auf seiner/ihrer Palette ausw.hlt, entsprechend seiner/ihrer Sehnsucht und Erkenntnis, die sich als sein/ihr Wunsch .uern.

Als Gott sich auf die Wegstationen Seiner Diener herabsenkte, bten ihre Eigenschaften ihren Einflu auf Ihn aus. Er bestimmt daher ihre Eigenschaften nur durch sie. (Ibn 'Arabi)

Wir mssen deshalb erkennen, wo wir gem. unseren Wesensmerkmalen in den Mechanismus des Universums hineinpassen, um unseren Beitrag zu leisten. Die hher entwickelten Zellen bringen jedoch mehr und mehr von der Flle des Codes des Universums zum Ausdruck, und genauso ist es mit einer reichen Persnlichkeit. Daraus leitet sich die Sufi-Metapher Insan al-kamil ab, die Bezeichnung fr den vollkommenen Menschen, der alle Sifat (Qualit.ten) verwirklicht.

Wenn Gott den Heiligen durch Seine schnsten Namen reisen l.t, zu den anderen Namen und schlielich zu all den gttlichen Namen, dann lernt er die Transformation seiner Zust.nde und der Zust.nde der ganzen Welt kennen. (Ibn 'Arabi, Die mekkanischen Offenbarungen)

Der n.chste Schritt?

Der Zugang zum hchsten Erwachen jenseits des Lebens, Hahut, erfordert den Mut, durch die .uerste Verdunkelung zu gehen: das "Sterben vor dem Tod".

Ich fiel bet.ubt zu Boden. Dann sah ich Ihn in meinem bet.ubten Zustand. Ich sah Gott nicht, bevor ich gestorben war. Das war der Zeitpunkt meines Erwachens, so da ich wute, wer ich war. (Ibn 'Arabi)

So offenbart Er sich dem Herzen Seines Dieners durch diese Schleier, denn wenn Er sich ohne sie offenbarte, wrde der strahlende Glanz Seines Antlitzes den kreatrlichen Teil dieses Dieners verbrennen. (Ibn 'Arabi)

Erwachen ins Leben

Erst nach diesem vlligen Zusammenbruch all dessen, worauf man sich verlassen hat, ist man bereit, ins Leben zu erwachen: Tauhid.

Wenn der spirituelle Reisende seinen Anteil der Reise durch die Namen vollendet und die Zeichen kennengelernt hat, die ihm die Namen Gottes w.hrend dieser Reise gegeben haben, dann kehrt er zurck und fgt sich wieder zu einem Ganzen zusammen, jedoch in einer Zusammensetzung, die sich von jener ursprnglichen zusammengesetzten Natur unterscheidet, denn jetzt verfgt er ber eine Kenntnis, die er nicht hatte, als er aufgelst wurde. (Ibn 'Arabi)

Das Paradoxe ist, da man Gott "woanders" sucht, wie Pir-o-Murshid Inayat Khan sagt, denn man vers.umt es, Ihn/Sie in Seiner/Ihrer Manifestation in der Existenz zu erkennen.

Was w.re, wenn du dich mit einem Menschen treffen solltest, mit dem du nicht persnlich bekannt bist? Du knntest ihm begegnen, ohne seine Identit.t zu erkennen. Du wrdest ihn weiter suchen, w.hrend er genau dort w.re, wo du ihn sehen knntest. Denn du wirst niemals auf andere Weise etwas ber Ihn erfahren, als was wir durch Seine Selbstoffenbarung ber Ihn wissen. Du erlangst daher nur je nach dem Grad deiner Empf.nglichkeit Kenntnis von Ihm. (Ibn 'Arabi)

Knnen Sie erkennen, da es unsere Entfremdung von unserem Ursprung - dem Kosmos (Gott) - war, die unsere Persnlichkeit entstellt und eingeschnrt und ihre Entfaltung behindert hat? Je egozentrischer man ist, desto mehr kmmert man sich um seine "Strme im Wasserglas"; und je kosmischer man wird, desto mehr betrachtet man die Probleme der Menschheit und des Planeten als seine Angelegenheit und nimmt konsequenterweise umso mehr Verantwortung auf sich, die herrschenden Bedingungen in weltweitem Mastab zu verbessern.

Hier liegt der Unterschied zwischen dem Weg der Meister oder dem der Heiligen und dem prophetischen Weg. Die Meister inspirieren, fhren und lehren persnliche Meisterschaft, die Entwicklung der Persnlichkeit. Die Heiligen heilen und trsten. Die Propheten erffnen Perspektiven fr die weiteren Schritte der Menschheit im kosmischen Proze der Evolution und "warnen vor kommenden Gefahren". Das Erwachen, das sie auslsen, erfat die Menschheit und betrifft nicht die individuellen psychischen Probleme der Menschen. Dies ist der n.chste Schritt fr diejenigen, die dem Weg des Meisters oder dem Weg des Heiligen gefolgt sind.

Um ein schner Mensch zu werden, mu man die auf der Mithal-Ebene, der Ebene der Metapher, gewonnene Quintessenz aus dem durch das Leben erlangten Know-how mit der Einsicht des "Erwachten" auf der Ebene Jabarut vereinbaren. Man mu die Unschuld und Leuchtkraft der himmlischen Ebene Malakut mit der Meisterschaft des reifen Menschen auf der irdischen Ebene Nasut in Einklang bringen, als Ritter zu seinem Ideal stehen und dem Bsen mit Mut begegnen, ohne seine Liebe zu dem Menschen zu verlieren, dem man so entgegentritt.

Um ein schner Mensch zu sein, mu man mehr Wert darauf legen, im Dienst unserer "Familie", die alle fhlenden Wesen umfat, eine schne Welt von schnen Menschen zu schaffen, als seine eigenen Sch.fchen ins trockene zu bringen. Aber seien Sie gewarnt: Der Held oder die Heldin setzt sich der Herrschsucht, der Scheinheiligkeit und dem Obskurantismus fast aller aus, die Machtpositionen innehaben und die ihn oder sie zum M.rtyrertum treiben werden.

Schillers Worte, die Beethoven zu seiner neunten Sinfonie inspirierten, waren (frei wiedergegeben) :

Genug von diesem Klang (der Fanfare des Schlachtfelds), alle Menschen sind Brder. Die Milit.rparade wird in einen Friedensmarsch verwandelt.
