116 : Eine Passion fr das Unerreichbare (1)
Je weiter man vorangeht, desto mehr zieht sich der Horizont zurck. (Pir-o-Murshid Inayat Khan)

Unser Ziel ist es, die Ressourcen unseres reich facettierten und vielschichtigen Ichs zu erforschen, zu entfalten und zu lautem und in unser Selbst (seine transzendente Schablone) zu integrieren.

Wir knnen niemals mit uns zufrieden sein, wenn wir uns weiter auf die Mittelm.igkeit beschr.nken, auf die wir konditioniert worden sind, wie bequem und sicher sie auch sein mag. Normalerweise verwirklichen wir nur einen winzigen Bruchteil der vollen Breite und all der Ebenen unseres Wesens. Stellen Sie sich ein Klavier vor, bei dem die meisten Tasten mit Klebeband zugeklebt sind; die Musik, die man spielen knnte, w.re kl.glich, verglichen mit der Musik nach Entfemen des Klebebandes. Dieses Klebeband ist unsere Unkenntnis der Reichweite unserer Identit.t - unser Selbstbild. Der grte Teil unseres Wesens schlummert, so wie die reiche Vielfalt der Gene im Samenkorn im Vergleich zu dem, was sich davon in der Pflanze entfaltet. Andererseits ist es die Pflanze, in der das Programm des Universums zu einer Wirklichkeit wird, und nach Auffassung der Sufis und auch von Pir-o-Murshid Inayat Khan geschieht es in uns, da Gott zu einer Wirklichkeit wird.

W.re es nicht um der Pflanze willen, warum h.tte der G.rtner den Samen ges.t? (Rumi)

Wo kann man Gott finden, wenn nicht im gottbewuten Menschen? (Pir-o-Murshid Inayat Khan)

O Du, der Du dort abwesend bist, wir haben Dich hier gefunden. (Jili, Der vollkommene Mensch)

Unsere kosmische Dimension

Denken Sie einmal, da das Universum (Gott), bewegt durch seine Sehnsucht (Ishq Allah) nach Schnheit und Majest.t, sich selbst als Sie gestaltet hat und sich auf diese Weise als Sie entdeckt, indem es sich Ihnen mittels dessen, was durch die Erscheinung der Welt und durch Ihre Natur hindurchscheint, offenbart!

Er zeigt uns Seine Zeichen an den Horizonten und in uns selbst. (Koran)

Du wirst niemals auf andere Weise etwas ber Ihn erfahren, als was wir durch Seine Selbstoffenbarung ber Ihn wissen. (Ibn 'Arabi, Futuhat)

Es lassen sich verschiedene Ebenen der Energie und verschiedene Ebenen der Wirklichkeit unterscheiden. Um unser Bewutsein von einer Perspektive in eine hhere zu erheben, mssen wir unsere mentalen Barrieren beseitigen, uns mit der Ganzheit verbinden, von der wir ein Ausdruck sind, und das Wirken des Universums (Gottes) auf uns einladen.

In Wirklichkeit sind es eher verschiedene Ebenen oder Perspektiven als verschiedene Welten; sie sind daher in die existentielle Welt eingebettet. Wie wir wissen, sind es in der Sufi-Terminologie Nasut, Mithai, Malakut, Jabarut, Lahut und Hahut.

Aufstieg

Lob und Preis sei Ihm, der Seinen Diener zur Nachtreise von der heiligen Moschee (Mekka, Anm. d. 	bers.) zum fernen Tempel (Jerusalem, Anm. d. 	bers.) fhrte ... damit wir Ihm unsere Zeichen zeigen. (Koran, Sure 17,2)

Meine Reise fand in mir selbst statt. Wenn Gott Seinen Diener durch seine inneren geistigen Zust.nde fhrt, um ihn Seine Zeichen sehen zu lassen, fhrt Er ihn durch Seine Zust.nde. (Ibn 'Arabi, Die mekkanischen Offenbarungen)

In einem ersten Schritt stimmt man sich auf die Ebene der Metapher ein: Mithai.

So drang ich in den ersten Himmel vor. Nichts blieb mir von meiner Krperlichkeit, wovon ich abhing oder worauf ich achten mute. (Ibn 'Arabi, l.c.)

Imagination bersetzt Ideen und Emotionen in Formen.

Dann folgt eine weitere Entschleierung, in welcher deine Formen in Ihm sich in dir manifestieren. (Ibn 'Arabi, Fusus...)

