Archiv links- und rätekommunistischer Texte

Cajo Brendel, Kronstadt: Proletarischer Ausläufer der russischen Revolution

I.

Die Deutung jener historischen Ereignisse, die vor mehr als f�nfzig Jahren als "der Aufstand von Kronstadt 1921" in die Geschichte eingegangen sind (bzw. krampfhaft daraus entfernt wurden),ist aufs engste verkn�pft mit der gesellschaftlichen Position des jeweiligen Interpreten oder anders gesagt: sie wird von seiner Stellungnahme zu den in der Gesellschaft tobenden Klassenk�mpfen gepr�gt und bedingt. Wer die russische Revolution 1917 als eine sozialistische Umw�lzung betrachtet, wer die, in den Jahren des B�rgerkrieges gefestigte bolschewistische Herrschaft f�r eine proletarische Macht h�lt, der mu� notwendigerweise das, was damals in jener Inselfestung am finnischen Meerbusen vor sich ging, als einen konterrevolution�ren Versuch zur St�rzung des jungen "Arbeiterstaates" auffassen. Wer umgekehrt gerade im Auftreten der Cronst�dter einen revolution�ren Akt erblickt, der ger�t fr�her oder sp�ter zu ganz entgegengesetzten Ansichten �ber die russischen Entwicklungen und �ber die wirkliche Lage in Ru�land.

Das alles scheint selbstverst�ndlich zu sein. Aber es kommt noch etwas mehr hinzu. Der Bolschewismus ist nicht blo� eine Wirtschafts- oder Staatsform, dessen Existenz damals - nicht nur in Kronstadt, sondern auch in Petrograd, in der Ukraine und in gro�en Teilen S�dru�lands - auf des Messers Scheide stand, er bildet gleichzeitig eine in den russischen Revolutionsk�mpfen gereifte, auf die russischen Verh�ltnisse zugeschnittene Organisationsform. Nach dem bolschewistischen Oktobersieg wurde und wird sie von den verschiedensten politischen Seiten den Arbeitern aller L�nder aufgedr�ngt. Als sich die Bev�lkerung von Kronstadt gegen die Bolschewiki erhob, da hat sie nicht nur die bolschewistischen Machtanspr�che entschieden zur�ckgewiesen, sondern auch die traditionellen bolschewistischen Parteiauffassungen und die Partei als solche in Frage gestellt. Hier liegt der Grund, weshalb jeder Meinungsstreit �ber organisatorische Probleme der Arbeiterklasse nur allzuoft die Diskussion �ber Kronstadt miteinbezieht und weshalb jede Diskussion �ber Kronstadt unausweichlich auch die Differenzen �ber die Taktik und Organisationsfragen des proletarischen Klassenkampfes offenlegt. Das hei�t also: der Aufstand von Kronstadt hat auch nach mehr als einem halben Jahrhundert immer noch eine brennende Aktualit�t. Wie kolossal auch seine historische Bedeutung sein mag, sie wird weit �berragt von seiner praktischen Bedeutung f�r die heutigen Arbeitergenerationen, f�r alle, die am proletarischen Kampf teilnehmen. Leo Trotzki war einer derjenigen, der diese Bedeutung nicht verstand. Als er 1938 seinen Aufsatz "Viel L�rm um Kronstadt" ver�ffentlichte (l),seufzte er: "Man k�nnte glauben, der Aufstand von Kronstadt hat nicht vor 17 Jahren, sondern gestern stattgefunden." Gerade um jene Zeit, als er diese Worte schrieb, unternahm Leo Trotzki tagaus, tagein jede erdenkliche Anstrengung, die stalinistische Geschichtsf�lschung und die stalinistischen Legenden zu entlarven. Da� er dabei niemals die Grenze der leninistischen Revolutionslegende �berschritt, ist eine Tatsache, die wir hier beiseite Lassen k�nnen.

II.

