Highnoon
Ein Polit-Veteran hat Hochkonjunktur: Pentagon-Chef Rumsfeld genie�t das Vertrauen der
Nation - und dr�ngt die Bush-Regierung zum Feldzug gegen Bagdad.
Ganz Washington hatte sich bereits auf das
Spektakel von "Rummy Death Watch" eingerichtet: Wieder einmal schien sich eine
Lieblingsbesch�ftigung der Hauptstadt-Macher in Politik und Medien abzuzeichnen: das
schadenfrohe Begleiten der scheinbar unaufhaltsamen Demontage eines Polit-Stars. Donald
Rumsfeld, 69, genannt "Rummy", war von 1975 bis 1977 der j�ngste, wird noch in
dieser Amtszeit der �lteste US-Verteidigungsminister sein und hatte in seinem langen
politischen Leben einfach zu viele Gegner und Rivalen verprellt, zu viele Rechnungen offen
gelassen.
Nun schien unverhofft Gerechtigkeit zu walten. Die Generale und
Admirale seiner Mammutbeh�rde grummelten bereits vernehmlich, weil ihnen der neue Chef
l�ngst nicht so viel zus�tzliche Gelder zu beschaffen schien, wie sie es sich ertr�umt
hatten. Auf dem Kapitolh�gel st�hnten seine Parteifreunde im Repr�sentantenhaus und im
Senat �ber die Schroffheit und die Arroganz, mit denen dieser letzte �berlebende Intimus
des Tricksers Richard Nixon ihnen �ber den Mund fuhr.
Dann kam der 11. September, der Angriff auch auf seinen Amtssitz,
und damit der Beginn eines aufregenden Comebacks. �hnlich wie in New York der
erfolgreiche, aber h�ufig unliebensw�rdige B�rgermeister Rudolph Giuliani zum
f�hrungsstarken Helden der Katastrophentage aufstieg, profilierte sich in Washington der
sonst oft knurrige Pentagon-Chef als der eigentliche Feldherr im Afghanistan-Krieg.
W�hrend Au�enminister Colin Powell zuweilen wochenlang unsichtbar blieb und seine
internationale Allianz gegen den Terrorismus schmiedete und auch die �ffentlichen
Auftritte des Kriegsherrn Bush - viele Washington-Beobachter sagen: aus gutem Grund - wohl
dosiert blieben, erkl�rt als Einziger Rumsfeld regelm��ig der Nation, was Sache ist:
lakonisch, direkt und gew�hnlich mit mehr guten als schlechten Nachrichten. Jeden Tag um
die Mittagszeit l�uft live aus Washington, D. C., die "Rummy-Show", und jeden
Morgen lassen sich treue Fans im Pentagon die genaue Anfangszeit telefonisch durchgeben.
Der Highnoon mit Don beginnt wie andere Talkshows auch: mit dem
Eingangsmonolog des Stars, der mit seiner trockenen Krieg-ist-nun-mal-nicht-nett-Masche
das Fernsehpublikum patriotisch einstimmt, etwa wenn er den Kriegsgegner eindeutiger
charakterisiert als jeder andere in Washington: "Osama Bin Laden, Komma,
Massenm�rder."
Im Frage-und-Antwort-Teil der Pressekonferenz bleibt dann dem
jeweiligen vortragenden Milit�r kaum was anderes �brig, als sich neben seinem Chef so
wenig wie m�glich zu blamieren. Wenn etwa der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs,
General Richard Myers, zu einer gewundenen Erkl�rung ansetzt, warum die USA in der N�he
afghanischer D�rfer die gef�rchteten Streubomben oder die tonnenschweren, besonders
zerst�rerischen "daisy cutter" einsetzen, stellt Rumsfeld klar: "Wir
nutzen sie, um die Fronttruppen von Taliban und al-Qaida m�glichst zu t�ten."
Bislang hat sich der Verteidigungsminister, der gelobt hat, er sei
"zu alt, um zu l�gen", in seinen t�glichen Lageberichten noch nicht bei einer
Unwahrheit ertappen lassen. Allerdings stellte er klar, dass er es im �brigen mit Winston
Churchill h�lt: "Im Krieg ist die Wahrheit ein so kostbares Gut, dass man ihr als
Leibw�chter ein paar L�gen zur Seite stellen sollte."
Doch Rumsfeld ist ganz bestimmt kein Pausenclown und noch weniger
der nette Onkel der Regierung. Freunde wie Gegner bescheinigen ihm, im b�rokratischen
Alltagsgerangel ein "ruchloser Halsabschneider" zu sein, wenn es gilt, die
eigenen Ziele durchzusetzen.
Meisterhaft beherrscht er das Spiel, eine Gruppe enger Vertrauter
loszulassen, die seine Anliegen in der Presse vertreten. Zu ihnen geh�ren Mitarbeiter wie
Paul Wolfowitz, der vielleicht selbst Verteidigungsminister geworden w�re, wenn er nicht
vor einem Jahr eine schwierige Scheidung am Hals gehabt h�tte. Oder Richard Perle, der
sich schon in der Administration von Ronald Reagan den Spitznamen "F�rst der
Finsternis" verdient hatte. Wenn es dagegen gilt, dass die Regierung so geschlossen
wie m�glich auftritt, schweigen Rumsfelds Kettenhunde so eisern, wie sie sonst ihr
Ceterum censeo ablassen.
Als sich allerdings ein erfolgreiches Ende des Afghanistan-Kriegs
abzuzeichnen begann, ist die "Bombt-Bagdad-Truppe" des Pentagon zum Sturmangriff
�bergegangen. Sie legt auf allen Kan�len dar, warum Inspektionen und Sanktionen nichts
gegen Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen ausrichten k�nnen.
Und diesmal marschiert der Chef selbst in vorderster Reihe.
Rumsfeld: "Irak ist nicht das Land, das sich von innen heraus �ndern k�nnte."
Dann muss es wohl von au�en sein. Pr�sident Bush jedenfalls betonte vorige Woche noch
einmal "die Notwendigkeit, das Milit�r auch anderswo einzusetzen". Selbst
Powell, der sich aus Sorge um seine Anti-Terror-Allianz bislang als
durchsetzungsf�higster Gegenspieler Rumsfelds profiliert hatte, soll seinen Widerstand
gegen die Ausweitung des Kriegs auf den Irak zumindest teilweise aufgegeben haben,
berichten Insider.
Der Golfkriegsgeneral, der gegen den Pentagon-Chef den K�rzeren
zog, versucht jetzt, mit aller Macht durchzusetzen, dass nur Saddams Waffenfabriken
bombardiert werden. Nicht aber Bagdad oder die Pr�sidentenpal�ste.
HANS HOYNG