Gott kann in der .ueren Wirklichkeit nur durch die Form des Geschpfes existieren; und das Geschpf kann nur dasein durch die Form Gottes. (Ibn 'Arabi, l.c.)

Der Schpfer stellt sich die Formen vor, die Ihn sich selbst offenbaren. So ist der Schpfer zum Geschpf geworden, denn Seine Schpfung ist Seine Vorstellung. (s. Corbin, 1958)

Indem du Ihn in diesem Bild erkennst, hilfst du Ihm, sich selbst in diesem Bild zu erkennen. (Corbin, 1989)

Imagination bildet die Brcke zwischen den beiden Polen unseres Wesens: dem Denken/Gemt (mind) und dem Krper oder dem Bewutsein und der Energie oder der Hardware und der Software.

Die Imagination ist eine Ausdehnung der gttlichen Imagination, die die Welt erschafft, indem sie sie in Formen projiziert. Die Imagination bewirkt, da Archetypen herabsteigen und sich in wahrnehmbaren Formen manifestieren. (Ibn 'Arabi, Etudes, 1961)

Wenden Sie sich nach innen. D.mpfen Sie die Perspektive der Umgebung oder der Eindrcke, die sich Ihrem Denken und Gemt durch Geschehnisse oder durch Ihre Wechselwirkung mit der Umgebung (physisch oder psychisch) eingepr.gt haben. Ein kaleidoskopisches Aufgebot von Bildern wird Ihr Bewutsein bestrmen. Wenn Sie ein gewisses Ma an Freiheit von weltlichen Anhaftungen suchen, dann werden Sie finden, da sie diejenigen Eindrcke ausscheidet, die die Umgebung reflektieren oder die Ihre psychologischen Erw.gungen darstellen. Hhere und mehr kosmische Zust.nde Ihres Wesens werden versuchen, sich Ihnen durch Bilder zu erffnen.

Was die Heiligen angeht, so machen sie Reisen in der Zwischenwelt, auf denen sie geistige Wirklichkeiten in konkreten Formen erleben, die fr die Imagination wahrnehmbar geworden sind. Sie vermitteln eine Kenntnis der geistigen Wirklichkeiten, die in diesen Formen enthalten sind. (Ibn 'Arabi, l.c.)

Durch diese Reise macht Gott sie mit dem bekannt, was ihnen in jeder Welt entspricht, indem Er mit ihnen durch die verschiedenartigen Welten reist. (Ibn 'Arabi, l.c.)

Unser himmlisches Ebenbild

In einem weiteren Schritt, um die Ebene Malakut, die himmlische Sph.re, zu erreichen, mu der Reisende den Imaginationsakt vermeiden.

Man mu es vermeiden, seine Weisungen im Bereich der Vorstellung zu suchen, der in bezug auf die reinen Archetypen nur indirekte Hinweise gibt. (Ibn 'Arabi, l.c.)

An diesem Punkt im Dhikr geben Sie Ihre Vorstellung auf - Vernichtung des Aktes (Vorstellung) zugunsten des Objekts (Psyche) : fana bi'l madhkur 'an al dhikr.

Das Denken erfat die Form des Objekts direkt, ohne die Hilfe von Kategorien, Illusion und Vorstellung. Die Eindrcke (samskara) sind beseitigt; alle frheren mentalen Funktionen sind zerstrt. (Eliade, Yoga, Immortality and Freedom)

Um Gottesbewutsein zu erlangen, ist die erste Bedingung, Gott zu einer Wirklichkeit zu machen, so da Er nicht l.nger nur eine Vorstellung ist. (Pir-o-Murshid Inayat Khan)

Die Psyche entblen

Damit dieser Wechsel der Perspektive vollzogen werden kann, mu man nicht nur seine frhere (gewhnliche) Perspektive entwerten, sondern insbesondere mu man sogar die Struktur seiner Persnlichkeit und infolgedessen sein Selbstbild abbauen.

Dann l.t der geistige Reisende in jeder Welt den Teil von sich zurck, der ihr entspricht. Diese Reise bringt nun die Auflsung seiner zusammengesetzten Natur mit sich. (Ibn 'Arabi, l.c.)

In diesem Proze der alchimistischen Destillation entdecken wir den Aspekt unserer selbst, der wie Parfm ist, und identifizieren uns mit ihm. Dies ist die Art und Weise, wie wir die himmlische Ebene unseres Wesens berhren. Das Parfm repr.sentiert den endgltigen Wert als Quintessenz des ehrfurchtgebietenden Kampfes der Lebenskr.fte, die darum ringen, den Gipfel des hchsten und kostbarsten Wertes zu erreichen: das Heilige. Beim Extrahieren des Parfms aus der Blume mu man das 	berflssige ausscheiden.