Der Aufstand von Kronstadt zerst�rte einen sozialen Mythos: den Mythos, da� im bolschewistischen Staat die Macht in den f�nden der Arbeiter liegt. Weil dieser Mythos unzertrennlich mit der ganzen bolschewistischen Ideologie verbunden war (und bis heute noch ist), weil in Kronstadt mit der Verwirklichung der echten Arbeiterdemokratie ein bescheidener Anfang gemacht wurde, deshalb bildete Kronstadt f�r die, sich an der Macht befindenden Bolschewiki eine t�dliche Gefahr. Nicht die milit�rische St�rke Kronstadts - zum Zeitpunkt des Aufstandes durch den zugefrorenen Meerbusen ohnehin stark beeintr�chtigt -, sondern die entmystifizierende Wirkung des Aufstandes bedrohte die bolschewistische Herrschaft, und das sogar st�rker, als es je von Seiten der Interventionsarmeen Denikins, Koltschaks, Judenitschs oder Wrangeis h�tte geschehen k�nnen.

Aus diesem Grunde waren die bolschewistischen F�hrer von ihrem Standpunkt aus - oder besser gesagt: infolge ihrer gesellschaftlichen Position (die ihren Standpunkt nat�rlich bedingte) - einfach gezwungen, ohne Zaudern den Aufstand in Kronstadt niederzuschlagen. (2) W�hrend die Aufst�ndischen, wie Trotzki es ihnen angedroht hatte, "wie Fasane abgeknallt" wurden, wurde von der bolschewistischen F�hrung in ihrer Presse der Cronst�dter Aufstand als Konterrevolution bezeichnet. Dieser Schwindel wird seit jenen Tagen von Trotzkisten und Stalinisten gleich eifrig verbreitet und hartn�ckig aufrecht erhalten.

Der Umstand, da� in bestimmten, sowohl menschewistischen als auch wei�gardistischen Kreisen Kronstadt offene Sympathie entgegengebracht wurde, verfestigte die trotzkistische und stalinistische Version. (3) Eine d�rftigere Begr�ndung der offiziellen Legende ist wohl kaum m�glich. Hat sich nicht Trotzki selbst in seiner "Geschichte der russischen Revolution" mit vollem Recht �ber die politischen Kenntnisse und �ber das gesellschaftliche Verst�ndnis des reaktion�ren Cronstadtsympathisanten Professor Miljukow stark herablassend ge�u�ert? Nur weil Miljukow und die ganze wei�gardistische Presse mit Kronstadt sympathisierten, aus diesem Grunde soll der Aufstand von Kronstadt konterrevolution�r gewesen sein? Wie w�re, dieser Vorstellung entsprechend, die "Neue �konomische Politik", die kurz nach Kronstadt in Ru�land eingef�hrt wurde, zu beurteilen? Der Bourgeois Ustrialow gab ihr ganz offen seinen Segen! Aber das veranla�te die Bolschewiki keineswegs dazu, die NEP als "konterrevolution�r" zu verschreien. Diese Tatsache ist ebenfalls symptomatisch f�r die ganze demagogische Art bei der Legendenbildung. Von letzterer m�chten wir uns nunmehr abwenden. Sie ist nat�rlich von Interesse, schon wegen ihrer sozialen Funktion, die jedoch nur aus dem tats�chlichen Verlauf der Ereignisse, aus dem gesellschaftlichen Entwicklungsproze�, aus dem sozialen Charakter der russischen Umw�lzung heraus verstanden werden kann.

III.

