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Rezensionen November 2002
Die folgenden Rezensionen erschienen in Jazz Live Nr 137/2002.
Flower Machine: "Dancing On Monday"
Dacapo 9464
Rec. 8.-9.2.2001
Thomas Agergaard (ts, alto-fl), Simon Spang-Hanssen(ss, as, ts), Klavis Hovman (b), Marilyn Mazur (dr, perc)
Die von den Saxophonen unisono in ausgedehnten, komplexen Themen vorgetragene Passagen können ermüden; trotz des ansatzweise funky agierenden Bassisten und des dynamischen Spiels von Mazur. Da gehen die ruhigeren Phasen mehr in die Tiefe und erlauben klangliche Entfaltung. Dann lässt ein intensives Solo am orientalisierendem Sopransax aufhorchen. Auch der Einsatz der Alt-Flöte lohnt sich und bring mit einem Hauch japanischer Zen-Meditationsmusik willkommene Entspannung und an anderer Stelle an Dolphy erinnernde Spielfreude. Der dem Bass eingeräumte solistische Spielraum wird unspektakulär genutzt. Insgesamt eine gute Produktion, die sich aber kaum durch markante Eigenheiten von Vergleichbarem abhebt.
(Stubenrauch)
Mal Waldron: "One More Time"
Sketch SKE333023
Rec. 29,30.1.2002
Mal Waldron (p), Jean-Jacques Avenel (b), Steve Lacy (ss)
Mal Waldron ist eine eigene Kategorie. Seine Musik ist spröde, einfach, berührend, introspektiv, individuell, eindringlich, tief empfunden, zeitlos, meditativ, konzentriert, unkonventionell, schön, intim, Blues und Trance. Diese wunderbare CD zeigt all diese Aspekte in zwei Solostücken, vier Duetten mit dem einfühlsamen Bassisten Avenel und zwei Trio-Einspielungen, bei denen mit Steve Lacy ein langjähriger Weggefährte Waldrons am einsamen Pfad der Authentizität mit dabei ist. Der technisch brillante Avenel ist mit seinem akzentuierten, einfallsreichen Spiel ein idealer Partner Waldrons (wie er auch schon oftmaliger Partner Lacys war). Das kompositorische Material bringt - wie bei Waldron erwartet - keine Überraschungen, sondern wurzelt in einem persönlichen Vokabular, das über Jahrzehnte gereift ist. Altbekannte Titel wie "The Seagulls of Kristiansund" und "Soul Eyes" sind mit dabei, aber auch in den neuen Kompositionen blitzen die typischen Waldron-Phrasen immer wieder deutlich auf. Der 76-jährige Waldron schreibt im Booklet, er sei extrem glücklich diese Aufnahme als einen Höhepunkt seines Lebens zu haben. Das Glück diese CD hören zu dürfen ist ganz unser!
(Stubenrauch)
Bertrand Lajudie: "Watercolours"
Altri Suoni AS109
Rec. 2002
Bertrand Lajudie (p, key), Bernard Paganotti (b), Antoine Paganotti (dr), Denys Lable (g), Mino Cinelu (perc), Eric Seva (ts, ss), Stephane Guillaume (bcl), Nicolas Folmer (tp, flh), Claude Egea (tp, flh), Jacques Bolognesi (tb), Denis Leloup (tb), Lionel Surin (fr.h), Eric Karcher (fr-h)
Wer sich angesichts der Großbesetzung Bigbandfreuden erwartet wird enttäuscht: nur ab und zu wird das Basisquartett erweitert; für klanglichen Reichtum soll dagegen öfters der Synthesizer sorgen. Strukturell und kompositorisch ist die Produktion angesiedelt zwischen jenem Fusionbereich, in dem Weather Report zuletzt vor ungefähr 25 Jahren für Höhepunkte gesorgt hatte und einem an Bill Evans (den Pianisten) erinnernden Lyrizismus. Die paar Anleihen an Gil Evans machen dabei das Kraut nicht fett. Und die technisch unauffälligen solistischen Leistungen verstärken eher den Eindruck von mangelndem Ideenreichtum und fehlender Originalität.