Um dies zu tun, mu man sich einer .uersten Konfrontation stellen und Selbstbetrug ausmerzen oder das aufgeblasene Zur-Schau-Tragen seines knstlich gesttzten Egos, mit dem man die Leichtgl.ubigen t.uscht, einschlielich sich selbst. Dies verlangt von uns ein Abstreifen der unechten Strukturen unserer Persnlichkeit, die unser wahres Selbst verbergen und die wir errichtet haben, um uns den Gesichtsverlust zu ersparen, unsere Fehler einzugestehen.

Denken Sie an Ihre Psyche als an eine Gestaltung, wie z. B. ein Blumenarrangement oder ein Interieur oder eine musikalische Komposition. Sie hat sich unbemerkt aus unseren Neigungen entwickelt, aus unseren Reaktionen auf die Umst.nde, aus unserer persnlichen Strategie, die auf der T.uschung unseres labilen Selbstbildes beruht. Man hat sich an sie gewhnt, sich davon einengen und verh.rten lassen und hat sich dadurch den Weg zu Ver.nderung und Fortschritt versperrt. W.hrenddessen war die Seele in dieser fehlerbehafteten Psyche gefangen und litt an Verzweiflung und Demtigung, grtenteils ohne da man sich dessen bewut war.

Um die schpferische Entfaltung in Flu zu bringen, mssen wir den Mut haben, uns mit der Macht der Wahrheit zu konfrontieren; wir mssen konsequenterweise das behelfsm.ige psychische Konstrukt niederreien, mit dem wir gelebt haben, und uns entblen. Dies ist, was die Sufis als Fana bezeichnen.

Es h.ngt von Ihrem Unterscheidungsvermgen ab, worauf Sie verzichten und wofr -ob Sie dem Himmel entsagen um der Welt willen oder der Welt um des Himmels willen, dem Reichtum um der Ehre willen oder der Ehre um des Reichtums willen; ob Sie auf Dinge von vorbergehendem Wert zugunsten von immerw.hrenden Dingen verzichten oder auf immerw.hrende Dinge zugunsten von Dingen von vorbergehendem Wert. Wenn der Mensch zwischen seinem geistigen und seinem materiellen Vorteil zu w.hlen hat, dann zeigt er, ob sein Schatz auf der Erde oder im Himmel ist. (Pir-o-Murshid Inayat Khan)

Diese grundlegende Realit.t unseres Wesens ist das, was Pir-o-Murshid Inayat Khan mit dem "wahren Ich" meint, im Gegensatz zum falschen Ich.

Das falsche Ich ist das, was sich das Ich als sein wahres Wesen vorstellt. Das Ich hat seine zwei Seiten: die eine ist die Seite, die wir kennen, und die andere ist die Seite, die wir entdecken mssen. Tauchte der Mensch tief genug in sich ein, so erreichte er einen Punkt seines Ich, wo es ein unbegrenztes Leben lebt. Das Ich selbst wird niemals zerstrt. Es ist das Eine, das immer lebt, und dies ist das Zeichen des ewigen Lebens. In der Erkenntnis des Ich liegt das Geheimnis der Unsterblichkeit.

Sich w.hrend des Aufstiegs verwandeln

W.hrend der Reisende Teile von sich selbst zurckgelassen hat, die nicht mit den hheren Ebenen bereinstimmen, tr.gt man mit sich, wie Ibn 'Arabi klarstellt, das Wesentliche der Erinnerung an die Perspektive der Welt und seine grundlegende Identit.t, die im Unbewuten begraben gewesen war.

Wenn also er allein zurckbleibt, ohne irgendeine dieser Bindungen an die Welt, dann nimmt Gott das Hindernis des Schleiers von ihm, und er bleibt bei Gott, so wie alles andere von ihm in der jeweils entsprechenden Welt zurckgeblieben ist... Auf diese Weise setzt er seinen Weg durch die verschiedenen Welten fort und nimmt von jeder Welt den Aspekt seiner selbst, den er dort zurckgelassen hatte, und fgt ihn wieder in sich ein. (Ibn 'Arabi, l.c.)