Der Cronst�dter Aufstand 1921 bildet den dramatischen H�hepunkt einer Revolution, die ihrem sozialen Inhalt nach kurzerhand als b�rgerlich definiert werden mu�. Er ist von dieser b�rgerlichen Revolution der proletarische Ausl�ufer, genau so wie unter fast �hnlichen Umst�nden die Mai-Ereignisse in Katalonien 1937 den proletarischen Ausl�ufer der spanischen Revolution bilden oder wie im Jahre 1796 die Verschw�rung von Babeuf eine proletarische Tendenz in der gro�en b�rgerlichen franz�sischen Revolution darstellt. (4) Da� sie alle drei mit einer Niederlage endeten, hat die gleichen Ursachen; es fehlten jedesmal die Bedingungen und Voraussetzungen f�r einen proletarischen Sieg. Das zaristische Ru�land nahm am ersten Weltkrieg als ein zur�ckgebliebenes Land teil. Es hatte zwar aus milit�risch-politischen Bed�rfnissen eine Industrialisierung vorangetrieben und damit die allerersten Schritte auf kapitalistischem Wege zur�ckgelegt, aber das in diesem Zusammenhang entstandene Proletariat war zahlenm��ig klein im Verh�ltnis zu der ungeheuren Masse der russischen Bauern. Gewi�, das politische Klima des zaristischen Absolutismus h�tte den k�mpferischen Geist der russischen Arbeiter au�erordentlich gesteigert. Das erm�glichte ihnen, der heranreifenden Revolution ein bestimmtes Gepr�ge zu geben, konnte aber ihren Verlauf nicht ausschlaggebend bestimmen. Trotz der Existenz der Putilowwerke-, der Erd�lanlagen im Kaukasus, des Kohlenbergbaues im Donetzrevier und der Moskauer Textilfabriken bildete die Landwirtschaft die wesentliche wirtschaftliche Grundlage der russischen Gesellschaft. Zwar hatte es 1861 so eine Art Bauernbefreiung gegeben, aber trotzdem waren die �berreste der Leibeigenschaft bei weitem nicht verschwunden. Die Produktionsverh�ltnisse waren feudalistisch und entsprechend war der politische Oberbau; Adel und Klerus waren die herrschenden Klassen, die mit Hilfe der Armee, der Polizei und des Beamtentums ihre Macht in dem Riesenreich des Gro�grundbesitzes aus�bten.

Demzufolge hatte die russische Revolution des 20. Jahrhunderts die wirtschaftliche Aufgabe, den Feudalismus mit seinen s�mtlichen Begleiterscheinungen - wie die der Leibeigenschaft - aufzuheben. Sie sollte die Landwirtschaft industrialisieren und unter die Bedingungen der modernen Warenproduktion stellen, sie hatte alle feudalen Ketten der bestehenden Industrie zu l�sen.

Politisch hatte diese Revolution die Aufgabe, den staatlichen Absolutismus zu zerschlagen, die Bevormundung durch den Feudaladel aufzuheben und eine Regierungsform und eine Staatsmaschine zu entwickeln, die die L�sung der wirtschaftlichen Aufgaben der Revolution politisch garantierten. Es ist klar, da� diese wirtschaftlichen und politischen Aufgaben mit jenen �bereinstimmten, die im Westen die Revolutionen des 17,, 18. und 19. Jahrhunderts zu erf�llen hatten. (5) Nur wurde die russische Revolution - wie sp�ter die chinesische - durch ihre besondere Eigent�mlichkeit charakterisiert. In Westeuropa, vor allem in Frankreich, war die Bourgeoisie die Tr�gerin des gesellschaftlichen Fortschritts, die Vork�mpferin des Umsturzes gewesen. Im Osten war sie, aus dem schon erw�hnten Grunde, schwach. Dazu waren ihre Interessen mit denen des Zarismus eng verbunden. Das hei�t, die b�rgerliche Revolution in Ru�land mu�te ohne die Bourgeoisie und sogar gegen sie vollzogen werden.

IV.

Lenin hat die Eigent�mlichkeit der russischen Revolution sehr genau erkannt. "Die Marxisten", schrieb er, "sind vom b�rgerlichen Charakter der russischen Revolution unbedingt �berzeugt. Was bedeutet das? Das bedeutet, da� jene demokratischen Umgestaltungen der politischen Ordnung und jene sozial�konomischen Umgestaltungen, die f�r Ru�land notwendig geworden sind, an und f�r sich nicht nur keine Untergrabung es Kapitalismus, keine Untergrabung der Herrschaft der Bourgeoisie bedeuten, sondern da� sie umgekehrt zum ersten mal gr�ndlich den Boden f�r eine breite und rasche ... Entwicklung des Kapitalismus s�ubern ..." (6) Anderswo hei�t es:" "Der Sieg der b�rgerlichen Revolution bei uns ist unm�glich (als) Sieg der Bourgeoisie. Das scheint paradox zu sein, ist aber so. Die vorherrschende Bauernbev�lkerung, ihre f�rchterliche Unterdr�ckung vom halbfeudalen Gro�grundbesitz, die Kraft und das Bewu�tsein des schon in der sozialistischen Partei organisierten Proletariats, alle diese Umst�nde verleihen unserer b�rgerlichen Revolution einen besonderen Charakter. Diese Besonderheit beseitigt nicht den b�rgerlichen Charakter der Revolution." (7)

Seine Bemerkung haben wir hier allerdings hinzuzuf�gen: die Partei, von der hier Lenin spricht, war weder sozialistisch, noch konnte man behaupten, da� das Proletariat in ihr organisiert w�re. Es stimmt nat�rlich, da� sie sich von den sozialdemokratischen Parteien des Westens, die vom Boden des b�rgerlichen Parlamentarismus aus loyale Opposition betrieben und die Umwandlung der kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft mit allen Mitteln zu verhindern suchten, in mancherlei Hinsicht unterschied, aber nicht im sozialistischen Sinne.