(Stubenrauch)
red and blue - neither nor way
EFA CD 60202 /cs 056
Kaada, Eivind Aarset, Krøyt, Supersilent, Ring, Nils Økland, Jaga Jazzist, Scool Days, Wunderkammer, Beatroute, Nils Peter Molvær, Kim Hiorthøy, Motorpsycho, Stian Carstensen, Cafe Romantica, Folk & Røvere, Jazzkammer, Monopot, Phono, Wibutee, Scorch Trio, Bugge Wesseltolft
Norwegen ist in. Das Land zwischen Licht und Dunkel versorgt die Musikwelt seit einigen Jahren mit immer neuen Wellen von trendigen Innovationen. Ganz im Zentrum der Medien steht dabei eine neue Art der Fusion von Jazz, Elektronik und Avantgarde, die mit den Zugpferden Bugge Wesseltoft, Wibutee und Nils Peter Molvaer an der Spitze auch populäre Domänen eroberte. Die vorliegende Doppel-CD, vollgepackt hauptsächlich mit bisher unveröffentlichtem Material (aus dem Studio und live), bietet einen hervorragenden Querschnitt durch die aktuelle Szene. Neben den Stars werden auch weniger bekannte Gruppen vorgestellt, die nichtsdestoweniger faszinierende Steinchen zum Gesamtbild beitragen. Die rhythmische Bandbreite reicht von leichtem Funk über schweren Hardrock bis zu nervösem Techno, von monotonen Drummachines bis zu a-metrischer, akustischer Improvisation. Unter den klanglichen Zutaten finden sich meditative Flöte, fetter Akustikbass, Folklore-Fiedel, diverse Samples, Kirchenorgel, allerlei Jazzbläser, Rockgitarre, solo Akkordeon, zarte Frauenstimme, Elektrokrach. Ein Gipfeltreffen von Folkore, Avantgarde und Unterhaltung. Alles gleichzeitig und alles "weder noch", wie der Titel der Produktion genial andeutet. Brandaktuell, fordernd und spannend! Einziger Wermutstropfen: Das ansonsten sehr gelungene, informative Booklet lässt uns im Stich, wenn es um durchgehend detaillierte diskographische Angaben geht. Schade, gerade bei einer derartig repräsentativen Sammlung.
(Stubenrauch)
Cecil Taylor / Bill Dixon / Tony Oxley
Victo cd 082
Rec. live at Victoriavill Festival, 19.5.2002
Cecil Taylor (p), Bill Dixon (tp, flh), Tony Oxley (dr, perc)
Ein Gipfeltreffen von drei legendären Meistern der improvisierten Musik. Und ein historisches dazu, denn Taylor und Dixon waren zuletzt 1966 auf einer gemeinsamen Aufnahme zu hören. Die beiden haben seit damals ihre persönlichen Musiksprachen auf extreme Gegenpole hin bewegt: Taylor auf manisches Powerplay, basierend auf einem wie Lava brodelnden musikalischem Urthema, das seit Jahrzehnten ausgelotet wird. Dixon in Richtung einer Auflösung in Stille und Feinheit des Tons. Tony Oxley ist nun das Bindeglied; er spielt seit Jahren mit beiden, kann zwischen den Welten vermitteln und setzt herausfordernde Akzente. Das Experiment gelingt nur teilweise. Dixons lyrisch-verhangenen Ton, der bis in Tubalagen hinabsteigen kann, klagen kann, gehaucht, von Echo gefangen, der aber auch schneidend zornig werden kann, kennt man so von seinen Aufnahmen der letzten Jahre. Aber Taylor? Wenn er Dixons leise Introspektion nicht zudecken will muss er anders sein als sonst. Er lauscht auf Dixon, reagiert ungewöhnlich sanft, reflektiert das elektrische Trompeterecho am Piano. Und Oxley ist überall und doch so zurückhaltend, dass man ihn kaum wahrnimmt. In den 42 Minuten der ersten Improvisation geht der Fokus mehrmals verloren. Kaum zieht sich Dixon etwas zurück, schon wird Taylor ein bisschen forscher und lässt seine Welten aufblitzen! Und Oxley geht sofort mit! Fast meint man dann, sie würden froh das Mehr an Freiheit nutzen wollen, das ihnen ohne Dixon gegeben ist.
Es ist kein eingespieltes Team, sondern es sind trotz grundsätzlicher Übereinstimmung fremde Welten, die hier aufeinander prallen. Ein gegenseitiges Abtasten. Aber auch eine Übung in Einfühlsamkeit, Toleranz und Freiheit: Wie viel Selbst ist neben dem Anderen möglich?
Die acht Minuten der zweiten Improvisation sind konzentrierter, das Zusammenspiel zwingender, Spannung und Kreativität werden bogenförmig gehalten. Es folgt noch ein Einminutensolo Taylors und schon ist das Ereignis vorbei!
