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Das Motto des diesjährigen Jazzfestivals „Graz Meeting“ (wie immer im Grazer Orpheum) war „African Roots“. Ein lohnendes, aber auch sensibles und riskantes Thema, sind doch die afrikanischen Wurzeln Inspiration und eine Grundlage nicht nur des Jazz, sondern ragen auch tief in Bereiche populärer Musik des 20. Jahrhunderts hinein, die von manchen „Jazzpuristen“ (als ob es „reinen“ Jazz geben könnte) rigoros abgelehnt werden. Das Erkennen und Anerkennen dieser Zusammenhänge erfordert also ein gewisses Maß an Offenheit. Das nächstjährige Festival wird übrigens europäischen Grundströmungen gewidmet sein. Man hat anscheinend eine programmatische Schiene gefunden, von der man sich einige Zeit leiten lassen könnte.
Der in Österreich lebende Senegalese Jali Keba Cissokho eröffnet alle drei Abende mit dem Vortrag von Griots, das sind traditionelle Gesänge aus seiner Heimat, begleitet auf der Kora, einer Art Mischung aus Harfe und Laute. Die über Generationen überlieferten Lieder sind lebendig gehaltenes Kulturgut aus dem „echten Afrika“, wie Veranstalter Gerhard Kosel meint. Also quasi der Boden, in dem die Wurzeln sprießen, um die es in weiterer Folge geht. Auch wenn uns die Inhalte der Geschichten verborgen bleiben, so eröffnet uns die freundliche Grundstimmung des Gesangs mit der rhythmusbetonten Begleitung die Möglichkeit, in uns selbst hineinzuhorchen und unseren eigenen, inneren Geschichten zu lauschen. Eine leichte Trance als Einstieg in den Abend – gelungen!
Die erste Gruppe und eine Österreichpremiere ist das Quartett des Südafrikaners Zim Ngqawana, der in seiner Heimat ein gefeierter Star, bei uns aber praktisch unbekannt ist. Die Band in der traditionellen Quartettbesetzung (Bläser, Piano, Bass, Schlagzeug) bringt nichts Überraschendes, sondern gediegenen Jazz der südafrikanischen Art, wie man ihn etwa von Abdullah Ibrahim kennt. Eine Mischung aus melancholisch-süßen Melodien und expressiven Soli auf dem Boden intensiver Gospelrhythmen. Ngqawana sing (und schnalzt mit der Zunge), er spielt neben Saxophonen auch Flöte, Pfeife, Hupe, Mundharmonika und Beethoven. Letzteres in Form einer Mini-Spieluhr – seine Form der Auseinandersetzung mit Österreich und der mitteleuropäischen klassischen Musik, wie immer man sie interpretieren möge. Neben Eigenkompositionen wird eine wunderschöne Version von Ellingtons „In a sentimental Mood“ gegeben. Anregende Musik, aber der letzte Funke, der dem Publikum seine Zurückhaltung nehmen könnte, bleibt aus.
Nach der Pause der erste Star des Festivals: Pharoah Sanders! Der spirituelle Mann mit dem Rauschebart ist in traditionelle, bunte afrikanische Gewänder gehüllt und strahlt nur so vor innerer Glückseligkeit. Er verkörpert die Quintessenz der African Roots im Jazz.
Schnitt!
Glattrasiert, farblos schlicht gekleidet, das Gesicht mürrisch versteinert, so steht er vor uns. Aber lassen wir die Äußerlichkeiten und hören wir, was der erfahrene Mann zu sagen hat. Eines dieser typisch meditativen, ruhig auf und abschwellenden Themen. Das Problem: die Sache stockt und die Einleitung will und will kein Ende nehmen. Sanders überlässt die Bühne seinen bedauernswerten Musikern. Besonders der Pianist William Henderson, langjähriger Gefährte von Sanders, ist ein Meister der inhaltsleeren, aber umso großzügiger ausgeschmückten Überleitungen quer über die Tastatur.
Dann versucht sich Sanders als Hardbopper und scheitert an der dafür erforderlichen Präzision. Besser geht er als Blues-Shouter durch. Am besten kommen aber immer noch seine Sounds, für die er berühmt ist: die verschliffenen, überblasenen Klänge, reich an Obertönen, den afrikanisch inspirierten. Eben!
Währenddessen gibt die Rhythmusgruppe ein klägliches Schauspiel zwischen einfallslosem Walking Bass und Ding-ding-a-ling-Schlagzeug. Da helfen auch Themen wie „Giant Steps“ nicht. Buhrufe aus dem Publikum, das sich lichtet. Doch was geht es den Meister an, wenn seine Kunst nicht gefällt. Seine Musiker sind alle so „great“, dass er es einfach hinausbrüllen muss wie ein Marktschreier.