Die Partei Lenins strebte in Ru�land nach einer revolution�ren Ver�nderung der Verh�ltnisse, aber es handelte sich dabei um eine Revolution, die sich, wie Lenin ja selbst auch zugibt, in anderer Form im Westen l�ngst vollzogen hatte.

Diese Tatsache blieb f�r die russische Sozialdemokratie im allgemeinen und f�r die bolschewistische Partei im besonderen nicht ohne Einflu�.

Lenin und die Bolschewiki waren der Auffassung, da� kraft der Klassen Verh�ltnisse in Ru�land ihrer Partei die Rolle der Jakobiner zukomme. Nicht ohne Grund definierte Lenin den Sozialdemokraten als "einen mit den Massen verbundenen Jakobiner"; nicht ohne Grund schuf er seine Partei als ein Komitee von Berufsrevolution�ren; nicht ohne Grund erblickte er in seiner Schrift "Was tun?" ihre Aufgabe in dem Kampf gegen die Spontaneit�t.

Als Rosa Luxemburg zu Anfang dieses Jahrhunderts diese Auffassungen kritisierte, hatte sie recht, gleichzeitig jedoch auch unrecht. Recht hatte sie insofern, als die leninistische Verschw�rerorganisation mit den nat�rlichen - d. h. aus dem, beim Kapitalverh�ltnis vorausgesetzten, Klassengegensatz emporwachsenden - Organisationsformen der k�mpfenden Arbeiter nichts zu tun hatte. Was sie aber �bersah - und damals wohl auch �bersehen mu�te - war, da� es einen solchen Kampf der Proletarier im modernen Sinne in Ru�land entweder nur in sehr kleinem Ausma� oder �berhaupt nicht gab.

In Ru�land, wo die Aufhebung des Kapital Verh�ltnisses und der Lohnarbeit nicht auf der Tagesordnung stand, handelte es sich um einen anderen Kampf. F�r diesen Kampf war gerade die bolschewistische Partei am meisten geeignet. Sie erf�llte ganz und gar die Bed�rfnisse der Revolution, die ihr bevorstand. Da� die Organisationsform dieser Partei - der sogenannte demokratische Zentralismus - mit der Diktatur der Zentrale �ber die Masse ihrer Mitglieder enden w�rde (wie Rosa Luxemburg es vorhergesagt hatte), hat sich als durchaus richtig erwiesen und das gerade war in jener "b�rgerlichen Revolution mit ihrem besonderen Charakter" erforderlich.

V.

Die bolschewistische Partei holte sich ihre geistigen Waffen beim Marxismus, der einzigen radikalen Theorie, bei der sie zur Zeit ankn�pfen konnte. Dieser aber war der theoretische Ausdruck eines hochentwickelten Klassenkampfes, wie ihn Ru�land nicht kannte und f�r den in Ru�land auch das richtige Verst�ndnis fehlte. So geschah es, da� das, was sich auf russischem Boden als "Marxismus" entwickelte, mit dem Marxismus nur den Namen gemein hatte, in Wirklichkeit aber dem jakobinischen Radikalismus eines Auguste Blanqui zum Beispiel viel n�her stand als den Auffassungen von Marx und Engels.

Mit diesem Blanqui hatte Lenin u. a. - wie auch Plechanow - jenen, den dialektischen Materialismus fernstehenden naturwissenschaftlichen Materialismus gemein, der in Frankreich, am Vorabend der gro�en, klassischen Revolution, die Hauptwaffe im Kampf gegen Adel und Religion gewesen war. In Ru�land herrschten eben �hnliche Verh�ltnisse wie im vorb�rgerlichen Frankreich.

