<<ZURÜCK>>

Im Wartesaal

Die Uhr tickt, sie läßt sich Zeit, die Minuten dehnen sich ein bißchen, wo schon Sekunden lang genug erscheinen. Ich habe keine Lust, zuzusehen, wie der Schatten des Fensterkreuzes über den Wohnzimmerteppich wandert, ich stehe abrupt auf und gehe schnell in die Küche. Dort bleibe ich erst mal stehen. Es ist kühl, Klimaanlage, der Edelstahl blitzt statisch, das Cerankochfeld liegt matt zwischen den fabelhaft sauberen Arbeitsflächen. Am Wasserhahn hängt ein Tropfen, der aber so aussieht, als würde er in dieser Position schon des längeren verharren. An allen Seiten Gewürzregale und Schränke. Ich kenne mich nicht aus. Das Reich meiner Mutter. Ich sehe in den Backofen, obwohl ich keinen Hunger habe; nichts darin.
Ich gehe ins Wohnzimmer zurück und setze mich auf den niedrigen Tisch. Er knarzt ein bißchen. Ich sitze jetzt im Schneidersitz vor dem Fernseher und spiegele mich in dessesn Mattscheibe. Draußen, auf der Straße unten, ein Fahrrad.
Kinderlachen.
Die Uhr tickt hier so laut. Ich frage mich plötzlich, warum sie da hängt.
Ich stehe wieder auf und gehe zur Tür, aber ich mache sie nicht auf, ich gehe zum Sofa und setze mich auf das Sofa. Ich nehme eine Zeitschrift, die da liegt und schlage sie auf. Die Bilder kommen mir alle Bekannt vor.
Ganzseitige Illustrationen.
Ich halte die Zeitschrift verkehrt herum, habe einmal gelesen, dass man Gesichter am besten verkehrt herum abzeichnen kann, denn dann wirken die Linien abstrakt und man gibt sich Mühe, Proportionen und Kurven so wiederzugeben, wie sie sind und nicht so, wie man denkt, dass sie sein müssen. Das Gesicht ist das einer alten Frau, wettergegerbt, vom Kummer verzogen, faltig, die fast schwarzen Irisse der Augen glänzen sehr feucht. Krieg. Verkehrt herum, natürlich, daneben ein erklärender Text (falsch herum) und darüber (eigentlich darunter) das Gesicht eines rundäugigen Kindes, dessen Mund offen steht, die feuchte Zunge berührt einen kleinen wettergebräunten Zeigefinger, daneben fehlt der Daumen. Sein spärlich behaarter Kopf schmiegt sich in die Kinnbeuge der alten Frau.
Ich drehe das Bild.
Ich werfe die Zeitschrift auf den Boden vor den Fernseher, stehe schnell auf, drehe mich, dann bücke ich mich nach meinem linken Schuh, der unter dem Wohzimmertisch auf der Erde liegt.
Ich setze mich wieder auf die Tischplatte, ziehe den Schuh an. Dann sehe ich mich nach dem anderen um. Er liegt zwischen Tisch und Sofa. Ich bücke mich, hebe ihn auf, setze mich auf die Tischplatte und ziehe den Schuh an. Dann stelle ich beide beschuhte Füße aufs Sofa.
Kein Dreck.
Ich trete ein bißchen fester. Aus dem Sofa steigen Staubwolken auf. Myriarden Staubpartikel schweben durch das Sonnenlicht. Ich springt auf und drehe mich schnell um, die Uhr, der Fernseher, der Tisch, die Tür.
Das ist nicht mein Wohnzimmer. Ich will das rausschreien. Ich habe Lust, die Uhr in den Fernseher zu schmeißen oder aus dem Fenster. Schnell zur Tür, Klinke heruntergedrückt, auf, und dann ins Treppenhaus.

Es ist eigentlich ein schöner Tag, nur dass ich nirgendwo hab, wo ich hingehn kann. Alle arbeiten, ich fühle mich gleich ein bißchen schuldig, dass mir alles so eng erscheint. In allen Häusern arbeiten sie. Ich gehe in Richtung Park. Obwohl es warm ist, Sommer, habe ich meine Jeansjacke an und beide Hände in den Hosentaschen, ich sehe mich ein paar mal um. Ich glaube, die Passanten sehen mich komisch an. Vor der Drogerie bleibe ich stehen, ich überlege kurz, ob ich reingehen soll. Sonja arbeitet da drin. Ich lehne mich gegen das Schaufenster. Wegen der großen, blauweißen Reklameaufdrucke un der Regale, die drinnen vor dem Fenster stehen, sieht sie mich wahrscheinlich nicht. Vielleicht sitzt sie hinter der Kasse, aber es sind selten Kunden im Geschäft, vielleicht füllt sie Regale nach oder sonst irgendwas.
Ich wünschte, ich würde rauchen. Ich habe noch nie richtig geraucht, obwohl ich häufig viel trinke. Ich überlege, ob ich reingehen und mir eine Schachtel Zigaretten kaufen soll, aber es wäre sinnlos, ich will fürs Rauchen kein Geld ausgeben.
Ich drücke mich mit den Ellebogen von der Scheibe ab und gehe weiter, Richtung Park. Im Park ist es fast leer, nur ein paar Mütter und Omis mit kleinen Kindern. Ein Pulk Mütter steht bei dem mickrigen Spielplatz, der nur aus einem Sandkasten und einer Rutsche besteht, zusammen und quatscht. Die Kinder haben ihren Spaß, ein paar spielen mit Eimerchen und holen in dem schmierigen See, dessen Ufer unüberlegt nahe am Spielplatz liegt, Wasser für ihre Sandmatschereien. Ich setze mich unter einen Baum ins Gras und lehne mich an. Wie seltsam, dass Kinder in diesem Alter immer schön sind, selbst wenn sie heulen sind sie noch schön. Später wächst sich das langsam aus, aber man ist sich noch nicht darüber bewußt, und irgendwann sieht man sich dann alte Photos an und findet es seltsam.
Ich überlege, ob ich irgendwo schon mal ein häßliches Kind gesehen habe. Mir fällt auf, dass es in meinem Bekanntenkreis gar keine Kinder gibt, dabei dachte ich immer, ich kann gut mit Kindern umgehen. Jetzt weiß ich es nicht mehr.
Ich lehne den Kopf ganz zurück und sehe oben in die Blätter. Die Schattierungen von Sonnengrün, Rindenbraun und Himmelblau sind famos, aber mir wird plötzlich elend.
Ich fühle mich, als könnte ich nie mehr ein Kinderbuch lesen.
Ich schlage mit dem Hinterkopf gegen den Baumstamm und kneife die Augen zu.
Ausgesperrt. Und jetzt? Nach Hause?
Ich könnte zum Bahnhof gehen.
Und dann?
Ich habe ja nicht einmal Geld. Zumindest nicht viel. Nicht genug.
Langsam bekomme ich Hunger. Ich habe noch nichts gegessen. Beim Gedanken ans Essen wird mir ein bißchen schlecht. Die Luft und der Park sind so sauber, so grün, so nach Erde und Laub duftend, ich will nicht an fettige Fritten oder so was denken, ich lasse die Augen zu und bleibe sitzen. Ziemlich lange.

(C) Meike Blömer

<<ZURÜCK>>

Hosted by www.Geocities.ws

1