Der Freitag bringt die Versöhnung und Beispielhaftes zum Thema Altern in kreativer Würde. Altmeister Yusef Lateef ist mit seinen 81 Jahren zum ersten Mal hierzulande zu hören. Er war unter den ersten, als er sich auf persönliche „Wurzelsuche“ begab, in den Vierzigerjahren den moslemischen Glauben annahm und 1957 unter Einbeziehung arabischer Instrumente und Strukturen Aufnahmen lieferte, die zu einem Eckpfeiler dessen wurden, was später einmal World-Jazz genannt werden sollte. Nach diversen stilistischen Ausflügen ist er seit den 90-er Jahren endgültig zu einem spirituellen Leader der Szene gereift.
An diesem Abend spielt Lateef im intimen Duo mit dem Percussionisten Adam Rudolph sensible Musik der intensivsten Art. Die Bandbreite reicht von gebetsartigen Rezitationen zum Thema Frieden über einen sich ruhig entfaltenden Blues (Flöte/Kalimba) zu entspannten Grooves, wie sie subtiler kaum vorstellbar sind. Lateef akzentuiert konzentriert und sparsam, ob mit robust-erdigem Ton auf seinem Stamminstrument, dem Tenorsaxophon, oder als abstrakt-minimalistische Einsprengsel am Piano. Auf orientalischer Oboe und verschiedenen Flöten werden schöne Melodiebögen eingebracht. Die Stille als Gestaltungselement ist immer dabei und erlaubt es, einzelnen Tönen nachzuhören, so lange, wie es notwendig ist. Rudolph ist der feinsinnig reagierende Dialogpartner, der unterstützt, sich aber nicht in den Vordergrund drängt. Dann überrascht Lateef am Piano als Sänger mit fast jugendlich anmutender Stimme. Was er schmunzelnd in der Art einer fesselnden Pop-Ballade singt könnte eine autobiographische Grundlage haben: „Death in the morning time“, die Geschichte eines alten Mannes, der dem Tod begegnet ist.
Ein außergewöhnliches Konzerterlebnis, aufbauend auf beeindruckender spiritueller Überzeugung und Erfahrung einer singulären Persönlichkeit. Die Kraft, aus allgemein-kulturellen Wurzeln gesaugt, kann eine höchst individuelle Blütenpracht entfalten!
Trevor Watts’ Moire Music Group, mit der der Freitag endet, ist ungewollt zum Power-Trio mutiert. Der afrikanische Percussionist ist nicht erschienen und so produziert Watts in der jetzt rein europäischen Gruppe mit Saxophon, E-Bass und Schlagzeug hochenergetische Musik, die an Jazz-Rock angelehnt ist, und in den als komplexe Endlosschleifen vorgebrachten Themen klar von Afrikas Polyrhythmen inspiriert ist. Grundlage sind ein trocken-präzises Schlagzeug und ein großartiger Schnellfinger Colin McKenzie am E-Bass mit einem warmen Ton, der an Jaco Pastorius erinnert. Der fehlende Afropercussion-Part hätte wohl gut getan, es geht aber auch ohne!
Für die Afro-Night am Samstag war Abtanzen angesagt. Es eröffnet der deutsche Wunderpianist Cornelius Claudio Kreusch mit der Gruppe Fo Doumbé, in der er der einzige Weiße ist. Eine tanzbare und gelungene Verbindung von Jazzrock, Afrobeat und Funk. Neben Kreuschs prägnanten Beiträgen am Piano (er spielt neben einem akustischen Flügel auch ein herrlich altmodisch waberndes Fender-Rhodes E-Piano) fallen der entspannt groovende Bass von Zaf Zapha auf („deep“ und „phat“ sind hier die richtigen Worte) und die im Gegensatz dazu sehr heiße, authentisch afrikanische Stimme der Leadsängerin Fanta Diabape. Sie widersteht in wohltuender und eindringlicher Weise der Versuchung, Klangklischees zu reproduzieren, die uns aus Jazz- und Popwelt zum Thema „schwarze“ Sängerin vorgegeben werden. Afrikas Stimmen klingen anders!
Mit Ramadu & The Afro-Vibes hat man schließlich den Jazz endgültig hinter sich gelassen. Die ungefähr zehn Musiker machen in gemischt afrikanisch-europäischer Besetzung heißen Afrorock mit Ausflügen in folkloristischen A-Capella-Gesang, Soul, Funk, und mehr. Dazu Tanzeinlagen wie es sich für eine Afroparty gehört. Leadsänger Ramadu ist eine Stimmungskanone und unterhält mit netten, nachdenklichen und erzieherischen Geschichten aus seiner Heimat Simbabwe. Die Band hat das Zeug zum Erfolg!
Dass Ramadu seit Jahren in Graz lebt und die Band dementsprechend einige heimische Musiker aufweist (u.a. den Grazer Percussion-Tausendsassa Franz Schmuck) ist ein erfreulicher außermusikalischer Aspekt. Hat doch Graz eine große afrikanische Gemeinde, die sich auf diese Weise ins rechte kreative Licht zu setzen weiß und derart wohl auch zur Verständigung zwischen verschiedenen Gruppen beiträgt.