Der Marxismus, so wie Lenin ihn verstand - und verstehen mu�te -, erm�glichte ihm einen tiefen Einblick in die wesentlichen Probleme der russischen Revolution. Derselbe Marxismus versah die russische bolschewistische Partei mit einem Begriffsapparat, der sowohl zu ihren Aufgaben als auch zu ihrer Praxis im krassesten Widerspruch stand. Das bedeutet, wie Preobraschenski 1925 auf einer Moskauer Gouvernementskonferenz �ffentlich eingestand, da� der Marxismus in Ru�land zu einer Ideologie geworden war. Selbstverst�ndlich war die revolution�re Praxis der russischen Arbeiterklasse - soweit es sie gab - mit der Praxis der, die Interessen der b�rgerlichen russischen Revolution als ein ganzes vertretenden, bolschewistischen Partei durchaus nicht im Einklang. Als sich 1917 die russischen Arbeiter erhoben, gingen sie, entsprechend ihrer Klassennatur, weit �ber die Schranken der b�rgerlichen Umw�lzung hinaus; sie versuchten, ihr eigenes Los zu bestimmen und ihren eigenen Willen als Produzenten mit Hilfe ihrer Sowjets, ihrer R�te, durchzusetzen.

Die Partei, die "immer recht" hat und der Arbeiterklasse den Weg zeigen soll, den diese selbst, wie die F�hrer behaupten, ohne die Partei nicht finden kann, hinkte hinterher. Sie war gezwungen, die R�te einstweilen ebenso anzuerkennen wie die Tatsache, da� eine breite Bauernschicht existierte. Weder das eine noch das andere entsprach ihrer Doktrin, die das Ergebnis s�mtlicher revolution�rer Bedingungen war. Weder f�r die eine noch f�r die andere revolution�re Praxis gab es in Ru�land auf die Dauer die materiellen Voraussetzungen oder eine soziale Grundlage.

VI.

Was geschah, war folgendes: der Kapitalismus (kaum entwickelt) wurde nicht gest�rzt; es blieb die Lohnarbeit, von der Marx bekanntlich gesagt hat, sie setze das Kapital voraus, wie umgekehrt seinerseits das Kapital die Lohnarbeit voraussetze. Nicht die russischen Arbeiter bekamen die Verf�gung �ber die Produktionsmittel, sondern sie fiel der Partei (oder dem Staat) zu. Der russische Arbeiter blieb demzufolge Mehrwertproduzent. Da� der Mehrwert nicht einer Klasse von Privatkapitalisten zuflo�, sondern dem Staate bzw. den den Staat bestimmenden Parteiinstanzen, bedeutete zwar, da� die wirtschaftliche Entwicklung Ru�lands - infolge der Abwesenheit einer b�rgerlichen Klasse - andere Wege ging als die im Westen, �nderte aber nichts an der Position des russischen Arbeiters als Ausbeutungsobjekt oder Lohnsklave. Von einer Machtaus�bung durch die Arbeiterklasse kann keine Rede sein. Der zaristische Staat war zwar zerbrochen, aber an seine Stelle war nicht die R�temacht getreten. Die von den Arbeitern Ru�lands spontan gebildeten R�te wurden von der bolschewistischen Regierung so schnell wie m�glich, d.h. bereits im Fr�hsommer 1918, entmachtet und zu v�lliger Bedeutungslosigkeit verurteilt. Die wirtschaftliche Grundlage des Landes bildete, anstelle der fr�heren Leibeigenschaft oder der Knechtschaft halbfeudaler Form, die �konomische Sklaverei, von der Trotzki 1917 schrieb, sie sei "unvereinbar mit der politischen Herrschaft des Proletariats". Diese These war richtig, jedoch bedienten sich die Bolschewiki - nachdem sie zu Unrecht ihre Herrschaft als die der Arbeiterklasse ausgaben - der politischen Herrschaft, um angeblich die Unterdr�ckung der russischen Proletarier aufzuheben. Aber aufgrund des Fehlens einer wirklichen Arbeitermacht entwickelte sich die politische Herrschaft nicht in ein Befreiungs-, sondern in ein Unterdr�ckungsinstrument. Im bolschewistischen Ru�land herrschte zwischen dem Ausbruch bar. Lenin seufzt: "Das Steuer entgleitet den H�nden ... der Wagen f�hrt nicht ganz so, und h�ufig ganz und gar nicht so, wie derjenige, der am Steuer sitzt, sich einbildet." Eine russische Gewerkschaftszeitung berichtet, da� es 1921 477 Streiks gegeben hat mit insgesamt 184.000 Streikenden. Einige andere Zahlen: 1922 - 505 Streiks mit insgesamt 154.000 Streikenden; 1924 - 267 Streiks, davon 151 in Staatsbetrieben; 1925 - 199 Streiks, davon 99 in Staatsbetrieben. (9)