(Stubenrauch)
Charlie Haden with Michael Brecker:
"American Dreams"
Universal 064 096-2
Rec. Mai 2002
Charlie Haden (b), Michael Brecker (ts), Brad Mehldau (p), Brian Blade (dr), and a 34 piece orchestra
"Musik zum Träumen", eine Radiosendung, irgendwann nach Mitternacht, als Soundtrack zu einem Film der Einsamkeit. Oder der Romanze. Ich habe mich immer gefragt, woher die Programmmacher solche Musik wohl nehmen mögen. Auf einen wie Charlie Haden wäre ich dabei nie gekommen. Aber der Ex-Freejazzer und Revoluzzer ist ja längst ins Lager der Bewahrer übergewechselt. In diesem ist er nun u.a. zuständig für diejenige Art von Emotionalkitsch, für die die Amerikaner besonders anfällig zu sein scheinen. Von Streichern unterlegte American Dreams, die wohl als Ausgleich zu den realen Albträumen dienen mögen, die die Amerikaner plagen. "Music is a healing force" einmal anders. Aber ganz ehrlich: Ist sie nicht einfach zum schmachten schön, diese Musik?
Die Produktion kann durchaus mit interessanten Momenten aufwarten, zumal das Star-Quartett sensibel und einfallsreich agiert und auch ohne Orchester zu hören ist. Hadens Solos sind sowieso auf großartige Weise einfach anders und bei Ornette Colemans "Bird Food" ist schließlich jeder Wiederstand gebrochen. Derartiges gibt uns Kraft, die Sentimentalität zu genießen, ohne der süßen Verschnulzung gänzlich zu erliegen.
(Stubenrauch)
Desert Blues 2
Network 22.762
erhältlich bei Zweitausendeins
Nach dem sagenhaften Erfolg des ersten Teiles liegt nun die zweite Folge der Serie Wüstenblues vor, in bewährter Network-Luxusausführung von 2 randvollen CDs in einem hochformatigen Doppelpack mit ausführlichem buntem Booklet. Die Reise führt von den Mittelmeergestaden Nordafrikas über die Sahara bis an den Rand des Dschungels und wartet dementsprechend mit einem reichhaltigen Stilgemisch afrikanischer Balladen auf. Die Bandbreite reicht von traditioneller Stammesmusik mit spirituellem Hintergrund über lokale Klassik bis zu zeitgenössischer Unterhaltung, die auch Aspekte der globalen Popmusik einbezieht. Dann kann in Rhythmus, Instrumentierung (Harmonika, Gitarre!) und Gesangsstimmen tatsächlich ein sehr intensives Blues-Gefühl aufkommen. Die Grundstimmung ist meist gelassen, aber konzentriert und ernsthaft, die rhythmische und harmonische Vielfalt ist erwartungsgemäß groß. Ist es möglich, dass diese Bluesvarianten, die dort entstehen, wo die globale (US-)Musikkultur fein verästelt in der authentischer Kreativität lokaler Kulturen aufgeht, frischer, lebendiger, spannender sind als das US-Vorbild, das inzwischen so oft in Klischees erstarrt erscheint? Kompilationen wie die vorliegende können uns diesbezüglich die Augen, nein, die Ohren öffnen!
(Stubenrauch)
Tomas Sauter: "Tranceactivity ... flora"
Altrisuoni AS116
Rec. Juni 2001
Tomas Sauter (g, loops), Urban Lienert (b), Christoph Staudermann (dr)
Der erste Teil des Titels der CD ist treffend gewählt: Der monoton-nervöse Rhythmusteppich á la Drum'n'Bass, die dazu im Kontrast stehenden tiefkühlen Bassgrooves, die psychedelisch-epischen Verzerrungen der Stromgitarre: All dies kann uns in Trance versetzen. Und ist insofern zeitgemäß exakt auf dem Punkt. Wir brauchen heilende Ritualmusik, die uns von unserem Intellekt befreit. Wenn simple, aber effektive Verzahnung zu einem integrierten Ganzen führt, dann können wir sogar auf herkömmliche "Virtuosität" verzichten, die doch immer wieder einer solchen Einheit im Wege steht.
Und: Diese Art von Monotonie hat nichts mit langweiliger Einfallslosigkeit zu tun. Deshalb hat man neben "klassischen" Jazzrock-Passagen auch nette kleine Themen eingestreut, richtig zum Mitsingen, teilweise auch zum Entspannen. Und das ganze mit viel Improvisation gewürzt. Vielleicht erklärt das den zweite Teil des Titels der CD: Flora. Monotonie der Trance gegen pflanzlich-musikalisches Wuchern? Aha, deswegen die Grassamen in der Juwelbox!
(Stubenrauch)