Beim Trennen der Elemente seiner Psyche, um sie neu zusammenzufgen, mu man Vorsicht walten lassen, damit man nicht das Kind mit dem Bade ausschttet. Um dies zu vermeiden, ist es notwendig, da man ein klares Gefhl fr das Prinzip seines Wesens entwickelt - die best.ndige (nicht die ewige) Wirklichkeit unseres Wesens im Gegensatz zu seinen Modalit.ten. Mit der Best.ndigkeit unseres Wesens ist gemeint, da es eine "Kontinuit.t im Wechsel" ist, so wie ein Flu, bei dem es niemals dasselbe Wasser ist, das unter der Brcke hindurchfliet. Es wird durch das bereichert, was es aus der Umgebung aufnimmt.

Dies knnte man mit dem Unterschied zwischen einem musikalischen Thema und seinen Variationen illustrieren. Buddha lehrt seine Schler, ihre Identit.t von dem Aspekt ihres Wesens, den man als Baum darstellen knnte, zum Urgrund ihres Wesens zu verlagern: zur Wurzel des Baumes. Wenn man einen Baum bis auf seine Wurzeln abs.gt, wird er wieder wachsen, obwohl seine .uere Struktur vllig ver.ndert sein mag.

Er hat noch immer das Gewahrsein dessen, was an ihm bleibt. (Ibn 'Arabi) Jemand, der in den Strom eingetreten ist, hat die Wurzel verwandelt, aus der er entstanden ist. In dem Strom, aus dem er geschaffen ist, finden wir nun das Element Bodhi als etwas Extrasamsarisches, das ausersehen ist, eine neue Vererbungslinie zu bestimmen... Wir knnen nun von einer berindividuellen Matrix oder Wurzel ausgehen - nicht mehr ausschlielich samsarisch - von Existenzen, die auf Befreiung gerichtet sind. (Evola, "The Doctrine of Awakening")

Eine Methode, um diesen Identit.tswechsel herbeizufhren, besteht darin, sich mit seiner "himmlischen" Lichtaura zu identifizieren (statt mit dem Halo physischen Lichts, der den Krper umgibt und den man auf Kirlian-Fotografien sieht). Um das zu erreichen, mu man das Licht ber seinen wahrnehmbaren physischen Ausdruck hinaus verfolgen.

Um uns nun wieder neu zusammenzufgen, mssen wir jeden Baustein unserer Persnlichkeit in seiner Echtheit beurteilen und herausfinden, wie sie zusammenpassen und wie sie miteinander darin wetteifern, ein neues und schnes Kunstwerk zu erstellen. Dies ist, was die Sufis als Baqa bezeichnen. Erst nach dem Ausmerzen der verwerflichen Elemente, die nicht in das erwnschte Bild passen, ist es angemessen, mit den Sifat (Qualit.ten) zu arbeiten, wie wir es in der 	bung des Wazifa tun.

Eine Welt im Entstehen l.t sich mit einem groen Puzzle vergleichen, dessen Einzelteile lebendig und in der Lage sind, sich selbst.ndig zu bewegen. Jedes Teil hat seinen eigenen bestimmten Platz und seine Beziehung zu jedem anderen Teil. KeinDing oder Wesen kann fr sich allein leben. Aber wenn sie an einem falschen Platz sind, mu die Hand Gottes sie verschieben, bevor das vollst.ndige Bild enthllt werden kann. (Pir-o-Murshid Inayat Khan)

Dies verlangt eine Regression in den Scho des Kosmos, die Hhle, in die Dunkelheit des Verstandes, und die Aufgabe des persnlichen Willens, insoweit er sich dem Willen des Universums (Gottes) entfremdet hat. Es bedeutet, Freiheit zu finden von der Abh.ngigkeit von weltlichen Bedingungen, die genau die psychische Verschmutzung nach sich ziehen, von der wir uns freizumachen versuchen, um eine Art innerer Reinheit zu erlangen. Wir werden nun im Kern unseres Wesens den makellosen Zustand finden, die Keimzelle, Ursprung des Embryos unserer Psyche, und werden uns daran machen, sie neu zu entfalten, ausgestattet mit der Weisheit, die wir gewonnen haben, indem wir erkannten, was in unserer bisherigen Entwicklung falsch gelaufen war. Dies ist nach Auffassung der Sufis "der verborgene (und daher heilige: secret - therefore sacred) Schatz, der sich danach sehnte, erkannt zu werden". Knnen Sie erkennen, da er unsere Verbindung mit dem Universum (Gott) repr.sentiert und nicht die Art, wie wir unser Bild von uns selbst seinem Ursprung entfremden?