Die Zahlen beweisen einen langsamen R�ckgang der Aktivit�ten. Die ganze Bewegung erreicht 1921, zur Zeit des Aufstandes von Kronstadt, ihren H�hepunkt. Am 24. Februar 1921 streiken die Petrograder Arbeiter. Sie fordern: Freiheit f�r alle Werkt�tigen; Aufhebung aller Sonderdekrete; freie Wahlen f�r die Sowjets. Es sind die gleichen Forderungen wie die, die nur wenige Tage sp�ter auch in Kronstadt erhoben werden. Eine allgemeine Unruhe hat das Land erfa�t. Um die Jahreswende 1920/21 ist das bolschewistische Ru�land der Schauplatz einer tiefen Auseinandersetzung. Unmittelbar geht daraus die von zwei ehemaligen Metallarbeitern gef�hrte "Arbeiter-Opposition" hervor. Sie verlangt die Ausschaltung der bolschewistischen Partei, Aufhebung der Parteidiktatur und ihre Ersetzung durch die Selbstregierung der produzierenden Hassen. Mit einem Wort: sie verlangt R�tedemokratie und Kommunismus!

Die allgemeine russische Lage wurde wenig sp�ter in dem schon erw�hnten Kronstadtdokument ebenso knapp wie treffend charakterisiert: "Durch eine gerissene Propaganda wurden die S�hne des werkt�tigen Volkes in die Reihen der Partei gezogen und dort an die Kette einer strengen Disziplin gelegt. Als sich die Kommunisten dann stark genug f�hlten, schalteten sie zuerst Schritt f�r Schritt die Sozialisten anderer Richtungen aus, und schlie�lich stie�en sie die Arbeiter und Bauern selbst vom Ruder des Staatsschiffes weg, fuhren aber gleichzeitig fort, das Land in deren Namen zu regieren." (10)

Februar 1921 kommt es in Petrograd zum handfesten Protest. Durch die Vororte der Stadt ziehen proletarische Demonstrationsz�ge. Die Rote Armee erh�lt den Befehl, sie auseinanderzujagen. Die Soldaten weigern sich, auf die Arbeiter zu schie�en. Die, Parole hei�t: Generalstreik! Am 27. Februar ist er eine Tatsache. Am 28. Februar treffen zuverl�ssige, regierungstreue Truppen in Petrograd ein. Die Streikf�hrung wird verhaftet; die Arbeiter werden in die Fabriken getrieben. Der Widerstand ist gebrochen. Aber noch am selben Tag erkl�ren sich die Matrosen des Panzerschiffes "Petropawlowsk" auf der Reede von Kronstadt f�r freie Sowjetwahlen und f�r Presse- und Versammlungsfreiheit; f�r die Arbeiter, wohlbemerkt! Die Mannschaft des Panzerschiffes "Sewastopol" schlie�t sich ihnen an. Am n�chsten Tag bekunden 16.000 Menschen auf dem Hafenplatz in Kronstadt ihre Solidarit�t mit den Petrograder Streikenden.

VII.

Die Bedeutung der Kronstadtrebellion kann kaum �bersch�tzte werden. Sie leuchtet wie ein Fanal. In ihrer Zeitung schreiben die Aufst�ndischen: "Wof�r k�mpfen wir? Die Arbeiterklasse hoffte, durch die Oktoberrevolution ihre Befreiung zu erringen. Als Resultat ist eine noch gr��ere Unterdr�ckung der Menschen eingetreten. Das ruhmreiche Wappen des Arbeiterstaates - Hammer und Sichel - hat die bolschewistische Regierung mit dem Bajonett und dem Gitter vertauscht, um das ruhige und angenehme Leben der Kommissare und Beamten zu besch�tzen." Das alles hei�t, da� damals f�r die bolschewistische Herrschaft in Kronstadt die Stunde der Wahrheit gekommen war, so wie die Juni-Insurrektion des franz�sischen Proletariats 1848 die Stunde der Wahrheit f�r die radikale franz�sische Republik war. Hier wie dort machte das Proletariat seine Leichenst�tte zur Geburtsst�tte einer rein kapitalistischen Entwicklung. In Frankreich zwang es damals die b�rgerliche Republik, sogleich in ihrer wahren Gestalt aufzutreten, als der Staat, dessen eingestandener Zweck die Verewigung der Kapitalherrschaft war. In Kronstadt zwangen die Matrosen und Arbeiter die bolschewistische Partei gleichfalls, in ihrem wahren Gewande aufzutreten: als eine unverh�llt arbeiterfeindliche Institution, deren einziger Zweck die Errichtung des Staatskapitalismus war. Mit der Niederwerfung des Aufstandes wurde f�r ihn der Weg frei.

In den Stra�en von Paris wurden damals die proletarischen Hoffnungen von General Cavaignac im Blute erstickt. Der Aufstand von Kronstadt wurde von Leo Trotzki niedergeschlagen. Er wurde im M�rz 1921 zum Cavaignac, zum Gustav Noske der russischen Revolution. Er, der bekannteste und der angesehenste Vertreter der Theorie der permanenten Revolution, verhinderte - so wollte es die Ironie der Geschichte - den ernsthaftesten Versuch seit dem Oktober 1917, die Revolution In Permanenz zu machen.

Dieser Verlauf aber war unvermeidlich. Es fehlte f�r einen Sieg der Cronst�dter jede materielle Voraussetzung. Das einzige, was ihnen h�tte helfen k�nnen, war eben jene Permanenz der Revolution, auf die wir hinwiesen. Das haben die Cronst�dter selbst gewu�t und verstanden. Deshalb richteten sie Fortw�hrend Telegramme an ihre Klassengenossen auf dem russischen Festland, die zur tatkr�ftigen Unterst�tzung aufforderten.

Die Cronst�dter setzten ihre Hoffnung auf "die dritte Revolution" , so wie tausende von Proletariern in Ru�land auf Kronstadt hofften. Was aber als "die dritte Revolution" bezeichnet wurde, war im agrarischen Ru�land jener Tage, mit seiner verh�ltnism��ig geringen Arbeiterschaft und mit seiner primitiven Wirtschaft, nichts als eine Illusion. "In Kronstadt", sagte damals Lenin zu einem Zeitpunkt, als der Aufbau der bolschewistischen Kronstadtlegende noch kaum begonnen hatte, "will man die Wei�gardisten nicht, will man unsere Macht nicht - eine andere Macht gibt es aber nicht." (11)

Lenin hatte insofern recht, als es sie tats�chlich in jenem Moment nicht gab, jedenfalls nicht in Ru�land. Ihre M�glichkeit aber haben, wie es die deutschen Arbeiter taten, die Cronst�dter doch aufgezeigt. Sie, nicht die Bolschewiki, haben mit ihrer Kommune und mit ihrem frei gew�hlten Sowjet das Vorbild einer proletarischen Revolution und einer Arbeitermacht gegeben.

Man lasse sich durch ihren Schlachtruf "Sowjets ohne Kommunisten" nicht irritieren. Als "Kommunisten" bezeichneten sich dieselben Usurpatoren, die sich auch heute noch - zu Unrecht - als solche bezeichnen: die bolschewistischen Verfechter des Staatskapitalismus, die damals eben den Streik der Petrograder Arbeiter unterdr�ckt hatten. Der Name "Kommunist" war 1921 den Arbeitern von Kronstadt ebenso verha�t wie 1953 den ostdeutschen Arbeitern und 1956 den Arbeitern in Ungarn. Jedoch haben die Arbeiter von Kronstadt ebenso wie jene ihre Klasseninteressen beherzigt. Demzufolge sind ihre proletarischen Kampfmethoden bis heute von gro�er Wichtigkeit f�r alle ihre Klassengenossen, die - wo immer auch in der Welt - selbst�ndig ihren Kampf f�hren und aus der Erfahrung wissen, da� ihre Befreiung nur ihr eigenes Werk sein kann.

Fussnoten:

(1) In englischer Sprache erschien der Aufsatz Trotzkis unter dem Titel: "Hue and Cry over Kronstadt. A Peoples Front of Denouncers in The New International", April 1938, S. 104. Der deutsche Titel wurde von mir aus der holl�ndischen trotzkistischen Presse jener Zeit r�ck�bersetzt, in der, nur wenige Wochen nach der englischen Erstver�ffentlichung, der Aufsatz gleichfalls publiziert worden war.
(2) Von diesem Zwang spricht auch Trotzki in seiner Stalinbiographie, Es hei�t dort (englische Ausgabe: Stalin, An appraisal of the man and his influence, edited and anno-tated from the Russian by Charles Malamuth, London,1947, S. 337): "Das, was die Sowjetregierung widerwillig in Kronstadt tat, war eine tragische Notwendigkeit. "Nichtsdestoweniger ist schon im n�chsten Satz, der Legende gem��, wieder von "einer Handvoll reaktion�rer Bauern und aufst�ndischer Soldaten" die Rede.
(3) In bestimmten menschewistischen und wei�gardistischen Kreisen, d. h. nicht in allen! Es soll sich wohl haupts�chlich um jene gehandelt haben, die sich zur Zeit au�erhalb Ru�lands befanden. In einem zeitgen�ssischen Dokument wird erw�hnt, wie die sich noch in Ru�land befindlichen, zerschlagenen �berreste der Wei�gardisten mit solch sicherem Instinkt die von Kronstadt ausgehende proletarische Drohung sp�rten, da� sie sich zur Niederwerfung des Aufstandes den bolschewistischen Machthabern bedingungslos zur Verf�gung stellten. ("Die Wahrheit �ber Kronstadt", 1921. Vollst�ndige Wiedergabe dieses Werkes in deutscher �bersetzung in: "Dokumente der Weltrevolution", Bd. 2: "Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur", �lten, 1967, S. 297 ff.)
(4) Die Beispiele w�ren nach Belieben zu vermehren. Man vergleiche auch die Bewegung der Levellers (d.h. Gleichmacher) in der englischen Revolution des 17. Jahrhunderts.
(5) Vgl. den sozialen Charakter der russischen Revolution 1917 in "Thesen �ber den Bolschewismus", Erstver�ffentlichung in "R�tekorrespondenz" Nr. 3, August 1934; Neuauflage im Kollektiv-Verlag, Berlin, o.J.
(6) W.I. Lenin, "Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution". Ausgew�hlte Werke, Bd. l, S. 558, Dietz-Verlag, Berlin, 1964.
(7) Wir zitieren Lenin indirekt aus einem Aufsatz von N. Insarow, der September 1926 in der Zeitschrift "Proletarier" ver�ffentlicht wurde. Insarow bediente sich der russischen Ausgabe von Lenins Gesammelten Werken, die im russischen Staatsverlag erschienen. Die Stelle befindet sich dort, wie er angibt, Bd. 11, l. Teil, S. 28.
(8) Die Angaben wurden von F. Pollock ("Die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion 1917-1927", Leipzig 1929, S. 25) dem Werke von Y. G. Kotelnikow und V. L. Melier, "Die Bauernbewegung 1917" (in dem auch Zahlen �ber Streiks und Arbeiteraktionen enthalten sind), entnommen .
(9) Die Statistik der Streiks und Streikenden entstammt der russischen Gewerkschaftszeitung "Voprocy Truda", 1924, Nr. 7/8. Die Redaktion bemerkt dazu, da� die Angaben noch nicht einmal vollst�ndig seien. Wir zitieren abermals nach Pollock, a.0. In dem (historischen) ersten Teil ihres Buches "Labour Disputes in Soviet Russia 1957-1965", Oxford 1969, S. 15, gibt auch Mary McAuley Angaben �ber die Zahl der russischen Streiks in den ersten Jahren nach der Revolution. Sie basieren auf Mitteilungen von Revzin in der "Vestnik Truda" 1924, Nr.5-6, S. 154-60. Die Zahlen stimmen mit jenen Pollocks �berein.
(10) "Die Wahrheit �ber Kronstadt 192l", "Dokumente der Weltrevolution", a.a.O., Bd. 2, S. 500.
(11) "Dokumente der Weltrevolution" Bd. 2, S. 288.

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